Inhaltsübersicht 8.1.-3.

Briefe

Nr.

Jahr

Einführung zu 8.1. Briefwechsel des Orientalisten und des Kulturpolitikers

Prof. Hartwig Derenbourg 1-18 1900-1907
Prof. Paul Casanova 19-22 1911-1912
Prof. A. A. Bevan 23-28 1909-1912
Prof. S. M. Zmemer 29 1912
Prof. Cornicelius 30-33 1914/15
Frankfurter Intelligenzblatt 34 1910
Fritz Sell 35-55 1915-1933
Anonymus Türkei 56-57 1915
Direktor Schubert, Lyzeum 58 1916
Anonymus Türkei 59 1916
Deutsch-Türkische Vereinigung 60-95 1914-1927
Geheimrat Boehme 96-99 1918/19
Konrad Adenauer 100-113 1919-1930
Staatssekretär Hänisch 114 1921
Max Liebermann 115 o.J.
Sonstige Briefe 116-122 1924-1930
Chinareise 123-125 1931/32
GEHE Stiftung 126-132 1915/16
Hauptmann Dühring 133 1918
James Henry Breasted, Universität Chicago 134-140 1932/33
Leone Caetani 140-155 1906-14
Gesellschaft für Islamkunde 156-163 1915-17
Reichsminister Curtius 164-165 1927
Ernst Robert Curtius 166-216 1916-33
Graf Coudenhove-Kalergi 217-226 1925-33
Deutsche Hochschule für Politik 227-230 1923-32
Max Clauß 241 1925
Chinese Educational Mission 242-248 1932/33
Ernst Cassirer 249-252 1919-1925
Gesellschaft für Ostasiatische Kunst 253-254 1929
Deutsche Liga für Menschenrechte 255 1930
Vossische Zeitung 256-264 1932
Deutsche Welle 265-274 1927-33
Pädagogische Akademie 275-278 1929-31
Deutsches Komitee für Palästina 279-281 1927
Richard Anschütz 282-285 1915-19
Dr. Andreesen 286-290 1920-23
van Aubel 291-292 1920
Raymund Aron 293-295 1932
Dr. Asmis 296-301 1920-29
C. van Arendonk 302-303 1913
Auswärtiges Amt 304-314 1922-33
Gertrud Bäumer 315-317 1929-33
Prinz Max von Baden 318-319 1923 + 1929
Franz Babinger 320-374 1909-33
Schloßschule Salem 375< 1924
Sir Horace Rumbold 376 1929
Emmanuel de Marnay Baruch 377-381 1922-30
Deutsche Allgemeine Zeitung 382-384 1930
J. Barth 385-411 1899-1914
Helene Bergner 412-413 1933
Ralph Coward 414-418 1930-33
Schulrat Bonitz 419-420 1928
Pierre Bertaux 421-437 1928-33
Erich Wende 438-565 1918-26
Dr. Bredow 566-569 1924/25
Nunziatura Apostolica Germania 570 1926
Friedrich Gundolf 571 1931

Einführung zu 8.2. Briefwechsel des Orientalisten und des Kulturpolitikers

Dr. Denk 1-28 1922-31
Preuß. Ministerpräsident Otto Braun 29-58 1922-30
Deutsche Verlagsanstalt 59-64 1914-28
Alfred Brémont 65-66 1910
Wilhelm Flitner 67-74 1926-33
Deutsche Demokratische Partei 75-94 1921-33
Deutsche Kolonialgesellschaft 95-103 1909-33
Otto Dibelius 104-107 1929/30
Dr. von Bergen 108-110 1923-29
C. Bezold 111-224 1897-1921
Hellmut Ritter 225-350 1913-33

Einführung zu 8.3. Briefwechsel des Orientalisten und des Kulturpolitikers

Alfred Döblin 1 1953
Edouard Herriot 2-10 1927-30
Vossische Zeitung 11-39 1920-33
Carl Duisberg 40-50 1924-32
Ernst Herzfeld 51-215 1908-33

 

Einführung zu 8.1.

Die Korrespondenz des Orientalisten und Kulturpolitikers Carl Heinrich Becker zwischen 1900 und 1933

Das Denken in diesem Teil der Korrespondenz Beckers schwankt hier zwischen zwei Polen: als Orientalist denkt er immer auch politisch, wie in seiner Privatkorrespondenz des gleichen Zeitraumes deutlich wird, vor allem in der Hamburger Zeit, als er sich vergebens bemühte, aus dem Kolonialinstitut eine Universität zu machen und damit an den „Pfeffersäcken“, wie er sagte, scheitert. Und als Politiker stützt er sich immer auch zugleich auf die Wissenschaft, die ihm ein Leben lang Halt und letzte Sicherheit vor den politischen Imponderabilien verschaffte. Sein Wissen vom Orient, seine Kenntnis der Religionen durch sein Studium der Religionswissenschaften bewahrten ihn vor eurozentrischem Denken

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Becker von der allgemeinen Euphorie mitgerissen, doch gelingt es ihm bald, sich davon zu lösen. Als Fachmann, nunmehr Professor der Orientalistik in Bonn seit 1913, wird er jetzt gefordert und wirft seine ganze Persönlichkeit, sein ganzes Wissen über den Orient in die Aufklärungsarbeit in Deutschland. Zahllose Vorträge über die moderne Türkei hält er nicht nur in Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main oder Dresden, sondern auch in Hamburg oder Köln und wird durch Artikel in der Frankfurter Zeitung, der Vossischen Zeitung und anderen großen Zeitungen überregional bekannt und, da er wohl ein begnadeter Redner war, auch geschätzt. In Berlin bekommt er Kontakt mit der Politik, besonders mit dem Auswärtigen Amt, aber auch mit dem Preußischen Kultusministerium, das ihn dann schließlich als Hochschulreferenten 1916 dorthin beruft.

Die Türkei 1914 umfaßte nicht nur das uns heute bekannte Gebiet, sondern im Rahmen des Osmanischen Reiches praktisch den ganzen Mittelmeerraum, wo sich einige westeuropäische Staaten ihre „Protektorate“ herausgeschnitten hatten, den ganzen arabischen Raum bis zur russisch-persischen Grenze, das Zweistromland, die Küste des Roten Meeres bis Aden (britisch), Ägypten mit dem britisch-ägyptischen Kondominium über den Sudan. Die ganzen arabischen Staaten entstanden praktisch erst im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und auf Kosten der Türkei!

1918 von der Revolution überrollt in Berlin, geht er doch seinen Geschäften im Ministerium nach, trotz Spartakusaufstand und Kapp-Putsch. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß er sich keiner anderen Partei als der „Partei der Bildung“ anschließt und auch nicht von heute auf morgen vom Monarchisten zum Republikaner wird. Dennoch steht er in der Folge zur Republik, wird zu einem Republikaner der Vernunft und zu einem Anhänger der Demokratischen Partei. Die Weimarer Republik bzw. in ihr der preußische Staat wird zu seinem Bildungslabor, in dem er seine Ideen umzusetzen versucht. Preußen war seiner Zeit ein Hort der Stabilität unter der Regierung Braun, der Becker entweder als Staatssekretär (unter Haenisch und Boelitz) oder als Minister diente. Er verstand es mit seiner ihm eigenen Überzeugungskraft sich auf die junge Generation zu stützen, wenn es um neue Ideen ging (Jugendbewegung, Musik- und Kunstunterricht, Sportunterricht, Koedukation, akademische Ausbildung der Volksschullehrer, Landerziehungsheime) ohne dabei auf die Verwaltungsroutine der „alten Hasen“ zu verzichten. Preußen setzte allein durch seine Größe Maßstäbe bei der Entwicklung von Volksschule, höherer und Berufsschule und der Universität; denn was heute die KMK in der Bundesrepublik leistet, organisierte Becker in zwei Dritteln des Reiches, das ja damals noch von Ostpreußen und Schlesien über Brandenburg bis ins Rheinland und von Flensburg bis zur Mainlinie reichte, praktisch allein. Zwar hatten die Provinzen Preußens eine gewisse Selbständigkeit, aber die Kontrolle der Zentrale in Berlin bestand weiterhin. So konnte es passieren, daß Becker von einer Veranstaltung in Aachen oder Kiel direkt nach Breslau reiste; die Schlafwagenrouten der Reichsbahn waren ihm in jedem Fall vertraut. Manchmal reichte es nicht zum Wäschewechseln auf dem Steglitzer Fichtenberg …

Auch in der Zeit als Minister/Staatssekretär widmet er sich orientalistischen Themen bei Vorträgen über die Entwicklung der Türkei und den arabischen Nachfolgestaaten nach dem Kriege, insbesondere im Rahmen der Attaché-Ausbildung des Auswärtigen Amtes, aber auch durch das moderne Medium des Rundfunks, besonders der Deutschen Welle. Immer wenn es ihm möglich war, besuchte er die Orientalistenkongresse und versuchte auch, die gestörten wissenschaftlichen Beziehungen zur Internationale der Orientalisten wieder herzustellen.

Am Herzen lag ihm der Kontakt zu seinen alten Lehrern Bezold und Barth. Doch auch mit jüngeren Kollegen pflegte er eine eifrige Korrespondenz z. B. mit dem Orientalisten Franz Babinger. Der lag völlig auf der Linie Beckers, der eine Abwendung von der rein philologischen Orientalistik erstrebte und in seiner Zeitschrift Der Islam propagierte. So lauten die Vorschläge Babingers für seine Antrittsvorlesung 1919:

  1. Sozialismus und Islam
  2. Die Schi’a im osmanischen Reich.
  3. Die Anfänge des Sefewidenreiches.
  4. Die Staatsidee des Islam.1

Wir erinnern uns: Beckers Antrittsvorlesung 1902 lautete: Die Frau im Islam.

Als Hochschulpolitiker pflegte er auch Kontakte mit fachfremden Professoren, die aber seine Ideen teilten. So z. B. die sehr interessante Korrespondenz mit dem Romanisten Ernst-Robert Curtius oder dem französischen Philosophen Raymond Aron oder dem gleichfalls französischen Germanisten Pierre Bertaux, mit dem ihm eine enge Freundschaft verband. So geht aus dem letzten Brief Bertaux’ (Nr. 438 vom 6.1.1933) hervor, daß Becker eine Reise nach Nordafrika plante, das ja fest in französischer Hand war, wozu Bertaux ihm den Diplomaten Roland de Margerie in Berlin als Helfer empfahl. Bei alledem war er nicht unbedingt frankophil sondern eher anglophil; auch Amerika lernte er, wenn auch erst nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst 1930, kennen und schätzen. Während seiner Studienzeit bereiste er England und knüpfte vielfältige Kontakte, die er in den zwanziger Jahren dann auch seinen Kindern zugute kommen ließ. Gegenüber Frankreich bestand eine gewisse innere Abwehr in der Generation nach den Einigungskriegen. So studierte er zwar in Lausanne, aber nicht in Paris. Das hinderte ihn aber nicht, begeistert von der Pariser Weltausstellung 1900 zu sein, die er auf dem Wege nach Spanien und Ägypten „mitnahm“.2

Die Auswahl der Briefe ist zweifellos subjektiv; allerdings nur, was die Dossiers angeht: innerhalb derselben habe ich keine Selektion geübt. So kann dieser Band auch nur einen Bruchteil bringen. Noch dazu, wo ich die Dossiers der reinen Privatkorrespondenz parallel in einem Extra-Band bearbeite. Denn diese Entscheidung kann ich immer erst nach Kenntnisnahme der Texte fällen. Aus der Fülle der Einzelbriefe ragt jener der Dichterin MdR Dr. Bäumer aus dem Jahre 1929 hervor, aber auch jener Gundolfs aus dem Jahre 1931, den ich als Epilog dieses Bandes einfügte. Dort heißt es (in Nr. 572 vom 7.4.1931).

„… noch dankbarer bin ich Ihnen für die Besinnung des heutigen Humanismus auf sein reges Erbe aus „Dreitausend Jahren“, für die Rechenschaft die ein Führer wie Sie von dem steten Grunde gibt, gleich frei vom romantischen Traditionalismus wie von übergangstrunkenem Fortschrittstaumel… (den beiden Untergangskrankheiten unserer Bildung)… den alten Ehrfurchten woraus die ewigen hellenischen Bilder und römischen Taten sich verdichtet und verbreitet hatten noch nah genug und doch mit dem Vertrauen in die Wissenschaft, mit dem guten Gewissen dazu, das immer rascher schwindet unter dem Druck der vordersten Not und dem Ungenügen der selbstzwecklichen Methoden, dem jugendlichen Verlangen nach billigen Absolutismen handfester Dummheit oder fixer Geheimnisse. Wenigstens spüre ich mit einer Art Grauen das Erlöschen des Forschmutes und – Zeichen dafür – der Gedächtnisstärke in der heraufkommen-den Jugend. Was man nicht mehr glaubt behält man schwer.“

Gertrud Bäumer war führend in der deutschen Frauenbewegung. Sie unterstreicht in ihrem Brief (Nr. 316) den Ausdruck neuer Humanismus, den sie ebenfalls in ihrem Vortrag in Genf verwendet und der auf Becker zurückgeführt wird.

Einige Jahre später reist Becker zum Internationalen Pädagogen-Kongreß in Nizza (Nr. 314), wo er Bericht erstattet über seine Völkerbundsmission in China. Die China-Briefe sind an anderer Stelle veröffentlicht; nur soviel: auch hier verband Becker das Dienstliche mit dem Privaten, denn auf der Rückfahrt nimmt er nicht etwa den Weg der Herfahrt nach China über zwei Ozeane, sondern bereist die islamischen Staaten bzw. Kolonien Asiens3 und Persien. Aus Bagdad berichtet er im 17. Rundbrief vom 19.-24.2.1932 von seinem ersten Flug mit einem Junkers-Flugzeug:

„Meine Reise hierher war eine große Sensation für mich, denn zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mich zu einer Luftfahrt entschlossen. Statt drei Tage ganz allein durch die verschneite Einöde Persiens im Auto zu fahren, wobei es zweifelhaft blieb, ob ich überhaupt durchkommen würde, flog ich mit dem Postflugzeug der Junkers Luftfahrt Gesellschaft von 7 bis 1 Uhr mit einer Zwischenlandung in Teheran nach Bagdad. Es war ein unerhörtes Erlebnis. Nicht nur weil es mein erster Flug war und zwar in einem ganz kleinen Flugzeug D 1197 genannt Bulbul (Persisch: Nachtigall), das im Jahre 1927 den Dauerflugweltrecord verbessert hatte. Die Cabine ist nicht größer als ein kleines Auto, die Wände sind Asbest resp. Aluminium; vier Personen können mitfahren, wir waren aber nur zu zweit, ein Engländer und ich. So hatten wir es sehr gemütlich und konnten sogar die kleinen Fenster öffnen und herausphotographieren. , (…) Das Wetter war blendend; sobald das Flugzeug den Boden verlassen hat, fühlt man sich vollständig sicher, der Lärm ist wie in der Untergrundbahn, man kann sich nur schwer verständigen. Absacken und Wackeln war sehr selten, ich hatte nicht die leiseste Unbehaglichkeit; wir flogen meist in 2800 m Höhe.“4

Ich würde sagen: typisch Carl Heinrich! Unternehmungslustig wie immer, genauso wie einst, als er auf dem Esel von Jerusalem nach Damaskus ritt 1902, um dort das Schiff nach Europa zu nehmen …

Fast eine Chronologie verdanken wir den Briefen Beckers an Erich Wende 1918 bis 1926, die letzterer in gekürzter Form Beckers Witwe nach dem Zweiten Weltkrieg zusandte. Aus diesen Briefen (Nr. 439-566) lernen wir viele Interna aus dem Ministerium, ehe Becker selbst Minister wurde und Wende sein enger Mitarbeiter. Praktisch alle dienstlichen Probleme, Gedanken, Beschlüsse breitet Becker in diesen Briefen aus, auch Urteile über Persönlichkeiten aus der Politik und speziell dem Kultusministerium. Deswegen ist die Diskretion Wendes auch verständlich. Inzwischen sind die Betroffenen alle verstorben und wir können uns nunmehr selbst ein Bild von den Verhältnissen machen. So schreibt er in seinem Brief vom 11.5.1925 (Nr. 537) über seine Reise nach München:

„Politisch bemerkenswert war das Fehlen der Reichsfarben im Stadtbild. Bayern ist eben bayerisch und gehört zum Reich nur insoweit es zahlt. In bezug auf das Deutsche Museum wurde die Reichsregierung sehr gefeiert, das große Preußen, das doch aus seiner Steuerkraft 2/3 der Reichszahlung aufbringt, wurde überhaupt nicht erwähnt, wozu die Redefaulheit von Braun, der von dem vergnügungssüchtigen Weismann dirigiert wurde, nicht wenig beitrug. Bayern, Reichsregierung und Reichstag hieß das Trio. Daß es daneben noch einen Reichsrat gibt, davon spricht man nur, wenn bayerische Belange bedroht sind. Dann ist Preußen gut genug zu helfen, aber daß Preußen zum guten Teil das Deutsche Museum bezahlt hat, davon dürfen die Bayern nichts hören.“

Irgendwie kommt einem das bekannt vor, denn Bayern erhielt bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts immer wieder Subventionen vom Bund – heute aber, wo andere die Hand aufhalten, leistet man dort aus gern Widerstand. Das Problem des Föderalismus ist bis heute nicht recht gelöst, war aber auch in der Weimarer Republik durch das Übergewicht Preußens problematisch; so wandte sich Becker durchaus gegen eine Stärkung der preußischen Provinzen, weil er die Zentrifugalkraft dieser Entwicklung fürchtete. Die radikale Lösung, die durch den Papen-Putsch eingeleitet wurde, ist aber gewiß nicht im Sinne Beckers gewesen. Schon gar nicht aber der Superzentralismus (sprich Gleichschaltung der Länder) des Dritten Reiches mit Göring als Ministerpräsidenten Preußens und Rust als Kultusminister … Gegenüber den Nazis, aber auch Hindenburg und Ludendorff äußert er sich mehrfach kritisch. Ich bin mir ziemlich sicher, daß Becker emigriert wäre, wenn ihm nicht die Politik der Nazis zuvor das Herz gebrochen hätte. Da er aber ein Kämpfer für die Demokratie geworden ist, hätte das nahe gelegen. Sein früher Tod hat ihm diese Entscheidung abgenommen.

Wie bahnbrechend die Ideen Carl Heinrich Beckers sowohl auf wissenschaftlichem als auch auf kulturpolitischem Gebiet waren, erhellt vielleicht aus der Tatsache, daß die Lehrerbildung für die Volksschullehrer von Rust in der NS-Zeit wieder an die Seminare verbannt wurde, aber nach dem Untergang des Dritten Reiches genau bei Becker und Wende anknüpfte – denn Wende wurde unter Minister Grimme nach 1945 Staatssekretär im Niedersächsischen Kultusministerium, seine wie Beckers Schriften über die Pädagogischen Akademien hatten ihre Frische bewahrt. Bis sich die Koedukation an den Schulen durchsetzte, dauerte es noch mal 20 Jahre, und körperliche Strafen für Schüler gab es noch bis in die 70er Jahre hinein.

Was die Orientalistik an geht, so versackte sie wieder in rein philologischen oder unverfänglichen Studien weit entfernter Geschichte. Als Beispiel sei nur die Festgabe der deutschen Iranisten zur 2500 Jahrfeier Irans genannt, herausgegeben von Professor Eilers von der Universität Würzburg, Stuttgart 1971. Ich habe die Dame und die Herren selbst erlebt – da kam kein kritisches Wort von ihrer Seite über die Herrschaft des Schahs. Immerhin verweigerte Bundespräsident Heinemann die Teilnahme bei dem Auftrieb in Persepolis, statt dessen schickte man den Bundestagspräsidenten Carlo Schmid …

Berlin, im Januar 2010


1 Nr.327 vom 8.10.1919 aus Würzburg

2 Vgl. die Privatbriefe Teil IA 1900-1917, ebenfalls von mir herausgegeben.

3 Carl Heinrich Becker in China. Reisebriefe des ehemaligen preußischen Kultusministers 1931/32. Berliner China-Studien. LIT Verlag Münster 2004. Hg. Von Susanne Kuß- 357 Seiten + Anhang

4 Kuß, s.o. S.269/70

Ernst Herzfeld, 1908-33

VI.HA. Nl. C. H. Becker Nr. 40 23

51. Ernst Herzfeld1 an C. H. B. Berlin, 31.8.1908

Lieber, hochverehrter Herr Becker,

meinen aufrichtigen Dank für „Kanzel“ und „Christentum und Islam“. Die „Kanzel“ habe ich sofort gelesen, das andere lese ich noch. Die Zusammengehörigkeit und Deutung von Kanzel und Stab finde ich völlig überzeugend. Im Babylon(isch)-assyr(ischen), Altpers(ischen) und Hettitischen gibt es viele bildliche Parallelen dazu. Die Stelle, wo ein Macedonier hingerichtet wird, weil er sich auf Alexanders leeren Thron gesetzt, habe ich aus A. von Gutschmid, doch konnte ich das ganze Citat und seine Quelle bisher noch nicht verificieren. Ebenso wenig konnte ich noch die Adresse des Manusorjez(?)-Photographen erfahren. Schuld daran ist meine militärische Übung, die mich diese Tage von jeder vernünftigen Beschäftigung abhielt, obgleich ich fast nichts dabei zu thun hatte. Jetzt aber, nach der 1.-September-Parade, habe ich Gelegenheit dazu, und teile Ihnen beides bald mit.

Unsere Rückfahrt nach Berlin war hübsch: wir, d.h. Sobernheim und ich, saßen im Coupé mit Goldziher, Sir Charles Lyall, Bevan, dicht dabei waren Berchems, Steindorffs und Fräulein Erman (die mich sehr beschlagnahmte), und anderen. In Berlin führte ich Lyall und Bevan noch durch unsere Museen und frühstückte hinterher mit ihnen und Rosen bei Adlon. Das war das letzte Ausklingen der vergnügungsreichen Congresswochen.

Dann kamen ein paar sehr verärgerte Tage, der Revers. Ich war bei Sarre draußen, der sich schlecht befand (er ist jetzt 8 Tage in Schierke) und daher launisch war, wie öfters vorkommt; er fand mit einem Male, ich hätte die Congresse nicht machen, sondern lieber unterdes arbeiten sollen. Wie wertvoll mir die Congresse waren, ging ihm nicht ein, was doch auf ein ziemlich geringes Interesse schließen läßt. Dann fand er ferner, ich sollte doch durchaus die Verpflichtung, Ende Oktober bei den Museen als Volontär einzutreten, rückgängig machen. Ich würde mit ganz ungeeigneten Arbeiten ausgenützt werden, ohne irgend welche Entschädigung. Ich hatte nun ursprünglich mit Bode und Bosse, die sehr entgegen kamen, ausgemacht, die modernen und abendländischen Abteilungen sollten nicht für mich in Betracht kommen, und für zu stellende Aufgaben solle eine Remuneration bekommen. Da sagte mir jetzt Bode, Sarre hätte geäußert, es wäre zunächst im Kaiser-Friedrich-Museum kein Platz. Bosse zeigte mir diese Bemerkung Sarres schriftlich. Statt mir die Wege zu ebnen, hat er es also veranlaßt, daß ich doch ins Kunstgewerbemuseum geschickt werden soll, welche Beschäftigung für mich dort sehr wertlos ist, offenbar um mich abzuschrecken, nur damit ich das ganze lasse, und nur seine oder unsere gemeinsamen Arbeiten bearbeite. Wenn er jetzt zurück kommt, wird in dieser Sache noch eine große Auseinandersetzung nötig sein, deren Resultat ich noch nicht weiß, die aber in jedem Fall peinlich ist. Ich schreibe Ihnen dann davon. Aber ich habe in diesen Tagen oft gewünscht, Ihnen das mündlich erzählen gekonnt zu haben.

Mit Berchem hatte ich noch Gelegenheit, über die Aleppo-Arbeit zu reden. Ich sah, daß er auch die kunsthistorische Seite für richtig hält, was mich sehr freute. Ich wollte ich wäre 2 Jahre weiter und hätte diese Arbeiten alle zu Ende geführt.

Morgen Abend bin ich in Sardanapal. Das wird gewiß sehr sch(weggelocht!)haft und bringt auf andere Gedanken. Ich übe hier mit einem gewissen C. Waetzen, Historiker aus Heidelberg, den Sie gewiß oberflächlich kennen werden.

Meine besten Empfehlungen und Grüße und nochmals vielen Dank für die beiden Bücher. Ihr ganz ergebener E. Herzfeld

 

52. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 13.9.1908

Mein lieber Becker,

so halte ich meine Versprechen: schon wieder eine Publication, die ich Ihnen mit herzlichen Grüßen überreiche und die mir sicher von irgend einer Seite wieder übel genommen wird, – dagegen noch keine Nachricht über den Manuskript-Photographen und über den Thron Alexanders d(es) Gr(oßen).

So wenig ich auch bei meiner Übung zu tun habe, so kam ich doch nicht dazu ins Museum oder in die Bibliothek zu gehen, und diese beiden Sachen zu erledigen.

Für Ihren Brief aufrichtigen Dank. Noch ist alles so in der Schwebe, wie damals. Sarre ist noch verreist. Gerade hatte ich mich wieder etwas beruhigt, da wurde durch eine Zuschrift von der General-Verwaltung wieder alles aufgefrischt: es wurde mir nämlich mitgeteilt, ich solle am 10. Oktober am Kunstgewerbe-Museum als Volontär ohne Gehalt und ohne Aussicht auf spätere Anstellung meinen Dienst antreten. Ein paar Tage war ich vollständig praeoccupiert von dieser Angelegenheit. Dann versuchte ich einen langen Brief an Sarre zu schreiben. Hinterher fragte ich Professor Schiff um Rat, ich mußte mit einem Menschen darüber reden. Er war der Ansicht, – der ich auch war -, daß man bei so delicaten Sachen nicht schreiben, sondern nur reden dürfe. So habe ich wieder alles aufgeschoben. Aber dieses In-der-Schwebe-sein ist wirklich schrecklich. Wie sich die Angelegenheit entwickeln wird, ist mir noch ganz dunkel.

Neulich traf ich Sobernheim, der mich bittet Ihnen mit schönen Grüßen mitzuteilen, daß aus seinen Hoffnungen nichts geworden ist. Nach dem was er mir erzählte, ist es so besser, denn die junge Dame scheint stark hysterisch zu sein: entschlußunfähig und von Extrem zu Extrem fallend. Das scheint ihm nahe gegangen zu sein und ich glaube, er bildet sich ein, es könne sich noch redressieren, was ich nicht für glücklich halten würde.

Mit vielen Empfehlungen Ihr ganz ergebener Ernst Herzfeld.

 

53. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 26.9.1908

Lieber Becker,

ich war neulich in der Handschriften-Abteilung der Bibliothek, und erfuhr dort, daß der Photograph Dahms, Berlin NO, Cotheniusstr. 7 wiederholt für die Bibliothek gearbeitet hätte. Doch glaube ich macht er nur gewöhnliche Photographien. Das neue Weiß-Schwarz-Verfahren, das wesentlich billiger sein soll und wozu ein besonderer Apparat mit irgend welcher Prisma-Einrichtung gehört; dagegen betreibt ein Photograph Jens Lützen, Berlin W50, Passauerstr.13, der sehr empfohlen wurde. Der einzige ist das nicht, aber andere Adressen erfahre ich dort nicht. Wegen der Art der Ausführung und der Kosten müssen Sie wohl mal schriftlich anfragen.

Den Band von Gutschmid- Klein, Schriften (III, Geschichte der Perser von der Zeit Alexanders des Großen bis zum Ende der Sassaniden) habe ich noch nicht bekommen. Da drin steht die seltsame Nachricht über den Thron Alexanders.

Nach längerer Pause, und nachdem das Museum mir mitgeteilt, ich solle am 10. Oktober im Kunstgewerbe-Museum als Volontär antreten, ohne Aussicht auf Remuneration und spätere Anstellung, traf ich Sarre mal wieder und er trug mir eine ganz andre Idee vor, die er oder Bode gehabt hat: Bode fühlt sich Sarre etwas verpflichtet, weil er unsre Mesopotamische Reise, die ursprünglich als Unternehmen des Museums beabsichtigt war, bezahlt hat. So kam er auf die Idee, die Publication der Reise könne das Museum übernehmen. Sarre ist das sehr sympathisch. Bode äußerte dabei, dann könne ich ja dazu vom Museum angestellt werden. Die Arbeit wird etwa ein Jahr dauern. Dann meint Sarre, solle und könne ich mir zusichern lassen, daß ich mit der Ausgrabung von Samarra betraut würde und bis zu dieser Ausgrabung am Museum als Volontär (oder sonst wie) thätig sein könne. Die Ausgrabung wünschen Bode und Sarre sehr, und Sarre meint, Bode könne die Mittel dazu schaffen und der Zeitpunkt des Beginnes wäre etwa Anfang September 1910. Da könnte ich also alle meine anderen Arbeiten vorher fertig gemacht haben. Jetzt schrieb mir Sarre wieder, Geheimrat Bosse, der Verwaltungsdirector hätte gesagt, einfach sei diese Sache nicht (d.i. der Geldpunct), in nächster Woche will er mir in Babelsberg näheres mitteilen. Gesichert ist die Sache also noch nicht. Ob ich mich im Laufe dieser 2 Jahre habilitieren kann, darüber will ich nächstens Eduard Meyer consultieren, der wieder zurück ist.

Finden Sie diese Pläne aussichtsreich oder nicht? Sarre möchte durchaus verhindern, daß ich beim Museum in die eigentliche Carriere eintrete: und umsonst am Kunstgewerbe-Museum zu arbeiten, ist allerdings nicht das, was ich wünschte. Wenn er mir etwa günstigeres verschafft, als ich zuerst bei meinem Eintritt in die Museen gedacht, so kann ich ihm auch keine Vorwürfe mehr machen, daß er doch schließlich den ersten Plan durchkreuzt hat. Ich hoffe … wünsche, die Angelegenheit würde nun festgemacht; denn diese dauernde Ungewißheit quält mich sehr und macht mir viele Sorge. Noch eine Bitte, daß ich Sie um Rat gefragt habe, kann natürlich jeder wissen, doch von der Ausgrabung von Samarra darf ich nicht geredet haben.

Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr aufrichtig ergebener Ernst Herzfeld.

 

54. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 6.11.1908

Lieber Becker,

herzlichen Dank für Ihr „Lateinisches etc“. Ihr Freund und Gönner v. K. wird sich ja sehr gefreut haben. Abgesehen von der Freude an Ihrer famosen Polemik hat mich auch sonst vieles sehr interessiert.

In Eski Meskane fand ich ein kleines Steinfragment, worauf folgende Zeichen standen:

(Zeichnung, ähnelt einer Sanduhr)

Auf einem Teppich in Konia (sehr alt) steht J.B. in der Bordüre (Zeichnung)

Und auf einem spanischen Teppiche steht (Zeichnung: Pfeile senkrecht, dazwischen Kleeblätter).

Die Teppiche sind bei Sarre, Kunst und Kunsthandwerk X. Jahrgang 1907, Heft 10, page 504. Sarre nimmt das als mißverstandene, zum Ornament gewordene Schrift. Er führt einige Beispiele von Fliesenkeramik dazu an, es gibt ja im Kunstgewerbe solche und ähnliche

Bordüren viele. Auf Seite 176 Ihres Aufsatzes, geben Sie, No. 7 die Formel (arab. Text), und verweisen auf K. Führer Tafel IV, und sonstige Parallelen dafür, daß das eine Abbreviation für das ausgeschrieben Symbolum sei . Nun wollte ich Sie fragen: sind solche Abkürzungen häufig, ich meine, spielen sie eine so große Rolle, daß man annehmen könnte, es haben sich aus ihnen heraus diese ornamentalen Schriftbänder entwickelt? Das eine (Zeichen) könnte man ja direct noch als Zeichen: (Lambda?). das folgende wäre (2 Zeichen) …

Ein bedeutendes Resultat ist das ja nicht, aber ich glaube man könnte stark an ornamental degenerierter Schrift, praeciser von Schriftornamenten sprechen, die aus Abkürzungen (Zeichen) entstanden sind, und die in manchen Fällen auch als solche verstanden sein mögen.

Etwas Verwandtes habe ich noch: in Mosul sind in einem Zigaret des Skéisch Fethi zwei alte Steine Mihrabförmig, mit kufischer keramischer Inschrift als Bordüre mit den Namen der fünf ersten Khalifen im Innenfeld … (weitere Details).

Wenn Sie einmal nach Berlin kommen, dürfen Sie ja nicht versäumen es mich wissen zu las-sen. Ich möchte Ihnen einen Mihrab zeigen, der nicht wohl später als aus dem 7. Jahrhundert sein kann, aus Bagdad, byzantinischer Stil. Auch über einige epigraphische Datierungsfragen möchte ich Sie hören, Übrigens meine Angelegenheiten haben sich jetzt so entwickelt, wie ich gehofft habe: ich bin am Kaiser-Friedrich-Museum als Volontär, mit 100 Mark Remuneration angestellt, um die Reiseresultate zu bearbeiten. Im Museum selbst habe ich zunächst nichts zu thun. Mein Freund Guyer, mit dem ich in Cilicien war, arbeitet jetzt auch hier am selben Museum. Meine Arbeiten schreiten jetzt, wo ich mich ihnen ganz widmen kann, schön vorwärts.

Viele herzliche Grüße, in der Hoffnung, Sie nicht allzu spät einmal in Berlin zu sehen, Ihr ganz ergebener Ernst Herzfeld.

 

55. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin W 50, 5.3.1909, Nürnbergerplatz 5

Lieber Becker,

herzlichen Dank für Ihre Karte; ich hatte die Reisebeschreibung Ihnen mit ein paar Zeilen schicken wollen, kam aber nicht dazu, da ich viel zu tun hatte mit 2 Vorträgen. Schön daß ich Sie im April hier sehen werde. Dann kann ich Ihnen manches zeigen und Sie um vieles fragen. Ich bin in eifriger Correspondenz mit Berchem über verschiedene Denkmäler. Zu einer Recension des „Pharos“ (?) von meiner Seite ist es leider nicht gekommen. Sarre wird es im Repertor(ium) f(ür) Kunstwissensch(aften) thun. Ich habe das Buch nur gesehen, aber die Urteile die ich von Sarre, Hiller v(on) Gärtringen … und anderen gehört habe, sind recht unvorteilhaft, und darum ist es mir ganz lieb, es nicht besprechen zu können.

Das „La Perse d’aujourd’hui ist famos, und ich weiß nun auch den Verfasser. Es ist Léon Eugène Aubin Coullard Descos. Er war französischer Gesandter in Persien von Juli 1906 bis April 1907, war vorher 1er secrétaire in Bucarest, und ging von Persien als Gesandter nach Belgrad, wo man seinen Namen Descos in letzter Zeit häufiger las. Das schrieb mir HoutumSchindler aus Teheran.

Ich sagte mal zu Sarre, ich taxierte, der französische Gesandte wäre der Verfasser, worauf der meinte, das wäre Unsinn, ein Gesandter könne kein so gutes Buch schreiben, „stellen Sie sich vor, Graf Rex schriebe ein Buch über Persien!“ Ich wollte wir hätten solche Leute dort.

Mit der Aleppo-Expedition fange ich die nächste Zeit an mich zu beschäftigen. Die letzten Wochen habe ich fast ausschließlich an den Kilikischen Sachen gearbeitet und habe die „Iranischen Felsreliefs“ von Sarre noch einmal durchgesehen. Die sind jetzt endlich in den Druck gekommen und werden hoffentlich im Herbst erscheinen. Für meine Pläne ist es sehr störend, daß Eduard Meyer2 im Winter als Austausch-Professor nach Cambridge (New Jersey), und daran eine Orientreise knüpft, also ein ganzes Jahr fortbleibt. Nächstens will ich Sarre und Bode mal wegen Samarra befragen; wenn das noch in weiter Ferne liegt, so ginge ich den Winter gern zu irgend einer kleineren Expedition in den Orient. Es zieht mich wieder mächtig dahin.

Mit vielen Grüßen Ihr ergebenster E. Herzfeld

 

56. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin,17.4.1909

Lieber Becker,

ich habe zwar gehört, daß Sie momentan verreist sind, aber ich denke dieser Brief wird Sie schon erreichen. Und ich muß Ihnen jetzt schreiben, um Ihre Ansicht über einen sehr wichtigen Entschluß von mir zu hören. Vor einigen Wochen erzählte mir Eduard Meyer, daß er im Wintersemester 1909/10 nach Amerika als Austauschprofessor gehen werde und sich dafür vom Minister eine große Orientreise habe versprechen lassen, so daß er um die Welt reisen und erst zum Winter 1910/11 nach hier zurückkommen wolle. Nun überlegte ich mir, daß es ja möglich ist, daß ich meinerseits den Winter nicht in Deutschland wäre, und daß ich also, falls ich mich habilitieren wolle, mit Eduard Meyer darüber reden müsse. Das that ich dann und praktisch und hilfreich wie er ist, setzte er mir seine Anschauungen und die Aus-sichten sehr ausführlich auseinander. Für Archäologie des Orients (Babylonien – Islam) sei niemals eine Professur (Ordinariat) zu erhoffen. Er war aber sehr für die Habilitation an sich, und riet mir, ich solle mich, der Zukunft wegen, in die klassische Archäologie hineinarbeiten, eine Untersuchung über die hellenistische Stadt Olba in Kilikien als Habilitationsschrift wählen, und dann, mit Kékulé als Referenten im Laufe der Ferien oder im Anfang des Wintersemesters mich habilitieren. Dazu müßte ich zunächst mit Kekulé reden, ihm dessen Ansicht mitteilen, und dann wolle er mit Kekulé sprechen. Es sei nur nötig, daß dieser nicht rundweg ablehnte. Ich machte gleich meine Bedenken geltend. Kekulé fasse Archäologie ausschließlich als Geschichte der klassischen Kunst, speziell der Sculptur, ein Gebiet über das ich einige Collegs gehört habe, weiter nichts. K. war mir immer wohlwollend, und ich verehre ihn sehr als einen feinsinnigen und klugen Mann, der oft überraschend treffende Wahrheiten sagt.

Also ging ich eines Tages zu Kekulé und setzte ihm meine Hoffnungen auseinander. Er war der Ansicht, daß ich unbedingt an dem Gebiete festhalten müsse, auf dem meine Arbeiten und meine Verdienste (!) lägen. Nichts sei verkehrter, als sich eine falsche Etiquette aufzukleben. Damit geriete ich für immer in eine schiefe Position, die Archäologen würden sagen, der gehört doch gar nicht zu uns, die Orientalisten desgleichen, die Historiker ebenso. In der Bewerbung um die Habilitation müsse ich ganz klar mein Gebiet zum Ausdruck bringen: den Orient, historisch-topographisch, archäologisch, kunstgeschichtlich.3 Das sei aber Eduard Meyers Sache. Mich als klassischen Archäologen zu habilitieren sei unmöglich. Im übrigen sei es eine Formsache, für die sich eine Formel finden lassen müsse. Ich sollte das Eduard Meyer sagen und er wolle dann mit ihm darüber reden. Es solle gemacht werden vor Eduard Meyers Abreise und eine besondere Habilitationsschrift halte er für überflüssig.

Nun ging ich heute früh zu Eduard Meyer nach Lichterfelde, mit dem ich über ein Capitel der „Iranischen Felsreliefs“ zu reden hatte, ziemlich bedrückten Herzens, da ich erwartete, daß die Angelegenheit sich zunächst nicht realisieren lassen werde. Nachdem wir über diese Arbeit geredet hatten, sagte Eduard Meyer, er habe vorgestern bei einer Akademie-Sitzung schon mit Kekulé geredet. Auch Erman hätte sich dafür interessiert. Da Kekulé, der sich übrigens sehr wohlwollend geäußert hätte, eine Habilitierung in klassischer Archäologie stricte ablehne, könne man das natürlich jetzt nicht machen. Wenn ich an diesem Gedanken doch festhielte, so müsse ich mich vorher in dies Gebiet hineinarbeiten. Noch schwieriger würde es wohl sein, mich wirklich in Alte Geschichte zu vertiefen, wozu mir ja lange Vor-studien fehlen. Ich sagte ihm, daß mir Kekulés Ansicht, daß ich doch, als klassischer Archäologe habilitiert, hinter jedem, der von Haus aus dies Gebiet studiert habe, zunächst zurückstehen müsse, also dieser Weg nicht nur vom idealistischen sondern auch vom praktischen Standpunkte sehr fragwürdig sei, doch sehr einleuchte. Dann sagte er mir, Kekulé habe einen Gedanken angeregt, der ihm auch schon gekommen, und dem Erman auch zugestimmt habe. Ich solle auch für historische Geographie habilitieren. Da giebt es einige Professuren. In Berlin hat sie Sieglin, der nicht liest, aus Krankheitsgründen. Ich müsse das Gebiet im Kiepert’schen Sinne auffassen und allmählich erweitern. Sehr glänzend seien die Aussichten auch nicht gerade, aber es seien doch Aussichten da. Ein persönliches Extraordinariat (mit Remuneration) sei übrigens dann ohne große Schwierigkeiten zu erreichen, aber wenn man sich habilitiere, solle und müsse man die Erreichung eines Ordinariates als Ziel fassen.

Mit der historischen Geographie solle ich orientalische Archäologie verbinden. Diese Ver-bindung halte er für sehr glücklich, und ich solle die Archäologie dann auf das ganze Gebiet: Babylon –Islam ausdehnen. Ich solle mir die Sache überlegen und in den nächsten 14 Tagen Bescheid sagen. Anfang Mai kommt Penk, der Geograph, aus Amerika zurück. Dann wolle er erst mit diesem, darauf mit Sieglin reden. Dann solle ich zu beiden hingehen. Eine Arbeit sei unnötig, und die Habilitation könne eventuell schon im Juni Juli, vor seiner Abreise erledigt werden. Die Beziehung zum Museum könne dabei bestehen bleiben (ich bin doch wissen-schaftlicher Hilfsarbeiter am Kaiser-Friedrich-Museum), Kekulé wie er selbst, – übrigens auch Bode – seien ganz gegen die aussichtslose Museums-Assistenten-Carriere. Er wünschte mir dann gelegentlich noch irgend eine größere Orient-Expedition.

Die beiden Gebiete, historische Geographie, besonders des Orients, und die Archäologie des Orients, sind ja nun gerade die beiden, deren Vereinigung mir gerade „liegt“. Und ich glaube kaum, daß mir je etwas Passenderes vorgeschlagen werden könnte. Wenn auch die Aussichten auf eine Professur immer nur geringe sind, so werden sie doch in keinem anderen Fache für mich bessere sein. Und schließlich bleibt doch die Aussicht auf ein Extraordinariat. Ich habe es mir lange überlegt, und glaube unbedingt recht zu thun, wenn ich Meyers und Kekulés Rat folge. Wollen Sie so gut sein, mir nach Ihrer Kenntnis der Universitäts-Verhältnisse und der Personalia Ihre Ansicht darüber schreiben. Sie haben sich damals für meine Zukunft interessiert und ich hoffe Sie thun es noch!

Von meinen Arbeiten ist zu berichten, daß die „Iranischen Felsreliefs“ endlich gedruckt werden, was wohl bis in den Herbst hinein dauern wird. Die Kilikische Expedition mit Guyer (nicht gut leserlich) schreitet langsam vorwärts. Im März hielten wir beide einen Vortrag in der Archäologischen Gesellschaft. Guyer über Hariamlik (?) und die H(eilige?) Theska, ich über Olba und die Tenkriden. Die Bearbeitung der Sarre’schen Reise nach Mesopotamien ist schon ziemlich weit vorgerückt. Sarre selbst will die eigentlich(en?) islamischen Ruinen bearbeiten, ich die älteren, aber auch Samarra und alles Geographische, das ist wohl die größere Hälfte. Die Expedition Aleppo-Sobernheim wird sehr schön werden. Aber ich fange erst langsam an. Das ganze rundet sich aber zu einem schönen abgeschlossenen Bilde der Architekturgeschichte des syrischen Mittelalters ab. Ein paar kleinere Studien habe ich auch noch: die Kufischen Grabsteine des Berliner Museums, die ich mit Sobernheim gelesen habe, die er übersetzt, und zu denen ich einige epigraphische Bemerkungen mache, und endlich die arabischen Töpfereien mit Meisterinschriften im Museum. Auch Oppenheim will mir einiges Material schicken: die Moschee von Harran, deren erster Bau osmanisch (?), und ein kleines Heiligengrab im Djebel Tektek, etwa aus der Zeit der Tulum-Moschee. Nun aber genug.

Ich bin naturgemäß sehr gespannt auf Ihre Antwort.

Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebenster E. Herzfeld.

 

57. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 29.5.1909

(Postkarte)

Lieber Becker,

können Sie mir vielleicht kurz mitteilen, ob und wo Stryzgowski über Quasain Nurza referiert oder sonst was geschrieben hat. Ich gebrauche es für den Artikel der Encyclopädie des Islam, der noch unter A soll. Ihre Recension der ZA habe ich von Sarre. Nächster Tage schreibe ich Ihnen eine herrliche Geschichte, die zwischen Ihrem Freunde v. K. in Wien und F. S. in Babelsberg gespielt hatte. Sarre ist bis Ende Juni in Museums-Angelegenheiten nach Italien und Paris. Meine Habilitation geht weiter, vermutlich Mitte Juni. Fach Archäologie und wissenschaftliche Geogr(aphie) des Orients. So (weggelocht!) Recht fröhliche Pfingstferientage. Herzliche Grüße (EH)

 

58. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 7.6.1909

Lieber Becker,

herzlichen Dank für Ihre Karte. Stryzgowski werde ich wegen des Articels anfragen, hoffentlich antwortet er und ist mir nicht böse. Seit er damals eine so unangebracht kurze Anzeige meines Samarra geschrieben, hat meine vorher gar nicht so seltene Correspondenz mit ihm aufgehört. Wenn er Wickhofs Nachfolger würde, das wäre doch für ihn die glücklichste Lösung.

Nun die Geschichte von Karabaczek. Also Sarre hat im Repertor(ium) für Kunstwissenschaft XXXII, ich glaube es war im März, einen Artikel veröffentlich: Michelangelo und der türkische Hof, zu dem Briefe Michelangelos an Frey die Veranlassung gebe.. Na, Sie haben ihn gewiß zugeschickt bekommen. Jetzt kommt etwa am 25. Mai, ein datumsloser Brief von K: „Erst heute (ohne Datum) käme ihm Sarres Aufsatz zu Gesicht und er machte nun Sarre darauf aufmerksam, daß er selbst über das gleiche Thema geschrieben habe (Perfekt). Diese Arbeit werde in irgendeiner österreichischen Publication noch im Juli vermutlich erscheinen. K. bedauere lebhaft, daß er S. nicht mehr citieren könne. Er sei ja zu denselben Resultaten gelangt.“ Folgt noch eine Correctur eines belangslosen Ortsnamens. Nun müssen Sie wissen, daß eine so seltsame Coincidenz mit K. bereits das zweite Mal passiert. Nachdem Sarre einen Articel über das Báb al-talism in Bagdad geschrieben hatte, zeigte etwa 2 Monate später K. einen ähnlichen in der Akademie an. Darauf schrieb ihm Sarre, daß er darüber bereits geschrieben habe. Nur K. nahm als Nachwort in der später gedruckten Sache eine Notiz auf, in der er Sarre und seinen Brief erwähnt, … ein paar Fehler rügt, und Sarre vorwirft er habe den weppathaften (?) Charakter nicht verstanden, wie wohl Sarre das sehr wohl angesprochen hatte. Das finde ich doch unerhört, und ich habe Sarre sehr beredet, das nicht ruhig hinzunehmen, sondern irgendwo Karabaczkens Arbeit nach dem Erscheinen zu besprechen, und dabei ganz einfach diesen merkwürdigen Fall, daß K. zweimal Sarres Arbeiten ein paar Monate später auch schreibe, einfach zu erwähnen. Ich sagte ihm auch, wenn er das nicht selber schreiben wolle, so könne er es ja jemanden anders schreiben lassen. Vermutlich that er’s. Dann noch folgendes: Ich glaube bei Historiker-Congress kam K. ins Kaiser-FriedrichMuseum und Sarre führte ihn. Wie K. die Fragmente Q’Qura sieht, gerät er in eine gelinde Tobsucht: unerhört, Mielich (?) hätte gar kein Recht zum Verkauf gehabt, er werde es der Akademie mitteilen und weitere Schritte veranlassen. Sarre war das furchtbar peinlich und er erzählte es Bode nicht. (Sarre ist immer glücklicher, wenn er etwas nicht erzählen kann.) Etwa im November schreibt K. an Sarre, er habe nun dem Präsidenten der Academie officielle Mit-teilung gemacht, von den weiteren beschlossenen Schritten werde das Museum in den näch-sten Tagen amtlich in Kenntnis gesetzt werden. Sarre wartet also sehr beunruhigt eine Woche, einen Monat, paar Monate. Da erzählte er es endlich Bode: kurz, es ist nie etwas erfolgt. Können sich Bodes Freude denken, der triumphierte. Sarre fand die Geschichte etwas „türkisch“. Bitte thun Sie aber, als kennten Sie sie nicht. Ist es nicht herrlich?

Mit meiner Habilitierung geht es glatt vorwärts. Das Fach ist als „Archäologie und historische Geographie des Orients“ formuliert auf Wunsch der Fakultät. Referenten sind Eduard Meyer, Sieglin und Deitzsch. Der Termin des Colloquiums ist vielleicht noch im Juni, jedenfalls noch im Sommersemester. Die Papiere sind zunächst noch bei Eduard Meyer. Auch die anderen Arbeiten schreiten fort. Ich hoffe sehr, daß auch Samarra noch mal im Museum in Angriff genommen wird, dort ist das auch so in der Luft schweben und secret, daß ich nicht gern darüber spreche.

Mit vielen Grüßen bleibe ich Ihr ergebenster Ernst Herzfeld.

Anmerkung à propos Q’Qura: ich habe die Anlage noch mal genau studiert. M.E. muß trotz Mensic der Eingang immer in dem dreischiffigen Saale aus in das Bad geführt haben. Auch glaube ich nicht, daß da irgendwelche Teile einem Umbau, einer zweiten Bauperiode angehören.


Habilitation in Berlin Juli 1909 in Archäologie und Historischer Geographie.


59. C. H. B. an Ernst Herzfeld Hamburg, 11.8.1909

(Maschinenkopie)

Mein lieber Herzfeld,

Es war wirklich sehr liebenswürdig von Ihnen, mir so ausführlich über Ihre letzten Erlebnisse zu berichten. Ich gratuliere Ihnen von ganzem Herzen zu dem schönen Erfolg; nun haben Sie diese Etappe hinter sich gebracht und einen festen Konnex mit der Universität gewonnen. Hoffentlich bleibt Ihnen das Schicksal so günstig wie bisher.

Auch ich habe etwas auf dem Herzen, das ich Sie zunächst bitten muß durchaus vertraulich zu behandeln. Bei unserm letzten Zusammensein bei Sobernheim war von einem gewissen Dr. Hardy die Rede, der interessante Photographien, angeblich persischer Bauwerke, aus Kilwa – Kissiwani in Deutsch-Ostafrika mitgebracht hatte. Er bemühte sich, in Berlin Stimmung zu machen für eine evtl. Ausgrabung, die den Zweck haben würde, die geschichtlichen Anfänge unserer größten deutschen Kolonie endgültig aufzuhellen. Ich kannte einige dieser Bauwerke aus dem Werke von Justus Strandes: „Die Portugiesenzeit von Deutsch- und EnglischOstafrika“, Berlin-Posen 1899. Ganz unabhängig von Dr. Hardy hatte ich mir schon vorher fest vorgenommen, bei meiner in ein oder zwei Jahren projectierten Reise nach Afrika diesen Bauten eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Dabei hatte ich von Anfang an auf Ihre evtl. Mithülfe gerechnet. Nun war neulich Dr. Hardy hier und ich besprach die Sache mit ihm. Seine Photographien sind zur Zeit in meinem Besitz. Die nötigen Mittel würden wohl zusammenzubringen sein; ich habe schon einige Leute dafür interessiert. Natürlich würde die Sache ein hamburgisches Unternehmen sein, das unter der Flagge des Kolonialinstituts oder der Wissenschaftlichen Stiftung segeln müßte. Bei der bekannten Eifersucht der Berliner ist nun aber dringende Schweigsamkeit notwendig. Nun wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich in dem citierten Buche einmal die betreffenden Photographien ansehen wollten. Sie werden der sogenannten Schirazikultur zugeschrieben und erinnern mich an Fatimidisches; trotzdem ist der directe Einfluß Persiens zweifellos; vielleicht spielen südarabische Elemente mit hinein. Da das ganze Problem so recht in Ihren Studienkreis hineinfällt, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir Ihre Meinung über diese Bauten aussprechen wollten. Nach der Aussage von Hardy würde sich eine Ausgrabung sehr lohnen, namentlich auch in Bezug auf Topfwaaren, da einige bisher nicht bekannte Bauten auf einer seitdem gänzlich verlassenen Insel liegen; dort könnte man schon ohne Grabungen seltene Scherben finden. Die historischen Nachrichten über die Anfänge des Islams in diesen Gegenden sind so dürftig und widersprechend, daß nur eine systematische Ausgrabung hier Aufklärung schaffen kann. Da ich durch meine Stellung in erster Linie berufen bin, diesen Dingen nachzugehen, will ich mich der Sache annehmen. Wenn Sie einmal mit Sarre die Sache besprechen wollen, habe ich nichts dagegen, nur müßte auch Sarre diskret bleiben.

Wollen Sie mir bitte auch noch eine private aber hier evtl. meiner Behörde gegenüber verwertbare Auskunft geben über Herrn Dr. A Hoffmann-Kutschke. Ich glaube mich zu erinnern, daß Sie letzthin für diesen Herrn nur ein mitleidiges Lächeln hatten, kann mich aber täuschen. Derselbe hat in ganz artiger, aber für mein Empfinden etwas kurioser Form dem Senatskommissar für das Kolonialinstitut seine Dissertation eingesandt und zugleich Hamburg seine Dienste angeboten. Die Sache ging zum Referat an mich, ich habe aber gar keine Lust, den jungen Mann zu verwerten, da ich die instinktive Empfindung habe, als ob irgend etwas mit ihm nicht ganz in Ordnung ist. Für jede Orientierung bin ich Ihnen sehr dankbar.

Mit herzlichen Grüßen an Sie und unsere gemeinsamen Freunde Ihr wie stets aufrichtig ergebener (CHB).

 

60. C. H. B. an Ernst Herzfeld. Hamburg, 31.1.1910

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre beiden Briefe, die ich erst heute beantworten kann, da ich an meinen Pariser Aufenthalt noch eine kleine Reise durch Süddeutschland angeschlossen habe.

Von meiner Pariser Reise bin ich recht befriedigt. Ich habe die führenden Kolonialpolitiker Frankreichs kennen gelernt, von denen manche meinem Vortrage beigewohnt haben, andere ein mir gegebenes Frühstück mitmachten. So sprach ich mit dem Kolonialminister, mit den Gouverneuren von Algerien, Tunis und Zentralafrika, mit zahlreichen Deputierten, Prinz Roland Bonaparte und anderen Membres de l’Institut. Die Union Coloniale hat mir ihre Plakette verliehen. Am Dienstag verließ ich Paris, besuchte Littmann und Nöldeke in Straßburg, Bezold in Heidelberg, dann noch Frankfurt und Gelnhausen wo ich den Geburtstag meiner Mutter mit feierte. Seit Sonnabend bin ich wieder zurück.

In Straßburg hatte ich eine längere Besprechung mit dem künftigen Verleger meiner Zeitschrift, Trübner, mit dem ich die Abbildungsfrage besprach. Er sagte, daß zu wählende Reproduktionsverfahren reguliere sich nach dem Zustand der Photographie. Sie möchten doch so freundlich sein, ihm Ihre Photographien und Zeichnungen nach Straßburg zu schicken (Adresse: Karl J. Trübner, Verlagsbuchhandlung).

Wenn ich von Bogen sprach, so meinte ich solche zu 16 Seiten. Ich bin hocherfreut, wenn Sie mir statt einem zwei Aufsätze zur Verfügung stellen. Die Zweiteilung scheint mir sehr zweckmäßig. Schreiben Sie bitte gleich an den Verleger, welche Ihrer Abbildungen evtl. auf eine Tafel können und welche in den Text gesetzt werden dürfen. Seien Sie überzeugt, daß ich alles mögliche tun werde, um die Aufnahme aller Ihrer Abbildungen durchzusetzen. Ich muß natürlich darauf Rücksicht nehmen, daß ich nicht den ganzen Posten für Abbildungen auf das erste Heft verwende. Ich sehe aber schon heute, daß wir einen größeren Betrag für Abbildungen ständig in Rechnung setzen müssen.

Herzlichen Dank auch für Ihre Mitteilungen über Samarra. Ich hoffe darüber etwa am 19. Februar in Berlin näheres von Ihnen zu hören.

Eine Transskription ist für meinen Islam nicht festgesetzt, nur müssen alle arabischen Zitate übersetzt sein. Verwenden Sie die üblichen Abkürzungen. Unterstreichen Sie, was Sie gesperrt haben wollen. Die übrigen Schriftarten werde ich nach der Z(eitschrift für) A(ssyriologie) anwenden.

Über das große von Geyer, Littmann, Sobernheim „Sarre“, mir und anderen geplante Unternehmen erzähle ich Ihnen mündlich. Es ist noch diskret und handelt sich um eine Organisa-tion des Nachrichtendienstes, d.h. um eine Orientkorrespondenz, die ein deutsch-österreichischer Orientverein herausgeben soll. Sie müssen natürlich auch mitmachen. Vorerst sind 30 Gelehrte, natürlich auch Ihr Freund Strzygowski im Organisationskomitee und jetzt suchen wir die nötigen Geldgeber. Also diskret!

Mit der Grothe-Hartmannschen Schulgeschichte habe ich nichts zu tun. In Ihrer Polemik vergessen Sie etwas, daß diese Schulen wohl an sich wenig nützen, aber dafür ein wichtiges politisches Einmischungsrecht gewähren.

Mit freundschaftlichem Gruß Ihr sehr ergebener (CHB)

 

61. C. H. B. an Ernst Herzfeld. Hamburg, 24.3.1910

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Herzlichen Dank für Ihren Brief mit seinen vielseitigen interessanten Nachrichten. Die Bemerkung von Lichtenberg4 wundert mich weiter nicht, ich bin auf alles gefaßt. Es ist unbestreitbar, daß Lichtenberg die erste verschwommene Idee von der Sache gehabt hat. Das ist ja auch der einzige Grund, warum wir ihn nicht eliminieren können.

Über die Schwierigkeiten unserer Gründung sind wir uns übrigens vollkommen klar. Die von Ihnen aufgezählten Einwände waren mir nicht neu, das Schwierigste ist und bleibt das Zusammengehen mit Österreich. Die Schwierigkeit aber liegt im Keim der Gründung, da an mich nicht Lichtenberg, sondern die Österreicher herantraten. Man muß nur nicht erwarten, daß wir gleich welterschütternde Resultate bringen. Mir erscheint als wichtigste Aufgabe Stimmungsberichte aus verschiedenen Lägern, d.h. Schilderungen der Imponderabilien. Daß wir an rein wirtschaftlichen Nachrichten mit den großen Banken, an politischen Nachrichten mit den Zeitungscorrespondenzen, an wissenschaftlichen Nachrichten mit den Berichten der Ausgrabenden nicht concurrieren können, ist selbstverständlich. Ich denke aber, es bleibt immer noch genug zu tun. Daß jeder Gelehrte auf seinem Spezialgebiet besser Bescheid weiß und direktere Quellen hat, versteht sich von selbst. Die Bedeutung der Sache liegt in der Möglichkeit eines Austausches dieser Beziehungen im weitesten Umfange ohne persönliche Beziehungen.

Von dem Kairoer Freiherrn von Grünau habe ich früher viel gehört. Es muß mir ähnlich sehen, da mich die verschiedensten Leute auf der Straße hocherfreut als Baron Grünau begrüßten. Auch Europäer haben die flüchtige Ähnlichkeit bestätigt. Allerdings trug ich früher einen großen Bart.

Daß Oppenheims Rolle in Kairo zu Ende ist, bedauere ich aus gesellschaftlichen Gründen, so sehr ich die politische Notwendigkeit einsehe. Er hat summa summarum durch seine Eitelkeit und sein Wichtiggetue der deutschen Politik mehr geschadet als genützt. Um den Islam wirklich zu verstehen, braucht man mehr Kenntnisse und mehr Takt als sie Oppenheim je besessen hat. Ihr Urteil über Moritz ist nicht ganz gerecht. Er ist jedenfalls mit Oppenheim nicht in einem Atem zu nennen, wenn man ihn auch nicht gerade einen Gelehrten nennen kann.Sie scheinen ja wieder stark in der Arbeit zu sitzen. Ich freue mich, daß die Samarra-Angelegenheit vorwärts kommt. Ich habe immer noch die stille Hoffnung, als ob man in Samarra ein Papyrus- oder Pergamentarchiv finden könnte, das wäre ein ungeheurer Dusel. Jedenfalls gratuliere ich Ihnen von Herzen zu dem Unternehmen. Natürlich sehen wir uns ja noch vorher.

Ich bin froh, daß Sie wenigstens etwas über die Tafeln von Trübner gehört haben, auch ich warte seit geraumer Zeit auf Druckbogen. Ich denke auch, daß Ihr Artikel längst in Satz ist. Gestern habe ich endlich auch meinen einleitenden Aufsatz druckfertig abgeschickt, doch brauchte darauf nicht gewartet zu werden, da der erste Satz ja in Fahnen erfolgt. Die Autoren erhalten nur eine Korrektur. Ich garantiere dann für richtige Durchführung ihrer Wünsche. Behalten Sie bitte im Auge, daß Sie mir den zweiten Teil Ihres Aufsatzes noch vor Ihrer Abreise fertig stellen: ich würde ungern gleich im ersten Band mit einer so wichtigen Frage beginnen, ohne sie gleich vollständig vorzulegen. Ihr erster Aufsatz ist zwar ein Ding an sich, aber da im Titel auf Mschatta hingewiesen ist, darf der zweite Artikel nicht ausbleiben. Um noch einmal auf Ihre Mobiliarinschriften zurückzukommen, so wissen Sie, daß ich Ihnen eine Geschichte des islamischen Kunstgewerbes durchaus zutraue. Aber ich habe immer wieder Bedenken, ob sich (sic) diese Zwecke tatsächlich mit dem Sinn des Corpus vertragen. Für die Inschriften allein wäre mir aber Ihre Arbeitskraft zu schade.

Ich verlebe eben eine sehr ruhige Zeit und freue mich einmal wieder, ungestört von Sitzungen und Vorlesungen, arbeiten zu können. Ich bin sehr neugierig, was Sie zu meinem einleitenden Aufsatz sagen werden. Er zeichnet allerdings nur sehr die große Linie und ist etwas aus der Polemik gegen Hell und Banse (Atlasländer) heraus geschrieben.

Jetzt gehe ich wieder an die Cambridge Mediaeval History und an die islamische Enzyklopädie.

Mit herzlichen Grüßen Ihr freundschaftlich ergebener (CHB)

 

62. C. H. B. an Ernst Herzfeld. Hamburg, 10.6.1910

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Verbindlichen Dank für Ihre Sendung, sowie Ihren beiden Briefe. Ich habe Ihrem Manuskript mit einer gewissen Skepsis entgegengesehen, da ich mir der großen Schwierigkeit der Aufgabe, die Sie sich gestellt haben, wohl bewußt war. Als auch Sie sich in Ihrem Briefe noch zweifelnd ausdrückten, war ich doppelt neugierig und setzte mich sofort hin, das Ganze durchzulesen. Nun habe ich nur ein Wort für die Sache: ausgezeichnet! Sie haben sich selber übertroffen. Ich halte den zweiten Teil gedanklich für noch wertvoller als den ersten und habe ihn mit dem allergrößten Genuß gelesen. Ich bin wirklich glücklich, daß diese schöne und sicher folgenschwere Arbeit in meinem Islam erscheinen wird. Ihnen besten Dank und herzlichen Glückwunsch. Nur eine Kleinigkeit möchte ich gleich anmerken, da sie sich auf die Erwähnung meiner Person in der Einleitung Ihres Aufsatzes bezieht. Auf Seite 3 Ihres Manuskriptes sagen Sie: „Becker folgerte zuerst aus Qusair Amrá den gleichzeitigen Umayadischen Ursprung von Mschatta.“ Die Entdeckung von Qusair Amrá war auf mein Urteil über Mschatta ziemlich ohne Einfluß. Vergessen Sie nicht, daß ich meine These bereits 1905 formulierte, als über Qusair Amrá nur Musil’s erster Bericht mit der Chassanidischen These und Karabacek’s Akademievortrag mit der Abassidenphantasie vorlag. Ich stellte die beiden Schlösser von Anfang an zusammen. Erst mehrere Jahre danach wurde Qusair Amrá als Umayadisch erwiesen. Nach Ihrer Ausführung könnte man meinen, als hätte ich erst nach Feststellung des Datums von Qusair Amrá auch Mschatta für Umayadisch erklärt. Als meine Kritik über Mschatta mit der Umayadischen These für beide Schlösser erschien, schrieb mir Musil ganz aufgeregt, er wäre jetzt auch zu dieser Anschauung gekommen (natürlich unabhängig von mir), Karabacek wolle es nur nicht Wort haben. Ich bin kein Prioritätenhascher, aber wenn Sie die Sache nun doch einmal erwähnen – was mich natürlich freut – so bitte ich Sie, diesen historischen Tatbestand zugrunde zu legen, oder doch wenigstens den mißverständlichen Satz etwas klarer zu formulieren. Im übrigen glaube ich allerdings, daß Sie mit dem Schlußsatze Ihrer Arbeit recht haben. Für mich gibt es nun auch nach der kunstgeschichtlichen Seite kein Mschattaproblem mehr, über die rein historische Seite der Frage machte ich mir schon lange keine Gedanken mehr. Die Arbeit von Lammens ist ja sehr verdienstlich; sie bringt stofflich viel Neues, ohne den Gedanken weiter auszubilden.

Mit Ihren Vorschlägen bin ich durchaus einverstanden und ich hoffe, Sie kommen mit Trübner zu glatter Erledigung der Abbildungsfrage.

Ich bedauere aufrichtig, daß Sie Ihren Aufsatz unter so schwierigen Umständen haben schreiben müssen. Von den scripsi intormentis merkt man Ihnen wirklich nichts an. Wie schade ist es, daß ich nicht öfters persönlich mit Ihnen zusammentreffe; denn ich würde glücklich sein, Ihnen in diesen schweren Zeiten mit persönlicher Teilnahme zur Seite stehen zu können. So kann es nur ein freundschaftliches Gedenken aus der Ferne tun, das darum aber nicht minder herzlich ist. Sehen Sie doch zu, daß Sie Anfang August wirklich noch in München sind. Dann bin ich nämlich sicher auch da und zwar gemütlich für länger, es wäre doch wunderbar, wenn wir einige Tage dort zusammen verleben würden. Ich zähle auch sehr auf Berchem und Mittwoch, am meisten aber würde ich mich über ein Zusammenarbeiten mit Ihnen freuen. Ich habe noch nie mit Ihnen zusammen einem Kunstdenkmal gegenüber gestanden.

Mit herzlichen Grüßen Ihr aufrichtig ergebener (CHB)

 

63. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 2.9.1010

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Ihr Brief hat mich sehr erfreut. Aber glauben Sie nicht, daß ich Ihnen mehr über den Stein sagen könnte, als Sie wissen! Es fehlen ja alle Parallelen. Auffällig ist mir, daß der Schriftductus der inneren Inschrift entschieden an modern-marokkanische Inschriften auf Stein und Metalle erinnert, die Luschau mir mal im Völkerkundemuseum zeigte. Dagegen hat er, und ebensowenig das Ornament, irgend etwas Persisches. (…)

Meine Abreise verschiebe ich noch etwas. Das Schiff von Hamburg mit den Gerätschaften hat Verspätung (8.September ab), also habe ich bis 23./24. September Zeit. Vielleicht fahre ich auf ein paar Tage nach Brüssel und Oostende, mit Freunden und Verwandten.

Nun der Hauptzweck meines Briefes. Kurz nach meiner Rückkehr aus München klingelte Oppenheim5 bei mir an. Ich verriet ihm, daß wir von ihm gesprochen hätten, und der Gedanke aufgetaucht wäre, ihm gemeinsam zu schreiben, er müsse den Tell Halaf endlich ausgraben. Der Gedanke begeisterte ihn so, daß er mich zum Frühstück ins Esplanade einlud. Sie wissen, daß ich schon über zwei Jahre ihn immer zu dieser Grabung antreibe. Jetzt hörte ich, daß Wiegand dasselbe thut. Wiegand, der jetzt hier war (und vielleicht noch ist), hat ihm erklärt, wenn er bis zum Frühjahr nicht anfange, so würde sich der Ort für ihn nicht mehr halten lassen, Ausländer concurrierten. Das ist ein reiner Vorwand, kein Mensch macht es streitig. Wiegand möchte auch, daß Nöldeke es ausführte, und hat Oppenheim einen kurzen Kostenvoranschlag gemacht, der sich mit einem von mir vor 2 Jahren skizzierten deckt. Die Angelegenheit ist jetzt ganz ernstlich. Denn einerseits muß sich Oppenheim darüber klar sein, daß er vom Auswärtigen Amt jetzt nichts zu hoffen hat, und er sich keinen besseren Dienst als durch diese Grabung erweisen kann.

Andererseits hat er seit Jahren den Firmán (discret, das weiß niemand). Er erhält allerdings die Fiction aufrecht, er lehne hier jeden Tag eine Gesandtschaft ab, und würde keinen Urlaub bekommen. Davon kann ja keine Rede sein. Jetzt habe ich ihm einen detaillierten Kostenvoranschlag mit allen Adressen und Hinweisen ausgearbeitet. Gesamtkosten: 50 000 Mark; in 1 ½ Jahren verbraucht, so „spielt das bei dem reichen Baron von Oppenheim gar keine Rolle“ (Citat).

Ein Widerstand ist nur bei den Eltern zu überwinden. Der Vater ist 76 und die Mutter 68 ½ Jahr. Die wünschen er bliebe bis an ihr Lebensende hier, versuchte eine diplomatische Stellung zu bekommen etc., und geben eventuell das Geld nicht. Darum möchte er gern einen solchen Brief, wie ich ihm andeutete haben. Dem würden sich seine Eltern und das Amt nicht widersetzen können (d.h. er will damit auf dem Amt colossal renommieren). Nun finde ich, der guten Sache wegen könnte man das sehr wohl thun. Einige Leute würden aus Interesse an der Sache unterzeichnen, einige weil sie Oppenheim nicht kennen, und einige weil sie froh sein werden, ihn 1 ½ Jahre los zu sein. Soviel Jesuitismus finde ich ganz erlaubt.

Aber ich kann den Brief nicht verfassen. Es müßte drin stehen:

  • Er müsse sein der ganzen wissenschaftlichen Welt gegebenes Wort einlösen,
  • Müßte die vor Jahren begonnenen Forschungen durch diese Grabung krönen,
  • Es muß dann von Erforschung von Land und Leuten, Altertum und Gegenwart die Rede sein. Dann muß es heißen:
  • Der deutschen Wissenschaft erhalten bleiben,
  • nationale That,
  • Entdeckung des Vorderen Orients wird mit Ihrem Namen verknüpft sein etc.
Tagesspiegel vom 17.7.2010: Unzählige Fragmente. Ein im Krieg zrstörtes und nun wieder restauriertes Doppelsitzbild. Auf em folgenden Foto ist Hobbyarchäologe Max von Oppenheim neben der „thronenden Göttin“in seinem Tell-Hallaf-Museum, Juli 1930.-Darunter die kleine Sortierhalle im Museumsdepot in Berlin-Friedrichshagen. Fotos: SMB/Olaf M.Teßmer, Max Freiherr von Oppenheim Stiftung Köln, dpa
Tagesspiegel vom 17.7.2010: Unzählige Fragmente. Ein im Krieg zerstörtes und nun wieder restauriertes Doppelsitzbild.
Foto: SMB/Olaf M.Teßmer, Max Freiherr von Oppenheim Stiftung Köln, dpa
Hobbyarchäologe Max von Oppenheim neben der „thronenden Göttin“ in seinem Tell-Hallaf-Museum, Juli 1930. - Darunter die kleine Sortierhalle im Museumsdepot in Berlin-Friedrichshagen. Fotos: SMB/Olaf M.Teßmer, Max Freiherr von Oppenheim Stiftung Köln, dpa
Hobbyarchäologe Max von Oppenheim neben der „thronenden Göttin“ in seinem Tell-Hallaf-Museum, Juli 1930. – Darunter die kleine Sortierhalle im Museumsdepot in Berlin-Friedrichshagen. Fotos: SMB/Olaf M.Teßmer, Max Freiherr von Oppenheim Stiftung Köln, dpa

Die unterstrichenen Redenarten sind wichtig! Noch ein paar kräftige Complimente dazu, er übertrumpft sie selber noch. Alles ist eitel, bei ihm wenigstens absolut alles.

Bitte verfassen Sie doch so einen Brief, ich bin zu ungeschickt dazu. Oder ist Ihnen das zu greulich? Bedenken Sie, wie wir uns darüber amüsieren könnten und den guten Zweck. Übrigens kann er auch sehr ernst abgefaßt werden. Aber nicht zu ernst, das paßt nicht zu dem Adressaten.

Dann müßte man ihn verschiedenen zur Unterschrift senden: Berchem, Jakob, Sarre unterschreiben gewiß. Erst recht Strzygowski, Messerschmidt, vielleicht Delitzsch, Martin Hartmann, sicher Luschau, Jeremias. Sie werden noch andere „zugkräftige“ Namen finden. Aber die D(eutsche) O(rient)G(esellschaft) wird besser nicht damit beschäftigt.

Wenn man erreichte, daß er die Unternehmung ausführt, so lohnte es sich doch. Bitte über-legen Sie es sich, und geben Sie mir keinen Korb.

Manchmal packte mich eine unbändige Freude auf die Grabung von Samarra! Alles ist in Ordnung, der schriftliche Firmán ist bezahlt; aller Urlaub etc. ist erteilt, das Geld ist da.

Herzliche Grüße Ihr ergebenster Ernst Herzfeld.

 

64. Postkarte von Ernst Herzfeld an C. H. B. Beirut, 20.10.1910

Lieber Becker,

Vorgestern hörte ich vom Consul Pagel, daß er zu einem Bericht über die Pläne Grothe-Hartmann betr. Hochschule in Mosul aufgefordert war; hat ausführlich berichtet: ganz phantastisch, sehr unerwünscht und direct gefährlich bezeichnet. Das war mir sehr nach dem Herzen! Wenn das Auswärtige Amt den Bericht bekommt, wird es wohl auch veranlassen, daß die Zeitungen vorsichtiger werden. Herzlichste Grüße Ihres E. Herzfeld

 

65. Postkarte von Ernst Herzfeld an C. H. B. Bagdad, Türkei, 8.12.1910, American Consulat

Lieber Becker,

Heute nur die besten Glückwünsche zu den Festtagen, Weihnacht und Neujahr. Die werden wohl etwas verspätet eintreffen. Es gibt hier einige ungewöhnliche Bücher, über die ich Ihnen demnächst ausführlich schreibe. Ob Sie sich wohl schon mit meinen schlechten Correspondenzen abgequält haben? Ihr getreuer E. Herzfeld.

 

66. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad Hamburg, 9.12.1910

(Maschinenkopie)

Lieber Freund!

Schon seit mehreren Tagen trage ich mich mit dem Gedanken, Ihnen einmal zu schreiben, wird es doch nachgrade Zeit, Ihnen freundliche Wünsche zu Weihnachten und zur Jahreswende zu senden. Ehe aber der gute Vorsatz zur Tat geworden war, kam Ihr gestriges Telegramm6 über die BalkhiHandschrift. Wie ich in der Eile kontrollieren konnte, gibt es von Balkhi nur die eine ziemlich schlechte Berliner Handschrift, die außerdem ganz jung ist. Wenn es Ihnen also gelänge, eine gute alte zu erwerben, so wäre das ein großer Gewinn. Ich habe Ihnen in meiner Antwort 100 türkische L.T., also etwas über 2000 Mark limitiert. Das ist meines Erachtens für eine orientalische Handschrift ohne Miniaturen schon ein recht erkenntlicher Preis. Ich hoffe, Sie kommen billiger zu dem Werk. Ich habe (es) zunächst auf meine eigene Kappe genommen, hoffe aber, wenn ich den genauen Preis weiß, bald einen Stifter zu finden, der es der Stadtbibliothek schenkt. Daß es hier nicht vergraben sein, sondern bald in irgend einer Form reproduziert werden wird, darüber können Sie sicher sein. Ich möchte nur für die Zukunft darum bitten, daß Sie mir einen Minimalpreis als Anhaltspunkt mittelegraphieren; denn namentlich bei Werken, über die ich mich nicht schnell orientieren kann, habe ich dann gar keinen Anhaltspunkt, wieviel ich limitieren soll. Jedenfalls beglückwünsche ich Sie zu diesem schönen Fund und hoffe, es glücken Ihnen noch weitere.

Es wird Sie interessieren, daß eben ein Aufsatz von Strzygowski gegen Sie bei mir gedruckt wird. Er führt den Titel: „Felsendom und Aksá Moschee, eine Abwehr“, von J.S. Ich suche natürliche freundliche Epitita, die Ihnen Strzygowski widmet, nach Kräften zu mildern. Ganz kann ich sie nicht verhindern. Aber ich werde heute noch Strzygowski warnen, denn es schadet ihm nur selber, wenn man seiner Antwort die Gereiztheit anmerkt. Er wirft Ihnen vor allem vor, daß Sie sich zu sehr auf de Vogüe verlassen haben. Es scheinen Ihnen hier auch tatsächlich einige kleine Irrtümer unterlaufen zu sein. Aber diese Details scheinen mir den Hauptgedankengang Ihrer Mschatta-Arbeit nicht im geringsten zu berühren. Strzygowski sieht natürlich alles anders an. Es steht Ihnen bei mir, wie ich wohl nicht zu versichern brauche, jederzeit jeder beliebige Platz zur Verfügung. Strzygowski scheint Sie stückweise abtun zu wollen. Jedenfalls wird sich eine zur Klärung dieser Probleme höchst erfreuliche, wenn auch persönlich nicht immer angenehme Diskussion Ihrer Arbeit anschließen. Ich weiß nicht, ob Ihnen Strzygowski seine Arbeiten schicken wird, ich will aber gern aufpassen, daß ich Sie rechtzeitig aufmerksam mache. Den Islam erhalten Sie doch wohl nachgesandt? Ich hätte Ihnen am liebsten schon die Druckbogen geschickt, darf das aber natürlich als Redakteur nicht tun.

Den Brief an Strzygowski, den ich Ihnen vor Ihrer Abreise vorlas, habe ich mit nur ganz leichten Abänderungen, die aber weniger die Sache als die Form trafen, abgehen lassen. Ich hatte etwas Angst vor der Wirkung. Die Antwort war ein sehr herzlicher Brief von Strzygowski, dem man anmerkte, daß er sich über den freundschaftlichen Unterton meines Briefes gefreut hatte. „Über Herzfeld sind wir eben mal verschiedener Meinung“.

Freundlichen Dank auch für Ihre beiden Postkarten. Was Sie über das Vorderasienkomitee schreiben, dem kann ich nicht so recht zustimmen. Daß manchem unserer diplomatischen Vertreter höllisch Angst wird, wenn sich die Möglichkeit neuer Reibungsflächen zeigt, ist selbstverständlich.

Ich bin gewiß kein Alldeutscher, aber eine Expansion Deutschlands nicht nur auf dem Wege des Handels, sondern auch in der Form geistiger Stationen wie Missionen und Schulen halte ich für eine einfache politische Notwendigkeit deutscher Weltmachtstellung. Wodurch haben denn England, Frankreich und Rußland ihren Vorrang in Asien errungen? Wollen wir denn für alle Ewigkeit die Nachgeborenen markieren und mit unseren 75 Millionen ruhig innerhalb unseres engeren Vaterlandes bleiben, weil vielleicht hie und da mal diplomtische Schwierigkeiten entstehen könnten? Wir müssen uns, lieber Herzfeld, die verfluchte deutsche Bescheidenheit abgewöhnen. Unsere gräßliche Objektivität. Wir brauchen ja nicht so naiv wie die Engländer nationalen Egoismus für identisch mit dem kategorischen Imperativ zu halten, wir können es bewußt als nationalen Egoismus empfinden, dürfen uns aber von seiner Betätigung nicht durch tausenderlei Rücksichten und Bedenken abbringen lassen. Geistiger und wirtschaftlicher Einfluß gehen nun einmal Hand in Hand und in der ewigen Reichstagsrederei von der ausschließlich wirtschaftlichen Seite der deutschen Orientpolitik liegt doch im Grunde ein gut Stück englischer Heuchelei. Es tut mir leid, daß wir über diesen Punkt nicht mehr ausführlicher vor Ihrer Ausreise reden konnten. Das einzige, was ich an dem Komitee auszusetzen habe, ist nicht sein Programm, sondern die Ungeeignetheit der Männer, die an seiner Spitze stehen.7

Seit unserer Trennung habe ich eine ziemlich arbeitsreiche Zeit hinter mir. Ein Kolleg über England in Ägypten hat mir Arbeit gemacht, aber ich habe ein großes Publikum (140-160 Hörer) bis zum Schluß beisammen behalten. Nächsten Dienstag spreche ich zum letzten Male und dann ist der Rest des Semester von Kollegarbeit ziemlich frei. Dafür gibt es andere Dinge genug zu tun. Ziemlich viel auswärtige Vorträge, darunter im Frühjahr einer in London. Abschluß meiner Kapitel für die Cambridge Medieval History. Vorbereitung für die hoffentlich mögliche Reise nach Ägypten März und April. Ständige Sitzungen über die Organisationsfrage und die Berufungen. Dazu kommen noch all die laufenden Arbeiten, die Sie ja kennen. Ich wollte eigentlich für das Januarheft meine Besprechung von Amida schreiben. Ich werde es aber wohl lassen, da ich im gleichen Heft, in dem ich eine Arbeit von Strzygowski bringe, nicht gegen ihn polemisieren möchte.

In der Islamischen Enzyklopädie ist letzthin ein Artikel „Arabische Schrift“ aus der Feder von B. Moritz erschienen. Ich finde ihn ziemlich kläglich, es sind mit ihm aber einige ganz hübsche Tafeln von Papyrie verbunden, die bisher unbekannt waren. Bei der Besprechung der Papyrie ist es immerhin charakteristisch, daß Karabacek nur ganz gelegentlich, ich überhaupt nicht erwähnt werde. Rache für Sadowa.

Ich habe hier eine ganze Reihe halbwegs orientalisch gebildeter Leute, mit denen ich einen orientalischen Abend eingerichtet habe. Aber so viele rege Beziehungen wie mir immer in Berlin begegnen, habe ich hier noch nicht gefunden. Die Note ist vorerst noch zu kolonial, zu modern, ich sehne mich manchmal nach der mittelalterlichen Arbeit, die ich hoffe, noch in diesem Semester wieder aufnehmen zu können.

Sie da draußen sind ja allerdings in Ihrer Art noch isolierter, wenn Sie auch das volle Leben des Orients umflutet und Sie zur Zeit in den Anfängen Ihres großen Unternehmens stecken werden. Ich denke oft an Sie und freue mich über jedes Zeichen Ihres Gedenkens, das ich erhalte. Mit meinen besten Wünsche zum neuen Jahre verbinde ich heute den Ausdruck meiner Hoffnung, daß unsere gegenseitigen Beziehungen stets so freundschaftlich bleiben mögen, wie wir sie wohl heute beide empfinden. Ich bitte Sie und kann das Gleiche von mir versprechen, auch bei evtl. sachlichen Meinungsverschiedenheiten bei mir stets das Gefühl vollkommenen Vertrauens und freundschaftlicher Gesinnung vorauszusetzen. Mir liegt das am Herzen, Ihnen zusagen, weil ich in dem beginnenden Streite zwischen Ihnen und Strzy-gowski manchmal eine schwierige Stellung habe. Ich hoffe, Sie werden nie eine Äußerung von mir mißverstehen und wenn es einmal passieren sollte, so müssen Sie es mir offen sagen.

Mit herzlichem Händedruck wie stets Ihr getreuer (CHB).

 

67. Ernst Herzfeld an C. H. B. Bagdad, 10.12.1910

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihr Telegramm, ich habe den Balkhi für 50 L gekauft8 und hoffe, daß Sie darüber freuen werden. Ich werde mich noch erkundigen, ob es eine sichere Gelegenheit giebt, ihn von hier direct zuzusenden, sonst bitte ich, sich zu gedulden, bis ich ihn mitbringe. Es ist ein schönes Exemplar, die Schrift ist leicht lesbar und alles wohl erhalten; ich glaube 30 Karten, und mir war es besonders interessant, daß die Karte des Iraq mit der bei Müller publicierten Karte des Iraq von Edrusi (Gotha?) (oder ist es Istakhri-Gotha?) genau übereinstimmte.

Der Händler dem der Balkhi gehörte, hat mir noch eine Reihe von Büchern gezeigt, von denen ich mir in der Eile folgende, vielleicht aber ungenügende Notizen gemacht habe. Alles Papier und Tinte.

(Es folgen 14 Titel mit exakter Beschreibung des Zustands. Von mir nicht notiert)

Ich habe dies alles durch Zufall erfahren, indem ich in meinem ersten Logis, der hiesigen Deutschen Schule es vor Kälte und von den Wänden triefender Feuchtigkeit nicht aushalten konnte und in das leere amerikanische Consulat, über das mein Freund Levack, jetzt amerikanischer Vizekonsul, verfügen konnte, umzog. Dort war er Secretär, und dessen Bruder war der Besitzer der Bücher.

Sonst ist es mir gut gegangen, die Reise war etwas einsam. Archäologisch Interessantes habe ich nicht viel gesehen: in Bális-Eski Meskene konnte ich feststellen, daß die zu dem von Saladus Sohm (?) erbauten Minarett gehörige Moschee eine Säulenmoschee mit antiken Spoliensäulen war; in Raggah fand ich ein antikes Capitell, das in früharabischer Zeit im sog. tulumid(ischen) Stile überarbeitet ist (ich besitze das Capitell); leider konnte ich die Inschriften von Makám Ali nicht lesen, als ich in jener Gegend war, ließ ein Zeckenstich sein und mein Pferd laufen, während ich auf der Burg von Rahabak war, und wir mußten drei Tage nach Tieren suchen, ohne Reitmöglichkeit konnte ich nicht nach Makam Ali: sicher ist Sarres (und nach ihm Strzygowskis Datierung) in das 10. Jahrhundert viel zu alt, der Schrift nach ist es rund 500 (H(edschra). Sonst bemerkte ich nur einige auf das hohe Altertum bezügliche Dinge.

Hier war große Aufregung: Wollert hat 6 Wochen ohne Erlaubnis mit Unterstützung des hiesigen Walis in Samarra gegraben. Das war der Grund der Verzögerung unserer Grabungserlaubnis! Der Wali wird mir wohl noch Schwierigkeiten machen, er ist ein großer Feind aller Europäer, aber Halic ist auf unserer Seite. Er hat sich bei der französischen Botschaft über Wollert, aber leider nicht beim Minister über den Wali beschwert und hat in Paris die Herren gebeten, die Violettschen Arbeiten nicht zu publizieren. Violett hat im übrigen hier viel Terrains auf Speculation gekauft und will im nächsten Jahre als Stadtarchitekt in Bagdad mit 75 L.T Monatsgehalt wiederkommen. Unterdes nimmt diesen Posten sein College Godard mit 60 L.T. ein. Das ganze ich recht scandalös; noch habe ich nicht gesehen, was er dort gemacht hat, ich hoffe es wird alles nichts Rechtes sein. Meine Vorbereitung werden wohl in etwa 10 Tagen beendet sein, dann gehe ich nach Samarra, wo Guyer dann auch sein wird.

Heute erfuhr ich Oppenheims Ernennung: wie finden Sie ihn als „Herr Minister“. Das fehlte dem grade. Und haben Sie von Sobernheims Kinde gehört? Ob er sich jetzt gut entwickelt? Sehr schade für das junge Ehepaar. Meine Mutter schrieb mir, der Arzt hätte gesagt, von wieterer Familie dürfe zunächst keine Rede sein.

Was macht die Enzyklopädie? Ich fürchte meine Artikel sind schlecht und Sie haben viel Mühe damit. Alles was ich schreibe kommt mir schlecht vor wenn es fertig ist. Gut, daß ich jetzt mal länger pausiere. Übrigens ist eine Weile Anachoretentum, 40 Tage Wüste, eine gute geistige Diät. Ich hoffe daß ich mal wieder zu mir selber komme in diesem Jahre.

Bitte lassen Sie mal etwas von sich hören; z. B. ob Strzygowski nun Ihnen seinen Artikel über Jerusalem geschickt hat? Und vieles andre. Das wünsche ich mir von Ihnen zum Neujahr. Mit herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

68. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad Hamburg, 19.12.1910

(Maschinenkopie)

Lieber Freund!

Heute nur diese kurze Mitteilung, daß ich vor einigen Tagen nach Empfang Ihres zweiten Telegrammes die Rheinische Creditbank in Heidelberg beauftragt habe, der Banque Imperiale Ottomane in Bagdad zu Ihrer Verfügung L.Türk. 50 zu überweisen. Ich gehe doch wohl recht in der Annahme, daß es sich um türkische und nicht um englische Pfund handelt; sollte ich mich irren, erbitte ich kurze Mitteilung. Ich freue mich herzlich, daß Sie die Handschrift für uns erworben haben. Ich tue schon Schritte, einen Gönner zu finden, zunächst habe ich die Summe einmal persönlich ausgelegt.

Hoffentlich höre ich auch bald einmal etwas von Ihnen.

In freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB).


1911: Ausgrabungen in Samarra9


69. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 16.1.1911

Mein lieber Becker,

(…) Ein paar Tage vor der Abreise von Baghdad bekam ich eine wunderliche nervöse Störung in den Händen und Füßen, daß ich noch den deutschen Arzt fragte. Die dreitägige Wagenfahrt in der Winterkälte verschlimmerte den Zustande, und seit ich hier in Samarra bin (3. Januar) liege ich ganz fest mit Neuralgien. Welcher Segen, daß Guyer da ist. Und außerdem habe ich im Haus und in der Grabung so ausgezeichnet geschulte Leute, daß die ganze große Maschinerie, die ich kaum fertig eingerichtet hatte, schon ganz von selber arbeitet. Wirklich zu graben haben wir erst angefangen am 9. Januar, die Vorbereitungen waren lang, aber das kommt uns jetzt zu gut. Wohnen thun wir in einem Hause der mod(ernen) Stadt, dicht an der Goldenen Moschee des Mahdi, und graben thun wir an der Moschee des Murtawakkil, wo wir zunächst einen großen südlichen Vorbau vor dem dreitorigen Eingang freigelegt haben: Ziegelbau mit Glasfenstern, Goldmosaiken und jedenfalls Holzsäulen. In wenigen Tagen kommen wir ins Innere der Moschee, darauf bin ich sehr gespannt.

(…)

Jetzt kommt auch die Expedition Oppenheim nach Mesopotamien: diese raffinierte mise-en-scène. Vor allem andern hat er den Plan Seiner Majestät vortragen lassen und um dessen persönliche Empfehlungen in der Türkei gebeten, noch vor seiner Ernennung, die dadurch gewiß gefördert ist. Dann die Ankündigungen der Gesellschaften und Zeitungen! Ich möchte ganz gerne auch an einigen Stellen eine ganz bescheidene Notiz anbringe, daß

  • die türkische Regierung Professor Sarre am 18. August 1910 die Erlaubnis zur Ausgrabung in Samarra erteilt hat, und
  • daß die Grabung am 9. Januar 1911 unter meiner Leitung in Vertretung Sarres und unter gütiger Mitwirkung von Dr. Samuel Guyer angefangen hat.
  • Dann noch ein paar Worte, was Samarra ist: Residenz der Abbassiden vom III. Jh. nach Hedschra und was man da erwartet:
  • Aufklärung über die ersten Stadien der islamischen Kunst.
  • Dazu noch die Riesenhaftigkeit der Anlage, über die wir hier jeden Tag mehr staunen: das gibt’s auf der ganzen Erde nicht wieder.

Könnten Sie das für den Islam etwas redigieren? Ich bin zu schlecht imstande um es selbst zu thun. Und etwas nettes über Sarre dabei!

Den Balkhi gebe ich Guyer mit, der ist im Mai wieder zu Haus, dann brauchen Sie nicht so lange zu warten. (…)

In Kurzem hoffe ich meine Bücher zu bekommen, die schwere Kiste ist schon in Baghdad und wir warten auf ein Steigen des Wassers, damit der Dampfer herauf kann. Aber den Vogüe habe ich nicht, und ich würde eventuell nur auf etwas Grundsätzliches, nicht auf Details antworten.

Als wir in Samarra ankamen, war mein Hauptinteresse zu sehen, was Violett angerichtet hätte, und ich ließ mich daher auf mein Pferd setzen und zu dem Bet el-chalifah, etwa eine Stunde weit, hinführen: zuerst sahen wir gar nichts von Grabung, dann kam zu Tage, daß er an den Ziegelmauern entlang ganz dürftige Schürfungen gemacht hatte, ohne jedes System und sich in nichts von Ziegelräubereien der Eingeborenen unterscheidend. Man merkte überall, wie er gehetzt hatte, um schnell etwas von dem Plan zu erraffen: weiter nichts. Der Palast deckt aber ziemlich 1 Quadratkilometer und unter 6 Monaten intensiver Arbeit ist nichts darüber festzustellen, man könnte ein volles Jahr allein daran arbeiten. Unendliche Mengen der interessantesten Ornamentik: einiges flach wie Ibn Tulum, einiges von kolossaler Plastik, einiges wie Taq i bustan. Das gleiche an allen Ruinen. Also er hat gar nichts geschadet.

Unglaubliches erzählt man sich hier von Gelegenheitsfunden in den Ruinen: eine Statue ist, jetzt eben vom Qaimunaqam certifiziert, die hier gefunden sein soll (wenn sie nicht aus Assyrien stammt), so bald ich ausgehen kann will ich sie und die 5 Kisten Violett’ scher Funde photographieren und aufnehmen. Ferner soll vor längerer Zeit eine fast lebensgroße Marmorstatue eines hockenden Mannes gefunden sein, die vom damaligen Qaimunaqam geschickt sein soll und dann verschollen ist. Und dergleichen mehr. Sicher verspricht Samarra viele Funde. (…)

Von Baghdad aus habe ich Guyer nach Ktesiphon geschickt und er hat dort gleich 2 interessante Entdeckungen gemacht:

  1. für ¼ (unleserlich LT?) ist ein großes Fragment eines babylonischen Kudurru gekauft, und
  2. ein klassisches Wandmosaik aufgelesen.

Daß der Taq Kisra Mosaiken hatte, unter Anusharwan gemacht und die Belagerung von Antiochia darstellend war ja bekannt; nun ist es monumental bestätigt. Wir finden hier jeden Tag massenhafte Glasmosaiken, natürlich kleine Stückchen, mit viel Perlmutter. Strzygowski schreibt bereits im Amida, daß er annähme, „diese Incrustationstechnik im Zweiströmelande ihren Ausgangspunkt genommen habe.“ Er wird also, wenn er das erfahren wird, triumphieren, und auch da wieder alles auf den Kopf stellen! „In Persien muß eine Neigung dafür latent gewesen sein „(page 184), so wird er etwa schreiben. „War mir längst des persischen Ursprunges verdächtig“. Wir reden nur in diesem Stil.

Gestern abend ging ich zu Bett, Guyer war auch noch bei mir, – wie am Nordpol; das Feldbett an den brennenden Kamin gerückt, 3 Teppiche als Matraze, eine doppelte Kamelhaardecke im Couvert als Laken, 1 Daunendecke, 1 Kamelhaardecke, eine riesige Abaye (?) mit seidenem gestepptem Futter als Decken, dahinein schlüpfte ich mit Flanellunterzeug und Pyjama, 3 Strümpfen (?), Seidentuch um Hals und wollene Kapuze über den Kopf, eine große, kochend heiße Wärmflasche an die Füße , mit einem Roßhaarkissen zwischen den Knien, um 3 h nachts stehe ich dann noch einmal auf und der Diener erneuert die Wärmflasche, und ich ziehe noch einen schweren Artillerie-Mantel an, von meiner einjährigen Zeit her. Das schreibe ich Ihnen nun nicht allein der komischen Situation wegen, sondern wegen seiner Beziehung zu den Strzygowski’schen Forschungen: Ich glaube Dareios I. oder Xerxes schickte einmal ein goldenes Bett mit Kissen und Decken und einem Farráoh an einen Damaratos (oder dergl.), einem griechischen Dynasten, „weil man in Griechenland nicht verstünde ein Bett zu machen“. Das gute Bettmachen, furchtbar wichtig für die menschliche Kultur, ist also des persischen Ursprungs aufs höchste verdächtig. Seit etwa 2000 Jahren muß nun die Neigung zu der von mir jetzt in „Persien“ südlich der Linie Hatra – Palmyra, beliebten Methode das Bett zu machen, latent gewesen sein. Jetzt kommt sie, etwas posthum, zum Ausdruck! (…)

Ich bin bereits bei aller Welt, mit Ausnahme der Behörden, sehr beliebt. Wenn ich in die Grabung komme, fangen alle an zu singen: „O Fürst, du bist der Schrecken des Wali“ con grazia in infruitum.

Erfreuen Sie mich bald einmal wieder durch einen Brief. Von Sobernheim habe ich noch keine Zeile, ebensowenig von Mittwoch, dagegen mehrere von Berchem.

Ihr aufrichtiger Ernst Herzfeld.

 

70. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad, Consulat allemand Hamburg 18.1.1911

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

(…) Ihre Erfahrungen mit Violett sind ja recht bedauerlich. Hoffentlich finden Sie in Samarra keine unangenehme Überraschung vor. Das scheint ja ein ebenso rabiater, wie gerissener Kerl zu sein. Immerhin werden Sie noch genug zu tun haben. Aber man sollte mit aller Energie auch in der Öffentlichkeit gegen solchen französischen Raubbau auftreten. Ich denke, Delos und Delphi wären Blamagen genug gewesen. (…)

Meine ägyptischen Pläne sind nun endlich ihrer Erfüllung nahe gekommen. Ich habe schon ein Billet und Wohnung bestellt und will am 20. Februar hier abfahren. Wenn Sie mir also unmittelbar auf diesen Brief antworten, werden Sie am besten nach Cairo, Pension Sima, Sharia el Maghrabi schreiben. Bis ca. 20. April denke ich dort zu bleiben. Ich will hauptsächlich das moderne Leben, die Bruderschaften und Gewerbe studieren, mit der Tschadseekolonie Fühlung aufnehmen und eine künftige Ostafrikareise vorbereiten. Sie können sich denken, wie ich mich freue. Seit neun Jahren bin ich nicht im Orient gewesen. (…)

Ich reise nächste Woche auf eine achttägige Wanderpredigt und werde in Frankfurt über die Araber in Spanien, in Saarbrücken über den Islam in den Kolonien und in Metz über die Jungtürken sprechen. (…)

Empfangen Sie nochmals meinen herzlichsten Dank für alle Ihre Bemühungen10. In freundschaftlicher Gesinnung wie stets Ihr getreuer (CHB)

 

71. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad Hamurg,21.1.1911

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Anbei sende ich Ihnen einen Auszug aus der Byzantinischen Zeitschrift, in der wir beide von Strzygowski abgeschlachtet werden. Alle die Epitheta, die ich aus Strzygowskis Aufsatz im Islam mühevoll herauskorrigiert habe, sind hier in Reinkultur abgedruckt. Strzygowski belegt seine Ausführungen über die Bauten in Jerusalem im neuen Heft des Islam mit guten Abbildungen. Jedenfalls müssen Sie die Jerusalemer Bauten einmal an Ort und Stelle gründlich studieren, ehe Sie antworten. Mich hat die Besprechung der Zeitschrift weniger geärgert als amüsiert, d.h. im Grunde hat mir Strzygowski’s Wut etwas wie Mitleid mit dem armen Teufel ausgelöst, der Sache und Person nicht mehr unterscheiden kann und dem alle, die ihn nicht anbeten, als Feinde erscheinen. Machen Sie es ebenso wie ich und ärgern Sie sich nicht, aber geben Sie es ihm bei nächster Gelegenheit fortiter in re, aber bitte ja suaviter in modo zurück. Strzygowski schadet sich durch seine Gereiztheit so sehr, daß Sie nur doppelt gewinnen können, wenn Sie vornehm bleiben. Ich warte noch einige Zeit und bespreche dann einmal alle Reaktionen, die auf meinen einleitenden Artikel erfolgt sind. Von geographischer Seite ist schon einer erfolgt und Martin Hartmann wird sich ja wohl auch äußern.

In der heutigen Nummer der Revue du Monde Musulman Bd. XII, No.12, äußert sich Hartmann über Sachau und die Berliner Verhältnisse und lobt das Kolonialinstitut. Es ist wieder einmal eine rechte Hartmann’sche Taktlosigkeit, vor dem Auslande diese schmutzige Wäsche zu waschen.

Hoffentlich geht es Ihnen gut. Denken Sie nur, daß ich mich über jede Nachricht von Ihnen freue und in herzlicher Zuneigung oft an Sie denke. (…)

Herzlichst der Ihre (CHB)

 

72. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 25.3.1911

Lieber Becker,

das große Werk ist vollbracht. Am Tage vor Guyers und seiner Schwester Abreise schickten Sie mir die Ergüsse in der Byzantinischen Zeitschrift. Ich schrieb Ihnen ja davon. Guyer war empört, und ließ die Blätter gar nicht aus der Hand. Ich war wenig erregt. Aber nach Guyers Abreise benutzte ich auf seinen Rat und in der Einsamkeit in rechter Stimmung den Abend dazu, die Kritik über Amida zu schreiben. Vor ein paar Tagen war sie fertig und ich hatte alles fast bis zum Schluß abgeschrieben, da kam der Postreiter mit Strzygowskis „Abwehr“. Zunächst muß ich Ihnen und auch van Berchem danken: ich hatte etwas ganz anderes erwartet. Zuerst dachte ich, ich müsse nun meine Kritik auch noch auf eine conciliantere Tonart herabstimmen, habe es aber nicht gethan, sondern nur darüber ein paar Worte angehängt.

(… Details wurden von mir weggelassen. BB)

Eine neue Orientexpedition mache ich nur noch mit 200 000 Mark, mit Schreibmaschine und Kátib wie Oppenheim. (…)

Mir geht es zum Glück gut, wenn auch nachts mich manchmal ein Schmerz im Bein als Erin-nerung und Mahnung an die zwei bösen Monate aufweckt. Es ist spät, aber prachtvoll Früh-jahr geworden. Alles ist voller Lämmer in allen Farben. Samarra liegt so hoch11, daß man überall einen unbegrenzten Horizont hat. Und der gewaltige Strom, vor einigen Tagen mit Hochwasser, etwa 1 km breit, in dem weiten Tale. Es ist schön, wunderschön. Wenn man auf dem Torbau der Bét el-Khalifah steht, so sieht man nach Osten etwa 1-1 ½ km sich die Palastruinen hinziehen. Daran schließt sich die sach vá des alten Tierparks. Dadurch wird die ganze Stadt in 2 Teile zerschnitten. Das Tor liegt am hohen Talufer. Unten sieht man die Anlagen der alten Gärten wie eine Zeichnung, kilometerlang und breit, bis zum Flußbett, das früher näher floß als heute. Dann sieht man einen großen Tell, die Reste eines anderen Schlosses im Flusse. Und gegenüber, eine deutsche Meile weit, am Horizont, auf der Westaxe, genau an der Axe der Bet al-Khalifa, also alles eine planvolle Riesenanlage, das dritte Schloß, das Qasr al-‚Ashiq. Wenn die Parks und Gärten mit Palmen und Citronen etc. im Flußbette blühten, dann muß es ausgesehen haben ähnlich wie der Blick von der Citadelle von Kairo zu den Pyramiden hin, aber nicht so weit, und der Standpunkt nicht so hoch, aber dafür nach N(orden) und S(üden) ins Ungemessene sich ausdehnend, riesenhaft. Je länger ich die Ruinen kenne, desto mystischer erscheinen sie mir. Was mag da alles unter der Erde sein? Die paar Monate Arbeit, mit dem primitiven Korbbetrieb, wirken wie Tropfen auf, einem heißen Stein. Jetzt ist außer der Moschee das 5te große Haus bald fertig ausgegraben. Es ist groß, schön, interessant: es paßt sich dem hügeligen Terrain an, daß es in mehreren Stufen übersetzt (Zeichnung). In Berlin ist man über die ornamentierten Wände sehr erfreut. Und Seine Majestät hat 15 000 Mark gestiftet. Ich hoffe noch weitere Mittel zu bekommen (bisher im Ganzen etwa 44 000 Mark, das ist für hier zu wenig).- Jetzt habe ich Zelte bestellt und denke bald mein schönes Haus mit dem malerischen Arbeitszimmer zu verlassen und das Frühjahr über lieber weit von der Stadt entfernt zu arbeiten. Ich möchte an den Töpferei-Fabriken graben. Ich kenne solche im Süd(en? Weggelocht), glaube jetzt aber beinahe, diese könnten einer späteren Zeit angehören. Constatiert in alten Scherben habe ich jetzt prachtvolle Gattungen von Keramik, sicherlich hiesige Fabrik, und schöner als alles was ich an islamischer Keramik kenne: weiße Schalen mit dunkelblauer kufischer Schrift oder blauem naturalist(ischem) Ornament, ganz zart und spärlich, und vom Rand her einige hellgrüne Überlaufglasuren. Oder Lüster, das schönste der vielfarbige: carminrot, organgegelb, hellgrün und manganviolett, das ist etwas unerhörtes. Dann der stahlblaue auf mattgrauem Grund, oder hellgoldgelb auf weiß, oder der normale braune Lüster. Welch ein Jammer, daß es immer nur kleine Scherben sind, während von ordinärer Ware heile Töpfe gefunden werden! Auch sehr interessant sind die vielen importierten Kladon(?)-Porzellane, nur 1 Scheibe, ein Topfboden mit springenden Karpfen in einigermaßen brauchbarer Größe. Neuerdings auch 1 Scheibe schneeweißen Por-zellans. Was ich immer vermutet hatte, ist mir nun sicher: in der alten Zeit schon unmittelbare Nachahmungen chinesischen Porzellans. Daneben aber Mengen, auch importiert, von byzantinischer Keramik: vorher, sonst hier nicht vorkommender Ton, geritzte Zeichnung, weiße Engobe (?), dunkle Pasten und Glasur. Ich muß die alten Fabriken finden.

Eine niedliche Geschichte: ich habe von einem mir altbekannten Manager Kaul ibn Selman aus Hillah, der alles that. Als ich die Amida-Kritik fertig hatte, fragte ich diesen, der auch besonders mein Directeur des affaires politiques und mein Numadjin (?unleserlich) ist, ob es gut oder nicht gut ausfallen würde, wenn ich diesen Brief, von dessen Inhalt er nichts ahnte, nach Deutschland zum Druck schickte. Er antwortete, sehr verschmitzt und eine Prise nehmend: „wenn du das thust, so wird dir ein großer Name werden!“ Ein schönes Omen.

Als ich auf der Hinreise in Kairo war, da bin ich viel auf den Schutthaufen am Mukattam und bei der Fakultät (?) herumgelaufen, und habe mir die neuen Städte im Norden angesehen. Wie das entsteht und vergeht, das gab mir eine schöne Illustration zu Samarra. Hier ist eine Straße, gut 100 m breit, mit Kanälchen12 zu beiden Seiten, vermutlich für die Bewässerung von Baumreihen, und etwa 16 km lang. So imponierend ist hier alles, d. h. alles alte. Und daneben das Jammerbild der modernen Türkei.

Sie geht gewiß trotz allem einmal auseinander. Wenn ich mir die orientalische Frage überlege, so bedauere ich sehr lebhaft, daß Deutschland darin notgedrungen die Rolle des Erhalters dieser fürchterlichen Zustände spielt. Gäbe es kein Deutschland, so wäre gewiß Persien und wohl auch die Türkei unter europäischer Regierung gekommen und in so blühendem Zustande wie heute Egypten. Jetzt liegt es, eine Sünde und Schande, brach. Deutschland könnte von einer Aufteilung keinen unmittelbaren Nutzen haben: Mesopotamien ist ihm schon vollständig verschlossen, Kleinasien durch Rußland auch und das Mittelmeer ist auch nicht unser Machtbereich. Nichts könnten wir besitzen, während Rußland, Frankreich, England, Österreich sich alle einigen könnten. Nun hat Deutschland aber die Macht, eine Teilung bei der es leer ausginge, zu verhindern. Da es keine Teile gibt, die es selber bekommen könnte, so besteht es unbedingt auf der Erhaltung des Status quo, das heißt in Persien die Anarchie, in der Türkei der Mißwirtschaft und des Brachliegens. Welche schreckliche retardierende Rolle! Und gerade Deutsch-land mit seiner zunehmenden Bevölkerung hätte das meiste directe Interesse daran, daß dies Ackerbauland ersten Ranges bestellt wäre.13

Da ich gerade im politischen Fahrwasser bin noch eines: à propos der Hartmann’schen Schulen. Ich glaube nicht, daß man mit Schulen Cultur bringt. Hier müßte zu allererst eines sein: die Besserung des materiellen Wohlstandes.14 Wer wie hier die Leute am Hungertuche nagt, und so notdürftig gerade das nackte Leben fristet, der braucht keine Schulen. Cultur kommt mit höherem Wohlstand als etwas Eigengewachsenes und Selbsterworbenes, sie kommt (ich glaube nach Spencer) mit vielen Waschungen, jedenfalls mit der Möglichkeit der Muße. Schulen können sie einer solchen Bevölkerung nicht importieren.

Über Grothes Ärztegeschäfte hat mir der Dr. Härle in Baghdad, ein famoser Mann, der 14 Tage hier war, auch nette Enthüllungen gemacht. Der Grothe ist, wie ich immer fühlte, gefährlich, und verfolge nichts als egoistische Ziele.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

73. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 1.4.1911

Lieber Becker,

(… Affäre Guyer)

Affäre Herzfeld

Ist Ihnen die schöne Redensart bekannt, daß das Leben auf- und abgeht wie eine Lawine? Es war bei mir zuletzt sehr bergauf gegangen. Ich habe schöne Telegramme von Funden nach Berlin senden können. Keine Papyri, das ist in diesem Regenwinkel nicht zu erhoffen. Aber „an einem Tage 12 Zimmer, von unten bis oben in Stuck ornamentiert.“ „An einem Tage 3 Wandgemälde, eines davon figürlich“, usw. Ich war hellseherisch und wußte es immer schon Tage vorher. Es war sehr schön, eine Hochflut bei mir, wie jetzt auf dem Tigris. Der Strom ist breiter als der Wannsee, oder wenn Sie es vorziehen, die Außenalster. Wenn man auf der Stromterrasse von Nuitasius Bansaq (schlecht leserlich) steht, so liegt vor einem im Wasser der zweite Palast, El-Guêr (von Ghiaur, nach Behauptung der Leute) und drüben, etwa 8 km weit das dritte Schloß, al-`Ashiq, alles auf die grande vue hin angelegt. Es ist schön! Und mir war noch schöner zu Mute. Ich stand auf meinem Dache, und unten hatte der Gewitterregen eine große Lache gebildet. Ich wollte das einzig Goldene was ich habe, eine Krawattennadel, herunterwerfen, die Szene war polykratisch. Ich fühlte keinen Wunsch, und ich wollte an Sie, an Sobernheim, an alle schreiben: Ich habe keinen Wunsch! Das Unheil kam schnell, als hätte es Schiller componiert. Als ich von meines Daches Zinne die Treppe herunterstieg, unter der der neue T-förmige Typus liegt, da erwartete mich schon Ikáúl der Sohn des Salomon und erzählte, daß in sein Haus, das ich für seine Familie gemietet und bezahlt hatte, sich der Gendarmerie-Leutnant hineingesetzt habe.

Und etwas später kam der Commissar und erzählte, daß der Polizeicommissar am Stadttor meine Arbeiter verprügelte. Und am Tage darauf verhaftete man meinen Wächter, der Leute festgenommen hatte, die die Moscheegrabung zerstörten, am Tage darauf, am Ostersonntag auch die 2 anderen Wächter. Seit Sonnabend vor Ostern, Mittags 6 h türkisch, gibt es nun keine Ausgrabung in Samarra mehr. Ich habe sie eingestellt. Das ist der Fall Herzfeld.

Augenblicklich ist man hier von aller Welt abgeschnitten, das Hochwasser hat den Landweg unterbrochen, der Dampfer kann nicht gegen den Strom an, und hat vorsichtigerweise mit seinem Mast den Draht, wo der den Fluß übersetzt, abgerissen. Diese Tage habe ich benutzt, meine Aufnahmen zu Ende zu bringen, das Inventar durchzuarbeiten, alles zu verpacken, und eben komme ich davon zurück, wie wir 10 Kisten auf dem Sarail (?) unserem Commissar übergeben haben. Jetzt habe ich wieder einen Wunsch: abzuschließen. Das ist nicht so leicht. Ich muß noch Stunden mit Thaul verbringen, um zu rechnen, der ganze Monat April mit etwa 150 Mark Depeschen. Als am Ostersonntag alle meine Wächter verhaftet waren, ohne daß man mir Mitteilung machte und ohne daß Maßnahmen zum Schutz der Grabung getroffen waren, da habe ich einen dringenden telegraphischen Protest nach Baghdad15, an den Wali-Stellvertreter – gesandt. Und auf eine Anfrage von ihm am Montag noch einen Brief, den er Sonnabend haben wird. In Französisch, das einem Anatole France Ehre gemacht hätte, wenn er es erlebt hätte, und ein dreimaliges j’accuse, wie von Zola im Falle Dreyfuß: Zwar halte ich es für gänzlich umsonst bei der fremdenfeindlichen Stimmung der neuen Türkei. Aber ich sagte mir wie Cyrano, als er das Geld rauswarf: „mise en flotte“(?unleserlich)! Jetzt habe ich auch die Ausgrabung wieder begraben. Der Regen kam gerade zur rechten Zeit. Als die Wächter fehlten und niemand da war, die Wände und Malereien mit den bereit gelegten Matten zu bedecken, kam eine Sturzflut vom Himmel herunter. Das Bild mit den 2 sitzenden Figuren und dem Papageienfries ringsum, existiert nicht mehr. Von den 2 ornamentalen Malereien sind noch Talon (?) und Fragmente vorhanden. Ich habe gestern eine Stunde lang zu – Pferde dem Begräbnis beigewohnt, meinem eigenen Begräbnis, und wie da immer Korb Sand auf Korb Sand über die schönen Wände rieselte, das war als schüttete man die Erde auf meinen Sarg. Bis endlich das Pferd nicht mehr stehen wollte und ich zum Abschied über die Ruinen galoppierte.

Nun kommt das Schiff nicht, und ich habe eine Galgenfrist. Gut auch, daß keine Antworten auf meine Depeschen kommen können. Ich will sie nicht hören und nicht lesen. Ich schrieb schon einem Freunde: das ist die Verführung der Einsamkeit, daß man ganz allein ist – gäbe es keine Briefe und keine Depeschen mehr. Kommt das Schiff, so fahre ich nach Baghdad. Dort werde ich sehen, was zu machen ist, aber man wird voraussichtlich nichts erreichen. Und dann werde ich getrost einen ganz großen Strich unter meine Abrechnung machen, und werde Sarre sagen, er möchte entscheiden, ob er die Grabung fortsetzen wolle, und wann er sie fortsetzen wolle. Vielleicht ist das eine Chance für den armen Nöldecke, dem Oppenheim glatt den Stuhl vor die Thüre zu setzen, weshalb ich mit Oppenheim definitiv fertig bin, und weshalb er nun sehen muß, ohne mich Exzellenz zu werden. Darüber kann Sie Sobernheim aufklären.

Und dann wird sich mein Wunsch erfüllen abzuschließen, und ich werde wieder wunschlos sein. Ich stelle mir das so vor, daß ich dann nach Baghdad zurückkehre und hier den Haushalt auflösen werde, und dann in Baghdad wieder meine Angelegenheiten ordnen werde. Wie merkwürdig sich manches bewahrheitet, früher habe ich mal im Scherz Verse auf Baghdad gemacht, die immer mit einem Namen mit B. endeten, ich kann sie nicht mehr auswendig, es war wie:

Mir nützet nichts des Schicksals Huld –
im Dar alKhald, oder G Stadt,
die mir das Beste nahm, Dar al-stalám, und
… davon ich nimmer mehr genas, Zaurà `l-Abbár“

und so fort. Das wird wohl wahr werden.

Sie können sich vorstellen, daß es für mich nichts Anziehendes hat, als aussichtsloser und mittelloser Privatdozent in Berlin leeren Bänken von oriental(ischer) Archäologie und histo-rischer Geographie zu erzählen. Schon früher hatte ich eine lebhafte Geringschätzung für die Wissenschaft, was Sie vielleicht nicht an mir beobachtet haben. Ich bin kein wissenschaft-licher Mensch. Sie übrigens auch nicht, Sie sind dazu viel zu thätig. „Wissenschaftler“ sind Leute wie Sarre, Sobernheim, denn was hätten sie, wenn sie sich nicht für wissenschaftliche Menschen halten könnten? Ich will mein Leben nicht an solche Wissenschaft verlieren. Und die Gründung des Vorderasiatica (?), die ich mit Guyer plante, und alle diese wichtigen Fächer der Samarrologie und Masiologie und Orientkoprologie (Kem) vertreten sein sollten, kann ruhig unten bleiben. Wäre es auch nur eine scherzhafte Idee gewesen, so zeigte sie doch sehr drastisch, was wir wirklich treiben. Ich bedauerte es nicht, wären meine Amida-Kritik in der OLZ und die Replik im Islam meine letzten „Werke“. Ich habe Guyer vorgeschlagen, er solle meine Schriften gesammelt herausgeben, in stilvollem Einband, – mattschwarzer Lederrücken mit blutrotem Titel, ultramarinblauer Umschlag und alttürkischem Vorsatzpapier, – auf seinem Schreibtisch oder so, daß er sie immer als Warnung vor sich sieht, aufstellen.

Nein, wenn hier alles das schnelle Ende nimmt, das ich vermuthe, so sage ich der Wissen-schaft Adieu. Nennen Sie es Fahnenflucht? Ich werde noch viel Fahnenflüchtiger sein! Der arme Sobernheim wird mich noch strenger verurteilen, als Sarre Guyer, denn er wird umsonst auf Aleppo warten, Berchem wird sich nach jemand andrem fürs Corpus umsehen müssen, Guyer wird sein Kilikien allein fertig machen müssen. Ach, und wie ist man sonst gebunden und gefesselt mit 100 Banden: Verwandtschaft, Staatsbürgerpflichten, Militär. Ich werde alle diese Fesseln zerreißen. Wie Buddha werde ich davongehen: ein Sohn ist geboren, eine Fessel ist Dir geschmiedet!

Am 18. oder 19. April werden meine Telegramme in Berlin wie Bomben eingeschlagen sein, und der lawinenartige Fall, der dem lawinenartigen Aufstieg folgte, muß schrecklich gewesen sein. Ich habe mein Leben in der Hand gehalten und halte es vielleicht noch. Es war ein prachtvoller Moment. Was ist Verantwortung? Ist sie Furcht? Es ist ein zerbrechliches Gefäß, das man da in der Hand hält. Wenn meines zerbricht, so werde ich nicht ängstlich die Scherben zusammenkitten wie ich es hier mit so vielen Töpfen und Flaschen gethan habe, sondern werde mir ein neues machen.

Und das werde ich mit anderen Idealen füllen. Da hat dann keine Wissenschaft mehr Platz, sondern nur noch Weisheit. Und da man dazu viel Zeit braucht und nicht weiß über wie viele man zu verfügen hat, nachdem man 30 Jahre wie Markstücke, von denen man 1000e hat, ausgab, so werde ich viel Zeit suchen, und viel Zeit hat nur die Einsamkeit. Mich hat die Einsamkeit vollständig verführt.

Wenn Sie Ihre Briefe aufbewahren, so kommt Ihnen dieser vielleicht später einmal in die Hände. Vielleicht denken Sie dann anders darüber als heute. Und vielleicht blättern Sie dann auch mal in einem alten Bande des Islam, und finden da Seiten von mir. Ob Sie dann bedauern werden? Vielleicht nicht. Seien Sie nicht so discret wie ich, und thun Sie als wüßten Sie von nichts, wenn Sie die Neuigkeiten hören werden, die ich Ihnen hier geschrieben habe.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

Nachtrag Samarra, 3.5.1911

Ich bin wieder in Samarra. In Baghdad habe ich mit dem Stellvertretenden Wali und anderen Leuten gesprochen. Aus Berlin und Constantinopel habe ich solche Antworten bekommen, wie ich sie nicht erhofft habe. Dennoch ist in Wahrheit nichts geschehen und ich fürchte, es wird nichts geschehen. Man wird wohl Bedir Bey, den alten Commissar des Museums von Babylon hierherschicken. Er ist ein Säufer, aber sonst sehr brauchbar, war in seiner Jugend bei Humaun und hat einen Teil seiner 40jährigen Freundschaft gegen Humaun offiziell auf mich übertragen. So wird der Bogen, der zu so großen Thaten gespannt war, ganz sachte und unmerklich abgespannt. Alle großen „transports“ lösen sich wieder in die träge Alltäglichkeit auf. In Baghdad habe ich in Smoking und Lackschuhen Sekt und schäumenden Burgunder getrunken. Das Costüm und die Ernährung paßt weder zur Tragik noch zum Ernst des Lebens. Also hätte ich sehr wohl diesen Brief mit dem andern verbrennen können. Aber ich habe es nicht gethan, weil ich finde, daß die nicht abgesandten Briefe meist die besten sind, nur noch von den nicht geschriebenen übertroffen. Warum soll man alles umsonst gewesen sein lassen? Und noch ist nicht aller Tage Abend und ich bin wirklich gefährlich, explosiv gefährlich. Ich lege Ihnen noch eine Bücherliste16 bei, und habe Verhandlungen wegen der früheren Bücher angefangen. Ihr Ernst Herzfeld.

 

74. C. H. B. an Ernst Herzfeld. Hamburg, 2.5.1911

(Maschinenkopie)

Mein lieber Herzfeld!

Ich habe Ihnen für zwei Briefe zu danken, für den vom 16. Januar von Ihrem Krankenlager und für den vom 26. März, den Sie nach Cairo als ein Wiedergesunder gerichtet haben. Zunächst herzlichen Glückwunsch nach Ihrer Wiederherstellung, und zu den schönen Resultaten, von denen Sie zu melden haben. Hoffentlich haben Sie weiter recht viel Erfolg! In treuem Gedenken verfolge ich Ihre Ausgrabungen und gäbe etwas darum, wenn ich manchmal ein paar Tage bei Ihnen sein könnte. Nicht nur der Sache, sondern auch der Person wegen.

Ihr zweiter freundlicher Brief hat mich nicht mehr in Cairo erreicht. Meine ägyptische Reise hat überhaupt unter einem ziemlichen Unstern gestanden. Gleich nach meiner Abreise erkrankte mein fünfjähriger Junge (Walter) an Mittelohrentzündung so schwer, daß er dreimal aufgemeißelt werden mußte und auch danach noch wochenlang in Lebensgefahr darniederlag. Nach den ersten Operationen hatte meine Frau mir telegraphiert, ich solle ruhig bleiben, doch als chirurgisch nichts mehr zu machen war, und das Fieber immer noch über 40°C blieb, erbat meine Frau meine Rückkehr. So bin ich nach nur vierzehntägigem Aufenthalt in Cairo so schnell als möglich heimgereist, traf hier meinen Jungen Gott sei Dank außer Gefahr, war aber doch recht froh, wieder daheim zu sein, da meine Frau nach dieser unsagbar schweren Zeit einer Unterstützung bedurfte. Nachdem dann noch meine Frau und ich kurze Krankheit durchzumachen hatten, feierten wir das Osterfest diesesmal allseitig als Auferstehungsfest.

So kurz mein Aufenthalt in Cairo war, so ist er doch nicht ohne Resultate gewesen. Ich habe recht interessante Studien über das Maulid gemacht und die Organisation der Bruderschaften. Ich habe ferner sehr viele Druckschriften, vor allem auch politischen Inhaltes, gesammelt und schließlich die sämtlichen arabischen und griechischen Papyrie der Khedivial Bibliothek abgeschrieben. Ich weiß nicht, ob Sie darüber orientiert sind, daß sich in Cairo wertvolle arabische Stücke des gleichen Fundes befinden, von dem ich in Heidelberg und London liegenden Stücke bereits früher veröffentlicht habe. So bin ich dann schließlich doch ziemlich befriedigt zurückgekehrt, und werde meine Excursion im Herbst oder nächstes Frühjahr wiederholen. Vielleicht treffen wir dann zusammen.

Daß Sie gegen Strzygowski energisch vorgegangen sind, kann ich Ihnen nach Leistungen in der byzantinischen Zeitschrift, und nach seiner Besprechung in der letzten Nummer der OLZ, die ich Ihnen geschickt habe, nicht verdenken. Ich werde selbst demnächst ein energisches Wörtchen gegen ihn zu sprechen haben. Ich hoffe nur, daß Sie sich von Ihrem Temperament nicht allzuweit haben fortreißen lassen. Ein gewisser Spott in Ehren, aber er darf nie so stark sein, daß der Pfeil auf den Schützen zurückkehrt. Ich werde noch heute an Sobernheim schreiben – gestern empfing ich Ihren Brief – und ihn um Zusendung des erledigten Manuskriptes bitten. Ich bin allerdings sehr gespannt. Meine eigene Besprechung von Amida kommt auch bald, doch habe ich zunächst die mitgebrachten Papyrie für das nächste Heft (des Islam) ediert, und außerdem einen großen Aufsatz über christliche Polemik (Johannes von Damaskus usw.) und islamische Dogmenbildung für die Goldziher-Festschrift fertiggestellt

Seit einigen Tagen hat auch das Semester wieder begonnen, und wir sehen erwartungsvoll den nächsten Monaten entgegen. Hat doch der Senat die Bürgerschaft ersucht, ihm Vertrauensmänner zu nennen zwecks Beratung der weiteren Ausgestaltung der Hamburger Hochschulverhältnisse. Sie wissen ja, wohin unsere Wünsche gehen. Es ist alles gut vorbereitet, und ich bin überzeugt, daß wir in absehbarer Zeit, vielleicht noch diesen Sommer zu definitiven Beschlüssen gelangen. Die Frage beschäftigt die öffentliche Meinung hier natürlich stark. Am 13. Mai eröffnen wir das neue Vorlesungsgebäude, das namentlich innen ganz prachtvoll ausgefallen ist. Ich bekomme ein schlemmerhaftes Seminar mit Direktor- und Assistentenzimmer. Noch vorher, d. h. von morgen ab reise ich auf einige Tage nach London, wo ich in der Kolonialgesellschaft einen Vortrag halte. Erst dann beginnt für mich eigentlich der regelmäßige Gang des Semesters.

Karabaceks Anpöbelung von Sarre und Mittwoch über Riza Abbasi wird Ihnen bekannt ge-worden sein. Im nächsten Heft antworten beide bei mir. Es ist wieder einmal ein haushoher Reinfall der „kleinen Peitsche“.

Bekommen Sie eigentlich auch das Orientalische Archiv nachgeschickt? Ich habe bei dieser Zeitschrift letzthin unfreiwillig etwas hinter die Kulissen schauen müssen, da sich Herausgeber und Verleger in einer Sache an mich wandten. Ich hatte nämlich ein Manuskript eines amerikanischen Gelehrten, das ich nicht gebrauchen konnte, an Grothe geschickt. Er hat es angenommen und setzen lassen, ja der amerikanische Gelehrte hatte bereits die Korrektur gelesen. Erst als das Imprimatur erteilt werden sollte, erklärte der Verleger, dieser Aufsatz dürfe nicht erscheinen, da er außerhalb des Rahmens der Zeitschrift falle. Die Folgen können Sie sich vorstellen. Jedenfalls wird das Orientalische Archiv, soviel ist mir nach allem, was ich bei dieser Gelegenheit von beiden Seiten zu hören bekam, klar, nicht von Grothe, sondern von Hirsemann geleitet, und mir ist manches verständlich geworden, was ich an dem Titel, wie der ganzen Umgrenzung des Arbeitsgebietes des Archivs bisher nicht verstanden hatte. Über die Details bin ich natürlich zur Diskretion verpflichtet, aber ich wollte Ihnen die Sache selbst gern erzählen, da sie Sie amüsieren wird. Sie werden ja nicht darüber gleich Artikel schreiben. Unter uns gesagt begriff ich gleich nicht recht, wie Grothe zur Leitung einer hauptsächlich kunsthistorischen Zeitschrift kommt. Ich glaube nicht, daß er das Archiv noch allzu lange leiten wird. Herausgeber sollten die Seele ihrer Unternehmungen sein, und auch wirk-lich etwas von den Dingen verstehen. Sonst könnten die Redaktionsgeschäfte von jedem beliebigen Verleger mit einem guten Setzer betrieben werden. (…)

Auch schweben Unterhandlungen mit dem Verleger betreffs Gründung von Studien zur Geschichte und Kultur des Orients, zwanglose Beihefte zum Islam, in denen größere Arbeiten gesondert erscheinen könnten. Ich schicke Ihnen mit gleicher Post einen kleinen Artikel über die Religion des Islam, den ich noch in Heidelberg geschrieben habe, der aber jetzt erst herauskommt.

Damit will ich es für heute bewenden lassen. Haben Sie nochmals herzlichen Dank für Ihre ausführlichen Briefe, mit denen Sie mir immer eine wirkliche große Freude bereiten. Bleiben Sie weiter gesund, und haben Sie schöne Erfolge. Hier in Deutschland werden Sie nicht vergessen.

In freundschaftlicher Zuneigung Ihr getreuer (CHB)

 

75. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad Hamburg, 9.5.1911

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ihr schönes Manuskript gegen Strzygowski kommt gerade zur rechten Zeit, sodaß es noch in der seiner Abwehr folgenden Nummer (des Islam) veröffentlicht werden kann. Gestern abend angekommen, wanderte es einige Stunden danach in die Druckerei, schneller kann kein Redakteur für Sie sorgen. Da in gleicher Nummer auch Sarre – Mittwoch contra Karabacek erscheinen, bekommt man ein hübsches Bild der friedlichen Zusammenarbeit der orientalistischen Kunsthistoriker. Ich finde Ihren Aufsatz hübsch geschrieben und einwandsfrei. Ich werde nichts daran ändern, selbst das Motto nicht, obwohl das das stärkste ist. Die Bosheiten zwischen den Zeilen sind ergötzlich. (…)

In freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB).

 

76. Ernst Herzfeld an C. H. B. Gurunusk (Persien), 15.6.1911

(Postkarte der Poste Persanne)

Lieber Becker,

ich muß Ihnen einige Grüße schicken, auf dem Wege von Qasr i Shirin nach Suleimaniyyah. Ich hoffe nach Sarpul-Zuhab zu reisen, aber meine mir vom Khan der Djáf-Kurden gegebene Bedeckung, ohne die ich nicht nach Pákuli und Sul(eimaniyyah) kam, ist mit den Guran-Kurden dort verfeindet. Das ging also nicht. Mein Hauptziel ist Pákuli, mit dem Relief und der riesigen Inschrift Ardashirs I:, die nicht aufgenommen ist. Morgen hoffe ich es zu finden. Ich habe mir eine Erholungsreise gedacht, wenig sehr gut ausgewähltes Gepäck, gutes Pferd und drei geschulte Diener ohne die Mukari (?). Trotzdem ist es eine Erschöpfungsreise geworden. Hier im Wind und Schatten hinter dem Zelt 45°(C?), im Zelt nicht zu messen, da Thermometer nur bis 50° gehen. 7-8 Stunden Marsch, des Ractiereur (??Banditen) wegen am Tage, das kostet den letzten Blutstropfen. Schweinfurth schrieb mir mal eine so famose Widmung in ein Herbarium: ardor, sitis-arenae … tantus amor florum. Und da sagt Strzy(gowki), „ich gehe mit Feuereifer seinen Problemen nach!“ Du meine Güte, wie müßte ich mir leid thun. Noch 3 schwere Tage. Ihr Ernst Herzfeld.

 

77. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 30.6.1911

Lieber Becker,

von meiner Reise zurückgekehrt, deren Ende eine unbeschreibliche Strapaze war, fand ich hier 30 Briefe vor, und alle, alle voll von guten Nachrichten. Das war wirklich so schön, daß ich nach zweimaligem Baden und Haare schneiden die Reisemüdigkeit und 6 Nächte ohne Schlaf ganz vergaß und von Mittags bis Abends 12 h nur Briefe schrieb. Schweinfurth schenkte mir einmal ein Musterherbarium, zu dem er Papier und Einband selbst ausgesucht, und in das er 24 orientalische Pflanzen selbst eingelegt hatte, und vorn darin eine prachtvolle lateinische Widmung, mir fallen nur noch die Worte ein: ardor, sitis, arenae – tantus amor florum! Diesmal waren es keine Blumen, aber ardor, sitio, arenae, und dazu noch terribiles montes, das war die Quintessenz dieser Reise. 10 Stunden bei 50°C mit nur 1 Flasche warmen Bitterwassers! Was erträgt man nicht alles aus Feuereifer für die Probleme Strzygowskis. (…)

Sarre und Bode sind selig über die Erfolge von Samarra. Unter tiefer Discretion schreibe ich Ihnen, daß Anfang September Herr Barsus, das Turfanjuwel, hier eintrifft, die Gipse abzulösen, und daß Sarre im Oktober hier sein will. Das wäre Campagne II bis Ende Januar – Februar 1912. Dritte Campagne später geplant. Sehr gut haben Sie es gemacht, Sarre zu einer Notiz über die Grabung aufzufordern. Seine Briefe werden übrigens jedes Mal freundschaft-licher und aufrichtiger. Was thut nicht alles die Freude. Jetzt wässern hier neben meinem Stuhle zwei Schalen, die eine braungoldener Lüster auf weiß, die andere gelbgold reliefiert. Zwar zerbrochen, etwas verwittert und etwas mangelhaft, aber doch prachtvolle Museumsstücke, wie es sie einfach noch nicht giebt. Wie werde ich die nach Berlin befördern? Wären sie intact, wären sie 3 Campagnen wert.- Ein hübscher Fund sind auch 5 historische kufische Inschriften hier von Imám Dhir (?), die ich noch mit Leitern gründlicher aufnehmen werde. (…)

Jetzt habe ich 2 sehr freundschaftliche lange Briefe von Halil, einen über Samarra, einen, von Berchem veranlaßt, über Reiseaufnahmen im Interesse des Corpus. Jetzt fragt er mich also an, was ich aufnehmen wolle, anstatt daß ich den ersten Schritt thue, mich um die nötigen Empfehlungen zu bewerben. Das ist doch sehr viel.

Wir werden in Samarra bis Januar – Februar arbeiten. Zwar wäre ich gern im Winter in Berlin gewesen. Aber die Dinge zwingen einen. Für Berchems Pläne ist das gut: eventuell Damaskus im Frühjahr 1912.

Mit ihm bin ich in häufiger Correspondenz. Er ist doch großartig. Trotz Sobernheim. Sobernheim schreibt mir selten aber herrliche Briefe. Telegrafenstil, auf 1 Seite so viel wie auf 8. Natürlich nur Ereignisse, aber wie er diese auffaßt! Zum Wälzen.

Oppenheim ist der größte Charlatan seiner Zeit. Er hat hier das Gerücht verbreitet, er käme mit 500 000 Mark. 240 Kamele transportieren das Gepäck von Aleppo nach Tell Halaf – er muß jetzt schon dort graben -, und er habe sich so an das Ausgraben eingearbeitet, daß die beiden (NB. unfähigen) Assistenten nur nach seiner Leitung arbeiten würden. Eine Perle ist auch seine Erklärung in der BZ am Mittag, 29.4.1911, die ich Ihnen abschreibe, da sie Ihnen vielleicht entgangen ist.

Fett: Deutschenhaß und Archäologie.

Wie skrupellos gewisse englische Blätter die harmlosesten Dinge bemühen, um gegen Deutschland Stimmung zu machen und zu hetzen, zeigt neuerdings eine Meldung der Londoner Pall Mall Gazette aus Kairo. Die Depesche behauptet, daß der frühere deutsche Konsularagent in Kairo, Baron Oppenheim, mit seiner bekannten Expedition nach Mesopotamien nicht archäologische Forschungen bezwecke, wie er angebe, sondern daß er unter diesem Vorwande andere, d.h. politische Pläne verfolge. Nun weiß alle Welt, daß Baron Oppenheimer nicht nur ein guter Diplomat, sondern, und zwar vor allem, auch ein Gelehrter von Weltruf, ein Orientalist und Islamforscher von Passion ist, dem überdies seine bedeutenden Mittel es erlauben, seinen Neigungen nachzugehen. Diese Feststellung genügt wohl, um die Meldung der Pall Mall Gazette zu kennzeichnen und niedriger zu hängen.“ (…)

Sarre hat unserem Reisewerk den Obertitel: Forschungen zur Islamischen Archäologie gegeben, und will daraus eine Serienpublication machen, in der auch die Grabungen und vieles andere erscheinen sollen. Als tiefstes Geheimnis schreibe ich Ihnen, daß er für 30 Jahre von mir unbekannter Seite eine sehr große jährliche Summe für islamische Forschungen bekom-men wird, mit der man einfach alles machen kann, Reisen, kleinere Grabungen etc.etc. Prachtvoll, und ich finde das ist die ihm vorgezeichnete Rolle, so die Initiation für vieles zu ergreifen, ohne daß er selbst immer Bücher zu schreiben braucht.

(…) Jetzt ruft man mich zum Essen. Die Zeit der schönen Melonen beginnt, für die Samarra berühmt ist. Ich fühle mich hier wieder so wohl, trotz aller Hitze, und trotz – oder wegen? – der Einsamkeit.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

78. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 15.7.1911

Lieber Becker

(…) Ihren Islam-Aufsatz in dem Religionshandbuch habe ich jetzt auch sehr sorgfältig gelesen; für mich war da sehr viel neu. Nur Ihren Optimismus am Schluß teile ich nicht: ich glaube nicht, daß der Islam die Kraft findet, sich mit der modernen Kultur auseinanderzusetzen. Sein Verhängnis ist doch, daß der Koran ganz und gar göttliche Offenbarung zu sein prätendiert, nur im Grunde so elend allzumenschlich ist. Ein oberflächliches Berühren mit unserer Cultur führt bei denen, die ich kennen gelernt habe, immer zum Atheismus, und zwar nicht wie bei den europäischen Atheisten zum Ersatz der Religion durch Ethik, sondern durch bloße Immoralität. Wie oft haben mir Leute gesagt, – einer indem er sich mir vorstellte – „Je bois du vin et je ne crois pas en Dieu, je suis francmacon.“ Ein tiefes Eindringen in europä-ische Cultur habe ich bei einem Orientalen noch nicht kennen gelernt. Ein einziger, ein Militärarzt, der die Petroleum-Commission der Deutschen Bank begleitete, hatte vielleicht etwas vom Wesen unserer Cultur erfaßt. Es war unter dem alten Regime der Türkei, und er wußte und sagte:

die islamischen Staaten werden an der Unfähigkeit des Islams, sich der modernen Welt anzupassen, und an der Polygamie zu Grunde gehen. Unter dem neuen Regime hat die Bewegung, die die Viertelcultur anführen läßt, weite Kreise gezogen. Man trägt europäische Tracht, vernachlässige die Formen der islamischen Religion, und kommt sich als Vollblut-Culturmensch vor. Von der weltenweiten Kluft, die uns von jenen trennt, hat man gar keinen Begriff. Man glaubt, es fehle nur noch etwas Geld, um Europa ebenbürtig zu sein. So denkt man vom Wali bis zum kleinsten Beamten und Leutnant. Daß die besten Elemente, der Bauer und der kleine Handwerker, je die Regierenden werden, glaube ich nicht. Alle, die für die Regierung in Frage kommen, sind aber oder werden bald verdorben sein. Und ich glaube daher, daß es nur eine wahre Lösung der orientalischen Fragen giebt: europäische Regierung, wie in Indien und in Ägypten.17

In Persien bereiten sich auch große Dinge vor. Ich erfuhr davon in Husin-Ikaikhal, wo mir der alte und sehr ehrwürdig erscheinende, –Khan Abdullah Bey (gesprochen Oulá Bey) 6 Briefe vorlesen und arabisch erklären ließ. Die Khane der Baktiaren (der Sardár Arad – wie heißt der Titel eigentlich? – war gerade in Berlin), der Wali von Pusht i-Kuh etc., die Khane von Qasr i-Shirin, Gilan, Ku i-Shirin, Gilan, Shaiklan, von BannahSimmat Sonjbulaq und einige andere wollen gemeinsam gegen Tabriz und Teheran18 ziehen, um einen neuen Shah einzusetzen. Ihr Prätendent ist der Salar al-danlah, Sohn Nurjastar al-dias (also auch der verlausten (?) Kadjaren-Dynastie) und Schwiegersohn des Wali Resht i Kuh (ghulam Riza-Khan, alte seit Jahrhunderten unabhängige Dynastie, mit dem Titel Wali. Wenn sie uns lieber die Kadjaren ganz beseitigen wollten, und die Baktiaren auf den Thron bringen. Dr. Hesse schreibt mir, daß das allerdings den Verlust von Azerbaidschan an die Russen und einen Krieg mit den Kashgais (Fars) bedeuten würde. Die Kashgais sind seit ewigen Zeiten Tod-feinde der Baktiaren. Dr. Hesse schreibt auch, daß dies furchtbare mannstolle Weib die Comtesse Blanche de Clermont-Tonnerre, die Busenfreundin des Salar al- daulah (was sie nicht abhält sich zugleich in skandalösester Weise mit hundert anderen Kurden- und Araber-Sheiks zu comprottieren) – auch wieder da sei und ein seltsames Wesen triebe Sie lebt in der Nachbarschaft von Qasr i-Shirin. Sie ist eine geborene Chaudon, oder eine geschiedene Chaudon, und immens reich, ihre 50 Jahre alt, berüchtigt im ganzen Orient. Ja, der Khan erzählte mir, sie würden „mit Erlaubnis“ der türkischen Regierung in Persien vorgehen, und Dr. Hesse schreibt, die türkischen Comités wühlten da immer.

(…) Daran, wie sehr ich die Luft und die Stille fühle (im 1 ½ h entfernten Lager), merkte ich erst, wie sehr ich beides nötig hatte. Wenn ich nicht so schlaflos wäre, wäre auch manches besser.

Nochmals zum Schluß vielen Dank für Ihren Brief Ihr Ernst Herzfeld.

 

79. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 6.8.1911

Lieber Becker,

(… über den Balkhi-Brief)

Anmerkung Herzfelds: Eben gab es wieder ein großes Ereignis:

ein Revolverattentat auf mich,

von Seiten eines Sh…mar (unleserlich, da weggelocht!) Ich schildere Ihnen das nächstens.

 

80. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 21.8.1911

Lieber Becker,

(… ausführlicher Ausgrabungsbericht über den Palast, 12 Folioseiten)

 

81. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 31.8.1911

Lieber Becker,

ich schreibe Ihnen schon wieder, in dunkler Nacht, während drüben die Schakale heulen, und die Hunde ihnen eine wütende Schlacht liefern. Dazu auf unserem Ufer das tiefe Heulen einer Hyäne, vor der alle Leute Angst haben. Dann schnarcht jemand hier in der Nähe. Das ist die nächtliche Musik der Wüste, die mir geradezu unerträglich geworden ist. Dann (den) ganzen Tag der bewußte Sturm, der an allen Nerven reißt, und die ganze Nacht dieses Geheul. Von Schlafen ist keine Rede mehr. Ich laufe herum, manchmal mit dem Bett unter dem Arm, wie der biblische Gichtbrüchige. Gestern war ich so totmüde, daß ich einfach hinfiel und ½ Stunde auf der bloßen Erde schlief. Dann war es wieder aus: Hunde und Leute.

Ich sehe ein, daß es so nicht mehr geht. Zuerst der große „Fall“ im Frühjahr, das Attentat und heute ein Streik, sind mir zuviel gewesen. Ich pausiere bis Herr Barsus kommt, und gehe in wenigen Tagen nach Baghdad. Wohl hätte ich gerne weiter 10 Tage an Balkawârâ gearbeitet, um die Resultate (dingfest?unleserlich) zu machen, aber ich kann nicht mehr. Auch wenn Barsus hierist, werde ich nur seine Arbeiten dirigieren und Aufnahmen machen, aber nicht zugleich neu ausgraben. Schließlich ist das die Hauptsache, daß ich selbst möglichst viel auf-nehme. Es sind ja so unendlich viel Dinge ohne Grabung zu untersuchen. Wenn Sarre Anfang November kommt, folgen dann noch 2-3 Grabungsmonate. Hoffentlich beruhigen sich meine Nerven. Auch die Schmerzen melden sich wieder. Aber das ist nur eine Mahnung, sie kommen im Sommer nicht ernstlich.

(… Details zur Ausgrabung)

Ich bekam auch mit der türkischen Post einen begeisterten Brief von R. Kiepert über mein Cap(itel) III Archäol(ogische) Reise. Wissen Sie, daß er es mir einmal ablehnte in einen Vortrag der Archäol(ogischen) Ges(ellschaft) zu kommen, weil er sich (18)70/71 so erkältet hätte? Diesmal schreibt er, er hätte deshalb 1 Monat den Brief verzögert, weil er Nerven- und andere Leiden gehabt hätte, 70/71 her. Ich fürchte, ich werde von meinem Feldzug 1910/11 her auch so was zurückbehalten! Diese Grabung ist wirklich ein Feldzug, eine Campagne im übelsten Sinne. Ich höre draußen schon wieder meinen Schatten, den einen Gendarmen. Auch eine Folge des Attentates. Die Kerle machen mich noch verrückt. Noch dazu ist Ramadan. Tagsüber faulenzen sie sich durch, und nachts wird gegessen und gefeiert. Was für ein fürchterliches Land.

Es kommt etwas Besonderes: eine Reise um 1 h nachts. Noch 4 Stunden, dann wieder Tag.

  1. September (1911)

Das war eine lebhafte Nacht. Um 1.30 (Uhr) kam der Gendarmerie-Hauptmann, der wie der vertretende Wali unserem Consul vorgelogen hatte, versetzt sei, und der Polizei-Commissär. Mit beiden stehe ich nicht auf dem Verkehrsfuße, und ich habe sie daher am anderen Morgen, nachdem sie erst etwas geschlafen, und dann um 4 ½ (Uhr) ein Ramadân-Souper bekommen hatten, wieder abziehen lassen, ohne sie auch nur zu grüßen. Eine Anfrage, ob sie mich besuchen könnten, habe ich abgelehnt.

Dafür war der Tag heiß und ruhig und ich konnte viel messen. Die 235 Arbeiter sind fort, nur 5 unglaublich tüchtige Hillenser Meister habe ich hier behalten. Ganz junge Kerle. Den einen habe ich in Shergat (?) noch photographiert, mit seiner Schwester und einem Lamm spielend, alle 3 gleich groß. Jetzt ist die Schwester längst eine geschiedene Frau mit einem Kind, der Bruder Meister: denken Sie, dieser etwa 18jährige Junge arbeitet im August 9 Stunden in der Sonne mit der Hacke, ununterbrochen und fastet dabei die Ramâdan-Fasten! Ist das zu begreifen? Ich habe ihm aber auch monatelang 7 Piaster gegeben, während sonst 5 Piaster (1/4 Medjih) (unleserlich) üblicher Lohn für Meister ist..

Das sind die guten Elemente in der Türkei, die arabischen Bauern und Landarbeiter, und ebenso die türkischen in Anatolien. Aber diese Schicht sind das, was in Ägypten die Fellachen sind: die zahlenden Parias. Alles andere aber ist verdorben von oben bis unten19. Und da keine Aussicht ist, daß jene je an das Ruder kommen, so wird das türkische Staatsschiff ewig von mehr oder weniger großen Gaunern geleitet werden. Miss Bell, die mich auch so haßt und so wirklich geistreich ist, sagt einmal, wo sie das Leben in einer isolierten Qyshla in der Euphratgegend schildert: „If you will reckon up the volume of unquestioning, of (unleserlich), obedience upon floats she ship of the Turkish State, you will wonder that it should ever run aground.” Das ist auch sehr wahr.

Ich hatte den Ottoman(ischen) Lloyd gehalten, habe ihn aber abbestellt: diese üble Türkenverherrlichung und dabei diese in vollem Ernst vorgetragene Summe von Albernheiten konnte ich nicht mehr aushalten. (…)

Ich bin wohl etwas sonderlich. Herzliche Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

82. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 10.9.1911

Lieber Becker,

ich weiß wirklich nicht mehr, schrieb ich Ihnen schon davon, daß hier im Sardáb des Mahdi eine große Tür mit Inschrift des Násir lich illah ist? Jedenfalls habe ich Ihnen noch nicht erzählt, was ich alles angefangen habe um Aufnahmen der beiden Heiligtümer zu bekommen.

Zunächst habe ich schon vom Winter an photographiert, aus der Nähe und Ferne, darunter eine prachtvolle Fernobjektiv-Aufnahme. Eines stillen Morgens bin ich an den Sardât der Mahdi-Moschee gegangen und habe ihre Front und einen schönen Blick auf die benachbarte Goldene Kuppel aufgenommen und mehrere andere solche Bilder. Dann habe ich mir bei jedem Vorbeigehen Skizzen der Frontgrundrisse gemacht, und schließlich meinen früheren Commissar geschickt, Maße für den Grundriß zu nehmen. Dabei ist ein ungefährer Plan der Mashad des Muhammad und ‚Ali (al-‚Eskerniyan) herausgekommen, der den Typus genau zeigt, und nur Fragen 2ter Ordnung offen läßt.

Dann erfuhr ich von einer schönen Tür, von der jeder behauptete, sie sei wo anders; die in Wahrheit im Sardât des Mahdi selbst (ist) und führt von da zu einem kleinen Nebenraum, in dessen Fußboden unter einem Gitter etwas gezeigt wird, vielleicht ein Fußabdruck? Jetzt habe ich durch den Baghdader Redacteur der (arab. Text), den Sheikh Káran eine Copie der Inschrift erhalten, die weder von früherer Commission noch dem großen Antiquar Bedi Bey nicht abschreiben konnten, nicht etwa weil die Inschrift schwer lesbar ist, sondern weil das eine Arbeit ist und solche Leute absolut arbeitsunfähig sind. Aber nun habe ich den neuen Commissar geschickt, die Copie controllieren. Das hat er auf echt arabische Weise getan: er ist zum Kilithár gegangen, auch wegen anderer Fragen, und hat von dem gehört, daß der Sheikh Khirtum (unleserlich) – auch ein Orientale – nicht etwa die Inschrift selbst copiert hat, sondern eine Copie die der Kilithár besitzt, abgeschrieben hat. Da jene Copie fehlerlos sei, sei auch die von Sheikh Karán richtig. Das Original hat sich niemand die Mühe gemacht zu lesen. Aber ich habe wenigstens erreicht, daß mein Commissar eine rohe Skizze der Tür gemacht hat, mit Angabe einiger Maße und des Ortes der Inschrift. (Es folgen Details und eine Zeichnung einer zentralen Rundbogenpforte mit zwei Nebentüren, alles etwa 3,50 m breit). (…)

Für mich ist kein Zweifel mehr: Die Gewölbeconstructionen (der Goldkuppel der Mahdi-Moschee), die nur ein wenig altertümlicher und weniger barock sind als die von Samarra: das ist die erste abbassidische Epoche, Baghdad die 2te in Samarra.

Übermorgen, Dienstag reise ich nach Baghdad, erst an Baghdad vorbei nach Seleukian, dort 1 Tag, dann 1 Tag in Ktesiphon, und dann nach Baghdad. (…)

Ich hatte einen Brief von Eduard Meyer. Er hat mir 1 Jahr weiteren Urlaub beantragt und bewilligt erhalten. Bei meinem Spezialfach käme es nicht auf Dozententhätigkeit, sondern allein auf meine Arbeiten für meine Zukunft an. Deshalb solle ich Samarra ausdehnen, die Rückreise über Mesopotamien machen und in Damaskus sammeln, und alles ohne Überstürzung verarbeiten, letzteres unterstrichen! (Das ist wegen der Überstürzung der Iranischen Felsreliefs, deren Abfassung und Druck durch die Expedition nach Kilikien und die Sarre ’sche Reise so sehr geschädigt wurden.) Er schreibt, wie immer mit voller Offenheit und aufrichtiger Freundlichkeit. Aber ich sehe daraus, daß für die ersten Zeiten noch nichts zu erwarten ist. Denn die Bearbeitung aller dieser Dinge – es ist ja rasend viel: Kilikien, Aleppo, Samarra, Ktesiphon, die Rückreise, Damaskus, die letzte persische Reise- das wird ja Jahre beanspruchen. Da werden Sarre und Bode inzwischen einspringen müssen, notwendigerweise. Denn die Bearbeitung dieses Materials muß ich wirklich in Ruhe machen können, und brauche dazu auch Hilfen, wie Zeichner, Schreibmaschine und Bücher, viel Bücher

Es ist wirklich wunderlich: einerseits freue ich mich darauf, auf die wissenschaftliche Arbeit, in civilisierter Umgebung, nach dem praktischen im Lager hier. Andererseits graut mir davor: hier ist man ein Mensch, und dort wird man wieder Zahl, und eine die verschiedensten Leuten lästig fällt, während dieselben Leute einen, so lange man hier draußen ist, mit Gefühlen seiner Freude nennen hören. Es ist wirklich wunderlich. (…)

Die Türkei ist hoffnungslos. Schrieb ich Ihnen von Dar Berg, dem neuen jungtürkischen Wali, Djemal Bey (von Adana gekommen), ich glaube ja. Die Beamten sollten einen Damin Kapu gegen das Eindringen der Fremden aufrichten. Weniger zeigt so unverhüllt die wahren Gefühle, die die ganze Gesellschaft berauschen (?). Und das als Wali die eine Baghdadbahn und ein Kanalnetz von uns gebaut haben will! Daß das nicht geht sind sie zu kindlich zu verstehen.

Herzliche Grüße Ihr E. Herzfeld.

 

83. Ernst Herzfeld an C. H. B. Baghdad, 27.9.1911

Lieber Becker,

ich danke Ihnen vielmals für Ihren Brief aus Mölln. Er kam, wie sich für wichtige Briefe ge-hört, ganz allein. Und wahrscheinlich wissen Sie gar nicht, was für ein Glück es für mich ist, Sie in Deutschland zu haben. Allerdings hat auch Sobernheim mir einen großen Dienst damit erwiesen, daß er durchgesetzt hat, daß die ganze lange Amida-Besprechung in der OLZ im Septemberheft zusammen erscheint. Ungeheuer neugierig bin ich über Strzygowskis Artikel über die Kairener Grabsteine. Ich kann nichts gutes davon erwarten: das kann nur genau bearbeiten, der die frühe kufische Epigraphik genau kennt. Ohne die Entwicklung der Schrift ist das Ornament unverständlich, ob es nur aus Schriftelementen besteht.

(…Vorschlag Beckers einer Mitarbeit an einem Grundriß der semitischen Philologie)

Für die islamische Kunst ist jetzt endlich viel sicheres altes Material da. Für die aramäischen werden die neuesten Grabungen der Engländer in Djeralis (?) und die von Oppenheim ja auch vieles ergeben. Für die babylonisch-assyrischen wird man schon vieles aus Assur und Babylon verwerten können. Damit kommt man weit über alle früheren zusammenfassenden Werke hinaus.

(…) (Auslassungen über Stzrzygowski) (Affäre Herzfeld wegen Streit mit osmanischen Behörden!)

Der Haupterfolg ist der, daß der dämliche Commissar, der alles eingebrockt hat, sofort durch einen anderen ersetzt ist, den wir von Anfang an haben wollten. Ich thue nun nichts mehr, sondern überlasse alles dem Commissar; wenn dann noch neue Chikanen kommen, so gehe ich direkt an die Botschaft.

Das sind die Freuden hier. In Seleucia hat man mich durch Gendarmen am Aufnehmen verhindern wollen. Ich habe natürlich alles was ich wollte aufgenommen, in dem ich die Gendarmen einen vollen Tag hinhielt. Aber welche Unverschämtheiten und Ärgernisse man dabei auszustehen hat! Von einer Aufnahme der Mustauziriyyah ist nicht die Rede.

(… Hinweis auf beiliegende Bücherliste, 23 Titel, nicht abgedruckt)

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

84. C. H. B. an Ernst Herzfeld Hamburg, 9.10.1911

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich empfing gestern Ihre Briefe vom 21. und 31. August. Der vorhergehende war vom 6.ten. Mir scheint fast, als ob einer dazwischen verloren ging; denn Sie reden von „dem Attentat“ als etwas mir Bekanntem, doch weiß ich von nichts.20 Jedenfalls hat es Ihnen nicht geschadet, nur bedauere ich sehr, daß Sie auf Ihren Nerven so herunter sind. Nach der langen Einsamkeit werden Ihnen die Mitarbeiter sehr wohl tun.

Mit Begeisterung habe ich Ihre zwei Briefe gelesen. Das sind ja großartige Resultate. Balkuwârâ-Manqûr erschließt ja unendliche Perspektiven. Ich habe Ihren Mitteilungen den ganzen Sonntag gewidmet; denn auch mir ist natürlich allerlei dabei eingefallen. Zunächst ist mir klar geworden, warum die Seitenflügel el-kumán „Ärmel“genannt werden. Wenn man nämlich Ihren Plan umdreht, also von der Seite aus ansieht, von der man das Schloß betrat, hat der Grundriß der bebauten Teile die Form eines qamís kumm sadr kumm; ziehen Sie das Ding mal an, dann sehen Sie gleich, warum das Mittelstück „sadr“ und die Seitenteile „Ärmel“ heißen. Wahrscheinlich haben Sie das aber auch schon gesehen.

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kumm sadr kumm

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Dann fiel mir die Túlùnidenstadt el-qatá’i ein: diese ist nichts anderes als eine solche stadtähnliche Palastanlage im Style der Samarraanlagen. Ich habe eben noch einmal die oft gelesene Beschreibung bei Maqrízí durchgesehen. Jetzt wird sie mir klar, nachdem ich Ihren Balkuwârâ kenne. Auch dort der erhöhte medjlis resp. Thronsaal, von dem man alles übersehen konnte und der durch ein riesiges dreifaches Tor zugänglich war, auch dort lauter kleine qatí’as, wo die Truppen und Handwerker wohnten, während die Räume beim medjlis für die chawáss und den barím bestimmt waren. Leider fehlt auch hier eine übersichtliche Beschreibung; es werden allerdings mehr Tore genannt, aber man weiß nicht, ob damit nicht auch innere Tore bezeichnet werden. Die Anlage scheint ebenfalls quadratisch gewesen zu sein, eine Meile auf eine Meile21. Ausführlich wird ein meidán beschrieben für das Polospiel. Das ist wohl auch der Zweck der freien Plätze in Balkuwârâ. Die ganze Anlage außerhalb Fustát ist sonst gar nicht zu erklären. Bedenken Sie nur, daß Ibn Túlún in Samarra aufgewachsen war. (Bei dieser Gelegenheit fand ich – was Sie in anderer Hinsicht interessieren wird – daß über dem báb el-sibá zwei wilde Tiere dargestellt werden. Wer denkt da nicht an Amida? Vielleicht hat das aber Berchem schon irgendwo gesagt.)

Doch nun zu Ihrem Mas’údiText. Ich lege ihn bei. Der „Pavillon“ heißt riwáq – das bekannte Wort. Ich habe zu Ihrer Orientierung aus dem Lisán einiges über riwáq herausgeschrieben. Sie werden sehen, wie gut das zu Ihrem Balkuwârâ paßt. Ich gebe eine Übersetzung des Mas’údi nur, wo ich von der Ihren abweiche.

    • „bekannt als el-Hírí und die beiden Ärmel und die Riwáqs“…
    • alá súrat el-harb wa hai’athi gehört zusammen: nicht nach der Art einer Schlacht, sondern nach Form und Aussehen eines Kriegs(lagers).22
    • „Der Riwaq war der Empfangsraum des Fürsten und er war das Bruststück des hemdartigen Gebäudes und die beiden Ärmel waren zur Rechten und zur Linken. In beiden Gebäudekomplexen d.h. in den beiden Ärmeln“ usw. …
    • Sehr schwer ist die Beschreibung des riwáq zu übersetzen, noch schwieriger zu verstehen. Grammatisch kann man wohl nur übersetzen: „Der zum Riwáq gehörige freie Platz berührte (war gemeinsam) das Bruststück, die Ärmel und die drei Tore, die zum Riwáq führten.“
    • „Die 3 Tore usw.“ sind kein selbständiger Satz; sie gehören zum Hofe. Etwas freier kann man dann übersetzen: „Zum Riwáq gehörte ein Hofraum, der an Zentralbau und Flügel angrenzte. Auch waren dort die 3 Tore, durch die man den Riwáq betrat.“
    • Das unglückliche und vage Wort amma läßt sich nicht präzis wiedergeben. Es könnten hier die 3 Tore zu den salles d’honneur ebenso gemeint sein, wie das dreifache innere Tor zum Riwáq. Jedenfalls ist die Stelle eine glänzende literarische Parallele zu Ihrer Ausgrabung. Großartig paßt die Castrumartige Anlage zu den Zwecken der ganzen Samarragründung: Der Fürst umschlossen von seiner treuen türkischen Leibwache. (…)

Vom 16.(10.) ab bin ich dann in Cuxhaven. Was soll der Mensch jetzt über moderne Orient-politik23 sagen? Schreiben Sie mir doch recht bald über die Wirkung, die der Krieg auf die dortigen Muhammedaner ausübt. Vielleicht können Sie mir ein kleines Stimmungsbild für den Islam geben. Für den Fall, daß Sie einen Bericht über die Ausgrabungen einsenden, würden Sie mir wohl die Korrektur überlassen. Ich würde ihn natürlich umgehend abdrucken. Hoffentlich hat der Krieg keinen Einfluß auf Ihre Ausgrabungen. Es war doch wirklich ein sehr guter Gedanke, Samarra in Angriff zu nehmen. (…)

Grüßen Sie Sarre und gratulieren Sie ihm zu dem Erfolg seiner Grabung. Vor allem aber sorgen Sie für Ihre Gesundheit. Schlafen Sie mehr und bleiben Sie nicht zu lange draußen. Unter allen Umständen sollten Sie es einrichten, am 25. März (1912) in Athen zu sein, wo wir uns zum Orientalistenkongreß treffen könnten. Dieser kleine Abstecher ist ja von Damaskus aus leicht zu machen. Wenn der Krieg allerdings andauert, wird der Kongreß wohl abgesagt werden. Es war sowieso ein unglücklicher Gedanke, ihn in Athen abzuhalten.

In freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB)

 

85. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 17.10.1011

Lieber Becker,

eigentlich habe ich nichts zu schreiben, möchte Ihnen aber wieder einmal erzählen.

Seit ich mit Bastus aus Baghdad zurück bin, haben wir uns ausschließlich mit dem Ablösen der Wanddecorationen beschäftigt. Ich habe dabei einige Muße und benutze die zu weiteren Aufnahmen. B. arbeitet sehr fleißig und geschickt. Er ist ja darin die einzige Autorität. Aber eines ist mir vollkommen klar: eine solche Arbeit macht man nur für sich selbst, nicht für die Türken. Ehe ich ein Stück davon nach C(onstantinopel) gehen lasse, packe ich alles wieder aus und ruiniere es damit. Die Hauptkunst ist doch die, so zu packen, daß nicht nur kein weiterer Bruch entsteht, sondern daß auch die Bruchkanten nicht beschädigt werden, und dann vor allem, daß alle zusammengehörigen Teile auch beisammen bleiben. Dann können die Originale in vollkommener Weise wieder zusammengesetzt werden. Es werden täglich etwa 5 bis 6 qm abgelöst. Und schon steht eine ganze Halle voller wohlverpackter Bündel da. (…)

Diese Abfälle und die Gipsabdrücke werden genau so verpackt, wie die Originale, und für jedes solche Bündel verschwindet ein wirklich gutes Bündel als angeblicher Gipsabguß in einer Kiste. (…)

Man muß bei allem bedenken: Was wir hier an Ort und Stelle lassen überlebt nicht einmal mehr diesen Winter, und was nach Constantinopel geht, könnte lieber gleich in den Tigris geworfen werden, denn davon, daß die jene Sachen aufbauen könnten ist keine Rede: dazu muß man meine persönliche Kenntnis der Decorationen, meine Zeichnungen und meine Photos haben. Die kriegen die Türken aber nur unter einer Bedingung: daß sie uns alle Originale freiwillig gäben, und dann bräuchten sie jene Hilfsmittel nicht mehr. (…)

Von den großen politischen Vorgängen höre ich fast nichts Kaum eine einzige Welle zieht ihre Kreise bis in meine Einsamkeit. Meine Nachrichten sind alt, aber nach ihnen habe ich die Empfindung, daß uns da am Mittelmeer wieder ein großer Moment verloren geht, und daß das was uns zufällt wieder in keinem Verhältnis zu der Macht steht, welche Deutschland repräsentiert. Sehr gelungen sind die Auffassungen der Türken über die Tripolis-Affäre.

  • Zunächst zählen sie auf, was ihnen in den letzten Dezenien alles verloren gegangen ist. Ich konnte mich nicht enthalten, einem netten Obersten hier (Araber von Geburt) zu erklären, daß die Gründe auch dafür wirtschaftlich seien, und daß ihnen sicher Mesopotamien auch allmählich abhanden käme, wenn sie es nicht fertig brächten, es zu cultivieren; daß solche wundervollen Länder heute eben nicht mehr brach liegen könnten.
  • Das zweite ist immer, daß sie die schnelle Kriegserklärung und das sofortige Eingreifen als Bruch der völkerrechtlichen Formen betrachten, wogegen die anderen europäischen Mächte protestieren oder einschreiten müßten, also diene eine Kriegserklärung dazu, dem Gegner einige Wochen Zeit zur Vorbereitung zu lassen. Dann komme das Bedauern, daß man keine Bahnen und keine Schiffe, und also keine Möglichkeiten hat zu kämpfen.
  • Mir wurde eines dabei klar: wenn England, wie gestern Italien, Schiffe nach Basra schickt, so gehört ihnen(?weggelocht) das südliche Mesopotamien ohne Pulverschuß, und keine Macht der Welt kann was dagegen thun. Aber ebensosehr bin ich überzeugt, daß die Engländer das nicht thun werden, weil sie mit ihrem anderen Besitz schon genug Sorgen haben. Wohl aber werden sie mit allen Mitteln diese dominierende Stellung erhalten, die ihrem Handel fast ebenso nützt, wie wenn sie das Land besäßen. Allerdings würde es ja nur durch den Besitz hohen Wert erhalten. Denn das sehe ich auf Schritt und Tritt: die neuen Türken sind absolut ebenso unfähig das Land zu entwickeln wie die alten. Und ihr unbeschreiblicher Hochmut ist noch ein Manco mehr.

(…) Es ist ganz gut, daß Sie mir schon so früh von dem Plane des „Grundrisses“ Mitteilung gemacht haben. Solche Sachen wollen doch endlos durchdacht sein, und ich beschäftige mich jetzt manchmal mit dem prinzipiellen Gedanken über die semitischen Künste. Es kommen da merkwürdige Parallelen heraus: im Grunde glaube ich beinahe, sind alle Semiten unkünstlerische Völker.24 Was wir babylonische, assyrische, aramäische, islamische Kunst nennen können, ist alles auf fremdem Boden erwachsen:

  • die babylonische auf der vorbabylonischen, sog. sumerischen,
  • die assyrische teils auf dem babylonischen, zum großen Teil auf dem Grund des Kunstkreises, der die hettitischen und anderen kleinasiatischen, wie die nordpersischen Völker umfaßt,
  • die aramäische in älterer Zeit auf dem hettischen, ägyptischen und babylonischen, in jüngerer auf hellenistischem Boden, und schließlich
  • die islamische auf späthellenistischem Grunde.

Wo die Semiten isoliert waren, haben sie fast nichts hervorgebracht, so die Juden, Karthager und die Südaraber, auch da nur in Anlehnung sei es an Ägyptisches, sei es an Babylonisches. Etwas hingegen, was man im allgemeinen orientalisch nennt, scheint mir wirklich semitisch zu sein: das starre Festhalten an künstlerischen Prinzipien, durch Jahrtausende hindurch;25 das ist etwas, wie es in den semitischen Sprachen vorliegt, die ja im Verhältnis z. B. zum Indogermanischen so wenige Veränderungen aufweisen. Ich hatte mir so oft gedacht man sollte einmal photographierender im Lande herumreisen, und eine photographische Illustration der ganzen Bibel ausführen. Das wäre ganz leicht. Und daß so etwas möglich ist, daß man hier überall dieselben Formen des Lebens antrifft und auch dieselben (unleserlich)schen oder tragischen Momente und Situationen, das erscheint mir semitisch. Sehen Sie die Juden: welcher himmelweite Unterschied ist zwischen einem Lord Sassoan oder Baron Rothschild, und einem kleinen jüdischen Händler in Samarra: und doch die Grundeigenschaften ihrer Charaktere sind so verwandt, wie man es auch bei anderen Völkern unter so grundverschiedenen äußeren Bedingungen kaum wieder findet. Das sind scheinbar semitische Charaktere. Ich bin sonst immer sehr skeptisch, wenn man von Charakteren eines Volkes spricht, weil bei dem heutigen Individualismus in einem Volk natürlich alle Charaktere vertreten sind, und das Aussuchen des für typisch Erklärten meist sehr willkürlich ist. Aber es gibt zweifellos

Rassencharaktere, und bei den semitischen Völkern scheint mir da eine viel stärkere innere Verwandtschaft und Unwandelbarkeit vorzuliegen, als bei anderen Rassen.

Die Idee der Abfassung einer solchen Kunstgeschichte wird mir immer fesselnder. Sie hat einen doppelten Vorzug in einem doppelten Gesichtspunkte: nicht nur die Entwicklung dieser Künste an sich darzulegen, sondern sie zugleich richtig als semitische zu erfassen, d.h. doch schließlich, das zu erkennen, was lediglich von dem Weiterschreiten der Zeit abhängt, und das was von dem Wesen der ausübenden Völker abhängt. In allen Fällen scheint mir das Substrat an sich ein vorhandenes, gegebenes, von anderen vorbereitetes und großen Teils geschaffenes zu sein. Und die Frage ist, was haben die verschiedenen semitischen Völker aus dem vorhandenen Schatz an Kunst gemacht? Daraus müssen sich notwendig interessante psychologische und kulturgeschichtliche Folgerungen ergeben. Mir ist die Beschäftigung mit Kunst von solchem Gesichtspunkt aus eigentlich neu, ich meine, daß ich selbst eigene Untersuchungen in diesem Sinne mache. Bisher habe ich eigentlich immer nur zeitliche und örtliche Bestimmungen von Kunstwerken vorgenommen. Das sind doch nur Vorarbeiten. Eine solche Geschichte der Kunst der semitischen Völker würde viel weiter eindringen in das Wesen der Kunst und sich außer den zeitlichen und örtlichen Bestimmungen mit den Kräften befassen, die da schöpferisch oder meist nur entwickelnd thätig waren. Ich kann mir etwas sehr Schönes unter einer solchen Arbeit vorstellen! (…)

Herzliche Grüße und schreiben Sie mir mal wieder neues von der Welt. Ihr Ernst Herzfeld.

 

86. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 26.10.1911

Lieber Becker,

Gewiß haben Sie recht, daß ich die Einwirkungen des Ostens auf Ägypten unterschätze, aber das ist Absicht: es ist in Wahrheit recht anders als Strz(ygowski) es früher darstellte, und daher wollte ich erst seine Darstellung scharf negieren, aber es ist mir schon heute und schon lange ziemlich klar, daß da sehr beträchtliche Kräfte wirken. Hauptsächlich mußte diese Qualle von Begriff „Persien“ beseitigt werden: das ist mal eine Epoche, mal ein unbestimmtes Land, mal eine künstlerische Kraft. An jeder Stelle etwas anderes.

In Photographien von Guyer bekam ich sehr interessante von Bipá’ah dicht bei Aleppo, eine Moschee mit Minarett, Stil Neshaktá-Hassân-Diyabakir. Ein Gesims: das unmöglich antik sein kann und in dem schönen Tiefschnitt jener Bauten ornamentiert ist (Skizze, von mir nicht abgedruckt). Ein Übergangsstück von Antike zu dem Minarett des Malik shah (um 839) in Aleppo; sehr wertvoll. (…)

Über den „Grundriß“ rede ich mit Niemandem. Aber hoffentlich zerschlägt sich der Plan nicht. Mit vielen Grüßen Ihr ergebenster Ernst Herzfeld.

 

87. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Hamburg,) 28.10.1911

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

(…) Die Schikanen, die Sie mit den türkischen Behörden haben sind allerdings höchst bedauerlich und nur allzu orientalisch. Ich habe bei meinen jüngsten Vorträgen über moderne Orientpolitik in Cuxhaven auch von Ihren Erfahrungen reichlichen Gebrauch gemacht, als ich die inneren Schwierigkeiten des jungtürkischen Regimes schilderte. (…)

Ich habe Ihnen wohl geschrieben, daß Littmann in seiner Kritik der ersten Nummer des Islam über Ihre Arbeit gesagt hat, daß er noch keinen so ausgezeichneten Aufsatz über islamische Kunst gelesen hätte wie den Ihren. (…)

Mit allen guten Wünschen und freundlichen Grüßen, auch an Professor Sarre, Ihr wie stets herzlich ergebener (CHB)

 

88. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 15.11.1911

Lieber Becker,

(…) Ich habe Ihnen zufällig die Attentatsaffäre nicht erzählt, ich habe sie so oft geschrieben, daß ich dachte, Sie hätten Sie auch bekommen. Davon einmal mündlich: es war nichts Typisches, auch ein Zufall: ein Beduine, der glaubte, ich wolle ihn verhaften! Aber es zeigte die absolute Ohnmacht der Regierung; den Mann, den ich persönlich festgehalten hatte, konnten sie nicht einmal verhaften, noch sonst etwas thun, einfach aus Angst und Wehrlosigkeit. (Randbemerkung: Guyer schrieb mir darauf: Wie viele werden Sie um dieses Erlebnis beneiden! Können Sie es nicht als solches an Oppenheim verkaufen? Der zahlt sicher ein Vermögen dafür!) Ich habe jetzt noch eine viel ärgere Affäre: in Dur haben mich die Eingeborenen, von einem Seyid aufgewiegelt, mit Gewalt aus dem Grabmal herausbringen wollen, wo ich die 5 kufischen Inschriften abzeichnete. Ich habe daher keinen Abklatsch und keine Innenphotos machen können. Den Seyid habe ich verklagt, da aber Bedrohung nach hiesigem Recht ohne Waffengebrauch nicht existiert und versuchte Körperverletzung nicht unter Strafe steht, so ist keine Aussicht auf Erfolg, noch dazu bei dem Fremdenhaß den die Jungtürken aus Popularitätshascherei lehren und ihrer bewußt bigotten Hätschelung aller muslimischen Dunkelmänner. Schreckliches Re(unleserlich). (…)

Man kann thatsächlich nicht mehr in diesen Provinzen wissenschaftlich arbeiten. In Dur kam es zu einem Skandal. Ich war – nun schon das xte Mal – dort, das Grab war offen, wir drin, der Sheikh anwesend und bekam einen (unleserlich). Als ich an der 4ten Inschrift arbeitete, sammelten sich die Leute, ein Seyid wiegelte sie auf und wollte mich von der Leiter werfen (4 ½ m hoch). Der Zabtish war ein kurdischer Esel. Am 2ten Tag blieb das Grab geschlossen; ich schickte einen Boten nach Samarra (30 km) und ließ den Commissar und 2 Zabtishs kommen – und wir haben nicht erreicht, daß wir die Aufnahme beenden konnten. Nur der Bau ist auf der Grabungskarte verzeichnet und die Conzession des Ministerium des Krieges, des Inneren, des Cultus und dem Wayat genehmigt! Jetzt habe ich jenen aussichtslosen Prozeß, eine Beschwerde über die Passivität der Behörden und eine telegraphische Bitte an die Botschaft, eine specielle Erlaubnis durchzusetzen. Wahrscheinlich alles 3 erfolglos.

Der Krieg wirkt gar nicht. Wahre Nachrichten kommen nicht durch. Ab und zu unerhörte Siegesdepeschen: 25 000 Mann kriegsgefangen, 5000 Tote italienischerseits, auf der Seite der Türken 300 000 Senussi26! Man feiert dann Feste und man sammelt für eine Flotte. Der reiche Nagib von Basrah hat 10 000 (Türkische Pfund?), ein reicher Ägypter 25 000 gestiftet, auch aus Indien kämen Gelder. Dagegen hätten die Juden von Baghdad den Italienern 40 000 Pfund geschickt und Enver Bey, dieser kurdische Nationalheld, Berühmtheit des Esplanade-Hotels, telegraphierte aus Tripolis: wenn letzteres wahr wäre, müßten alle Juden in Baghdad umgebracht werden. Darauf Depeschen an die Alliance und nach Constantinopel. Und andere Kindereien. Man erstaunt immer wieder, wie kindlich diese Leute, große und kleine noch sind.

Nein, ich werde Ihnen kein Stimmungsbild aus der Türkei schicken, es wäre gefährlich: früher habe ich immer gesagt, man unterschätze die Türkei als militärischen Faktor. Heute nicht mehr: die Heeresreorganisation ist eitel Blendwerk und unverstanden und unangepaßte Nachahmung europäischer Einrichtungen. Die einmal gekauften Uniformen sind schon heute wieder zerlumpt, und die meisten gehen wieder nach Belieben gekleidet. Das jungtürkische Regime ist so unmäßig hochmütig, daß seine Dauer mir vollständig unmöglich erscheint. Die Reaction wird bald eintreten. Der Islam wirkt überall als Hemmungsmittel – das große Problem die Religion mit der Gegenwart in Harmonie zu bringen, dämmert in keinem Kopfe hier auf. Man sucht im Koran eine Bestätigung für die Ergebnisse der Naturwissenschaften, und wo diese naturgemäß fehlt, da tröstet man sich damit: man wird es wohl nicht so genau wissen.

Und dann liegt es doch heute so: ein Land, das so klein ist, das es ohne menschliches Zutun sich selbst pro (unleserlich), kann heute nicht mehr lange tot liegen bleiben. Der Bedarf an Brot in der Kulturwelt ist doch eine Macht, die stärker ist als eine türkische Armee und stärker selbst als der Islam ist. Die Frage ist: können die Türken dies Land cultivieren. Ich muß nach ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart ohne Zögern „nein“ sagen. Und dann werden sie nicht nur Tripolis und Kreta, sondern auch Mesopotamien in einer absehbaren Zeit verlieren.

(…) Es sind noch herrliche Tage, wie bei uns Anfang September, hoffentlich noch eine Weile lang. In etwa 10 Tagen haben wir alles unter Dach und Fach, und auch neue von der Stadt weitliegende Aufnahmen werden dann beendet sein. Dann können wir uns einwintern. Das Haus ist behaglich zurechtgemacht, und alles voller Teppiche, mit Kaminen, und für 300 Mark Eichenholz. Die Lampe geht aus. Morgen Schluß.

(…) Herzliche Grüße Ihres ergebensten Ernst Herzfeld

 

89. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad (Hamburg,) 16.11.1911

(Maschinenkopie)

Lieber Freund!

Heute nur einen ganz kurzen Gruß. Neue Nachrichten sind von Ihnen inzwischen nicht eingetroffen. Ich sende Ihnen nur einliegend Littmanns Besprechung des Islam mit den freundlichen Äußerungen über Sie. Seien Sie bitte so freundlich, mir diese Besprechung zurückzusenden, da ich nur diesen einen Abzug besitze.

Ihre jüngste Handschriftenliste habe ich noch einmal gründlich durchgenommen. Es ist so, wie Sie befürchten: es sind keine sehr bedeutenden Sachen. Am meisten interessieren noch die folgenden, die Sie bei billigen Preisen – je nach Umfang je 40 bis 60 Francs erwerben können. (Liste nicht aufgeführt)

Littmann hat sich sehr gefreut, daß Sie am Grundriß (der semitischen Philologie) mitarbeiten wollen. Er ist jetzt endlich von Amerika zurückgekehrt und wir denken in den nächsten Tagen unseren Grundrißplan definitiv fertig zu stellen. Das Islamheft wird etwa am 18. oder 20. erscheinen. Schreiben Sie mir nur nach seinem Empfang sofort, was Sie über den Strzygowski’ schen Aufsatz denken und wieviel Platz ich Ihnen reservieren soll.

Sonst habe ich Ihnen heute nichts Neues zu berichten.

Ich habe schrecklich viel zu tun und muß mich deshalb kurz fassen.

In freundschaftlicher Gesinnung wie stets Ihr getreuer (CHB).

 

90. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 29.11.1911

Lieber Becker

Heute geht eine Depesche an Sie ab, die vermutlich zu spät kommt; ich bitte Sie in dem persönlichen Pamphlet gegen Strzygowski die Bemerkung über Miss Bell zu streichen. Es hat damit eine merkwürdige Bewandtnis: ich hatte heute einen 12 Seiten langen ganz einzigarti-gen Brief von Miss Bell. Ich hatte noch nie einen so reizenden Brief gehabt. Veranlaßt durch die Amida– Besprechung in der OLZ schreibt sie: „It is a brilliant piece of work and it clears the groseur (?) usf. Dann spricht sie lang über unsere Differenzen in einer wirklich netten und sehr geistreichen Form. Sie rückt weit von Strzy(gowski) ab. Sie sagt, sie habe ihn vor vielen Fehlern in Amida gewarnt, vor dem Persian cruciform und vielem anderen, aber umsonst. Strzygowski halte im November einen Vortrag in London, zu dem ihm Miss Bell Photos gegeben: „but I have not the last idea what he will make of them. And I must disclaim all responsability for what he says about them. His opinions are his own, not mine.” Ich hatte das nie erwartet. Das ist vielleicht der größte Erfolg meiner Recusion. (…)

Die Verhältnisse werden immer schwieriger hier. Und nicht nur hier. Gegen den alten Conze sind diese Kerle aufgetreten, daß sich Habib und der Unterrichtsminister entschuldigen mußten. Der Wali ist nach Babylon gegangen, hat sich von Bardi Bey (perfectem Ignoranten) führen lassen, Koldewey geschnitten und hinterher beim Abschied verlangt, Koldewey solle in seinem Gefolge reiten. Der hat natürlich verzichtet. Außerdem wollen die sog. Abgeordneten gegen das Gesetz Furk (?unleserlich) haben! Große Krise! Nichts wird sich hier bessern, bevor die Türkei gehörig was auf den Kopf bekommt, und ich bedauere unendlich, daß man das in Deutschland gar nicht begreift. Man muß nicht etwa denken, daß die deutsche Presseparteinahme für die Türken einen Deut nützte. Wir werden genau so gehaßt, wie alle anderen Franzis.27

Lieber keinen Artikel über die Türkei. Meine Landrückreise wird wohl nicht stattfinden, trotzdem Berchem immer neues schickt, und wohl noch nie eine Reise so vorbereitet. Aber schließlich, die 2te Samarra-Campagne ist gesichert, September 1913-Mai 1914, also eine Gelegenheit für die Reise bald machen. Nur habe ich zu viel Material. Vielleicht gehe ich kurz nach Persepolis. Die englischen Truppen in Shiraz sichern das Land, und ich bekomme englische Empfehlungen. (…)

Herzliche Neujahrsgrüße Ihr Ernst Herzfeld.

 

91. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad (Hamburg,) 2.12.1911

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld

Ihren Brief vom 26. Oktober habe ich mit Dank erhalten. Inzwischen ist nun auch das Islam-Heft erschienen, und ich brenne auf Ihre Ansicht über Strz(ygowski)s Aufsatz. Mit meiner Kritik werden Sie ja wohl zufrieden sein. Um Ihnen zu zeigen, wie andere unparteiische Leute über den Streit zwischen Ihnen und Strz(ygowski) denken, sende ich Ihnen, natürlich nur zu vertraulicher Benutzung, einen Auszug aus einem Briefe Nöldekes an mich. Ich hoffe nur, daß Sie nun Ihrem Versprechen im Islam nachkommen und sich an dem Gezänk nicht mehr beteiligen werden. Vermeiden Sie in der ja doch unvermeidlichen Auseinandersetzung jegliche persönliche Bemerkung und geben Sie evtl. das Recht, bei der Korrektur gelegentlich mildern zu dürfen, wenn Ihnen doch noch einmal ein spöttischer Ausdruck entschlüpft. Rein sachliche Artikel von Ihrer Seite könnten jetzt den allergrößten Eindruck zu Ihren Gunsten machen. Die Schale Ihres Spottes haben Sie sowieso genügend über Strz(ygowski) ergossen. Lassen Sie sich jetzt durch seine neuen Anzapfungen nicht wieder irritieren und zu ähnlich abgestimmten Antworten bewegen. Ich rate Ihnen wirklich freundschaftlich in dieser Sache. Ich fürchte nur, Strz(ygowski) wird in Ihrer Anerkennung evtl. sassanidischer Elemente ein Einlenken in seine Bahnen sehen, deshalb war es gut, daß Sie in Ihrer Amidakritik eine gewisse Berechtigung der Strz(ygowski)’ schen Thesen anerkannt haben. Diese gewisse Berechtigung unterstreiche ich auch, wie Sie gesehen haben in meinen Arbeiten, denn z. B. die Existenz des Hadith hat eine sehr starke Mischung östlicher und westlicher Elemente zur Voraussetzung, die sich schon vor dem Islam angebahnt haben muß, und auf anderen Gebieten gibt es ähnliche Beispiele. Sollte es auf dem Gebiet der Kunst allein anders sein? Die Mischung fängt nicht erst mit dem Islam an, sie erreicht allerdings in der Umajjadenzeit ihren Höhepunkt. Ich glaube, daß wir beide, Sie und ich, im wesentlichen einer Meinung sind, aber hüten Sie sich, wie ich es tue, bei der Widerlegung Strz(ygogwski)’scher Übertreibungen nach der anderen Seite hin übers Ziel zu schießen. (…)

Mit herzlichen Grüßen, auch an Sarre, in freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB).

 

92. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 7.12.1911

Lieber Becker,

(…)

Denken Sie: Sarre ändert doch immer alle Dispositionen. So werde ich schon in allernächster Zeit, wohl noch vor Weihnachten abreisen und Anfang Februar in Berlin sein. Seine Gründe sind diesmal vollkommen richtig. Er ist offenbar sehr befriedigt von allem hier, den Grabungen, den Ergebnissen, der Art unseres Lebens, der geringen Kosten (unter Kostenanschlag). Nun sagt er: die Funde, speziell die Wanddecorationen sind so bedeutend, daß die Originale keinem Risico ausgesetzt werden dürfen (108 verpackte Bündel, einiges unverpackt, ca. 300 qm). Es gibt keine Möglichkeit, daß die Türken sie in Constantinopel aufstellen oder überhaupt bis C(onstantinopel) brächten. Natürlich müssen wir versuchen, alles zu bekommen. Da das aber mißglücken kann, so müssen vorher tadellose Formen von jedem Stück und eine Anzahl Abgüsse genommen werden. Das erfordert außer Barter noch einen Großformer und daß wir das gute Material an Ton, Gips, Leim etc. aus Berlin beschaffen, eine Arbeit von 4-5 Monaten. Andererseits ist die Fortsetzung der Grabung so wichtig, daß sie nicht durch einen Exportversuch aufs Spiel gesetzt werden darf. Also kann das erst nach Ende der ganzen Grabung unternommen werden. Bis dahin werden hier andere Beamte sein und unsere Uninteressiertheit wird in zweifelsfreie Beleuchtung gerückt, wenn wir jetzt mit leeren Händen abreisen. Und die Grabung muß daher schnell zu Ende geführt werden. Keine Pause von 1 ½ Jahren bis zur 2ten Campagne, sondern diese gleich anschließen. Und mit Hilfen: Eisenbahn und Geometer für die Stadtplanaufnahme28 (ich denke an Nöldeke, gegen den aber S(trzygowski?) von München her ein Vorurteil hat).

Also reise ich schnellstens zurück, um das alles zu besorgen, und mit dem Ziel im August (1912) schon wieder hier zu sein und vom 1. September 1912 bis Ende Mai (1913) die 2te Campagne zu beenden. In der Zwischenzeit wollen wir einen kurzen Bericht (wie Wiegand über seine Grabungen) möglichst in den Mitteilungen der Akademie vorlegen. Dann muß ich noch das Cap(itel) Ktesiphon für das Reisewerk, eventuell auch noch Baghdad abfassen. Das Material ist ja dazu fast fertig vorbereitet.

(…) Jetzt sehe ich für Damaskus nur die Möglichkeit, daß ich meine Besorgungen in Berlin und die Schreibereien bis Ende April fertig stelle und dann Mai-Juni nach Damaskus gehe. Im Juli werden es Mittwoch und Sobernheim nicht mehr aushalten. Dann habe ich Juli-August noch drei Wochen für die Fahrt durchs Rote Meer und den Persischen Golf! Könnte noch 3 Wochen für eine Tour von Bushir nach Persepolis verwenden, wäre 1. September in Samarra. Von hier aus würde ich die Gelegenheit abpassen, etwa 6 Tage in Paikuli zu arbeiten, und könnte dann im Sommer 191229 durch Mesopotamien zurückkehren. Dann hätte ich alles, was ich wünschte, und es bliebe nur der Wunsch, lange Zeit den Orient nicht mehr zu sehen. Aber Sarre plant noch andere Grabungen: Ktesiphon – Seleucia, oder in Persien! Cura posterios.

Vom Sommer 1912 an könnte ich systematisch an den großen Publicationen arbeiten: Samarra, Aleppos, Damaskus, Cilicien, noch mal Persepolis, und dann auch jene Kunstgeschichte. Und bis dahin könnte ich noch viel studieren und Bücher lesen, was ich sehr nötig habe.

So stellt sich mir jetzt mein Programm für die nächsten 1½ Jahre dar. Vielen wird das als ungeheuer verlockend, interessant, geradezu aufregend interessant erscheinen. Daß es fürch-terlich schwer ist, werden Sie sich vorstellen können. Früher erschienen mir 1 ½ Jahre eine Ewigkeit, heute sehr kurz. Die drei oder fünf Monate in Deutschland werde ich vielleicht z.T. in Badeorten zubringen.

Mit Dam(askus) liegt es so: ich will natürlich nicht der Grund sein, daß jene Aufnahme nicht geschieht. Geht es ohne mich, dann ist es gut. Zwingen äußere Gründe – z. B. Krieg – zum Verschieben, dann wäre es auch gut. Sonst muß ich sehen, Anfang Mai, evtl. Ende April, disponibel zu sein. Ich sehe ziemlich trübe in diese aussichtsreiche Zukunft, und werde mir alles in den 25 Tagen Wasserfahrt, die mir bevorstehen, noch hundertmal hin und her überlegen. (…)

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

93. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 20.12.1911

Lieber Becker,

(…) Sarre hat wieder andere Pläne. Auf Spaziergängen fällt ihm immer was ein, was alte Maßnamen umstürzt. Ich habe schwere Mühe, dann wieder auf den ersten Plänen zu bestehen, und muß ihm immer alles als seine eigenen Absichten beibringen. Also bleibt es zunächst bei dem schnellen Schluß und der Rückreise. Morgen geht schon das große Gepäck nach Baghdad mit Bartus. Aber wir reiten eventuell zurück, über Hatra – Kar Kanish – Aleppo, etwa 25 Tage. Jedenfalls hoffe ich Anfang Februar (1912) in Berlin zu sein. Die Reise würde meine Rückreise hierher im Sommer (1912) vereinfachen: ich hätte dann eine neue Route, die meine alten alle verbindet, hätte Hatra, Harrân und Oppenheims Grabungen gesehen, und könnte auch im Hochsommer über Aleppo, zu Wagen nach Djabarkir und zu Floß über Hisu Karf – Djairah – Mosul hierher reisen. Mehr will ich vom Orient nicht. Wenn Samarra zu Ende ist, die Funde nach Basra transportiert und von Bushir einen Abstecher nach Persepolis. Auch ein gutes Programm (…)

Der Händler ist ein Gauner, wie alle Leute hier. Ich habe neulich ausprobiert, das klingende Münze noch ebenso zieht, wie unter dem alten Regime, besonders wenn man die Goldstücke während der Unterredung in der Hand hält. Gräßliche Erfahrungen

Mit vielen Empfehlungen Ihr Ernst Herzfeld.

 

94. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 29.12.1911

Lieber Becker,

hier finde ich eben ein leeres Couvert mit Ihrer Adresse, und schreibe Ihnen noch schnell ein paar Zeilen, die letzten von hier.

Die Commission ist fort, Sarre ist fort, Bartus ist fort, nur der alte babylonische Commissar, Bedi Bey ist leider noch bei mir. In seiner Dummheit hat er mir noch zum Schluß die Abreise verdorben, indem er sich in die Verhandlungen mit den Kutschern mischte und wegen eines Thalers die 3 Wagen auf- und davonfuhren. Jetzt kostet es mindestens 6 (Türkische Pfund) mehr, außer der Verzögerung. Ich habe nur einen Wunsch: weg von hier. Die letzte Zeit mit Sarre war nicht gerade geeignet, meine Nerven zu beruhigen. Er ist solchen Situationen wie sie hier herrschen absolut nicht gewachsen, und ich hatte außer den fortwährenden Sorgen und Ärgernissen auch noch ihn zu beschwichtigen und womöglich mich gegen unangebrachte Vorwürfe zu verteidigen. Ich wäre zuletzt zu Lande zurückgereist. Da er aber in diesem Fall mit mir reisen wollte, mußte ich es aufgeben. Ich hätte das nicht mehr ausgehalten.

Nach dem alles hier zu Ende ist, kommt mir der Weg, den wir auf Sarres Verantwortung hin beschritten haben, doch sehr bedenklich vor: alles Material hiergelassen!

Und wer weiß, ob die politischen Verhältnisse die Fortsetzung der Arbeit gestatten. Um Ihnen einen Begriff von den hiesigen Zuständen zu geben, erzähle ich nur, daß Bedi auf mein Drängen gestern noch zum Qadi und Mufti gelaufen ist, um von denen zu erreichen, daß unsere Wächter nicht sofort nach meiner Abreise verhaftet werden. Bedi hatte ich für diesen Fall mit einem Skandal gedroht.

Wenn ich die Summe dieses Jahres ziehe – ich war nun genau ein Jahr in Samarra selbst – so waren ja die wissenschaftlichen Resultate großartig, überraschend, – und hätten viel besser bearbeitet und zu Tage gebracht werden können, wären nicht die fortwährenden Chikanen gewesen. Sonst aber ist die Summe reiner Ekel. Ein Jahr lang sich als Verbrecher tractieren lassen, von lauter Lumpengesindel. Nun möchte ich wohl, bevor ich als Arbeiter in der Berliner Sumpf versinke, noch einige Wochen als Philosoph leben. Um mal wieder zu mir selbst zu kommen. Ich bleibe vielleicht doch noch einige Wochen irgendwo im Süden.

Das nächste Mal werden Sie wohl von mir aus Cairo hören.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.


1912


95. Ernst Herzfeld an C. H. B. An Bord der Madjrich, zwischen Kut und Amárnah, 11.1.1912

Lieber Becker

Ihr Brief mit der Abschrift von Nöldekes Urteil über den ekligen Zank mit Strzyg(owoski) war der letzte Brief, den ich in Baghdad erhielt.

Ich fahre hier den dritten Tag auf dem Tigris. Ich als einziger europäischer Passagier, das Schiff voller Araber, Kurden, Perser, Luren, Bahrainis, Hindus, indischen Muslims usw. Hier das große wundervolle Asien! Heute liegt im Osten den ganzen Tag die prachtvolle Kette des Rasht i Kuh, im Westen die babylonische Ebene. Alles Land, sonst alles Himmel. Drei Tage war es regnerisch. Heute zum Glück wieder Sonnenschein. Ich hätte es sehr bedauert, hätte ich nicht diese Berge gesehen: hinter dem einen liegt das Tal, wo ich die erste böse Erfahrung machte. Hinter dem anderen Ambâr: Saimercek, das bedeutet zwei unvergeßliche Nächte mit Angst und Schießen und phantastischen Nachtmärschen durch eine Klamm und über den hohen Paß: der liegt hier etwas südöstlich. U.s.f.; da liegt diese ganze Zeit, ein Stück vollen Lebens im Sonnenschein. Ich kann nicht sagen, wie mich der Anblick erregt, ich habe Herzklopfen und meine Hände zittern. Es ist 6 Jahre her. Was hat mich damals getrieben, diese Reise zu machen? Das war das Leben selbst, das wir armen civilisierten Menschen sonst nur noch aus Büchern kennen und ertragen können. Wie wenige können mir auf solche Höhen des Erlebens folgen? Es ist eigentlich ein unerhörtes Glück, eine solche Erinnerung zu haben.

Ich fahre nun den dritten Tag, und habe noch Wochen vor mir. Ich thue nichts, absolut nichts. Und freue mich noch wochenlang nichts zu thun. Ich habe diese Ruhe sehr nötig. Die Verse von Nietzsche gehen mir immer wieder durch den Kopf:

Was zu schwer war,
sank in blaue Vergangenheit.
Ruhig liegt nun der Kahn.
Sturm und Fahrt
Wie verlernt er das!“

Wenn ich wieder herausfahre, nehme ich mir einige Bücher von Nietzsche mit. Nicht daß sie mein Ideal wären. Ich nehme mir auch die dâtaka’i (?) und das griechische Neue Testament mit. Furchtbar ruhig bin ich geworden. Keine Polemik erregt mich mehr. Und sollte es kommen, daß ich noch einmal auf strittige Fragen islamischer Archäologie antworten müßte, so fürchten Sie keine persönlichen Invectiven von mir gegen . Auch das sank alles in blaue Vergessenheit. Die Worte Nöldekes habe ich Sarre gezeigt, der sie schön fand. Er hatte eine längere Unterhaltung mit mir über Strz(ygowski) herbeigeführt. Die Sache ist ihm sehr peinlich, z. T. wegen der Grabungen und ihrer Publication. Er nimmt an, daß Strz(ygowski) mit den Herren in Assur und Babylon, die mich wie die Sünde hassen, gemeinsame Sache machen wird. Habe ich Ihnen geschrieben, daß der Zufall mir 3 Postquittungen recommandierter Briefe aus Babylon an Strz(ygowski) in die Hände spielte? Sie wissen, semper aliquid haeret. Strz(ygowskis) und Miss Bells Anmerkungen zu Amurath (?) und die Herren in Assur, die Samarra bisher totschweigen: wonach urteilt die Welt? Doch nicht nach positiven Arbeiten. Bode liest nur Kritiken und Polemiken und hat sich königlich über den Streit mit Strz(ygowski) amüsiert. Er hält mir die Stange. Eduard Meyer sagt, ich müsse mich aber mit der DOG versöhnen! Wie ist das möglich? Koldewey ist nahezu verrückt. Einen Höflichkeitsbrief von mir hat er unbeantwortet gelassen. Andrae ist noch viel ungezogener. Sarre hat Briefe ge-schrieben, nach Assur und Babylon. So ist das etwa: in dem Reisebuch habe ich erwähnt, daß wir in Tulûl Agr (?) bei Assur (Kar Tukultu-Minit) waren. Da das zur Einflußsphäre von Assur gehört, hat man sich bei Guterbock (?) damals schriftlich beschwert! Sarre hat geant-wortet, er übernähme als Herausgeber die Verantwortung für die ihm unanstößig scheinenden Sätze! Keine Antwort. Darauf ein zweiter Brief Sarres: er nähme das Schweigen als Anerkennung, dränge aber auf eine Antwort quand-même.- Was sind die Menschen seltsam! Sarre ist durchaus gegen jede weitere Antwort meinerseits auf Strzygowskis Beleidigungen. Auf den Artikel in der OLZ will er antworten, im Islam. Er hat sich dazu von mir einige Notizen geben lassen. Er möchte so antworten, daß Strzygowski) schweigen müsse. Es ist gut gemeint, nicht ganz unegoistisch, und wird wohl kaum ausgeführt werden.

Ich bin in Luristan ausgeplündert und angeschossen worden, in Samarra auch, ich habe Typhus und Neuralgien gehabt, ich habe oft gefieberte Tage und Nächte, ich fühle noch heute, wie ich fiebernd auf einem Esel hängend vom Fluß bei Elguwâir nach dem Bât al-Khalífah und Samarra ritt, 1905, ich habe Pest gehabt, ich habe Märsche gemacht bis zu äußersten Erschöpfung, daß ich nicht mehr atmen konnte, daß ich glaubte, das Herz stehe still und ich dachte, am Ende zu sein, nur zu Ende sein, wie oft habe ich mich bei endlosen Nachtmärschen auf die Erde geworfen, weil ich mich nicht mehr auf dem Pferde halten konnte, und wieviel Nächte habe ich schlaflos verbracht, die Minuten zählend, jede Minute eine Ewigkeit von Angst und Sorge; und zuletzt die Erlebnisse des letzten Jahres. Weshalb das alles? Es soll alles in blaue Vergangenheit sinken, alles. Und auch alles was Strzygowski über mich ge-schrieben hat, schreibt und noch schreiben wird, soll alles in blaue Vergessenheit sinken30.

Es ist schon Abend, die Sonne geht gerade unter, wir fahren jetzt nach Westen, wo der Tigris seine große Schleife nach Osten beendet. Der Erdschatten fällt auf die Berge des Pascht i Kuh. Sie werden blau und verschwinden. Morgen, Freitag Abend oder Sonnabend früh werden wir in Basrah sein. Sonnabend Abend geht mein Schiff nach Kurrachac, wie ich von da weiter komme weiß ich noch nicht. Mir tauchte ein abenteuerlicher Gedanke auf: ich könnte von Kurrachec nach Lahore fahren und weiter Vishawar. Dann nach Delhi, Aligarh und endlich nach Colombo. Es wird davon abhängen, ob ich in Lurrachec erfahre, ob ich in Bombay eine Passage finde oder nicht.

Viele Grüße von Ihrem Ernst Herzfeld.

 

96. Postkarte31 von Ernst Herzfeld an C. H. B. Lahore, 22.1.1912

Lieber Becker,

ich verfehlte in Karachi den Anschluß und kam vor einer Woche in Indien an: Lahore, Amritsar, Delhi, Aligarh, Agra. Prachtvoll nach 14 (?) Jahren Türkei. Ihr Ernst Herzfeld.

 

97. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin) W 30, 2.2.1912(?)

Lieber Becker,

besten Dank für Ihren inhaltsvollen Brief; ich war über ihn ganz aufgeregt.

Daß Sie in Paris großen Erfolg haben würden, war mir klar; Aber so großen! Meinen Glückwunsch zu Ihrer Plaquette!

Also meinen Aufsatz mache ich unbekümmert fertig, mit möglichster Prägnanz. Dann aber schicke ich Ihnen M(anuskript) und Abbildungen, damit Sie als Redacteur einen Begriff von der Arbeit erhalten, und bitte Sie, das Abbildungsmaterial dann Trüb(n)er zu schicken. Dann allerdings möchte ich mit diesem in Verbindung treten; Reduction, Anordnung etc. gebe ich an, darin habe ich jetzt große Erfahrung. Im übrigen richte ich mich nach Ihren Angaben.

Was Sie mir über die neue Organisation angedeutet haben, hat mich sehr gefreut; natürlich schweige ich. Ich bin überzeugt, Sie erhalten so viel Geld Sie wollen. Es heißt immer, es gäbe nirgends Geld. Das stimmt vielleicht für Behörden. Aber noch nie war der Reichtum und das Geldausgeben so groß wie jetzt in Berlin. Der Luxus im kleinsten und größten, und dennoch haben die Leute immer noch Geld übrig.

Bei der Grothe’schen Angelegenheit ist das gerade der gefährliche Punkt: man sieht unver-hüllt den wahren Grund: die erwünschte Möglichkeit der Einmischung. Nutzen haben dann nur wenige Individuen, wie bei allen oriental(ischen) Missionen und Schulen nicht die besten; und das erzeugt den Haß, der anderen die Unternehmungen erschwert.

(Strzygowski …)

Ich freue mich, daß Sie wieder einmal nach Berlin kommen und ich Sie sprechen werde. Ich hörte davon durch den Generalconsul Landau, der mir sagte, er habe Sie kurz gesprochen und Sie kämen hierher. Dann erzähle ich Ihnen von Samarra. Die Antwort der Firmen wird hoffentlich nicht mehr allzu lange auf sich warten lassen. Dr. Wiegand schrieb mir, daß der Baghdader Consul, Dr. Hesse, nun auch in Baghdad angelangt sei. Seine Abwesenheit hatte auch die Angelegenheit verzögert. Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebenster Ernst Herzfeld.

Brief scheint mir falsch eingeordnet, wahrscheinlich 1911 bei Berlinreise!

 

98. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Cairo (Hamburg,) 8.2.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Diese Zeilen mögen Sie in Cairo begrüßen und Ihnen vor Ihrer Rückkehr nochmals herzlichen Dank sagen für Ihre freundlichen Briefe, die mir stets ein großer Genuß gewesen sind und von denen ich die letzten nicht beantworten konnte, da ich nicht wußte wohin schreiben. Ich hoffe, Sie bewahren mir auch fernerhin die freundschaftliche Gesinnung, die aus allen Ihren Briefen spricht. Nicht nur wissenschaftlich, sondern auch menschlich interessiert und bewegt mich alles, was von Ihnen kommt.

Ich hoffe Sie fassen es nicht als Indiskretion auf, daß ich den wissenschaftlichen Teil Ihrer Briefe Professor Littmann habe lesen lassen; Ihre persönlichen Briefe habe ich natürlich nicht aus der Hand gegeben. Bei einem Besuch in Hamburg hatte sich nämlich Littmann so für Sie und Ihre Arbeiten interessiert, daß ich in Ihrem Sinne zu handeln glaubte, wenn ich ihm von Ihren schönen Erfolgen Kenntnis gab. Sie werden ihn vermutlich in Cairo treffen. Seine Adresse werden Sie leicht bei Dr. Prüfer auf der Agence erfahren. Prüfer bitte natürlich herz-lich von mir grüßen. Es ist ein ganz famoser Mensch.

Jedenfalls hoffe ich Sie im Februar in Berlin zu sehen. Ich bin um den 24. dort, komme aber auch sonst noch einmal hin, da ich Sie doch natürlich wiedersehen muß, ehe Sie nach Damaskus ausreisen.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ihnen freundschaftlich ergebener (CHB).

 

99. Ernst Herzfeld an C. H. B. Vor Brindisi, an Bord der SS. Wien, 19.2.1912, Oesterreichischer Lloyd, Triest

Lieber Becker,

durch Zufall erfuhr ich in Cairo, daß Littmann dort sei und sah ihn zweimal. Er deutete mir kurz an, daß Sie wieder um mich einen Kampf mit Strzygowski bestanden haben. Nun wird der „offene Brief“ wohl in der „Byzantinischen Zeitschrift“ erscheinen. Ich traf auch Sarre in Cairo wieder, der auf der Landreise einen Brief an Strzy(gowski) geschrieben hat, in dem er sich öffentliche Urteile über die Art der Verwendung Berliner Gelder verbittet. Ich weiß gar nicht genau, auf welche Stelle sich das bezieht. Und ich frage mich, ob ich überhaupt diese Artikel noch lesen soll.

Morgen kommen wir nach Triest, übermorgen hoffe ich Guyer zu treffen, am 22. bin ich in Berlin. Da all mein wissenschaftliches Material erst Ende März in Deutschland eintrifft, so habe ich noch 4 Wochen Ferien, und könnte mal nach Hamburg kommen, wenn Sie nicht auf dem Weg nach Athen über Berlin kommen. Ich bin (informiert? Unleserlich), Strzygowski spricht in Athen über die Ausgrabungen in Samaria. Ich habe Violetts Publication gesehen, sie ist so unbedeutend, daß nicht mal Strzygowski sie loben kann, das war ein Gedanke, über den ich sehr habe lächeln müssen. Nun denken Sie nach diesen Zeilen nicht, ich dächte immerfort an Strzy(gowski). Das liegt mir ganz fern.

Während der sehr öden langen Seefahrt habe ich einen Vorbericht über Samarra skizziert und an den „semitischen Grundriß“ gedacht, aber nicht mehr als eine Übersicht des Inhalts fertig gebracht, nichts über den Umfang, Disposition, Bilder etc., dazu muß ich Bilder vor mir sehen.- Ich möchte Sie natürlich gern möglichst bald sehen. In Indien war es sehr schön.

Mit herzlichen Grüßen Ihres Ernst Herzfeld.

PS. Meine Bilder (?) habe ich mit mir.

 

100. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Berlin (Hamburg), 22.2.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Freund!

Nach Ihrem Briefe aus Alexandien müssen Sie heute wieder in Berlin eintreffen. Da möchte ich Ihnen von ganzem Herzen einen freudigen Willkommensgruß entbieten und Ihnen sagen, wie sehr ich mich auf ein baldiges ergiebiges Wiedersehen mit Ihnen freue. Sie sind mir in dieser Zeit der Abwesenheit nicht nur wissenschaftlich, sondern auch menschlich ein großes Stück näher gekommen, und ich erwarte mit Ungeduld den Moment, wo ich Ihnen die Hand drücken kann, um Sie zu allen Ihren schönen Erfolgen in Samarra zu beglückwünschen. Es wird sich wohl sehr bald Gelegenheit für mich zu einem Besuche in Berlin bieten. Sobald ich hier Semesterschluß gemacht habe, also etwa in den ersten Märztagen, denke ich nach Berlin herüberzukommen, um mich mit meiner Frau dort etwas zu amüsieren, vor allem aber auch, um Sie wiederzusehen.

Dann werde ich Ihnen auch mündlich den Hergang mit Strzygowski genau erzählen. Ich bin sehr befriedigt von dem Ausgang. Strzygowski hat sich den schließlich doch sehr anständig benommen. Er hat seinen offenen Brief zurückgezogen und mich nur gebeten, ihm Platz zu einer persönlichen Antwort zu geben für den Fall, daß Sie ihn abermals persönlich angreifen sollten. Ich glaube, er erkennt Ihre Verdienste allmählich doch an, denn er schreibt mir etwas resigniert, man könne doch nicht von ihm verlangen, daß er gar nicht über diese Dinge mitrede, obwohl es ihm durch die Umstände unmöglich gemacht sei, erneut jene Länder zu bereisen. Ich glaube wirklich, Sie können jetzt vor einem Überfall von seiner Seite sicher sein.

Ich habe Ihnen das übrigens alles in einem Briefe nach Cairo mitgeteilt, den Sie offenbar nicht erhalten haben. Sollten Sie die Absicht haben, mal nach Hamburg zu kommen, so sind Sie mir natürlich herzlich und jederzeit willkommen, nur würde mir die nächste Woche nicht recht passen. Sie wissen selbst, was Semesterschluß bedeutet.

Ich bin sehr erfreut, daß Sie sich auch mit dem semitischen Grundriß beschäftigt haben; doch darüber reden wir lieber mündlich. Also nochmals herzlich willkommen, lieber Herzfeld und einen festen Händedruck von Ihrem Ihnen freundschaftlichergebenen (CHB).

 

101. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 26.2.1912

(Postkarte)

Lieber Becker,

(…) Die Controverse mit Strz(ygowski) ist mir jetzt, als wäre sie zwischen ihm und einem Dritten gewesen. Ich habe noch nicht einmal den Aufsatz über die Grabsteine gelesen, so interesselos bin ich. Aber an Sarre hatte Strz(ygowski) geschrieben: „Wann wird H(erzfeld) endlich aufhören über Samarra zu schreiben“? Und das war der einzige milde Satz, den S(arre) mir mitteilte, den Rest hat er verschwiegen. In dem Bericht über Samarra hat Harnack nicht einmal meinen Namen erwähnt. Warum auch. Sarre war das peinlich und er schrieb mir darüber.—

Nun bin ich in der selben Ungewißheit wie früher: Sarre kommt Anfang April über Con(stantinopel zurück. Vorher kann ich nichts für die 2. Campagne thun. Vorher kann ich auch Sobernheim und Berchem nichts zusagen. Da meine Papiere erst Ende März kommen, kann ich vorher auch nichts arbeiten. Ich wünschte manchmal, ich wäre alles los, auch meine Erinnerungen. Exz(ellenz) Bode (?) hatte niemanden vom Museum nach Athen zu delegieren. Ich wollte ihm schon sagen, mich zu schicken. Ihr Ernst Herzfeld.

 

102. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Berlin (Hamburg,) 29.2.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Sorgen Sie doch ja, daß Sie sich auch zum Orientalistenkongreß nach Athen senden lassen. Exccllenz Bode schickt Sie doch gewiß32. Ich habe auf dem österreichischen Lloyddampfer ab Triest Sonntag, den 31. März und für die Rückreise ab Patras den 15. April für mich Platz belegt. Wie reizend wäre es, wenn wir die ganze Fahrt zusammen machen könnten. Ich würde mich riesig freuen auf die vielen stillen Plauderstunden, die wir dann miteinander haben könnten. Ich könnte mir keine angenehmere Reisebegleitung wünschen als Sie.

Mein Besuch in Berlin wird sich etwas verzögern. Ich rechne jetzt damit, zwischen dem 11. und 14. März nach Berlin zu kommen. Ich werde die anderen Freunde diesesmal etwas knapper behandeln, um mehr Zeit für Sie übrig zu haben.

Über Hartmanns famose Deutsche Gesellschaft für Islamkunde wird Sie Sobernheim orientiert haben. Er hat nun zu einem großen erweiterten Ehrenkomitee Gott und die Welt aufgefordert und leider auch mich auf die Liste gesetzt, obwohl ich doch nichts anderes tun konnte als meine Ablehnung zu wiederholen. Ich habe es ihm eigentlich etwas verdacht, daß er mich nochmals auf die Liste setzte, während er Mittwoch und Jacob, die auch abgelehnt hatten in den engeren Vorstand einzutreten, nicht wieder nennt. Es sieht fast so aus, als ob er meinen Namen gebraucht hätte, damit man nicht merken soll, daß ich der ganzen Sache ablehnend gegenüberstehe. Nöldeke schreibt mir eben, daß auch er abgelehnt hat.

Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB).

 

103. Postkarte von Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 30.1.1912

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich will versuchen, daß Bode mich schickt, obgleich ich doch sehr reisemüde bin, und die Sache mit einer militär(ischen) Übung concurriert, die am 11. April in Hannover beginnen soll.. Ich thue aber sowieso Schritte, diese in Berlin machen zu können, und da könnte es wohl ein paar Tage verschoben werden.

Das interessanteste, was ich erlebt habe, war ein langer Besuch bei Eduard Meyer, mit dem ich vieles besprochen habe, auch die bewußte Polemik: er ist unbedingt dafür, daß ich gar nicht mehr reagiere! Wie Sarre. Er rät mir auch bis zur Wiederaufnahme von Samarra, außer dem Vorbericht, nichts zu arbeiten und ruhig die Übung zu machen. D. H. ich beschäftige ich mich auch natürlich cum otio mit meinen vielen Materialien. Er erzählte mir, noch mehr als ich schon wußte und miterlebt hatte, von Prinz(? Unleserlich) und Babylon, es hat, wie ich erwartete, einen Krach gegeben, aber in unglaublich kindlichen Formen: es wäre kein Platz für Dr. Pr.(??) in Babylon, die Räume müßten für Fremdenzimmer leer bleiben usf. Für mich hat das eine persönliche Bedeutung, da gerade Eduard Meyer mehrmals geäußert und geschrieben hatte, ich müßte mich mit Pezold(??) versöhnen (von meiner Seite steht nichts im Wege), davon ist jetzt nicht mehr die Rede.

Guyer hat eine schöne Arbeit geschrieben über die nordägyptischen Kirchen; von dem datierten Djime Dhirmena (?) ausgehend) (cf. Amida) weist er nach, daß alle ins 8.-12. Jahrhundert gehören!

Viele Grüße und auf Wiedersehen! Ihr Ernst Herzfeld.

 

104. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 4.5.1912

Lieber Becker,

Sie haben sehr recht, sich zu beschweren, aber ich habe einen einfachen Grund: meine „Übung“. Ich bin doch seit 11.April in Tempelhof auf Antrag des Museums für nur 6 Wochen statt 8. es ist mir gesundheitlich sehr gut bekommen, aber trotzdem ich alle Nachmittage frei war, war ich doch durch das frühe Aufstehen (um 5 Uhr!) und die ungewohnte Thätigkeit immer so müde und gedanklich so aus allem herausgerissen, daß ich so gut wie nichts habe arbeiten können. Mit Mühe und Not habe ich vor der DOG(Deutsche Orientgesellschaft) einen Vortrag gehalten, habe eine Recension von Violetts Palais d’al-Montasîm für die OLZ geschrieben, 1000 Photographien geordnet und numeriert und einige kleine Sachen noch. Fast nichts. Und es wäre so nötig.

Dazu kamen Verhandlungen wegen der 2ten Campagne in Samarra. Es klappte durchaus nicht alles. Weder die K(aiser) Wilh(elm) Ges(ellschaft) noch die Akademie wollten einen Vorbericht drucken. Jetzt thut es Bode. Wir gebrauchen 75 000 Mark, von denen 40 000 gedeckt sind, die übrigen 35 000 werden natürlich beschafft werden, aber es ist noch fraglich, in einer Sitzung am 15. Mai wird es sich entscheiden.

  • Es ist schon sicher, daß Montag die Feldbahn bestellt wird,
  • die Schienen leiht hoffentlich das Kriegsministerium. Dann wird der Generalstab um
  • Absendung eines Offiziers aus der topographischen Abteilung gebeten, für die Stadtplanaufnahme.

Das finde ich eine sehr nette Lösung. Der Anfangstermin aber wird sich wohl etwas verschieben: 1. Oktober, so daß ich Ende Juli abreisen würde.

Das alles machte mir ziemliche Sorgen. Und dann sehe ich schon heute – was ich gar nicht sagen darf – daß es ja wieder mit Damaskus nicht stimmen wird, die Grabung dauert dann doch bis Juni 1913. Ob nun Sobernheim und Mittwoch bis September 1913 warten können? Es ist ja viel.

Also in Athen war es schön. Ich kenne Massignon aus Baghdad, 1907/08. Damals war er entschieden krank, und ich habe vielleicht nicht den richtigen (Eindruck? Unleserlich) von ihm. Die erste Begegnung war die, daß als wir von Mosul im Floß herunterkamen, uns in Samarra Gendarmen mit einem Brief erwarteten, die schon im ganzen Land gesucht hatten. Sarre bekam einen Mordsschreck, und dann war es ein Brief von Massignon, mit einem phantastischen Vorschlag, Einflußsphären abzugrenzen. Er wohnte damals im Eingeborenen-Viertel und studierte im wesentlichen Musik, war aber nicht imstande, auf allen seinen Lauten und Geigen nur einen Ton zu spielen. Gleichzeitig sammelte er Inschriften, aber war für diese Aufgabe kaum vorbereitet. Er verschwand dann ganz (nach Kúfah und Ulkhari-dir) und erschien plötzlich auf einem englischen Schiff in Amârah am unteren Tigris, zog einen Revolver und schoß auf den Capitän, der ihn gar nicht kannte. Ein Baghdader Karmeliter brachte ihn dann nach Paris, auf Wunsch der Mutter. Solcher Verfolgungswahn kommt gelegentlich in dem Klima dort vor. Ich habe ihn später in Berlin und Kopenhagen wiedergesehen, wo er ganz gesund erschien. Seine Beschäftigung mit den religiösen islam(ischen) Gesellschaften ist aber keine rein objective, ich glaube, daß er Muhammedaner33 geworden ist und irgendeinem Orden angehört. Der Erzbischof von Babylon behauptete es bestimmt.

Das Gartenwerk der Frau Gothein interessiert mich sehr. Ich habe früher auch mal solche Materialien gesammelt: literarische Nachrichten über die assyr(ischen) Gärten, die Baumgartenanlage von Assur, die sassanischen Parks von Qasr i Shirîn und verschiedene neupersische Gärten (Shîraz, Isfahan, bei Teheran usw.)

Unser Vorbericht wird ja hoffentlich bald erscheinen, ich bin im Begriff ihm seine endgültige Form zu geben, aber ich weiß noch nicht, ob er wie das Reisewerk bei V(erlag) Reiner (der den Kostenvoranschlag macht) erscheinen wird, oder in einer Museumspublication.

Natürlich habe ich den Islam III,1-1 längst und ich habe mich über Ihre Besprechung wirklich gefreut. Denken Sie daß der Druck doch etwa 16 000 Mark gekostet hat, und daß noch über 10 000 davon ungedeckt sind? Nur der Band II verzögert sich wieder ! Zu schade.

Ihre Brotstempel habe ich längst besorgt, 21 in Zeichnungen (genauer) natürlicher Größe, und von Sobernheims Stempel eine Papiermaché-Form. Sie erhalten sie allernächstens.

(… über Hartmanns Gesellschaft …)

Morgen früh kommt Mittwoch zu mir. Mit Guyer bin ich in sehr interessanter Correspondenz über die nordmesopotam(ischen) Kirchen. (…)

Herzliche Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

105. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Berlin (Hamburg,) 8.5.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Ihr freundlicher ausführlicher Brief, für den ich Ihnen herzlichst danke, ist gleichzeitig mit einem Schreiben des Kolonialamts in meine Hände gelangt, dessen Inhalt sich mit den ost-afrikanischen Plänen berührt, die wir einst ins Auge gefaßt hatten. Erschrecken Sie nicht. Sie fühlen sich zur Zeit mit Arbeit so überlastet, daß Sie dieser neue Plan naturgemäß erschrecken muß. Es könnte sich aber alles ganz wunderbar zusammenfügen, denn gerade zu Beginn des Sommers 1913 (Juni), wenn Sie mit Samarra fertig werden, wäre es möglich, daß ich nach Ostafrika reiste, da ich natürlich die gesundheitlich beste Zeit wählen werde. Vorbe-reitungen brauchten Sie für diese Reise nicht. Auch würde sie Ihnen nur zwei oder drei Monate kosten. Ihr Gesichtsfeld aber würde sich nach einer neuen Seite erweitern. Ich schicke Ihnen die Anfrage des Kolonialamts in Abschrift und meine Antwort. Daraus ersehen Sie, daß die Sache noch im weiten Felde liegt. Aber ich habe die Absicht, diese Anfrage des Kolonialamts zu benutzen, um den Stein ins Rollen zu bringen. Vielleicht sind Sie auch darüber orien-tiert, wer in der Generalverwaltung der Königlichen Museen sich für die Sache interessiert. Ich kenne außer Ihnen keinen Architekten, mit dem zusammen ich diese Aufgabe lösen möchte. Diskretion ist natürlich notwendig.

Weiter empfangen Sie meinen herzlichsten Dank für die ganz ausgezeichnete Kopie der Brotstempel, die mir sehr wertvoll ist. Ich kann nicht alle Inschriften auf Anhieb lesen, aber in einigen Punkten komme ich doch weiter. (…) Daß Massignon in Bagdad sehr krank war, hat er mir selbst erzählt. Ein großer Teil der anderen Angaben über ihn sind aber Klatsch. Er hätte das Zeug dazu gehabt Muhammedaner zu werden. Er ist es aber nicht. Er ist aber eine so intensiv religiöse Persönlichkeit, wie ich sie selten kennen gelernt habe. Er ist streng katholisch, acceptiert aber alle Konsequenzen der Logik. An ihm ist mir erst klar geworden, auf welchem Wege der katholische Modernismus es fertig bringt, selbst ganz logisch konsequente Geister bei sich festzuhalten. Wir habe viele Stunden über Religion gesprochen und mir war der intime Umgang mit ihm wirklich ein Erlebnis. Ich kann mir kaum zwei grundverschiedenere Menschen denken als Sie und ihn. Seit seiner Bagdader Zeit ist er reifer, älter und ruhiger geworden. Goldziher hält die größten Stücke auf ihn und ich bin überzeugt, daß wir noch viel Wertvolles von ihm erhalten werden, wenn er nicht plötzlich ausreißt und in ein Kloster geht. Mündlich wollen wir mehr darüber reden.

Wenn Sie über orientalische Gärten Materialien gesammelt haben, die Sie nicht verwerten wollen, so machen Sie diese doch Frau Gothein zugänglich. Sie würden sich damit ein Verdienst erwerben und ich will gern die Vermittlung besorgen. Die Dame verdient das Interesse. Ich habe die ganze Gartenbeschreibung des Tulunidenpalastes aus Makrizi für sie übersetzt und anderes kontrolliert.

Ich finde es unglaublich, daß die Akademie Ihren Vorbericht nicht hat drucken lassen. Was hat das wieder für Gründe? Ebenso unerhört finde ich es, daß Sie zum Minister nicht eingeladen sind. Hier ist es Sarres Pflicht, den Mund aufzutun.

Der Gesellschaft für Islamkunde sehe ich mit Ruhe entgegen. Der Vater des Gedankens war Pater Froberger, von dem ein köstlicher Artikel über den Begriff Islamkunde in der Kölnischen Volkszeitung vom 5. Mai steht. Ich bekomme eine ganz freundliche Zensur, aber Martin Hartmann wird über die Puppen gelobt. Von der Gesellschaft ist noch nicht die Rede. Die kommt dann wohl erst in einem späteren Artikel. Einstweilen wird aber darauf hingewiesen, daß „Der Islam“ sein Hauptgewicht auf die ältere Geschichte des Islam legt, während Martin Hartmann die kulturelle Gegenwart gepachtet hat.

Damit für heute genug. In herzlicher Freundschaft Ihr getreuer (CHB).

 

106. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin,) 14.5.1912

Lieber Becker,

Sie wundern sich gewiß schon, daß ich wiederum auf Ihren Brief und die mir gesandten Schreiben wegen der Afrik(anischen) Exped(ition) so lange schweige. Schuld war die Übung, Sarres Vortrag, die genau morgen stattfindende Sitzung der Ges(ellschaft) z(ur) Förd(erung) d(er) Wiss(enschaften), die Vorbereitungen erforderte und dergleichen.

Ich habe mir die Papiere mindestens 10mal durchgelesen. Natürlich verlockt mich der Plan sehr. Und zeitlich paßt es etwa: Ende Mai Schluß in Samarra, dann käme ich direkt nach Ostafrika, eventuell nach Aden. Ende August (1913) müßte ich zurück um Sobernheim Anfang September in Damaskus zu treffen. Bis dahin muß ich doch die Damaskus-Expedition aufschieben, wenn Sobernheim nicht die Geduld verliert. Rasen wird er sicherlich, aber im Frühjahr bin ich doch nicht frei. (…)

Und einen Plan, den ich vorhatte, nämlich von Samarra über Shîrâs-Persepolis und Indien zurückzukehren, den würde ich wohl aufgeben müssen. Vorausgesetzt, daß die afrikanische Expedition wirklich schon Sommer 1913 realisiert würde. Ich schweige absolut darüber, aber bitte Sie, mich von weiteren Schritten in dieser Angelegenheit zu unterrichten. (…)

Die Akademie wollte den Vorbericht über Samarra nicht drucken, weil sie sagte, die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften das ja thun könne. Diese druckt aber prinzipiell nicht, um der Akademie nicht Concurrenz zu machen. Wegen des Festes heute Abend beim Minister, habe ich einfach Exzellenz Bode geschrieben, er solle mir eine Einladung besorgen. Die kam 12 Stunden später. Und Bode schrieb mir: „nicht mehr als billig bei einem Vortrage über eine Grabung, die in der Ausführung Ihr Werk ist.“ Sarre war hinterher auch sehr entzückt darüber und behauptete, er hätte es Bode auch gesagt.

Mir stehen noch unruhige Wochen bevor, es wird eine schreckliche Hetzerei, und ich wollte, ich säße in der Bahn nach Constantionopel. Einen Gipsformer haben wir schon, und der Generalstäbler wird hoffentlich allein reisen. Ich brauche das Alleinsein auf der Reise. Es fällt mir überhaupt sehr schwer, mich wieder unter vielen Menschen wohl zu fühlen. Sehr ge-spannt bin ich natürlich auf das Ergebnis der morgigen Sitzung.

Entschuldigen Sie die Kürze. Ich habe noch zu viel zu thun.

Die Papiere sende ich zurück. Ihr Ernst Herzfeld.

 

107. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 27.5.1912

Lieber Becker,

(… Probleme mit Gesundheit der Eltern!)

Sie können sich vorstellen, wie furchtbar schwierig nun meine Lage ist. Die vielen Arbeiten: Mshatta ist gleich fertig, aber das Reisewerk und die Enzyklopädie! Und unter diesen Verhältnissen die bevorstehende Samarra-Expedition, zu der jetzt die Vorbereitungen getroffen werden müssen.

Ich hätte mich sehr gefreut, wenn ich Sie einmal gesprochen hätte. Man ist in Berlin zu verlassen.

Sobernheim ist zwar immer gut und hilfsbereit; aber so als junger Ehemann ist er doch von zu vielen Dingen praeoccupiert, als daß man sehr viel von ihm hätte. Übrigens ist keine Rede von irgendeiner Verstimmung seinerseits wegen Ihrer Recension. Im Gegenteil, er hat sich sichtlich darüber gefreut. Und er war ehrlich entzückt von Ihrem „Islam als Problem“, und sagte u.a. nach einer solchen Arbeit könne man das leidenschaftliche und unkluge Geschreibsel von Hartmann gar nicht lesen. Mein Urteil ist ziemlich das gleiche. Ich bewundere Ihren Aufsatz wirklich, und freue mich, wie sehr sich Ihre culturgeschichtliche Auffassung mit meiner kunstgeschichtlichen deckt. Ich nehme das als einen Beweis dafür, daß ich auf dem richtigen Wege bin. – Übrigens war der II. Teil Mschatta äußerst schwierig!—

Im Ganzen muß ich sagen, daß der „Islam“ einen ganz ausgezeichneten, vielversprechenden Eindruck macht. Nur mit Hartmanns Aufsatz bin ich sehr wenig einverstanden. Erstens halte ich die ganzen Schulgründungen für ein schädliches Unternehmen und Grothe nicht für den Mann, nur im Orient zu (nutzen? unleserlich, weggelocht!), und dann ist mir Hartmanns leidenschaftliche Weise, die häufig doch direct provozierend und beleidigend ist, nicht sympathisch. Außerdem werden sich unsere Botschaft und Consulate nicht im geringsten darum kümmern. Ich bin so scharf, weil ich von der Begünstigung dieser Unternehmen eine Gefahr wittere.

Soweit ich konnte habe ich durch Vorsendung meiner 50 Separata Propaganda gemacht, ich habe viele Nummern nach Constantinopel, Teheran, Kleinasien, Baghdad, Cairo geschickt. Von vielen Seiten habe ich schon Antworten. Von Strzygowski, dem ich auch eine sandte, nichts. Aber er hat an Sarre folgende charakteristische Karte geschrieben: Sarre hatte ihn auf endloses Drängen die „Denkmäler persischer Baukunst“ (350 Mark) geschenkt, die er kurz, (in ein paar Zeilen) angezeigt hatte. Nun wollte Sarre noch eine Anzeige im Barlingson Magazine haben. Darauf schreibt Strzygowski: „Bedenken Sie, daß ich schon eine Anzeige geschrieben habe! Ja, wenn ich wenigstens die „Felsreliefs“ (175 Mark) noch dazu hätte!- Jetzt, nach dem Herzfeld den Khâsaki-Mihrab publciert hat, da können Sie mir doch gute Abzüge der Photos mit Druckerlaubnis schicken. Ich lege Wert darauf, sie sofort zu bekommen. Ihr Strzygowski.“

Nun ist doch der Mihrab nur vorläufig publiciert, und die Platten – mehr als im „Islâm“ – sind jetzt in der Lichtdruckerei, und werden vermutlich erst im August frei werden. Meine Copien habe ich als Stellungsvorlage hingegeben. Ich habe also geantwortet, wir könnten ihm die Copien erst im August schicken. Ich weiß nicht, wie ich das alles auffassen soll. Eine Anzeige meines Teils der „Felsreliefs“ durch Strzygowski möchte ich ganz entschieden nicht haben.

(… betr. Sarre)

Der Mangel an Offenheit ist seine Hauptschwäche.

In den nächsten Tagen muß sich auch die Samarra-Angelegenheit entscheiden. Schon seit längerer Zeit depeschierte Wiegand, daß auch die letzte Instanz, die militärische, die Grabung befürwortet hätte und die Erteilung des Firmâns unmittelbar bevorstünde. Neulich schrieb mir Habil, für den „Islam“ dankend, er hoffe, ich werde in Samarra ein schönes Feld der Forschung haben. Nun beschäftigen sich Bode, Sarre und ich schon mit den Vorbereitungen, und endlich haben Bode und ich Sarre (der officiell als Unternehmer gelten soll, wiewohl das Geld und die Ausführung nicht seine sind), bestimmt, Habil zu fragen, ob wir wirklich alle Anschaffungen machen und im Oktober beginnen könnten. Kostenanschläge sind fertig. Das Geld wird beschafft werden. Ich hoffe Guyer geht auf einige Zeit mit mir. Sarre hat Habil um umgehende Antwort gebeten. Am 4. Juni will Sarre deshalb nochmals nach Berlin kommen. (Randbemerkung Herzfelds: Übrigens schrieb mir Sarre, er habe Bode, der vor 8 Tagen in München war, erzählt, die Orientalisten verstehen viel von einer Grabung in (Samarra? weggelocht), das habe auf Bode sichtlichen Eindruck gemacht. Sie haben also nur genützt!)

Meine Reise nach München mache ich ganz von von Berchem abhängig. Wir haben da viel zu besprechen. Erstens die Münchener Ausstellung, die ja auch für das Corpus verarbeitet werden muß. Dann überhaupt die Corpus-Frage – Chassinct hat übrigens längst seine Zustimmung zu meiner Mitarbeiterschaft gegeben. Und dann kleinere Sachen: Berchem möchte mich mit nach Jerusalem nehmen, in etwa 5 Jahren und dgl. Wir arbeiten doch auch immer noch an dem Sarre’schen Reisewerk gemeinsam. Meine Correspondenz mit Berchem ist schon riesenhaft, aber jeder Brief von ihm enthält irgendeine Freude.

Neulich schrieb mir Oestrajt (?unleserlich), auch über „Islam“. Er kommt nächstens nach Berlin und will auch im Winter nach dem Orient.

Ein Dr. Wendland, den Bode zu Einläufen nach Persien geschickt hatte, und der prachtvolle Sachen gesammelt, sich aber leider mit Bode überworfen habe (ich hoffe, das geht wieder zusammen), fragte mich, ob er etwa im „Islam“ einmal über seine Funde in Persien und die dortigen kunstgeschichtlichen Verhältnisse schreiben könnte. Er ist sehr klug.

Herzliche Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

108. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 31.5.1912

Lieber Becker,

(… literarkritische Fragen)

Meine Wiederausreise steht nun schon wieder vor der Tür. Anfang Juli soll ich fort, je eher desto lieber. Die politischen Verhältnisse sind recht bös; der Wali von Baghdad hat die Grabungen (neu angefangene) des Nur Genouillae in Khaimir bei Babylon, weil G(enouillae?) die französische Flagge gehißt hat, (Bericht Dr. Hesses an den Reichskanzler) unterbrochen. Wenn die Franzosen doch energisch gegen den Wali auftreten wollten. Mr. Kollet ist wieder in Baghdad, seine 70 (Türkische Pfund) zu beziehen (?weggelocht) und in Terrain zu speculieren. Seine Anwesenheit ist mir recht unsympathisch. Sonst soll alles in Ordnung sein.

Sarre ist wieder sehr launisch. Er versteht die Rechnung nicht. Er hat 15 000 Mark von den Geldern auf sein persönliches Conto überschreiben lassen und davon Auslagen für die Grabungen und seine Reise bezahlt. Außerdem private Anschaffungen und Käufe fürs Museum. Die Auslagen für die Grabungen und seine Reise übersteigen die 15 000 Mark nicht. Also stimmt die Rechnung. Das versteht er nicht, bildet sich ein, er hätte zugesetzt (wo er doch 5000 Mark für seine Reise als Pauschalsumme bekommen hat) und bezahlt eine Anzahl Forderungen nicht, die bezahlt werden müssen und für die das Geld da ist. Er hat schlechterdings keine Ahnung von Geld, und nennt das Sparsamkeit. Seit 3 Monaten hat er meine Rechnungslegung mit allen Belegen im Museum und erteilt mir nicht Décharge, und giebt mir nicht meine Forderungen. Die Publicationen verzögert er auch, weil er immer auch was schreiben will und doch nicht dazu kommt. Es ist furchtbar schwer, mit ihm fertig zu werden.

Wird man Sie noch mal vor meiner Abreise sehen können? Das wäre doch sehr schön.

Für eine Antwort auf meine Fragen voraus vielmals dankbar Ihr Ernst Herzfeld.

 

109. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 19.6.1912

Lieber Becker,

(… literarkritische Fragen und Dank)

Nun noch etwas Ernsteres. Es ist zwar schon ziemlich sicher constatiert, daß ich keine Malaria 34habe – man wartet bloß noch auf das Ergebnis einer Bazillen-Kultur -, im Falle von Malaria würde ich nämlich nicht wieder nach Samarra gehen können -, aber der Arzt, der mich auch sonst gelegentlich untersucht und behandelt hat, hat mir, ohne daß ich darum gefragt habe, er wäre unbedingt dagegen, daß ich nochmals auf längere Zeit in den Orient ginge; mal 2 bis 3 Monate; aber nicht auf Jahre. Er sagte, ich würde meine Gesundheit total ruinieren, und zwar, wie das auch bei allen Afrikanern der Fall wäre, nicht durch Malaria und Typhus und so was, sondern durch kaputte Nerven und unheilbare Schlaflosigkeit, an der alle zu Grunde gingen. Wenn ich nochmals herausginge, würde ich „sicher eingehen“. Na, so schlimm wird es wohl nicht sein, das läßt mich ziemlich kalt. Mit der Schlaflosigkeit hat er aber recht.

Auf jeden Fall bin ich wieder viel zu sehr herunter, um Anfang Juli abreisen zu können. Ich will erst irgendwo eine Kur machen. Und dann möchte ich Sie um Ihre Meinung fragen, ob ich nicht folgendes mit Sarre vorher besprechen soll.

Sarre35 hat nämlich jetzt wieder die Idee, daß seine (resp. der Samarra-Expedition) Verbindlichkeiten gegen mich durch die Remuneration von 300 Mark monatlich (dazu 200 Mark vom Museum) sehr reichlich erfüllt seien, neulich wollte er das auf die Hälfte herunter setzen. Ich möchte ihm nun sagen, daß ich die ganze Samarra-Expedition, besonders die 2te Campagne überhaupt nur mache. 1. um persönlich die Resultate zu bearbeiten und 2. wenn die Möglichkeit jetzt schon zugesichert wird, sie in Ruhe bearbeiten zu können, dadurch daß der Minister jetzt angefragt wird, ob er mir nach der Rückkehr eine Stellung an der Universität schaffen kann oder nicht.

Wenn nämlich Sarre hinterher wieder denkt, daß mit der Remuneration – nicht einmal die Reise wird mir ganz bezahlt, sondern nur 2000 Mark als Pauschalsumme – seine Verpflichtungen erledigt sind; dann würde sich ja die Publication in infinitum hinziehen. Ich würde natürlich wieder in der Lage sein, wie früher, neue Expeditionen zu unternehmen und die Bearbeitung des älteren Materials aufzuschieben.

Dann hätte es für mich sehr wenig Nutzen, diese 2te Campagne gemacht zu haben. Daß die Thatsache allein gar keinen Eindruck macht, habe ich in der letzten Campagne zur Genüge gesehen.

Dann wäre es viel nützlicher für mich, die Kilikische Expedition zu bearbeiten und zu publizieren, Hamah-Horus und dann das große Aleppo mit Sobernheim herauszubringen, mit Berchem eventuell Jerusalem, und mit Sobernheim und Mittwoch Damaskus zu machen. Dann habe ich noch meine geographischen Sachen, Bauten in Mesopotamien und Persien, die ich publizieren könnte, schließlich die erste Samarra-Campagne. Alles Dinge deren Fertigstellung absehbar wären, wenn ich nicht wieder nach Samarra ginge.

Ich wollte mit Sobernheim darüber sprechen, er darf aber nicht zu mir, seine Frau erlaubt es nicht. Und dabei fahren sie glaube ich am 25 nach England. Merkwürdigerweise war Mittwoch, der bevor ich krank wurde bei mir war, so wenig erbaut von der 2ten Samarra Campag-ne, und sagte mir damals schon, warum ich nicht lieber darauf verzichtete.

Sie werden gewiß im Gegenteil sich wundern, daß ich mit einem Male der Idee so nahe treten kann, und daß es nicht für mich ganz selbstverständlich ist, diese Grabung zu Ende zu führen. Natürlich werde ich das auch thun, aber mir ist jetzt klar geworden, wie viel richtiger meine erste Absicht war: Bis zum Frühjahr in Samarra bleiben, dann die Gipse exportieren, dann 1 ½ Jahre lang in Berlin die Sachen bearbeiten, publicieren, und dann Winter 1913/14 nochmals hier. Das ist alles durch Sarres Herauskommen umgestoßen. Und jetzt ist dabei, nach Rücksprache mit Bode und Wiegand das Problem wieder genau dasselbe:

es müssen die Originale als Abgüsse declariert und exportiert werden36. (…)

(Sarre) ist gerade in London und Paris.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

110. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Hamburg,) 21.6.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich empfing gestern Ihren freundlichen Brief, der mir ja leider nicht gerade angenehme Mitteilungen bringt. Einmal scheint es mir nach dem, was Sie schreiben, doch sehr riskiert, Sie zu bitten, mit mir nach Ostafrika zu kommen. Oder ist Ihr Brief schon implicite eine Absage?

Zweitens bitte ich Sie mir mitzuteilen, wohin Sie zur Kur gehen, da ich Ihnen zu Ehren beabsichtige, Anfang Juli nach Berlin zu kommen und Sie nun vor Ihrer Abreise in das Bad oder in diesem selber aufsuchen müßte.

Drittens haben Sie ganz recht, daß Sie eine prinzipielle Entscheidung über Ihre Zukunft jetzt herbeizuführen versuchen, wo Sie noch alle Trümpfe in der Hand haben. Ich finde es unbe-greiflich, daß Sarre bei Ihnen mit dem Gehalt zu sparen versucht hat. Sie müssen wirklich jetzt auch an Ihre Zukunft denken. Auch ich war seinerzeit frappiert, als ich Ihre erste Nach-richt von der zweiten Kampagne erhielt und als ich erfuhr, daß die Originale vorerst in Samar-ra bleiben sollten. Es ist dieselbe Sache, wie mit zweibändigen Werken: Wenn nicht das ganze Manuskript fertig ist, sollte man nie Band 1 herausbringen. Ähnlich ergeht es Ihnen jetzt. Es wäre unbedingt richtiger, daß Sie erst einmal ein paar Jahre in Ruhe in Europa blieben, sich gesundheitlich kräftigten, für eine Position sorgten usw.

Mein Rat geht jedenfalls dahin, versuchen Sie jetzt Ihre Zukunft zu sichern und erholen Sie sich gründlich. Wichtiger als die Vollendung der Expedition ist Ihre Gesundheit. Ich glaube auch, daß es Ihren Nerven besser tun wird, wenn Sie einmal ein paar Ihrer großen Aufgaben, die Sie begonnen haben, auch vollenden.

Da Ihr Vorbericht doch offenbar noch nicht sehr bald erscheint, hat die Notiz über den Vorbericht natürlich auch noch Zeit. Das neue Heft kommt jetzt sehr bald und das Schlußheft des Jahrganges ist auch schon im Druck, wird aber erst im September herauskommen. Wenn ich bis Ende Juli die Notiz haben könnte, wäre Sie mir für das übernächste Heft herzlich willkommen.

Ich sehne mich wirklich danach, einmal wieder in Ruhe alle diese Fragen mit Ihnen durchzusprechen und ich hoffe, daß wir bald Gelegenheit dazu finden. Für heute nur diesen kurzen Gruß.

In freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB).

 

111. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 27.6.1912

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihren Brief. Nun habe ich wieder 8 Tage im Bett liegen müssen und komme erst Sonnabend heraus. Dann möchte ich Montag und Dienstag einige Besorgungen machen, und Mittwoch – oder schon Dienstag in ein Stahlbad fahren, jedenfalls nach St. Moritz. Doch ist das nicht so ganz sicher. Natürlich möchte ich Sie sehr gern nochmals sehen. Sobernheim ist abgefahren, wir haben uns nur noch telephonisch gesprochen.

(…Planungen bis Mitte August…)

Und nun weiter zu Ihrem Briefe: ich habe zwar mit Sarre gesprochen, er war bei mir, aber ich fieberte und von Besprechungen war keine Rede. Übermorgen oder morgen will er mich noch mal besuchen, aber auch das ist keine Gelegenheit. Das müßte ich überhaupt mit Bode besprechen.

Mein Brief sollte durchaus keine Absage für Ostafrika sein: kürzere Expeditionen von 2-3 Monaten kann ich immer machen. Nur das jahrelange Leben in solchen Klimaten muß aufhören. Sowohl aus gesundheitlichen wie auch aus anderen Gründen. Mein Ziel ist jetzt, die Samarra-Expedition trotz des späteren Anfanges eher zu Ende zu bringen, d.h. schon Anfang Mai; hoffentlich wird das möglich sein. Von der Universität bin ich wieder bis Wintersemes-ter 1913/14 beurlaubt. Vom Militär habe ich bis 1. September 1913 Urlaub beantragt, der jederzeit verlängert werden kann.

Sie haben übrigens sehr recht,, wenn Sie sagen, es würde meinen Nerven gut tun, wenn einige von den großen Arbeiten beendet wären. Das jahrelange Sich-hin-schleppen mit so großen Aufgaben ist furchtbar. (…)

Guyer schreibt seit längerer Zeit an 3 Arbeiten, von denen 2 im Druck und bald vollendet sind, die 3te soll in unserem Reisewerk kommen, das dauert noch lange.

  • Die eine behandelt die Halâwiyyah in Aleppo (alte Kirche, jetzt Madrasah),
  • die 2te eine Surp Hagoyss (Mmâr ca gûb) genannte mesopotamische Kirche und die Datierungsfragen der nord-mesopotamischen christlichen Denkmäler,
  • die 3te seine Untersuchungen in Mesopotamien.

No. 1 hat als Resultat, daß im Gegensatz zur „Hinterlandkunst“ die großen Mittelmeerstädte die Centren sind, von denen die christliche Baukunst ausgeht, während im Hinterland nur der schwache Reflex dieser Bewegungen erkennbar wird.

No. 2 bringt endlich die richtigen Datierungen der mesopotamischen Kirchen, die erstaunlich spät sind: das älteste ist Rusâfah 570/80 und ein Bau in Nasîbîn aus gleicher Zeit, alles andere, so Surp Hagoyss ist erst 8. und 9. Jahrhundert (bezw. 7.-9. Jh.). Daten und Formen der Kirchen zeigen, daß alles von Syrien, wo die Denkmäler älter sind, abhängt; von einer maßge-benderen Bedeutung Nordmesopotamiens für den orientalischen oder gar abendländischen Kirchenbau könne gar keine Rede sein.

(… es folgt eine lange Strzygowski-Geschichte. Weil das alles diesem gegen den Strich gehen muß … Und die wissenschaftliche Kontroverse …)

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

112. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 5.7.1912

Lieber Becker,

ich komme eben von Prof. Jochmann, Autorität für Tropenkrankheiten, zurück, den ich zuletzt consultiert habe. Er ist nun ganz sicher, daß ich eine chronische Tropenmalaria habe, und es sei ganz ausgeschlossen, daß ich jetzt wieder nach Samarra ginge. Ein anderer Arzt, der mich behandelt hat ist noch viel weitgehender: ich könnte überhaupt nie wieder hin, ich riskierte sicher mein Leben dabei.

Ich habe noch niemandem etwas davon gesagt. Ich will wegen der sachlichen Schwierigkeiten morgen Eduard Meyer fragen. Denken Sie doch, alle Materialien sind abgeschickt, der Gipsgießer ist reisefertig, der Generalstabs-Hauptmann desgleichen. Wie soll für mich so schnell ein Ersatz geschaffen werden? Und niemand kennt Samarra! Die beiden anderen sprechen kein Wort arabisch. Wer soll da draußen wieder alles organisieren? Und der Consul geht auch gerade im September auf Urlaub und man weiß noch nicht, welcher fremde ihn vertreten wird? (…)

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

113. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bad Nauheim (Hamburg,) 11.7.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ihr inhaltsreicher Brief vom 5. Juli hat mich erst gestern erreicht, als ich aus Fanö zurückkam, wohin ich nach achttägiger Verzögerung durch die Erkrankung meiner Kinder endlich die Meinen überführt hatte. Ich hatte mir die paar Tage keine Post nachschicken lassen, und Ihr Brief war auch tatsächlich der einzige, der eine schnellere Antwort erheischt hätte.

Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, wie herzlich leid es mir tut, daß Sie nun doch eine energische Tropenkrankheit gefangen haben. Ungleich wichtiger als wie die Expedition ist die Erhaltung Ihrer Arbeitskraft. Natürlich ist es sehr fatal, und Sarre wird außer sich sein, daß er auf Sie verzichten muß. Aber lassen Sie sich unter keinen Umständen breitschlagen, doch mitzugehen, da das nach dem Urteil des Arztes der helle Wahnsinn wäre. Das Wesentliche haben Sie doch geleistet und es ist zweifellos zu Ihrem persönlichen Vorteil, wenn die Resultate Ihrer Arbeiten jetzt zeitiger der Öffentlichkeit erschlossen werden. Natürlich wäre die Vollendung der Samarragrabung auch eine große Tat gewesen. Aber in das Unvermeidliche muß man sich eben mit dem nötigen sabre gamîl fügen. Ich bin natürlich sehr beglückt, daß das nicht auch gleichzeitig eine Absage an mich bedeutet. Hoffentlich erholen Sie sich bald wieder so vollständig, daß Sie die Reise mit mir auch riskieren können. Wenn wir zusammen von Europa abreisen, ist es für uns beide doppelt angenehm. Schreiben Sie mir doch einmal ausführlich, was Eduard Meyer, Sarre u.a. zu Ihrem Mißgeschick gesagt haben.

In freundschaftlicher Gesinnung getreulichst der Ihre (CHB).

 

114. Ernst Herzfeld an C. H. B. Bad Nauheim, 17.7.1912

Lieber Becker,

ich muß Ihnen nun endlich Ihren Brief über die Afrika-Exped(ition) beantworten. Und dazu muß ich wieder mit meiner Person anfangen. Ich habe in Berlin, nachdem ich Ihnen schrieb, noch eine Consultation mit Professor Jochmann (früher Hamburg) gehabt, und der war nicht ganz so pessimistisch. Malaria habe ich sicher, und mache jetzt die nötige Chinin-Kur und bade hier. Aber wenn ich das absolviert habe, Ende August, dann will mich Jochmann nochmals untersuchen, und sich erst dann über die Reisemöglichkeiten äußern. Ich glaube, daß sich die Milzvergrößerung bis dahin – eventuell nach noch anderen Kuren – giebt, und wenn das der Fall ist, kann ich wohl nochmals ausreisen. Sarre hat die Sache sehr ruhig aufgefaßt. Um noch etwas mehr Spielraum zu haben, hat er die Ausreise auf den 1. November verscho-ben, damit, daß wenn ich am 1. Oktober erkläre ich könnte nicht, er noch Zeit hat irgendetwas zu arrangieren. Das ist so ganz gut. Eventuell reist er dann mit Nöldeke.

Gesetzt ich würde reisen können, dann würde ich es natürlich auch thun. Dann würde aber die Samarra-Exped(ition) etwa von Januar 1913 bis einschließlich August und in den September hinein dauern. Ich könnte also im Sommer nicht nach Afrika. Die Entscheidung darüber ist also eigentlich Anfang Oktober möglich. Bin ich aber im Oktober noch so, daß ich nicht nach Samarra darf, dann werde ich auch nicht sagen können, ob ich im Sommer 1913 nach Africa gehen kann. Es ist also doch höchst unsicher, und ich möchte Ihnen die Last dieser Unsicher-heit gar nicht aufbürden. Ich weiß zu genau wie schrecklich es ist, wenn man nie über die nächsten Monate Bescheid weiß. Denken Sie bitte ernstlich daran, die Expedition ohne mich zu machen. Man kann ja noch nicht wissen wie es kommt, jedenfalls nicht von meiner Seite, und auch für Sie ist der Termin doch nicht festgelegt?

In einer ganz ähnlichen Lage bin ich Sobernheim gegenüber. Nach Damaskus kann ich auch nur – mit denselben Einschränkungen – wenn ich nicht nach Samarra gehe. Und denken Sie sich, ich ginge im November nicht nach Samarra, aber im April-Mai nach Damaskus, und Juni-August mit Ihnen nach Afrika – so wäre die Feindschaft mit Bode und Sarre da.

(…)

Nun noch eine Geschichte. Ich hatte Ihnen ja vom Strzygowski-Guyers-Versöhnungsvorschlag erzählt. Auf meine Absage schrieb mir Guyer ganz beglückt. Denn was hat er gerade erlebt?

Er hatte doch einen Aufsatz über die Datierungen der nordmesopotamischen Kirchen an die Zeitschrift für die Geschichte der Archäologie, Redacteur Hirsch, geschickt. Darauf hatte Hirsch gefragt, ob der den Aufsatz vor dem Druck Strzygowski schicken könnte, damit dieser in derselben Nummer erwidern könne. Sie wissen es ja. Darauf hatte Guyer geantwortet, nein, wenn aber Hirsch ohne diese Bedingung Bedenken trüge den Aufsatz zu veröffentlichen, möge er ihn sofort zurücksenden. Das hatte Hirsch per Postkarte quittiert. Als Guyer nun in Wien bei Strzygowski war, was liegt da auf dem Schreibtisch? Sein Aufsatz mit der druckfertigen Entgegnung von Strzygowski. Dieser flehte ihn darauf an niemandem etwas zu sagen, er würde die Entgegnung erst in der nächsten Nummer bringen. Guyer hat darauf den schon fertigen Aufsatz zurückgezogen.

Ich habe ihm geraten, von Strzygowski zu verlangen, daß dieser ihm jetzt sein Manuskript zur Einsicht gäbe, und dann danach seinen Aufsatz einrichten. Ich glaube, daß er nun im Repertorium für Kunstwissenschaft erscheinen wird. Wie finden Sie das? Strzygowski hatte nämlich, da er von Guyer und von Hirsch von dem Aufsatz gehört hatte, letzterem geschrieben, er gäbe jede Mitarbeit an der Zeitschrift auf, wenn er Guyers Aufsatz nicht vor dem Druck zu sehen bekomme. Ist Hirschs Betragen nicht geradezu strafbar? Mich ärgert vor allem die lange Verzögerung des sehr wichtigen Aufsatzes.

Heute las ich eine komische Notiz. Darnach (sollen) Prof. Reichelt und Dr. Diez (?) (früher Kaiser-Friedrich-Museum, dann bei Strzygowski, große Null) eine Expedition nach Persien machen unter der Leitung eines bayerischen Artillerie-Leutnants. Programm: Geographie, Geologie, Geschichte, Kunstgeschichte, Naturkunde und was es sonst noch giebt. Warum giebt es kein Orientalisch-archäologisches Institut, das in solche Dinge Verstand bringen kann?

Schreiben Sie mir bald wieder einmal. Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

PS. Oppenheim muß wieder in Deutschland sein, die Expedition geht weiter; er schrieb mir kurz bevor sein Vater starb, daß er sowieso kommen wolle.

 

115. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Hamburg,) 18.7.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Freund!

Ich habe soeben Ihren Brief mit einem weinenden und einem lachenden Auge zu Ende ge-lesen. Daß Ihre Gesundheit sich bessert, ist mir ein rechter Trost zu hören, daß ich aber unter diesen Umständen wohl der leidtragende Teil sein werde, ist mir natürlich recht schmerzlich. Allerdings noch immer hoffe ich und die Unbestimmtheit Ihrer Entschlüsse stört mich nicht im mindesten, da ich mich keinesfalls vor Beginn des Winters definitiv entscheiden werde, ob ich überhaupt reise. Es sprechen da so viele Faktoren, vor allem auch häuslicher Art mit, so

z. B. die Gesundheit meiner Frau, daß ich mich jetzt noch keinesfalls binden könnte. Unter allen Umständen, lieber Herzfeld, werde ich nicht dazu beitragen, daß Sie mit denjenigen Instanzen, von denen doch mehr oder weniger Ihre Zukunft abhängt, irgendwie in Schwierigkeiten kommen. Es würde mir ja sehr schmerzlich sein, auf Ihre Mitarbeit verzichten zu müssen, aber wenn es nicht anders geht, muß es eben sein und wichtiger ist jetzt, daß Sie festen Boden unter den Füßen gewinnen.

Meine Sommerpläne sind folgende: Ich bin vom 28. Juli bis zum 10. August von Hamburg abwesend. Dann vom 10. August bis zum 8. September wieder hier. Vom 9.-13. September auf dem Religionskongreß in Leiden, dann wieder in Hamburg und um den 1. Oktober herum noch einmal vierzehn Tage in Süddeutschland. Da wird sich doch irgendwo einmal die Möglichkeit ergeben, daß wir uns noch vor Ihrer Ausreise, zu welcher Zeit sie auch stattfindet, gemütlich sprechen können.

Was Sie von der Redaktionsführung des Herrn Hirsch erzählen ist geradezu haarsträubend.

Was sagen Sie übrigens zu der Gründung der deutschen Hochschule in der Türkei? Ich weiß, daß Sie schimpfen werden, aber ich habe trotzdem unter-zeichnet, weil ich nicht so international denken kann wie Sie in diesem Punkt. Wir müssen uns piets-a-ter37 in der Türkei schaffen, nachdem es, wie die Dinge liegen, mit der Türkenherrlichkeit doch vorbei zu sein scheint. Haben Sie Rohrbachs Buch „Der deutsche Gedanke in der Welt“ gelesen? Sie könnten es eigentlich im Bade einmal studieren. Es kostet Mark 1,80. Ich finde das Buch sehr vernünftig und gut. Es ist doch erfreulich zu sehen, in welch gewaltigem Tempo Deutschland dem älteren Bruder England nachrückt und daß wir als zweite Macht der Welt doch wirklich nicht immer sagen dürfen: „Bitte liebe Engländer, wollt Ihr Euch nicht erst bedienen?“ ! Sie als Engländerfreund rechnen zu sehr mit dem Historisch gewordenen und vergessen, daß dieses eben geworden ist und ebenso wieder vergehen kann, jedenfalls nicht als Ewigkeitsfaktor in unsere Rechnung eingestellt werden darf.38

Ich könnte stundenlang mit Ihnen darüber sprechen. Für heute nur diesen herzlichen Gruß. Ich bin inkonsequent genug, doch über Sonntag und Montag wieder nach Fanö zu fahren und einige ruhige Arbeitstage dem Familienmoloch zu opfern. Da sind die Junggesellen besser dran.

In freundschaftlicher Gesinnung der Ihre (CHB)

 

116. Postkarte Ernst Herzfelds an C. H. B. München, 8.8.1912

(Foto: München, Propyläen)

Lieber Becker,

die Nauheimer Kur ist mir sehr gut bekommen, der dortige Arzt sagt, ich sei wieder orientfähig.39 Jetzt gleich zur Nachkur für 8 Tage nach Salzburg, Hôtel de l’Europe, dann vom 15. bis 22. zu Guyer, Haidenscherf (? Unleserlich durch Stempel). Ich habe ein paar schöne Tage im Taunus per Auto zugebracht.

Wie geht’s Ihnen? Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

117. Postkarte Ernst Herzfelds an C. H. B. (Salzkammergut,) 24.8.1912

(Foto: Vapore Prinz Hohenlohe, Lloyd Austria)

Lieber Becker,

wie geht’s Ihnen? Nach Schluß meiner Nauheimer Kur hatte ich eine nette Woche mit meiner Schwester im Salzkammergut, dann eine Woche bei Guyer. Dank für Ihre Grüße. Nun mache ich noch, leider allein, da Guyer in die Schweiz mußte, einen Ausflug nach Spalato. Am 1. September bin ich jedenfalls in Berlin, reisemüde aber gesund. Ich hoffe sehr, schon Anfang Oktober nach Samarra aufbrechen zu können. Dann habe ich bessere Zeit für die Landreise. Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

118. Postkarte von Ernst Herzfeld an C. H. B. Spalato, 28.8.1912

(Foto: Split, Ingresso alla Cattedrale)

Lieber Becker,

ich habe hier einen wunderschönen kleinen italienischen Horaz gekauft, und lese darin die 2 Motti, um derentwillen ich zwei Bücher schreiben sollte:

  • Cur ma querellis examinas tuis?
  • Persicos ad (?unleserlich) puer apparatus.

Trotzdem es etwas schwer war, hier 4 volle Tage totzuschlagen, bin ich ganz befriedigt.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

119. Postkarte Ernst Herzfelds an C. H. B. Berlin, 4.9.1912

Lieber Becker,

schönen Dank für Ihren „Islam“, ich verlustiere mich mit 2 kleinen Notizen über Samarra. Da Sarre aufgegeben hat, über die Kleinkunst etwas zu schreiben, so erscheint der Vorbericht in wenigen Wochen, noch im September. Ich bin nun zurück und der Professor Jochmann hat keine ernsten Bedenken gegen meine Reise. Darum habe ich den 9. Oktober als voraussichtlichen Termin festgelegt, werde also bis zum 7. Oktober in Berlin sein. Der Hauptmann Ladhoff (?) reist jedenfalls mit mir zusammen. Die Stadtplanaufnahme macht er mit Meßtisch, aber wir nehmen wahrscheinlich auch Apparate für Drucken(?)photographie mit, was mich sehr freuen würde.

Vorgestern war ich mit (arab. Name) zusammen im Esplanade, der mir sehr Interessantes erzählte und vollständig glücklich ist. Sobernheim fährt am 26.(9.1912) nach America. Sarre will den Winter in Egypten zubringen, wird also nicht an unserem Reisewerk arbeiten.

Gestern und heute war Littmann hier, man sagte es mir im Museum, heute ist er bei Sarre in Babelsberg, ich habe ihn leider nicht gesehen. Heute Nachmittag will ich noch Eduard Meyer aufsuchen.

Kennen Sie einen großen Münzsammler, der 3 antike Goldmünzen, eine hellenistische, eine parthische und einen Mugtati zu Pferd kaufen würde, zusammen 15 000 Francs, aber auch billiger? Ich habe 2 davon bei mir, die dritte kann ich aus Paris bekommen, wohin sie irrtümlich zurückgeschickt ist, statt daß sie mir gegeben wurde.

Wann kommen Sie nach Berlin?40 Ihr Ernst Herzfeld.

 

120. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Berlin (Hamburg,) 6.9.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich habe Ihre Rückkehr nach Berlin abgewartet, ehe ich Ihnen schrieb. Ich freue mich von ganzem Herzen, daß es Ihnen wieder gut geht und daß Sie nun Ihr großes Werk doch in voller Gesundheit vollenden können. Ich wäre gern in diesen Tagen einmal nach Berlin gekommen, aber ich habe so furchtbar viel Arbeit um den Kopf, daß ich nicht daran denken darf. Auch reise ich morgen nach Leiden, um an dem Kongreß für Religionsgeschichte teilzunehmen. Die islamische Sektion wird glänzend vertreten sein durch Snouck, Goldziher, Hartmann, Litt-mann, Horten, Massignon usw. Ich halte den Vortrag, den ich gleichzeitig drucken lasse und von dem ich Ihnen einen Fahnenabzug wohl noch vor Ihrer Abreise zustellen werde, über die Anfangsgeschichte des islamischen Kultus, die ja mit der architektonischen Entwicklung der Moschee aufs Engste zusammenhängt. Ich bin zu überraschenden Resultaten gekommen.

  • Das Schema des Freitagsgottesdienstes ist der alten Meßliturgie nachgebildet.
  • Die zwei Chutben entsprechen der Schriftverlesung und der Predigt.
  • Der vorangehende Adhân ist ein alter Responsionsritus.
  • Der zentrale Kultusakt der eigentlichen Messe wird durch das Freitagssalât ersetzt, die deshalb im Gegensatz zu der alten Überlieferung hinter die Predigt gestellt wird. Am Überraschendsten und gerade zu beweisend ist nun die Tatsache, daß
  • Das Gebet für den Kaiser im Sonntagsritual sich die Du-a für den Kalifen befindet

Im Anschluß an diese Gedanken habe ich mich dann noch über Mihrab, Minarett und Maqsura als Kultusgegenstände geäußert und scharf zwischen einer kunstgeschichtlichen und kultus-geschichtlichen Entlehnung geschieden. Für die Erstere maße ich mir kein Urteil an, aber in kultusgeschichtlicher Hinsicht sind alle diese Dinge dem Christentum entlehnt.41 Natürlich liegt darin auch ein Fingerzeig für die kunstgeschichtliche Betrachtung.

Noch etwas Anderes aber habe ich entdeckt, was Ihnen besonders wertvoll sein wird. Ich will eine Notiz darüber in der nächsten Nummer des Islam bringen. Bei Samhudi steht an einer Stelle deutlich zu lesen, daß beim Neubau der Prophetenmoschee in Medina unter Walid die Arbeiter landsmannschaftlich verteilt waren. Ist das nicht ein glänzender Beweis für Ihre kunsthistorische Forderung beim Mschatta? (…)

(Der Verlagsbuchhändler Winter war) bei mir und zufällig kamen wir auf Guyer zu sprechen. Da erzählte er mir die Geschichte von Guyers zurückgezogenem Artikel, aber die Version klang doch etwas anders, als die, welche ich von Ihnen empfangen hatte. Danach war das Imprimatur schon erteilt und das ganze Heft fertig, so daß ich nicht recht begreife, warum sich Guyer so sehr aufgeregt hat, da er doch ursprünglich nur verlangt hatte, die Arbeit dürfe Strzygowski nicht zur Begutachtung vorgelegt werden, noch auch solle in der gleichen Nummer eine Antwort von ihm erscheinen. Winter stellte es nun so dar, als ob die Bedingungen Guyers genau erfüllt gewesen wären; man hätte nur zum Schluß dem Mitherausgeber Strzy-gowski davon Kenntnis geben müssen, als keinerlei Änderungen mehr möglich waren. Hoffentlich kommt nun wenigstens Guyers Aufsatz bald an anderer Stelle.

Meine Leidener Adresse ist Hotel Levedag.

In herzlicher Freundschaft Ihr getreuer (CHB).

 

121. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 7.9.1912

Lieber Becker,

Ihr Brief war mir sehr interessant, und ich bin begierig auf die spätere Lectüre Ihres Vortrages. Ich hatte mich jüngst mit Guyer über das Problem Kirche – Moschee unterhalten, speziell Apsis – Mihrâb, weil er sich über die Damaskus-Moschee, oder vielmehr die alte Johannesbasilika den Kopf zerbrach. Man wird da gewiß auch die kunstgeschichtlichen Zusammenhänge einmal verstehen lernen. In der Beziehung ist auch Ukhaidir von Interesse, dessen Publication durch Reuther-Babylon ich gestern bekam. Dort ist ja eine ganz ausgebildete Moschee mit Haraen (?) und Mihrâb, Seitenhallen und Hof, ziemlich richtig (wie der ganze Bau) orientiert. Auf keinen Fall ist der Bau jünger als die Gründung von Baghdad, eher älter. Also ist er wohl die älteste Moschee die in ihrem Urzustand auf uns gekommen ist. Ich hatte das gerade durchgelesen, da traf ich im Seminar Moritz, der wie Sobernheim behauptet, mich haßt. Da ich genug Feinde habe, habe ich mich im Laufe einer fast 2stündigen Unterhaltung ungeheuer mit ihm angefreundet. Raten Sie was der Hauptübereinstimmungspunkt war? Armer Becker! Wir beide sind wütende Gegner der Hartmann-Grothe’schen Schulgründung. Aber davon wollte ich gar nicht erzählen, obgleich mich Moritz benachrichtigen will, falls darüber verhandelt wird, damit ich ihn in der Opposition unterstütze. Sondern Moritz erzählte mir von einer Inschrift in der Moschee von Ukhaidir, von der Miss Bell ihm eine Photographie gegeben hat. Mit Miss Bell wäre er sehr intim, beinahe überhaupt ganz intim geworden. Die Photographie soll schlecht sein, so daß Moritz und auch Littmann, der sie vorgestern sah, nur erkennen konnten, daß die Inschrift eine aramäische oder nabatäische sei. Dennoch be-hauptete M(oritz) nicht etwa , daß nun Ukhaidir mit seiner Moschee vorislamisch sein müsse, sondern erwog, ob da nicht ein Licht auf die Anfänge der „kufischen“ Schrift im engeren Sinne fallen würde. Aber merkwürdig, daß Miss Bell diesen Fund den Herren von Babylon nicht verraten zu haben scheint. In deren Publication ist mit keinem Worte davon die Rede.

Durch Eduard Meyer erhielt ich erst jetzt die Golziher-Festschrift und darin Brunnows Mschatta-Aufsatz. Der hat mich nur bestätigt in meiner Anschauung. Punkt für Punkt ist leicht zu widerlegen. Zunächst beobachtet er gar nicht, daß nicht der Gegensatz zwischen Mschatta und den anderen Schlössern zu erklären ist, sondern der in Mschatta selbst. Das ist trotz allem nur durch Ihre Leistungen zu erklären. Und daher ist Ihr Fund der Samhudi-Stelle wieder etwas sehr Schönes. Die Bemerkungen, daß die technischen Gründe nicht schwer wögen, sind auch falsch: der Spitzbogen ist doch erst islamisch, die Ziegeltechnik ist die von Samarra, die schweren Holzhauben ?unleserlich) giebt es in der Hagia Sophia nur in den Seitenschiffen; Q.itu Wasân hat keine Spitzbogen. Das stimmt ganz einfach alles nicht. Aber dann, was ist das überhaupt für eine Arbeit: erst allerhand allgemeine Beobachtungen, die ja samt und sonders von Berchem, Kaunureus etc. auch schon erwogen sind, und dann mit

einem Male: An Strzy(gowski)s Datierung wage ich nicht zu zweifeln, da mir das kunstgeschichtliche Urteil fehlt; also bin ich über Mschatta der und der Ansicht. Wollte Brunnow einen eigenen, neuen Standpunkt vertreten so hätte er doch unbedingt an allem und jedem zweifeln und alles prüfen müssen. Wollte er einer schon früher geäußerten Anschauung neue Geltung verschaffen, so hätte er neue Tatsachen dafür beibringen müssen. Von beidem ist keine Rede.

(… nochmals Affäre Guyer)

Meine Pläne sind jetzt fixiert. Ich werde am 9ten von Marseille abfahren, d.h. am 7ten von Berlin. Der Hauptmann Ludloff wird mich jedenfalls auf der ganzen Reise begleiten. Ich warte augenblicklich auf ihn, da wir uns im Generalstab photographische Drachen42 ansehen wollen. Die Sache ist praktisch und nicht teuer; ich lege viel Wert darauf. Wir haben seit 1. April 20 000 Mark von der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, 10 000 (Mark) von der Deutschen Bank, weitere 20 000 (Mark) giebt die KWG am 1. April 1913, und gestern telephonierte Bode43, daß Seine Majestät sein Gesuch um 20 000 Mark aus dem Dispositionsfonds genehmigt hat. Mit 70 000 Mark sind die Kosten gedeckt. Die Bahn und die Abgußmaterialien sind schon in Baghdad, und dieser Tage muß nun Bode entscheiden, ob wieder Bastus – die Turfan-Expedition fällt aus – oder ein anderer Gipsgießer hinausgeschickt wird. In Baghdad und Samarra sind die Leute telegraphisch benachrichtigt. Auch Habil Bey ist gebeten, uns den guten Commissar wieder zu verschaffen. Im Moment geht also alles in Ordnung.

Wenn Sie nicht nach Berlin kommen können, so wäre es nicht unmöglich, daß ich am 19./20. ten nach Hamburg käme. Ein Kommerzienrat Töpffer aus Stettin, Freund meiner Eltern, sprach davon, mich in den Tagen mit nach Hamburg zu irgend einem „Tage“ (Deutsche Industrielle?) zu nehmen.

Herzliche Grüße Ihres Ernst Herzfeld.


2. Samarra-Expedition 1912/13


122. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 4.12.1912

Lieber Becker,

mein Brief wird Sie etwa um Neujahr erreichen und ich beginne ihn daher mit den besten Wünschen für 1913.

Nun sitze ich wieder einmal glücklich in Samarra. Alles ist wenig verändert, als wäre ich gar nicht fort gewesen. Nur Arbeit habe ich mehr als im vorigen Jahr.

  • Denn die sehr schwierige Aufgabe die der Hauptmann Ludloff hat, den Stadtplan der ganzen Ruinen aufzunehmen, muß ich doch auch ins Werk setzen. Es fällt ihm so schwer sich mit den Leuten verständlich zu machen, ein Dragoman war nicht aufzutreiben, deutsch überhaupt nicht, und französisch würde nicht viel geholfen haben, da Hauptmann Ludloff fast gar nicht französisch spricht. Wenn diese Arbeit in Fluß gekommen ist, werde ich mehr Ruhe haben.
  • Dann kommt aber auch schon der Gipsgießer und der wird mir noch mehr Arbeit machen.
  • Die dritte Angelegenheit, die mir Verdruß macht, ist, daß trotzdem wir unsere Feldbahn etc. pünktlich abgeschickt haben, die Sachen alle durch große Nachlässigkeit der damit beauftragten Geschäftshäuser in Basra und Baghdad alle 3 Monate in Basra liegen geblieben sind. Das macht mir sehr viel Kosten und raubt mir obendrein viel Zeit!

Hoffentlich wird das im neuen Jahr besser!

Es wird Sie gewiß interessieren, etwas Politisches von hier zu hören. Aber ich kann Ihnen nur wenig Thatsächliches schreiben, da man Thatsachen hier nicht erfährt.; nur einige charakteristische Nebenerscheinungen. Noch auf dem Schiff von Marseille nach Alexandrien erfuhren wir die Kriegserklärung der Balkanstaaten und in Beirut den Friedensschluß mit Italien. Seit-her hörten alle zuverlässigen Nachrichten auf. In den Wilayeti Jerusalem, Damaskus, Beirut und Aleppo wurde mobil gemacht. Dagegen waren 7 Armeekorps, nämlich die von Armenien, Mossul, Baghdad, Lahra (?) und die Division Basra (ich glaube auch Djerbakir) von vornherein von der Mobilisation ausgeschlossen. Die französische Bahn hat aus den 3 syrischen Wilayeti etwa 40 000 Mann nach Aleppo befördert. Aus dem Wilyet Aleppo werden etwa 12 000 Mann eingezogen worden sein. Infolgedessen war der gesamte Güterverkehr absolut aufgehoben und der Personenverkehr stark eingeschränkt. Die Folge war wieder, daß in Aleppo die Lebensmittel knapp und teuer wurden. Wir kamen überall mit leidlicher Bequemlichkeit durch. Als wir in Aleppo wegwollten, erfuhren wir, daß die Truppentransporte suspendiert wurden. Wir meinten zuerst, die anatolische Bahn wäre nicht imstande, mehr Truppen zu befördern. Das mag auch mitgesprochen haben. Dazu aber kam schon, daß man – ohne daß in der Provinz davon selbst bei den Wilayeten die geringste Kenntnis vorhanden war – in Konstantinopel den Kopf verloren hatte und scheinbar die Sachlage als aussichtslos betrachtete. Die syrischen Truppen waren außerdem so absolut unkriegerisch und auch durch alle-Predigten so gar nicht zu fanatisieren, daß sie wohl wenig geholfen haben würden.

Wir wollten über Dijabakir – Mossul reisen und hatten, trotzdem alle Tiere requiriert worden eine Karawane gefunden. Im letzten Moment lehnte es der Wali ab, uns Zabtichs mitzugeben, weil er keine hätte, und sagte, ohne Begleitung könnten wir bei den unruhigen Zuständen nicht reisen. Der Consul riet uns auch energisch ab, so daß ich wohl oder übel nachgeben mußte, obgleich ich von Anfang an fest überzeugt war, daß alle Bedenken absolut grundlos seien. Wäre ich alleingewesen und auf meine Kosten gereist, so hätte ich keine Rücksicht genommen. So aber konnte ich die Verantwortung nicht tragen, und wir nahmen die Gelegenheit wahr, mit dem gerade durch Aleppo reisenden neuen Wali von Baghdad, Mehmed Zéki Pascha, früher Gouverneur von Armenien und Feldmarschall zusammen den Euphratweg herunterzufahren. Die Reise verlief so ruhig wie je. Im ganzen Lande wußte man von nichts. In Deir al-Zûr kamen offizielle Telegramme, die Rechfis(?unleserlich) würden sehr bald zu-rückkommen, worüber große Freude herrschte. Wir trafen dort einen Divisionsgeneral Enver Pascha, der von Baghdad nach Saloniki versetzt war, und noch nicht einmal wußte, daß der Krieg im Gange war. Damals war Saloniki jedenfalls schon von den Griechen genommen! In Baghdad herrschte ebenfalls absolute Ruhe, und auch die Europäer sahen alles ganz ohne Aufregung an, während in Aleppo – ohne jeden Grund – man immerfort von Massacres redete. Die christliche und jüdische Bevölkerung veranstaltete Gottesdienste, in denen um Sieg für die Türkei gebeten wird, und wünschte dabei, sie möchte je eher desto lieber zu Grunde gehen. Im Irâk ist die Hälfte der Bevölkerung die intelligente und reiche, und sie würde jeden der kommt, ganz gleich wer, mit Freuden begrüßen, wenn sie nur von der maßlosen türkischen Mißwirtschaft erlöst würden. Die muhammedanische Bevölkerung ist geteilt:

  • die Schiiten freuen sich über die Mißerfolge der Türken,
  • unter den arabischen Sunniten wächst auch die Mißstimmung.

In welchem Maße die thörichte türkische Revolution, die in Deutschland so gefeiert wurde, zersetzend gewirkt hat, läßt sich gar nicht sagen. Den Gerüchten nach – mehr weiß man hier nicht – sind die Verbündeten dicht vor Constantinopel und steht der Friede nahe bevor. Die türkischen Offiziere hoffen (auf) einen großen europäischen Conflict, um dabei die Türkei zu retten. Nur von Dr. Hesse, dann der Baghdader Consul, der auf Urlaub in Deutschland ist (wie auch der Consul von Mossul, von Basra, von Aleppo, kurz alle Consuln der Türkei) höre ich, daß man im Auswärtigen Amt endlich einsieht, daß die von Marschall von der Goltz geleitete türkenfreundliche Politik ein großer Irrtum war. Ich habe es ja nie begriffen und male mir mit Angst aus, was für Einbuße an Ansehen Deutsch-land zu allen Mißerfolgen der letzten 10 Jahre jetzt noch durch die türkischen Niederlagen in militärischer Beziehung erleiden wird. Es ist wirklich fürchterlich.44

Hier im Süden spielt noch ein kleiner Extra-Krieg. Der Sohn des vor 1 ¼ Jahren von der türkischen Regierung ermordeten Shaiks der Nunthfiq, Sa’drin Pascha, bedroht mit seinen Arabern Basra, und die Baghdader Regierung hat 2 Bataillone zu 150 Mann und einen Kom-mandierenden General dorthin geschickt, da der bisherige Wali von Basra, Ali Riza Pascha, im Kriege in Europa ist.

Was wird das neue Jahr in politischer Beziehung bringen? Wird man in Deutschland ein-sehen, daß man auf ganz falschem Wege war, und eine ganz neue Politik anfangen? Unsere Grabung hoffe ich in Ruhe zu Ende führen zu können. Von den anderen Plänen mag ich noch nicht reden. Ich glaube nicht, daß ich 1913 an irgend etwas teilnehmen kann.

Bitte schreiben Sie mir bald einmal. Seit meiner Abreise habe ich nur 1 Brief von meinen Eltern und einen von Sarre erhalten, sonst absolut nichts.

In Freundschaft Ihr Ernst Herzfeld.


1913


123. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Bagdad, Consulat allemand Hamburg, 25.1.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ihr Brief vom 4. ds. Mts. War mir eine recht herzliche Freude, brachte er mir doch das erste Lebenszeichen von Ihnen, seit Ihrer Abreise. Ich habe oft an Sie gedacht und gehofft etwas von Ihnen zu hören. Ich war aber selbst so vielseitig in Anspruch genommen, daß es für mich ganz ausgeschlossen war, Ihnen gemütlich zu schreiben. Ich sitze furchtbar in Druck mit allerlei Arbeiten, ich bin Vorsitzender des Professoren-Konvents und habe als solcher mich besonders um die Universitätsfrage zu kümmern; ich habe außerdem vor kurzem meinen Schwager45 verloren, — lauter Dinge, die mich, ganz abgesehen von häuslichen Verhältnissen, bedrückten und behinderten.

Empfangen Sie zunächst herzlichen Dank für zweierlei Reaktionen, die Sie erzeugt haben. Zunächst eine Manuskriptsendung von Mr. David Fetto, leider ist sie nicht sehr viel wert und diese erste Sendung ermutigt nicht sehr, die von ihm angebotenen weiteren Sendungen kommen zu lassen. Es sind lauter Sachen, die in europäischen Bibliotheken bereits vorliegen. Ich werde bei ihm anfragen, ob ich die Sendung ihm zurückschicken, oder ob ich sie an eine andere europäische Adresse expedieren soll.

Ihr zweiter Klient Kazim Dudjaili hat ja eine sehr schöne Hand und ist offenbar überhaupt ein sympathischer und kenntnisreicher Mensch, wie aus seinen Briefen hervorgeht. Vielleicht schreiben Sie mir noch etwas über ihn. Machen Sie ihm aber ja keine Hoffnungen, denn ich kann unmöglich meinen treuen Zaid herauswerfen, und Mittel für einen anderen Araber habe ich nicht, wenigstens zur Zeit nicht. Es besteht allerdings die Möglichkeit. Daß die Eröffnung der Bagdad-Bahn es hier wünschenswert erscheinen läßt, auch einen irakischen Lektor hier zu besitzen, dann werde ich natürlich zuerst an ihn denken. Kann er türkisch oder persisch?

Sarre hatte mir einen Mshatta-Artikel versprochen, als Antwort auf Brünnow, nun hat er ihn wieder verschoben. Ich hatte mancherlei Korrespondenz mit ihm, weil ich tatsächlich die Scherbe mit der grünen Schrift auf weißem Grund unter meinen Beständen entdeckte, und sie ihm für das Museum schicken konnte. Es wird Sie amüsieren, daß wieder ein neuer Krach (mit) Karabacek am orientalischen Himmel auftaucht, doch darf ich näheres darüber noch nicht berichten. Dieser Charlatan sollte doch endlich gelernt haben, aber das scheint hoffnungslos mit ihm.

Ich hätte Ihnen seiner Zeit gern Fleurys „Hakim-Moschee“ geschickt, um ihn für den Islam zu besprechen. Aber ich nahm dann an, daß Sie sie doch direkt erhalten haben und jetzt zu Besprechungen nicht allzu viel Zeit haben. Wenn Sie natürlich etwas darüber sagen wollen, steht Ihnen der Islam jeder Zeit zur Verfügung. Später sollen Sie ja doch Referent an der Bibliographie werden, aber vorerst habe ich Sie verabredungsgemäß noch damit verschont. Hingegen habe ich Ihnen im Auftrage von Massignon dessen „Mission en Mesopotamie“ geschickt, vielleicht sagen Sie etwas darüber in meiner Zeitschrift, aber seien Sie gut mit ihm. Man kann seine Arbeit immer leicht zerpflücken, ich möchte aber, daß man ihm den Mut nicht nimmt, da er bei aller Unsicherheit im einzelnen, doch eine eminente Kenntnis des Arabischen und des Islam in sich vereint. Er hält zur Zeit Vorträge in Kairo an der Université Egyptienne, das ist so recht etwas für ihn arabisch zu Arabern zu sprechen.

Hier steht alle Welt unter dem großen Eindruck der jüngsten Ereignisse in Konstantinopel. Das hätten Sie auch Enver Be. nicht zugetraut. Ob man aber viel Hoffnung haben darf, daß diese begeisterten Idealisten von den Mächten unterstützt werden, scheint mir mehr als zweifelhaft. Die Auflösung der Türkei scheint unaufhaltsam und Sie sind ja der erste, der das begrüßt.46 Das politische Stimmungsbild aus Ihrem Briefe hat mich sehr interessiert. Könnten Sie mir nicht auch einmal etwas in einer Form schreiben, daß es als Reisebrief von Ihnen im Islam abgedruckt werden könnte?

In Hamburg ist jetzt die Universitätsfrage wieder auf der Tagesordnung. Als Weihnachtsgeschenk hat der Senat die Universitätsvorlage herausgebracht und seitdem vergeht kein Tag ohne einen oder mehrere Artikel der Hamburger und der Deutschen Presse. Ich selbst habe etwas in der Woche geschrieben, das Sie vielleicht gelesen haben. Es regt sich allerdings auch sehr viel Opposition, namentlich aus Juristen- und Oberlehrerkreisen, doch glaube ich, ist das Schwergewicht der Sache so groß, daß sie sich sicher durchsetzen wird. Frühestens wird die Universität im Spätherbst bewilligt und besten Falls am 1. Oktober 1914 eröffnet werden können.

Damit für heute Schluß. Wenn Sie mir öfter schreiben, bekommen Sie auch öfters Antwort von mir. Hoffentlich geht es Ihnen gesundheitlich recht gut und hat Ihre Grabung allen Erfolg.

In freundschaftlicher Gesinnung Ihr (CHB)

 

124. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 27.1.1913

Lieber Becker,

in großer Hast, aber gedrückt von dem Bewußtsein Ihnen seit Ewigkeiten nicht geschrieben zu haben, sende ich Ihnen viele Grüße. Der Grund meines Schweigens ist, daß ich mit 300 Arbeitern und den Arbeiten des Hauptmanns Ludloff x-mal soviel zu thun habe als im vorigen Jahr. Die 2 Monate haben so viel Nummern im Fundjournal gebracht, als die ganze erste Campagne. Es wächst mir über den Kopf. Ich rechne aber bestimmt am 1. Juni fertig zu sein. Wir fanden fast alle Räume des Palastes einst bemalt, wundervolle Keramik überwiegend chinesisch oder Nachahmung von China, prachtvolle Kacheln, Marmor en masse, bemaltes Holz etc.etc. und sehr schöne Architekturen. Das schönste jedoch ist der Stadtplan. In 14 Tagen ist er fertig. Schon jetzt ist’s genug klar, daß La’Gûbis Schilderung absolut zuverlässig ist. Ich kann schon jetzt fast alle von ihm genannten Palais’ identifizieren. Es wird Sie riesig interessieren: die Paläste, Tierparks, Rennbahnen, Poloplätze etc.etc., die Castrum in mehreren Typen. Ich bin ganz befangen unter diesem Eindruck.

Also am 1. Juni hoffe ich zu schließen.

Die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft hat auf meinen Kostenvoranschlag von Professor Lüders (?) 1000 Mark (für mich) zur Aufnahme des Ardashir-Monuments in Paikuli gegeben. Das muß ich dann im Juli machen.

Einen Brief, von dem ich weiß, habe ich nie bekommen von Littmann. Er muß beim Österreichischen Lloyd in Port Said liegen. Vielleicht bekomme ich ihn nächstens. Was darin stehen mag?

Sarre ist außer sich über die Kosten. Er begreift nicht, daß es sparsamer ist, ein Thema in 6 Monaten statt in 9 Monaten zu erledigen, daß allerdings die Monatsrate dann höher ist. Es ist schwer, so etwas jetzt schon in 6 Briefen jedesmal auf 4 solcher Seiten auseinandersetzen zu müssen.

Schreiben Sie mir mal, wenn auch nur kurz. Es ist jetzt sehr schön hier und wird bald Frühling. Mir geht es im allgemeinen gut, nur schlafen kann ich nicht. Von dem was in Deutschland und was in der Türkei vorgeht, erfahre ich so gut wie nichts. Nach Gerüchten wäre der Friede geschlossen, mit Abtretung von Adrianopel, und wären Mahmut Kuerket (?) und die Jungtürken am Ruder. Ich halte diese für ein Unglück für die Türkei.

Herzliche Grüße Ihnen, Ihrer Frau Gemahlin und gemeinsamen Bekannten.

Ihr Ernst Herzfeld.

 

125. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 3.3.1913

Lieber Becker,

Sie haben mich durch Ihren Brief sehr erfreut. Auch der alte Brief von Anfang Oktober (1912!) von Littmann kam gleichzeitig an. Hätte ich nicht so übermäßig viel zu thun schriebe ich ja mehr. Aber es geht von morgens 7 bis nachts um 1 (Uhr). Sarre zeigte mir heute telegraphisch sein Eintreffen im September an. Unsere Mittel reichen aber höchstens bis 10. (15.) Juli. Ich weiß nicht wie ich das verstehen soll. In seinem Brief steht etwas, was mich furchtbar hat lachen machen, es wird Sie auch interessieren: Ein Brief von Strzygowski:

Ich habe den Bericht mit Interesse gelesen. Aber warum haben Sie H(erzfeld) nur gestattet, in einer amtlichen Schrift – statt einfach bei den Thatsachen zu bleiben – nun wieder Propaganda für seine verkehrten Ideen zu machen.“

Er schreibt dazu:

Meine Versuche in annehmbare Verhältnisse mit dem Mann zu kommen, sind vergeblich. Persönlich war er in Wien sehr entgegenkommend und konziliant, suchte alles Mögliche von mir (vergeblich) zu bekommen, um dann schriftlich wieder pöbelhaft zu werden. Ein unerträglicher Kerl.“

Hauptmann Ludloff muß jetzt schon über Mossul hinaus sein. Er bleibt ein Weilchen bei Oppenheim, um auch dort die Karte zu machen. Unser Plan 1: 25 000 ist fertig, abgeschickt und copiert. Nun habe ich auch eine Karte, sehr verbessert, von der weiteren Umgebung in

1 : 100 000 gemacht. Schöne Sachen. Jetzt bin ich allein mit einem mehr als mäßigen Gipsgießer, Herrn Beger. Kein Vergnügen. Aber er bleibt hier im Hause und ich ziehe in kurzem in den Djansaq, den ich, anders Nutawakkil, sämtlichen anderen Schlössern vorziehe.

Die Feldbahn ist nun vollständig und arbeitet mit dreifacher Leistung gegen früher. Schöne Funde: Gemälde in größeren Stücken, z. B. große Füllhorn-Ranken (die Ähnlichkeit mit Mschatta ist seltsam), in deren Einvollungen Tiere und auch Jagdszenen und Tierüberfallungen dargestellt sind mit Paaren von Tänzerinnen, die aus langhalsigen Flaschen gelben Wein in goldene Schalen gießen usf. Wer hätte so was erwartet? Und schöne Keramik und Gläser. Ich habe schon einen großen Transport nach Berlin geschickt.

Lassen Sie Sarre nicht über Mschatta schreiben. Damals gab mir Eduard Meyer den Auftrag von Brünnow. Ich habe ihn ausführlich an Brünnow beantwortet und Eduard Meyer eine Copie geschickt. Meyer sagte: um Gottes willen nicht drucken, da legt man der Sache nur eine Bedeutung bei, die sie nicht hat. Das ist vollständig richtig. Ich erhielt von Brünnow eine lange, höfliche Antwort, aber ganz unlogisch. Z. B. gegen die Liturgien(?) wagte er nichts zu sagen, aber wer wüßte, ob die nicht vorher auch schon bestanden hätten! Nun kommt es doch hier aber nicht auf das Bestehen bezahlter Zwangsarbeit an, sondern auf den Umfang des Gebietes über das sich diese erstreckte. Und das weiß doch jeder, daß unter Ghaosaniden (?) und Lakhmiden (?) nichts so war wie später. Und ähnliche Ausflüchte. Es lohnt sich wirklich nicht zu erwidern. Ich habe längst erkannt, daß jeder Mensch bei seiner vorgefaßten Meinung bleibt. Es ist auch zu unbequem, seine Anschauungen zu ändern. So wie ein alter Junggeselle sich schwer zum Heiraten entschließt und ein Familienvater schwer zu einem Hausumbau. Man sollte sich also in Büchern, die auch meist überflüssig sind, darauf beschränken, einfach zu sagen, was man denkt, und darauf warten, daß nach 50 und 100 Jahren einmal sich einer daran erfreut, wie ich es an Riegels Stilfragen und Jones und Richs Reisebüchern thue.

In den Zeitungen stand von der Gründung der Hamburger Universität wie von einer perfecten Angelegenheit, nach Ihrem Briefe scheint das noch etwas verfrüht.

Der Kazim al-Dudjail ist ein interessanter Mensch. Er stammt aus dem Dudjail-Bezirk (Sumaikah). Er ist Scheich und dabei Sûfi und sehr aufgeklärt und begierig zu lernen. Er spricht wunderschön arabisch, das ist ja sehr verschieden, und kann natürlich auch persisch, da in Baghdad alle drei Sprachen gleichmäßig gesprochen werden. Er hat eine Anzahl netter Artikel in der Lughat al-Arab (?) geschrieben, und hat archäologische Interessen, hat die Inschrift in dem Sardâb des Mahdi entdeckt, andres in den Heiligtümern von Nadjaf und Kufa. Ich habe ihn jetzt veranlaßt, sich Salmân Pâk in Ktesiphon genau anzusehen, das auch alt sein soll. Ich habe außer bei ihm hier nie erlebt, daß jemand den aufrichtigen Wunsch hatte, europäische wissenschaftliche Methoden zu lernen. Deshalb möchte er Gelegenheit haben, nach Europa zu kommen. Mich liebt er sehr, und wenn ich in Baghdad bin, weicht er nicht von meiner Seite.

Die Baghdader Bücher haben mir auch alle nicht gefallen. Ich sah aber eine Sa’di aus Sa’dis Zeit, absolut vollständig, während alle späteren gewisse Teile nicht besitzen sollen; dann ein sehr altes Manuskript Mankqat al-Tayûn, und ein schönes Skarafnamah. Aber Nova gibt es kaum. Und die Besitzer haben wahnsinnige Ideen von dem Wert dieser Manuskripte.

Schrieb ich Ihnen, daß die Baghdad-Bahn zwischen Mossul und kurz südlich Samarra keine Arbeiten mehr vergiebt? Durch den Verlust der europäischen Türkei sind die Garantien nicht mehr vorhanden. Also wird es wohl auf lange hin aus sein.

Fleury hat mir seine Hakim-Moschee geschickt. Als ich bei der Abreise zu Berchem fuhr, stieg er in Basel zu mir in den Zug, um mir die Fahnen zu zeigen. Er fällt mehrmals über mich her, ohne Recht zu haben, z. B. in bezug auf Magem’Ali, dessen Datum ich nun gefunden habe. Ich will es nicht rezensieren; ich bin mit Fleury durchaus befreundet. Ich habe aber ihn gebeten, meinen Grabungsbericht zu rezensieren und dabei einiges seiner Hakim-Moschee abzuschwächen.

Massignons Band habe ich erhalten, bevor ich merkte, daß er durch Ihre Hand gegangen war, habe ich mich via Berchem bei ihm bedankt, da ich seine Adresse nicht wußte. Ich muß das Buch genau studieren. Natürlich sah ich schon beim Durchblättern, daß ich das Material in mehreren Punkten ergänzen kann. Er hat eine merkwürdige, ich möchte sagen mathematische Art die Dinge zu behandeln, die ich gern mag. Ich schwärme für Kürze und arbeite in Gedanken eine Methode aus, wie man archäologische Objecte so kurz wie eine Inschrift publizieren könnte, sich anlehnend an Berchems Thema und dabei so listenhaft wie es Massignon thut, beinahe statistisch, und zum Schluß die kunsthistorischen Entwicklungen graphisch darzustellen, wie es ein gewisser und sehr genialer von Seymüller für die französische Renaissance-Architektur gethan hat. Ich möchte einmal meine verkehrten Ideen so schön auf einem Ordinatennetz in nur für Künstler verständlichen Curven und einen japanischen Garten und dabei berauschende Farbenharmonie dargestellt sehen. Niemals hat mir etwas mehr imponiert, als wenn ich München ein früherer Statiker Föppe an die Tafel schrieb: a2+b2=c247 und dann erklärte, das ist das Gesetz der Erhaltung der Masse, und wenn er das differenzierte so wurde es das Gesetz der Erhaltung der Energie, und wenn er eine weitere arithmetische Operation damit vornahm, so wurde es das Gesetz der Trägheit und weiter etwas anderes und immer etwas anderes. Und so standen dann in einem Stück von 10 Zeilen Buchstaben und Ziffern alle Dinge der Welt an der Tafel und was wir Gesetze nennen, trotzdem ich im ersten Semester viel zu dumm war, dem zu folgen, wie wir von der ganzen Außenwelt eben nur auffassen, was in unserem Verstand begründet ist, oder anders, wie wir eben nur unsere Denkgesetze in die Außenwelt propagieren. So ist es doch auch auf historischem Gebiete. Die Facten an sich sind tot. Wenn wir sie zu Entwicklungen verbinden, so thun wir da Menschliches, Individuelles hinein. Um da Falsches zu vermeiden, müssen wir alles auf mathematische Formen bringen, so knapp wie möglich. Und alle Gefühle ausschalten. Auch das berühmte Qualitätsgefühl, ohne das man nicht Museumsbeamter werden kann, und das solche Kunsthistoriker erfunden haben, um damit bare Unwissenheit zu bemänteln und andre zu verhindern, das kärgliche Brot mitzuessen, das die Beschäftigung mit so überflüssigen und dabei doch blei-benden Dingen abwirft. Es ist seltsam, daß gerade das Überflüssige das Bleibende ist. So z. B. werde ich wie bisher 4, so auch mehr Walis von Baghdad überleben, und ihre Thätigkeit ist unmenschlich (?) und unaufschiebbar, und es wird kein Hahn nach ihnen krähen. Gar nicht zu reden von den Kaimakanen von Samarra, oder von den noch nützlicheren, wenigstens für eine nützlichere Thätigkeit eines Geschäftes wie Bak Patmann & Co. Das wird alles in blanke Vergessenheit versinken. Aber mein Samarra, das auszugraben so überflüssig ist, und das ebensogut übermorgen wie vorgestern ausgegraben werden könnte oder nicht, das wird bleiben. (Arabische Bemerkung)

Viele Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin und viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

126. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Samarra Hamburg, 12.3.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Für Ihren freundlichen Brief danke ich Ihnen herzlich! Es ist mir jedes Mal eine Freude von Ihnen zu hören und zu erfahren wie erfolgreich Sie arbeiten. Auch Eduard Meyer schrieb mir gestern sehr erfreut von Ihren Taten.

Heute muß ich abermals auf unseren ostafrikanischen Reiseplan zurückkommen. Die Sache wird jetzt acut. Staatssekretär Solf hat dieser Tage officiell bei mir angefragt, ob im Reichsetat für 1914 weitere Mittel zu den von Hamburg in Aussicht gestellten, beantragt werden sollten. Ich nehme jetzt gerade mit den hiesigen Kreisen Fühlung und glaube, daß es keine Schwierigkeiten machen wird etwa 20 000 Mark für den Sommer 1914 mobil zu machen. Bis dahin sind Sie längst in Europa wieder auskuriert und erholt von den Strapazen Ihrer bisherigen Cam-pagne.

Ich plane Mai bis September 1914 mit Ihnen nach Ostafrika zu gehen. Sie würden den archäologischen Teil im wesentlichen selbst übernehmen müssen, da ich mich ja hierin Ihnen gegenüber durchaus als Lernender verhalte. Wir würden auch nicht immer zusammenbleiben brauchen, sondern ich könnte, während Sie die eine oder die andere Probe-Grabung machen, den modernen Islam in der Umgegend studieren. Alles Detail müßte natürlich genau besprochen werden. Für die wissenschaftliche Vorarbeit und Vorbereitung werde ich natürlich sorgen und alles so durcharbeiten, daß Sie sich sehr rasch orientieren könnten. Bei unseren freundschaftlichen Beziehungen denke ich mir ein Hand in Hand arbeiten geradezu ideal und nicht nur wissenschaftlich sondern auch menschlich verspreche ich mir viel von dieser Reise. Gesundheitlich brauchen Sie keine Bedenken zu haben, da wir die gesundesten Monate des Jahres in Aussicht genommen haben.

(Es folgen Details der geplanten Ausgaben. Da die Reise nicht zustande kam auch durch die Berufung Beckers nach Bonn, habe ich an dieser Stelle darauf verzichtet. BB)

In der Orientalisten-Welt ist nicht viel neues passiert. Noch immer wird ein Direktor für die Khedivial-Bibliothek in Kairo gesucht, Littman hat definitiv abgelehnt. Hell ist Ordinarius in Erlangen geworden und Horten will man nicht wegen seiner einstigen Entgleisung im Muajjad. Horrowitz und Mittwoch scheiden, obwohl sie die geeignetsten wären, aus, da sie Juden sind. Man weiß wirklich nicht wen man vorschlagen soll. Dabei gehört eine erste Kraft hin, denn die Verhältnisse sind schwierig.

Ich bin sehr gespannt zu hören, was Sie zu Fleurys „Hamkim Moschee“ sagen. Ich werde ein kurzes Referat darüber im nächsten Heft des Islam geben. Mittwoch hat eine Arbeit in der Akademie geschrieben, in der er nachweisen will, daß alles, was ich in meinem Aufsatz zur Geschichte des islamischen Kultus für christlich erklärt hatte, als jüdisch in Anspruch zu nehmen ist. Bei der Salât hat er unbedingt recht, aber der Freitagsgottesdienst ist doch eine reine Nachbildung christlicher Praxis. Jedenfalls wird das Problem in nächster Zeit heftig diskutiert werden. Die Polemik geschieht natürlich in aller Freundschaft.

Ich stehe persönlich in den letzten Wochen unter einem sehr starken Druck, da in meinem Hause der Faden der Krankheit nicht abreißen will, und ich außerdem durch die dienstlichen Geschäfte, von denen ich in meinem letzten Briefe schrieb, schwer préoccupirt bin. Pour comble de malheur wartet der Satz der Encyclopädie nun bereits seit Wochen auf meinen Artikel „Ägypten“. Es ist zu fatal, aber ich bin wirklich ziemlich am Ende meiner Kräfte. Es ist merkwürdig, daß man trotzdem immer noch den Mut hat neues zu planen.

Schreiben Sie mir doch recht bald einmal wieder und vergessen Sie nie, daß ich mit inniger freundschaftlicher Teilnahme Ihr Geschick und Ihre Erfolge begleite.

Treulichst der Ihrige (CHB)

 

127. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 15.3.1913

(handschriftlich und Maschinenkopie durch CHB)

Lieber Becker,

ich muß Ihnen heute einmal einige Stimmungsbilder (banaler Ausdruck für interessante Dinge) von hier schildern. Ich habe s mir lange überlegt, ob ich es Ihnen nicht lieber vorent-halten soll, denn Ihr Redacteur-Herz wird Ihnen wehe thun. Und diese Sachen müssen unpubliziert bleiben. Zum Publizieren sind eben doch nur Banalitäten da, wie sie Dr. Grothe und Consorten schreiben. Aber sonst können Sie davon Gebrauch machen, soviel Sie wollen. Nur nicht drucken. Ich schicke voraus, daß die Quelle eine ganz wahrhaftige ist.

Also: Als der türkisch-italienische Krieg ausbrach, oder kurz vorher, etabliert sich in Baghdad ein jungpersisches Comité. Sein Ziel war, zunächst Einfluß auf die großen Mudjtehids von Nedjef und Kerbela zu erlangen, die ja in Wahrheit Persien regieren. Das heißt ihre einstimmigen Fetwahs werden unter allen Umständen befolgt, so unbedingt, daß diese Mudtehids sich heute selbst vergöttern oder Muhammed für einen Imposteur erklären könnten. Vor etwa 20-50 Jahren lebte ein solcher Mudjtehid hier, zu dessen Grabe man noch Wallfahrt und zu dessen Lebzeiten man nicht zum Ali al Hadi und dem Mahdi sondern eher zu ihm wallfahrtete, der Wunder tat und vergöttert wurde: Auf diese Mudjtehids Einfluß gewinnen wollte das Comité (und) zugleich sonst einflußreiche Leute besonders Shiiten für sich gewinnen und dann gute Beziehungen zum Comité d’Union et Progrès anknüpfen. Man gründete eine Schule in Kâzim, die noch heute lebt und von einem Baghdader Shiiten (ich vermute einen gewissen Astarabâdi) unterhalten wird, ferner ein Journal. Man hatte einigen Erfolg, obgleich der damalige nun ermordete Wali Kâzim Pascha die Sache nicht gefördert zu haben scheint. Die erste Periode der Tätigkeit war zu predigen, daß Shiiten und Sunniten angesichts der gemeinsamen Not des Islam in der Türkei und in Persien zusammengehen sollten.

Das ist natürlich eine große Täuschung: 1000jähriger Haß überbrückt sich nicht durch Zeitungsartikel irreligiöser Leute, und nicht durch momentane Opportunität einer politischen Combination. Aber so naiv und religiös empfindend sind diese Leute. Ich vergesse nie, wie sich in Mersina unser Commissar Herr Korykor vorstellte: „Je m’appelle tel et tel, je ne crois pas en Dieu.“ Man ist eben ganz franc maçon wie man einen hohen Stehkragen trägt. Ich habe heute Lust zum Abschweifen. Also Zusammengehen wollten beide Sekten gegen den gemeinsamen Feind, der sich Jungpersern in England und Rußland verkörperte. Mit Hilfe einiger, nicht aller, Mudjtehids, gelang es teilweise eine Boykottierung russischer und englischer Waren in Persien durchzusetzen. Das gab natürlich diesen beiden Mächten Grund zum Einschreiten, und Kâzim Pascha erklärte das persische Comité für ungesetzlich und hob es auf. Die Zeitung ging ein, die Schule blieb, das offene Comité wurde eine geheime Bruderschaft, deren einzelne Mitglieder alle mit dem genauen Signalement dem russischen Generalkonsulat bekannt sind, und die bei der ersten Gelegenheit die sich nach ihrer Rückkehr nach Persien bietet, allesamt aufgehängt werden. Der Vorsitzende war ein gewisser Sa’id Effendi, Perser und Dragoman des französischen Consulats. Dieser verschwand, und der Consul von Frankreich wurde gewechselt. Damit schloß die erste Epoche.

Die politischen Verhältnisse verschlechterten sich. Rußland dachte nicht daran seine Truppen aus Nord-Persien zu ziehen. Die seltsame Russische Bank machte immer mehr Leute durch Vorschuß bankrott und dehnte allmählich ihren Landbesitz über die Hälfte des ganzen nördlichen Persien aus, England schickte eine Garnison nach Shîraz. Die Türken machten schlechte Erfahrungen im Italienerkriege, und daher sollte etwas geschehen. In Baghdad wechselte der Wali; an Kâzims Stelle kam der ultra-jungtürkische Djemal Bey (momentaner Gouverneur und Pema oder Polizeichef von Constantinopel?) Die beiden Comités machten vollständig gemeinsame Sache. Die 2te Periode ihrer Tätigkeit war damit ausgefüllt, panislamische Circulare im Kaukasus, in Indien und in Nordafrika zu verbreiten. Diese Circulare haben wohl eine Verbreitung gefunden, die sich schwer übersehen läßt, aber sie sind ziemlich lettre morte geblieben. Denn einer der berühmtesten und verehrtesten Mudjehids, Kâzim al-Yazdî, weigerte sich absolut, irgend etwas mit diesen Dingen zu thun zu haben. Man mußte ihn also einschüchtern und zu diesem Zwecke ermordete man zunächst ein paar ihm nahestehende Mudjtehids in Teheran. Aber ohne Erfolg, trotz der Drohung, ihm werde ein Gleiches bevorstehen. Alle anderen, einen … (ich weiß den Namen nicht, man findet ihn, glaube ich, bei E, Aubin) al-Isfahâni und einen Kâzim al-Khurasâni hatte man gewonnen.

Als sich die Verhältnisse dauernd verschlechterten, kam man auf die Idee, die Sunniten und Shiiten den Djihâd proklamieren zu lassen. Diese Sache nahmen die türkischen Behörden von Baghdad in die Hand, damit trat die 3te Periode der Thätigkeit ein. Das Manifest wurde aufgesetzt und der Kommandeur der Gendarmerie des Baghdader Corps ließ sich mit diesem Manifest in der Hand, umgeben von Priestern und Offizieren photographieren; er hält es so (vgl.Zeichnung mit einem kopflosen Mann, mit dem Manifest in der rechten Hand! BB) daß man es auf der Photographie lesen kann. Diese Photographie ging sofort an die Russische Botschaft in Constantinopel. Die treibende Kraft war im übrigen der Mutesarrif von Kerbela.

Auf die Einschüchterungsversuche gegen Kâzim al-Yazdi folgte der Versuch, ihn religiös zu compromittieren. Man legte ihm allerhand fromme Dilemma vor, die so oder so beantwortet, sein Ansehen herabsetzen mußten. Auch da wußte er sich aus der Schlinge zu ziehen. Es half alles nichts.

Zu diesem Zeitpunkte unterrichtete der russische Generalkonsul (Herr Orlow) den Wali von Baghdad über all diese Umtriebe, ganz detailliert. Nicht um ihn belehren, denn der war ja daran beteiligt, sondern um ihm zu zeigen, daß man alles wisse. Der Wali antwortete, – wie einst Kâzim Pascha in bezug auf Violett – die Beschuldigungen gegen den Mutesarrif von Kerbela seien unbegründet. Herr Orlow wartete ab. Gerade dies scheint mir ein Grund gewe-sen zu sein, weshalb man sich entschloß, die Sache zu forcieren. Kâzim sollte den Djihâd unterschreiben, und deshalb griff man zu offener Gewalt. Der Mutesarrif ging, den Revolver in der Faust, zu Kâzim. Dieser ließ sich, wie das hier üblich, mit Krankheit entschuldigen. Der Mutesarrif mit seinen Soldaten drang ins Schlafzimmer ein, wo Kâzim al-Kadji mit einigen seiner Anhänger war. Wenn er das Manifest nicht unterzeichnete, werde er erschossen werden. Kâzim bat um 3 Tage Bedenkzeit, die der Mutessarrif bei ihm zu bleiben erklärte. Dann kam die Idee auf, Kâzim solle ein besonderes Fetwah erlassen, in dem er allein seine Stellungnahme erläutert. Endlich wurde er mürbe und unterschrieb.

Während dieser Vorgänge und der nächstfolgenden unterhielt Herr Orlow Djemal Bey fast stündlich auf dem laufenden. Was das hier bedeutet!

Unterdes war das Gerücht, der Mutesarrif wollte Kâzim al-Kudji ermorden, in den Bazar gedrungen. Es kam zu einer Revolte. Der Mutesarrif mußte sich zurückziehen, und sofort wurde in die ganze islamische Welt verbreitet, die Unterschrift sei erpreßt. Damit war das Djihâd-Manifest wirkungslos gemacht. Es war nur mehr ein törichtes Theater, daß man einen Haufen Pöbel mit grünen und Halbmond- und Löwenfahnen von Kerbela nach Kâzim bei Baghdad ziehen ließ den Khurasani an der Spitze.

Dort feierte man ein paar Tage und verlief sich. Djemal Bey aber mußte, da nichts mehr abzuleugnen war, den Mutesarrif versetzen. Die Mudjetedis waren stark compromittiert und haben ihren Einfluß fast ganz verloren. Der Isfahani war kurz vorher gestorben. Jetzt starb auch Khurasâni. Das Volk glaubte, Herr Orlow habe sie vergiftet. Es scheint, als habe im Gegenteil das Comité-Union da nachgeholfen, als sie ihre Pläne scheitern sah, um dies Gerücht lancieren zu können. Es überlebt heute nur Kâzim al-Kadji in unvermindertem Ansehen. Die ganzen Intriguen sind wirkungslos geblieben.

Seither ist Djemal Bey zurückgetreten. Nach einem kurzen Interregnum ist Mehmet Zekki Pascha Atürk, Freund Kâzim Paschas, Gründer der Haâdiyyah-Regimenter, Wali geworden. Unterdessen sind scheinbar die Umtriebe zum Stillstand gekommen. Aber auch er trägt sich seit Kâzims Ermordung und den damaligen Regierungswechsel mit Rücktrittsgedanken. Wer wird nach ihm kommen? Unter einem Jungtürken wird das ganze Wesen wieder von neuem losgehen.

Merkwürdig ist das Zusammengehen der Jungtürken mit der oppositionellen persischen Partei. Aber ich habe es auch sonst bestätigt gefunden. Der Gedanke ist wohl – worin sich die Jungtürken völlig täuschen werden – daß sie dafür einmal ein Stück Persien am Urmiahsee bekommen würden.

Als ich im Juni 1911 in Kurdistan war und dort für einen Commissär der türkischen Regierung betrachtet wurde, ließ mir Abdallah Bey (Aulah-Bey) von Hûrîn ein Anzahl Briefe durch einen arabischen Priester vom Orden des Saiyid Sultan Ali von Baghdad ins Arabische übersetzen. Es waren solche vom Wali der Pushtikuh (Ghulam Riza Khan), des Daud Khan von Gîlân, der Khane von Qasr-i-Shirin, von Silmah, Dannarik Sandjbulaq usw. in denen sich alle verabredeten, sich dem Salâr al-Daulah anzuschließen, über Kirmanshah, Hamadan gegen Teheran zu ziehen und dann eine neue Regierung zu bilden. Das richtet sich gegen die Bakhtiari. Welche Ironie übrigens darin liegt, daß jetzt die Bakhtiari den Schein der Kadjaren-Herrschaft aufrecht erhalten, um das zu würdigen muß man Lagards “Early Adventures“ lesen. Damals wurde mir wiederholt versichert, das alles geschehe mit Wissen und Einvernehmen und mit persischer Unterstützung der Jungtürken. Die andere lautere Geldquelle war die Comtesse Clermont Tonnere. Die Sache kam dann ja zur Ausführung, aber nur halb. Nicht einmal Hamadan hat der Salâr al-Daulah genommen. Nur Kirmânshah.

Der Salâr al-Daulah, Schwiegersohn des Ghûlâm Riza ist aber ein herzlicher Gegner der Türken, wie sein Schwiegervater. Jener machte vor nicht sehr langer Zeit seine Wallfahrt nach dem Mashad, und wurde von der Baghdader Regierung (es war wohl gerade vor der Revolution) en canaille behandelt. Und er ist doch ein erblicher Fürst. Der mächtigste in Persien! Einen Brief von ihm hat mir leider die Gesandtschaft in Teheran nie wiedergegeben. Der Salâr al-Daulah erzählt ganz offen, selbst Europäern, wie er , nachdem er alle Kurden unter sich vereint, in Teheran Shah werde und dann gegen England und gegen die Türkei ziehen werde. Gegen England, indem er schiitische Revolten anstiften werde, gegen die Türkei aber sei es für seine Leute ein Vergnügen. Einer seiner Gegner, der Fermân Fennâ, ich glaube noch ein Sohn Nasr al-Dins, ist ein bloßer russischer Agent, der jährlich 100 000 Rubel etwa bezieht. Die Russen haben Nordpersien eigentlich schon, hauptsächlich dank ihren vorzüg-lichen Informationen durch Consulate und Agenturen etc. Die Bank erwirbt immer weitere Gebiete. Straßen bauen sie nur zum Schein, um zu verhindern, daß andere sie bauen, ohne sie aber praktikabel zu machen. Sie planen jetzt die Straße Trapezunt – Täbriz – Teheran, d.h. sie wollen verhindern, daß irgendwer anders diese Straße baut. Erst jetzt begreife ich auch diesen seltsamen Vertrag, 2 Jahre nach Eröffnung der Bagdadbahn die Strecke Bagdad-Kirmanshah etc. zu bauen. Natürlich werden sie das nie bauen. Und da England nicht will, daß etwa Deutschland da an commerziellen Einfluß gewinnt, so haben sie das den Russen concediert, in dem bestimmten Wissen, daß dann nie eine Bahn gebaut wird. England hat sich in all diesen Sachen stark retiriert, unter dem Druck seiner „öffentlichen Meinung“. Sein nicht aus dem Auge gelassenes Ziel aber ist, seinen Handel nach Persien vom Golf aus, nämlich von Muhammedan, Ahwâz aus zu propagieren. Diese Gebiete sind so englisch, wie Teheran russisch. Und von da gibt es die wirklich gute Möglichkeit einer Bahn über Burûdjird und Mamâdan. Durch die Feindschaft der Kashgai gegen die Bakhtiari ist jetzt – schon seit lan-gem – die Straße Bushir – Shiraz absolut gesperrt, selbst für die englische Garnison, die nur über Isfahan mit Ahwâz und über Ostpersien mit Belutschistan communizieren kann. Jüngst ist ein englischer Captain dort ermordet worden, ohne daß man etwas tun konnte!. Die Lyuch-Straße durch das Bakhtiariland ist natürlich offen, aber kaum ein halbes Jahr. Auf der großen Straße Bagdad – Teheran herrschte absolute Sicherheit, d.h. nicht eine Karawane passiert mehr. Das hat die persische Regierung gemacht indem sie – sehend, daß sie das Land doch verlor – das gesamte Zollwesen sogenannten Koltshis übertragen hat, eben den Räubern, die Karawanen plünderten. Diese erhoben dann soviel sie wollten, und daher hat jeder Handelsverkehr aufgehört. Englischer Handel geht nur noch in kleinem Maße über Ahwâz nach Isfahan.

Hier hört man Gerüchte von bevorstehendem Friedensschluß. Das infolge des Nicht- mehr-Vorhandenseins der Garantien für die Strecke Mossul – Bagdad die Bahn keine neuen Arbei-ten vergibt, schrieb ich Ihnen schon. Hier fängt am an sich darüber zu wundern und daher wohl das Gerücht, Deutschland habe diese Strecke an England verkauft, das sonst mit Krieg gedroht habe.

Ihr Ernst Herzfeld

Anmerkung: Sarre depeschiert eben: Geldfrage erledigt, komme Ende April.

 

128. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 13.4.1913

(Ärger mit Sarre, der plötzlich Kühnel schicken will und selbst in Kairo bleibt … mit dem Expeditionsgeld. Von mir nicht abgedruckt. BB)

 

129. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Hamburg,) 17.4.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Ich danke Ihnen herzlich für Ihre beiden Briefe und den an Massignon, den ich heute ebenfalls weiterbefördere. Es tut mir aufrichtig leid, daß Massignons Arbeit auch auf diesem Gebiete nicht vollständig den Anforderungen unserer deutschen wissenschaftlichen Exactheit entspricht. Es gilt mehr oder weniger auch für seine anderen Arbeiten, wenn er auch gewiß auf dem Gebiete der Mystik unvergleichlich viel besser Bescheid weiß, und den Apparat vollendeter beherrscht als irgend ein anderer lebender Orientalist; doch auch hier stört gelegentlich die mangelnde philologische Schulung.

Ihr Brief vom 3.3. traf mich in London auf dem Historiker-Kongreß. Erinnern Sie sich noch? Vor fünf Jahren lernten wir uns bei dem gleichen Anlaß kennen. Ich wohnte mit Eduard Meyer48 in demselben Hotel zusammen, und konnte ich ihm gleich Ihren Brief zu lesen geben. Ich benutzte die Gelegenheit, öfters mit Eduard Meyer über Sie und Ihre Zukunft zu sprechen. Er hat mir mehr als einmal versichert, wie gern er Sie habe, und wie hoch er Sie einschätze. Ich habe ihm sehr eindringlich vorgestellt, wie notwendig es sei, nach Ihrer Rück-kehr etwas für Sie zu tun. Er hat das auch vor, meint aber immer, der Weg zu einer materiellen Existenz müsse für Sie über das Museum und nicht über die Universität gehen. Ich tat mein möglichstes, ihm den Gedanken einer Professur nahe zu legen. Ich wies vor allem auch auf das hemmende Moment hin, das in der Unsicherheit der materiellen Basis liege, und einen beim Arbeiten stören müsse. Er meinte, andere hätten sich eben auch durchgearbeitet, und Sie würden sich sicher durchsetzen. Meine eindringlichen Worte blieben aber, glaube ich, nicht ohne Eindruck auf ihn, und eines ist sicher, daß Sie in ihm einen warmherzigen Freund besitzen.

Der gleiche Anlaß brachte mir auch die Bekanntschaft von Miss Bell. Sie können sich denken, daß dieses Zusammentreffen mich lebhaft amüsiert hat. Ich fand sie eigentlich recht nett; über Sie sprach sie mit echter Freundschaftlichkeit. Bei einem Diner in ihrem Hause saß ich neben ihr, und die Dame, die ich zu führen hatte, kam schmählich zu kurz. Auch ihr Tischherr, der alte Sir Charles Lyall, mußte sich mit einer anderen Nachbarin trösten. Es ist doch etwas eigentümliches, dieser echt englische Typus der wissenschaftlichen alten Jungfer. Was hat die Person für ein Temperament im Leibe! Der langweiligen Art ihres Beitrags zum Amida Werk nach, hatte ich sie mir ganz anders vorgestellt.

Sonst ist vom Kongreß nur zu berichten, daß auch Sobernheim mit Schwester teilnahm, und daß ein Paper von Bissing über den persischen Palastbau mit einer Polemik gegen Sie verlesen wurde. Ich habe es allerdings nicht gehört. Es wird wohl ein Einfall von Bissing sein.

Mit der Gründung unserer Hamburger Universität scheint es allerdings noch gute Wege zu haben, da der Hamburger Krämergeist sich gegen den Bildungsimport auflehnt. Die Handelskammer hat ein ganz subalternes Pamphlet gegen die Senatsvorlage losgelassen, und da den Hamburgern nur im allgemeinen das Geld imponiert, verfehlte diese Äußerung nicht Eindruck zu machen. Die in der niedersächsischen eigenen Art liegenden Hemmungen, gegen die man hier kämpfen muß, sind für mich besonders fatal, da sie mich zu einem Kampf nach zwei Seiten nötigen, denn in Berlin, wo man sich vor der Gründung meiner Professur verflucht wenig um den Islam gekümmert hat, ist jetzt Martin Hartmanns Konkurrenz-Zeitschrift, die „Welt des Islams“ entstanden, die mir so ungefähr alles nachmacht, was ich als erster begon-nen. Dabei verwehrt man sich natürlich mit Emphase gegen den Verdacht, mir Konkurrenz machen zu wollen.

Ihren Dudjaili hätte ich schon Lust hierher zu ziehen, was Sie mir über ihn schreiben, ist verführerisch genug. Können Sie nicht mal sondieren, was er für Gehaltsansprüche macht, denn ehe ich etwas beantrage, muß ich in erster Linie die Kosten übersehen können. Ein monatliches Salär von Mark 160-200, wovon er gut leben kann, wäre vielleicht zu erwirken. Außerdem müßte die Hin- und Herreise bezahlt werden. Wissen Sie was das ungefähr kosten wird? Er könnte ja auf dem Seewege direkt bis Hamburg kommen, und ich glaube, daß die Hamburg-Amerika-Linie uns sogar noch einen Rabatt gewähren würde. Ist es der Mann der Zwischendeck fährt, oder der zweite Klasse braucht?

In der Angelegenheit meiner ostafrikanischen Pläne, habe ich inzwischen eine lebhafte Korrespondenz mit dem Kolonial-Amt gehabt. Eine mir angebotene pekuniäre Unterstützung von Seiten des Reichs habe ich abgelehnt, damit keine Schwierigkeiten darüber entstehen, wohin eventuelle Funde gelangen sollen. Hingegen habe ich die moralische amtliche Unter-stützung in bezug auf Ausrüstungsgegenstände, Regierungs-Dampfer usw. erbeten und erhalten.

Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon von der häuslichen Misere geschrieben habe, unter der ich in den letzten Wochen stand. Meine Frau hat sehr schwere Masern gehabt und sich nur langsam erholt. Da kam mancherlei anderes, was den Junggesellen, die nicht darunter leiden, das Leben so leicht macht. Mitte Mai erwarten wir Familienzuwachs, und Sie können sich den-ken, daß das alles zusammen etwas viel war. Zur Zeit aber ist einmal vorübergehend alles normal.

Daß nun doch noch Horten nach Cairo gekommen ist, werden Sie gelesen haben. Ich hoffe, daß er der Aufgabe gewachsen ist. Damit Schluß für heute!

Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB)

 

130. C. H. B. an Ernst Herzfeld. (Hamburg,) 26.5.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

(… Dank für Papyrie-Sendung …)

Zweitens danke ich Ihnen für den höchst instruktiven Bericht über das persische Comité. Mein Herz hat allerdings geblutet, das nicht drucken zu dürfen. Das ist es ja eben, was ich immer Martin Hartmann und seiner neuen Gründung vorgehalten habe, wirklich gute Berich-te sind meist politisch und undruckbar und allgemeines Geschwätz kann man in jeder Tageszeitung lesen.

(… Ostafrika-Plan)

Ein Samarra werden wir nicht entdecken, dagegen erhoffe ich viel

  • für die historische Geographie des indischen Oceans,
  • zur Erkenntnis der alten Kultur-Beziehungen zwischen Südarabien, Indien und der ostafrikanischen Küste.

Ich habe auf Grund einer Reihe von Werken, die letzthin erschienen sind, wieder den allerhöchsten Respekt bekommen vor der mündlichen historischen Überlieferung, die in Afrika heute noch lebt, aber auch auf schriftliches Material dürfen wir rechnen und schließlich haben

  • die jüngsten Ausgrabungen von Frobenius im südlichen Nigerien doch erwiesen, wie viel altes Kulturgut in Afrika noch unter der Erde liegt. Selbst im tropischen Klima scheinen sich Gegenstände unter der Erde jahrhundertlang ziemlich unversehrt zu erhalten

Wir werden der modernen Kolonial-Praxis dienen und Sie werden als historischer Geograph mehr Resultate einheimsen, denn als Kunsthistoriker. Bauinschriften erwarten Sie nicht zu viel, um so mehr aber dürfen wir von Grabmonumenten erwarten. Ich stecke zur Zeit noch ganz in Westafrika, hoffe aber vom Herbst ab energisch an die Reisevorbereitungen denken zu können.

Die Frage des Holzes in Ägypten hat mich auch längere Zeit sehr interessiert, ich habe alles Material darüber beisammen. Es hat Wälder gegeben, die in staatlicher Regie betrieben wur-den. Es fehlte zweifellos an Bauholz, dafür wurde es massenhaft importiert. Einige kurze Andeutungen darüber finden Sie in meinem Artikel „Egypten“, den ich Ihnen sandte. Jedenfalls haben Sie darin gewiß Recht, daß Holz in Ägypten verarbeitet wurde. Importiert wurden die Stämme und wir wissen von großen Holzlagerungen im Hafen zur Zeit der Tulunide49n, da es war direkt ein Hauptspekulationsobjekt. Erst in später Zeit wurde es seltener, und in der Kreuzzugszeit versuchten die Europäer den Holzimport nach Ägypten zu unterbinden, war doch Ägypten in der ganzen Glanzzeit des Islam, seit der Zeit der Aphrodito Papyrie, eines der Hauptplätze für Schiffsbau. (…) (CHB)

 

131. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 1.6.1913

Lieber Becker,

(…)

Von hier wieder gute Nachrichten: neue interessante Steinmetzzeichen: symbolische, griechische Lettern, eine syrische Inschrift, und viele arabische.

Sarre ist schon seit 8 Tagen fort. Kühnel seit 10 Tagen. Begas (?) mit Sarre. Alles neigt sich dem Ende zu. Wohl nur auf 7 Tage Grabung. Aber ich selbst habe bis 1. Juli zu arbeiten. Die Gipsabgüsse, 34 große Kisten (6 Tonnen Gewicht) sind expediert. Ein großes Malheur war, daß der photographische Apparat für die Drachen(?unleserlich)50 noch vor dem 1.ten Versuch irreparabel zerbrach.

Den Yausaq al-Khâqâmi habe ich jetzt, mit dem Fortschritt der Aufnahme, auch „verstanden“. Er ist ein Nachkömmling der mohammedanischen Palastanlagen, wie ich in meinem ersten „Samarra“ ohne zureichenden Ernst annahm. Etwas ganz anderes als die anderen Palais. Wieder durch die ganz wahnsinnige Dimension (1 englische Meile im Quadrat, und diesmal alles wirklicher Palast) sehr schwer verständlich. Ich kann Ihnen nicht schildern, welche unglaubliche Strapaze diese Planaufnahme ist. Jetzt arbeite ich daran schon 6 Wochen, bei fürchterlichem Klima, immer bis zur absoluten Erschöpfung. Nur noch etwa 14 solcher Tage stehen mir bevor. Gut, daß ich mich wohler fühle als früher.

Wir werden also Ende Juli ganz schließen. Und mein Rückreiseplan ist ziemlich fertig.

  • Ich gehe direkt von hier über den Kifri (?) nach Qaradagh (1 Tag südlich Sulaimânyyah).
  • Von dort sind es 6 Stunden südlich nach Paikuli. Ich habe durch einen Seyid und Pascha in Khânikin mich dem Häuptling der Djaf-Kurden, einem Mahmud Pascha avisieren lassen, der meine Sicherheit garantieren soll. Zugleich hat sich einer der Muadjthids von Kerbelâ, ein Shaikh Ali ibn al Ihaizeh Abdularahmân al-Qaradaghi dafür verbürgt, der mir auch viele andere von Europäern gesehene Altertümer zeigen will. Endlich kenne ich den Khan von Hûrîn, einen Aulah (Abdullah) Bey. Aber solche ungewöhnlichen Vorsichtsmaßregeln sind absolut nötig. Und trotzdem werde ich aufatmen, wenn ich alles hinter mir habe.
  • Nun möchte ich von Paikuli gern direct in 4-5 Tagen nach Kirmanshah. Das ist das Schwierigste. Werden der Shaik und Aula Bey das sichern können? Eventuell muß ich den Umweg über Khanikîn machen. Die große Straße nach Kirmanshah – Hamadan ist ganz sicher.
  • Dann werde ich weiter nach Kayseri – nur wenn ich nicht gekaufte Maultiere verkaufen muß – unter Vermeidung von Teheran nach Enzeli Baku. Und via Moskau nach Berlin. (arab. Text. In challa?). Und bin dann Mitte August zu Hause.

Vor 8 Jahren habe ich die viel schwierigere Reise durchs Luristan mit leichterem Herzen gemacht. Und da habe ich wirkliche Gefahren bestanden, nicht solche Theater- und Reclame-Gefahren à la Musil.

Wie geht es Ihnen jetzt? Schreiben Sie mir nicht mehr. Ihr Ernst Herzfeld.

 

132. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 9.6.1913

Lieber Becker,

dies ist der 2te Brief an Sie, so wenig gefiel mir der erste. Gott sei Dank ein paar schöne Tage, die ich mir reichlich verdient habe. Nach dem fürchterlichen Mai kamen die beiden ersten Junitage so höllenhaft, daß ich sie nicht zu überleben glaubte, und dann mit dem neuen Mond plötzlich der heiße aber schöne Hochsommer, wo die Schatten strahlender sind als alle Sonne in Deutschland und abends die weiße Mondsichel am karmesinroten Himmel steht, gerade über der bronzenen Silhouette von Ashik, hinter der die Sonne untergegangen ist um noch ein paar Stunden zu scheinen.

Auf Ihrer Dedication des inhaltsreichen „Egypten“ steht die Bitte um eine „Mitteilung“ – die die Quintessenz der kunstgeschichtlichen Entwicklung von 500 Jahren bedeutet. Trotzdem will ich es versuchen, denn der Zwang hoffe ich bringt mich selbst zu schärferer Fassung nur vager Ideen.

Die Grabungen in Samarra haben etwas ganz unwiderleglich gezeigt: die islamische Kunst ist in der vorgehenden Zeit auf dem Wege entstanden, den Sie und ich uns gedacht haben. Die scharfen Gegensätze der 3 Ornamentstile habe ich jetzt ganz klar herausgearbeitet.

  • Das müssen Blir (?unleserlich) sehen.
  • Ebenso mit den Palasttypen: neben Kîrah’s jetzt der „gansaq“, der ein Nachkomme der achämenidisch-sassanischen Paläste ist
  • und drittens die seltenen Beispiele die auf das runde assyrische Heerlager zurückgehen (Linie Hasra – Dârâbdjird) – das R(und ?unleserlich) Bagdad-Hiraqlah bei Raqqah – Qâdziyyah in Samarra.

Nehmen Sie die Keramik, so finden sie die anloge Mischung:

  • Porzellannachahmung,
  • chinesisches Steingut –
  • Imitation,
  • daneben hellenistischen roten Firnis etc. etc.

Oder den Marmor:

  • Neben den Steinmetzen, die mit (arab. Schrift) signieren,
  • solche die Z, Â, (Sigma, Delta) schreiben,
  • oder welche mit Delta Phi,
  • und dann bei den Syrern mit „Ishâq ibn al-Naqqâsh“ in syrischer Sprache und Schrift.

Das sind eben die Wirkungen der noch hier herrschen Liturgien.

Das Resultat ist nun, daß nach Bagdad, d.h. als Samarra gebaut wurde, die islamische Kunst bereits ganz interlokal und universell war. Infolgedessen hat es keinen Sinn mehr, im III. Jahrh. ( nachHedschra?) irgend etwas als „persisch“ bzw. als „ägyptisch“ zu bezeichnen. Denn die Kunst hat keine Beziehungen mehr zu den einzelnen Provinzen. Und daß die Mitarbeit aller sie geschaffen hat, läßt sich gerade noch erkennen. Diese Betrachtung schließt sogar Spanien mit ein, das schon etwas früher sich von den anderen Ländern loslöst. Hier ist alles auf dem aufgebaut, was die Umaiyadenzeit geschaffen hat. Im ganzen sonstigen Orient ist der Abschluß erst in der ersten Abbasidenzeit erfolgt. Wir müssen diese ganze universelle und lokallose Kunst abbasidisch nennen.51

Der Gedankengang der „Genesis“ war also ganz richtig. Mschatta und tutti quanti sind natürlich ummayadische Monumente. Obwohl Bock sagt, es solle noch Leute geben, die Mschatta nicht für islamisch hielten. Und die islamische Kunst entsteht eben von 1 nach Hedjra bis 225 auf dem Wege der Zeiten gie (?unleserlich). Auch von den Nebendingen scheint mir das meiste immer noch richtig.

  • So halte ich fes, daß die Prinzipien der absoluten Flächenfüllung und des holzartigen Flachschnitts im tulmidischen Stil (außer Stil I) koptische sind. Die absolute Flächenfüllung und die Anfänge der arabesken Vertiefung der ornamentalen Elemente zeigen sich eben nirgends anders als auf koptischen Monumenten des 5. und 8.Jh.,
  • während in Persien noch um 600 ganz andere Ideen herrschen, und alles was mit Holz zu thun hat – und diese Stufe (?) I ist mit Formen über einem Originalbrett gemacht – kann naturgemäß nicht aus Mespotamien und dem Irâq stammen.
  • Dagegen ist Ägypten das Land, in dem die Tischlerei und Möbelkunst erfunden wurde, und in dem die älteste Steinarchitektur Holz imitiert.

Ich halte also an allen wesentlichen Dingen durchaus fest. Strzygowski hat es so dargestellt, als sei die These meiner Genesis gewesen: die tulmid(ische) Ornamentik stamme aus Ägypten. Das ist mir natürlich ganz egal. Sie ist aber hauptsächlich ägyptisch, derem Charakter nach. Dennoch mag sie in ihrer fertigen, universellen Form von Samarra nach Kairo importiert sein. Das heißt aber alles andere, als daß damit die ägyptische Kunst nun persisch geworden wäre. Letzteres ist Unsinn. Ihre Fragestellung auf page 21, die sehr klipp und klar scheint, ist also doch unzulässig. Wenn ein Imam nach Kairo importiert wird, so heißt das nur, daß in jener Zeit der universelle und heimatlose Stil des III. (Jahrh. nach Hedschra?) an die Stelle eines etwas mehr provinziell-ägyptisch gefärbten Stiles tritt. Und dabei finden auch „Ägyptisierungen“ statt. Denn das Minarett von Kairo hat die complicierte Etagenteilung und den Querschnittwechsel. Das ist Pharos und das ist hellenistisch, auch wenn die untere Rampe des Untergeschosses von Samarra aus angeregt wäre, und am Pharos nicht vorkommen. Die Moschee selbst schließt sich denen in Dijyâbakir – Harrân – Raqqah an. Mumtnaktiliyyah ist ganz singulär in seinem Grundriß und hat nicht die Ecksäulen, die in Diyabakir schon vorkommen und von Nûr al-din in Raqqah sicher in Anlehnung an Mansurs Bau gemacht sind. Die Große Moschee in Samarra aber gehört in die ganz andere Gruppe der bogenlosen Moscheen: Mansûn in Baghdad, alte Moschee in Basrah, Palastmoschee in Balkuwârâ und von da aus späteren persischen und östlichen Moscheen.

Endlich die Frage nach dem Verhältnis der fatimidischen Kunst zur seleukidischen. Statt tulumidisch sehe ich abbasidisch. Nach Fleurys Untersuchungen ist es ganz zweifellos, daß die Ornamentik der Aghar-Moschee zu 4/5 aus den im engeren Sinne tulumidischen (Stil I) entwickelt ist, und zwar in Ägypten selbst. Ein wenig stammt aus den anderen abasidischen Stilen. Die fatimidische Ornamentik kommt außerhalb Ägyptens ja nicht vor. (Außer wo an Werken der Nûr al-Din-Zeit am selben Monument, Kairoer Moscheen und Aleppoische Ornamentik gewirkt sind: sicher Exporte!). Deshalb verstehe ich nicht, wie man da Importe sehen will. In der sonstigen fatimidischen Kunst findet sich ein sehr modernisierter (?) starker marokkanischer Einschlag, und in der Steinarchitektur viel (hellenistisch-)syrisches.

  • Daß „Spitzbogen, Muster ohne Ernst (?) und bleibender Reife“ „persisch“ seien kann man gar nicht genug bestreiten. Der sogenannte „persische Bogen“ tritt in Ägypten am frühesten neben anderen Formen auf. Da er in Samarra unbekannt ist, so darf man an-nehmen, daß er in der III. (Jahrh. nach Hedschra) überhaupt noch nicht existierte. Weshalb soll er persisch sein? Der Spitzbogen an sich stammt zweifellos aus der frühesten islamischen Zeit und ist in Basrah – Kufah – Baghdad, nach der Samarra-Sezession, in Baghdad entstanden.
  • Zweitens: das Muster ohne Ende an sich ist uralt und überall verbreitet. In der abbasi-dischen Ornamentik kommt er fast nicht vor. Und ebenso haben alle Hauptstücke der Aqhan – und Hâkim-Ornamentik eben keine Muster ohne Ende.. Es tritt nur an nebensächlichen Feldern auf, und erst mit dem Verfall, wohl erst in der Mameluckenzeit wird diese primitivere Compositionsart die geläufigste.
  • Auch für das späte Persien ist das Muster ohne Ende ja gar nicht das Charakteristische der Ornamentik. Die Hauptstücke haben es immer nicht, sondern reichere Compositionen mit Mitten- und Randlösungen.
  • Endlich das Kufi: Diyabakir ist noch ein Problem. Aber Diyabakir kann man nicht als Repräsentant von Persien nehmen, denn der Ductus ist nicht der persische, wie er in Nakhtizewân etc. auftritt. Das Kufi von Mahmûd und Ghazni ist sehr simpel. Nehmen Sie aber Muqastir und Imân, Dur und Mashad ‚Ali und was aus Samarra an allerdings unornamentalen Cufias vorhanden ist, so muß man folgern, daß die Muqhastir-Inschriften nicht des Basaltes wegen so elend sind. Ihre schlechte Schrift zeigt sich ja auch nicht nur in den einzelnen Lettern und ihren Proportionen, sondern in der Verteilung der Schrift auf dem Raum. Man muß folgern, daß man in Mesopotamien und dem Irâk schlechter schrieb als in Ägypten, wo jeder lumpige Grabstein ein Kunstwerk ist im Vergleich zu den Inschriften des Khalifen Maqtardi (?). Und das Kufi der Aqhan-Moschee, der eine Vorstufe des Blühens (?) zeigt, ist so überraschend früh, und die Hakim-Inschriften so wundervoll, daß nirgends sich etwas Vergleichbares findet. Malikshah in Aleppo schreibt fast 100 Jahre später als hätte er 100 Jahr vor Hakim geschrieben. Ich glaube nie und nimmer an einen östlichen Ursprung des blühenden Kufi.

Im ganzen findet meine kunstgeschichtliche Anschauung eine genaue Parallele in der politischen Geschichte, die ja für ein Dominieren reinpersischen Einflusses gar keinen Raum bietet. Persien tritt überhaupt erst sehr spät in die Kunstgeschichte ein. Nicht nur, weil nichts Älteres erhalten ist. Die persische Kunst vom XII. Jahrh.(?) wird immer unislamischer, weil der Schiismus eben so unislamisch ist. Sie wächst mit ihm. Bevor sich nicht im Schiismus alle Opposition gegen den Islam, auch das Lukische (unleserlich) und Mongolische darin zu einer neuen Einheit verschmolzen hatten konnte dieser Geist auch keinen Ausdruck in der Kunst finden.

Es ist doch ziemlich viel geworden, was ich geschrieben habe, aber es ist glaube ich ziemlich klar. Sarre riet mir zu Mashad’Ali einen kleinen Artikel zu publizieren. Das thäte ich ganz gern, mit 3 sehr schönen Photos und einigen Skizzen. Auch lohnte es sich vielleicht zur Genesis ein Nachwort zu publizieren, in dem Moment, wo unser 2ter Vorbericht über Samarra erscheinen wird. Da könnte man noch einmal klarer und besser als in diesem Briefe zusammenfassen, was sich bewährt hat, was neu hinzu gekommen ist, und was modifiziert werden muß. Dabei könnte ich auch – sehr zart – gegen Brunnow (der sehr dumm geschrieben hat) – Massignon und eventuell Miss Bell Stellung nehmen, die gerade über Mkhaistir publiziert und vielleicht ganz auf meine Seite treten wird, wenn ihr das nicht zu ruhmlos erscheint. Kritisieren läßt einen klüger scheinen als anerkennen.

In etwa 3 Tagen schließe ich. Der Riesenplan von Bail al Khalifa ist fertig. Nur noch die Detailpläne (teilweise). Dann mache ich noch die Umgebung der großen Moschee und Abu Dalif.

Wissen Sie daß der Drachenphotograph von dem ersten Versuch hoffnungslos zerbrochen ist? Im übrigen muß ich packen und ordnen. Das beschäftigt mich sicher bis 1. Juli. Dann reise ich direkt über Kifni-Qaradaqh nach Paikuli, und wenn möglich von dort nach Kirmânshah. Eventuell auf dem Umweg über Kasr i Shirin. Die große Frage im Moment ist ob ich einen Mukari finde. Tier kaufen bedeutet 1000 Mark und 10 Tage Verlust. Ende August hoffe ich in Berlin zu sein. Eventuell einen Brief nach Moskau, k(aiserlich) Deutsches Consulat.

Mit vielen Grüßen und guten Wünschen Ihr ergebenster Ernst Herzfeld.

 

133. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samarra, 29.6.1913

Lieber Becker,

(Bericht über das Chaos, das Sarre und Kühnel in wenigen Tagen angerichtet haben – und was Herzfeld korrigieren mußte …)

In der Türkei sieht es schlecht aus. Der Kommandierende (zugleich Walif) in Basrah und der Unterarrif von Muntefik (auch Basrah) sind ermordet. In Baghdad ein neuer Wali, krasser Imytürke. Und man schickt wieder Truppen nach Lahsa und nach dem armen Kurdistan. In Lahsa nährte man sich von Schuhsohlen und gestohlenem Militärpferden. Zurück kommt keiner. Ich danke nur dem Baghdader Engl(ischen) General-Consul: hopeless, absolutely hopeless.

Ihr Ernst Herzfeld.

 

134. Ernst Herzfeld an C. H. B. Samûr im Tal der’Azaim, 10.7.1913

Lieber Becker,

Ob Sie dieser Brief erreichen wird? Ich wollte Ihnen etwas von der Türkei und speziell von Basrah52 erzählen.

Vor etwa 10-14 Tagen ist dort der Kommandierende General Ferîd Bey, der Mutesarrif der Muntefiq und der General der Gendarmerie ermordet worden, dazu ein Gendarm tot, einer verwundet. Die Sache verhielt sich so:

Die erste Persönlichkeit in Basrah ist Saiqis Tâlib (Bey oder Pascha), ein Mann von mittleren Jahren, Sohn des noch lebenden alten S. Madjid Paschas, Nagîbs von Basrah. S. Tâlib hat ein Einkommen von 6000 Pfund, sein Vater das 3fache, für türkische Verhältnisse absolut unermeßliche Reichtümer. Dazu kommt aus den Dattelwäldern des Shatt al-‚Arab. Diesen Reichtum verwendet S. Tâlib seit jeher dazu sich politischen Einfluß zu verschaffen. Er verschenkt das Geld rechts und links mit vollen Händen. So ist längst ganz Basrah von ihm abhängig. Vor allem ist das junge Gerichtswesen einfach in seiner Hand. Sein ausgesprochenes politisches Ziel, seit jeher, ist Basrah unter seine persönliche Herrschaft in das gleiche Verhältnis zur Türkei zu bringen, wie es sein Freund, der Shaik von Muhammarah, Hapâl, zu Persien (?unleserlich) steht. (Über den Shaikh Hapâl, den ich persönlich kenne, steht so viel ich weiß vieles bei Curzon. Er ermordete seinen Bruder und wurde dessen Nachfolger, von dem er seinen Harem übernahm.) S. Talib will aber um jeden Preis ein Schutzverhältnis zu England, in dem sein anderer Freund, Mubârak al-Sabâqh von Kuwait steht, vermeiden. Er soll persönlich sehr hochmütig, aber sehr klug und eben eine bedeutende Persönlichkeit sein. In seiner Gegenwart darf sich niemand setzen (wie auch bei Hapâl) und alle mit Ausnahme weniger Sharife müssen ihm die Hand küssen. Bei reichen Leuten ist er gefürchtet, weil er gelegentlich diese im Moment um große Summen bittet, die er auch pünktlich zurückzahlt.- Zu seinen Feinden gehört vor allem der Shaikh von Muntefik, Udjaimi, Sohn des Sa’din Pascha. Der Grund ist, daß Talib vor zwei Jahren, um sich des mächtigen Sa’din zu entledigen diesem bei einem Besuch in Basrah den türkischen Behörden überliefert hat, die ihn damals auf dem Umwege über Baghdad – Samarra Kersin (?) nach Aleppo transportierten. (Die Euphratstraße war für diesen Zweck zu gefährdet.) In Aleppo war Aufenthalt, man wollte ihn nach Constantinopel bringen. Dann kam Gegenbefehl, man solle ihn entlassen. Er wurde entlassen und starb am selben Tage an Gift. Infolgedessen die Todfeindschaft Udjaimis gegen Tâlib. Noch eine Persönlichkeit ist der Shaikh von Hatshthâm (arab. Wort), die südlich von Basrah wohnen und der bis vor kurzem zwischen Tâlib und Udjaimi schwankte, dann aber, um eine Stammesfeindschaft zu vermeiden, auf die Seite des Muntefik trat: das sind eben Chefs von Ashâ’ir, während Tâlib keinen Stamm hat.

Die Regierung, wie seit Jahrhunderten, verfolgt in ihrer Schwäche die nur scheinbar kluge Politik, einen gegen den anderen auszuspielen. Durch allerhand Versprechungen veranlaßt sie Udjaimi, sich ganz nahe von Basrah, in Shu’aibah, niederzulassen, eine fortwährende Bedrohung für Tâlib. Der Wali persönlich neigte zu Tâlib, während die ermordeten Offiziere dessen absolute – auch persönliche – Gegner waren und jede Handlung Tâlibs contrecarrierten. Gegen Udjaim wehrte sich Tâlib auf sehr ingenieuse Weise. Wenn irgend ein Muntefiq nach Basrah kam, trat sofort ein Mann Tâlibs mit einer Anklage irgend eines alten Mordes auf, so daß der Fremde in Untersuchungshaft genommen werden mußte. Da Tâlib das Gericht be-herrschte, und dies Prinzip auch auf alle mit den Muntefiq befreundeten Stämme ausdehnte, so war der Erfolg, daß keiner von diesen mehr Basrah betreten konnte. Darauf kamen Beschwerden der Leute von Zubain bei Basrah (mit den Nadj-Arabern verwandte Leute) an die Regierung, sie seien doch auch türkische Staatsangehörige, wie es zuginge, daß ihnen jeder Zutritt zu Basrah verhindert werde? Darauf setzte Ferid Bey und der Muntesarrif (Türke) durch, daß der Wali anwortete, sie sollten ruhig kommen, er bürge dafür, daß ihnen nichts mehr geschähe. Als Antwort kamen die Zubair-Leute, die Hatshtham (die in 28 Jahren zwei Regimenter türkische Truppen aufgerieben haben) und die Muntefiks in Trupps von 10, 50 und 100, beritten und bewaffnet. Das war vor etwa 15-18 Tagen. Tâlib fuhr in seinem Boot zum Shaikh Hapâl. Dort war auch Mubarâk al-Sabtigh.

Erst wollte Tâlib 2000 Mann von Hapâl haben, was dieser politisch ablehnt. Dann wurde beraten und man beschloß, I. Tâlib solle die telegraphische Einladung zum arabischen Congreß nach Paris annehmen, um gewaltsamen Ereignissen aus dem Wege zu gehen. Hauptgrund die Befürchtung, daß es zu Krawallen kommen könnte, bei denen englische Untertanen umkommen könnten. Der englische Konsul habe Tâlib gesagt, daß in solchem Falle Truppen landen würden. Die englischen Schiffe liegen immer vor Kuwait oder vor Fao.

Unterdessen hatte Tâlib an seine wichtigsten Angehörigen telegraphiert, sie sollten zu ihm kommen. Sie kamen nicht, oder nur wenige und verspätet. Das machte ihm einen sehr tiefen Eindruck, zumal man ihm sagte, daß sein Einfluß doch eben nicht so gefestigt sei, wie der eines Reîs al-Ashâ’in. Er stieß seinen Entschluß um, und ging nach Basrah zurück.

Am selben Tage kehrten jene Offiziere im Boot von Fao zurück und landeten spät abends, später als Tâlib in Aishâr, dem Hafen von Basrah, südlich des großen Aishâr-Kanales. Von dort kann man in den Gondeln (?unleserlich) (Balam) oder auch zu Land nach Basrah. Sie fuhren erst in der Gondel bis zur Brücke über den Ashshâr, unweit des Shatt al-Arab. Dort ist ein Platz mit Droschken. Ferîd Bey sagte, wir wollen aussteigen und Droschken nehmen. Vier Treppen führen aufs Ufer. Es standen dort 4 Araber. Als Ferîd Bey auf der Treppe war, wurde er erschossen, und zwar sofort tödlich. Die anderen legten sich in Belem(?unleserlich) nieder, wurden aber auch getötet, einer sprang ins Wasser und entkam. Der Commandeur der Gendarmerie lebte noch 7 Stunden und schrieb einen Brief an den Wali, in dem er diesem vorwarf, an allem durch seine schwankende Haltung Schuld zu sein.

Das Gerücht verbreitete sich sofort in Basrah und Gendarmerie und Militär suchten die Täter, die verschwunden waren. Man verhaftete aber 4 Leute, ich glaube von irgend einem Araber-Stamm, den Muyyeur (?). Diese gaben an, daß sie auf die Schüsse hin ausgegangen seien, ihren Shaikh, der irgendwo zu Besuch war, nach Haus zu begleiten. Dieser Grund war absolut plausibel. Beim Verhör am nächsten Tage aber entlief einer davon und machte sich sehr verdächtig. Am Tage nach dem Mord erließ der Wali ein strictes Verbot des Waffentragens. Ein Gendarm fand einen Araber mit Waffen. Um sie ihm abzunehmen rief er einen zweiten. Ein Soldat sah diesen laufen, lief auch. Darauf liefen noch mehrere. In Basrah hieß es, Udjaimi mit allen seinen Leuten ist da, und sofort wurden alle Bazare und sogar die Regierungs-gebäude alle geschlossen. Es war blinder Lärm.

Seit jenem Tage verläßt S. Tâlib sein Haus nicht mehr. Ferîd Pasha war in Baghdad sehr beliebt. Ich sah ihn, als er mit 1 Regiment Soldaten von Baghdad abfuhr, im Mi.

Das ist die Geschichte. Es ist alles genau, wie es vor 100 Jahren zu Richs Zeit zuging. In diesen 100 Jahren hat sich in der Türkei nichts verändert.

Gefällt Ihnen die Erzählung? Wollen Sie sie publizieren (ohne meinen Namen) oder ist sie zu politisch? Sie beruht auf den Erzählungen eines Teilnehmers an diesen Ereignissen.

Salâhiyyah, 13. Juli

Ich sende diesen Brief von hier aus (Kufri – Salâhiyyah) ab, wo wir gestern ankamen. Die Reise den Adaim hinauf zu dem gewaltigen Stauwerk dort, auch aus der Samarra-Zeit, war bequem, aber gestern die Stunde scharfen Rittes bei 50° (C) war sehr viel; nur nach einigem Training möglich. Der Chef der Dellu (Kurdenstamm) Djenit Bey, Sohn eines Meyid Pasha, nahm uns sehr freundlich auf und beförderte uns weiter nach Ibrahin Kauyi und direkt von da nach Qaradagh. Der Muythuis von Qaradagh hat bisher unsere zwei Depeschen unbeantwortet gelassen. Nun ist es fraglich, ob wir ihn schon treffen oder nicht.; aber wir haben Briefe von ihm an den Muidîr (unleserlich) von Qaradagh, der nicht Türke sondern Rêis Ashirah von Qaradagh ist. Auch der benachbarte Abdullah Bey von Hôrêu isr an seinem Sitz, so daß ich sicher weiter zu kommen hoffe. Sein feindlicher Neffe von Kaikhan (zwischen Qasr i Shirin und Sarpal (etwas nördlich) ist tot und die Feindschaft soll beigelegt sein. Der Oberchef der Djaf-Kurden, Mahmûd Pascha Djaf, ist in Keriwân hinter dem Awroman Daft, 3 Tage von Qaradagh oder Paikuli. Sein Neffe hat uns ihm so empfohlen, daß wir, falls es nicht anders geht, uns an ihn persönlich wenden können.

Der Shaikh Kazim al-Deyaiti ist mir sehr nützlich. Nach der Reise werde ich ein genaues Urteil über ihn haben. Es macht mir Spaß zu sehen, wie sehr diese gelehrten Araber (er ist ein großer Philologe, und recht eigentlich Literat) doch dem (unleserlich) Volke entfremdet sind!

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld

 

135. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 22.8.1913

Lieber Becker,

gestern früh bin ich glücklich hier wieder angelangt. Die Reise ist schließlich gut verlaufen. „Was je schwer war, sank in blaue Vergessenheit.“ Ich kann das nicht alles schreiben, hoffe aber es Ihnen bald einmal erzählen zu können. Es war sehr schwer, aber wundervoll. Aus Paikuli habe ich 100 Abformungen, ich schätze die Ardashir-Inschrift auf etwa 2000 Worte. Eine andere schöne Entdeckung war eine sehr lange altbabylonische Inschrift an einem Relief in Sarpat. Ich halte es für Aunbanini, und die Inschrift gibt seine Geschichte: bisher ist seine Zeit nur durch den Stil des früher bekannten Reliefs zu erschließen gewesen, aber wenig jünger als Karamsin. Dann ein altmedisches Felsengrab, sehr reich und auch unbekannt. Von der babylonischen Inschrift habe ich nur Photos und eine Probe der Schrift im Abklatsch. Da ich fürchte, daß das nicht genügt, habe ich Fossey veranlaßt hinzugehen und ein Gerüst zu bauen und sie abzuformen. Im ganzen habe ich rund 300 Platten mitgebracht, hoffentlich gut geratene. Außer dem Archäolog(ischen) allerhand interessante Beobachtungen.

Etwa am 1./2. September gehe ich noch mit meiner Schwester kurz nach Venedig – Lido.

In Baku erhielt ich einen alten Brief von Sobernheim, in dem das angedeutet war, was ich nun ausführlich gehört habe, nämlich Ihren Ruf nach Bonn. Meine besten Wünsche. Ich denke mir, daß Ihnen der Entschluß nicht leicht geworden ist, und bin sehr begierig zu hören, was für weitere Folgen das haben wird. Daß der Islam weiterbesteht hörte ich schon, aber was wird aus der afrikanischen Expedition?

Ein großer Teil meiner Materialien ist noch nicht da, und wird wohl erst in der 2ten Septemberhälfte kommen. Daher wäre ein persönliches Zusammentreffen wohl am besten erst dann zu arrangieren. Aber um einen Rat bitte ich Sie: ich möchte eine Notiz über meine Reise und ihre Resultate veröffentlichen. Wo? Islamisches ist nicht dabei; nur die Aufnahme eines prachtvollen Baus in Hamadan: Qumbechi Alacriâte, auch unaufgenommen.

In der Hoffnung bald etwas von Ihnen zu hören und mit vielen Grüßen und mit vielen Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin Ihr Ernst Herzfeld.

 

136. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 27.8.1913

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihren Brief. Ich habe sonst fast von niemandem gehört. Bode war sehr nett, aber interessierte sich ausschließlich für das was ich ihm mitbringe. Eduard Meyer ist krank. Ich war kurz bei ihm, und ich fühlte daß er sich aufrichtig freute. Gäbe es doch mehr solche Menschen wie ihn! Sonst war meine Rückkehr etwas sang- und klanglos, und im tiefen Inne-ren hat man gelegentlich das Gefühl, man müsse irgendwie eine Ehrenpforte finden. Statt dessen giebt es Rechnungen zu bezahlen. Sarre bildet sich wieder ein, er habe 5000 Mark verloren, wo in Wahrheit er 6000 Mark verreist hat und die Expedition noch etwa 800 Mark schuldet. Infolgedessen will er nicht die Mehrkosten der Paikuli-Expedition auf das Konto Samarra übernehmen, was doch so einfach wäre, da Geld übrig ist. Ich kann niemandem sagen, wie gleichgültig mir alles geworden ist. Zu jedem Vorschlag sage ich ja, und da er alle 5 Minuten das Gegenteil vorschlägt, so muß ich ihm sehr dumm vorkommen. Ich kann ihm doch aber nicht sagen, wie er mich langweilt.

Von Ihren Sorgen und Freuden hatte ich ganz Richtiges gehört. Merkwürdig Richtiges. Ich habe es mir gerade so auch gedacht. Da die Afrikareise nun mindestens aufgeschoben ist, so werde ich mit Berchem und Sobernheim die Aufnahmen von Damaskus und Jerusalem ganz fest arrangieren, für nächstes Frühjahr.

Montag abend fahre ich mit meiner Schwester erst zu Guyer, von da nach Venedig, und dann via Berchem zurück. (…)

Mein Reisebericht bringt so fast nichts Islamisches, sonst hätte ich ihn gern im Islam publiziert. Auf der anderen Seite möchte ich ihn nicht verzögern, weil ich weiß, daß jetzt verschiedene Leute hinreisen um meine neu gefundenen Monumente auch zu finden. Die meisten Photos scheinen gut zu sein.

Mit vielen vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

Randbemerkung Herzfelds: Könnten Sie mir etwas Raum in der nächsten oder übernächsten Nummer für Mashhad’Ali lassen?

 

137. Ernst Herzfeld an C. H. B. Ravenna, 13.9.1913

Lieber Becker,

in der Unruhe und unter den vielen äußeren Eindrücken einer solchen Reise, vergißt man, ob man Dinge, die man schreiben wollte geschrieben hat oder nicht.

(… verschiedene Rendez-vous, Rückreisepläne etc).

Und noch etwas Wissenschaftliches. In Haidenschaft sah ich Guyers Arbeit über Rusâfak und auch seine anderen Arbeiten, viel Interessantes und Miss Bells nur oberflächliches Buch über den Tûr Ahdîn, daß sein Beweis, diese Art Gewölbe-Architektur stamme aus Mesopotamien, nunmehr geschlossen sei. Das ist also ganz ausgeschlossen.

Als ich die Rusâfak-Arbeit mit Guyer genau durchsprach, fiel mir eine Erscheinung auf die plötzlich helles Licht über eines von „Strzygowskis Problemen“ verbreitet, nämlich den Ursprung der Gattung von Bauten, deren Hauptstück die Hagia Sophia ist, d.h. schließlich überhaupt der Ursprung dieser eigentlich byzantinischen Kunst. Strzygowski hat (das?) ja wiederholt betont

Seit langem kannte man die seltsame Kirche von Wiranshahr (Constanina, -Tela). Dann habe ich in Rusâfak das Martyrium gefunden (unsinnigerweise von Musik-Strzygowski als Palast bezeichnet) und dann hatte Guyer den Plan der Miss Bell von der Maria-Kirche in Amida verbessert. Als er mir den nach Samarra schickte, erkannte ich daß Guyer ihn falsch ergänzen wollte und überzeugte Guyer sofort von der richtigen Ergänzung. Diese 3 großen und prachtvollen Bauten sind die beweisenden Monumente. Ich habe jetzt mit Guyer alles sonst Bekannte verglichen und meine Idee absolut bestätigt gefunden: in den selben Kreis gehören die riesige Rundkirche von Bostra, eine in Lyra (St. Georg), viele, ja sämtliche Centralbauten Syriens. Die Qubbat al-Sakhtash und San Stefano Rotondo. Die Details dieser Beweisführung kann ich Ihnen in einem Briefe nicht geben, vermutlich sind Ihnen diese Bauten auch z. T. ganz fremd. Die Hauptstücke sind etwa 50.

(es folgen vier Grundrisse von Rusâfak, Dijabakir, Wrânshahr, xy)

Die Kirchen sind alle Basiliken, d.h. sie haben erhöhtes Mittelschiff, mit Fenstern über den Seitenschiffen. Sie haben alle genau wie jene prachtvollen byzantinischen Kuppelkirchen das Bestreben, die langweilige Basilika mit dem interessanteren Centralbau zu verschmelzen. Wenn man die mesopotamischen und syrischen Bauten vom Grundriß sieht, so gehören sie absolut in die Reihe der byzantinischen Kuppelkirchen. Ihr Grundriß verlangt förmlich den Kuppelbau. Sie haben ihn alle nicht. In Syrien sind selbst die ganz kleinen Centralbauten gewölbelos. In Mesopotamien, das darin Syrien ganz nahe verwandt ist, haben die Haupt-kirchen, deren Grundrißanlage absolut in jene Entwicklungsreihe, die mit der Hagia Sophia endet, hineingehört, keine Gewölbe, sondern immer die basilikalen Flachdecken. Es ist also damit stricte bewiesen, daß die byzantinischen Gewölbebauten von der mesopotamischen Bauweise absolut unabhängig sind. Von Syrien ist sowieso ja nie die Rede gewesen. Die syrisch-byzantinische Kirchenbaukunst hat sich also in dem „Mittelmeerkreis“ entwickelt, d.h. in den großen Städten, in Constantinopel, Ephesos, Antiochien, wo auch wirklich Reste vorhanden sind (für Antiochien tritt die Halamiyyah von Aleppo ein), und nirgends anders, und hat von da aus die „Hinterländer“ erobert. Diese Sachen sind so natürlich, daß es eigent-lich schwer zu begreifen ist, wie man alles auf den Kopf stellen wollte. Vielleicht gebe ich nächstens mal ein zusammenhängendes Referat über die letzten Arbeiten von der Bell, von Guyer, den Assur-Leuten etc. in die Zeitschrift „Die Geisteswissenschaften“, die derartige überblickende Referate haben wollen. (…)

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

Anmerkung Herzfelds: Venedig war schön, Ravenna mehr interessant als schön.

 

138. Ernst Herzfeld an C. H. B., Bonn Berlin, 14.12.1913

Lieber Becker,

(… Samarra-Publikation)

Die Publication wird geteilt in einzelne Serien, die einzeln käuflich sind.

Serie I:

  1. Einleitung, Grabungsbericht, Statistiken usw.
  2. Der Stadtplan von Samarra mit Rekonstruction.
  3. Die Geschichte von Samarra.
  4. Historisch-geographische Bemerkungen, dazu die sog. medische Mauer, die Harbak-Berichte des Munstansin, der Band i-Âzin, die Kanäle.

Dazu 4 große Karten und einige Pläne.

Serie II:

  1. Die Paläste: 1. Djausaq 2. Balkuerârâ 3. al-Ma’shûq 4. Sûr Tosâ 5. Qasr al-Tell 6. Qâdjsiyyah 7. Ishabulâh 8. Qasr al-Mutewakkil
  2. Die Moscheen und Heiligtümer: 1. Die große Moschee von Samarra 2. die große Moschee von Mutewakkil 3. Die Palastmoscheen (oder diese bei den Palästen?) 4. die Qubbat al-Salaibiyyah 5. Imâm Dûr 6. die schiitischen Heiligtümer 7. verschiedene kleinere Gräber etc.

Serie III: Die Privathäuser und die Decoration

    • A. Die Privathäuser selbst
    • B. Die Wanddecorationen (Analyse der Ornamentik)
    • C. Die Malereien von Samarra. (…)

Serie IV: A. Keramik

  1. Glas, Metall, Diverses

Die Disposition der Kleinfunde überlasse ich Sarre. Ich glaube aber das man sie alle mit

erledigen kann. Vielleicht von mir ein kurzes Kapitel C: Inschriftliches (Papyrie, Papier, Skizzen etc).

Dazu schätze ich –während das auch genau berechnet ist 100 Tafeln und etwa 400 Textabbildungen.

Wie finden Sie diesen Plan?

Sarre wird sich zunächst der Zustimmung von Harnack versichern, die dazu sicher gegeben wird; anders läge es, wenn die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft die Mittel anders als aus den zur Verfügung stehenden 10 000 Mark bewilligen sollte. Dann werden wir mit Vohsen über die technische und pecuniäre Möglichkeit sprechen. Für die Anzeige im „Islam“ übrigens sind keine Abbildungen vorgesehen, obgleich ich einen wundervollen Miniaturplan des großen Palastes dazu geben könnte. (…)

Mit vielen Grüßen und Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin Ihr Ernst Herzfeld.

 

139. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 16.12.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Unsere Briefe haben sich gekreuzt. Ich finde es sehr erfreulich, daß Sie mir einen kurzen Bericht über Samarra für den Islam geben wollen. Natürlich ließe sich auch ein schöner Plan veröffentlichen. Ich bäte dann nur , diesen direkt an Trübner einzuschicken. Da Ihr Bericht doch allerlei originale Mitteilungen bringen wird, möchte ich ihn nicht unter die kleinen Mitteilungen setzen, sondern unter die Aufsätze. Ich habe noch Platz in dem Doppelheft, mit dem ich das Jahr beginnen werde. Mir wäre allerdings angenehm, wenn ich Ihren Beitrag bis zum 15. Januar haben könnte. Es wird nämlich bereits an den kleinen Mitteilungen gedruckt und sämtliche Aufsätze stehen im Satz. Es wäre also gerade der Moment für eine schnelle Publikation.

Ihr Plan, das große Samarramaterial möglichst vollständig in der skizzierten Weise zu er-schließen, finde ich ausgezeichnet. Hoffentlich kommt nicht wieder irgend ein Kobold, der Ihre Pläne durchkreuzt. So wie Sie die Sache darstellen, ist die Veröffentlichung auch äußerst würdig. Das Ausfallen eines Vorberichtes kann ich ja am ehesten verschmerzen, wenn ich für den Islam etwas bekomme. Jedenfalls würde ich empfehlen, eine Tafel mit dem Plan aufzugeben. (…)

Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB).

 

140. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Berlin (Bonn), 29.12.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Verzeihen Sie, wenn ich heute wieder nicht auf Ihre Briefe eingehe, aber ich halte für richtiger, daß wir alle diese Fragen am 3. Januar in Ruhe mündlich diskutieren. Bitte halten Sie sich diesen Tag für mich frei. Ich treffe morgens mit dem Nachtschnellzug von Frankfurt in Berlin ein und würde mich freuen, wenn Sie mich etwa um 10 Uhr im Hotel Continental abholen wollten. Ich würde mir dann sehr gern von Ihnen die Originale Ihrer Grabung im Kaiser-Friedrich-Museum zeigen lassen. Ich habe auch an Sobernheim geschrieben und ihn gebeten, für den Nachmittag oder Abend irgend etwas zu arrangieren. Ich bin nicht viel länger als 24 Stunden in Berlin, hoffe aber, recht viel von Ihnen zu haben.

Zum Schluß sende ich Ihnen meine herzlichsten und aufrichtigsten Wünsche zum Jahreswechsel. Möge Ihnen das neue Jahr ebenso viel Erfolg und Anerkennung bringen, wie das vergangene.

In herzlicher Freundschaft, Ihr getreuer (CHB).


1914


141. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin,) 9.1.1914

Lieber Herzfeld,

interessiert es Sie zu hören, wie es sich um die Geschichte der Gr(oßen) Moschee von Amida wirklich verhält?

Ich habe Caetani gelesen. Sein Nachweis ist zwingend. Damaskus ist 2mal durch Vertrag genommen. Beim ersten Male behielten die Christen ihren gesamten Besitz, beim 2ten Male mußten sie die Kirchen extra muros, darunter sehr verehrte, z. B. Grab des H(eiligen) Thomas, abtreten. Viele wanderten nach Antiochia aus, ganze Quartiere wurden leer und von den Muslimen occupiert. Dabei wurden einige Kirchen zu Moscheen, und unter ihnen die Hauptmoschee, anstoßend an die gr(oße) Johannes-Basilika, der alte Tempel. Schon Umaiyah macht den Versuch, die Christen zur Abtretung der Basilika zu bewegen. Walid I. setzt das durch, mit wenig Milde, mehr mit Drohungen, z. B. daß alle Kirchen außerhalb zerstört werden sollten. Noch bevor die Christen nachgeben, reißt er den Chor der Basilika ab. Für die erzwungene Cession erhalten die Christen die anderen Kirchen zurück,

In Analogie damit muß Âmida behandelt werden. Die Nachricht von einer Teilung der Thomas-Kirche, der Hauptkirche, 2/3 muslimisch 1/3 christlich, steht nur bei Pseudo-Wâgidi (?), der die Teilung dem Iyâd, anno 17 oder 18 (Hedjra?) (ich schreibe alles aus dem Gedächtnis) zuschreibt. Bei Vâgut dagegen steht, ohne Isnâd, aus offenbar alter Quelle:

Nachdem Iyâd die Djazîrah erobert, zog er vor Âmid, i.e. (anno) 20 (h). Die Einwohner bekämpften ihn zuerst, dann schlossen sie einen Vertrag, unter den Bedingungen, daß die Heiligtümer (es steht da <arab. Wort>) und ihre Umgebung ihnen verblieben, daß sie aber keine Kirchen (âmid) neu bauen dürften (arab.Wort), daß sie die Muslime unterstützen und führen sollten (arab.Wort), die Brücken reparieren sollten; falls sie eine Bedingung nicht erfüllen sollten, sollten sie keine Protection haben.“

Bei Balâduri (?) steht es etwas anders, was die Selbständigkeit der Quelle verbürgt. Jahreszahl ist glaube ich a(nno) 18 (oder 19 h). Es heißt da:

Amid wurde ohne Kampf genommen, auf Grund des Vertrages von Urfah. Dieser Vertrag von Urfah ist grundlegend für fast alle Städte der Djazirah.“ (…)

Ihr Ernst Herzfeld.

 

142. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 27.1.1914

Lieber Becker,

(…) Am 5.III. (1914) fahre ich mit Sobernheim nach Aleppo, aber nur dorthin. Mir graut vor allem, er will mehr von mir, und ich kann nicht mehr thun. (…)

Mit vielen Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin und vielen Grüßen

Ihr Ernst Herzfeld

 

143. Ernst Herzfeld an C. H. B. Aleppo, 20.(4.1914)

Lieber Becker,

unsere Expedition verläuft sehr nett, viel besser als ich gedacht. Ein paar sehr interessante Sachen habe ich noch gefunden, und die Baukunst der Qiyyabiden ist mir ganz klar geworden.

Eine wunderliche Sache hat Fleury gemacht. Nachdem ich ihm in Berlin alles Material gezeigt habe, hat er an einen Lehrer der Deutschen Schule geschrieben, er möge ihm Abklatsche und Photos der Kufica hier besorgen. Der betreffende hat es nicht gethan. Aber wie denkt (unklar, da Manuskript zerrissen in zwei Teile)

(…) mit ihm zu besprechen. Dabei muß es doch anders sein, mit ihm eine solche Aufnahme zu machen, als mit Sobernheim, der kein Auge hat.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

144. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn), 24.4.1914

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Herzlichen Dank für Ihre beiden Karten und freundlichen Willkommensgruß zu Ihrer Rückkehr nach Berlin. Ich freue mich sehr, daß Alles so gut abgelaufen ist und daß Sie offenbar auch gesundheitlich gut durchgekommen sind, und sich etwas erholt haben.

Mir geht es ja wohl etwas besser, aber ich bin trotz fünf Wochen Sanatorium in Meran immer noch nicht wieder von meiner leidigen Verdauungsstörung erlöst. Da ich mir vollkommene Ruhe gegönnt habe, ist auch beim Islam alles liegen geblieben. Heft 1 ist herausgekommen, Heft 2-3 wird im Mai erscheinen; dann kommt bald das Heft mit Ihrem zweiten Aufsatz. Von Heft 2-3 fehlt nur noch die Bibliographie; alles andere ist abgezogen. Zur Fertigstellung der Bibliographie lasse ich mir nächste Woche meinen Schüler Ritter aus Hamburg hierher kommen, da ich meine dortigen Vorträge abgesagt habe. Es wurde mir zuviel, zumal ich noch diese Woche wegen eines Trauerfalls verreisen muß.

Inzwischen habe ich das große neue Buch von Miss Bell erhalten und ich bin neugierig, was Sie dazu sagen. Wie steht es eigentlich mit der früheren Publikation der gleichen Dame, deren Besprechung Sie ja für den Islam übernommen hatten. Das neue Werk würde ich unter Umständen selbst kurz anzeigen; ich trete aber natürlich gern zurück, wenn Sie als kompetenter Fachmann das Wort zu ergreifen wünschen. Miss Bell wird Ihnen ja jedenfalls das Buch selbst geschickt haben.

Sonst ist inzwischen nichts Neues passiert. Ich habe völlig brach gelegen. Eines muß ich aber doch noch sagen, daß ich mit großem Interesse und lebhafter Spannung Ihre wirklich glänzend geschriebene Paikuli-Reisebeschreibung gelesen habe. Das haben Sie wirklich sehr hübsch gemacht. Hoffentlich bringen Sie nun auch Andreas dazu, das wichtige Denkmal wirklich zu erschließen. Sie haben das Ihre dabei getan. Und damit Schluß für heute. Dieser inhaltslose Brief sollte Sie nur bei Ihrer Rückkehr in Deutschland willkommen heißen.

In herzlicher Freundschaft Ihr getreuer (CHB).

 

145. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin,) 25.4.1914

Lieber Becker,

seit Mittwoch bin ich wieder zurück, ich reiste über Cairo –Athen – Constantinopel. Sarre war in Constantinopel ohne daß ich es wußte. In den nächsten Tagen kommt er wieder. Hoffentlich verzögert er sich nicht, denn ich habe viel mit ihm zu besprechen. Ob er für unser Reisewerk was gethan hat? Ich fürchte, daß das wieder ins Stocken gerät. Und ob er für die Gelder für die Publication von Samarra wirklich gesorgt hat, damit das in Gang kommt? Ich habe auch da Bedenken, denn von verschiedenen Seiten höre ich von neuen Ausgrabungsplänen, die er hat (Hatra!) und die er mir verheimlicht.

Seit ich wieder hier bin, legen sich alle meine alten Sorgen und Befürchtungen wieder mit Centnerlast auf mich, ich habe Angst vor den kommenden Monaten, die so hingehen werden, wie die letzten der Vorjahre.

Während ich dies schreibe, kommt Ihr Brief. Vielen Dank. Wie hartnäckig sind Ihre Beschwerden! Giebt es denn da keine Brunnenkur?

Sie finden meinen Reisebericht53 gut, während ich dachte, er sei langweilig und inhaltlos. Ich denke nur noch ungern daran.

Am Sonntag bin ich bei Eduard Meyer, da will ich versuchen zu erreichen, daß man nicht mehr auf Andreas wartet, sondern die Photos auch verschiedenen anderen zuschickt. Ich weiß nicht, weshalb Lüders immer wieder warten will. Er weiß besser als ich, daß nichts kommen wird.

Miss Bells Buch habe ich auch bekommen, und zwar mit einem Anschreiben des Verlages, daß ich es im Islam besprechen möchte. Ich habe es etwa halb gelesen. Alles Beschreibende ist gut, der Stil famos. Aber die entwicklungsgeschichtlichen Capitel taugen nichts. Und dann: bei allen Kleinigkeiten citiert sie scrupulös, bei allem Wichtigen aber nicht. So sehr ich sie als Mensch, als Energie bewundere, und so sehr ich sie als Schriftstellerin bestaune, aber das Archaeologische ist schwach und unselbständig. Mir liegt im Grunde nichts an der Besprechung, entweder man übergeht alle Einwände, dann ist sie oberflächlich, oder man lobt nicht nur, sondern critisiert auch, dann bringt sie einem Feindschaft. Aber gern möchte ich einmal etwas Zusammenpassendes über Miss Bell und Guyers letzte Arbeiten schreiben, einen Rückblick (hierüber ?), was in den letzten 5 Jahren etwa in Mesopotamien sich ergeben hat. Dabei kann man jedes odium vermeiden.

Schreiben Sie mir bald wieder einmal! Wünsche Ihnen gute Besserung – Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin Ihr Ernst Herzfeld.

 

146. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin,) 11.5.1914

Lieber Becker,

Sie haben sehr recht, wenn Sie heruntermachen, aber ich habe eben auch recht, wie es meistens ist, wenn zwei verschiedener Meinung sind. Haben Sie ein so feines Gefühl, daß Sie mir immer gerade im richtigen Moment schreiben? Neulich am Tage meiner Rückkehr, und diesmal kam Ihre Ermahnung gegen den Pessimismus – ich habe wirklich lachen müssen – gerade als ich wieder mit Malaria festlag. Nachdem ich mich nun 3 Tage von Chinin genährt habe, bin ich heute außer Bett. Sehr geeignet auch Andreas’ Idee, mich mit seinem Besuch – zu überraschen! Sie können sich denken, daß das sehr ergebnisreich war.

Etwas Sicheres habe ich nun wenigstens durch mehr als 10-jährige Mühen erreicht, ist es doch ganz egal!, denn diesmal ist die Krankheit bakteriologisch einwandfrei festgestellt.

Was aus den verschiedenen Arbeiten wird, ist mir momentan ziemlich egal. Vielleicht erlebt man es auch gar nicht. Als ich von der Reise nach Aleppo – Damaskus mit Sobernheim bei Oppenheim war, setzte dieser mit großer Wichtigtuerei auseinander, wie er alles organisiert hätte, damit die Publication auch in dem Falle erfolgen könne, daß er stürbe. Worauf S(obernheim) sagte: „Aber lieber Baron, wenn Sie tot sind, ist es doch ganz egal!“ Oppenheims Gesicht war furchtbar komisch zu sehen.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

147. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 2.7.1914

Lieber Becker,

ich bin Ihnen noch Dank und Antwort für Ihre letzten Briefe schuldig, und bekomme heute die Anfrage von Professor Ruhland wegen des Bonner Vortrages. Ich habe gleich zugesagt, komme mir allerdings etwas wunderlich vor: ich habe das ziemlich feste Gefühl, daß es nicht dazu kommt. Was für Ewigkeiten sind das noch bis dahin, besonders wenn man die Nächte zählt!

Ich wollte Ihnen gern was Nettes schreiben und weiß nicht recht, wo ich es hernehmen soll. Freut es Sie, daß ich ununterbrochen an der Sassanidischen Kunstgeschichte schreibe, daß sie diesen Monat bequem fertig wird, daß sie gut wird und ganz anders, als die früheren Einzelarbeiten, daß es aber vermutlich auf Schwierigkeiten mit der Druckerei stoßen wird, weil der Umfang kaum (kurz?) gehalten werden kann?

Das Colleg: Einleitung in die babylonische Archaeologie hat auch ein gutes Resultat ergeben. D. h. natürlich für mich, die Hörer kommen nur aus gêne. Das interessiert Sie gewiß:

Die Sachlage ist mir ganz klar geworden, es gibt überhaupt keine semitische Kunst.54 Im alten Babylon ist alles schlechthin sumerisch, bis in die Hammurabi-Zeit. Wo die Sumerer als Volk aufhören, hört auch die Kunst auf. Es folgt die große Lücke des 2ten Jahrtausend. In Assyrien ist’s analog: im Anfang Abhängigkeit vom Sumerischen, dann vom Hettitischen; die assyrische Kunst, die man von den Museen her kennt, die beginnt erst als die Assyrer fremde Völker nach Assyrien deportieren. Usw. Eine Geschichte der semitischen Kunst ist also im Grund ganz negativ, d.h. es gibt nichts Schöpferisches bei den Semiten auf dem Kunstgebiet, nichts was im Wesen semitisch wäre. Meinen Sie, daß man so negativ auch eine „semitische Kunstgeschichte“ in Ihrem geplanten Grundriß schreiben könnte? Der eigentliche Beweis liegt für das Altbabylonische im Gebiet der Glyptik, über die ich ein Colleg angezeigt habe. Das ist schon der zweite Zukunftsplan in diesem Briefe, der mir auch sehr problematisch vorkommt.

Sie wissen vielleicht, oder auch nicht, daß Sieglin, der historische Geograph, hier zurücktritt. Als ich mich habilitierte, war das die Chance, an die Kekulé und Eduard Meyer dachten, daher die „historische Geographie“. Nun ist der Fall eingetreten und man hat Partsch berufen. Eduard Meyer hält die ganze Professur wie sie war für Unsinn. Sie wird also verändert in „politische Geographie“. Die Chance ist also nicht nur verpaßt, sondern die ganze Betonung der histor(ischen) Geographie ist sinnlos. Und für orientalische Archaeologie wird nie was zu machen sein, wie mir Meyer sagte. Ich empfinde darin einen gewissen Widerspruch, der mich mehr deshalb berührt, weil er es ist, als weil er mich beträfe. Die Angelegenheit wird sehr bald entschieden sein, denke ich. Und dann wird sich meine Zukunft auch entscheiden: geschieht nichts oder kann nichts geschehen, wie ich annehme, dann bin ich bereit einzusehen, daß ich mich geirrt habe, und gebe meine wissenschaftliche Thätigkeit auf! Es ist schwer außer der Reihe seinen Weg zu gehen, wahrscheinlich ist es unmöglich. Immer noch besser das einzusehen, als sich zu belügen und schließlich vor sich selbst lächerlich zu werden.

Wozu nehme ich also eigentlich eine Aufforderung zu einem Vortrag an, wozu kündige ich ein Colleg an? Nur um die Wirklichkeit zu verbergen?

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

148. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,), 13.7.1914

(Maschinenkopie)

Lieber Freund,

Ich habe eigentlich gar keine Zeit, Briefe zu schreiben, aber ich will Ihnen doch Dank sagen für Ihre freundlichen Zeilen. Ich verstehe Ihre innere Enttäuschung in Sachen der Sieglin’ schen Professur voll und ganz. Es wäre nun meines Erachtens einmal Gelegenheit gewesen, etwas für Sie zu tun. Selbst wenn man zunächst nur ein Extraordinariat daraus gemacht hätte. Ich finde, Sie haben wirklich Anspruch darauf, daß man Sie jetzt in irgendeiner Form ehrt. Für die Durchschnittsmenschen und –Verhältnisse ist der Grundgedanke des Etats zweifellos richtig, daß Professuren geschafft und Kandidaten dafür gesucht werden, nicht, daß man Professuren schafft für vorhandene Kandidaten, aber als Ausgleich sollte im Etat eine Reihe freier Professuren stehen, die an verdiente Leute verliehen werden könnten, die aus dem Rahmen des Schemas fallen. Dadurch würde der Wissenschaft wirklich gedient und neue Zukunftsmöglichkeiten sich auftun. Man scheut sich davor, aus Angst vor Nepotismus, aber in einem Staate wie Preußen könnte man schon etwas Derartiges riskieren, nur müßten bei der Besetzung die Fakultäten ausgeschaltet werden, nur ein Ministerium hätte hier die Objektivität der richtigen Auswahl.55

Habe ich Ihnen schon für Seleukeia und Ktesiphon gedankt? Ich fürchte fast nein. Es ist wieder eine schöne, echt Herzfeld’sche, solide Arbeit. Kann ich das Separat wohl in die Bibliographie aufnehmen, oder soll ich das Erscheinen des Bandes abwarten? A propos Bibliographie, hätten Sie Lust, Bode-Kühnel, Vorderasiatische Knüpfteppiche und Roppers Auskunftbuch über morgenländische Teppiche ganz kurz anzuzeigen, nicht mehr wie 20-30 Zeilen, eventuell weniger, so wie die übrigen Besprechungen in meiner Bibliographie sind? Hätten Sie außerdem Lust, in etwas ausführlicher Form zu besprechen – es dürften schon ein paar Seiten sein für die kleinen Mitteilungen, aber bitte ja nicht zu viel – G.T Rivoira, Architetture Musulmana? Den Abbildungen und den Zitaten nach – gelesen habe ich es noch nicht – scheint es ein ganz solides Buch zu sein, das ich gern im Islam beurteilt sähe. Hoffentlich haben Sie es noch nicht für eine andere Stelle übernommen.

Ich habe mich entschlossen, am 23. Juli Urlaub zu nehmen, um mich einmal 8-10 Tage in der Heidelberger Klinik genau untersuchen zu lassen. Ich bin die kleinen Mittelchen in der Behandlung meines Darm- und Magenübels satt und will einmal exakt festgestellt haben, was mir eigentlich fehlt.

Auf Ihre sassanidische Kunstgeschichte freue ich mich sehr. Es war ja immer Ihre Ansicht, daß das semitische Element in der Kunst nur ein negatives ist. Um so interessanter wird dann Ihr Beitrag für den Grundriß sein.

Ich möchte auch wieder einmal Zeit, Ruhe und Nerven für eine konsquente Arbeit haben. Wenn nur erst mein Nachfolger in Hamburg ernannt wäre, damit ich in der Zeitschrift entlastet würde, und wenn ich erst einmal der ständigen Rücksichtnahme auf meinen leidenden Magen überhoben wäre. Sie sehen, lieber Herzfeld, es hat jeder zu klagen, darum werden Sie nicht böse und ungeduldig. Ich lasse meinen Optimismus nicht so leicht unterkriegen.

Mit herzlichen Grüßen, Ihr getreuer (CHB)


Ausbruch des Ersten Weltkrieges


149. Ernst Herzfeld an C. H. B. Hannover, Train-Abteilung 10, Ersatz-Abteilung, 4.8.1914

Lieber Becker,

das ist meine momentane Adresse. Ich würde mich sehr über gelegentliche Nachricht freuen, wie es Ihnen geht usf. Ich denke, Sie sind wieder in Bonn. Ich habe meine Angelegenheiten in Berlin schnell geordnet und bin nun hier. Vor der Abreise war ich noch bei Eduard Meyer. Der eine Sohn steht in Straßburg und ist schon unterwegs, der andere hat sich in Freiburg gemeldet.

Meine Empfehlung an Ihre Gemahlin und gute Wünsche für Ihre Gesundheit

Ihr Ernst Herzfeld.

 

150. Ernst Herzfeld an C. H. B. Spa, 14.8.1914

(Feldpostkarte)

Lieber Becker,

ich sende Ihnen hiermit meine Adresse:

  • Leutnant H(erzfeld),
  • Train des X. A(rmee)-K(ommandos),
  • Fuhrparkkolonne 1

Eine Karte von unterwegs werden Sie vielleicht nicht erhalten haben, weil die Feldpost erst seit gestern in vollem Betrieb eröffnet ist. Schreiben Sie mir bald einmal!

Gestern war ich dicht bei Lüttich um den dort kämpfenden Truppen Proviant zu bringen. Es ist eine denkwürdige Zeit, die man erlebt: unbeschreibliche große Eindrücke.

Viele Grüße und Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin. Sarre führt eine Munitionskolonne für schwere Artillerie von Danzig aus irgendwo im Osten!

Ihr Ernst Herzfeld.

 

151. Ernst Herzfeld an C. H. B Tagnon, zwischen Rethel und Reims, 17.9.1914

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihren Brief. Mir geht es sehr gut. Ich habe in jeder Beziehung Glück gehabt: sehr nette Kameraden, gutes Pferd, gute Quartiere, immer bei Regen unter Dach und Fach,, und vor allem bei allen interessanten Schlachten unmittelbar hinter der Front:

  • Sambre-Abschnitt,
  • St.Quentin-sur-Guise (?), dann die in Deutschland wohl weniger bekannt gemachte
  • Schlacht in den Sümpfen vom 12.Grad (bei Chamaubert-Montmirail). Von da ging es beträchtlich rückwärts, hinter Reims.

Jetzt ist seit 3 Tagen wohl die Entscheidungsschlacht des ganzen Krieges im Gange: 5 oder 6 Armeen von uns gegen alles was die Franzosen haben. Gestern war ich bei Witry-lez-Reims auf dem Schlachtfeld selbst, ein wundervolles Schauspiel und unvergeßlicher Eindruck. Es steht alles gut. Alles vertraut auf unseren Sieg, trotzdem der Kampf sehr schwer ist. Dann wird es wohl entschieden sein.56

Viele Grüße Ihres E. Herzfeld

 

152. Ernst Herzfeld an C. H. B. St.Germainnumont, nördlich Reims, bei Neufchatel, 4.10.1914

Lieber Becker,

mal wieder ein schöner Ruhetag, so friedlich als wäre in der ganzen Welt nichts los. Unsere zwei Vizewachtmeister sind Leutnant geworden und suchen sich die neuen Uniformen, und ich sitze hier und schreibe. Es ist ganz merkwürdig, dies Leben im Kriege. Einerseits komme ich mir vor, als wäre ich gar nicht ich selber, sondern ein andrer der das alles thut, so unwirklich und traumhaft bleibt alles, andererseits aber ist dies Leben doch eine so lebendige und ganz absorbierende Gegenwart, daß alles Vergangene, das ganze friedliche Leben wie vergessen und versunken ist.

Nun treiben wir uns schon ziemlich 4 Wochen in dieser Gegend hinter Reims herum, und sehnen uns danach, endlich wieder vorzurücken. Es scheint doch, als wäre der Moment nicht mehr fern, wo die Franzosen ihre unglaublich feste Stellung, eigentlich eine unendlich lange Festung, werden räumen müssen. Und damit dürfte dann der Krieg entschieden sein.

Vor etwa 10-14 Tagen war ich im Gefecht vor Reims, bei Witry-lez-Reims, wo ich mich bei einem Cap(itain) Hoffmann, Divisionsstab (?) zu melden hatte. Ich war 1 Stunde auf dessen Beobachtungsposten, unmittelbar vor unserer Artillerie-Stellung. Das war wundervoll. Das ganze Schlachtfeld vor Augen, links Reims, nach rechts hin die Höhen, auf denen die Fran-zosen sich befestigt haben. Ein Regen von Granaten und Schrapnells, ununterbrochen, und dabei die Ruhe aller Menschen, als sei das das Natürlichste der Welt. Man hat gar nicht die Idee, daß das einen irgendwie angeht, wenn 100 Schritt davor eine Granate platzt. Seither sind unsere Stellungen wesentlich vorgeschoben und viel fester gemacht. Vorgestern hörten wir die großen 42er schießen. Ich hatte mich um 6 Uhr (= 5 h) wecken lassen, und Punkt 6 h zittert mit einem Male das ganze Haus. Ich fahre den Burschen, der gerade in die Tür tritt, an, daß er um mich zu weccken, nicht gleich das ganze Haus umzustoßen brauchte. Er war aber unschuldig. Die großen Mörser müssen etwa 20-22 km von uns bei Craonelle gestanden haben!. Alle 10 Minuten ein solcher erderschütternder Schuß.

Eduard Meyers Sohn Hans, ich glaube der 2te, ein Leutnant, war schwer verwundet, Dum-dum-Verletzung am Kopf, soll aber in unerwartet guter Reconvaleszens sein, wie mir Eduard Meyer schrieb. Von Sarre habe ich nichts gehört. Er ist als Führer einer Munitionskolonne für Fußartillerie im Osten.

Empfehlen Sie mich Ihrer Gemahlin, schreiben Sie mir einmal, und seien Sie 1000mal gegrüßt.

Ihr Ernst Herzfeld.

 

153. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 16.10.1914

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ob Sie wohl schon einmal eine Nachricht von mir bekommen haben? Jedenfalls erhielt ich verschiedene kurze Grüße von Ihnen und heute einen ausführlicheren Brief aus der Nähe von Reims. Haben Sie herzlichen Dank, daß Sie mich an Ihrem Erleben teilnehmen lassen. Daß ich in freundschaftlicher Teilnahme alles lebendig verfolge, werden Sie sich denken können. Ich freue mich aufrichtig, daß es Ihnen bisher so gut ergangen ist und wünsche Ihnen weiteren Erfolg. Nicht alle meine Freunde haben es so gut gehabt. Einer meiner allernächsten Freunde ist leider gefallen, was mir sehr nahe ging. Während meine Brüder, Schwäger und Neffen bis-her ziemlich gut durchgekommen zu sein scheinen. Einer war erst in Namur, dann in Gumbinnen und steht jetzt südlich von Lemberg. Es ist fabelhaft, was manche Armeekorps herumgeworfen werden.

Die ganze Anlage unserer Aufstellung ist einfach großartig, und die Folgen des zu schnellen Vorstoßes über die Marne scheinen ja ganz überwunden. Aus allen Briefen klingt die Erwartung heraus, daß die Flügel nun bald einmal einschwenken oder durchstoßen möchten. Die Eroberung Antwerpens wurde in ganz Deutschland mit Begeisterung gefeiert. Nach den vielen Siegesnachrichten der ersten Wochen war doch eine etwas gespannte Stimmung eingetreten, obwohl die Haltung der ganzen Bevölkerung immer sehr fest war.

Es ist erstaunlich, was das öffentliche Leben normal weiterfunktioniert. Schnellzüge mit Speisewagen verkehren durch ganz Deutschland. Die Rheinschiffahrt ist wieder sehr stark. Die Anleihe war ein großer Erfolg. Im Städtebild erkennt man nur die Kriegszeit an der Fülle der überall sichtbaren Leichtverwundeten. Viele Industrien arbeiten ungestört weiter, andere mit halber Kraft. Nirgends herrscht Teuerung. Es wird sehr viel gestiftet. Kurz, man hat den Eindruck, als ob Deutschland nicht nur im Felde, sondern auch im Innenlande seinen Mann steht.- Die Türken scheinen sich vollständig Deutschland in die Arme geworfen zu haben. Deutsche Offiziere kommandieren das türkische Heer. Die türkische Flotte ist durch deutsche Schiffe ergänzt. In den Forts der Dardanellen und im Bosporus werden die Geschütze von deutschen Offizieren und Mannschaften bedient. Ich hörte eben von Jäckh, daß unter türkischer Führung arabische Beduinen die ägyptische Grenze überschritten haben. Deutsche und türkische Schiffe suchen bereits die russische Flotte im Schwarzen Meer. Der Durchtransport der deutschen Mannschaften durch Rumänien und Bulgarien schon Mitte August ist zum Teil unter falschen Pässen erfolgt. So gefährlich das türkische Experiment zu anderen Zeiten wäre, so wichtig kann es jetzt für uns sein, da die bekämpften Mächte ihre Truppen ja an anderer Stelle brauchen. Es ist tatsächlich richtig und keine Ente, daß muhammedanische Kriegsgefangene freigelassen und nach Konstantinopel geschickt worden sind. Man folgte darin einer Anregung aus Syrien. Auch in Persien und Afghanistan wird gewühlt und französisch Nord-Afrika von der Türkei aus beunruhigt. Ich bin sehr gespannt, was aus alledem wird.

Zur prinzipiellen Frage habe ich mich in einer kleinen Flugschrift „Deutschland und der Islam“ geäußert, die ich Ihnen in diesen Tagen zuschicke. Es scheint mit dem türkischen Plane jetzt Ernst gemacht zu werden. Dies ist natürlich nur möglich, wenn sich die Türkei wie bisher in militärischer so auch in verwaltungstechnischer Hinsicht vollkommen den deutschen Reformatoren in die Arme wirft.

Auch sonst habe ich allerlei Politisches geschrieben; zu ruhiger Arbeit fehlt einem der Sinn. Da aber das Semester an allen Universitäten programmmäßig beginnt, wird man jetzt wieder zur täglichen Arbeit gezwungen, was entschieden gut ist. Ich hatte gerade Besuch von Martin Hartmann, als Ihr Brief eintraf, und er hat auch mit großem Interesse davon Kenntnis genommen. Meine Frau grüßt Sie mit mir bestens. Bleiben Sie gesund und unversehrt. Über jede Nachricht von Ihnen freue ich mich natürlich riesig.

Mit freundschaftlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB)

 

154. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Westen, 2.11.1914

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihre Schrift und Ihren Brief vom 16.10.(!). Das war mir sehr interessant. Die Vorgänge im Orient haben für mich doch etwas überwiegend Interessierendes. Hier hieß es schon immer, daß Unmengen eroberter belgischer Geschütze nach Constantinopel transportiert sind, und zwar durch Rumänien, was ich nie glaubte, was aber nach Ihren Mitteilungen stimmen dürfte. Auch erfuhr ich ganz sicher von einem deutschen Geheimpolizisten, der in Ägypten thätig ist. Ich habe auch manchmal gedacht, ob nicht der uns allen bekannte M nicht am Sinai eine politische Mission hatte. Und dann ist mir jetzt klar, warum Hermann sein Kommando in Constantinopel ein 2tes Jahr erhielt, was noch nie vorgekommen ist. Er ist doch sehr mit Enver (Pascha) befreundet.

Denken Sie an die jungtürkisch-jungpersischen Verbrüderungsversuche, die ich Ihnen mal von Baghdad aus beschrieb? Jetzt scheinen sie zu einer Art Bündnis zu führen. Der damalige Wali ist der heutige Marineminister, ein ganz übler Kunde.

Überhaupt kann ich trotz allem nicht über ein sehr großes Bedauern hinaus, daß es alles so kommen mußte. Und ich fürchte immer noch, daß im Falle eines großen, ganz durchschlagenden Sieges von unserer Seite, doch unendlich viel Kultur in der Welt verloren gehen wird, daß Anarchie und Rückgang da eintreten werden, wo die Engländer so unglaublich viel geleistet haben, und daß wir das auch im für uns günstigsten Falle nicht aufhalten, daß wir von Englands Niedergang nicht den Vorteil haben werden, der den Opfern des Krieges ent-spräche. Wenn thatsächlich, was ich nicht glaube, ein Wiederaufleben des Islam möglich wäre, so verlieren wir die islamische Welt genau so wie ganz Europa sie verliert.57

Aber die Sachlage jetzt erfordert ja einfach eine Entscheidung zwischen uns und England, ohne alle solche Rücksichten. Die Engländer müssen ja den Kopf verloren haben, daß sie alles thun um sich selbst zu ruinieren, aus Haß gegen uns. Ich teile keinen Haß, gegen niemanden, und denke über viele Dinge ganz anders, als es die allgemeine Stimmung ist. Ein Gedanke beschäftigt mich oft:

Wie ist dieses Meer von Haß und Wut, mit dem die jammervolle Presse die ganze Welt ersäuft, wieder zu trocknen, wie sollen wieder normale Lebens-beziehungen zwischen den europäischen Völkern aufleben nach einem solchen Kriege?58

Viele Grüße und Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin und gemeinsame Bekannte

Ihr Ernst Herzfeld.

 

155. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 7.11.1914

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Es tut mir leid, daß Sie so wenig von mir hören, aber ich habe Ihnen verschiedentlich Nachricht gegeben. Aus Ihrer Karte vom 27. Oktober sehe ich, daß man auch im Felde unwillkürlich an seine Berufsarbeit zurückdenkt. Das Islam-Heft ist noch nicht erschienen, doch korrigiere ich gerade die Bibliographie. Die Verzögerung lag einerseits beim Verlag, andererseits an mir, da mir plötzlich meine besten Mitarbeiter entrissen waren. Dr. Ritter hat die Bibliographie zwar noch rasch fertig gemacht, ehe er sich als Kriegsfreiwilliger meldete. Jetzt steht er bei den Garde-Ulanen in der Nähe von Lille. Dr. Gräfe ist Anfang September an der Marne verwundet worden und seitdem verschollen. Ich habe große Sorge um ihn. Natürlich wird Ihr Aufsatz in dem Hefte Ende November erscheinen. Alle Verleger beschneiden zwar zur Zeit ihre Zeitschriften. Auch ich habe wichtiges Material zurückstellen müssen. Das 3. Heft der ZDMG ist noch nicht erschienen. Wissenschaftliche Organe des Auslandes sind seit Kriegsbeginn überhaupt nicht mehr nach Deutschland gekommen. Mit Berchem stehe ich nicht regelmäßig in Korrespondenz; doch habe ich ihm kürzlich die kleine Broschüre geschickt, die Sie auch erhalten haben. Antwort bekam ich bisher nicht. Heute bekommen Sie wieder einige Kleinigkeiten. Sie werden merken, daß ich in den Bonner Reden S. 9 von Ihren Mitteilungen Gebrauch gemacht habe. Inzwischen hat ja nun die Türkei losgeschlagen und ihr Schicksal wird sich nun zweifellos entscheiden. Mein Programm steht in dem kleinen Heftchen. Ich erhoffe wirklich eine Erhaltung der Türkei unter deutscher Führung trotz Ihrer Vorliebe für England. Wenn der Krieg um ist und nicht wider alles menschliche Erwarten ausgeht, so werden unsere orientalistischen Interessen einen ungeheuren Aufschwung erleben.

Ein großes Islam-Institut wird dann gewiß irgendwo entstehen, und es müßte schon mit merkwürdigen Dingen zugehen, wenn man sich nicht Ihrer Hülfe dafür versicherte.

Die momentane Weltlage scheint ja nicht ungünstig, wenn auch natürlich noch große Sorgen bleiben. Das englische Weltreich beginnt doch an allen Enden und Ecken zu krachen, und man merkt, , daß das Prestige doch größer war als die Macht. Immerhin sind wir noch lange nicht am Ende, und England wird nicht so leicht niedergekämpft sein. Gottlob besteht der einmütige Wille, trotz aller Verlust keinen faulen Frieden zu schließen. Die Äußerung des Kaisers über die Flottenüberraschung hängt irgendwie mit den Torpedos oder Minen zusammen, genaueres weiß ich nicht. Jedenfalls ist es kein größeres Geschütz als die 42er. Hingegen sollen vom Lande und vom Schiffe durch elektrische Wellen lenkbare Torpedos in Gebrauch genommen sein. Die Geschichte wurde mir von unserem Physiker erzählt; doch kann man sich denken, daß die Sache nicht ganz einfach ist. Unsere Flotte macht sich übrigens bisher, trotz mancher Unglücksfälle, recht gut, und es sieht fast so aus, als ob nicht Deutschland sondern England blockiert wäre. Wenn nur erst der Sieg in Belgien errungen wäre! Es ist doch ein furchtbar erbitterter Kampf, schlimmer, als man sich das je hätte träumen lassen.

Da Sie Zeitungen lesen, kann ich Ihnen politisch nicht viel Neues mitteilen. Ich höre aus guter Quelle, daß die Situation der Franzosen in Marokko höchst prekär ist. In Ägypten ist die Eingeborenenarmee entwaffnet, die Offiziere gefangen gesetzt. Mein Schüler Mielk ist gerade jetzt zurückgekehrt; doch hat er mir einen genauen Bericht erst angekündigt und noch nicht geschickt.

Mittwoch ist eifrig mit Übersetzungsarbeit für das Auswärtige Amt beschäftigt. Es scheint ziemlich viel getan zu werden; aber näheres weiß ich nicht. Von Sobernheim habe ich nach langer Pause letzthin zweimal kurz gehört anläßlich des Todes von Barth, den ich aufrichtig betrauere, da ich ihn als alter Schüler stets hochgeschätzt habe. Er starb an Zucker zwei Tage nachdem sein einer Sohn im Felde gefallen war.

Mir geht es gesundheitlich ganz gut, obwohl auch ich immer noch mit meinem Magen zu tun habe; es scheint die übliche Gelehrtenkrankheit zu sein. Wir leben still vor uns hin. Die Collegs haben begonnen mit etwa 50% der üblichen Frequenz. Doch habe ich zu einer Geschichte Zentralafrikas, zweistüdiges Privatcolleg, über 12, für ein Fiqh-Colleg, Arabisch-Anfänger und Paläographie je 6 Leute zusammengebracht. Die Geselligkeit ruht ganz; doch nimmt das Leben einen immer normaleren Verlauf. Wir alle haben natürlich nur einen Gedanken, und das ist der Krieg.

Möge es Ihnen gut gehen, lieber Herzfeld, und bleiben Sie gesund! Ganz zum Schluß fällt mir noch ein, daß Sie, wie mir Mittwoch mitteilt, das Eiserne Kreuz erhalten haben. Ich gratuliere Ihnen von Herzen zu dieser verdienten Auszeichnung.

In freundschaftlichem Gedenken und mit allen guten Wünschen Ihre getreuer (CHB)

 

156. Ernst Herzfeld an C. H. B. Le Thour, 14.11.1914

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihren langen inhaltsreichen Brief vom 7. November.- Ich bin ganz verzwei-felt vor Langeweile. Stellen Sie sich diese Art Leben vor: von 8-9 h morgens habe ich die Kolonne etwas bewegt, damit die Pferde keine dicken Beine bekommen, auf einer Chaussee hin und her, die ich schon in- und auswendig kenne. Von 9 h an ist schlechterdings nichts mehr zu thun und man wartet in absolut stumpfsinniger Weise, ohne Arbeit, ohne Lectüre, ohne irgendwas, was einen die Zeit vergessen machte, bis zum Abend, wo man im günstigsten Falle eine Zeitung und ein paar kurze Briefe bekommt. So geht es, mit geringen Ausnahmen schon viele Wochen! Und wenn es in andern Zeiten so wäre, aber jetzt, wo man doch immer von dieser inneren Spannung beherrscht wird und sich täglich und stündlich fragt: wie wird das enden, was wird demnächst geschehen? Sie können sich nicht denken, wie mir Arbeit fehlt. Ich habe ganz ernstlich daran gedacht, ob ich hier fort und etwa nach der Türkei könnte, womöglich sogar nach Persien, vielleicht könnte ich in jenen Ländern mehr thun und mehr leisten, als hier. Manchmal geht dann ein Gerücht, wir kämen von hier fort. Jeder Mensch denkt und fürchtet dann zuerst: nach Rußland. Das muß scheußlich sein. Aber ich glaube eher nach dem Westen. Eine ganze Anzahl von Regimentern des X.A(rmee)- K(ommandos) ist weggezogen, unbekannt wohin. So daß von unserer einstigen II. Armee von Bülow nur noch etwa ¾ des X. AK hier sind. Diese sind der Armee Heeringa angegliedert. Es ist wirklich aufreibend, dieses unthätige Warten. Und dazu täglich in den Zeitungen die gleichen Nachrichten: seit 2 Monaten Fortschritte bei Lille, bei Soissons etc. etc., alle Fortschritte immer alle auf derselben Stelle!. Es kommt und kommt keine Bewegung in diese endlose Frontlinie hinein. Ich bin weit entfernt, schwarz zu sehen. Unsere Linie ist ganz unerschütterlich, aber wer hätte das gedacht, daß die Franzosen es so lange aushalten könnten! 22 Offiziere unseres Korps sind nach der Türkei geschickt. Ursprünglich hieß es nach Rußland, in Wahrheit nach der Türkei. Wenn Sie heuer aus Ägypten hören (durch Mielk), so schreiben Sie es mir bitte.

Bei Druckerei (?) Reimar ist an meinen Samarra-Karten und –Plänen weiter gearbeitet. Die 3 Meßtischblätter Ludloffs, des Stadtplanes und der große Palastplan (arab. Text) sind jetzt fertig gestochen. Ich habe gebeten, daß man mir die Correcturen ins Feld schickt. Ich muß was zu thun haben. Auch Pläne werden weiter bearbeitet. Mittwoch schreibt mir, daß er die Correctur meines Hatra-Aufsatzes, des Ihnen wohlbekannten, erledigt hat. Eduard Meyer schreibt, daß sein Sohn wieder in Straßburg Rekruten ausbildet. Wie Schweinfurth mir schrieb, war das Dumdum-Geschoß durchs Kinn eingedrungen, hatte Knochen und Zähne verletzt, war dann in den Schädel geraten, durchs Gehirn und im Hinterhauptbein stecken geblieben. Und das in 2 Monaten geheilt! Unter Freunden und Bekannten und Verwandten habe ich viel Verluste. Man liest und hört immer von Neuen.

Wenn Gräfe Anfang September an der Marne verwundet ist, so ist große Wahrscheinlichkeit, daß er in französische Kriegsgefangenschaft geraten ist. Ich weiß viele solche Fälle. Es heißt, daß keine Sanitätskompanien damals Verwundete zurückgelassen haben, aber Feldlazarette müssen mehrere verloren sein, z. B. Orbas, auch in Reims, und sonst.

Wissen Sie einen Weg, wie ich nach der Türkei oder nach Persien kommen könnte?

Vielen Dank für Ihren Brief, nochmals, und viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

157. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 11.12.1914

(Maschinenkopie)

Lieber Freund!

Schönen Dank für Ihre Karte. Um Ihnen eine kleine Freude zu bereiten, sende ich Ihnen ein-liegend einen Brief von Fleury (sic!), den bei dem ganzen Kriege nur die Zukunft der islamischen Archäologie zu interessieren scheint. Das muß doch Ihr Herz erfreuen. Ihre geheimnisvolle Andeutung hat mir natürlich auch zu denken gegeben. Wenn Sie etwas Vorübergehendes meinen, so kommt wohl eine Berufung in die Türkei in Frage. Wenn Sie an etwas Dauerndes denken, so hoffe ich, daß es die Möglichkeit Ihrer Berufung auf den Stuhl von Sieglin ist. Oder täusche ich mich? Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie ich mich freuen würde, wenn das Wirklichkeit wird, auch wenn’s zunächst nur ein Extraordinariat ist. Ich werde Ihnen die Daumen halten.

Was Mittwoch betrifft, so ist er nach meinem Urteil der gegebene Nachfolger von Barth. Ich habe damals gleich nach Barths Tod an Littmann geschrieben und ihn gebeten, sein Möglichstes für Mittwoch zu tun. Damit habe ich aber nur offene Türen eingerannt, denn Littmann schätzt ja Mittwoch sehr. Ich finde die Ernennung so selbstverständlich, daß ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, daß man einen anderen wählen könnte.

Daß Sie meine Broschüren nicht erhalten haben, tut mir sehr leid. Ich sende Ihnen heute nochmals dieselben. Eventuell können Sie sie ja verschenken.

Gesundheitlich geht es mir leidlich d.h. sogar eigentlich recht gut. Natürlich bin ich noch nicht wieder ganz gesund, aber ich bin in meiner beruflichen Tätigkeit völlig unbehindert. Mein schon lange projektiertes kleines Handbuch „Der Islam als Religion“ soll jetzt beschleunigt herauskommen. Ich werde die Weihnachtsferien dazu benutzen. Dann habe ich allerdings noch die stille Hoffnung auf eine meine Fähigkeiten entsprechende Verwendung, die sich aus der Zeitlage ergibt. Allerdings ist das noch eine unbestimmte Aussicht; aber Sie werden verstehen, daß ich glücklich sein würde, mich wenigstens mit der Feder im Dienste des Vaterlandes betätigen zu können.

Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB)

Handschriftliche Anmerkung: Lepsius und Richter in Ges(ellschaft) f(ür) Islamk(unde)!

 

158. Ernst Herzfeld an C. H. B. LeThour, 11.12.1914

Lieber Becker,

ich bin schon wieder ziemlich lange ohne Nachricht von Ihnen. Wie geht es Ihnen und den Ihrigen? Für mich haben die letzten Wochen viel Arbeit gebracht, aber unendlich langweilige. Immerfort dieselben Straßen hin- und herfahren, 40-50 km am Tag, und dazu Beladen und Entladen, so daß man bei dem schlechten Wetter von früh bis Mitternacht unterwegs ist. (Die Leute?) thun gar nichts, seit Wochen. Diese greuliche Stagnation hier, und sie hat so viele Gefahren für die Moral und Disziplin der Leute. Es geschieht thatsächlich schon seit Monaten nichts mehr, und auf dem rechten Flügel ist, nach fürchterlichen (nicht immer notwendigen!) Verlusten, derselbe Zustand eingetreten. Wer hätte das geahnt, als wir bei Baye und Montmirail so nahe vor Paris standen! Was ist damals verfehlt worden? Das wird man erst nach Jahren aus dem Generalstabswerk ersehen, oder vielleicht auch nicht. Die Franzosen sind zwischen I. und II.ter Armee, wo das X. Reservekorps stand, durchgebrochen, und zwar mit großen Kräften und jedenfalls in einem rush bis nach Soissons und Reims. Dann in einer Nacht, als wir friedlichst rückwärts nach einem Orte nördlich Reims’ marschierten, waren sie plötzlich vor uns, und nur ½ Stunde davon holte uns ein Auto ein, und wir machten schleun-igst kehrt. In jenen Tagen hatte eine Division des X. Reservekorps nur 3000 statt 13 000 Mann! Und damals wurde beim X. Reservekorps ein Bericht Frenchs (?) bekannt gemacht, demzufolge Joffre bereits befohlen hatte, daß die französischen Trains hinter, die Truppen vor die Seine sich zurückzuziehen hätten. Da zog sich die I. Armee zurück! Was mag sich damals abgespielt haben?

Schreiben Sie mir bitte mal wieder vom Orient. Ich höre, daß Prüfer interessante Berichte gesandt haben soll, vermutlich ans Auswärtige Amt. Und ich persönlich hatte in der letzten Zeit eine große Hoffnung, Sie ahnen gewiß welche, bin aber schon wieder dabei sie zu begraben: Persien59. Sollte es sich wider Erwarten doch verwirklichen, so komme ich über Coblenz – Bonn – Köln. Es kann immer noch kommen, obgleich die Sache schon 3 Wochen in der Schwebe ist, also etwas langsam für Kriegszeiten. Lange genug droht der Krieg ja noch dafür zu dauern. Ich hatte unserem Freund v. O. den vagen Wunsch geäußert, und Mittwoch gebeten, sich zu erkundigen. Und da schreiben mir beide, es wäre merkwürdigerweise das-selbe schon im Auswärtigen Amt angeregt und warm befürwortet worden.

Neulich schrieb mir Berchem, kurz und nett, ich fürchtete, bei seinen französischen Inclinationen, er könnte anders denken. Viele Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin, Grüße an die Kinder, und Wünsche für ein glückliches Weihnachten.

Ihr Ernst H(erzfeld)

 

159. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 17.12.1914

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Freundlichen Dank für Ihren Brief vom 11.ds.Mts. den ich schon gestern am 16. erhielt. Seitdem die Operationen im Westen zum Stillstand gekommen sind, geht die Post etwas besser, doch kommen auch hier immer noch Überraschungen vor. Sie beklagen sich über mein Schweigen, doch werden Sie inzwischen gewiß von mir gehört haben. Vielleicht erreicht Sie dieser Brief schon gar nicht mehr. Es ist mir einfach unfaßbar, daß Oppenheim jetzt im Auswärtigen Amt wieder eine entscheidende Rolle spielen soll. Ich denke, diese hohe Behörde könnte allmählich etwas gelernt haben, und im auswärtigen Dienst heißt es doch wirklich den Bock zum Gärtner setzen, wenn man Oppenheim verwendet. Höchst amüsant drückt sich darüber das englische Blaubuch über den Bruch mit der Türkei aus. Ein gefangener deutscher Reserveoffizier namens Mors wird über Oppenheim ausgefragt und antwortet: „Berlin opinion is that he is a blagueur and of no importance.“ Diese amtliche Festnagelung finde ich einfach gottvoll und ist so recht was für Sie. Überhaupt ist das ganze Blaubuch recht interessant. Ich habe es über die Schweiz empfangen. Es ist doch sehr gute Arbeit von uns geleistet worden, wenn es auch echt türkisch ist, daß der englische Botschafter jeden Morgen an Grey berichtet, wie viele deutsche Offiziere, Soldaten, Kanonen, Munition, Goldbarren, Minen usw. nach der Türkei kommen, und wie sich die Truppenbewegungen nach dem Suezkanal vollziehen. Immerhin darf man hoffen, daß doch noch einiges der eng-lischen Spionage entgangen ist. Was sie berichtet, ist schon ganz respektabel. Eine große Rolle spielt dabei Prüfer, der Sendlinge nach Ägypten instruiert usw. Tendenz des Blaubuches ist nachzuweisen, daß Deutschland die arme Türkei gegen ihren Willen in den Krieg gedrängt hat, und daß der Heilige Krieg ein deutsches Fabrikat ist. Tatsächlich müssen einige Minister bis zum Schluß für die Neutralität gewesen sein, was ja auch dadurch bewiesen wird, daß zwei bei der Kriegserklärung zurücktraten. Bis zum Schluß hoffte der englische Botschaf-ter immer noch, daß die Türkei Deutschland an der Nase herumführen würde.

In Berlin hat es neulich auch eine kleine Affäre gegeben. Die Deutsche Gesellschaft für Islamkunde hatte sich ausgesucht den Missions-Professor Richter für ihre letzte Sitzung zum Referenten erkoren. Aber Richter scheint noch taktvoll wenn auch als Muhammedaner-Missionar natürlich auf einem nicht zeitgemäßen Standpunkt gestanden haben. In der Debatte jedoch soll sich Lepsius durch große Taktlosigkeit, eifern über den falschen Propheten usw. hervorgetan haben; doch wurde er gründlich zugedeckt und zwar von Traugott Mann, der überraschend gut gesprochen haben soll. Auch andere sprachen mit Rücksicht auf die Zeitum-stände und anwesenden Muhammedaner sehr islamfreundlich, und es war after all eine große Freundschaftsbekundung für den Islam. Ich bekam durch einen Missionsfresser die Sache zunächst gerade umgekehrt dargestellt und erkundigte mich bei Mittwoch und Hartmann, die mich aber völlig beruhigten. Die Mission ist allerdings jetzt in einer schwierigen Situation.

Herzliche Grüße und Wünsche zum Weihnachtsfest, das Sie hoffentlich einigermaßen angenehm verleben. Mir und den Meinen geht es gut.

Ihr Ihnen freundschaftlich ergebener (CHB).

 

160. Ernst Herzfeld an C. H. B. Le Thour, 17.12.1914

Lieber Becker,

abends 16.XII. kam Ihr Brief mit der Beilage von Fleury und zugleich Ihre 3 Schriften. Seltsam, daß Drucksachen, mit Ausnahme von Zeitungen, sehr oft verloren gehen. Vielleicht liegt irgendwelche Censur vor. Den Brief von Fleury schicke ich Ihnen gleich zurück. Er hat mir die Augen darüber geöffnet, wie wertlos es von mir war mich zeitweise für meine zurückgelassenen Arbeiten zu interessieren. Diese petits faits significatifs sind eben jetzt zu insignificatifs. Es hatte für mich etwas Abstoßendes, das zu lesen. Das ist genau das Gefühl, welches meine Mutter Sobernheim gegenüber hat. Sie war bei dem zu einem Nachmittagstee und schreibt, der Krieg scheine S(obernheim) manchmal in seiner optimistischen Weltanschauung zu stören, meist aber hätte er ganz vergessen, daß zufällig gerade Krieg ist. Er renommierte mit seiner Glassammlung, – die ist auch solch ein petit fait – , insignificatif natürlich, und meine Mutter schrieb mir, sie hätte es nicht aushalten können: die Interesselosigkeit an den großen Vorgängen eines Menschen, der dabei nichts verliert, dem auch alles dieses Unglück nur eine Gelegenheit mehr ist, kleine gesellschaftliche Eitelkeiten zu befriedigen: sich zu Vorträgen und anderen Sachen an die Kasse zu setzen und auf dem Programmzettel zu stehen. Ein ganz ähnliches Gefühl habe ich Fleurys Briefen gegenüber. Wie anders schreibt Guyer!

Eduard Meyer schreibt mir, er könne nicht ernstlich arbeiten, die Spannung sei zu groß. Und rührend ist es, wie er in einem Satze am Schlusse seines Briefes gewöhnlich schreibt: von meinem Sohne … haben wir seit Wochen keine Nachrichten, er steht in Flandern, da heißt es sich mit Geduld wappnen.

Die Spannung ist wirklich zu groß, und es kann nicht anders sein, als daß auch die Stimmung schwankt. Wenn manchmal abends der Befehlsempfänger mit irgendeiner etwas funesten Depesche kommt, da gibt es schlaflose Nächte, bis man endlich wieder die Energie zusammenbringt, durch diese Gedanken einen großen Strich zu machen und nur dem Augenblick zu leben.

Meine Hoffnung, von der ich Ihnen schrieb, bezog sich nicht auf die … Professur. Ich habe nie mehr was davon gehört. Die Angelegenheit sollte ja offen bleiben bis zu Pencks nicht vor Januar 1915 erwarteten Rückkehr. Nun ist Penck in London, wer weiß wann er kommt, und war er darüber denkt: er hat viele Leute, für die er sich interessiert. Ich gehöre nicht dazu. Heute ist es mir gleichgiltig. Nein, es war von einer Mission im Osten die Rede, ich glaube Ihnen geschrieben zu haben: Persien. Aber es scheint nicht realisiert zu werden, und vermutlich werde ich mich, wenn nicht einfach der Befehl dazu kommt, im neuen Jahre zur Infanterie melden. Dort herrscht Mangel an Offizieren, und ich bin hier vollständig überflüssig und überzählig. Dumm, daß es Winter ist, da ist die Umgewöhnung viel schwerer als im Sommer. Da ich nächstens Oberleutnant werde, so würde ich dann wohl Companie-Führer werden.

Natürlich ist der Vorfall in der Gesellschaft für Islamkunde ein Unfug, selbst wenn die Leute gute Gründe gehabt hätten. Die ganze Gesellschaft ist Unfug!

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.


1915


161. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Im Westen,) 10.1.1915

(Feldpostkarte mit dem Aufdruck: Gott helfe uns zum Siege! Cecilie von Pringsheim)

Lieber Becker,

ich habe lange keine Post gehabt, das ist der Rückschlag nach Weihnachten und Neujahr. Gestern wurde ich überraschend versetzt. Meine Neue Adresse umseitig. Vermutlich nicht für sehr lange, denn in der Angelegenheit, die ich Ihnen angedeutet, habe ich, nachdem in Berlin scheinbar kein Erfolg zu erzielen war, die Initiative von hier aus ergriffen, und da ich es vorsichtig nach Erkundigung an hieisger maßgebender Stelle gemacht habe, ist es hier in 3 Tagen befürwortet durchgegangen, was im Auswärtigen Amt nunmehr 8 Wochen dauerte. Heute endlich einmal etwas Sonnenschein. Ich muß bald abreiten. Empfehlungen und Grüße Ihres Ernst Herzfeld

 

162. Oberleutnant Ernst Herzfeld an C. H. B. (Im Westen,) 17.1.1915

Lieber Becker,

von Sobernheim höre ich, daß Sie kurz in Berlin waren und daß H(ellmut) Ritter als Dolmetscher nach der Türkei geht. Das interessiert mich insofern, als Sie dann vielleicht wissen, welchen Weg solche Gesuche gehen. Ich schrieb Ihnen ja von dem was Mittwoch bzw. das Auswärtige Amt eingeleitet hatte, und daß Sobernheim daneben – scheinbar – eine andere Anregung gegeben hatte. In beiden Dingen habe ich nichts gehört und ich hielt sie schon lange für erledigt. Zwar schreibt Sobernheim am 10.1.(1915), vor einiger Zeit habe ihm Weber-Groningen gesagt, meine Angelegenheit sei bereits beim Regiment, aber das ist nicht wahr. Es ist nie und nirgends was an das Generalkommando gekommen. Am 6ten. 1. habe ich mich von hier aus gemeldet, und gestern sagte mir noch der Kommandeur des Trains, der beim Generalkommando ist, daß das sicher genehmigt wird, da es das Generalkommando befürwortend ans Kabinett weitergereicht habe. Aber niemand weiß den Weg, und welche Dauer das haben kann. Vielleicht haben Sie da einige Erfahrung.

Seit Weihnachten ist eine große Stille in Postsachen eingetreten. Von Berchem hatte ich eine Karte, in der nur ein Satz stand: „er arbeite so an „Jerusalem“, daß er gar nichts anderes denken könne“. Sonst handelte es sich um die Frage der Briefbeförderung an eine französische Familie. Ich beneidete ihn im Moment um sein Arbeiten. So war es früher bei mir auch. Schrecklich ist es, daß mir Sobernheim so auf die Nerven fällt: er hat gar kein Verständnis für die Vorgänge. Jetzt schreibt er einen Artikel über den Heiligen Krieg! Und dann will er mit einem Lazarett, jedenfalls dem Bleichröderschen, denke ich mir, nach Syrien, das er so als seine Provinz betrachtet. Sollte sich doch mehr zurückhalten. Auf briefliche Vorwürfe hin, antwortete er dann, um sein ungezweifeltes politisches Verständnis zu zeigen, er sähe die Lage gar nicht optimistisch an, dies und jenes sei mulmig! Wenn es nicht komisch wäre, wäre es nicht zum aushalten. Guyer schickte mir wieder eine Karte, in der er von Frau Gotheims Buch erzählt; er möchte wissen, wer das ist, und ich habe ihn an Sie gewiesen. Dann steht am Schluß der Karte so ein Satz: „Vor Deutschland steht alle Welt in Bewunderung.“

Ist jetzt nicht die Zeit, wo Sie in Bonn Ihre 3 Vorträge haben wollten? Ich wußte damals so bestimmt, daß ich ihn nicht halten würde, ich schrieb oder sagte es Ihnen ja auch.

Viele Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin und viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

163. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 19.1.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

Ich hätte Ihnen schon längst geschrieben, wenn ich das erste Drittel dieses Monats nicht ständig unterwegs gewesen wäre. Ich habe mich in Berlin und Hamburg wieder etwas auf die Höhe gesetzt und hätte Ihnen mancherlei Interessantes zu berichten. Da ich aber hoffe, daß Sie in Bälde nach dem Osten kommen und wir uns auf Ihrer Durchreise vielleicht irgendwo sehen, verspare ich mir Weiteres bis dahin.

Es wird Sie interessieren, daß mein Schüler Dr. Ritter, obwohl er erst Unteroffizier ist, als Dolmetscher mit einer Offiziersmission auf dem Weg nach dem Suezkanal ist. Er kann dort dem Vaterlande zweifellos mehr nützen als am Yserkanal, wo er bisher stand. Er ist durch militärische Beziehungen seines Regiments zu der Mission des Majors Schwabe kommandiert worden. Hoffentlich glückt es auch Ihnen herauszukommen, der Sie durch Orienterfahrung und Ihre technischen Kenntnisse doch geradezu prädestiniert sind, am Suezkanal eine Rolle zu spielen. Ende Januar oder Anfang Februar wird ein türkisches Armeekorps am Suezkanal erwartet. Starke Truppen muß man zur Zeit noch in Konstantinopel zurückhalten, da mit einer Forcierung der Dardanellen gerechnet werden muß. Wenn diese Sache mit einem großen Schiffsverlust allerdings möglich ist, so wird sie doch unwahrscheinlich durch die politische Erwägung, daß dann England sofort mit Rußland aneinander geraten würde. Immerhin blei-ben Enver und Limann vorerst in Konstantinopel.

Mit bekanntem Geschicke haben wir natürlich eine ganze Reihe höchst ungeeigneter Zivilagenten, die sich am stärksten herangedrängt hatten, hinausgeschickt, so den Clown Frobenius und Moritz; Rosen wird in Lissabon verbraucht usw. usw.

Snouck Hurgronje hat eine unerhörte Broschüre „Heilige Oorlog made in Germany“ erscheinen lassen. Cherif Pascha hätte es nicht besser gekonnt. Ich arbeite an einer Gegenschrift, aber es ist traurig zu sehen, wie der politische Fanatismus diesen verdienten Mann um seine sämtlichen deutschen Freundschaften bringt.

Das Islam-Heft ist inzwischen erschienen. Man wird Ihnen wohl von zu Hause ein Separatum Ihres Beitrages geschickt haben? Goldziher hat sich sehr erfreut darüber geäußert.

Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB).

 

164. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Im Westen,) 19.1.1915

Lieber Becker,

gerade nachdem ich Ihnen geschrieben hatte, bekam ich Briefe von Mittwoch und Sobernheim. An Sobernheim hatte ich einen langen ernsten Brief geschrieben, der als Geschriebenes leicht mißverstanden werden konnte. Um so mehr freute ich mich, daß er ihn vollkommen so aufgefaßt hatte, wie ich wünschte und daß damit einige Trübungen unserer Beziehungen sich wieder einmal geklärt haben.

Von Mittwoch erfuhr ich, daß Sobernheim nichts mich betreffendes angeregt habe, vielmehr sich erkundigt habe, wie die Sache lief, die – was ich nicht wußte – von Frau Sarre durch Wilamoviz angeregt war. Indessen ist von der Seite scheinbar nichts erzielt. Die entscheidende Instanz soll die Admiralität sein: möglich daß ich dann bald Antwort bekomme.

Sobernheim schreibt von türkischen Mißerfolgen, die nach Mittwoch von (unleserlich)scher Seite übertrieben sein sollen, hoffentlich. Immerhin sind welche da. Dazu traten in den letzten Tagen mal wieder beunruhigende Gerüchte über Rumänien – Bulgarien – Italien auf, wie mir scheint nur möglich nach türkischen Niederlagen. Sobernheim schrieb mir über italienische Stimmungen nach Warburg-Hamburg. Hoffentlich wird der Weg zur Türkei uns nicht abgeschnitten. Sie kennen meinen Pessimismus in bezug auf die Türkei: im übrigen sehe ich nicht im geringsten schwarz, weil heute wirklich kein Grund dafür da ist. Aber ungeheuer interessiert es mich, was Sie heute über den Djihâd und über die Türkei denken: ob Sie Ihre Anschauungen, die Eduard Meyer übrigens teilt, noch aufrecht erhalten. Daß man zuläßt, daß ein Mann wie (Cherif) Pascha in Syrien kommandiert, ist mir unbegreiflich. Heute dürfte es doch nur sachliche Rücksichten geben, keine auf Personen.

Ich habe heute mal wieder das Bedürfnis zu politisieren: warum begegnet man dem wirtschaftlichen Kriege Englands nicht mit entsprechenden Gegenmaßnahmen in den besetzten Gebieten; z. B. die Engländer haben so und so viele Schiffe deutschen Privatbesitzes als Prisen erklärt. So gut sich England über Verträge hinwegsetzt – in anderen Dingen -, so gut können wir es in diesem Punkte: wir erkennen die Art, wie England seinen Wirtschaftskrieg führt, nicht als übereinstimmend mit internationalen Verträgen an, und erlegen daher für jedes Schiff, für jede als Kontrebande bezeichnete Ware, die es ursprünglich nicht war, den besetz-ten Gebieten den Gegenwert der Einfuhr als Contribution auf. Und anstatt, wie es heute der Fall ist, die Bevölkerung zu ernähren, annähernd 10 Millionen, sollte man die amerikanische Unterstützung dabei ablehnen, dagegen die Auswanderung mit allen Mitteln fördern: Grund die wirtschaftliche Blockade durch England. Nur die waffenfähige Bevölkerung Belgiens müßte in Lagern zurückbehalten werden. Hindenburg soll gesagt haben, die grausamste Kriegsführung sei die humanste, weil sie am schnellsten zum Ziele führte. Jedenfalls ist das eine Wahrheit. Brüssel hat lange die ihm auferlegte Contribution nicht bezahlt: warum wurden nicht sofort die großen Schätze dieser Stadt, z. B. in den Museen, mit Beschlag gelegt. Ein Schiff von uns lag – so viel ich weiß – in Lissabon (es könnte ein ähnlicher Hafen sein) mit den Resultaten der Ausgrabungen von Assur. Ob das noch existiert? Warum schützt man sich nicht vor dem Verlust durch Beschlagnahme von Gegenwerten? Haben sich die Russen geniert, das Museum von Lemberg auszuräumen. Nur wir sind immer die Humanen. Das sind schließlich Kleinigkeiten, aber von wirklicher Bedeutung wäre es, die Schäden, die England unserem Handel zufügt durch Contributionen auf Belgien und Frankreich abzuwälzen. Darüber müßte die Entente in die Brüche gehen. Es geht uns offenbar noch immer so gut, daß man nicht zu Gewaltmaßregeln greift. Aber: das Gewaltsamste wäre das Humanste.

Vor kurzem bekam ich von D. Reimer die Ausdrucke der Samarra-Pläne, wunderschön, aber ich bin nicht imstand sie durchzukorrigieren. Von Sarre hatte ich neuerdings eine kurze Nachricht, auf dem Umwege über meine Berliner Adresse. Sonst habe ich wenig gehört.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

165. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 22.1.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Unsere Briefe haben sich gekreuzt. Sie werden inzwischen gehört haben, daß Ritter durch Vermittlung seines Regiments (Garde-Ulanen) zu seiner Mitwirkung in der Türkei kam. Ich habe allerdings den Eindruck, daß es eine Privatbeziehung zwischen einem hochadligen Rittmeister und einer Berliner Stelle eventuell sogar dem Führer der Expedition gewesen ist. Genaueres wußte Ritter selber nicht. Ich weiß, daß z. B. Jäckh, der gerade aus Konstantinopel zurückgekehrt ist, sich im Hauptquartier bemüht, mehr Stimmung für die türkische Unterneh-mung zu machen. Vielleicht haben Sie dann noch Aussicht.

Die Berliner Organisation, von der Sobernheim und Mittwoch sprachen, scheint mir, wie so manches in Berlin, nicht gerade glücklich organisiert. Jedenfalls verstehe ich die Organisation nicht. Ich werde aber nach Jäckhs Rückkehr einmal an ihn schreiben; er hat so viele direkte Beziehungen zu leitenden Stellen, namentlich in der türkischen Frage, daß es vielleicht etwas nützen kann.

Als ich neulich mit Littmann und Tschudi zusammen war, haben wir einmal im Scherz eine Liste von Orientalisten zusammengestellt, die irgendwie „nicht ganz richtig“ sind. Es stellt sich dabei heraus, daß drei Viertel unserer lieben Collegen eine Marotte oder einen Spleen haben. Ihnen sage ich nichts Neues. Mir fiel diese lustige Unterhaltung nur wieder ein, als ich Ihre Bemerkung über Berchem las, der in dieser Zeit sich nur für Jerusalem interessiert. Nach persönlicher Beaugenscheinigung von Sobernheim glaube ich Ihnen versichern zu können, daß Sie ihm Unrecht tun. Er hat die ehrlichste Absicht zu helfen, aber wie überhaupt in sei-nem Leben sind es die ihm zunächst stehenden Frauen, die ihn durch ihre falsche Liebe daran hindern, etwas Verständiges zu tun. Reden Sie sich in keine Idiosynkrasie gegen Sobernheim hinein. Man ist in Berlin natürlich weit vom Schlachtfeld, aber Sobernheim ist wirklich innerlich beteiligt, soweit das bei ihm möglich ist. Auch hält er sich entschieden zurück. Er wirkt nur in einem Frauenkomitee mit bei einer Sache, von der er nichts versteht, wo er aber nach dem rührenden Eingeständnis der Damen unbedingt nötig ist, weil sich die Amazonen ohne die beruhigende Anwesenheit eines männlichen Richters sofort zum Schaden der Sache in die Haare geraten würden.

An Guyer will ich ein paar Worte über Frau Gothein schreiben. Dabei fällt mir ein, daß ich Ihnen auf eine frühere Frage noch nicht geantwortet habe. Das große zweibändige Werk steht natürlich in Ihrer Privatbibliothek. Sie haben mir selbst bewundernd darüber geschrieben, und Frau Gotheim hat es Ihnen mit ihrem Dank für die überlassene Photographie und mit einem liebenswürdigen Brief geschickt, nachdem sie mich vorher um ihre Adresse gebeten hatte. Die ganze Angelegenheit muß bei Ihnen irgendwo in einer Gletscherspalte Ihres so stark belasteten Gedächtnisses versunken sein.

Ja unsere Bonner Vorträge! Daß ein Weltkrieg nötig war, um Ihr Zusammenwirken mit Strzygowski zu verhindern, verdient als Novellenstoff behandelt zu werden. Man hofft hier nach dem Kriege auf die Durchführung. In Berlin hörte ich übrigens, daß Sie über die Zumutung ärgerlich gewesen waren. Mir gegenüber haben Sie sich liebenswürdiger ausgedrückt. Ich darf wohl in Zukunft von Ihrer Freundschaft hoffen, daß Sie mir offen Ihre Meinung sagen.

Ich stehe in diesen Tagen ganz unter dem Eindruck der Snouck’schen Schrift, in der natürlich sehr viel Richtiges steht, aber der Geist ist genau der eines Benard, Chirol usw., die seit Jahrzehnten Mißtrauen gegen unsere Orientpolitik zu säen versuchen. Wenn möglich, sende ich Ihnen einmal die Snouck’sche Schrift hin, aber zunächst wird sie hier noch gebraucht.

Mit herzlichen Grüßen auch von meiner Frau Ihr getreuer (CHB).

 

166. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Westen, 23.1.1915

Lieber Becker,

zu meiner großen Freude kam gestern abend Ihr Brief vom 19.ten, nur schade, daß Sie nicht alles schreiben, in der Meinung mich bald zu sehen. Das ist doch sehr fraglich. Meine Meldung muß etwa am 14. im Kabinett gewesen sein. Ob der Admiralstab die entscheidende Stelle ist? Eine Anwort erwarte ich jedenfalls erst 7./8.2., und vielleicht kommt auch gar keine, wie auf die Anregungen, die in Berlin schon Anfang November unternommen wurden. Sie machen keine Andeutung darüber, – am 19.ten – daß der Weg zur Türkei eventuell in kurzem gesperrt sein könnte, oder gehört das zu den Dingen, die Sie sich für mündliche Rücksprache aufgespart hatten? Hier halten sich die sehr beunruhigenden Nachrichten, ohne daß ich weiß aus welchen Quellen sie kommen. Das ist die Kehrseite des Hineinziehens der Türkei: daß muß auf alle Nochneutralen furchtbar aufreizend wirken. So fasse ich auch Snouck Hugronje’s Schrift auf, die ich nicht kenne, als Symptom. Wäre ich Holländer, wer weiß wie man darüber denken würde. Sie kennen ja meine Ansichten:

was WIR nicht in der Türkei thun, das wird nicht geschehen. Der Djihâd ist m. E. nichts anderes, als das was ich Ihnen seiner Zeit aus (Samarra? unleserlich) und Kerbela schilderte. Den Islam wird kein heiliger Kriegsruf erwecken. Wenn es überhaupt möglich wäre, die muhammedanischen Völker, bloß die in der Türkei, zu organisieren, zu bewaffnen, militärisch zu einer Aktion zusammenzufassen, so existierte die Türkei längst nicht mehr. Sie existiert bloß noch, weil diese Völker eben nichts mehr sind, nur Vergangenheit, und weil das komische Bißchen von Organsiertheit der Türkei schon genügt, jene unterjocht zu halten. Ein Ruf zum Kriege aber, ausgehend von der verhaßten Regierung, deren Unfähigkeit, Verlogenheit und Betrügerei man ein Jahrhundert und mehr kennen gelernt hat, wie soll das wirken? Ich wüßte, was uns helfen würde, was wir aber nie thun werden: WIR müssen den Noch-Neutralen die Teilung anbieten. Damit thäte man ein Kulturwerk. Ich habe große Besorgnis wegen des Djemal(Pascha) in Syrien. Wie hieß doch der ägyptische General, der seinerzeit in Alexandrien von den Engländern bestochen war?60

Ich wollte Ihnen ganz anders schreiben. Es geht nicht. Es geht wie mit der Musik, gestern brachte man mir eine Geige, ich hörte eine Melodie, die ich spielen wollte, und spielte ganz was anderes. Es ist aber schwer, viele Monate zu leben, während die Gedanken nur um ein einziges System kreisen, das man nicht beeinflussen kann, bei weniger äußerer Thätigkeit und ohne innerliche Arbeit. Ich war viel einsam, aber nie so leer wie jetzt.

Ihr Ernst Herzfeld.

 

167. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Westen, 26.1.1915

(Feldpostbrief)

Lieber Becker,

(…)

der Oberst und Emmich (?unleserlich), die sich scheinbar für die Sache interessierten, haben mich aufgefordert, vor dem Generalkommando einen beliebigen Vortrag über den Orient zu halten. Vermutlich wird es am 1.2. sein. Ich werde allerhand Geschichten erzählen. Ein so illustres Publikum werde ich kaum wieder haben: der Herzog von Braunschweig, der Erbgroßherzog von Oldenburg und andere. Es ist ja banal, aber es kommt thatsächlich immer anders als man denkt. Ernst gesprochen ist es ein großes Pech und in der Voss(ischen Zeitung?) stand bereits daß man Kolonialgeographie und politische pflegen müsse d.h. die Umwandlung der Sieglin-Professur.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

168. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 4.2.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich erhalte soeben einen Brief von Ritter, er sei beauftragt, eine Liste von Landes- und sprachkundigen Offizieren aufzustellen, da noch Bedarf nach solchen in der Türkei vorliege. Er dachte sofort an Sie, und habe ich ihm, um Zeit zu sparen, einige Angaben über Sie eingeschickt. Ich konnte auch noch Ihre Mitteilungen und die Ihnen vom Kabinett gegebene Antwort verwerten. Man kann sich also eventuell direkt ans Kabinett wenden. Sicherheitshalber aber läßt Sie Ritter bitten, ihm doch auch noch einen Lebenslauf einzuschicken. Ritters Adresse ist:

An den Dragoman Dr. Ritter,
bei Herrn Oberstleutnant Schwabe,
durch deutsche Botschaft Konstantinopel;

dann ein Überkuvert mit folgender Adresse: An das Chiffrier-Büro des Auswärtigen Amtes

Berlin, Wilhelmstraße, und den Vermerk: Mit der Bitte um Weiterbeförderung durch Kurier!

Ritter schreibt sehr vergnügt. Die Mitglieder der Expedition wären sehr nett, und er hat Konstantinopel bereits verlassen. Man hat sehr weitschauende Pläne, man sähe aber die Wirklichkeit nüchtern an

Näheres ein andermal. Herzliche Grüße Ihr getreuer (CHB).

 

169. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 3.5.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Herzfeld!

Ebenso schnell wie Ihr Manuskript und Ihr Brief gereist sind, habe ich nun auch Ihr Manuskript setzen lassen. Die Fahnen sind bereits in meinen Händen, und werden Sie eine Korrektur wohl von Hamburg aus in einigen Tagen erhalten; vielleicht schickt man sie auch über mich.

Auch ich bin ganz Ihrer Meinung, daß Karabaceks Aufsatz tatsächlich richtig ist. Meine Bemerkung über die Cairener Stelen war nur so gemeint, daß es unsinnig ist, bei ägyptischen Stämmen zwischen ägyptischen und jemeni(tisch?)en zu unterscheiden. Im Stammverband sind die Araber doch erst frühestens bei der Eroberung eingewandert, und gerade diese frühesten Stämme, die Karabacek ägyptische nennt, stammten aus dem Jemen. Ich werde ihnen vor der Zusendung vielleicht noch ein paar Bemerkungen auf eine Fahne schreiben; die können Sie dann ja verwerten, wenn Sie wollen.

Daß Fleury Ihnen seinen Aufsatz nicht geschickt hat, finde ich einfach haarsträubend. Als Herausgeber besitze ich leider keine Separatabzüge; aber ich schicke Ihnen einliegend einen Korrekturabzug, damit Sie sich wenigstens orientieren können.

Ihr Brief hat mich wieder kolossal interessiert, und ich freue mich, wie Sie selbst in der wissenschaftlichen Einöde dieses Krieges unaufhörlich weiter arbeiten und spekulieren. Ich hoffe ja so, daß nach diesem Kriege die Islamforschung im weitesten Sinne des Wortes in Deutschland so populär werden wird, daß auch Ihre archäologischen Interessen endlich die ihnen zukommende amtlich Pflege finden werden.

Einstweilen geschieht mancherlei in Berlin. Der langjährige marokkanische Dragoman Schabinger, ein alter Studienfreund von mir, leitet die neu begründete Nachrichtenstelle für den Orient mit einem Personal von 20-30 Mann. Diese sehr glänzend aufgezogene und gut arbeitende Sache soll auch nach dem Kriege erhalten bleiben, und wie ich hoffe, in eine engere Beziehung zum Orientalischen Seminar treten. Es ließe sich da etwas wirklich Großzügiges schaffen, da einerseits die öffentliche Meinung im Orient beeinflussen und andererseits als Hochschule für unsere künftigen Dragomane dienen würde. es ist wohl zu umständlich, das alles in einem Briefe näher auseinanderzusetzen; doch vielleicht bringe ich es nächstens einmal in Gutachtenform zu Papier.

Der eigentliche Zweck meines Berliner Besuches war ein Vortrag, den ich in der Gesellschaft für Islamkunde gehalten habe. Ich sprach über „Islampolitik“ im weitesten Sinne des Wortes und freute mich, ein sehr zahlreiches Auditorium zu haben. Auch Eduard Meyer und Wilamovitz sollen da gewesen sein, doch sprach ich Eduard Meyer diesmal leider nicht, da ich nach Schluß des Vortrages sehr stark umlagert war. Dein Buch hat mir übrigens sehr gut gefallen, und es stecken eine Menge feiner (?unleserlich) Gedanken darin. Es war verkehrt von mir, zuerst den Schluß zu lesen.

Daß Ihre Nichtverwendung in der Türkei an Äußerlichkeiten und mancherlei unglücklichen Zufälligkeiten hängt, ist gewiß. Sie wären dort besser am Platze. Die Türkei hat genug Missionen und will Truppenführer, namentlich am liebsten höhere. Immerhin arbeiten so viele Leute da zusammen, daß oft von den einzelnen Zweigen entgegengesetzte Direktiven ausgegeben werden. Auch sehr viel persönliche Empfehlung und persönliche Abneigung sprechen mit.

In letzter Zeit war viel Friedensgerede. Es kam merkwürdiger von der Front. Ich höre nun bestimmt, daß tatsächlich überhaupt nicht verhandelt wird, daß aber so etwas wie ein Vortastverfahren mit Rußland besteht. Jedenfalls soll die Entente alles tun, um die Türkei zu einem Separatfrieden zu bewegen, da der türkische Krieg ihre Kräfte allzu sehr überspannt. Natürlich wird es die Türkei nicht tun. Die Unternehmung gegen die Dardanellen hat offenbar den Zweck, die Türkei zum Frieden zu bestimmen und auf Italien zu drücken. Ein Erfolg wird immer unwahrscheinlicher. Die jüngsten Ereignisse auf allen Kriegsschauplätzen haben die Öffentlichkeit hier stark bewegt. Allerdings wird es noch viel Blut kosten, und man richtet sich natürlich auf einen langen Krieg ein, wenn man auch glaubt, daß im Herbst Schluß ist. Dem italienischen Geschrei messe ich persönlich keine große Bedeutung bei. Erpesser pflegen nicht zu schießen. Wenn Italien eingreift gegen uns, so bekommt es auch das Trentino nicht. Das wird doch wohl der wahrscheinlichste Ausgang sein. Darüber ist man sich in leitenden italienischen Kreisen wohl auch klar. Da die Italiener aber auf uns drücken wollen, um möglichst gute Bedingungen zu erreichen, ist es natürlich, daß sie der öffentlichen Meinung keine Schranken auferlegen.

(… Frau Gothein)

Über den Heiligen Krieg ein anderes Mal. Die Wirkung ist doch wohl größer als Sie denken, nur muß man nicht vom Heiligen Krieg als solchem reden, sondern besser von dem internationalen Zusammenhang des Islam. Der Djihâd ist nur ein äußerer Exponent. Ich habe aber mancherlei darüber geschrieben, was Sie bald lesen werden.

Damit Schluß für heute und herzliche Grüße von Ihrem getreuen (CHB).

 

170. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Osten, 18.5.1915


Versetzung an die Ostfront


Lieber Becker,

(…) Zwei ulkige Folgen dieser „Waffenbrüderschaft“ (mit Österreich-Ungarn. BB.):

  • erstens in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung eine tiefe Mißachtung Österreichs,
  • zweitens eine Zunahme des Antisemitismus, weil hier keine Preise festgesetzt sind und die „befreite“ jüdische Bevölkerung unsere Leute in weit dreisterer Weise ausbeutet.

Die ganze Stimmung Österreich gegenüber wird an treffendsten damit bezeichnet. Ein Gutes haben die Österreicher, nämlich ihre „Waffenbrüder“! (…)

Nach dem Abenteuer der Emden-Mannschaft, die erst nochmals in See stechen mußte, weil ihr der Landweg durch die Türkei abgeschnitten war, und die dann zu Lande thatsächlich angegriffen wurde, kann ich nicht anders als finden, daß der Djihâd nicht einmal den bescheidenen Erfolg der Überbrückung des Gegensatzes zwischen (dem) arabischen und türkischen Element in der Türkei gehabt hat. Ich bleibe bei meiner Auffassung und erweitere sie noch:

  • es ist eine greuliche Ironie, daß wir mit den beiden desorganisiertesten Staaten verbündet sind, und daß wir die traurige Aufgabe haben, sie zu erhalten, deren einzig verdientes, nur nach diesem Kriege auch nicht aufzuhaltendes Schicksal die Verteilung ist.61

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

171. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Osten. Jagiela am San, 25.5.1915

Lieber Becker,

(…) Seit heute früh liegen die ersten Nachrichten vom italien(ischen) Kriegsereignissen vor. Was wird sich da entwickeln? Es scheint fast, als verhielte man sich defensiv, bis die galizische Campagne beendet ist. Angeblich soll heute Przemysl fallen und soll das nächste Ziel in wenigen Tagen Lemberg sein. Aber ob das authentisch ist, weiß ich nicht. Möglich ist es sicherlich.

Ich habe hier auf einer Wiese 3 Tage Ruhepause gemacht. Die Colonne kommt heute am späten Nachmittag zurück. Was für ein unbeschreibliches Glück, einmal keine Colonne zu sehen. Grund absolute Überflüssigkeit und ein leichter Cholera-Einfall. Natürlich keine richtige Cholera. Es war in 24 Stunden wieder vorüber. Meine Gesellschaft ist ein Dr. Praetorius, Sohn des Semitisten, der mit Littmann zusammen indogermanische Sprachen studiert hat, oder dergl.

Stimmung im allgemeinen äußerst zuversichtlich. Zu Hause auch? Wenn weiter keine Verwicklungen am Balkan kommen. Ich denke einem noch verstärkten Angriff auf die Dardanellen wird man nicht gewachsen sein. Wenn nur nicht die Türkei Frieden macht. Das ist für mich durchaus nicht unnatürlich. Wenn die Seeverbindung nach Rußland hergestellt würde, wäre das doch sehr unangenehm. Unendlich kläglich ist Österreich, nicht nur organisatorisch, sondern auch militärisch. Reif auseinander zu fallen.

1000 Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

Anmerkung Herzfelds:

Nachträglich kommen die Nachrichten: Przemysl pünktlich gefallen, hier bei uns einige 30 000 Russen, Sieg am Nyemen von Hindenburg, und gleich zum Anfang 4000 Italiener mit 30 Offizieren. Vivant sequentes.

Die schöne Überschrift des Artikels will ich mir noch für einen besseren Fall aufsparen! (…)

 

172. Ernst Herzfeld an C. H.B. X.AK, Fuhrparkkolonne 2, am San, 1.6.1915

Lieber Becker,

(…)

Die letzten Tage waren sehr lehrreich. Zu dem, was die italien(ische) Kriegserklärung zu denken gab, kam die Öffnung (unleserlich) über Österreich. Ich habe sie zwar immer so gering eingeschätzt. Aber was hier täglich passiert, kann man gar nicht erzählen. Desgleichen muß man die Gleichgültigkeit oder die feindliche Stimmung der hiesigen Bevölkerung erlebt haben, um Österreich richtig einzuschätzen. Für mich hat sich daraus eine ganz ernste historische Auffassung ergeben, als die allgemein anerkannte: Allerdings neigte ich schon immer zu dieser Auffassung; hier sie in Kürze:

Deutschland hat 2 große Fehler gemacht:

  • Erstens die Annexion von Elsaß-Lothringen.
  • Zweitens den Dreibund.

Die Annexion von Elsaß-Lothringen ist der Urgrund der ungeheuerlichen Rüstungen in ganz Europa. Diese übersteigen den Wert eines solchen Besitzes. Sie sind auch der allmähliche Ruin aller Völker, die so rüsten. Daher kämpfen die Engländer gegen den Militarismus. D. h. sie wollen nicht gezwungen werden ihr Staatsideal gegen unseres aufzugeben, und wollen dieser ungeheuren Belastung entgehen.

Die Dreibundpolitik ist heute gescheitert, und durch dies Scheitern als verfehlt gekennzeichnet. Wenn ich mich frage, warum die ganze Welt gegen Deutschland in Waffen steht, so finde ich als Antwort, – abgesehen von Frankreich, das um seinen früheren Besitz und um seine „gloire“ kämpft, und England – das nicht aus Handelsneid, sondern für seine Art zu leben kämpft – daß alle übrigen für die natürliche und meines Erachtens unaufhaltsame Entwicklung der Historie kämpfen: die Auflösung Österreichs und der Türkei62, und der Haß jener Völker gegen uns nur daher kommt, weil wir uns dem Lauf der Dinge entgegenstellen, statt ihn zu fördern. Wir können mit unserer ungeheuren Militärmacht das vielleicht dereinst durchsetzen, gegen die ganze Welt. Aber wir dürften es nicht über diesen Krieg hinaus thun, sonst ruinieren wir uns sicher. Das übersteigt die Kraft des stärksten Volkes.

  • Nach dem Kriege müßten wir so viel unter unsere Herrschaft bringen, d.h. unserer Organisation unterwerfen, wie nur irgend möglich, speziell von Österreich und der Türkei.
  • Oder aber wir müssen Österreich und die Türkei ganz fallen lassen. Angliederung in engster Form oder Aufgabe. Andres dürfte nicht in Frage kommen. Jedes Verhältnis zu den beiden Staaten, bei denen diese eine größere Selbständigkeit behalten ist unser Untergang.
  • Von diesem Gesichtspunkt aus beurteile ich auch unsere Islampolitik: Wenn wir nicht eine Vorherrschaft in der Türkei erreichen, die einem Protektorate gleicht, und de facto die Selbständigkeit der Türkei aufhebt, so ist alles vergebens gethan. Ein Wiedererwecken halte ich für eine Illusion, und außerdem für etwas für uns ganz Unerwünschtes. Können wir allein beherrschen, dann gut; wenn nicht: teilen! So thun, als wäre das hoffnungslose Land eine europäische Macht, ist ein Sich-selbst-betrügen. Um Österreich steht es nicht viel anders.

Das ist für die Schwere der Probleme natürlich viel zu kurz und wird Sie daher sehr zum Widerspruche reizen. Aber mir wird es immer klarer.

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

173. C. H. B. an Ernst Herzfeld Bonn, 4.6.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

(… Fleury-Artikel, Karabacek-Artikel …)

Ich möchte Ihnen doch auch erzählen, daß ich neulich eine kleine Aktion für Sie eingeleitet habe: Ich hatte Gelegenheit, mit meinem Kollegen Winter über die durch den Krieg bedingte Veränderung unserer archäologischen Interessen zu sprechen. Er erzählte mir, daß man in Zukunft beabsichtige, das Schwergewicht des archäologischen Institutes nach der Türkei zu verlegen. Ich benutzte die Gelegenheit, ihn sehr nachdrücklich auf Sie hinzuweisen und stellte ihm vor allem auch die Notwendigkeit das, daß man Ihnen eine feste Lebensstellung schaffen müsse, da Sie schließlich der Einzige sind, der in Deutschland von diesen islamischen Kunst-fragen wirklich etwas versteht. Ich wies ihn auch auf die Möglichkeit eventueller Strömungen gegen Sie hin und verwies ihn besonders auf Eduard Meyer, von dem eine von anderer Seite eingeleitete Aktion für Sie jedenfalls aufs Wärmste unterstützt werden würde. Winter ließ sich darauf alle Ihre Publikationen kommen, und ich hatte dieser Tage Gelegenheit zu konstatie-ren, daß er sich sehr intensiv damit beschäftigt hat. Er war äußerst erbaut und war namentlich beeindruckt von Ihrer großen Strzygowski-Kritik, die er zwar für scharf, aber für berechtigt erklärte. Auch hier habe ich ihn etwas in die Dessous eingeweiht und hoffe, Ihnen damit einen einflußreichen Fürsprecher gewonnen zu haben. Wie stehen Sie eigentlich zu Wiegand? Ich fühle mich freundschaftlich verpflichtet, Ihnen das alles zu erzählen; aber ich bitte Sie, es natürlich für sich zu behalten, auch für den Augenblick nichts davon zu erwarten.

Ihr erster Brief aus Galizien hat mich weniger erfreut; er war reichlich nervös, doch ist das ja nur verständlich. Ich glaube, daß man Österreich zur Zeit unterschätzt. Ob die Organisation der romanischen Staaten ihm so sehr überlegen ist, scheint mir doch zweifelhaft, und auch der Nationalstaats-Rummel scheint mir nur eine zeitgeschichtliche Mode. Österreich braucht nur eine starke Hand; hoffentlich findet es die. Ich habe zwar mehr betrübende Details gehört, als ich Ihnen schreiben kann; aber die deutsche Politik umzuorientieren wäre ein größerer Fehler, als die bestehende Orientierung mutig durchzuführen. Auch über die Türkei mache ich mir kein X für ein U vor. Wenn es uns nicht glückt, für die arabischen Provinzen eine rein arabische Verwaltung und eine Art bundesstaatliches Verhältnis durchzusetzen im Stile der Personalunion, ist dieser Teil der Türkei für Stambul verloren. Das wird man in politischen Schriften im Augenblick nicht aussprechen, aber es ist so. Die Maßnahmen Djemal Paschas in Syrien sind zum Teil grotesk und gerade im entgegengesetzten Sinne. Der Heilige Krieg hat nur europäische Laien überrascht. Wenn Sie meine erste Kriegsschrift lesen, werden Sie an jedem Worte merken, daß ich nicht viel Anderes erwartet habe. Die Djihad-Erklärung war vielleicht ein Fehler. Ich hatte damals ausdrücklich geschrieben, daß ich nicht an sie glaubte; aber nachdem sie erfolgt war, mußte man als zeitgenössischer Betrachter sich zurechtzulegen versuchen, was die Türkei mit diesem Gedanken bezweckte. In Syrien, wie überhaupt in arabischen Kreisen, ist die erhoffte Wirkung ziemlich ausgeblieben. Die türkische Politik in diesen Ländern war aber auch zu schlecht. Von uns Deutschen fürchtet man jetzt, daß wir die türkische Herrschaft verewigen, obwohl man den guten Einfluß auf die Verwaltung bereits fühlt und dankbar anerkennt. Syrien ist allerdings viel zu stark von Entente-Einflüssen durchseucht. Die größte Gefahr der türkischen Frage liegt in dem Hochmut der Türken, falls es ihnen gut gehen sollte. Schon jetzt zeigen sich Anzeichen dafür, daß ihnen die doch schließlich nur deutscher Initiative zu dankenden Erfolge an den Dardanellen in den Kopf gestiegen sind. Dazu kommt dann allerdings die Tätigkeit ungeeigneter deutscher Emissäre im Orient. Ich habe Ihnen ja bereits mein Entsetzen über Frobenius mitgeteilt. Er war tatsächlich geschmackvoll genug, arabische Scheichs mit deutschen Orden zu dekorieren und gegen die Türkei aufzuhetzen. Darauf natürlich Beschwerde von Enver und das allseits verstimmende Gerücht, Deutschland bereite die Okkupation der Türkei vor. Gottlob ist Frobenius jetzt vollständig kalt gestellt; dafür ist jetzt Oppenheim in Syrien. Man greift sich wirklich manchmal an den Kopf. Da man ihn in Berlin los sein wollte, schickte man ihn in den Orient. Wann wird man bei uns den Mut haben, ungeeignete und unfähige Leute ihres Amtes zu entheben, namentlich wenn sie dem Auswärtigen Amt angehören! Die Erbitterung über diese Behörde ist übrigens in eingeweihten Kreisen Deutschlands so ungeheuer, daß man es sich kaum vorstellen kann. Ein paar tüchtige Männer gehen unter in dem Gros der Non-valeurs. Von dem italienischen Botschaftsrat Hindenburg kursiert die entzückende Geschichte, daß er bei einem großen Reistransport ganz entsetzt gefragt haben soll: „Hein, hein! Wächst denn in Deutschland kein Reis“? Die Fabeln und Anekdoten über das Auswärtige Amt, die aus dem Tierreich genommen sind, sind Legion. Gottlob wird es langsam besser. Überall haben wirklich fähige Männer der Praxis und des Kaufmannstandes die Führung an sich gerissen und den Generalstab zu interessieren gewußt. Namentlich die rumänische Frage scheint in guten Händen, zumal dort unser dortiger Gesandter, von dem Busche-Haddenhausen, sehr gut ist. Weniger glücklich scheint Herr Michahelles in Sofia zu arbeiten. Rumänien allein scheint keinesfalls loszugehen; es würde sich aber wohl an einem neuen Balkanbund mit der Spitze gegen Österreich beteiligen. Darauf zielt z. Zt. die Entente-Politik. Je größer unsere Siege, um so intensiver wird diese diplomatische Arbeit. Es wird alles davon abhängen, ob wir Bulgarien bei der Stange halten; mißglückt uns das, und wird der neue Balkanbund perfekt, so ist ausschließlich die Unfähigkeit unserer Diplomatie daran Schuld.

Mir geht es inzwischen ganz leidlich, gesundheitlich allerdings unverändert. Im Kolleg noch erstaunlich viele Hörer. Nächste Woche halte ich einen zweiten Vortrag in Berlin, ein Anlaß, bei dem man immer mancherlei hört.

Vorige Woche habe ich meinen ältesten Neffen63 begraben; es war ein hoffnungsvoller junger Offizier von 27 Jahren, der bei Szawle als Regimentsadjutant mit seinem Oberst durch eine Granate den Tod fand. Aber wer betrauert zur Zeit nicht irgend einen der Seinen!

Przemysl ist ja nun doch einige Tage später gefallen, als Sie annahmen. So schnell konnte es nun auch wirklich nicht gehen. Ich finde es schon großartig genug. Hier herrschte großer Jubel; alles war geflaggt. Hoffentlich gelingt es nun auch, diesen Sieg ganz auszunutzen. Die strategische Lage ist hier ja nur im rohen bekannt. Vor allem sieht man nicht, ob die östlich von Jaroslaw stehenden Russen noch in der Lage sind, einen Rückzug der Besatzung zu ermöglichen. Grandios ist es jedenfalls, wie man unbekümmert um die Weltlage dem einen großen Zweck der Vernichtung des russischen Heeres nachjagt. Ich bin unbedingt für einen schnellen Frieden mit Rußland. Leider gibt es noch immer Englandschwärmer bei uns. Wie das ganze Chaos sich lösen soll, weiß z. Zt. niemand. Es kursieren privatim gute und schlechte Denkschriften über die Kriegsziele. Ich habe den Eindruck, daß das politische Urteil dabei von partei-politischen Gesichtspunkten getrübt wird; so redet die konservative Presse einer Verständigung mit Rußland, die freisinnige Presse einer Verständigung mit England das Wort, aber alles natürlich ohne die amtlich verbotene Erörterung der Kriegsziele. Wir könen uns mit Rußland leichter über die Türkei verständigen, als mit England.

Doch dieser Brief muß einmal ein Ende haben, so gern ich mich stundenlang mit Ihnen unterhielte.

Lassen Sie es sich weiter gut gehen, und schreiben Sie oft Ihrem Ihnen freundschaftlich ergebenen (CHB)

 

174. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Osten, 11.6.1915

Lieber Becker,

(…) Vorgestern hatte ich einen langen Brief an Eduard Meyer geschrieben, und darin allerhand unwiederholbare österreichische Geschichten erzählt. Es ist viel schlimmer, als man denkt. Es steht wirklich der Türkei wenig nach. Daß man einen solchen Verbrecher wie Dj(emal) Pascha nicht beseitigt, ist mir ein Rätsel. Den kennt unser Auswärtiges Amt genauso wie unseren Freund Freiherrn v. O(ppenheim?) und Frobenius. Daß wir nochmals über den Hochmut der Türken zu Fall kommen, halte ich für ziemlich sicher. Ich glaube auch nicht, daß Helferich dem gewachsen ist: sein Lebenslauf war ja ein glücklicher, leichter, als daß er mißtrauisch sein könnte.

In bezug auf den Balkan habe ich doch große Sorgen, ich mag gar nicht daran denken: die Staaten haben nun einmal das natürliche Interesse am Untergang der Türkei. Das ist 1000mal echter, als die Interessengemeinschaft der Türkei mit uns. Die Stärkung Österreichs und der Türkei durch uns läuft allen ihren Zukunftswünschen zuwider. Ich bleibe dabei: wir müßten denen die Teilung anbieten. Denn auch für uns gibt es nur eine Zukunft im Falle eines Sieges, die Alternative: Beherrschen oder Zurückziehen. Nur ersteres werden wir nicht thun.

Im Grunde hasse ich das Politisieren und thue es doch. Ich wollte Sie schon lange einmal fragen, warum man es thut, warum Sie es thun:

  • wollen Sie z. B. aus wissenschaftlichem Interesse den Sinn unserer Politik erkennen, nehmen Sie also die Gegenwart als ein Object wissenschaftlicher Forschung?
  • Oder wollen Sie auf die wenigen, die diese Dinge machen, einen Einfluß ausüben,
  • oder wollen Sie (es) im Orient, sei es bei unserem Publikum die Überzeugung erwecken, als wäre unsere Politik die von Ihnen dargestellte?

Von Mittwoch höre ich ab und zu. Auch von Eduard Meyer, der leider außer seinem jüngsten Sohn nun auch den Bräutigam seiner Tochter verloren hat, und zuletzt ganz erschüttert schrieb.- Hier scheint in den nächsten Tagen wieder etwas Großes zu erfolgen.

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

175. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Osten, Zamosa, 14.7.1915

Lieber Becker,

(… Erörterung der Lage im Osten)

Neulich bekam ich die Papiere vom Kulturbund, dessen Mitglied Sie auch sind. Ich messe dem aber keine Bedeutung bei. Die Kreise, die wir Gelehrten und Künstler aufklären könnten, brauchen nicht aufgeklärt zu werden. Ich denke sogar, daß auch heute die vernünftigen Gelehrten und Künstler der ganzen Welt so vernünftig sind wie die Deutschen. Die Ausnahmen

à la d’Annunzio die bekehrt man nicht, sie handeln ja in voller Kenntnis der Dinge. Um in Zukunft solche Dinge zu vermeiden, muß man die Presse beherrschen. Dazu gehören unendliche Millionen: Der Ausbau einer Telegraphen-Agentur, die mehr Geld und mehr Mittel hat als Reuter und Havas zusammen, das Aufkaufen und die Beeinflussung ausländischer Zeitungen durch unsere Presse und Diplomatie u.dgl. Am besten wäre es ja, die Presse der ganzen Welt würde durch Gesetze beschränkt und unschädlich gemacht. Wer die Wege und Mittel dazu erhält (?), wäre der größte Feldherr und Staatsmann aller Zeiten.

Was ist schließlich das beste Pressegeschreibe? Das Urteil Unsachverständiger auf Grund unzureichender Informierung, gemacht also von Charlatanen um Ignoranten zu beherrschen. Etwas sehr Wünschenswertes wäre, wenn die Friedensvereine, eventuell internationale Vereinigungen solcher, sich in den Besitz großer Zeitungen setzten, möglichst hinter den Coulissen. Früher versuchten die Friedensvereine Einfluß auf die Regierungen zu gewinnen, was nicht so nötig war. Die Presse müßten wir kräftig beeinflussen können.64

Ich bin seit langem fast ohne Post, nur einige Nachrichten von Hans, nicht immer fröhliche, und alte Zeitungen. Wissenschaftlich hört man gar nichts. Neulich las ich von der Leibniz-Sitzung der Akademie, und darin daß das Gerhard-Stipendium, auf welches ich schon seit Jahren für die Beendigung meiner und Guyers Kilikischen Expedition spekulierte, wieder nicht verteilt ist. Es sind jetzt 3 Jahre angesammelt, zusammen 7200 Mark. Ich habe Wiegand, mit dem ich schon mal im Beisein Dragendorffs darüber sprach, geschrieben, daß ich große Absichten hätte mich zu bewerben (übrigens auch Aussicht es dafür zu bekommen, da jene Expedition die Bedingungen genau erfüllt), aber daß ich fürchtete keine Gelegenheit zur Bewerbung zu haben. Ich fürchte, es wird, wie manches andere, an mir vorübergehen.

Die letzten Wochen waren kolossale Anstrengungen. Und schlimmer als die Anstrengungen sind solche Tage, wie gestern und heute, wo man, ohne die Spur einer geistigen und körperlichen Beschäftigung, warten muß. Nicht einmal lesen kann man. Wenn ich auch jetzt ein kleines Zelt und einen Stuhl habe: aber man hat ja keine äußere und innere Ruh, auch bei aller Unthätigkeit. Die letzten Wochen haben doch Nerven gekostet: wenn ich um 2 h aufgestanden bi, und nach 10stündigem Marsch in großer Hitze und allerhand andre Arbeit um 10 h zur Ruhe komme, dann kann ich nicht schlafen. Erst am 3ten 4ten Tag ist man so kaputt, daß man bewußtlos oder unter ununterbrochenen Träumen schläft. Wäre nur erst alles vorüber. (…)

Ihr Ernst Herzfeld.

 

176. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Osten, Tamagora, 1.8.1915

Lieber Becker,

(… ) Wenn ich das volle Jahr heute überblicke, so finde ich, daß es mir nichts gebracht hat, natürlich daß es für mich ein ganz leeres war, bis auf einen Abscheu von aller Politik, die Kriege möglich werden läßt. Jüngst ritt ich über die Schlachtfelder von Pilaszkiwien (17. Juli). Da lagen die verwesten Leichenhaufen am 5ten Tage noch. Ich habe heute dem allen gegenüber nur noch das Gefühl: Du sollst nicht töten! Auf einem Wege beim Schlachtfeld geht eine elend junge Frau mit einem Kind im Arm, ein Kalb läuft hinterher. Wahrscheinlich hatte sie sich im Wald versteckt und sucht nun ihr abgebranntes Haus – ein Aschenhaufen, aus dem nur der Herd als einzig massives Stück geblieben ist. Das Kalb „requirieren“ die Truppen, wie alles Vieh. Mich ekelt alles an, soweit ich nicht jedes Gefühl gewaltsam unterdrücke. Man ist jetzt eben nur eine Nummer. O habe ich ein großes Grauen vor einem neuen Kriegsjahr hier, das ein zweites verlorenes Jahr für mich sein würde. Ich möchte etwas thun können. Und daher möchte ich noch einmal den Versuch machen, in der Türkei Verwendung zu finden. Nun glaube ich aber, daß ein directes Gesuch von mir bei den Instanzen hier wieder befürwortet werden würde, doch erfolglos bleibt, wenn nicht im Militärkabinett eine Befürwortung ist. Noch besser es käme von anderer Seite an das Militärkabinett. Ich habe nie erfahren, was aus dem „Lebenslauf“-Brief geworden ist, den ich, ich glaube noch im Februar oder Anfang März – auf Ihre Vermittlung hin an das Auswärtige Amt sandte, zur Weiterbeförderung nach Damaskus. Vermutlich endete er in einem Papierkorb des AA. Nun möchte ich Sie fragen, ob nicht Dr. Jäckh eine Verbindung zum Militärkabinett hat, und entweder dort die Angelegenheit anregen, oder wenigstens sie irgendwie befürworten kann, daß, wenn ich ein Gesuch einreiche, jemand da ist, der es erwartet und davon weiß. Ohne das halte ich es für ziemlich aussichtslos. Könnten Sie mir darin behilflich sein? (…)

Vor einiger Zeit sah ich einige russische Soldatengräber, einfache Holzstelen, nicht Kreuze, und ritt daher hin, um die Inschriften zu lesen: sie waren arabisch, hübsch gemacht, und ich hatte meine Gedanken über das Theaterspiel des „Djihâd“: wie damals in Kerbela und Baghdad.

Herzliche Empfehlungen an Ihre Familie und 1000 Grüße Ihr Ernst Herzfeld.

 

177. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Osten, Krasnoslaw, 7.8.1915

Lieber Becker,

(…) Ich glaube heute an keinen Winterfeldzug mehr. Wir werden vor Weihnachten Waffenstillstand haben. Ich bin sonst nicht für Prophezeien. Aber was wollen England und Frankreich den Truppenmassen entgegenstellen, die wir jetzt nach dem Westen werfen werden? (…)

Herr Vohsen schreibt mir, wie unbefriedigt die ihm Bekannten schreiben und reden, die in der Türkei waren und noch sind. Daran habe ich wenig gedacht: mag sein, daß diese Leute, alles Kolonialmenschen, nun erst alle Enttäuschungen erleben müssen, die ich schon 12 Jahre kenne, daß ich also nicht enttäuscht sein würde. Aber ein Gedanke wurde bei mir durch diesen Gesichtspunkt sehr mächtig: ich war immer in der Türkei als Deutscher, hatte den täglichen Anfeindungen und Schwierigkeiten gegenüber immer die Exterritorialität. Heute müßte man als Türke dort sein. Das muß doch furchtbar sein. Etwa als Österreicher in Österreich! In Österreich sind wir doch als Deutsche aufgetreten, in der Türkei haben wir das nicht durch-setzen können, ein böses Zeichen.

(… Den letzten Brief würde er so nicht mehr schreiben!)

Dann in bezug auf Ihre Schrift „Die Türkei“, die ich gestern abend erhielt. Ich habe sie erst zu lesen angefangen. Und wieder tauchen da viele Fragen auf, die Sie mir einmal mündlich beantworten müssen. Ich glaube nicht an eine Interessengemeinschaft, noch weniger an eine Freundschaft oder Sympathie, ich halte das „Khalifentum“ und den Heiligen Krieg für Farce und Theatermätzchen. Ich sehe nur eins: wir mußten aus militärischen Gründen die Dardanellen gesperrt haben, dies ist der einzige politische Erfolg, den wir während des ganzen Krieges gehabt haben. Es schadet schließlich nicht, wenn wir das hoch bezahlen, denn es ist was wert. Aber am Tage des F(riedens) sind das doch letztlich Geldfragen, und was das schlimmste (eines) Friedensschlusses ist: (wir müssen) um Gottes willen eine ganz andere Politik einschlagen! Zum Punkte Kapitulationen: ich habe oft mit deutschen und englischen Kaufleuten darüber geredet, sie sagten einstimmig, wenn die Kapitulationen aufgehoben werden, können wir nur auswandern. In bezug auf die Posten ist das allerdings ziemlich überflüssig, obgleich es nicht angenehm ist, wenn ich weiß, daß meine Briefe nicht uneröffnet bleiben. Ich urteile darüber milde, seit ich weiß, daß wir Ausländern gegenüber ebenso handeln. Aber denken Sie doch an Gerichte: ich habe gelegentlich es auf eine gerichtliche Entscheidung ankommen lassen wollen, und bei meinen Beratern, Eingeborenen und Europäern damit immer nur einen Heiterkeitserfolg gehabt. Das sind doch letztlich Geldfragen, und was das schlimmste ist, man hat nicht die geringste Garantie, daß man für seine Bezahlung auch das gewünschte Urteil bekommt. Ein Fall fällt mir ein. Der Landrat hatte dem Wali gemeldet, ich hätte einen Gendarmen geschlagen. Ich dachte gar nicht daran. Da kam eine Deputation von etwa 30 Leuten, die mir erklärten, sie wollten alle beschwören, daß der Gendarm mich verhauen hätte. In diesem Lande gibt es doch keinen einzigen glaubenswürdigen Zeugen! (…)

Einmal sagen Sie von den Arabern, daß (unleserlich, weggelocht) sie das ihnen an Tüchtigkeit und vor allem an Charakter überlegene Türkentum nur schwer ertragen Hinter Tüchtigkeit und Charakter möchte ich doch eine Reihe großer Fragezeichen machen. Überhaupt, welches Türkentum meinen Sie damit? Die anatolischen Bauern, die ebenso fleißig und physisch leistungsfähig sind wie die arabischen Fellachen und vielleicht sogar wie die Beduinen (d.h. leistungsfähig, nicht fleißig), oder meinen Sie dieses Mischmasch der türkischen Beamten und Offiziere? Ich vermute doch letztere. Mahmud Schefkeh war Araber. Muzim, ein wirklicher Charakter, hatte viel tscherkessisches, wegen seiner Parteilosigkeit brachten sie ihn um. Genug davon, ich halte nach wie vor die Türkei für ein hoffnungsloses Land, jeder Versuch sie zu erhalten für eine Sünde gegen die Civilisation.65

Nun aber noch etwas anderes: das ist ein Gedankengang, dem ich auf vielen Schlachtfeldern nachgegangen bin. Um ihn zu verstehen, muß man eigentlich diese Eindrücke gehabt haben, denn die psychologische Wahrheit liegt schließlich in den Gefühlswerten, die mit den Begriffen verbunden sind. Dieser Gedankengang ist:

Herzfeld über die Zukunft Europas nach dem Kriege

  • Der Krieg ist schlechterdings ein Verbrechen. Alle Civilisation, die mit diesem Mittel arbeitet, ist keine Civilisation und kann ruhig zu Grunde gehen. Daß ein Krieg wie der heutige möglich ist, muß seinen Grund haben in den Fundamenten dieser Civilisation selbst. Alles: russische Expansion, englischer Widerstand gegen die drohende Militarisierung, Handelskonkurrenz, Ernährungsfragen der Völker, französische Revanche-Idee, Freiheit der Meere etc. etc. sind alles nur Vorwände, ebensogut wie die (Wahl? Unleserlich) des Thronfolgers, die Unfähigkeit unserer Diplomatie, die verbrecherischen Charaktere einiger Politiker und vieler Presseleute usf. nur Accidentien sind. Um das besser zu ver-stehen, symbolisiere ich mir die Staaten als Menschen: sie wollen alle als individuelle Charaktere nach ihrem selbstgegebenen Gesetz leben. Lange Zeit haben sie in Frieden gelebt, wie wenn die Glieder einer Familie oder eines Volkes nach Recht und Gesetz leben. Dann kommt der Streit. Recht und Gesetz sind aufgehoben, es herrscht Verbrechen und Anarchie. Der Krieg negiert die Civilisation, und das Verbrechen das Gesetz. Weshalb aber ist der Streit? Weil der Deutsche, der Engländer, der Russe etc. etc. sich als fremde Institutionen fühlen, der Engländer will englisch, der Deutsche deutsch, der Russe russisch leben. Sie betonen alle die individuellen Charaktere ihrer Nationalität. Wie der Anarchist zum Staate, so steht die Nationalität zur Menschheit.
  • Der eigentliche Kriegsgrund ist also der Nationalismus der Civilisation des XIX. Jahrhunderts. Nun ist diese Idee, die Congruenz von Nation und Staatengebilde, etwas hauptsächlich in Reaction gegen die napoleonische Zeit Gewordenes. Betrachtet man die darüber hinausgehenden Theorien der Pan-Nationalismen, so wird der ganze Widersinn noch klarer: es gibt ja keine Pan-Slawen, Pan-Germanen etc. Weder Rasse noch Sprache, noch Geschichte noch Lebensbedürfnisse geben ihnen eine Einheit.
  • Ebenso ist aber jede Nationalität etwas Fließendes. Alle sind sie aus ver-schiedenen Wurzeln mehr oder weniger fest zusammengewachsen, alle werden im Laufe der Jahrhunderte wieder sich teilen, neu verbinden, verändern. So gut wie die Italiener keine alten Römer sind, so gut sind die Deutschen von heute nicht die des XII.ten und nicht die des II.ten Jahrhunderts. Alle Nationen sind labile Größen, und es ist gar nicht einzusehen, wenn eine sogenannte Nation jedes Mal einen Staat bilden sollte. In der Praxis folgt daraus für viele Nationalitäten die Unmöglichkeit zu leben, siehe den Balkan, und infolge dessen der Krieg.
  • Der europäische Krieg ist also verursacht durch den Nationalitäten-schwindel des XIX.ten Jahrhunderts. Es gibt verschiedene Anzeichen dafür, daß Europa mit diesem Kriege den Gipfel seiner Macht überschreitet. Asien wird sich seiner Vorherrschaft immer mehr entziehen und für Afrika werden wir die verderblichen Folgen vielleicht teilweise noch erleben. Wenn in 1000 Jahren Europa nur ein Annex Asiens wäre, so hätte das alles in der europäischen Civilisation selbst seinen Grund.
  • Um auf ein realeres Gebiet zu kommen: wir sollten heute schon einsehen, daß wir für die Zukunft den Staatsgedanken über den Nationalitätsgedanken zu stellen haben. Man hört oft: mit der Angliederung eroberter Gebiete fügen wir Deutschland Fremdkörper ein. Deutschland muß mit den „deutschen“ bzw. „germanischen“ Ländern in nahe Verbindung kommen – womit man Deutsch-Österreich, Holland, Dänemark etc. etc. meint – muß aber die polnischen und latinischen Elemente fernhalten. Das erscheint mir aber als Unsinn.
  • Deutschland soll ein Staat, Teil (?unleserlich) im Großstaat werden, in dem, wie in anderen Regionen die verschiedenen Nationalitäten als Mitbürger zusammenleben, weil sie Angehörige des gleichen Staates sind. Alles Nationalitätenwesen muß durch Erziehung und Politik eingedämmt werden. Die Wissenschaft kann dabei helfen. Um aber den Staatsgedanken zu stärken und den Staat weit über die Grenzen der Nationalität auszudehnen, möglichst soweit, daß seine Angehörigen leben und sich wirtschaftlich voll entfalten können innerhalb seines eigenen Gebietes, muß man mit vielen Verstaatlichungen rechnen. Ein immer fortschreitender Staats-Sozialismus wird dann auch in Europa allmählich die historischen Gegensätze so weit ausgleichen, daß es zu größeren Zusammenschlüssen kommen kann, und Europa in der Zukunft einmal seine verwerfliche und kulturfeindliche Kleinstaaterei, seinen Nationalitäten-Wahnsinn überwindet. Die Art und Weise wie heute in Deutschland wie im Ausland Dünkel auf die eigene Art und Haß gegen fremde gepredigt wird,erscheint mir als größte Unmoral und geradezu Sünde.
  • Für uns wissenschaftliche Menschen aber sollte das Ziel sein – was leider von vielen bestritten wird – alles zu thun, um die abgerissenen Beziehungen idealer Art unter den Völkern sofort wieder neu und fester zu knüpfen. Wir sind alle in erster Linie Menschen, in zweiter erst solche, deren Wesen in gewissem Grade durch ihre Abstammung bestimmt ist. Es ist übrigens ganz merkwürdig, wie dieses Gefühl bei unseren einfachen Leuten viel lebendiger ist, als bei unseren höheren Schichten. Darüber ein ander Mal.66

Wiegand67 hatte für mich Urlaub angetragen: er möchte mir behilflich sein, ein nun schon 3 Jahre angesammeltes Stipendium (Gerhard ST. von Akademie) für die Beendigung der Expedition nach Kilikien zu bekommen. Aber mir scheint, daß das nicht genehmigt wird. Vielleicht etwas später, wenn wir hier fortkommen.

1000 Grüße und viele Empfehlungen Ihres Ernst Herzfeld.

 

178. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 21.9.1915

Lieber Becker,

ich weiß nicht, wie lange unsere Correspondenz unterbrochen war, seit Ende August habe ich keine Post mehr erhalten, und es ist möglich, daß irgendwo in Lublin, in Brest ein Brief von Ihnen für mich liegt. Unerwartet habe ich einen langen Urlaub bekommen, vom 14.ten bis zum 6. Oktober. Ich war in Bielik und machte eine etwas abenteuerliche Fahrt von da nach Prostken (Lyck) um die Bahn zu erreichen.. Die ersten Tage hier waren so, daß ich ganz verwirrt war. Es war, wie wenn ich mich in zwei Personen zerspalten hätte. Allmählich kam die Ruhe wieder und sehr bald das Gefühl, als wäre das vergangene Jahr gar nicht gewesen.

Es ist eine unbeschreibliche Wohlthat, einmal wieder mit Menschen zusammen zu sein, mit denen man über alle Dinge die einen innerlich interessieren, wirklich reden kann. Vor kurzem noch, etwa am 9. September, am Jahrestag der Schlacht bei La Fère und Chomparbert, wollte ich mit einem Rittmeister davon sprechen. Er verstand erst gar nicht. Mit einem Male sagte er: „Ach, das war, wo NN so dicke war!“ So was ist schwer zu ertragen.

Die paar Tage hier waren sehr inhaltsreich. Zunächst empfing mich Mittwoch mit einer Aus-sicht auf eine Verwendung im Osten. Es war da etwas eingeleitet. Heute habe ich im Auswärtigen Amt mit Herrn von Wesendonck und hinterher im Generalstab mit Hauptmann Nadolni (Vortragender Rat im AA) gesprochen und die Sache ist soweit geregelt, wie sie geregelt sein kann: es fragt sich ob demnächst der richtige Moment, wo außer dem vorliegenden Bedarf auch die Möglichkeit des Durchsetzens gegeben ist, eintreten wird. Es scheint mir so. Denn im Generalstab haben sie sich meine telefonische Adresse notiert. Meine Akten waren da schon seit September 1914.

Das ist eins. Dann war ich lange bei Eduard Meyer, den wiederzusehen mich riesig freute. Ich fand ihn und auch Frau Meyer ruhiger, als ich gefürchtet hatte. Wir sprachen eigentlich nur über das, was leider das nächste ist, den Krieg. Aber er sagte mir auch, daß er mit Penck für mich einen Lehrauftrag beantragt habe, und zwar historische Geographie des Orients, wozu Penck Kartographie hinzugefügt habe. Nach dem Kriege wird das kommen. Die Sieglin-Professur wird, wenn ich seine Andeutung recht verstand, in 2 Extraordinariate zerlegt werden. Einmal das, auf welches ich dann aspirieren würde, und dann ein zweites für moderne politi-sche Geographie. Zu dieser Ansicht paßt sehr gut, daß mir Vohsen anbot, die von R. Kiepert hinterlassenen Arbeiten fortzuführen, d.h. die Vorbereitung der 2ten Auflage der großen Karte von Kleinasien und das dauernde Auf-dem-Laufenden halten der Karten der histori-schen Geographie. Ich spreche übermorgen mit Vohsen darüber. Es handelt sich um die wissenschaftliche Kontrolle. Die technischen Arbeiten werden von einem Kartographen geleitet, den Vohsen weiter in seinem Institut behält. Ich glaube, daß ich mich wohl auf das Geographische umorientieren kann. Meine archäologischen Arbeiten werden schon allmählich weiter gedeihen können. Für die Beendigung der kilikischen Arbeiten bewerbe ich mich um das Gerhard-Stipendium. Da Löschke so krank ist, wird wohl Eduard Meyer eine wichtige Stimme bei der Vergebung haben.

Das sind meine persönlichen Angelegenheiten, über die ich alle in 3 Tagen mich informieren konnte.

Mittwoch erzählte mir, was Sie wieder mal durchgemacht haben, aber nun endlich eine geeig-nete Diät gefunden hätten. Wenn Ihre Gesundheit doch endlich ins Lot kommen wollte! Mir geht es glänzend. Ich bin so trainiert wie selten vorher.

Wenn Sie irgend können, so schreiben Sie mir bald einmal an meine Berliner Adresse: W50, Nürnbergerplatz 5. Den Urlaub verdanke ich übrigens Wiegand, – zuerst abgelehnt, dann nachträglich genehmigt. Ich war gleich den ersten Abend mit Wiegand zusammen, wo wir eine riesige Menge Sekt vertilgten, und Wiegand hat auch im Generalstab mit dem ihm bekannten Herrn Nadolni gesprochen.

Meine besten Empfehlungen an Ihre Frau Gemahlin und viele Grüße! Ihr Ernst Herzfeld.

 

179. C. H. B. an Ernst Herzfeld Bonn, 29.9.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich freue mich sehr über Ihren Brief aus Berlin und besonders darüber, daß Sie jetzt endlich die für Sie richtige Verwendung finden. Ich habe natürlich von Ihrer Sache gewußt und war gleich der Meinung, daß Sie der richtige Mann für diese Aufgabe sind. Wer kennt denn von uns Persien so gut wie Sie?. Ich wäre glücklich, eine meinen Fähigkeiten ebenso entsprechende Verwendung zu haben. Bisher arbeite ich nur literarisch, bin aber als Dolmetscher gemustert und kann nach dem 1. Oktober irgend eine Verwendung finden. Ich meine, man sollte in Berlin eine Stelle schaffen, wo alle Leute, die als Nicht-Sachkenner jetzt in den Orient geschickt werden, wenigstens 8 Tage über die Grundlagen dessen aufgeklärt würden, was man im Verkehr mit Orientalen wissen muß. Es sind ja unglaubliche Dinge passiert. Na, und überhaupt! Ich werde Herrn Reinhard Junge, der die türkischen Wirtschaftsdinge machen soll, veranlassen, sich mit Ihnen ins Benehmen zu setzen, da es für ihn, wie für Sie nützlich wäre, wenn Sie sich einmal aussprächen. Kommen Sie dem gedankenreichen jungen Manne bitte mit vollem Vertrauen entgegen; ich schätze ihn sehr und hoffe, daß es ihm glückt, seine Gedanken durchzusetzen.

Über die ganze türkische Frage würde ich gern einmal in Ruhe mit Ihnen sprechen. Glauben Sie mir, daß ich kein Utopist bin und alle Schwierigkeiten wohl sehe; aber ich glaube, daß wir einmal den Weg gehen müssen, auf dem wir sind. Ich hatte gehofft, Sie noch in Berlin zu sehen, und es wäre mir wirklich ein Verstandes- und Herzensbedürfnis gewesen, Sie nach so langer Zeit wieder zu sprechen. Aber der Jung’sche Kursus ist verschoben worden, und so bleibe ich jetzt hier an der Arbeit.

Ihre verschiedenen Briefe habe ich erhalten, und ich habe Ihnen immer einmal ausführlich antworten wollen, namentlich, da Sie mir in mancher Hinsicht aus der Seele gesprochen haben. Besonders haben mich Ihre Gedanken über den Nationalitätswahnsinn, wie Sie es nennen, gefreut. Wir begegnen uns hier sehr stark, denn ich habe ähnliche Gedanken schon in meinem Sommerkolleg bei der Behandlung der Türkei ausgesprochen. Ich schrieb Ihnen nicht, weil ich Ihnen lang und ausführlich schreiben wollte und bin jetzt recht froh darüber, da Sie die Briefe doch nicht erhalten hätten.

Ich war lange Zeit gar nicht in Stimmung, da ich mit meiner Verdauung recht in Unordnung war und gequälte Sommermonate hinter mir habe. Die letzten 6-7 Wochen war ich in Frankfurt am Main in der Noerden’schen Privatklinik und habe mich dort gründlich behandeln lassen. Meine Beschwerden sind zwar nicht behoben, aber ich bin doch wieder leistungsfähig, besserer Stimmung, und vor allem ist jetzt der therapeutische Weg gefunden, auf dem ich hoffe, in Monaten oder Jahren wieder gesund zu werden. Jedenfalls freut mich das Leben und die Arbeit wieder, und das ist, weiß Gott, viel wert.

Nehmen Sie heute mit diesen wenigen Zeilen vorlieb, und blicken Sie nur auch recht zuver-sichtlich in die Zukunft. Nach dem Kriege wird Ihre Zeit schon kommen. Die Aussichten, von denen Sie mir schreiben, sind doch nur Notbehelf.

Ich schrieb übrigens gerade an Guyer nach Zürich-Rietberg, bei Frau Rieter-Bodmer, da er sich bei mir nach Büchern über die Bagdadbahn erkundigt hat.

In herzlich freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB)

(Postkarte von Frau Herzfeld, Berlin an C. H. B. vom 2.10.1915 teilt ihm mit, daß er bereits am 28.10. wieder ins Feld – nach Frankreich – mußte und der Urlaub damit abgekürzt wurde.)

 

180. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Westen, Givry bei Attigny, 8.10.1915

Lieber Becker,

(… Fahrt an die Westfront)

Die jetzigen französischen Angriffe sind entschieden der Höhepunkt des Krieges, und wer weiß, ob sie nicht einen Wendepunkt bedeuten. Es muß über alle Beschreibung furchtbar gewesen sein und man begreift nicht, wie Menschen das ertragen können.

  • 3 Tage lang ein Vorhang von platzenden Granaten hinter der Linie, der jeden Verkehr abschnitt. Zuerst waren die Lager und Bahnstationen hinter unserer Linie zerstört, jede kleine Feldbahn, die Munition heranschafft, unbrauchbar gemacht. Nachschub von Verpflegung und Munition 3 Tage unterbrochen.
  • Dann wurde die Stellung selbst mit Minen bearbeitet und so verschüttet, daß nur weni-ge besonders tief und fest in den Kreideboden eingesprengte Unterkünfte übrigblieben.
  • Dann kamen die Mauern von giftigen Gasen angerollt, die tödlich wirken. Und zuletzt der große Infanterie-Angriff, der aber nicht der ungeheuren Vorbereitung entsprach.
  • Die Angriffe haben sich mit unverminderter Heftigkeit mehrmals wiederholt. Vorgestern stürmten erst 4 Reihen Marokkaner, dahinter eine Reihe Franzosen.

Ich unterhielt mich mit frischen Gefangenen. Es herrscht großer Haß bei unseren Leuten auf diese Kolonialtruppen, die ebenso wie die Franzosen vorzüglich aussehen, weil sie beim Stürmen eben wie Wilde hassen. Sächsische Pionier-Unteroffiziere, die sie führten, sagten mir aber, das wäre nur wenn sie stürmten, sonst wären sie sehr harmlose, nette Leute, – wie es bei uns nicht anders ist. Die Unteroffiziere waren erst von den Marokkanern gefangen und sehr gut behandelt, hinterher befreit. Bei dem ersten großen Angriff gab unser 92tes Regiment (Oldenburger) der Sache im letzten Moment die glückliche Wendung. Vorgestern hingegen wurden die 92er von den Marokkanern überrannt, auch 2 Batterien 10er und 26er Artillerie (-der Major mit durchgeschnittner Kehle gefunden), und erst die 91 und 73er retteten die Lage wieder. So heftig, wenigstens so bis ins kleinste und so wunderbar überlegt und überlegen vorbereitet, waren die letzten Angriffe nicht mehr, und bei der Division (19te, ein Lütwitz) und beim Korps (da Exzellenz von Emmich erkrankt ist, auch ein Lütwitz) glaubt man, daß die Gefahr jetzt vorüber ist. Immerhin hört man, daß die Franzosen uns gegenüber an Zahl und Bewaffnung speziell Artillerie, überlegen sind. Es scheint mir, als könnten wir mit einer Offensive unsererseits in Frankreich nicht mehr rechnen. Die Erfahrungen des französischen Angriffs haben gelehrt, daß ein Durchbruch mit unvorstellbaren Opfern verknüpft ist, also nur mit überwältigender Überzahl an Infanterie und Artillerie ausführbar ist. Ich kann mir nicht vorstellen, daß wir etwa 750 000 oder mehr aufbringen könnten, als unsere Gegner uns im Westen entgegenstellen können.

Die Franzosen haben sicherlich die nicht ganz unbegründete Hoffnung gehabt, unsere Front zu durchbrechen. Ansätze dazu sind ihnen zeitweilig geglückt. Wirklich durchbrechen werden sie aber kaum mehr. Diese ihre Offensive und die damit kombinierte der Russen zeigt aber klar, daß in beiden Armeen noch eine ungeheure, ungebrochene Kraft steckt. Und der Trost, daß ihre Verluste als Angreifende größer sein müssen als unsere eigenen, und sie sich im Angriff aufreiben müssen, ist ein schwacher: er bedeutet ja die berühmte „Abnutzungsmethode“ Joffres, mit der man Frankreich nun schon 5/4 Jahre tröstet. Ob wir uns damit weitere 5/4 Jahre trösten können?

Der Zeitpunkt war sicher gewählt, um unsere Balkan-Aktion zu vereiteln. wieweit das glückt, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Ankündigung unsere Offensive dort, hatte ja politische Gründe. Das folgende Schweigen kann Zensur sein, kann auch ein Fehlen von Ereignissen bedeuten. Ich habe das unangenehme Gefühl, daß wir uns in Rußland einen Monat zu lange aufgehalten haben: es ist unterschieds- und wirkungslos, ob man da 100 km weiter oder weni-ger östlich steht. Minsk – Pinsk – Baranowitschi usw. sind in Wirklichkeit bedeutungslos. Brest hätte dasselbe gewirkt. Die Armee bleibt doch die Armee, und Rußland ist grenzenlos. Ich habe immer gewußt, daß Rußland unbesiegbar und unerschöpflich ist. Daher verstehe ich auch die Haltung der Balkanvölker vollkommen. Wir können noch so viel siegen und Rumänien wird doch nie gegen Rußland auftreten. Es weiß, daß Rußland in einem Menschalter wieder dieselbe Macht ist, die es vor dem Kriege war. Wer wird das heute noch von Österreich und der Türkei glauben?

Man kann auch mit Deutschlands Macht, mit der größten Macht sich nicht Entwicklungen entgegenstemmen. Man muß nur ein Gefühl für diese Entwicklungen haben, und nur diese wie ein Gärtner einen Baum zu ziehen suchen. Die Blüten werden nie in der Erde und die Wurzeln nie in die Luft wachsen. Ich habe die Empfindung, daß unsere Politik unseren Verbündeten gegenüber Unmöglichstes, Entwicklung gesetzwidriges, geradezu Widernatürliches will. Es ist die Stärke unserer Gegner, und auch die Erklärung dafür, daß wir die ganze Welt zum Gegner haben, daß sie mit dem großen Strom der Entwicklung schwimmen.68

Woran ich in bezug auf unsere Bundesgenossen denke, brauche ich Ihnen nicht deutlicher zu schreiben. (…)

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

181. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 16.11.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Herzfeld!

(…) Ich halte es aber für meine Pflicht, unser schrecklich unwissendes deutsches Publikum über das deutsche Orientproblem aufzuklären und dabei zur Nüchternheit zu ermahnen. Es ist merkwürdig, daß trotz des Krieges alle Kollegs zustande gekommen sind: in den fortgeschrittenen Sprachkursen doch 4-6, allerdings sehr krüppelhafte Hörer; im Islamkolleg über 30,

(Fortsetzung fehlt)

 

182. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Westen, 23.11.1915

Lieber Becker,

(…)

Gleichzeitig schreibt mir aber Peuck: „Ihre Routenaufnahmen aus Mesopotamien, die Sie mir gütigst zusandten, habe ich neulich ausgeliehen: Man interessierte sich auf dem Generalstabe sehr für Mesopotamien und ließ Ihre Werke mit Auto abholen. Das schreibe ich Ihnen natürlich nur streng vertraulich; aber ich denke, es wird Sie freuen zu hören, daß Ihre Arbeiten jetzt so gründlich studiert werden.“

Ich male mir als Groteske aus, wie von der Goltz mit meinem Buche und meinen Karten im Arm den Euphrat herunterreist!

Zugleich hat Wiegand einen Brief von mir (über Frankreich) im Generalstab vorgelegt und in Abschrift Helfferich69 überreichen lassen. Ich kann nicht anders, als an ein persönliches Hindernis denken. (…)

Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

183. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Westen, 6.12.1915

Lieber Becker,

(…) Vor etwa 8 Tagen hatte ich an den stellvertretenden Generalstab (?) geschrieben, ich hätte noch unveröffentlichtes und unbearbeitetes Kartenmaterial vom Euphrat und Tigris und der persischen Grenze. Das stellte ich zur Verfügung. Allerdings müßte mir Gelegenheit zur Bearbeitung gegeben werden. Am Telephon sagte mir der Oberst, mein Urlaub (zur Hochzeit der Schwester! BB) könne mir aus einem besonderen Grund nicht genehmigt werden. Ob es wahr wäre, daß ich derartiges Kartenmaterial hätte. Und ob ich einverstanden wäre, es zu bearbeiten? Dann bekäme ich in allernächster Zeit einen Befehl, zunächst auf 4 Wochen, zur Verfügung des Chefs des stellvertretenden Generalstabes nach Berlin zu gehen. Er machte mir noch viele Complimente und nahm an, daß ich von da aus eine andere Verwendung finden würde. Also werde ich mindestens 4 Wochen in Berlin sein. Von da aus, denke ich mir, komme ich doch noch zu Goltz. Ganz besonders freut es mich, daß ich niemandem dafür zu danken habe. Manchem gegenüber hätte ich mich gerne bedankt. Sie müssen mich nach diesen Worten nicht für undankbar halten.

Auch eine Freude war für mich die Beobachtung, daß sich hier alle darüber aufrichtig freuten, trotz der Trennung (nicht wegen der Trennung). Etwas was ich nicht erwartet hatte.

Mit vielen Grüßen und in später Nacht und alarmbereit Ihr Ernst Herzfeld.

 

184. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn,) 10.12.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich möchte Ihnen nur schnell einen herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Rückberufung in die Heimat senden und hoffe sehr, daß wir uns bei dieser Gelegenheit einmal wiedersehen. Ich werde den ganzen Januar in Berlin sein für den großen Wirtschaftskursus, den wir dort abhalten wollen. Ich habe sofort nach Hamburg geschrieben, daß man Ihnen Ihre Korrektur nach Berlin schicken soll; gestern habe ich die Fahnen erhalten.

Bitte versäumen Sie in Berlin nicht, sich mit Reinhard Junge in Verbindung zu setzen, über Jäckh jederzeit zu erreichen. Er hat jetzt ein großes Buch herausgegeben:„Das Problem der Europäisierung orientalischer Wirtschaft“, ein seit vielen Jahren in der Stille vorbereitetes grundlegendes Werk, das Sie mit großem Interesse lesen werden.

Die gestrige Reichstagsverhandlung war übrigens auch ein Sieg.

An Ihrer Berufung nach Berlin und an den Abschied, den Sie in Ihrem Kameradenkreise gefunden haben, freut mich besonders, daß sich diesmal Ihr Pessimismus nicht bewahrheitet hat.

Lassen Sie bald mal wieder was von sich hören.

In herzlicher Freundschaft Ihr getreuer (CHB)

 

185. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin?) 17.2.1916

Lieber Becker,

in furchtbarer Hetze nur ein paar Mitteilungen:

  • Vor einigen Tagen kam mein Kommando zu den Mecklenburgern heraus. Es ist schon fort. Abreisetermin für die Expedition Ende Februar. Es hat noch große Schwierigkeiten gemacht.

(Anmerkung Herzfelds: Das Ende Dezember vom Generalstab eingereichte und von einem besonderen Schreiben des Majors Joachim von Lossow unterstützte Gesuch, ist in Constantinopel durch L. und Humann (!) abgelehnt worden. Auch Wiegand hatte an beide – unabhängig davon – geschrieben, doch auf jeden Fall etwas zu thun. Damit sehe ich den Gedanken, den ich schon immer gehabt hatte, bestätigt. Ein anderer Widerstand war im Kultusminis-terium, Dr. Herzog sagte, er hätte einen Kampf auskämpfen müssen. Merkwürdig!)

  • Gestern bekam ich durch Meyers und Peucks Bemühung das Professor-Patent vom Kultusministerium zugeschickt.
  • Heute traf ich in einer intimen Besprechung von der Geograph(ischen?) Gesellschaft, zu der Peuck mich jetzt immer zuzieht, Dr. Jäckh. Er geht in 8 Tagen nach Constantinopel und ich denke ihn dort wiederzusehen.

Nun noch zwei Fragen oder Bitten: erstens) wie steht es mit dem neuen Islamheft. Erlebe ich es noch hier? Ich glaube vergessen zu haben, um 30 Separata zu bitten.

Zweitens) denken Sie gelegentlich an das Gartenwerk der Frau Gothein, nicht nur an das Buch, sondern auch an meine Photographien und Zeichnungen, die ich gerne wieder hätte. Eile ist nicht. Ich hoffe schönere Gärten aufnehmen zu können.

Karabacek schickte mir eine nicht üble kleine Studie über einen Ganymed. Ich habe in den wenigen Ruhestunden Persisch getrieben.

Schreiben Sie mir bitte noch einmal, wenn auch kurz vor meiner Abreise!

Ihr Ernst Herzfeld.

 

186. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Berlin (Bonn?), 18.2.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Ich höre, daß Sie noch in Berlin sind: da darf ich Sie vielleicht um folgende Gefälligkeit bitten: Mein Schüler Dr. Ritter, der im Stabe von v.d.Goltz, VI. Osmanische Armee, ist, bittet mich, ihm folgende Karte: Lower Mesopotamia between Baghdad and the Persian Gulf (etc…) zu vermitteln. (…)

Littmann schreibt mir, daß er sie gesehen hat. Ich stecke in laufenden Arbeiten und habe in diesen Tagen den Ärger gehabt, daß mein Dresdener Vortrag, der dort die Zensur passiert und im Beisein des Hofes gehalten war, nachträglich bei der Drucklegung von der Leipziger Zensur oder sagen wir besser, von einem subalternen Geist, so zusammengestrichen worden ist, daß er überhaupt nicht erscheinen kann. Wenn die wenigen sachverständigen Orientkenner nun auch noch behindert werden, der allgemeinen Unkenntnis über die Türkei entgegenzugehen, so verliert man wirklich die Lust, noch eine Zeile zu veröffentlichen. Ich versuche natürlich, das Leipziger Urteil über meinen türkischen Staatsgedanken rückgängig zu machen; aber sonst höre ich auf, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Von einem Druck der Berliner Vorträge ist unter solchen Auspizien natürlich keine Rede. Die Streichungen sind so blödsinnig, daß Sachen für staatsgefährlich erklärt worden sind, die in jedem Lehrbuch stehen, daß eine Kritik Abdul Hamid’s als anstößig beseitigt wurde, ja, daß sogar in dem Satz: „Auf den Orient wirkten im letzten Jahrhundert zahlreiche europäische, besonders französische Einflüsse“ das „besonders französische“ gestrichen wurde. Sollte man solche Zustände für möglich halten? Wenn ich die Sache nicht rückgängig machen kann, lasse ich Fahnenabzüge herstellen, in denen alle Streichungen eingetragen werden, und sende sie an den Generalstab, das Auswärtige Amt und eine Reihe maßgebender Abgeordneter. Wie überflüssig ist all dieser Ärger! Aber die Bauchkriecherei vor der Türkei muß natürlich solche Blüten erzeugen.

Der Fall von Ersurum70 scheint übrigens eine Art Katastrophe zu sein und wird das Gebein der Herren im Auswärtigen Amt wieder ins Schlottern bringen. Es ist eigentlich wunderbar, daß das nicht schon längst eingetroffen ist, da die strategische Überlegenheit der Russen doch auf der Hand liegt. Haben Sie irgend etwas Näheres gehört?

Von Ritter hatte ich famosen Brief aus Bagdad. Er war mit Goltz in Kermanschah und zwar im Auto. Er beschreibt die Automisere geradezu köstlich. Sie kennen die Route ja genau. Ich habe mich an Ihrer Karte orientiert, und können Sie sich vorstellen, was eine Autoreise dort bedeutet. Ich schicke Ihnen den Brief gern einmal, aber nur wenn ich weiß, daß Sie noch in Berlin sind; denn nach dem Osten soll er Ihnen nicht nachreisen.

Im nächsten Islam-Heft kommt ein Aufsatz über „Ein islamisches Heiligtum auf dem Ölberg“ von Dr. Heinrich Glück, Strzygowski-Schüler, über Kuppelbau. Im Heft darauf kommt wieder ein echter Fleury über eine Miniatur-Handschrift.

Herzliche Grüße Ihnen und den anderen Berliner Freunden freundschaftlichst Ihr getreuer (CHB)

 

187. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin?), 19.2.1916

Lieber Becker,

nun haben sich unsere Briefe wieder mal gekreuzt. Mit der Karte von Lower Mesopotamia steht es so, daß sie schon lange in großer Zahl herausgeschickt ist, für den ganzen Stab v.d. Goltz, also nehme ich an, daß Ritter sie längst bekommen hat. Neuerdings sind auch östlichere Blätter fertig geworden, und die wurden ebenfalls hingeschickt. Meine sind natürlich noch längst nicht fertig, werden aber schön, und ich hoffe noch alle die Gegenden, soweit wie nötig, zu bearbeiten, die ich persönlich kenne.

Ich hörte heute, daß man noch mit 14 Tagen bis zur Abreise rechnen müsse. Das kommt meinen Arbeiten zu gute. Übrigens werde ich mich nochmals nach dem Datum erkundigen, und eventuell noch ein Paket – es gehören nämlich noch 2 andere Blätter zu der Karte Lower Mesopotamia hinzu – besonders schicken lassen, wenn es erlaubt ist. Man ist sehr sparsam damit. 3 Karten kosten 16 Mark!

Ihre Censurgeschichten sind ergötzlich. Ich fände das beste, man schwiege die Türkei tot. So wie die Türken Erzurum totschweigen: was gehört dazu, nun jetzt schon 2mal zu melden: „Von der Caukasusfront nichts von Bedeutung!“

Wen wollen sie dumm machen? Wenn wir später darauf verzichten würden, die Verluste der Türkei auf unsere Kosten zu kompensieren, so finde ich, wären solche Verluste sehr wünschenswert. Z. B. wäre Armenien doch recht nett für Rußland. Sünden pflegen sich zu rächen, und ich sehe nicht ein, warum sich die Sünden der Türken gegen die Armenier und andere Völker nicht rächen sollten. Der ungeheure Hochmut muß bestraft werden. Wenn sie nicht ganz klein werden, ist unsere Thätigkeit in der Türkei aus. (…)

Viele Grüße Ihres Ernst Herzfeld.

 

188. C. H. B. an Ernst Herzfeld. (Bonn?), 21.2.1916

(Maschinenkopie)

Mein lieber Herzfeld

Herzlichen Dank für Ihre beiden Briefe und freudigen Glückwunsch zu den beiden Ereig-nissen, die Sie mir mitteilen. Daß Sie endlich Professor geworden sind, ist zwar eigentlich keine Auszeichnung für Sie, sondern für den Professorenstand, und wird Ihnen vermutlich sehr wenig Eindruck machen. Zu einer definitiven Regelung Ihrer künftigen Lebensstellung aber ist dieser Titel zweifellos nicht ohne Bedeutung. (…)

Die Angelegenheit der Frau Gothein habe ich nicht vergessen. Ich weiß nur, daß sie vor Kurzem einen Sohn verloren hat, daß ein zweiter verwundet wurde und ein dritter in Afrika festsitzt.

(Schluß fehlt) (CHB)

 

189. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 24.2.1916

(Feldpostkarte) Stab des Chefs des Generalstabes des Feldheeres

Lieber Becker,

immer wieder wunderliche Überraschungen: ich sollte gestern abreisen, auf Befehl von C(öln?) aus, aber erhalte die Pässe nicht! Ritter bekommt die Sachen einfach dienstlich. Käuflich ist das nicht, im Gegenteil, nur für den Dienstgebrauch. Wegen der Herstellungskosten spart man.

Meine Koffer sind gepackt, aber vielleicht sitze ich hier noch viele Wochen. In Eile und mit vielem Dank für Ihren Brief

Ihr Ernst Herzfeld.

P.S. Korrespondenz-Adressen teile ich Ihnen noch mit.

 

190. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin?), 1. 3.1916

Lieber Becker,

ich bin einfach begeistert von Ihrem „Uni sunt“. Es fielen mir dabei Verse ein, die ich leider nicht mehr ganz zusammenbekomme; kein Wunder, denn es sind 20 Jahre her, daß ich sie gelesen habe; etwa so:

  • Come? Quant’è bella giovinezza
    Che si fugga tuttaria
    Chi vuol esser licto sia
    Di doman non c’è certezza!

Dann kamen Verse vom Tode, und Beispiele: Bacco e Ariadne. Das ganze sind Carnevalslieder des Giovanni (?) di Medici und ich glaube ein dagegen gedichtetes Bußlied des Francesco d’Assisi. Aber ich weiß es nur noch ungefähr.

Noch eins dazu: wenn ich in Samarra z. B. Kârîl ibn Selmân fragte, wo ist der und der, so sagte er: (arab.Wort), klagend, d.h. er ist tot. (arab. Text) Direct in dem Sinne: sie sind tot. Überhaupt die Fragestellung ist sehr häufig. Z. B. mir fehlt Holz und es gibt weit und breit keins, so sagt der Kârîl, der welches besorgen soll: (arab. Text). Oder ich will jemanden nach Mossul schicken, der betreffende findet das sehr weit, so sagt er: (arab. Text). Ich schreibe Ihnen das, weil es mir vorkommt, als ginge die Form des „Ubi sunt“ in letzter Linie auf semitischen Ursprung zurück. Das sprechen Sie ja auch aus, und das widerspricht nicht im geringsten der Fixierung der literarischen Form im Griechischen und deren Verbreitung von dort aus auch nach dem Orient. Ganz parallel zu anderen literarischen und mythologischen Motiven, auch parallel z. B. zu der Geburtslegende in dem Abugra (unleserlich)-Aufsatz.

Frau Gothein hat mir ihr Buch und meine alten Vorlagen geschickt. Sehr sehr schön. Nun ist also auch die Sache in Ordnung.

Dann war heute noch etwas los: ich brachte heute früh Sven Hedin zur Bahn. Es war außer mir niemand da. Im Zuge aber waren Jaeckh und Junge und noch jemand. Schade, daß ich nicht fahren kann. Ein Transport wie der unsrige fährt statt 50 Stunden 14 Tage! Das sind höhere unverständliche Weisheiten. Allein die Tagegelder, die man bekommt, werden teurer als das Billet. Das ist Sparsamkeit. Im übrigen wird es nicht mehr nötig sein. Nach den letzten Nachrichten scheint es mir unmöglich, daß Baghdad noch lange gehalten wird. Sven Hedin ist auch der Ansicht. Es ist immer so gewesen, daß die Entscheidung über den Besitz von Baghdad zwischen Hamadan und Kermanshah fiel. Einem Angriff von da aus kann es nicht standhalten. Wir bzw. die Türken sind offenbar schlecht – zu spät über die Dinge, die sich da vorbereiten unterrichtet worden. Offenbar ist es ein groß organisiertes umfassendes Unternehmen mit den entsprechenden Truppenmassen. Wenn diese Auffassung richtig ist, so geht ganz Armenien, die Djezira (?) und der Irak rettungslos verloren. Meine Idee und Hoffnung ist, daß dieser Erfolg bei Russen und Engländern Friedensneigungen erzeugen könnte, und daß es das einzig richtige für uns wäre, einen Frieden zu machen mit dem Anerbieten der völligen Aufteilung der Türkei. Dann hätten alle gesiegt.

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

Anlage

(…)

Mit den Ereignissen im Westen ist man im Hauptquartier äußerst zufrieden. Man rechnet mit 4 Wochen, bis 6.

Viele Grüße Ihres E. H.

 

191. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn?), 2.3.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Herzlichen Dank für Ihren Brief. Ich habe das Ubi sunt-Thema mit so vielen Leuten mündlich erörtert, daß ich kaum verstehe, daß ich es mit Ihnen nicht getan habe. Wie gerne hätte ich sonst Ihre famosen Beispiele noch verwertet, die mir ganz besonders charakteristisch erscheinen.

Nun aber eine Frage: Haben Sie eigentlich mein türkisches Bildungsproblem gar nicht erhalten? Wir haben doch in letzter zeit öfters korrespondiert, und Sie sind mit keiner Silbe darauf eingegangen, obwohl es Sie doch ganz sicher brennend interessieren wird und auch ganz Ihren Gedankengängen entspricht. Ich sandte Ihnen und Junge die beiden ersten Exemplare, damit Sie sie noch vor der Abreise erhielten, und zwar schon am 21. vorigen Monats. Haben Sie es nicht erhalten, schreiben Sie mir schnell eine Postkarte, dann sende ich Ihnen ein zweites Exemplar, wohin Sie wünschen. Ich war so sehr gespannt auf Ihr Urteil.

Die Angelegenheit mit Kermanshah ist mir allerdings auch in die Glieder gefahren; aber ich kann es mir nicht recht vorstellen, daß es sich wirklich um eine große Unternehmung handelt. Ich dachte, es sind Kosakensotisen, die vorgeschoben werden. Türkisches Militär hat offenbar nicht in größerer Menge in Kermanshah gestanden. Auch müßten die verschiedenen Pässe doch unter deutscher Leitung zu verteidigen sein. Ersurum ist ja doch wohl ausschließlich deshalb gefallen, weil man den deutschen Ratschlägen nicht folgte. Der Krieg dauert eben zu lange für die Türkei, das ist das große Unglück. Immerhin können wir Gott danken, daß sie sich beteiligt hat; denken Sie nur, was sonst aus dem Krieg geworden wäre. Wenn Sie etwas Genaues hören, lassen Sie es mich wissen. Rußland in Persien und zwar ziemlich weit im Süden, könnte uns ja nur erwünscht sein, und Bagdad bekommen die Russen nie; das wird schon England nicht zulassen.

Eine politische Aufteilung der Türkei wäre für unser asiatisches Prestige zweifellos eine große Einbuße. Immerhin hat die Türkei viel selbst verschuldet: so lese ich gerade von der blödsinnigen Bestimmung, daß alle Handelsgesellschaften in der Türkei ihre Bücher und Korrespondenzen türkisch führen sollen außer den europäischen Aktiengesellschaften. Es gibt sich offiziell als ein Schlag gegen den französischen Einfluß, wird sich aber in der Praxis wohl hauptsächlich gegen Griechen und Araber71 richten. Jedenfalls treibt jetzt alles zu einer Krise, und mit ungeheurer Spannung schaut man nach Verdun. Wann reisen Sie eigentlich?

Herzliche Grüße und gute Fahrt! Ihr getreuer (CHB)

 

192. Ernst Herzfeld an C. H. B. (Berlin,) 6.3.1916

Lieber Becker,

kein Wunder daß Sie sich über mein Schweigen über das „türkische Bildungsproblem“ gewundert haben. Natürlich habe ich es erhalten und auch schon einmal gelesen. Das Thema ist mir zu schwer, um Ihnen schon jetzt dazu zu schreiben. Ich muß es noch genauer durchdenken. Der Eindruck war nur der, verzeihen Sie dies etwas unglückliche Kompliment, daß es mir weit mehr gefiel, als Ihre ersten Kriegsschriften. Aber nächstens mehr über dies Thema.

Die K(ermanshah)-Sache ist offenbar sehr ernst. Ich sprach mit einigen Herren im General-stab, mit Sven Hedin und dem früheren Maricheattaché Captain Salahedin. Sie haben alle meine Auffassung. Ein wirkliches Urteil kann man sich kaum bilden, denn es kommen ja keine Nachrichten. Heute heißt es wieder: „Vom Kaukas(us) und Irak keine Nachrichten eingegangen.“ Das ist natürlich nicht wahr. Und der v(on)d(er)G(oltz) Pascha ist in Baghdad, Sarre auch. Im übrigen dürften die Türken bei Khânigîn stehen. Auch Zahlen erfährt man nicht zuverlässig. Aber in der Umgegend von K(ermanshah) hatte ein Reâ(?) Bey, Freund Envers, die kurdische Bevölkerung organisiert. Ich hörte an Zahlen bis zu 40 – 50 000. Ferner hatten die Türken direct gemeldet sie hätten K(ermanshah „besetzt“. Rechnen wir wenig: 2 Regimenter. V(on) d(er) G(oltz) war persönlich da. Sicher waren da 20 deutsche Offiziere; eine Civil (unleserlich) etc. Das ist alles aufgegeben. Natürlich ist es nun mit der kurdischen Hilfe vorbei. Das ist nicht anders denkbar, als wenn wirklich nennenswerte russ(ische) Truppenmassen da erschienen sind. Ich bin überzeugt, daß die Türken und ebenso die Vertreter, die wir dahin geschickt hatten, daß da eine große, zusammenhängende und fein geleitete Unternehmung im Gange war. Ich sehe zwischen Erzurum und Kermanshah den festen plan-mäßigen Zusammenhang. Dahinter steckt Mr. Aiz(? Unleserlich). Und es macht den Eindruck als wäre seine Ungnade ein Märchen, als hätten vielmehr die Russen in der Erkenntnis, daß sie an ihrer Westfront nichts ausrichten können, ihren tüchtigsten Mann dahin geschickt, wo man am ehesten einen großen Erfolg erzielen kann. In der Geschichte ist Baghdad immer gefallen, wenn die Gegend zwischen Hamadan und Kehrmahnschah fiel. Das andre kommt dann von selbst. Einem Angriff von da aus kann es nicht standhalten, weil es von Aleppo aus, an der Euphratlinie über das Intervall der ganzen Steppe nicht zu halten ist. Das Gebiet, aus dem B(aghdad) lebt, ist das Khurâssân und Khâlis-Gebiet, beide östlich des Tigris. Das Dudjail ist erst in 2ter Linie, und genügt allein nicht. Von Khânigîn aus beherrscht man schon im Grunde das Land. Am Hamis (?) kann man sämtliche Kanäle zugleich abschneiden. Baghdad bedeutete aber zugleich den Besitz von Basrah, des gesamten ‚Irâq, und da Mrûsch bereits genommen ist jedenfalls auch den Verlust von Môssul etc, mit anderen Worten den Rückzug auf Aleppo und Kleinasien. Verzögert kann das nur werden durch Widerstand

  • In Khânigîn
  • Zweitens in Dîr-ez-Fôr (?) und
  • Drittens auf der anderen Seite bei Diyârbakir

Vielleicht glückt es. Aber warum besinnt man sich? Warum bleiben die Expeditionen hier? Ich glaube, daß einmal hier Bedenken bestehen und zweitens weil auch heute noch von der verbündeten Seite Schwierigkeiten gemacht werden. Entweder erkennt man die Gefahr nicht, oder was sehr möglich ist, es ist eine Partei dafür, Ende zu machen. Was Sie schreiben, daß die Dauer für die Türkei eine zu lange ist, habe ich heute auch gerade jemandem auseinandergesetzt. Der langen Dauer hält der Geist der Armee nicht stand. Denn dazu gehört eine Disziplin und eine politische Reife, wie eben nur unsere Völker, aber natürlich keine orientalischen, sie besitzen.

Ich habe sehr viel über Inneres und Äußeres gehört, was sich nicht schreiben läßt. Es ist unerquicklich in Berlin: man erfährt zu viel.

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

Anlage:

(… Karabacek und Strzygowski …)

Mir erscheint unsere Orientpolitik doch ein großes Unglück. Ein russischer Sozialist, vor dem Kriege nach hier geflohen, hat eine Arbeit über die Aussiedlung (jüdische) geschrieben, kennt die Verhältnisse genau. Das Manuskript soll vorzüglich sein, an Hand großen Materials nachweisen, daß die Vorstellung von dieser Möglichkeit ganz übertrieben ist, und – abgesehen vom Politischen – wirtschaftlich gar nichts Bedeutendes zu machen ist. Der Druck wird nicht erlaubt. Anonym vorgelegt durch einen Abgeordneten.

 

193. C. H. B. an Ernst Herzfeld (Bonn?), 17.3.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld!

Herzlichen Dank für Ihre letzten Briefe. Wenn Sie mal in der Türkei sind, ist Ihre Geheimschrift vortrefflich. So lange ich in Bonn bin, können Sie ganz offen schreiben. Man scheint offenbar das Publikum vorzubereiten; denn die Kölnische Zeitung durfte eine Korrespondenz aus Konstantinopel bringen, in der die ganze Not mit großer Ausführlichkeit dargestellt war. Auch die türkischen Zeitungen schreiben darüber. Militärisch aber scheint die Lage nicht so bedenklich zu sein, wie Sie fürchten; denn die Times warnt ihre Leser vor einer Überschätzung der russischen Hülfe in Mesopotamien. England könne sich nur selber helfen, und die Lage sei ernst. Von Ritter kam gestern ein Telegramm aus Bagdad zum Geburtstage meiner Mutter. Durch Tschudi höre ich von einem wirtschaftlichen Sachverständigen, der jetzt gerade nach langer Reise aus der Türkei heimgekehrt ist, die Lage sei wohl ernst, aber mit einer Katastrophe in absehbarer Zeit doch noch nicht zu rechnen. In Konstantinopel neigt man immer zu den wildesten Gerüchten. Vor dem großen Dardanellensturm schrieb mir mein bester Korrespondent, dies wäre sein letzter Brief; in drei Tagen wären die Engländer in Stambul. Immerhin mag die Lage jetzt recht ernst sein. Von mehrfachen Seiten höre ich, daß die Reise Envers der Organisation der Araber dienen und eine Entlastung in Mesopotamien bedeuten soll. Diese Version ist natürlich auch möglich. Es wird so heiß gegessen wie gekocht.

Daß Tirpitz und die Scharfmacher unterlegen sind, ist ein Gottesglück. Ihr Sieg hätte eine zweite Marneschlacht, und zwar zur See und in der Politik, gebracht, die wir nicht hätten überwinden können. Reventlow ist gefährlicher als Liebknecht; aber die Kultursäusler der Frankfurter Zeitung und vom Tageblatt soll auch der Teufel holen. Ich habe das größte Vertrauen in die ruhige Art Bethmanns. Wir wollen doch nicht auf die Methode unserer Gegner hereinfallen und aus lauter Nervosität uns selbst zerfleischen. Der nicht genügend in Ruhm umgesetzte Betätigungsdrang der Marineonkels ist eine wahre Gefahr für Deutschland, und dann all’ die Excellenzen a.D. und die nicht beschäftigten Mitglieder des A.A., die natürlich alles besser gemacht hätten. Man sollte für diese Leute einige Konzentrationslager herrichten. Ich kann sehr wohl verstehen, daß Ihnen diese Berliner Luft nicht gefällt. Schön wird es für Sie, daß jetzt Littmann zum Generalstab kommt; von dem werden Sie viel haben. Es freut mich für Sie beide. Sie schrieben mir am 3. März von einer jüdischen Arbeit über die Ansiedlung in der Türkei. Daß für jüdische Ansiedler kein Platz ist, weiß die Wissenschaft doch längst. Die Ausführungen von Philippson im Tageblatt wären überzeugend. Aber wehe dem, der so etwas zu sagen wagt, da dann die ganze Zionistenmeute über ihn herfällt. Jedenfalls will die Türkei keine Judenansiedlungen im großen Stile. Es wäre auch ein heller Wahnsinn, und unsere Reichsregierung hat diesem Bestreben eine glatte Absage erteilt.

Mit herzlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB).


Hier fehlen die Briefe von März 1916 bis Ende Dezember 1917.


194. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 26.1.1918

Lieber Becker,

gestern habe ich noch ohne Erfolg in der Königlichen (Bibliothek) und im Orientalischen Seminar nach dem Tha’ûlibi-Totenbuch gesucht. Beide besitzen es nicht. Brockelmann schweigt darüber aus, ebenso Browne, so daß ich schon an dem Citat von Christman (L’Empire des Sassanides) zweifelte. Im Haus angekommen fand ich eine Büchersendung von Hiersemann vor, packte sie aus und schlage ein sehr törichtes von A.V.W. Kackson „From Constantinople to the Jemen (?unleserlich) of Omâr Khayyam“ auf , und mein erster Blick fällt auf das Citat:

Tha’aliki, Histoire des rois des Perses: texte arabe publié et traduit par H. Zotenberg, Paris 1900. (…)

Sie haben mich immer überschätzt. Das hat das Gute, das immer die Schäzung oder Überschätzung eines Besseren gegenüber den wenigen Guten bewirkt: eine Selbststeigerung gewissermaßen. Natürlich muß der Irrtum gelegentlich zu Tage kommen. Jetzt neigen Sie vielleicht dazu, mich in gewisser Beziehung zu unterschätzen. Und da möchte ich mich noch besser entschuldigen als ich gethan habe, wenn ich es überhaupt gethan habe: die meisten anderen Menschen „leben“ (ich meine nicht als Lebeleute), aber sie entwickeln ihre Mensch-lichkeit gewissermaßen nach vielen Richtungen hin. Ich nicht. Und zwar mit Bewußtsein, weil es sich bei meinen mangelhaften Eigenschaften nicht lohnt. Ich habe nur ein Interesse, das mir alles ersetzen muß, das sind meine Arbeiten. Daher treffen mich Fehlschläge in diesen Arbeiten schwerer, als manchen anderen: Samarra ist z. B. ein großes Stück von meinem Leben, Paikuli auch ein solches. Es ist, wie wenn ein Stück von mir damit abstürbe, und ich habe nichts, das gestörte Gleichgewicht von anderer Seite auszugleichen, weil ich eben keine andere Seite habe.

Mit vielen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.


1919


Herzfeld Professor an der jungen Hamburger Universität


1920


195. C. H. B. an Ernst Herzfeld z. Z. Linderhof Berlin, 12.6.1920

Der Staatssekretär (Maschinenkopie)

Lieber Herzfeld,

(… Familie Becker will im Juli nach Linderhof im bayerischen Allgäu)

Daß die Verpflegung gut ist, setzen wir nach Ihren früheren Schilderungen voraus. Sollten Nationalitätsschwierigkeiten gemacht werden, so können Sie darauf hinweisen, daß meine Frau gebürtige Augsburgerin und das Mädchen ebenfalls Bayerin ist. Mein Preußentum vermag ich allerdings nicht zu verleugnen.

(…) In bekannter Gesinnung herzlichst der Ihrige (CHB)

 

196. Ernst Herzfeld an C. H. B. Schloßhotel Linderhof bei Oberammergau, 14.6.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Ihr eben eingetroffener Brief erweckt mir eine wunderschöne Aussicht, aber der Plan wird auf nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten stoßen. Ich habe gerade bei der Wirtin nach großem Kampf durchgesetzt, daß sie meine Schwester mit dem Jungen hier aufnimmt, und darüber wäre es beinahe zu einem Zerwürfnis gekommen und ich habe alle meine freundschaftlichen Beziehungen zu ihr, die durch einen Dr. E. Brandenburg vermittelt waren, anspannen müssen, um das zu erreichen. Sie Sache liegt nämlich so:

Das sog. Schloßhotel, das am Rande des Parkes liegt, stellt halb und halb die Ökonomie des Schlosses dar und hat die Auflage, die Besucher des Schlosses zu verköstigen. Das ist auch für die hiesige Gegend sehr schwer. Denn in den Monaten Juli-August kommen bis 100 Gäste an einem Tage. Brod und Mehl aber, und alle Gemüse etc. hat ja die Gegend nicht, das wird alles teuer gekauft. Dagegen ist Fleisch vor allem und in nicht so reichem Maße, aber immerhin doch reichlich Milch vorhanden.

Die Inhaberin des Hauses ist eine Frau Ney, Witwe des vor wenigen Jahren gestorbenen Administrators des Schlosses. Nun bekommt die, übrigens aus sehr guter Familie stammende und sehr nette, noch jugendliche Frau, es manchmal mit der Angst, ob sie es auch durchführen kann. Dazu kommen die Schwierigkeiten mit dem Aufenthalt, den die Bayern überhaupt machen. Alle 14 Tage kommt die Fremdencontrolle, natürlich in der anständigsten Form gehandhabt, und scheinbar im wesentlichen auch eine Steuer, da sie 6 Mark pro Kopf und Woche, außer der 10% betragenden Wohnsteuer (unbedeutend), und man sieht nach. Hat man ein Zeugnis eines Arztes, Urlaubsschein und dergleichen, so bekommt man daraufhin ohne weiteres die Bewilligung auf die verordnete Zeit. Da könne auch Begleitung einbegriffen werden. Aber für die Frau Ney, die sich sonst mit all diesen Dingen nicht einlassen würde, ist das doch eine Erschwerung, weil Mißbrauch vorkommt. Daher will sie keine Pensionäre mehr nehmen. Sie soll nur ein Drittel des Hauses durch ständige Gäste besetzt haben. Das heißt, sie nimmt nur einige alte Bekannte.

Die ganze Frage ist natürlich auch eine Geldfrage. Die Verpflegung ist über alle Beschreibung vorzüglich und im Übermaß reichlich. Nun nahm sie bis vor einigen Tagen nur 25 Mark, und das ist ein Preis, der nicht nur der Leistung nicht angemessen war, sondern auch sonst im Land gar nicht vorkommt. Es ist überall 40 Mark und darüber. Nunmehr hat sie, nachdem wir alle einverstanden waren, den Preis auf 30 Mark erhöht. Aber schon bei den jetzt neu Kommenden, die vor langer Zeit bestellt hatten, hat sie sich die Preisfestsetzung vorbehalten. !)

Also kann noch eine kleine Steigerung kommen. Denn die Lebensmittelpreise steigen hier, wie überall noch. Immerhin ist das bei der Leistung noch alles gerechtfertigt, denn die ist bewundernswert. (Handschriftlich: Ich bin gräßlich anspruchvoll, bevor ich lobe!)

Die Zimmer sind sehr groß, nicht wie die gewöhnlichen Hotelzimmer. Daher sind sie natürlich für mehr Personen berechnet, und es ist der Wirtin lieb, wenn sie möglichst keine Einzelwesen, wie etwa mich, hat. Die Zimmerfrage wäre wohl immer zu regeln, da ja viel Räume, allerdings für Touristen gedacht, da sind. Betten und Einrichtung ist alles sehr gut. Elektrisches Licht, viele Zimmer, nicht alle, heizbar, und Holz in Masse und billig, so daß man heizen kann.

Jetzt die Fahrt. Es ist das einzig richtige, am Tage nach München zu fahren, und sich dort vorher in einem der größeren Hotels, die alle ihr Auto an der Bahn haben, anzumelden. Da man um 11 Uhr (abends) in München eintrifft und um 6.20 Uhr morgens weiterfährt, mit dem Zug vom Starnberger Bahnhof nach Garmisch, so empfiehlt es sich, gleich in der Zimmerbestellung anzugeben, daß man Frühstück für so und so viel Personen am Abend aufs Zimmer gestellt haben will. Denn vor 6 Uhr bekommt man heute nichts mehr. Das Auto bringt einen wieder zur Bahn, und man fährt ganz leicht bis Murnau. Dort steigt man, indem man ein paar Schritt auf einen Kleinbahnhof herübergeht, in den dort wartenden Zug der elektrischen Bahn nach Oberammergau um, und ist nach sehr schöner Fahrt um 11.20 Uhr in Oberammergau. Ist man hier angemeldet, was schließlich noch von München telefonisch durch das Hotel gemacht werden kann, oder vorher schriftlich, so erwartet einen der Wagen von hier in Oberammergau und man hat eine wundervolle und durchaus erholsame Fahrt bis Linderhof. (Es gibt auch Posthalterwagen.) Man kommt hier dann gerade noch zum Mittagessen um 2 Uhr an. Das ist die einzig richtige und durchaus bequeme Art zu fahren. (Postanstalt ist im Haus. Telefon auch.)

Nun wäre alles gut, wenn man nur ein Mittel hätte, die Frau Ney zur Zusage zu bewegen. Sie hat mir rund erklärt, daß sie jeden neuen Gast ablehnen würde.. Daher scheint es mir nicht richtig, wenn ich hier vermitteln wollte. Ich glaube es ist besser, Sie lassen ihr, möglichst officiell, sehr freundlich dabei, aber mit recht amtlichem äußeren Anstrich und in einer Form, die eine Absage eigentlich gar nicht in Frage zieht, schreiben. Ich stelle mir vor:

  • Der Staatssekretär etc. wünscht mit Familie, die und die, einige Wochen bei Ihnen zu verbringen und bittet ihm mitzuteilen, zu welchem Tage und unter welchen Bedingungen er zwischen dem soundsovielten und dem und dem Zimmer bekommen kann.“

Das wird doch ziehen, und eventuell kann ich dann noch eingreifen. Ich habe mir hier in der Nachbarschaft, ebenso zu erreichen, und in der Verpflegung noch vorzüglicher wenn möglich, das allein und wundervoll im Walde und in den Bergen gelegene Ammerwald-Hotel angesehen. Es ist schon Österreich. Die Wagenfahrt dauert wohl gut 3 Stunden, sonst alles wie beschrieben. Preis 40-45 Mark (nicht Kronen). Da ist viel Platz, und Sie würden da jeden Moment Unterkunft finden. Adresse ist

Hotel Ammerwald, bei Reutte, Nordtirol

Via Füssen, Oberbayern

Hoffentlich nützt Ihnen diese Beschreibung: Lassen Sie mich bitte bald wissen, was Sie zu thun gedenken. Ammerland hat schlechte Postverbindung, aber Telephon, ich glaube fast trotz Österreich zu Oberammergau gehörig, wenigstens kann man von hier (Amt Oberammergau) ohne weiteres dorthin sprechen.

Es wäre prachtvoll, wenn Sie kämen!

Mit herzlichen Grüßen Ihr ganz ergebener Ernst Herzfeld.


1921


Erster Besuch in London nach dem Kriege


197. Ernst Herzfeld an C. H. B. London, 5.8.1921

New Oxford Street

Lieber Becker,

(… Paikuli-Angelegenheit)

Bis Mittwoch wohnte ich in der Botschaft, wundervoll aber etwas bedrückend fürstlich. Dann zog ich, da das Zimmer für Gäste Stahmers (?) gebraucht wurde in ein nettes Hotel direkt beim Museum, und habe, weil ich in einem Hotelzimmer schlecht arbeiten kann, nunmehr vom Montag an ein wunderschönes und nagelneu eingerichtetes „flat“ von 3 Räumen (Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche) für 3 ½ Pfund die Woche gemietet, wo ich als mein eigener Herr hause.

Nachgerade bin ich voller Begeisterung über London. Die wahnsinnige Hitze – es war ohne Übertreibung so schwer zu ertragen wie in Baghdad – ist überwunden und es sind herrliche Tage. Zuerst konnte ich nicht ohne ressentiment so viel glückliche und reiche Menschen sehen. Daran gewöhnt man sich. Es ist doch wundervoll, wenn es auch nur eine Betäubung oder ein Sich-schützen ist, in diesem Meer des ganz großen Lebens unterzutauchen: so ein Dinner in Carlton House oder bei Claridge’s, oder ein Abend im Prince’s Theatre beim Russischen Ballett sind doch unbeschreiblich schön.

So unmäßig teuer ist es übrigens meist nicht. In unser Geld umgerechnet natürlich. Aber es gibt viele Dinge die auch dann nur so viel kosten, wie zu Hause, Kleinigkeiten, die dann unvorstellbar theuer sind, und wenige Dinge die billiger sind als in Deutschland. Aber alles ist so überlegen gut, so gut, wie wir es zum Unglück gar nicht mehr kennen. Bloß das Zeichenpapier etc. was ich hier gebrauche!

Ich bin überall sehr freundlich aufgenommen, allerdings wohl mit einiger Zurückhaltung. Aber auch Dr. Stahmers meinte, daß das z. T. daran liege, daß die meisten Menschen im Begriff sind abzureisen oder schon fort sind, und daß trotz allem auch hier die wirtschaftliche Lage so ist, daß alle Leute sich Beschränkungen auferlegen.

Ganz wundervoll war der Besuch bei Browne in Cambridge. Arnold fuhr mit mir hin, fuhr aber schon am anderen Mittag zurück. Kennen Sie Cambridge? Wie himmlisch muß ein solches weltliches Klosterleben sein! Cambridge gilt als Hort des Pazifismus und Internationalismus, aber es ist das in einem hohen, dem höchsten Sinne. Browne ist eine außerordentlich eindrucksvolle Persönlichkeit: Sie kennen ihn gewiß persönlich, und ich brauche ihn nicht zu schildern. Er hat mir einen tiefen Eindruck gemacht: im Stil des Lebens etwa wie Berchem. Auch erfüllt von diesem inneren Feuer wissenschaftlichen Lebens, ganz aufgehend, lebend in seiner Welt, und nur in ihr, wie es sein muß. Seine Fürsorge folgt mir immerfort: immer neue Menschen kommen zu mir oder laden mich ein, denen er von mir geschrieben hat. Es ist unbeschreiblich rührend.

Die einzige Sache, die mir augenblicklich Sorge macht, ist der Artikel, den ich für Davidson (?) Ross’ Bulletin über Paikuli schreiben soll. Er hat mir an Umfang und Abbildungen plein pouvoir gegeben und will die Sprache selbst corrigieren: sie muß englisch sein, weil der Artikel als Propaganda unter den Parsis gedacht ist. Aber ich bin so überwältigt von meinen Londoner Erlebnissen, daß ich kaum imstande bin, meine Gedanken zu concentrieren.

Das ist doch die Stadt, urbo und orbis, und der letzte Grund dafür ist diese fabelhafte Rasse: was sind das für Menschen! In Mengen habe ich sie zuerst 1916 gesehen, als die 14 000 Gefangenen von Kut el-Imâra durch die Wüste getrieben wurden, im Hochsommer, ohne Alles. Wir waren damals erschüttert von dem Unterschied dieser Leute und unseren eigenen, und ich vergesse nicht, wie ein großes mauvais sujet wie unser Abteilungsführer von Stülpnagel72 immer wieder ganz sarkastisch sagte: „Sehen Sie nur dieses Menschenmaterial!“ Ich glaube darin liegt das letzte Geheimnis: der Unterschied wie zwischen einem edlen Pferd und einem Gaul.

Und schon wenn man herüberfährt und die weißen Küsten von Dover auftauchen: es kommen da allerhand unerfreuliche Gedanken. Und alles in allem bin ich trotz aller Begeisterung furchtbar traurig.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

198. C. H. B. an Ernst Herzfeld, London (Berlin?), 23.8.1921

(Maschinenkopie) Privatsekretariat

Lieber Herzfeld!

Sie müssen sich nicht wundern, wenn Ihre Briefe nicht ankommen, da Sie jetzt nach der Methode des berühmten Davidchen in Stolzes „Geschichte von der Kapp“ die Briefe an X an Y adressieren. Jedenfalls haben Sie einen an mich gerichteten Brief an Sarre und den für Sarre an mich geschickt, von dem ich ihn vor kurzem erhielt. Ich wunderte mich etwas über die Anrede; aber mir wird erst heute klar, daß der Brief überhaupt für Sarre bestimmt war, und ich sende ihn ihm nun sofort zu. Gott sei Dank keine Dummheiten darin gemacht, denn eine solche Kuvertverwechslung kann bei Ihnen zur Katastrophe führen.

Ich war, wie Sie wissen, in Urlaub. Auch Richter und Wende waren fort, so daß Sie aus dem Ministerium begreiflicherweise nicht viel gehört haben. Richter hat mir aber unmittelbar nach Ihrer Abreise die Paikuli-Angelegenheit noch in Ordnung gebracht. Die Akademie hat nur die Bitte ausgesprochen, daß Sie als Sachverständiger die Verpackung leiten möchten. Dagegen ist gewiß nichts einzuwenden.

Es freut mich, daß Sie so gute Eindrücke in London haben. Hitze haben wir hier auch nicht zu knapp gehabt. Übrigens habe ich den Eindruck, als ob Sie zum ersten Male in England sein müßten, denn Sie zeigen so durchweg die Begeisterung des zum ersten Male Dorthinkommenden, nicht nur die Begeisterung, auch die Überschätzung. Für die Londoner Gesellschaft ist die Zeit allerdings sehr ungeeignet. Browne kenne ich persönlich , allerdings nur flüchtig. Es freut mich, daß er so rührend für Sie sorgt.

Von hier ist sehr wenig zu berichten. Ich habe während der Ferien absolut brach gelegen und mich in Gelnhausen ganz glänzend erholt. Zum Schluß machte ich programmgemäß eine kurze Reise durch Franken und war mit Babinger in Würzburg und Rotenburg sehr gemütlich zusammen. Berlin schläft z. Zt. seinen Sommerschlaf – Gott sei Dank! So kann ich Ihnen wenig witzige Pointen berichten, nur rechne ich bestimmt damit, daß Sie zum Orientalistenkongreß nach Leipzig kommen. Ich habe allerlei Pläne über einen Vortrag, den ich halten will. Hoffentlich macht mir die Politik keinen Strich durch die Rechnung.

Genießen Sie London noch recht. Es tut so wohl, einmal etwas Anderes zu sehen. Das eng-lische Menschenmaterial ist das Züchtungsprodukt der letzten 50 Jahre. Sport und wieder Sport. Wir treiben zu viel Gehirnfatzkerei.

Mit freundschaftlichen Grüßen Ihr Ihnen herzlich ergebener (CHB)


1922 – 1923


199. Ernst Herzfeld an C. H. B. Vor Marseille, auf dem Weg nach Bombay, 1.3.1923

Lieber Becker,

diese Zeilen werde ich vielleicht erst in Port Said absenden, aber ich möchte Ihnen einiges erzählen.

(Sir) Thomas Arnold sprach mit mir, mehrmals, über ein Thema, was ihn sehr bewegt. Er hat damals in Berlin mit Ihnen über die Beziehungen zwischen englischen und deutschen Gelehrten gesprochen, Sie hätten sehr ernst, und um nichts mißverständliches zu sagen, deutsch gesprochen. Ihren Standpunkt hat er als mehr denn Zurückhaltung aufgefaßt. Jetzt gehen in England allerhand Bewegungen vor sich. Die R(oyal) O(rientalistic) S(ociety)(?) feiert bald ihr 100jähriges Bestehen, und eine große Zahl englischer Mitglieder hat erklärt, sie nähmen nicht teil, wenn die deutschen Mitglieder (und überhaupt die Deutschen) nicht eingeladen würden. Mitglieder sind Nöldecke, Sachau, Jolly (lebt der noch?) und ein Jacoby (welcher ist das?). Was geschieht: sollen sie sich mit der Sache in der Öffentlichkeit hervortreten, um schließlich – das folgert Arnold aus der Unterredung mit Ihnen – einen Korb zu erhalten? Oder sollen sie sonst die Einladung erzwingen, und dann kommt als Repräsentant der Deutschen Orientalistik Max von Oppenheim allein. Dies möchte man unter allen Umständen vermeiden. Ich habe Arnold nichts sagen und raten können.

Der zweite Fall ist glaube ich ein internationaler Historiker-Congreß in Brüssel, der bevorsteht und wo die bekannten, Hurer sagte, ihre leading Historiker von England abgesagt haben weil die Deutschen nicht eingeladen sind. Ich habe Arnold gesagt, ich wüßte gar nicht ob man bei uns über diese Vorgänge überhaupt unterrichtet ist, und das wäre doch wesentlich für die Stellungnahme der deutschen Gelehrten, die wahrscheinlich ebenso unentschieden (?unleserlich) sein würde, wie der Englischen und andere. In Praxis wird es ganz bedeutungslos sein, denn wer soll jetzt nach England oder Belgien oder sonstwohin reisen?

In London sprach ich ausführlich Barthold und bestellte ihm Grüße; die Grüße an Bell habe ich Edwards gebeten auszurichten. Arnold habe ich über Gibb und Mayolionth (?) Bescheid gesagt, wenn ich nicht irre, ist Anerty tot und Mayolionth irgendwo im Ausland, daher ist bisher nichts erfolgt. Browne habe ich nicht gesehen. Denish Ross begrüßte mich als alten Freund (etwas zu intim) und machte mich mit den ganzen Londoner Kampfmeyers bekannt, die ebenso mäßig sind. Aber ganz allgemein war in London vielmehr Interesse für meine Reise als in Berlin. Meine Freundin Mrs. Strop gab mir am letzten Abend ein Abschiedsfest mit etwa 50 Personen: Leute vom Foreign Office, Reisende, Gelehrte etc. Bevan (von Oxford) lud mich hinterher in Oxford Vortrag zu halten, und ein mir befreundeter Harald Bowen, früher an der Bibliothek der Orient(al) School und furchtbar begütert, lud mich wiederholt ein, hinterher bei ihnen in London und auf ihrem Landsitz zu sein usw. Mehrere waren auch mit Büchern, Obst und anderen Sachen an der Bahn bei meiner Abfahrt. Sir Peroy Coy, der gerade in London war, wollte mich auch sehen und sagte, daß er vor mir in Baghdad sein werde, mich (dort? Weggelocht) anmeldete, und daß ich in Bombay eventuell mich an seinen Vertreter wenden sollte. Ich will nämlich versuchen Amsel Stein in Indien zu sprechen. In London war man sehr geneigt, den Forscher der das Monopol ohne die englische Unterstützung in Indien nie erreicht hätte, die Verhandlung aber absolut verheimlicht hat.

Auf dem Schiff schreibt es sich wegen Wackeln schlecht, und ich kann doch sowie so nicht!

Ihr Ernst Herzfeld.

 

200. Ernst Herzfeld an C. H. B. Im Roten Meer, 8.3.1923

SS.Mantua

Lieber Becker,

von einer wohltuend langweiligen Fahrt aus wollte ich Ihnen nur von einer Sache berichten, die Sie angeht. Außer 2 höchst amüsanten, aber ganz alten Damen, ist nur 1 interessanter Mann hier an Bord, der Director einer Yokohama-so-so-Bank, Herr Tsuyamo. Er hat eine Reise gemacht, um die Filialen seiner Bank in Amerika und Europa zu inspizieren, auch eine neue eröffnete in Hamburg, und war auch in Berlin. Er kennt alle meine Gönner Loeb, Warburg, Stinnes, Tata etc. persönlich und ich habe mich sehr mit ihm angefreundet. Nun hat er in Berlin mit seinem Botschafter ein Project besprochen, das er nach seiner Rückkehr (er geht nach Bombay-Calcutta-Rangoon-Singapore) via Japan verwirklichen möchte, nämlich deutsche Professoren nach Japan zu berufen, und zwar zu Cursen und auch für die Dauer. Er sagte:„ ich bin Japaner und das politische Deutschland interessiert mich nicht, um so mehr das culturelle. Japan ist Europa gegenüber in derselben glücklich uninteressierten Lage wie America. Ich will publicistisch dafür tätig sein, daß Japan in Europa eingreift, das heißt klar seine Ansichten ausspricht und die europäischen Mächte wissen läßt. Die civilisatorische „efficiency“ Deutschlands muß auf jeden all erhalten bleiben.“ Er hat bei einem Frühstück auf der japanischen Botschaft Harenotin, Glasenapp, Deuss etc. kennen gelernt und auch mit ihnen über ähnliche Fragen gesprochen. Japan hätte bisher lediglich materielle Ziele verfolgt, jetzt wäre es reich genug, um sich culturellen Dingen zuzuwenden, wenn sie auch in ihrer Finanzpolitik vorsichtig sein müßten. (er war z. B. sehr ärgerlich über die japanischen Studenten in Deutschland, die zu viel Geld von der Regierung bekämen und daher alles verjubelten anstatt zu studieren; er will diese Bezüge herabsetzen lassen.) In erster Linie interessieren ihn natürlich Ärzte und Physiker und Chemiker, aber auch die historischen Wissenschaften. Ganz eingehend läßt er sich von meinen Sachen erzählen und hat auch gefragt, ob ich nicht einen Cours über Ausgrabungen halten wolle, in Japan wäre ja auch vieles zu erforschen. Nun hat der Botschafter in Berlin gesagt, die deutsche Regierung für solche Zwecke keine Pässe an die Professoren gebe. Das kann ja einfach ein Irrtum sein, aber man weiß bei uns ja nie, welche verschrobenen Gedankengänge zu irgendwelchen überraschenden Resultaten führen. Deshalb habe ich ihm gesagt, er möge doch seinem Botschafter schreiben, daß dieser einmal mit Ihnen Fühlung nimmt über die ganze Angelegenheit, principiell.

Ich glaube ich schrieb Ihnen noch nicht, daß ich mit Arnold und Sir Denisson Ross über Foucher sprach und daher füge ich dieses Gespräch an. Ross sagte:

Sie müssen doch mit Foucher ein Duell haben müssen! (Also in London wissen scheinbar alle mein eigentliches Ziel). Alle sind über Foucher sehr aufgebracht. Auch Stein, dessen unerreichtes Ideal immer Baktrien gewesen ist, hat Foucher nach Indien gebracht, wo er jahrelang, hoch bezahlt, arbeiten und sich sachlich und geldlich vorbereiten konnte. Nur dadurch hat er überhaupt die Gelegenheit gehabt nach Afghanistan zu kommen, und hat dann, wie ich vermutet habe, ganz heimlich, ohne jede Kenntnisgabe und ohne jede Abmachung mit Stein, Marshall etc. sich das Monopol geben lassen. Man findet das höchst illoyal. Ich habe in London zu Sir Percy Cox gesagt, daß ich Amsel Stein gern sprechen würde, und er meint, dieser würde jetzt in Delhi sein und ich könnte ihn also treffen. (Kashmir würde in der jetzigen Jahreszeit mindestens 3 Wochen erfordern, und die habe ich nicht übrig.) Wenn ich Schwierigkeiten hätte, solle ich mich an den mespotamischen Agenten in Bombay wenden. Das wäre aber für mich sehr wichtig. Außerdem tut mein amerikanischer Talisman gute Dienste: ich war in Gibraltar, Marseille an Land und hätte ohne weiteres nach Cairo gekonnt, auch ohne Visum. Der amerikanische Consul in Port Said beförderte meine Briefe, dabei den Rest des Paikuli-Manuskripts an die amerikanische Botschaft in Berlin etc.

Ganz unerfreulich war nur die Oppenheim-Angelegenheit. Auf Oppenheims Wunsch hatte ich vor längerer Zeit an Hogarth geschrieben, der sehr freundlich (trotz seiner Bedenken gegen Oppenheim) antwortete, allerdings sagte, er könne schwerlich beim B(ritish) M(useum)(?) „interfere“, da er selber Museumsmann sei. Er hat aber dennoch geschrieben wie mir Hall der baldige Nachfolger von Budge sagte. Nun hat Hall eine neue Version erfunden, daß die Sachen auf einem Schiff gefunden sind (stimmt), welches als prise de guerre verauctioniert sei. Das British Museum (?) habe die Sachen gekauft und so was könne nur durch Parlaments-Akt rückgängig gemacht werden. Ein holländischer Jurist im Haag sagte mir, das sei „ridiculous hypocrisy“ und ein englischer sagte, es gäbe auch „repurchase“. Ich glaube aber, Oppenheim wird nichts ausrichten. An seiner Stelle würde ich Angora ver(an)lassen, die Herausgabe zu verlangen.

Mit herzlichem Gruß Ihr ergebenster Ernst Herzfeld.

 

201. Reimer-Verlag an C. H. B. Berlin 18.5.1923

Sehr geehrter Herr!

Im Auftrage unseres Autors, des Professors Ernst Herzfeld, der Z.Z. von Berlin abwesend ist, übersenden wir Ihnen gleichzeitig ergebenst ein Exemplar des jetzt bei uns herausgekommenen Werkes:

Der Wandschmuck der Bauten von Samarra und seine Ornamentik.

Dieses Werk ist der I. Band der Reihe: Die Ausgrabungen von Samarra.

Mit vorzüglicher Hochachtung Dietrich Reimer, Andung, Gotthardt.

 

202. Ernst Herzfeld an C. H. B. Teheran (Zarganda), 22.7.1923

Lieber Becker,

ich fange diesen Brief in einem sehr unglücklichen Augenblick an, wo ich gar nicht weiß, wo meine Reise weitergehen wird. Aber ich will der Reihe nach erzählen.

In London, die wenigen Tage, waren noch so überlastet mit Arbeit, wie die Zeit vorher in Berlin. Meine Aufnahme war überall sehr herzlich. Beim Abschied waren viele Leute mit kleinen Geschenken an der Bahn; der Anfang der Reise war also sehr hübsch.

Die Schiffahrt war, in bezug auf Wetter, unglaublich schön. Ich war bis Port Said noch mit dem Paikuli-Manuskript beschäftigt. Aber von dem Augenblick, wo ich an Bord ging, war die Atmosphäre verändert: Mißtrauen und Feindseligkeit. Das Publicum mäßig. Der interessanteste war ein japanischer Director der Yokohama Specis Bank, Tonyama, mit dem ich mich sehr anfreundete: ich schrieb Ihnen, daß er zu Haus darauf dringen wird daß möglichst viele deutsche Professoren nach Japan berufen werden, und ich bat ihn, seinen Botschafter in Berlin zu veranlassen, mit Ihnen Fühlung zu nehmen.

In Port Said hätte ich landen und bleiben können, bildete mir aber ein, da ich 1-2 Wochen in Bombay zu bleiben gedachte, keine Zeit zu haben. So versäumte ich Creswell, der nicht in Port Said war, weil meine 2 Telegramme ganz verstümmelt ankamen. Er schrieb händeringend nach Aden. In Gibraltar und Aden konnte ich an Land gehen und Autofahrten (mit Tonyama) in die Umgebung machen. Das englische Gebiet in Aden ist sehr erweitert. Das gehört zu den stillschweigenden Vergrößerungen des Empire.

In Bombay waren wir früh um 7 Uhr, und sofort eröffnete mir ein Polizeibeamter, daß ich nicht in B(ombay) landen dürfe. Kurz darauf erschien Dr. J. J. Most und ein anderer Parsi, vor Aufregung zitternd: sie hatten über 200 Leute zu meinem Empfang eingeladen, zeigten mir Brief und Antwort des Gouverneurs, der den Vorsitz führen sollte: er bedauerte lebhaft an dem Abend nicht in Bombay zu sei, und mit einem Mal wird die Landung nicht erlaubt. Ich fuhr dann doch im Auto zu Sir Dratzi Pata, dem amerikanischen Consul und dem Mesopotamien-Agent (das hatte mir Percy Cox in London für den Fall von Schwierigkeiten geraten). Sir Dratzi riet, einfach ins Hotel zu fahren, sich krank zustellen und das Schiff nach Basra, das um 17 Uhr abgehen sollte, zu versäumen. Unterdes hatte die Polizei mein Gepäck an die Stelle wo die launch zu dem Basra-Dampfer abging, geschafft. Ich konnte mich nicht entschließen dazubleiben und reiste ab. In Karachi kamen nochmals 4 Polizisten an Bord um aufzupassen, daß ich während der 12 Stunden Aufenthalt dort nicht an Land ging. Mit keinem Wort hätte ich so viel antienglische Propaganda machen können, wie die Bombayer Regierung mit diesem Auftreten. Der große Nachteil für mich ist, daß alle die Dinge, die ich mit den Parsis und Sir Amsel Stein besprechen wollte, nicht besprechen konnte. Ich hatte bestimmt gerechnet, von den Parsis Mittel für die Aufnahme der sassanidischen Inschriften in Shiraz zu bekommen. Ferner die Accreditierung nach Afghan(istan) etc. Ich correspondiere mit Modi, (Tata ist unterdes in Europa) aber das ist zu schwer.

In Basra war umgekehrt alles gut vorbereitet, aber doch immer mit Überwachung. Quartier und Abteil im Zug etc. Basra ist sehr vergrößert, riesige Kriegsanlagen, Hafen, Bahn etc. und die Stadt ist überschwemmt mit Ausländern aus Asien und Africa. Ich sehe die Ruinen von Alt-Basra, die genau denen von Samarra gleichen und leicht vom Flugzeug aus photographiert werden könnten. Hoffentlich läßt Miss Bell es machen: die Ausdehnung wird ca.50qkm sein.

Ur Kaôdim, Abrahams Heimat, ist große Bahnstation, wir passierten nachts die combiniert amerikanisch-englischen Grabungen (angeblich sehr erfolgreich, vermutlich unbedeutend) waren schon geschlossen, wegen Hitze, in Wahrheit wegen Mangel an Geld. Später kam man durch Hilla und schnitt die Ruinen von Babylon: durch Humaira, den Hügel des griechischen Theaters und des Scheiterhaufens des Hephaestion.

Die ganze Bahn ist elend, im Kriege von Soldaten auf den Erdboden, ohne jeden Unterbau gelegten Schienen, nicht volle Spurbreite, mit rollendem Material, das in Indien ausrangiert ist. Die Bahnhöfe meist Lehm – und Stacheldraht und Zelte. Nichts könnte die deutsche Bagdadbahn mehr ins Licht setzen als diese Bahn. Jeder Regen schwemmt Teile weg. Über 12 km pro Stunde kann sie nicht fahren. Einnahmen decken nicht die Betriebskosten. Aber daß nennenswerte Summen darin angelegt seien, kann ich nicht glauben.

Baghdad selbst hat einiges elektrisches Licht, viel Autos und Droschken, und ähnliche Neuerungen, ist voll von minderwertigen englischen und anderen Geldmachern und im Ganzen scheußlich. Eine große Veränderung ist, daß man mit den vornehmen Eingeborenen in Berührung kommt. Sie suchten mich auf, luden mich ein, gaben mir Thees mit Reden, Autofahrten ins Land etc., daß es mir den Engländern gegenüber etwas peinlich wurde. Meine ähnlichen Beobachtungen erzähle ich mal mündlich, hoffentlich.

Archäologisch habe ich manches Neue gesehen: in der „Archäologischen Reise“ habe ich etwas von dem Îwân in der Qal’ah veröffentlicht. Von diesem ist jetzt viel mehr zu Tage gekommen und ich konnte es aufnehmen: ein Teil eines großen Palastes, vermutlich des früheren Beiyiden-Palastes (?), Zeit um 1200.

In Ktesiphon, wo Raubgrabungen waren (nach Ziegeln) beobachtete ich, daß unter der ebenen Erde doch noch ca. 3 m Mauern vorhanden sind, im Grunde der ganze Sassaniden-palast. Ich fand auch Stücke von Gipsdecoration, genau wie der III. Stil von Samarra, von dem ich angenommen hatte, daß er vor Samarra schon im Îrak herrschend gewesen sein müsse.

Ich war auch in Kufa und Dhu’l-Kifil. Letzters hat keine alten jüdischen Reste. Ein reicher Jude, Menachem Daniel, der mich dorthin fahren ließ im Auto, hat den Bau innen und außen retaurieren lassen. Ich erinnerte mich in meiner Jugend in hannoverschen Dörfern ähnlich decorierte Tanzböden gesehen zu haben. Daneben steht ein gutes altes Minarett, ca. 1350, mit Bruchstück einer Inschrift. Ich habe alles aufgenommen.

Kufa ist das gleiche riesige Ruinenfeld, wie Basra und Samarra. Die Moschee, unbetretbar, hat ein schönes Thor des XIV. Jahrhunderts. Die Safînat Nûh in Jemen soll genau so decoriert sein. Im Süden der Moschee liegt ein Ruinengebiet, das Dâr al-Hazzâz (ich glaube) genannt wird: dieser Name ist offenbar richtig insofern es das Sâr al-Imâra (arab. Text) ist , ganz deutlich. Kleinkunst genau wie in Samarra: chinesisches Steingut und Porzellan und Glas etc. Ich kaufte ein einfaches Trinkgefäß mit kufischer Inschrift, IX. Jh. nach Chr.. Auch in Najaf, dicht dabei, war ich.

Nach Samarra ging ich offiziell, um den Schutz der Ruinen einzurichten. Ein paar wundervolle Frühlingstage. Samarra ist doch das Schönste im Irak. Es hatte nichts verloren, im Gegenteil, alles erschien mir noch unendlicher, als in der Erinnerung: der grenzenlose Horizont, wie ich ihn sonst nicht kenne, und alles die alte Stadt. Die Ausgrabungen fangen an zu verschwinden, Erde deckt sie zu, und im Frühling wächst und blüht es schon überall. Sehr versöhnend. Die Pflaster und Mauern sind ausgeraubt, und die Publication wird die Dinge allein späteren Zeiten überliefern. Die abgelösten Wandsockel sind verschwunden, spurlos, obgleich die Brandlegende unwahrscheinlich bleibt. Es war nichts Sicheres zu ermitteln.

Der Grund meines langen Aufenthalts (2 Monate) in Baghdad war, daß meine Ausrüstung nicht kam. In Bombay hatte man ohne jedes Recht alles festgehalten, obwohl es nach Baghdad geschickt war, und alles peinlich durchsucht. Schließlich kam alles an, in zerbrochenen Kisten, manches unverpackt, aber, außer Kleinigkeiten, fehlte nur eins: das in London mit vieler Mühe gefundene Abklatschpapier. Mr. Todd, von der Lynch-Gesellschaft, sagte sofort: das kann nur die Bombayer Polizei sein, seien Sie froh, daß die Sachen überhaupt gekommen sind.

Er erzählte mir ein Beispiel, wo die indische Polizei das gesamte Gepäck eines russischen Reisenden gestohlen hatte, auf höheren Befehl. Hinterher fand ich einen Zettel, auf dem ganz naiv stand: Opend by Ku, Preventive Service, Name und Datum.

Schließlich reiste ich ab. Sir Percy und Miss Bell waren schon vorher fort, hatten aber meine Reise über Paikuli arrangiert, trotz Krieg in Sulaimaniyya. Ein Kurdenhäuptling händigte mich immer den anderen aus. In Paikuli grub ich eine Woche und fand außer architektonischen Einzelheiten noch 30 neue Blöcke der Inschrift. Sie ist auch so nicht complet, und ein Teil der Blöcke sind sehr schlecht, aber ich habe jetzt das Bewußtsein, daß ich alles Erhaltene wiedergefunden habe: Amru Lakmîcân sâh, der vorkommt (Datum 293 n.Chr.) wird Sie vielleicht interessieren es ist Amrub-al-Adî (arab. Text), Vater Imralqais I. von Hira.

Von Paikuli ging ich etwas anders als man arrangiert hatte, nach Persien, und die Folge war, daß ein nicht informierter Engländer mich mit der ganzen Karawane höflich verhaftete. Er telephonierte dann nach Khaniqin und bedauerte unmittelbar darauf sein Mißverständnis und war sehr nett. Ich sah daraus, wie genau ich beobachtet war. Durch Khaniqin wäre ich nie gekommen, und doch war alles unterrichtet. Gerade das Gebiet mit seinen Naphta-Quellen ist plötzlich irakisch-englisch. Es war immer persisch. Das ist wieder so eine stillschweigende Erweiterung. Dabei ist es sehr komisch: angeblich hat die vor und während des Krieges arbeitende türkisch-persische Grenzkommission das Gebiet der Türkei zugesprochen. Das ist aber hinfällig, denn die Türkei war gar nicht mehr vertreten! Und gerade der feindlichen Türkei spricht man es zu. Der englische Chef der Grenzkommission, General Wilson, ist jetzt einer der Directoren der Anglo-Persian Oil C(ompany) in Muhammera-Abâdân!

Persien hat vom Kriege her – den Krieg sieht man überhaupt noch überall in Gestalt von Stacheldrähten, Schützengräben, abgelegten Autos, abgelegten Uniformen etc. etc. – einige gute Automobilstraßen bekommen.

Die Engländer haben für die Straße Kasr i Shirin-Hamadan Bezahlung verlangt, die die Perser ablehnten, indem sie anheim stellten, die Straße wieder wegzunehmen. Zur Unterhaltung sind Hunderte von Posten eingerichtet, wo man Zahlungen erpreßt, Unsummen, die irgendwo verschwinden. Die Beamten sind meist Russen, (und zwar sind dies die guten Beamten), die früher bessere Zeiten gesehen haben. Was für ein merkwürdiges Volk, sich in das Unmöglichste zu finden. Das Reisen war früher viel schöner in Persien und viel billiger. Es ist jetzt unbeschreiblich teuer, und zusammen mit dem Mißerfolg in Bombay ist damit mein ganzes Programm erschüttert.

Sehr freundlich war überall meine Aufnahme bei den Amerikanischen Missionen und bei den Engländern von der Imperial Bank of Persia. Der jetzige Manager Mr. McMurray war 1913 mein Gastgeber in Hamadan gewesen und hatte (sogleich) von meiner Reise geschrieben. Überall schickte er mir Post entgegen, und überall wurde ich eingeladen.

Untersuchungen machte ich in Sarpal, Taq i Bustan und Bísotún etc., also im Gebiet meines „Thores von Asien“, viel Photos, wunderschöne, und diesmal richtige Papiermaché-Formen, von denen man Abgüsse machen kann.

In Hamadan habe ich die Gumbadh i’ Alawiyyân, die ich schon in der Browne-Festschrift veröffentlicht hatte, noch mal aufgenommen, weil sie so sehr schön ist. Auch den Löwen von Hamadan, den Talisman des Apollonius von Tyana: das ist ganz wunderlich, dieser Löwe ist nicht altpersisch, sondern stammt aus der Zeit des Apollonius. Heute füttert man ihn, indem man vor sein verwittertes Maul allerhand schöne Sachen, auch Steine und Lumpen legt.

In Baghdad, Kirmanshahan und Hamadan habe ich allerlei kleine Dinge gekauft, darunter sehr schöne:

  • ein ganzer zoologischer Garten von winzigen Tierchen aus Gold, Silber, Lagwerd (Lazwerd?), Onyx, Carneol, Haematit etc.,
  • eine Sammlung von 750 arsacid(ischen) Münzen und 111 sassanidischen, darunter viele Unica und RRR-Stücke.
  • Eine sehr schöne altassyrisch-sumerische Dame, die lächelt und die Hände faltet,
  • 4 hellenistische Silbermedaillons,
  • 4 sumerische Tabletten, 2 Bronze, 2 Marmor etc.

Den Wert dieser Sammlung von 1500 Nummern schätze ich auf 5500-6000 Pfund, sehr gering gerechnet.

Darunter sind eine Anzahl von „bullac“, sassanidisch; eine Gruppe stammt aus Warka, dem alten Uruk-Erech, griechisch bei Ptolemaeus (Osxón), und auf einigen Stücken sind Beamte von (griech. Osxwr) genannt. Die sassanid(ischen) Legenden geben verschiedene Beamte von Khusrau-shât-hormizd. Das ist also der amtliche Name des Âstân. Andere (aus Hamadan) nennen Khusrau-shât-Kâvât, und auf einem (aus Sarpal) lese ich shâhperlor aus bagdât, kann aber noch nicht alles entziffern. Diese Namen kommen noch bei Ibn Khurdadhbih und Qudama vor, und die Siegel korrigieren deren Liste. Ich habe immer geglaubt, daß man so was finden müsse, seit ich unter den sassanidischen Siegeln etwa 3 oder 4 rein amtliche Siegel (nur Schrift ohne Bild) gefunden hatte, Ein paar habe ich in Paikuli aufgeführt.

In Hamadan mußte ich meine Karawane entlassen. Damit komme ich auf das traurige, ja verhängnisvolle Kapitel dieser Reise. Mit einer so umfangreichen Ausrüstung für gelegentliche Grabungen kann man nicht reisen. Das ist ein Fehler im ganzen Plan. Die Kosten übersteigen jede Vorstellung. Und jedesmal, wo ich den Versuch gemacht habe, (Hamburg-Bagdad; Bagdad-Teheran) die Ausrüstung oder Teile besonders zu schicken, trat das ein, was immer eintritt, die Sachen kamen nicht an. Ich finde keinen Ausweg und bin jetzt dabei, mindestens 1/3, wenn nicht mehr, aller Sachen einfach auszurangieren. Zu wirklichen Grabungen komme ich mit meinen Mitteln nicht, nur zu Schürfungen hier und dort.

Von Hamadan nach Teheran fuhr ich mit dem Auto: 1 kleiner Fordwagen und 1 ½ Tonnen Lastwagen. Kosten ca.320 Tuman oder 70 Pfund Sterling. Die Karawanenreise hätte für die Tiere allein 1500 Tuman oder 330 Pfund gekostet. Einfach forbidding.

In Teheran hat mich Graf von der Schulenburg eingeladen, bei ihm in Shîmran zu wohnen: 5/4 Stunden von der Stadt, in einem großen Park am Fuß der Berge, auf denen noch der Schnee liegt. Nach einer solchen Reise ist das wundervoll. Hier bin ich schon 14 Tage, etwas bedrückt durch die Inanspruchnahme der Gastfreundschaft. Der Afghanische Minister mußte trotz aller mitgebrachten Schreiben von Berlin und London erst nach Kabul depeschieren. Die Russen sind so geschäftsordnungslos, daß man 10 mal verabredeterweise hingehen muß und doch nie einen trifft. Kurz, nach 14 Tagen habe ich noch keine Ahnung, wie und wohin ich weiterreisen kann. Ich hoffe noch auf baldige Klärung, bin aber doch sehr pessimistisch gestimmt. Wie in Bombay können da Intrigen dahinterstecken. Herr Percy war in London, mit dem ergatterten Gelde! Außerdem Foucher in Kabul, der auch entgegenwirken wird. Die französische Regierung soll der englischen die Konzession gemacht haben, Aurel Stein ebenfalls in Afghanistan arbeiten zu lassen. Wenn ich den nur in Indien gesprochen hätte! Percy Cox hatte mir gesagt, ich könnte ihn in Delhi treffen.

Waurick ist mit Browne (Wönckhaus) in Baku, und ich hoffe, er kommt nächster Tage Aber es kann sein, daß sie auf das Wönckhaus-Schiff, das jetzt hoffentlich auf dem Kaspischen Meere schwimmt, warten. Der russische Gesandte überreichte mir bei meiner Visite 2 Briefe von Waurick aus Moskau: in Moskau erwartete man mich. Tatsächlich ist dieser – sehr billige – Ausweg vielleicht der schnellste Weg für mich: 3mal wöchentlich Schnellzüge mit internationalen Schlaf- und Speisewagen Moskau-Baku und Moskau Taschkent.

Die Ungewißheit quält mich sehr.

27.7.1923

Die Lage ist immer noch unverändert. Ich hatte gehofft, Ihnen noch die Lösung mitteilen zu können, will aber diesen Brief vorläufig abschließen. Der Unterrichtsminister hat mich auf-gefordert einen Vortrag zu halten. Ich werde vielleicht über „Ein neues Kapitel der altpersischen Geschichte“ sprechen. Gesellschaftlich ist hier viel los; einige alte Freunde und die amerikanische und englische Gesandtschaft. Die Russen sind interessant, verkehren aber nicht.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

203. Ernst Herzfeld an C. H. B. Teheran, 30.9.1923

Lieber Becker,

vor meinem Aufbruch von Teheran muß ich Ihnen mal wieder berichten. Zuerst die Enttäuschungen: Von Bombay wissen Sie, auch von dem Diebstahl des weißen Papiers durch den Preventive Service: das sah nach Bolschwistensuche aus. Dann kam die erstaunliche Rückziehung der Einreiseerlaubnis in Afghanistan. Nachträglich sagt der Gesandte hier Herrn Sommer, man hätte in Kabul gehört, ich sei ein bolschewistischer Agent. Jetzt kam Herr Waurick hier an und erklärte mir andererseits das Mißtrauen, das die Russen mir entgegenbrachten: Herr Zuckermann in Moskau hätte sich eingehend nach mir erkundigt. Die russische Botschaft in Berlin hätte von einem deutschen Gelehrten gehört, alles sei blague und ich ein englischer Spion. Außerdem hat von Niederm.(?) ihm gesagt: Colin R’s Reise habe ich verhindert; dafür daß H(erzfeld) nicht hinkommt, wird F.P. schon sorgen. Letzterer war unmittelbar nach meiner Abreise in London. Damit ist wohl alles klar, und ich habe dem russischen und dem englischen Gesandten hier ausführlich berichtet. Sie werden nachforschen, woher diese Mitteilungen stammen.

Unterdes haben die Parsis mir ihre Geldhilfe für die sassanidisch-achaemenidischen Untersuchungen angeboten. Ich habe sie gebeten, mich für 1000 Pfund zu accreditieren, und reise morgen nach Süden, über Rey-Viramin – Kum – Khurka – Sultanabad – Isfahan nach Pasagardae und Persepolis.

Vermutlich werde ich die erste Novemberhälfte in Isfahan, die erste Dezemberhälfte in Persepolis und von Weihnachten an in Shiraz sein. Vielleicht gehe ich dann noch weiter nach Firuzabad, Shapur und Naq i Bahram, lauter sassanidischen Denkmälern. Glückt es mit den Parsis, so kehre ich dann irgendwie hierher zurück und komme über Bukhara – Samarkand nach Deutschland.

Bisher habe ich folgende Ergebnisse:

  • Eine Anzahl neuer islamischer Bauten und Inschriften aus dem Irak,
  • Paikuli endgültig untersucht,
  • Inschriften und Felsreliefs aus dem Grenzgebiet (Serpul etc.),
  • bei Kirmanshah den Taq i Bustân (über 100 Platten und viele Abformungen) und hellenistische Architekturreste.
  • Von da und Hamadan eine Anzahl kufischer Inschriften und ein paar Mongolen-bauten.
  • In Teheran habe ich 1. einen Katalog der Altertümer im Museum des Shah, 2. eine eingehende Untersuchung der Grabungen von Rhages, 3. Islamische Bauten und in Varâmîn, 4. ein sehr merkwürdiges sassanidisch-zoroastrisches Heiligtum Takt i Rustam.

Dies habe ich mit dem englischen Gesandten zusammen untersucht. Dazu habe ich ein Inventar von über 1700 kleinen z. T. wundervollen Sachen, darunter prachtvolle Münzen. Diese Sachen sichern die Fortsetzung der Untersuchungen. Also, trotz der Mißerfolge, bin ich sehr zufrieden.

Die Nachrichten aus Deutschland sind furchtbar. Man wiederholt 1918. Wo geht das hin? Zur Auflösung wahrscheinlich.

Mit 1000 Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

204. Ernst Herzfeld an C. H. B. Bombay, 23.12.1924

Lieber Becker,

es ist tief in der Nacht, vor meiner Abreise, morgen früh nach Karachi und von da durch Belutschistan zurück nach Persien. Ich kann weder schlafen noch sonst was Vernünftiges thun, und da meine Gedanken wandern, wandern sie auch zu Ihnen und ich schreibe Ihnen. Endlich. Ich hätte es so oft thun müssen. Manches war schön, manches scheußlich. Mein Freund Brandenburg behauptet, von einem gewissen Alter an, böte das Leben nur noch Doubletten. (Randbemerkung: Das Verrückte ist, daß selbst die versäumten Gelegenheiten Doubletten werden!) Das ist furchtbar wahr. Und doch erlebt man dann wieder mal unike Erlebnisse, aber nur von der unangenehmen Art. So war Afghanistan. Nachdem ich den Orient 20 Jahre und mehr kenne, gründlich, war ich darauf nicht gefaßt. Alles war verkehrt. In Colombo lag ich mit einer Hautgeschichte fest, die durch die Hitze im Roten Meer und danach veranlaßt war, das Hugo-Stinnes-Schiff nicht für Tropen gebaut war. Ich war wie von kochendem Wasser verbrüht. Bis Bombay hatte ich mich mit Hilfe von einem englischen Arzt – which I simply detest – so weit erholt, daß ich die mir dort gebotenen Feste ungefähr ertra-gen konnte. Der Lichtblick war Taxila, bei Sir John Marshall und Dr. Sporner (er wie seine Frau Studienkameraden von mir). Dann kam eine Woche Dienersuche und Warten auf die Pässe in Peshawar, was mir furchtbar vorkam. Nichts Öderes, als eine angloindische Stadt, Posemukel ist Paris dagegen. Dann zwei Tage Auto für 750 Mark nach Kabul. Als ich 14 Tage später zurückkam, kam mir Peshawar wie das Paradies vor.

Das Ganze ist also nichts als ein aufgelegter Schwindel und Humbug, ohne großes Interesse, dessen einzige Existenzberechtigung darin liegt, daß man in England die zweifelhafte Idee hat, Indien und andere Länder müßten von bufferstates umgeben sein. Wenn man andere Ideen hätte, würde dieser und andere Staaten nicht existieren, und das wäre besser. Aber Ideenreichtum ist uneng-lisch. Die Deutsche Gesandtschaft besteht aus 3 Räumen. Sie ist damit völlig charakterisiert, daß sie nach x-jähriger Existenz noch kein Closett besitzt. Es wäre in jeder Beziehung besser, sie existierte nicht. Nur absolut notwendig ist es, alles zu thun, um der dortigen deutschen Colonie ein Ende zu bereiten, selbst auf Staatskosten. Die Hälfte sind Betrüger, die Hälfte Betrogene. So was habe ich weder erlebt noch für möglich gehalten. Einige bemitleide ich tief, so Sebastian Beck, der mir früher gräßlich war. Können Sie ihm helfen? Diese Leute müssen zurücktransportiert werden. Allein die Tatsache, daß ca.70 Deutsche dort in unwürdigsten Verhältnissen leben, macht jede ernste Arbeit da unmöglich. Die Mißachtung die sie genießen, wird sofort auf jeden anderen Deutschen übertragen. Ich habe mich totgeschämt, und war froh und atmete auf, wie ich wieder in Indien war. Grobbe ist meines Erachtens ganz ungeeignet für die Stellung. Mit einem Wort: er imponiert sich. Leider niemandem anderen. Nicht den geringsten Einfluß, steckt die unverschämtesten Grobheiten ein. Das heißt er diplomatisch. Ich höre lieber auf, es ist zu fürchterlich. Verheimlichen Sie niemandem mein Entsetzen. Zu Hause muß ich doch etwas dagegen unternehmen.73

aus: dtv-Atlas Weltgeschichte Band 1, 24. Aufl., 1990
aus: dtv-Atlas Weltgeschichte Band 1, 24. Aufl., 1990

Anderthalb Jahre habe ich mir gesagt: unter allen Umständen die Serenität der Seele bewahren, ohne die kein Erfolg sein kann. Merkwürdig war es, daß meine Freundin Kerstroop mir dann schreibt (die anglisierte Holländerin): „Bewahren Sie sich immer die Serenität Ihrer Seele.“ Es war Gedankenlesen. In Afghanistan verlor ich sie. Jetzt kommt sie wieder. Ich war noch mehrmals bei Sir John Marshall. Er hat mich zum Honorary Correspondent Member (Government of India) vorgeschlagen. Dann fahre ich nach Delhi zum Foreign Secretary, der mit größter Freundlichkeit meine Fahrt nach Belutschistan arrangierte und mir auch alle Karten und für den Dienstgebrauch gedruckten Informationen schickte. Dazu mußte ich in Bombay mir eine völlig neue Ausrüstung besorgen, da die Afghanen meine Sachen alle nicht durch das Zollamt passieren ließen: einfach alles geraubt. Selbst die photographischen Platten.

In Bombay hielt ich zwei Vorträge und habe die Finanzierung der Freilegung und Conservierung von Persepolis (25 000 Pfund Sterling) ziemlich gesichert. Da Eduard Stinnes statt erwarteter 5000 Mark ebensoviel Dollar schickte, reise ich über Belutschistan und (unleserlich …essin) nach Teheran zurück. In Karachi treffen mich meine alten Araber aus Hilla bei Baghdad.

Und trotz allem: wie viele beneiden mich und ich bin der Lage eines Menschen der gezwungen ist mehr zu genießen als er kann. Sie können sich nicht denken, wie schrecklich das ist. Ich habe nur einen Wunsch, mich mit dem Mantel Salomes, über Nacht nach Haus zu versetzen. Ich komme mir vor wie der ewige Jude. Wenn ich nicht zu müssen glaubte! Aber einmal wird ja auch dies alles zu Ende sein. Und jetzt lese ich weiter ein paar Pahlevi-Bücher, den „Assyrischen Baum“, das „Buch der Taten Ardashirs“, und allmählich wird es soweit sein, daß ich zum Schiff muß.

Dieser Brief sollte mein Glückwunsch zu Weihnachten und Neujahr sein!

Mit 1000 Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

 

205. Ernst Herzfeld an C. H. B. Sistan, 3.2.1925

Lieber Becker

Ich muß Ihnen mal wieder berichten (Randbemerkung: die Hauptsache vergessen: ich träume immerfort von Ihnen, manchmal Gutes, mal Böses, nie Langweiliges manchmal erscheint Schadow, womit verfolgen Sie mich?), wann es das letzte Mal war, weiß ich nicht, nur daß ich damals sehr unzufrieden war. Seither ist es besser geworden.

Ich war froh, als ich endlich aus Bombay fortkonnte, dessen Klima ich nicht leiden kann. Es war aber sehr feierlich und ich bin zu vielen der Parsis in sehr nahe Beziehung gekommen. Weihnachten fuhr ich ab. Dann eine Woche in Karachi, auf ein neues Zelt aus Lawnpor (?) und meine zwei Araber wartend. Auch in Karachi wurde ich gefeiert, ein großer Empfang, Autofahrten und dergleichen. 24 Stunden nach Quetta, ein entsetzlicher Klimawechsel, von großer Hitze in strengen Winter. Auch da empfing mich die Parsi-Gemeinde. Außerdem hatte der Foreign Secretary alles arrangiert. Der Politische Resident hatte Briefe für mich von den englischen Consulaten in Ostpersien, die mich einluden.

dtv-Atlas Weltgeschichte Bd. 1, S. 178 zeigt, wie die Mongolen den Mittleren Osten überrollten, aber auch China!
dtv-Atlas Weltgeschichte Bd. 1, S. 178 zeigt, wie die Mongolen den Mittleren Osten überrollten, aber auch China!

Zweimal 24 Stunden durch die beluchische Wüste nach Dazdap in Persien. Ankunft früh morgens, ich badete gerade als der Zug hielt und der Adjudant des Gouverneurs, – der von seinem Minister benachrichtigt war – in mein Coupé kam um mich zu empfangen. Da es ein ungewöhnlich kalter und regenreicher Winter ist, kamen keine Karawanen und ich mußte, als Gast des Gouverneurs, 14 Tage dort bleiben. Er war ein glänzender Schachspieler und überhaupt nett, nur etwas alkoholisch. Dazu Bankmanager, Vizekonsul und belgischer Zollmann, alle nett. Es war sehr kalt aber schön. Nach 14 Tagen ging es endlich nach Sistan, bis auf den eisigen 5ten Marschtag sehr schön. Ich fand eine Menge achämenidischer Ansiedlungen mit bemalter Keramik. Sistan ist voll legendärer historischer Erinnerungen, und ich knacke an dem Problem, was daran wirklich Geschichte ist. Hier wohne ich bei dem englischen Consu-lararzt. Im Consulat selbst ist eine ganz interessante Bibliothek. Die Perser erleichtern mir jede Tour so gut sie können.

Morgenfrüh gehe ich – ca. 5 Tage – zu dem Kûh i Kherâdja, einem seltsamen Berg im See von Sistan, wo viel Ruinen sind. Aurel Stein war dort. Ich möchte achämenidische Sachen finden. Der Berg muß nämlich da sein, auf dem nach der (Pahlavi-)Legende Zoroaster den Vistárp die neue Religion lehrte, also der persische Sinai. Ich habe mir in Bombay mehrere Pahlavi-Bücher schenken lassen und sie gelesen und viel interessantes darin gefunden: historisch-geographisches. Die älteren Bücher von Spiegel, Geiger etc sind gar nicht mehr zu gebrauchen. z. B. Vistárp-(Hepstapes) (schlecht leserlich) ist der Protector Zoroasters. In Sistan nimmt er die neue Lehre an. Eines der drei Hauptfeuer überführte er von Khwârizm (Khiva) nach der Stadt des Kanâranz (nicht wie man las: Kâbul oder Kâriyân) in Fârs. Die Stadt des Kanâranz ist aber Nêjahpuhr, Hauptstadt von Parthara. Vistárp ist verheiratet mit seiner Schwester Hutaosa (Arossa, Mann der Schwester und Frau des Kambyses und mehrerer achämenidischer Frauen). Danach kann es gar nicht zweifelhaft sein, daß der Vistárp der Legende identisch ist mit dem Vistespa der achämenidischen Inschriften, dem Vater des Darius, der Satrap von Pathara, Residenz Néjshapuhr war, und dem auch Khazr und vielleicht Sîstân (Zrang?) unterstand. Dann lebte also Zoroaster unmittelbar vor Darius I. Daher sind Kyros und Kambyses (Eigennamen sind ethnisch) noch keine Zoroastrer, sondern erst der Pseudo-Sinentis (?), (der wahrscheinlich echt war) und Darius Sinentis hieß: Spandâta, – Dâranya-vahus, Artasarsa etc. sind alles religiöse Namen, offenbar Thronnamen, während die Legende die eigentlichen Eigennamen bewahrt hat. Allmählich komme ich dahinter. Rustam, den die Legende in so hohes Alter versetzt, und dem hier fast 100 Jahre alte Lehmmauer zugeschrieben wird, ist dagegen , nach Pahlavi-Quellen: Sakânsâh, also Sake, d.h. wahrscheinlich ein Mitglied der parthischen Secundogenitur-Dynastie, der z.B. Grundherr der Beschützer des Apostel Thomas und Gründer von Kandahar (Unleserliche Ergänzung) angehörte. Hier lebten auch Nachkommen der vor 80 Jahren erblich regierenden Gouverneure, die sich Kayânî nennen, und von Vistarp abzustammen glauben. Sie heißen aber auch Farsiwân, und das ist (im Gegensatz zu Fârsîyân, Perser) „Parther“ und in Paikuli bereits (achämenid. Schrift) geschrieben. Also sind sie Nachkommen von Rustam, dem Parther. Einer von ihnen, ganz zerlumpt und halbnackt, erzählt mir immer alles und bringt mir Münzen und andere alte Kleinigkeiten, und ich werde diesen letzten Arsaciden als Hilfskoch engagieren und ihm einen Pelz schenken. Ich weiß nicht wie er heißt, ich werde ihn Mi’lâd, d.i. Mithridates rufen. Ich glaube, ich bin der größte Experte in der Vergänglichkeit alles Irdischen. Morgen gehe ich auf die Insel, den Berg Ôsdâstâr, im Meer Frâzdân. Die Insel ist unbewohnt, vier Stunden zu reiten und vier Stunden auf einem bootförmigen Floß aus Schilf. Ich werde also allein sein und die Vollmondnächte genießen. Inschallah, wenn kein Regen kommt. Jetzt muß hier schnell Frühling kommen, nach dem vorjährigen Wettertabellen im Konsulat. Sistan liegt nur 500 m über dem Meer und ist der wärmste Teil von Ostpersien. Bevor ich hier weiterreise, wird dann auch in den hohen Bergen die Winterkälte gebrochen sein. In Mashad hat mich der amerikan(ische) financial adviser, ein Fliegermajor(!) Hall und seine Mutter eingeladen, ihr Gast zu sein. Es wird 2te Märzhälfte werden bis ich dahin komme. Und hinter allem steht die angenehme Aussicht wieder einmal zur Ruhe zu kommen!

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ernst Herzfeld.

Provinz Fars in Südpersien, Ausschnitt der offiziellen Iran-Karte von 1971
Provinz Fars in Südpersien, Ausschnitt der offiziellen Iran-Karte von 1971

 

206. Ernst Herzfeld an C. H. B. Berlin, 19.12.1925

(… Historisches; abkommandiert zum Generalstab für mehrere Wochen; geplante Hochzeit der Schwester)

 

207. Ernst Herzfeld an C. H. B. Teheran, 27.1.1928

Deutsche Gesandtschaft

Randnotiz: Empf. Am 6.2.1928

Lieber Becker,

ich muß Ihnen doch endlich wieder berichten, der Reihe nach.

Also: ich war eine gute Woche in Constantinopel, wo ich viele alte Bekannte sah und neue kennen lernte, unter ihnen den famosen Botschaftsrat von MoltkeNadolny war gerade in Angora – mit dem ich mich sehr anfreundete. Er hat viel künstlerische und archäologische Interessen und ist einer der – im besten Sinn – geschmackvollsten Menschen, die ich kenne.

Habib Bey war wie auch früher, gegen mich sehr nett. Was er nicht immer thut, er lud mich gleich zum Frühstück ein, und einen ganzen Tag führte er mich durch den Topqapu-Serai, auch die noch nicht eröffneten Teile. Konstantinopel ist doch unvergleichlich schön, und wenn man das Bild dadurch verloren hat, daß jetzt alles in abgelegten Sachen aus der Askustraße (?) herumläuft, so ist diese Schönheit doch unzerstörbar. Aber launisch ist Habib doch: ganz plötzlich fing er manchmal zu schimpfen an. Man hatte ihm zugetragen, Sarre hätte gesagt, er sei selber schuld daran, daß die Funde von Babylon, Samarra und Tell-Halaf dem Constantinopler Museum entgangen seien. (Wenn Sarre es gesagt hat, hat er ganz recht.) Es wäre doch so gewesen, daß er absichtlich alles an Ort und Stelle gelassen hätte, um uns einmal das Nach-Berlin-bringen zu erleichtern! – Daß er Mugen (?) entlassen hat, verstehe ich: persönlich kenne ich ihn kaum, aber das ist wissenschaftlich ein Mensch ohne Gedanken, und wenn er mal einen hat, ist er falsch. Mir war das Studium der babylonisch-hettitischen Abteilung sehr wichtig: ich hatte einen Aufsatz im Jahresbericht der Notgemeinschaft geschrieben, der auf diesem Gebiet noch revolutionärer ist, als damals in der „Genesis“ im Islam. Und ich habe in Konstantinopel gesehen, daß ich noch mehr Recht habe, als ich glaubte.

In Athen war ich nur ein paar Stunden, aber solche Stunden sind es wert. Dann ging es nach Cairo. Ich mußte einmal richtig die frühägyptischen Altertümer studieren, im Vergleich zu meinen prähistorischen Dingen hier. Und dann bin ich, wie stets, zu den alten Moscheen gepilgert: Austia (?unleserlich) und Ibn Tulum und Hakim, und die prachtvollen alten Mauern und Tore. Creswell beschlagnahmte mich sehr und kletterte mit mir in den Casematten der Citadelle herum, rührend unermüdlich. Dann war ich einen Abend bei Mrs. Devonshire, die über Cairoer Moscheen ausführliches geschrieben hat. Nette ältere Dame, Französin von Geburt. Am letzten Tage hatte ich einen langen Besuch von Wiet (?): natürlich wollte er was haben, nämlich Inschriften, zunächst schon publizierte, dann aber auch unpublizierte: das letztere finde ich sehr schwer. Denn man kommt seinem Verleger gegenüber in eine schwere Lage: der steckt viel Geld in eine epigraphische Publication, die doch geschäftlich entwertet ist, besonders wenn sie deutsch erscheint, wenn vorher die Inschriften selbst, wenn auch ohne Commentar in einem französischen, also auf mehr Publicationen zählende Reihe erschienen sind.

Von Cairo flog ich nach Baghdad: 9 Flugstunden, Kaffeepause in Gaza, Mittagspause in Rustbar mitten in der Wüste. Zwei sehr schöne Augenblicke des Fluges sind

  • erstens wo man Jerusalem etwas im Norden, das Mittelmeer noch ganz und gar im Westen und das ganze Tote Meer im Osten sieht, also ganz Palästina mit einem Blick.
  • Und dann, wenn man, vor dem Irak, über den Hubbâmyya-See fliegt, und kurz darauf ein langes Stück Euphratlauf und zugleich schon den Tigris sieht.

In Baghdad war es gräßlich: Littens nahm mich sehr nett auf. Aber wie die Stadt, die früher so fremdartig schön war, im Laufe von 15 Jahren ruiniert ist, ist nicht zu beschreiben. So was amerikanisch-coloniales; Wellblechschuppen und große Reclamen, nur Bauplätze, und ein Abschaum von Bevölkerung. Die Engländer zerfallen in 2 Klassen, die sich ziemlich voneinander trennen:

  1. der High Commissioner (der sehr durchschnittsmäßige Dobbr war nicht da) und seine verschiedenen Secretäre, die ja einem oder zwei Ministerien entsprechen und
  2. die Leute die in der Irak-Regierung als adviser etc. sind.

A sind anständige Leute; B nicht.

Einer der übelsten ist Croker, der adviser des Waqf-Ministeriums und vertretender Director of archaeology. Er ist zugleich Einkäufer für verschiedene amerikanische und englische Sammlungen, und diese Combination ist ein gutes sicheres Geschäft. Während ich da war, kam gerade Woolley, der Ausgräber von Ur, nach Baghdad, um einige sehr wertvolle Goldsachen, prähistorisch, die er Angst hatte an Ort und Stelle zu behalten, in ein Baghdader Safe zu legen. Abdulkadir Tehelebi, unser alter Grabungskommissar und jetzt Museumsdirector, bekam nichts davon zu sehen, wußte natürlich aber alles. Das geht dann direct nach London. Sie sind alle Piraten. Sich da hineinmischen kann man sich doch nicht. Und ich habe mir gar keine Mühe gegeben, gegen die Bemühungen Crokers, mit dem ich mich (nach Oppenheim) so glänzend stehe, mich von da fern zu halten, anzugehen.

In Baghdad war Cholera ausgebrochen und ich mußte auf der Weiterfahrt im Auto in Kasr i Shirin an der persischen Grenze vier Nächte Quarantäne machen. Ich benutzte die Zeit, um die Ruinen, ein Schloß von Khosrans Parwez, genau anzusehen. Sie werden jetzt für Straßenbauten geplündert und waren daher schutzfreier als sonst. Ich fand, daß sie schon den Plan des safawidischen Schlosses von Tchihil Sotûn in Isfahan haben mit einer offenen Säulenhalle vor dem gewölbten offenen Thronsaal, dahinter der geschlossene Thronsaal C. (schematische Zeichnung)

In Teheran war ich zuerst, fast 4 Wochen, Graf Schulenburgs Gast, wie immer, bis ich ein Haus fand, nur durch ein Grundstück von der Gesandtschaft getrennt, und wunderschön, und bis ich das etwas bewohnungsfähig gemacht hatte. Seither wohne ich darin, dauernd durch Arbeiter gestört. Es ist altes Palais, von etwa 1850, wenigstens ein Teil davon, mit noch sehr viel Stil, und soweit ich es bisher mit meinen schönen alten Sachen eingerichtet habe, sehr gut geworden. Eben waren Graf Schulenburg und Dr. Boetzkes mit Frau hier – (der hergekommen war, um die Finanzfrage zu studieren und vielleicht als Nachfolger des fortgegangenen Ame-rikaners Millspaugh sie organisieren soll) alle sind immer entzückt.

An Ereignissen gibt es, daß Mitte Oktober endlich der neue Vertrag zwischen Frankreich und Persien unterzeichnet ist, der das Monopol aufhebt. Dies rechne ich mir als großen Erfolg an. Noch vor nicht lange sagte Rosen und noch später schrieb mir Sir John Marshall von Indien, daß sie es für unmöglich hielten. Der neue Zustand tritt mit dem Engagement von M. Godard in Kraft, das nächstens dem Parlament vorgelegt wird: er ist Architekt, ich kenne ihn schon lange, harmlos, und soll also ein Directeur du département des antiquités oder dergleichen werden. Der neue französische Gesandte, M. Wilden, hat vor 3 Tagen seine Beglaubigung überreicht, und dabei darauf angespielt, er wird es schnell erledigen. Dann kann man wirklich hier graben.

Mein geplanter Contract liegt in der Budgetkommission des Parlaments. Ein Ministerwechsel hat wieder Verzögerung verursacht, aber der neue Minister will es, während der alte Obstruction machte. So wird auch das bald erledigt werden. Ich wünsche es sehr, denn ich verzehre hier schnell mein ganzes Geld, Teheran ist maßlos teuer. Und ich habe für mich überhaupt nichts. Das Auswärtige Amt läßt mich ganz im Stich (Terdenge). Nicht nur, daß keine Rede mehr war, wie damals bei Ihnen angeregt wurde, daß die Kulturabteilung etwas zu den Kosten beitrüge – sie haben nur 4000 Mark für die Transporte gegeben – ich habe auch bis heute nichts von meiner Attachierung hierher gehört, und infolge dessen besitze ich auch gar nicht die Beurlaubung, oder Heraussendung durch das Kultusministerium, weil diese beiden Schritte zusammen gemacht werden sollten. Ich finde das nicht sehr schön von Terdenge.

Meine große Büchersendung muß bald in Teheran eintreffen, vor etwa 4 Wochen hat sie Bushir verlassen. Unterdes habe ich hier eine Bibliothek dafür zurecht machen lassen. Seit ein paar Wochen lese ich schon Colleg, da ich nur wenig Material hier habe, ist das eine über altpersische Inschriften, das andere Lecture von Pahlavi-Texten. Ich lese jetzt schon in Persisch (aber in schlechtem). Unter meinen Hörern sind der Oberpräsident (?) des Parlaments, ein Staatssekretär im Kultusministerium, jemand vom Hofministerium, der „ Malik ul-shu’ arâ, und andere. Nächstens mache ich auch einen populären Kurs, in Englisch, für Europäer, auf Wunsch, besonders der Frau des amerikanischen und englischen Gesandten. Jetzt kommt man auch mit den Russen mehr in Berührung. Morgen bin bei dem Botschafter zum Frühstück. Er heißt Dartian (d.i. Daudiang), Armenier aus Persien, und hat eine reizende Frau. Sie wollen nach Persepolis und vorher meine Aufnahmen sehen. Eine Sehenswürdigkeit in Teheran wird wieder mein „Museum“, in einem Zâr i zanûn, einem schönen gewölbten Saal im Untergeschoß.

Das sind meine Neuigkeiten. Ich habe von Berlin so gut wie nichts gehört. Wenn Sie können, schicken Sie mir mal eine Zeile!

Mit besten Empfehlungen bin ich Ihr ergebenster Ernst Herzfeld.

 

208. Missen an C. H. B. Berlin, 24.2.1928

(Maschinenmanuskript)

Dem Herrn Minister ganz geh(eim)

Vortragender Legationsrat Terdenge teilt mir mit:

Die Attachierung des Prof. Dr. Herzfeld an die Deutsche Gesandtschaft in Teheran wird im Laufe der nächsten zwei Wochen ausgesprochen werden. Die Kulturabteilung habe bei der Länderabteilung Schwierigkeiten gehabt, diese Maßnahme durchzuführen. Prof. Herzfeld wird wissenschaftlicher Berater oder Beirat oder Sachverständiger der Gesandtschaft werden. Die Attachierung wird zeitlich nicht begrenzt sein. Zugleich mit der Attachierung wird das Auswärtige Amt den Gesandten in Teheran zu einem Bericht über die Regelung eines persönlichen Gehaltes für Prof. Herzfeld auffordern, und nach Eingang des Berichts mit dem Kultusministerium in Verbindung treten. Einen Beitrag des Auswärtigen Amtes zu den Kosten der wissenschaftlichen Arbeit des Prof. Herzfeld ist vom Auswärtigen Amte nicht vorgesehen, nachdem die Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft die gesamten Kosten übernommen hat.

Berlin, den 24.2.1928 (gez.) Missen

 

209. C. H. B. an Ernst Herzfeld, Teheran (Berlin), 14.4.1928

(Maschinenkopie)

Mein lieber Herzfeld!

Da ich höre, daß heute ein Courier nach Teheran geht, will ich mir das zum Anlaß nehmen, Ihnen einen kurzen Gruß zu senden und Ihnen zu danken für zwei Briefe und die gemeinsame Karte mit Ritter und Weil.

Schon auf Ihren ersten Mahnbrief habe ich mich mit der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes in Verbindung gesetzt und von dem Gesandten Freytag wie Herrn Terdenge die Zusage erhalten, daß alles in Ihrer Angelegenheit schnellstens geordnet werden solle. Nun kam gestern Ihr zweiter verzweifelter Brief, und da traf es sich nun eigentümlich, daß ich gerade für gestern beim Persischen Gesandten zu einem Frühstück zu Ehren des persischen Außenministers eingeladen war. Stresemann war auch da, und ich benutzte die Gelegenheit, sowohl mit dem persischen Außenminister, der übrigens einen ganz hervorragenden Eindruck macht, und mit Stresemann über Sie zu sprechen, d.h. den persischen Außenminister darüber ins Bild zu setzen, wie sehr wir Sie hier schätzten und Herrn Stresemann erst einmal über Sie zu informieren. Der persische Minister sprach mit fabelhafter Begeisterung von Ihnen, und ich bemühte mich, im Sinne Ihres hier gerade erhaltenen Briefes zu wirken. Dann nahm ich mir Richthofen, der auch anwesend war beiseite und habe ihm dann nachmittags kurzer Hand Ihren Brief zur persönlichen Lektüre geschickt, mit der Verpflichtung, ihn niemand anders zu zeigen. Auf diese Weise ist er, der guten Willens ist, von mir ins Bild gesetzt worden, und ich bin überzeugt, daß er sich alle Mühe geben wird, die bei der Kulturabteilung immer nur schwer vorwärts kommende Angelegenheit nun seinerseits energisch zu betreiben. Ich muß jetzt diesen Brief abschließen, da ich den ganzen Tag mit internationalem Lehrerbetrieb festgelegt bin, kann also nicht mehr hören, was Ihnen Richthofen mit dem gleichen Courier schreiben wird. Immerhin werden wir tun, was wir können, um Ihnen zu helfen.

Nur einige persönliche Worte von mir. Ich habe mich 14 Tage in Meran erholt und dann in Nürnberg Dürer gefeiert, wo eine fabelhafte Ausstellung zusammengekommen war. Bode hat sogar den Muffel herausgerückt, nicht aber den Holzschuher.

Den Meinigen geht es gut. Ich hatte natürlich entsetzlich viel zu tun, habe sehr viele Reden gehalten, auch im Parlament und dieser Tage auf dem Internationalen Pädagogenkongreß über internationalen Geist und nationale Erziehung. Soll ich Ihnen so etwas einmal gelegentlich schicken? Ich habe immer das Gefühl, daß Sie dieser Welt des Kampfes so ferne stehen, daß man Sie in Ihrer wunderbaren Abgeschiedenheit damit nicht behelligen sollte.

Nehmen Sie heute mit diesen wenigen Zeilen freundschaftlichen Gedenkens vorlieb. Ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß Ihre Sache auch meine Sache ist.

Von Herzen grüßt Sie Ihr getreuer (CHB)

 

210. Auswärtiges Amt, Herr von Richthofen, an Ernst Herzfeld, Teheran. Berlin, 14.4.1928

Mein lieber Herr Herzfeld!

Leider bin ich nicht dazu gekommen, Ihnen mit dem letzten Kurier einige Zeilen zuzusenden. Wie ich aber dem Grafen Schulenburg geschrieben habe, habe ich angenommen, daß Ihre verschiedenen Wünsche inzwischen in Ihrem Sinne erledigt sind. Nun hat mich vorgestern Herr Hahn angerufen und gestern hat mich auf einem zu Ehren von Ansari-Stresemann gegebenen Frühstück auf der Persischen Gesandtschaft Herr Minister Becker darauf angesprochen, wonach Sie noch Ende März ohne Nachrichten über die hiesigen Pläne geblieben seien.

Leider ist Terdenge im Augenblick beurlaubt, so daß ich mich nicht bei ihm nochmals über den Stand der Dinge informieren konnte. Ich habe mir aber die verschiedenen Akten geben lassen und daraus zunächst festgestellt, daß wenigstens in der Frage Ihrer Attachierung an die Gesandtschaft ein Definitivum geschaffen ist. Ich hatte die Sache schon vor vielen Wochen mitgezeichnet und kann im Augenblick nicht mehr feststellen, woher es gekommen ist, daß der Erlaß des Auswärtigen Amtes hierüber erst am 28.3. abgegangen ist. Herr Schneider ist zurzeit auch nicht da, ich nehme aber an, daß die Verzögerung nicht auf irgendwelche sachlichen Schwierigkeiten sondern nur auf die große Inanspruchnahme Herrn Schneiders durch das Mammuth-Revirement zurückzuführen ist.

Was nun die finanzielle Seite der Sache betrifft, so sieht die Sache von hier aus folgendermaßen aus:

  • 4000 Mark sind für Tranport der Bibliothek usw. bewilligt und bezahlt worden.
  • Anfang Januar sind von der Notgemeinschaft 10 000 Mark, im März 6000 Mark telegraphisch abgesandt worden.
  • Die Museen wollten vom 1. April ab einen Einkaufsfonds zur Verfügung stellen; ich weiß nicht, ob das inzwischen geschehen ist. Das Archäologische Institut wollte 5000 Mark zur Verfügung stellen. Ist das inzwischen geschehen oder sind da Schwierigkeiten aufgetaucht?

Offen scheint mir nur die von Ihnen in Ihrem Brief an mich vom 25. Februar angeschnittene Frage eines finanziellen Beitrages an Sie selbst, entweder durch die Übernahme Ihrer Hausmiete, was ungefähr 4800 Mark ausmachen würde, oder durch Gewährung eines Repräsentationszuschusses zu sein. Ich habe in diesen Fragen seinerzeit bei Terdenge keine genaue Auskunft erlangen können, insbesondere darüber nicht, von wem eine derartige Zusage gemacht worden ist. Ich werde aber diese Frage, die ich ja von der Länderabteilung aus gar nicht allein lösen kann, mit Terdenge sofort nach dessen Rückkehr besprechen und mich darüber informieren, ob es vorgesehen und möglich ist, von Seiten der Kulturabteilung ein Zuschuß in einer der eben angesprochenen beiden Formen gegeben werden kann. Mir scheint eigentlich selbstverständlich, daß irgend so etwas gemacht werden muß, und ich möchte, wenn die Abt. VI zur Verfügung stehenden Mittel nicht ausreichen, mich dafür einsetzen daß aus politischen Fonds etwas gegeben wird, da zweifellos ein erhebliches politisches Interesse an einer er-sprießlichen Tätigkeit Ihrerseits in Persien besteht. Sollte tatsächlich die finanzielle Basis, so wie sie sich jetzt darstellt, zu klein sein, so möchte ich eigentlich vorschlagen, daß Graf Schulenburg, dem Sie ja diesen Brief wohl sowieso zeigen, und dem ich leider heute nicht mehr persönlich schreiben kann, eine entsprechende Anregung hierher richtet. Es scheint mir zweckmäßig, daß darin gar keine Bezugnahme auf frühere Besprechungen oder irgendwelche sonstigen Vorgänge gemacht werden, vielmehr würde es genügen, wenn der Bericht, ins Unreine gesprochen, etwa in dem Sinne abgefaßt würde:

  • Nachdem Herr Professor Herzfeld nunmehr offiziell der Deutschen Gesandtschaft zugeteilt ist, möchte ich von hier aus darauf hinweisen, wie wichtig diese ganze Sache für uns ist und noch werden kann. Es darf der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß die auf Gründung eines Instituts hinzielenden Pläne im Auswärtigen Amt weiter verfolgt werden. Auch politisch kann das für unsere ganze Stellung in Persien nur von Nutzen sein. Bei der Gelegenheit muß aber darauf hingewiesen werden, daß Herr Professor Herzfeld auch in eine dementsprechende materielle Lage versetzt werden muß. In diesem Zusammenhange darf daher der folgende Vorschlag gemacht werden … usw.

Nun muß ich aber schließen. Ich möchte nur vor Schluß noch einmal versichern, daß Sie keineswegs hier etwa hier vergessen sind, wenn es auch manchmal von außen genommen so den Eindruck erweckt. Wir sind nur manchmal hier ein etwas schwerfälliger Apparat. Wie dem auch sei, wenn Sie irgendwelche Wünsche oder Sorgen haben, so stehe ich jederzeit gern zu Ihrer Verfügung; Sie müssen mir dann nur eine Zeile schreiben und mir konkret mitteilen, was für Sie geschehen soll. Ich halte die Möglichkeiten, die sich auf Ihrem Gebiet für uns in Persien ergeben können, für so groß, daß ich wirklich alles, was in meinen Kräften steht, daran wenden werde, Ihnen zu helfen.

Mit aufrichtigen Grüßen, auch an Graf Schulenburg, verbleibe ich stets Ihr

(gez. Rf)

 

211. Auswärtiges Amt, Richthofen an C. H. B. Berlin, 14.4.1928

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister!

Anbei mit Dank den Brief von Herzfeld vom 30.März zurück. Wenn alle die Briefe, die ich von unseren Herren im Auslande bekomme, auf einen so milden und versöhnlichen Ton gegenüber dem Auswärtigen Amt abgestimmt wären, so würde ich sehr zufrieden sein. Von dem Vorhandensein des Briefes werde ich selbstverständlich von hier aus gar keinen Gebrauch machen.

Ich habe Herzfeld heute geantwortet und füge einen Durchschlag zu Ihrer gefälligen vertraulichen persönlichen Information hier bei.

Mit vielen Grüßen verbleibe ich, sehr verehrter Herr Minister, Ihr ergebener

(gez.) Richthofen

 

212. Ernst Herzfeld an C. H. B. Persepolis, 15.3.1932

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

vielen Dank für Ihre Zeilen aus Baghdad, und das Tageblatt ist auch schon erschienen mit Ihrem Aufsatz. Es war doch sehr schön, daß Sie hier waren. Gerüchteweise hörte ich, daß die Zeitungen erzählen, daß Sie das Unterrichtswesen in Iraq reorganisieren würden. Das wäre eine prachtvolle Gelegenheit noch mal hierher zu kommen. Dann wird vielleicht unser Palast schon ganz fertig sein, mit amerikanischen all steel Betten, Wasserleitung und elektrischem Licht.

Nach Ihnen war Upton hier, leider die ganze Woche fieberkrank, und jetzt anderer Besuch. In einer Woche erwarten wir Charles Breasted. Recht amerikanisch kommt er mit besonderem Flugzeug und einem Cinematographen: da soll ein Film über die Thätigkeit des Instituts aufgeführt werden. Wenn die Beschaffung weiterer Mittel durch so fürchterliche Sachen gewährleistet wäre, könnte man es ertragen.

Reliefs von der berümten Apadana-Treppe in Persepolis (Prospekt 1971)
Reliefs von der berümten Apadana-Treppe in Persepolis (Prospekt 1971)
Persepolis
Persepolis

Ich hatte eine andere Idee – in Bombay giebt es eine Richtung unter den Parsis, die die Totenaussetzung abschaffen wollen. Eine sehr einflußreiche Dame bat mich mal darüber

etwas zu schreiben. Jetzt haben wir richtige kleine Felsgräber aus achämenidischer Zeit entdeckt, die beweisen, daß die einbalsamierte Beisetzung der Könige keine Ausnahme war, sondern die Erdbestattung durchaus die Regel, daß also Herodot ganz recht hat, wenn er nur von den Magiern sagt, daß sie die Aussetzung hätten. Das ist eine barbarische ostiranische oder centralasiatische Sitte, die erst in nachachämedinischer Zeit – Belege giebt es erst aus der Sassanidenzeit – verallgemeinert wurde. Ich bin gerade jetzt wieder in Correspondenz mit den Parsis, und will die Gelegenheit benutzen, einige einzuladen, an der Untersuchung der Gräber teilzunehmen. Vielleicht führt das zu einer weiteren Finanzierung falls es die Amerikaner versagen sollten.

Ich muß Ihnen noch etwas sehr merkwürdiges sagen. Fast gleichzeitig mit Ihrem Brief kam einer von dem uralten Sir Jivanji Jamshedji Wodi. Er schreibt mit zittriger Hand zu dem dik-ierten Brief: „my very best wishes for you und your work“. Und Sie schreiben „Gott schütze Sie und Ihr Werk“. Sonst hat noch nie jemand mir so was geschrieben. Besonders niemand von meinem „Werk“ auch nur geredet.

Vor einigen Tagen kam Frau Bangsdorff. Es scheint ganz gut zu gehen. Dadurch daß Bröckelmeier aus Teheran mit zwei jungen Fräulein von der Heydes gleichzeitig kam, merkte man es weniger.

Hoffentlich haben Sie Ihren chinesischen Bericht in Paris schnell erledigt und sind Sie nun friedlich wieder zu Haus. Vergessen Sie nicht meine Schwester zu sehen, und ihr viel zu erzählen. Ich möchte, sie käme im Herbst mit dem Jungen eine Weile hierher, dann würde ich sie irgendwo auf halbem Wege treffen. Ich selbst möchte nicht im Sommer nach Deutschland kommen.

Mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener (gez.) Ernst Herzfeld

Anmerkung: Krefter und Langsdorff empfehlen sich. Unser Haushalt hat sich um 9 junge Gänse vermehrt. Es muß ein See für sie gebaut werden.

 

213. Ernst Herzfeld an C. H. B. Persepolis, Shiraz, Persia, 23.10.1932,
The Oriental Institute. The University of Chicago. Persian Expedition

Lieber Becker,

Ich war , sehr kurz, meiner Schwester nach Alexandria entgegengefahren, und nun sind wir seit ein paar Tagen zurück. So eine Unterbrechung, zu der man sich wegen des damit verbundenen Abbrechens aller Gedankengänge so schwer entschließt (mir graut vor allen Reisen), bekommt aber gut. Meine Schwester gab mir Ihre schönen Photos mit allen Reise(?)-Motiven, und hier bekam ich dann Ihre IslamStudien II. Wissen Sie, was ich zuerst gelesen habe? Die Lebensbilder. Vieles darin hat mich sehr bewegt: man sieht dabei so deutlich seine eigenen Fehler.

Wir haben wieder unruhige Tage: der Shah kommt und will einen ganzen Tag hier sein. Schade, daß der große Säulensaal noch nicht fertig ist. Aber da sonst das Vorderhaus gebaut ist, können wir ihn sehr schön aufnehmen. Meine Bibliothek (die alte) ist jetzt Eßzimmer, viel

Ruinen von Persepolis in der Provinz Fars, Südpersien
Ruinen von Persepolis in der Provinz Fars, Südpersien

schöner als vorher: in den Nischen große alte persische Bilder aus der Tahali shah-Zeit, und dazu etwas Porzellan und Silber. Während meine Bibliothek in der langen Galerie neben dem großen Säulensaal einfach eine Sehenswürdigkeit ist: mit der Thür, deren Aufrichtung Sie gesehen haben, antikem Kamin u. a. Die Bücher alle in den Wänden. Ich habe eine böse Entdeckung gemacht: ich konnte es in Baghdad einfach nicht mehr aushalten, so verwöhnt durch die Ruhe, reine Luft und Schönheit hier. Cairo ging dagegen, weil der Comfort dort es erträglich macht.

Meine Grabungen sind erfolgreich. Schrieb ich Ihnen schon von der Artaxerxes I.-Urkunde? Der Text ist kurz und nur für Persepolis selbst und philologisch interessant. Aber bei dem Mann der die Aryarronne-Inschrift hatte in Hamadan, sehe ich wieder etwas ganz Außerordentliches: ein ganzes Silber-Service von Artaxerxes I. mit Inschriften in Altpersisch, die erste Altpersische Inschrift von ihm. Gelungenerweise ist fast jedes Wort ein Fehler: viel Material für Schaeder. Es ist tatsächlich so, daß auch Daraios, d.h. also überhaupt in der Achämenidenzeit, schon Mittelpersisch gesprochen wurde, und das Altpersische. nur noch gelehrte Sprache: liest man die Artaxerxes-Inschrift z. B. ohne die (falsch) angehängten Endungen der Substantive und Verben, so ist sie ein gutes altes Mittelpersisch. Einen Versuch, diese Sachen zu Haus anzubieten, habe ich nicht erst gemacht.

Wir graben jetzt in Istakhr, und das scheint mir sehr interessant. Zunächst eine Tiefgrabung um über die Schichten klar zu werden und eine Schätzung der nötigen Arbeit zu machen. So liegen z. B. unter der in Istakhr beschriebenen Moschee, die doch also von 900 ist, mehrere alte Bauten, zunächst drei, die wahrscheinlich sassanidisch, arrakidisch (?) und achämenidisch sind. Es sieht aus, als hätten die achämenidischen Dinge da einen anderen Charakter, als wäre Persepolis die „akademische“ Kunst jener Zeit, und als käme dort die entsprechende „volkstümliche“.

Littmann schrieb mir, daß er Ihre Briefe gelesen und Berto (?unleserlich) gesehen hat.

Herzliche Grüße von uns allen hier.

Ihr Ernst Herzfeld.

 

214. Ernst Herzfeld an C. H. B. Persepolis, 6.12.1932

Lieber Becker,

nun geht das Jahr zu Ende, kaum angefangen. Wieder ein bisher regenloser Winter, kalte Nächte, aber strahlende Tage, alles leuchtet. Nachdem Sie hier waren kann man leichter erzählen. Wir haben große Funde gemacht. Ich kam dazu auf der Suche nach dem eigentlichen Zugang zu unserem tiefliegenden Palast. Der große Säulensaal ist jetzt unter Dach und es fehlen nur noch die 8 Säulen der Vorhalle. Vor der Vorhalle ist ein ganz geschlossener Hof, gegenüber eine entsprechende Halle mit vier Säulen und Thür in geschlossenen Raum, kein offener Eingang (ganz haremsartig) (Daneben Zeichnung).

Persepolis, Tripylontreppe mit der Meder-Delegation , 6./5. Jh. Vor Chr.(Ghirshman, Perse, Gallimard, Paris 1963)
Persepolis, Tripylontreppe mit der Meder-Delegation , 6./5. Jh. Vor Chr. (Ghirshman, Perse, Gallimard, Paris 1963)

Es gibt auch keinen Aufweg zu den hohen kleinen Palästen des Xerxes und Darius. Was ich Tripylon oder Tetrapylon genannt hatte, ist das Thor zu den kleinen Palästen, aber sein Durchgang ist nordsüdlich. Es ergab sich, daß das Niveau vom Hauptthor her sich zwischen der großen Apadana und dem 100-Säulensaal bis vor das Tripylon erstreckte, derart, daß das große Apadana ganz frei auf einem hohen Sockel liegt, und infolgedessen auf seiner Ostseite noch einmal dieselbe riesige Treppenanlage besitzt, wie auf seiner Nordseite, mit dem großen Tributgang davor, nur daß eine andere große Treppenanlage vor der nördlichen Front des Tripylon liegt. Diese Treppen sind vollendet erhalten, mit ihren Geländern und Zinnen und Skulpturen – mit unerschöpflichem Detail das man gar nicht ahnte, sind wie eben fertig geworden: (Zeichnung)

An der neuen Tripylontreppe ist etwas Neues: unter den lebensgroßen Garden, den (griech. Wort, wohl den Unsterblichen!), von denen man bisher 1 medisches, 1 persisches und 1 elamisches Regiment kannte, kommen jetzt als viertes ein Regiment von meinen besonderen Freunden, den Sakâ tigra Khaundâ. Schaeder und Lenz sind der Ansicht, daß die Sakâ, entgegen den Angaben der Inschriften, keine Satrapie des Reiches waren. Ich hoffe, sie werden das bald schriftlich widerlegen.

Eine neue Inschrift habe ich auch gefunden, aber nicht hier, die erste altpersische von Arta-xerxes I. Und wie ich erwartet hatte, sie ist ganz falsch. Der einfache Satz: „Silberne Schüssel für den Palast des Artaxerxes p.t. gemacht“ kann nicht mehr construiert werden, sondern es steht da: Artaxerxes I. p.t qui (non iste acc sg.) patina (nom.fam.) argenteum (acc. m.sg.) factus (p.part.pass.)_

Dazu hat man den Genitiv von Xerxes und von Darius vergessen und bildet „Xerxes-i’ und Darius-i’. Die beiden Worte für „silberne Schüssel“ sind neu. Es ist also so, daß schon unter Artaxerxes I seit 465 Mittelpersisch gesprochen wurde: denn liest man so eine Inschrift unter Weglassung aller der falschen Endungen ist es eine richtige mittelpersische Construction.

Man hat die Sprache natürlich im Jahre 465 vergessen, und es folgt, daß meine Auffassung von der Sprachveränderung unter Xerxes und schon unter Darius richtig ist: sprachecht ist nur die ältere Anagramm-Inschrift. Unterdes belehrt mich Schaeder über den bewußten Synkretismus der von den Achämeniden in Gang gebrachten künstlerischen Production, über das Ethos der göttlichen Würde, das ihre große Architektur beherrscht. Dann läßt er den „Schmuck, mit dem die Mauern verziert wurden (so die (falsch ergänzte und falsch übersetzte) persische Fassung – die akadische hat ‚Reliefschmuck’ (Leere Behauptung)) aus Ionien importiert werden und von Medern und Ägyptern bearbeitete, und dazu eine neue Autorität auf, Herrn Zschietzschmann.

Ich kann so was nur als Dreck bezeichnen und ich fürchte, ich werde ihm mal maßlos grob kommen.

Palast des Darius in Persepolis, aus:Die Welt der Perser von Henri Stierlin, Gondrom 1980
Palast des Darius in Persepolis, aus:Die Welt der Perser von Henri Stierlin, Gondrom 1980

Was ist das für ein Ruote? Ich habe ihm seit 5 Jahren die Mitteilungen geschickt, damit er eine Anzeige schreibt, die er nie geschrieben hat. Statt dessen, aus heiterem Himmel, jener Akademie-Bericht über die Anagramm-Inschrift. Darauf hatte ich ihm geschrieben, trotzdem er mich damit völlig überrascht habe, schickte ich ihm doch meine Entgegnung vor dem Druck. Darauf hat er überhaupt nicht geantwortet. (Randbemerkung von E. H.: Ich finde es eine ziemliche Frechheit, wenn jüngere Collegen meine Briefe ignorieren.) Den Vortrag in der Archäologischen Gesellschaft hat er mir überhaupt verheimlicht, Sarre schickte mir Druckfahnen. In dem sind einige Sätze die ich unverschämt finde, nämlich wenn er , sagt, z. B. „Ellen, nicht Pferdehöhen, wie Herzfeld will“ oder „Herzfelds DeutungKalkstein“ ist unhaltbar“, ohne jeden Versuch einer Begründung. Als ob er verfügen könnte, was die Wörter bedeutet haben. Der Ursprung des Maßes ‚Arsu’ ist dunkel, kann aber nur mannshoch oder pferdehoch bedeuten, beides kommt vor, Elle ist natürlich decidiert. Das Wort für Kalk ist formell das neupersische Wort für Kalk. „Nicht wie H. will, Unhaltbar“ ohne Begründung, finde ich eine reine Ungezogenheit: ich werde das demnächst schreiben.

Besuch haben wir wenig gehabt: den Shah jenen Lunch und Thee – mit sehr großem Erfolg, er war so vergnügt wie seit langem nicht, und machte so treffende Bemerkungen und vor allem stellte er so außerordentlich kluge Fragen wie ein Architekt oder Archäologe. – Dann kamen zwei englische Prinzessinnen, die 14 Tage blieben, anspruchslos und begeistert und einfach entzückend. Dann noch ein paar sehr nette Französinnen, so der allerbesten Sorte. Sonst nichts. Jetzt ist der junge Breasted 14 Tage bei uns.

Von Sarre hatte ich einen langen Brief, noch nie einen so bedrückten: außer den vielen Sorgen fühlt er sich krank – und was zu erwarten war, verbittert über Kühnel. Sarre ist einer von den wenigen, ich möchte beinahe sagen der anständige Mann unter den Berliner Gelehrten – unseres Kreises, ganz einfach, weil er aus alter guter Familie ist und immer reich und unabhängig war. Wenn man daneben die Schieber an Museum, Universität, Akademie sieht! Er schreibt mir, er möchte, bevor er stirbt, die Samarra-Publication beendet sehen. Das möchte ich natürlich auch, und alles ist so weit vorbereitet, daß nicht übermäßig viel Arbeit dazu gehört. Aber es ist immer noch viel Arbeit, und ohne zu wissen, daß er gedruckt wird, kann man keinen Text schreiben, weil er sonst in einigen Jahren doch wieder neu geschrieben werden muß. Und das Material, aufs knappste bemessen, ergiebt immer drei Bände: die Architektur ist nicht in weniger als 2 Bänden unterzubringen. Es handelt sich um 3 ausgegrabene und ein paar (4 oder 5) oberflächlich untersuchte Paläste, um 15 Häuser, zwei riesige Moscheen, dazu die schiitischen Heiligtümer, einige Gräber und Kleinigkeiten. So sind es etwa 30 Objecte, und wenn man bloß 6-7 Abbildungen für jedes rechnet (viel zu wenig), sind das mindestens 200 Tafeln, d.h. 2 Bände. Dann kommt, was im Grunde das eigentlich bedeutende an den Grabungen ist: die Stadt als Ganzes mit dem großen Plan, der damals aufgenommen ist und dazu nun die im Kriege gemachten deutschen und die uns vom Vice-Air-Marshall gegebenen englischen Fliegeraufnahmen. Dazu gehört noch eine Übersetzung der Beschreibung von Yaquli und einige Übersetzungen aus Tabari: die sind aber so schwer, daß es kaum jemand kann. Und an diesen Bau wären anzuhängen die – wenigen – Inschriften auf Stein, Holz, Papier und Papyrus, Leinen. Das sind also immer 3 Bände, und ich glaube nicht, daß man ohne einen Zuschuß von 4000 Mark so einen Band herausgeben kann.

Ich habe kürzlich eine echte (?) antike Holzthür bekommen, alle vom gleichen Bau, obgleich von verschiedenen Zeiten. Es muß ein Grab sein, daß – vielleicht ohne es zu benutzen – ‚Adul al-daulah Daitami sich hat bauen lassen. Zwei Stücke haben, außer religiösen Dingen, die Worte: (Folgen drei Zeilen Text in arabischer Schrift)

Sprache und Schrift sind schlimmer, als auf späteren, auch immer fehlerhafte arabische Inschriften aus Persien. Die religiösen Stücke hat Littmann mir entziffert, sehr schwer und ganz anders als mir je in der Epigraphe vorgekommen ist.

In Istakhr haben wir eine Versuchsgrabung gemacht, die sehr eigenartige Dinge zu Tage gebracht hat. Die islamische Schichten ähnlich wie in Samarra (ohne die Gipsdekorationen), darunter eine sassanidische, in der viel ältere Skulpturen verbaut sind, und diese sind früh-seleukisch und gehören zu dem baktrischen Hellenismus. Sehr unerwartet. Aber diese Bauten sind so monumental, daß ich sie nicht zerstören mochte, und so sind wir in die – schwach entwickelten – tieferen Schichten noch nicht vorgedrungen.

Ich war recht krank, ein Wiederausbruch meiner alten Malaria, wobei ich mich immer recht wohl fühle: hohes Fieber giebt eine so wunderbare Gleichgültigkeit, alles versinkt, es ist wie eine Betrunkenheit. Aber volle 5 Tage war es nicht von 40°C herunterzubringen. Dann habe ich mich in heiße Laken packen lassen, im geheizten kleinen Badezimmer, das Bad bereit, und ordentlich Aspirin genommen und ganz zusammen gekauert ohne Bewegung dagelegen. Ich habe es nur ½ Stunde ausgehalten, es kam mir vor wie 2 Stunden. In dieser halben Stunde ging das Fieber auf 37° herunter. Dann ins Bad, heiße Sachen angezogen und ins Bett mit viel Chinin. Es ist nicht wiedergekommen.

Merkwürdig, was für schöne Sachen man in so einem Delirium sieht: wenn es die gäbe, wäre es das schönste Museum der Welt. Und dabei habe ich die ganzen fünf Tage ohne Pause in riesigem Tempo französische und englische Bücher dictiert.

Jetzt sitzt man friedlich, morgens und abends am Kaminfeuer, in der Bibliothek, wo in der Tiefe (?) der Genius mit dem Ungeheuer kämpft. Es sind vier: ich kann in der zoroastrischen Literatur diese Gruppe nicht finden; am nächsten kommen ihnen die 4 Tiere der Daniel-Apokalypse. Ich habe auch noch eine sehr merkwürdige Notiz über den Kûh i Khwâya, durch Messina; in einem Commentar zum Natth.Eev. (unleserlich) wird er als Heimat der Magier, Mons Victorialis, mit der bezeichnenden 3tägigen Wallfahrt in Erwartung der Erscheinung des Erlösers, erwähnt, bei einer Stadt Sodorola, worin der Hafen der Thomas-Akten, Sindrôd, steckt, in den syrischen Akten (syr. Wort) verschrieben: Sa(n)daro(c) > Sodola; früher hätte ich das noch nicht gemerkt, obwohl ich (syr. Wort) gesehen hatte.

Das sollte ein Brief mit Neujahrswünschen sein: es ist nur noch wenig Platz, aber sie sind intensiv! Ihr Ernst Herzfeld.

 

215. C. H. B. an Ernst Herzfeld Berlin, 5.1.1933

(Maschinenkopie)

Mein lieber Herzfeld!

Als Ihr lieber Brief pünktlich zu Weihnachten eintraf, war es mir ein schmerzliches Bewußtsein, daß ich Ihnen nicht ebenfalls einen Weihnachtsbrief geschrieben hatte. Aber ich habe einen alten Grundsatz, Weihnachtsbriefe immer zu beantworten, sonst komme ich einfach nicht mehr durch. Schon so hat es bis zum heutigen Tage gedauert, daß ich Ihnen auf Ihren lieben Brief antworte.

Mein Zögern hatte allerdings auch noch einen anderen Grund, da ich gern einmal vor Beantwortung Ihres Schreibens mit Schaeder sprechen wollte und ihn in den Feiertagen nicht erreichen konnte. Nun habe ich vorgestern ausführlich mit ihm über den Fall Herzfeld gesprochen, habe ihm auch wesentliche Teile ihres Briefes – unter Auslassung der Verbalinjurien – vorgelesen und möchte Sie nun ganz genau mit aller freundschaftlicher Offenheit über den Tatbestand informieren, denn ich finde es unerträglich, wenn die wenigen Arbeiter auf einem wissenschaftlichen Sondergebiet, wie dem Ihrigen, sich untereinander verkrachen, und zwar wegen wissenschaftlicher Meinungsverschiedenheiten, die man doch auch in freundschaftlicher Form erledigen oder doch wenigstens konstatieren kann; warum dann gleich Räuber und Mörder? Auch Ihre Charakteristik Schaeders ist m. E. zu temperamentvoll. Bisher haben Sie es äußerlich in der Form an nichts fehlen lassen, und ich beschwöre Sie, daß Sie diese formelle Überlegenheit in der Form auch weiterhin behalten. Schaeder glaubt, subjektiv, Sie immer nur in respektvollster Weise behandelt zu haben und hat, wie ich im intimsten Gespräch konstatiert habe, tatsächlich auch eine immense Wertschätzung Ihrer Arbeit, allerdings hauptsächlich auf archäologischem Gebiet, weniger auf rein philologischem. Aber er hat auch im persönlichen Gespräch mir gegenüber niemals auch nur halb so scharfe Ausdrücke über Sie gebraucht, wie Sie über ihn. Er ist sich außerdem der kollegialen Verbundenheit und des Altersunterschieds wohl bewußt, hat aber einen sachlich-philologischen Furor, der ihn zwingt, sich zu äußern, wenn er anderer Meinung ist. Wenn er bisher Ihre archäologischen Bände nicht öffentlich kritisiert hat, so hat er das getan aus der Überzeugung heraus, daß er sich in vielen philologisch-historischen Punkten so ablehnend verhalten müßte, daß Sie das nicht verstehen würden, und es ihm verdenken könnten. Er hat mir erzählt, daß auch unter anderen altpersischen Sachverständigen in Europa diese kritische Haltung Ihrer spekulativen historisch-philologischen Konstruktion gegenüber bestünde. Man sieht die grundsätzliche Hauptschwäche Ihrer Position in dem immer wieder erneuten Versuch der Verbindung einer literarisch-mythologischen Tradition mit historisch-archäologischen Tatbeständen. Man bewundert Ihre großartige Materialkenntnis, glaubt aber, daß Sie sich in Ihrer Abgeschiedenheit ein System aufgebaut haben, dessen Grundlagen historischer Kritik nicht standhalten, und daß Sie auch Ihre neuen Kombinationen und neuen Funde immer wieder in dieses System einbauen. (…)

Wissen Sie, lieber Herzfeld, daß Sie es im fernen Persien und in Ihrem entzückenden Harem eigentlich viel besser haben, als wir in Berlin?. Jedenfalls rate ich Ihnen, sich die Stimmung nicht durch vergräzte Briefe aus Berlin verderben zu lassen, und wenn diese von Ihren Freunden kommen, sich nicht ohne weiteres damit zu identifizieren. Ich denke hierbei an den Fall Sarre. (…)

Wir haben alle unsere Schwächen, und es zeugt nicht von Stärke, wenn man die Schwächen anderer Menschen anders als eben als Schwächen nimmt und sich durch Ärger über sie in das gleiche Niveau herabreißen läßt, statt sie wegen mangels an Kraft und Haltung zu bedauern. Ich habe mir die Islam Sakina und das Sabre Gamil als Vorbild genommen. Gewiß muß man sich auch einmal wehren, und ich habe das gegen Karabazek, wo ich der weitaus jüngere war, gewiß gründlich besorgt. Aber in unserem Alter muß man irgendwie etwas von dem göttlichen Erbarmen mit der Schwäche der anderen im Herzen tragen, aber es muß auch wirklich ein Erbarmen, kein Ärger, keine Verachtung und kein Schimpf sein74. Denn sehen Sie, bei aller Wertung unserer sachlichen Leistung und unserer wissenschaftlichen Erkenntnis treten mir alle diese Dinge mit dem Älterwerden sub specie aeternitatis et universi stark hinter dem Menschlichen zurück, daß ich in ihm den eigentlichen Wert erkenne, um den es zu leben sich lohnt, und erst aus diesem Persönlichen heraus wird mir das Sachliche wichtig. Ich habe viel menschlich Schönes im Leben erfahren und erfahre es noch täglich. Sie haben sich aus dem Kontakt mit den Menschen mehr zurückgezogen und Ihr Leben versachlicht. Aber Ihre Liebe zur Erkenntnis und zur Forschung ist doch in letzter Linie nichts anderes als der Ausdruck Ihrer spezifischen Persönlichkeit, und ich meine, es ist schließlich gleichgültig, auf welchem Gebiet man die Grenzen des Menschseins empfindet, ob im persönlichen Erlebnis oder in der wissenschaftlichen Diskussion, Ausgangspunkt und Endziel bleibt doch immer unsere persönliche Haltung. Und darum eben dieses Erbarmen, von dem ich spreche. (…)

Ich habe Ihnen zweimal die ganze Serie (Fotos) nach Persepolis geschickt. (…) Jedenfalls denke ich mit viel Liebe an meinen Aufenthalt bei Ihnen zurück und ich würde Sie schreck-lich gern wieder einmal besuchen und mich dann einmal vier bis sechs Wochen bei Ihnen wirklich auf eine Arbeit konzentrieren. Vorerst sehe ich aber gar keinen Weg dazu. Die Verhältnisse werden hier immer enger, und ich muß mir mein Geld schon selber verdienen, um im Frühjahr eine kleine Spanienreise zu machen und vielleicht bis Marokko vorzustoßen. (…)

Mit herzlichen Grüßen an Ihre Mitarbeiter Ihr Ihnen freundschaftlich verbundener (CHB)

Isfahan, Masjid-i-Shah (safawidisch), mit früherem Poloplatz, rechts Ali Qapu (mongolisch) Links: Shaykh Lutf Allah. Aus: Persian Architecture von Arthur Upham Pope, Shiraz 1969
Isfahan, Masjid-i-Shah (safawidisch), mit früherem Poloplatz, rechts Ali Qapu (mongolisch)
Links: Shaykh Lutf Allah. Aus: Persian Architecture von Arthur Upham Pope, Shiraz 1969

1 Ernst Emil Herzfeld *1879 Celle +1948 Basel, Archäologe und Orientalist, Prof. in Berlin 1918-35, und dann in Princeton (N.J.). Mitbegründer der islamischen Archäologie, Architektur- und Kunstgeschichte. Reiste 1903 (mit Sarre) in den Vorderen Orient. Er war zwischen den Weltkriegen der hervorragendste, in der Ausdeutung seiner Funde nicht unangefochtene Erforscher der vorderasiatischen Ruinenstätten und hat die iranische Archäologie erst eigentlich ins Leben gerufen. Brockhaus 1954

Angesichts des Umfanges des Dossiers gehe ich in diesem Fall selektiv vor. Vgl. Quellen am Schluß!

2 Eduard Meyer *1855 +1930, Althistoriker, 1884 Prof. in Leipzig, 1885 in Breslau, 1889 in Halle, 1902 in Berlin. In seiner „Geschichte des Altertums (1884-1902, 5 Bände) stellt er, beginnend mit Äegypten und Vorderasien, die antike Geschichte bis um 366 v. Chr. in einem universalen Rahmen dar und suchte so die griechische Geschichte aus ihrer Isolierung zu lösen. (Brockhaus 1996)

3 Hervorhebung des Herausgebers.

4 Es geht um die Gründung einer deutsch-österreichischen Orientgesellschaft, die dann aber doch nicht zustande kommt. BB

5 Max Freiherr von Oppenheim, Forschungsreisender und Archäologe, *1860 +1946, führte seit 1892 Reisen in Vorderasien, Nord- und Ostafrika und im Tschadseegebiet aus; leitete 1911-13 und 1929 die Ausgrabungen in dem von ihm entdeckten Tell Halaf. Brockhaus 1956. Der Tell Halaf ist das assyrische Guzana (Gosan). Die dortigen Funde stammen aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. (Chalkolithikum). Literatur: Oppenheim 1931,33-55.

6 Herzfeld telegrafierte am 8.12.1910 aus Bagdad: Tadelloses Balkhi Manuscript datyert 1086. Karten was maximalpreis Herzfeld Consulat allemand.

7 Hervorhebung des Herausgebers.

8 Telegramm Herzfeld aus Bagdad 12.12.1910 an C. H. B.: Balkhi fünzig Pfund gekauft. Bitte Ottomanbank überweisen. Herzfeld.

9 Samarra, Stadt im Irak am Tigris, heute ist dort ein Staudamm, 110 km nördlich von Bagdad mit etwa 15 000 Einwohnern (1956), heute etwa 63 000 Einwohnern, Wallfahrtsort der Schiiten. Die Reste der 836 errichteten, im 10. Jahrhundert verfallenen Abbassidenresidenz (1911-13 von Ernst Herzfeld ausgegraben), mit Moschee, Kalifenpalästen, Wohngebäuden, Höfen sind bedeutsam für die frühislamische Kunst. Die Abbassidenstadt erstreckte sich über 30 km! Im. Golfkrieg 1991wurden viele Überreste stark beschädigt. Am besten erhalten der Balkwarapalast (854-859), der Kasr al-Aschik (heute restauriert), der große Kalifenpalast Beit al-Khalifa (175 ha), von dem noch das Tor der Audienzen steht, und ein oktogonales Mausoleum (nach 862, am anderen Tigrisufer) sowie die Umfassungsmauern mit halbrunden Türmen und das ungewöhnliche Spiralminarett Malwija der 847-861 erbauten Großen Moschee. Außerdem wurde Tonware des 5. Jahrtausends vor Christi (kupferzeitlich) gefunden. Brockhaus 1956&1996

10 Buchbeschaffung im Orient! BB

11 570 m über N.N.

12 Diese Kanälchen, wie Herzfeld sie nennt, sind auch in Persien verbreitet als Djub und dienen sowohl der Bewässerung der Alleebäume als auch der Sauberkeit von Straße und Bürgersteig! BB.

13 Hervorhebung vom Herausgeber.

14 Hervorhebungen vom Herausgeber.

15 Hervorhebung vom Herausgeber.

16 Bücherliste nicht abgedruckt. BB

17 Hervorhebung des Herausgebers.

18 Hervorhebung des Herausgebers.

19 Hervorhebung des Herausgebers

20 Die Randbemerkung Herzfelds hat Becker gewiß übersehen. S.o.

21 engl. Mile = 1609,34 m; deutsche Meile seit 1866 im Norddeutschen Bund = 7500 m

22 Anmerkung Beckers: harb heißt Feldzug sowohl wie Schlacht.

23 Der Balkan brodelt, die osmanische Macht in Nordafrika zerfällt zusehends:

  • 1908/9 Bosnische Krise nach Jungtürkischer Revolution. Anschluß Kretas an Griechenland.
  • Bulgarien unabhängiges Königreich
  • 10.1908 Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Österreich brüskiert Serbien und die Pforte
  • 1910 Montenegro Königreich
  • 1912/13 Balkankrise. Unruhen in Albanien. Tripoliskrieg mit Italien schwächt Pforte
  • 3.1912: 1. Balkanbund gegen Österreich mit Serbien, Bulgarien, später Griechenland, Montenegro
  • 10.1912 Krieg gegen Türkei der vier Mächte bedrängt Pforte. Verschärfung der internationalen Lage, da Serbien (gestützt von Rußland) Zugang zur Adria verlangt; Widerstand Italiens, das seinerseits Albanien annektieren möchte. Griechenland protestiert gegen italienische Besetzung des Dodekanes.
  • Österreich-Ungarn gegen Machtzuwachs Italiens und Serbiens und deckt Bulgarien.
  • 1913 Deutschland und England vermitteln (Bethmann-Hollweg & Grey): 5.1913 Frieden von London:
  • Abtretung aller türkischen Gebiete westlich der Enos-Midia-Linie und aller ägäischen Inseln.
  • 6.1913: 2. Balkankrieg. Bulgarien greift – sich wohl überschätzend – Griechenland an. Alle Balkanstaaten einschl. der Türkei siegen vereint, das führt zu dem Frieden von Bukarest 8.1913, wodurch Bulgarien Mazedonien und die Dobrudscha verliert; Kreta endgültig an Griechenland; Albanien selbständig
    Serbien enttäuscht, da von Österreich-Ungarn gehindert die Adria zu erreichen.
  • Das Pulverfaß brodelt weiter und führt
  • In der Julikrise 1914 zum 1. Weltkrieg.
    (nach dtv Atlas Weltgeschichte Bd. 2, S. 399.)

24 Hervorhebung des Herausgebers.

25 Hervorhebung des Herausgebers.

26 Senussi, Snussi, arab. Senusi, ein besonders in der Anfangszeit europäer- und christenfeindlicher, von den Wahhabiten beeinflußter puritanischer islamischer Orden, 1833 von Mohammed Ibn Ali Es Senussi (1791-1859) in Mekka gegründet, dann über Lybien nach Kufra verlegt (1896). Die Ordenshäuser der Senussi sind von den mittelmeerischen Küstenländern bis in den Sudan, besonders aber in den Sahara-Oasen verbreitet und haben zeitweilig großen politischen Einfluß ausgeübt. Im 1. Weltkrieg auf seiten der Mittelmächte, im 2. Weltkrieg auf seiten der Alliierten. Der (letzte) König von Libyen, Idris Es-Senusi war ein Enkel des Gründers des Ordens. (Brockhaus 1956)

27 Hervorhebung vom Herausgeber.

28 Zwischen den Briefen liegt an dieser Position ein Stadtplanentwurf Herzfelds des Palastes Balkuwârâ-Manqûr, Palais der Mutazz. Herzfeld: Das große Quadrat, Mauer mit Rundtürmen mißt ca. 1025 m und hat nur 3 Tore. Die 2.Zeichnung bringt Details. Ich verweise auf das gedruckte Werk Herzfelds & Sarres über die Samarra-Ausgrabungen! Der Herausgeber.

29 Muß wohl 1913 heißen! Der Herausgeber

30 Hervorhebung durch den Herausgeber

31 Mit einem Bild des Kutub Minar, Delhi

32 Bode lehnte ab; der Minister habe ohnehin kein Geld mehr, nur für 8 Delegierte … (Herzfeld 3.3.12)

33 Hervorhebungen vom Herausgeber.

34 Hervorhebung das Herausgebers.

35 Friedrich Sarre *1865+1945 Kunsthistoriker, wurde durch seine Forschungsreisen nach Vorderasien, Persien und Turkestan, die Einrichtung und den Ausbau der islamischen Abteilung der Berliner Museen, die Organisation der mohammedanischen Kunstausstellung in München und bedeutende Veröffentlichungen der Begründer der islamischen Kunstgeschichtsforschung in Deutschland. Gemeinsam mit Ernst Herzfeld: Iranische Felsreliefs, 2 Bde (1910). Erstaunlicherweise wird die Samarra-Ausgrabung mit Herzfeld überhaupt nicht aufgeführt! (Nach Brockhaus 1956)

36 Hervorhebung des Herausgebers

37 pieds-à-terre (frz.) = Stützpunkt. BB

38 Hervorhebung des Herausgebers.

39 Hervorhebung des Herausgebers. Herzfeld lag außerordentlich daran, wieder ausreisen zu können!

40 Von Herzfeld unterstrichen.

41 Hervorhebung des Herausgebers.

42 Wohl ein kleiner Ballon mit Kamera. Der Herausgeber

43 Wilhelm von Bode, Kunsthistoriker, *1845 +1929, seit 1872 an den Berliner Museen, seit 1880 Abteilungsdirektor, 1906-20 Generaldirektor. B. war einer der bedeutendsten deutschen Museumsfachleute, ein vielseitiger Sammler, Forscher und Kenner von Weltruf. Die Berliner Museen, besonders das 1904 von ihm gegründete Kaiser-Friedrich-Museum (das heutige Bode-Museum; Anm. d. Grafik), verdanken ihm ihren Aufschwung. Brockhaus 1953

44 Hervorhebung des Herausgebers.

45 Ernst von Blumenstein starb am 4.1.1913. Er war um die Jahrhundertwende Mitglied der China-Expedition. BB

46 Hervorhebung des Herausgebers

47 jeweils Quadrat!

48 Eduard Meyer *1855 +1930, Historiker. Prof. in Leipzig 1884, Breslau 1885, Halle 1889, Berlin 1902-23, stellte als Meister der Quellenkritik besonders die ägyptische Geschichte auf sichere chronologische Grundlagen, arbeitete wiewohl vom Vorrang des Politischen überzeugt auch über Religionsgeschichte. (Brockhaus 1955)

49 Tuluniden, erste islamische Dynastie in Ägypten 868-905, begründet von Ibn Tulun, Statthalter von Ägypten, der vom Kalifat in Bagdad die faktische Unabhängigkeit erlangte. In dieser Zeit erlangte Ägypten eine wirt-schaftliche und kulturelle Blüte. (Brockhaus 1996)

50 Bei den Drachen handelt es sich um ein Fluggerät, mit dem topographische Luftaufnahmen gemacht werden konnten. Das wäre natürlich für den Archäologen Herzfeld eine große Hilfe gewesen …

51 Hervorhebung des Herausgebers.

52 Basra, Basrah (arab. Weicher Stein), Provinzhauptstadt und Haupthafen des heutigen Irak, am Schatt el-Arab unterhalb des Zusammenflusses von Euphrat und Tigris und 100 km vom Persischen Golf entfernt, aber durch einen Kanal seit 1930 auch Ozeandampfern zugänglich; Endpunkt der Bagdadbahn. Altbasra, 15 km südlich des heutigen, wurde 637 von den Arabern als Handelsplatz für indische und arabische Waren gegründet. Während der Omajjadenzeit gelangte Basra zu großem Wohlstand und wurde Mittelpunkt arabischer Kunst und Wissenschaft (erste mohammedanische Gelehrtenakademie). Nach der türkischen Eroberung 1638 verfiel Altbasra; das gegenwärtige Basra entstand im 17. Jh. (Brockhaus 1952)

53 Vgl. vorangehenden Brief: Paikuli-Bericht

54 Hervorhebung vom Herausgeber.

55 Hier spürt man schon den zukünftigen Kultusminister … Der Herausgeber

56 Hervorhebung des Herausgebers. Auch Herzfeld teilte die allgemeine Euphorie.

57 Hervorhebung des Herausgebers.

58 Hervorhebung des Herausgebers.

59 Anmerkung Herzfelds: Streng vertraulich!

60 Hervorhebung vom Herausgeber.

61 Hervorhebung des Herausgebers.

62 Hervorhebungen des Hersuasgebers.

63 Riedel-Linie der Beckersippe

64 Hervorhebung des Herausgebers.

65 Hervorhebung des Herausgebers.

66 Hervorhebung durch den Herausgeber.

67 Theodor Wiegand, Archäologe, *1864 + 1936. Hauptverdienst besteht in der Organisation von Ausgrabungen (Priene 1895-99, Milet, Didyma und Samos 1899-1911. Er war Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Konstantinopel von 1899-1911 und der Antikenabteilung der Museen in Berlin, 1916-18 General-inspektor der Altertümer in Syrien, Palästina und West-Arabien. Er baute das Pergamonmuseum in Berlin auf. Brockhaus 1957

68 Hervorhebung vom Herausgeber

69 Hellfferich, Karl *1872 in Neustadt/Weinstraße + 1924 in Bellizona (Eisenbahnunglück) DNVP, finanzierte als Staatssekretär im Reichsschatzamt 1915/16 die Kriegskosten vor allem durch Anleihen.
Brockhaus medial 1904

70 heute: Erzurum, am Schwarzen Meer

71 Hervorhebungen vom Herausgeber.

72 Stülpnagel, Karl Heinrich von, *1886 Darmstadt +8.1944 (hingerichtet), war 1940 Vorsitzender der deutsch-französischen Waffenstillstands-Kommission, 1942-44 Befehlshaber in Frankreich

73 Hervorhebung vom Herausgeber. Übrigens hatte sich auch 1971 in dieser Hinsicht nicht allzuviel geändert

74 Hervorhebung des Herausgebers.

Vossische Zeitung, 1920-33

VI.HA. Rep.92 Becker V Nr. 2663

11. C. H. Becker an die Vossische Zeitung1, Berlin Berlin, 7.5.1920

(Maschinenkopie)

Anliegend erlaube ich mir, Ihnen einen Artikel über das neue preußische Studentenrecht zu schicken. Ich wäre dankbar, wenn er möglichst bald erscheinen könnte, da die Beratung des Deutschen Studententages bevorsteht und er, wie ich hoffe, zur Beruhigung der aufgeregten Gemüter beitragen wird. Ich habe ihn deshalb auch der deutschen Studentenschaft Göttingen zur Verfügung gestellt, die ihn als Flugschrift drucken lassen will, doch wird das noch einige Zeit dauern, bis dies Flugblatt herauskommt.

Hochachtungsvoll ergebenst (CHB)

 

12. Vossische Zeitung, Dr. Edwards, an C. H. B. Berlin, Kochstr. 23/4, 21.6.1921

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister,

da sich der Landtag jetzt vertagt hat, gestatte ich mir im Auftrage von Herrn Bernhard Sie an Ihre freundliche Zusage zu erinnern, uns nach Annahme des Ultimatums für die Vossische Zeitung einen Aufsatz über „Die Erhaltung der geistigen Produktivität“ zu schreiben, in dem Sie die Bedeutung des geistigen Arbeiters für Deutschlands Wiederaufbau würdigen wollten.

Die Redaktion der Vossischen Zeitung wäre Ihnen zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie uns mitteilen könnten, ob wir zur nächsten Sonntagsnummer auf diesen Aufsatz von Ihnen rechnen können.

Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener (gez.) Dr.W. H. Edwards

Randbemerkung Duwes vom 22.6.: telefonisch mitgeteilt, daß der Herr Minister verreist ist.

 

13. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 7.12.1922

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Staatssekretär,

in der Weihnachtsausgabe unserer Zeitung möchten wir einem sehr kleinen Kreise ausge-wählter Mitarbeiter zu einem gemeinsamen Thema das Wort geben, nämlich zum Führerproblem. Es bedarf Ihnen gegenüber keine Auseinandersetzung, wie schwer Deutschland im Augenblick auf jedem Gebiet den Mangel an Persönlichkeiten empfindet, die sich dem Blick aufdrängen, wenn nach einem Führer gesucht wird. Bei jeder Berufung stellt sich die gleiche Verlegenheit heraus, mag nun ein Platz an der Spitze der Regierung oder irgendeiner anderen Körperschaft von entscheidender Bedeutung frei werden.

Es erscheint uns von großem Interesse, wenn gerade Sie Ihre Ansicht darüber äußern, wie dieser Not zu steuern sei, ob Erziehung oder Auslese irgendwie versagen und wie nach Ihrer Meinung die Gewalten, die den Glücksfall einer Führernatur am rechten Platz bedingen, zu beeinflussen wären.

Seien Sie im voraus verbindlichsten Dankes versichert, wenn Sie so freundlich sein wollen, uns baldigst mitzuteilen, ob Sie einen Beitrag über dieses Thema im Umfange eines kurzen Tageszeitungsartikels für uns schreiben könnten. Bis zum 18. Dezember müßten wir im Besitze des Manuskriptes sein.

In vorzüglicher Hochachtung ganz ergeben (gez.) Dr. Monty-Jacobs

 

14. C. H. Becker an Vossische Zeitung Berlin, 22.12.1922

Glossen zum Führerproblem

Von C. H. Becker

I

Das Führerproblem ist ein Geführtenproblem. Selbst der genialste Führer ist ein Raffael ohne Arme, wenn die Massen nicht bereit sind, sich führen zu lassen. Dabei kommt es weniger auf die Masse selbst als auf die Unterführerschicht an. Denn die Massen sind überall und besonders bei uns leicht führbar. Auch an zur Führung berufenen Männern fehlt es nicht. Was versagt, ist die unentbehrliche Mittelschicht. Das hängt zum Teil mit unserem Volkscharakter zusammen. Wir denken von Haus aus nicht staatlich oder völkisch, sondern genossenschaftlich. Selbst völkische Bewegungen führen bei uns leicht zur Klüngelei. Der Deutsche kennt zwischen Individuum und Menschheit nur die Genossenschaft, die sich in den Formen der Landsmannschaft, der Partei, des Verbandes oder anderer soziologischen Gruppen kleidet und von jeher jede große Aktion im Partikularismus, Vereinsmeierei oder konfessionellen Hader hat untergehen lassen.

Noch sind wir keine Nation; wir sind erst auf dem Wege dazu. Deshalb fehlt uns die politi-sche Disziplin alter Staatsnationen. Der Egoismus der Unterführer, ihr Besserwissen, ihre Herrschsucht, ihr Stammtischehrgeiz machen jede große Wirkung auf die Massen unmöglich. Dazu kommt Überschätzung der Privatansicht und des Privatinteresses. Der Erfolg ist der Tod des Gemeinschaftsgefühls und der nationalen Solidarität. Erhebungen wie 1813, 1870, 1914 zeigen, daß in großen Zeiten der Wille zur Nation über alle Egoismen der Unterführer hinweg sich Bahn bricht. Die Nation liegt noch vor uns. Die Erziehung zu ihr schafft gleichzeitig Führer.

II

Natürlich gehört ein Kerl dazu, aber kein Halbgott. Kerle haben wir genug; Halbgötter haben auch die anderen nicht. Die schlechthin entscheidende Ursache eines Führererfolgs liegt nicht in intellektueller Überlegenheit, sondern in einem physisch-seelischen, rein irrationalen Kraftzentrum. Die Führerwirkung ist immer bedingt durch einen Kontakt. Je nach der zu beeinflus-senden Schicht kann es die Ballonmütze oder ein eleganter Anzug sein, der zum Symbol des charismatischen Wirkung wird. Mussolini erscheint immer im Gehrock. Das Gutaussehen spielt eine entscheidende Rolle. Die körperliche Haltung, die Suggestion der Kraft, das Selbstvertrauen – es sind entsetzlich primitive Momente, die dem Führer den Weg bereiten. Die Masse will den Helden, gleichviel in welcher Gestalt. Seit Carlyle haben sich die Typen der Heldenverehrung unendlich differenziert – aber die Sehnsucht lebt. Es geht mit den Helden wie mit den lyrischen Themen. Die mythenbildende Phantasie des Volkes muß Spielraum haben. Uns aber fehlt der Glaube und – die Distanz. Wir sind zu gebildet und glauben ehrlich an die Allmacht der Wissenschaft. Zum Geführtwerden gehört die Fähigkeit zum Hingerissenwerden, wir aber machen in Aufklärungsskepsis; der Prophet im Vaterlande und der Fürst vor seinem Kammerdiener, der Dramatiker vor der Presse und der Politiker vor dem Forum der provinziellen Parteigröße. Wo soll da noch Symbol und Führer herkommen?

III

Es gibt zwei Typen von Führern, einen aristokratischen und einen demokratischen. Der aristokratische oder patriarchalische Typ ist der Führer von Gottes Gnaden. Er kommt nicht von unten, sondern von oben. Ein Armeeführer, den bisher nur Eingeweihte schätzten, wird durch einen unerwarteten Sieg populär; ein in der Bürokratie hochgedienter Minister leitet eine große Reform ein oder hat diplomatisch Erfolg. In beiden Fällen autoritatives Selektionsprinzip. Für die Masse tritt er als Führer erst in Aktion, nachdem er schon Erfolg gehabt hat. Ein Fürst, ein Gott hat ihn an leitende Stelle gesetzt, und dann hat er geführt. Dieser Führertyp schwebt unserer ganzen Bildungsschicht noch heute als der Idealtyp vor. Der Führertyp des demokratischen Zeitalters kommt von unten. Er riecht nach Schweiß, er ist nicht von einem Gott an leitende Stelle gesetzt. Er hat sich mit den Ellenbogen hochgekämpft. Er kommt durch seine Führerqualitäten hoch. Er erscheint symbolisch im Arbeiterkittel, der andere Typ dagegen in strahlender Uniform. Ein Hauptgrund für das Versagen der Geführten ist, daß wir uns in einem Übergangszustand befinden. Die Dynamik der Demokratie kennt personelle Machtquellen nur auf Grund der demokratischen Führerauslese, während die Romantik unserer Bildungsschicht immer noch dem aristokratischen Führertyp vergangener Zeiten nachtrauert und nur ihn als echten Führer anerkennt. Wir brauchen ein einheitliches Führerideal.

IV

Führerschaft ist die Frucht einer wechselseitigen Hingabe. Ein mystischer Glaube schweißt Führer und Geführte zusammen. Die Identifizierung mit dem Chef war das Wahrzeichen der deutschen Beamtenschaft. Der Chef war aus ihr hervorgegangen und führte sie, wohin der wollte, oder wurde von ihr geführt, wohin die wollten, ohne daß man sich darüber klar war, wer eigentlich entschied. Treue um Treue. Man kann diesen patriarchalischen Zustand mit Recht kritisieren. Er war aber für die Führung ein schlechthin ideales Instrument, technisch vollkommen durchrationalisiert, im Grunde aber doch eine irrationale Kraftquelle. Heute in der Zeit des Übergangs kann Mißtrauen in die nachgeordnete Stelle zur Pflicht werden. Man kann sich als Führer nur halten, wenn man durch sorgfältige Beobachtung der parteipolitischen Meteorologie die Wetterprognose beherrscht. Und doch tötet nichts die Mystik des Führertums schneller als Lavieren und als Mißtrauen in nachgeordnete Stellen.

V

Die alte Zeit erzog zur Autorität. Militär und Bürokratie stellten ein wohldiszipliniertes Unterführertum. Die Zeit der Autorität ist vorüber, aber die Sehnsucht nach einer neuen Bindung bereitet dem kommenden Führer den Weg. Dieser Naturtrieb muß bewußt einge-fangen werden für die Erziehung zur Selbstverantwortung.

  • Nicht intellektuelle, sondern voluntaristische Erziehung.
  • Nicht nur um zu herrschen, sondern um sich willig unterzuordnen.
  • Glaube, Vertrauen!

Die Autorität macht nicht gläubig, sondern desinteressiert. Geht’s schief, kann man um so besser schimpfen. Daher die vielen Objektiven, die weder warm noch kalt sind, die weder Ja noch Nein sagen können. Die Erziehung zum Führer muß unten anfangen.

  • Verantwortlichkeit als Erziehungsprinzip;
  • Freude zur Übername von Verantwortung;
  • Abgabe von Verantwortung;
  • Interesse am Ganzen bis zur Leidenschaft.
  • Aber Glaube an den, der in voller Selbstverantwortung die Verantwortung für das Ganze übernimmt, oder, wie Kerschensteiner sagt: Demokratische Staatsverfassungen haben aristokratische Seelenverfassungen zur Voraussetzung.

VI

Wir suchen nach dem Führer. Im Mittelalter suchte man nach dem Stein der Weisen. Im Grunde ist es das gleiche Problem.2

(Hier endet das Manuskript)

 

15. C. H. B. an Vossische Zeitung, Herrn Monty Jacobs Berlin, 31 1.1924

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor!

Es ist mir sehr schwer gefallen, Ihnen im Drang meiner Dienstgeschäfte heute noch einen Auszug aus meinem Vortrage herzustellen. Natürlich gibt es nur den ersten Teil wieder, aber ich glaube, er bietet doch ein Ganzes. Ich wäre aber dankbar, wenn Sie in einer Vorbemer-kung oder Anmerkung sagen wollten, daß dieses kleine Feuilleton eine Wiedergabe des ersten Teiles meines bei Cassirer im Interesse des Zentralinstituts gehaltenen Vortrags darstellt.

In ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster B/31.

Westöstliche Kulturkritik

Von C. H. Becker

Die Zeit dünkelhaften Europäertums in der Beurteilung des Orients ist vorüber. Westöstliche Kulturkritik bedeutet deshalb nichts anderes als eine kritische Beurteilung der orientalischen Kultur, so wie Troeltsch, Max Weber, Scheler, Spengler oder Kayserling die abendländische betrachtet haben. Nun hat in einer seiner letzten Arbeiten der unvergeßliche Ernst Troeltsch ausgeführt, daß die Menschheit als einheitlicher historischer Gegenstand für die moderne Wissenschaft nicht mehr besteht, daß wir mit der kulturphilosophischen Betrachtung uns an einen der vorhandenen geschlossenen Kulturkreise halten müssen; und zwar unterscheidet Troeltsch den vorderasiatisch-islamischen, den ägyptischen, den hinduistischen, den chinesischen und den mittelmeerisch-europäisch-amerikanischen, welch letzterem er seine eigentliche Arbeit widmet. Er läßt diesen Kulturkreis von vier Urgewalten bestimmt sein, dem hebräischen Prophetismus, dem klassischen Griechentum, dem antiken, später kirchlichen Imperialismus und dem germanisch-nordischen Mittelalter. Die Troeltsch’schen, wie übrigens auch die anders gearteten Spengler’schen Kulturkreise, sind demnach nicht an ein bestimmtes Ethnos gebunden. Es wäre deshalb richtiger, von Zivilisationskritik3 statt von Kulturkritik zu reden. Aber der Sprachgebrauch ist in der Verwendung des Wortes „Kultur“ nun einmal inkonsequent. Das in einem Kulturkreis zusammengefaßte Zivilisationsganze ist natürlich auch von Rasse und Blut mitbestimmt. Aber ebenso bestimmend ist die geographische Lage, politische Entwicklung, historisches Erbe, und was sonst zusammenfließt, um einem solchen Kulturkreis einen eigenen Stil und besonderes Lebensgefühl zu geben; nur ist dieses Lebens-gefühl nach der kausalen Geschichtsauffassung nicht Voraussetzung wie bei Spengler, sondern Resultat der Entwicklung. Wenn nun hier von „westöstlicher“ Kulturkritik die Rede sein soll, so ist die Formulierung mit Absicht an den Vorgang Goethes angelehnt, nicht nur was den Standpunkt des Westländers gegenüber dem Osten betrifft, sondern auch auf den Umfang des Begriffes Osten, der auch im Westöstlichen Diwan sich auf die islamische Welt beschränkt. Es soll hier der Versuch gemacht werden, die islamische Kulturwelt vom Stand-punkte moderner europäischer Kulturkritik aus zu betrachten.

Als Graf Kayserling seine philosophische Asienfahrt antrat, entdeckte er, was dem kultur-philosophisch denkenden Orientalisten lange bekannt war, daß der Islam nicht zu Asien sondern zu Europa gehört. Schon Harnack hatte bei seiner Promotion die These verfochten, daß der Islam eine christlich-jüdische Sekte sei. Die Forschung des letzten Jahrzehnts hat diesen Gedanken nicht nur auf dem Gebiet der Religion, sondern auf allen Teilgebieten der islamischen Kultur geschichtlich erwiesen.

Warum und inwieweit gehört nun der Islam zum europäischen Kulturkreis?

Gibt es vielleicht bestimmte Kriterien, die unser Urteil bestimmen können? Denn kulturelle Einflüsse und historische Beziehungen begründen nicht ohne weiteres die Zusammen-schweißung in einen historischen Ring. Japan ist stärker europäisiert als die Türkei und gehört trotzdem ebenso sicher zum asiatischen wie die Türkei zum europäischen Kulturkreis. Auch die geographische Lage ist nicht entscheidend. So wirken z. B. auf indischem Boden Männer wie Amir Ali und Rabindranath Thakur (Tagore) mit der gleichen nationalen Begeisterung an der Regeneration Indiens, und doch gehört die geistige Struktur des ersteren ebenso sicher nach Europa wie die Tagores nach Asien. Andererseits bilden trotz des Atlantischen Ozeans Amerika und Europa einen einheitlichen Kulturkreis. Eine Kulturkreis-Zusammengehörigkeit entsteht in ethnisch gemischten, geographisch gesonderten Gebieten durch gemeinsame oder verwandte kulturelle Grundlagen. Entscheidend ist meines Erachtens das historische Erbe, die Urgewalten, wie Troeltsch sie nennt. Den Kulturkreis in unserem Sinne schafft im wesent-lichen das Bildungsgut. Welches sind nun die Urgewalten des Islam?

  • Der alte Orient mit seinem semitischen Prophetismus, seiner jüdischen Gesetzes-religion, seinem iranischen Dualismus und Eschatologie, seinem babylonisch-magischen Weltbild und seiner bürokratisch-absolutistischen Staatsform.
  • Die klassische Antike in der Form des Hellenismus, besonders im täglichen Leben, in Wissenschaft und Kunst, wobei Hellenismus im Sinne einer Mischung von Antike und Iran gebraucht ist.
  • Das Christentum in seiner dogmatischen, kultischen und mystischen Ausprägung; denn das islamische Dogma ist im Kampfe gegen die christliche Polemik erwachsen und hat ihre Fragestellung übernommen. Der islamische Kult hat sich nach dem Vorbild des christlichen entwickelt, und die mystische Welt ist hier wie dort die gleiche.

Die kulturbildenden Faktoren sind also im Islam die gleichen wie in Europa. Darin unter-scheidet sich der islamische Kulturkreis grundsätzlich von allen anderen asiatischen. Gewiß hat der Hellenismus und das Nestorianertum bis nach Zentralasien hinein gewirkt, aber nicht anders, als chinesische Bronze und Porzellan die europäische Kunst beeinflußt haben. Gewiß gibt es auch indische Ideen im Islam, aber sie stehen nicht als Urgewalten sondern als beach-tenswerte Kräfte in der islamischen Gedankenwelt wie etwa Tolstoi’sche oder Dostojewski’ sche Stimmungsgehalte in der unsrigen. Ist die Gleichheit der Grundlagen zwischen der islamischen und christlichen Welt nun einmal anerkannt, so gewinnen nunmehr die histori-schen Beziehungen eine konstitutionelle Bedeutung. Sie sind bekannt:

  • Der Vorstoß des Islam bis nach Tours, Konstantinopel, Rom und Wien,
  • Der Austausch der Kreuzzüge,
  • Das Wandern der ritterlichen Formen von Ost nach West bis zur Heraldik und zum Minnedienst,
  • Die Gemeinsamkeit der Scholastik, wobei jüdische Philosophen wie Maimonides eine entscheidende Vermittlerrolle gespielt haben,
  • Die Übermittlung des echten Aristoteles und der griechischen Medizin, –
  • Von wirtschaftlichen Beziehungen, der Gemeinsamkeit des Schauplatzes und der Verwandtschaft der Mittelmeerrasse ganz zu schweigen.

Zwischen dem Islam und Europa handelt es sich also nicht nur um Übernahme fremder, lang-sam assimilierender Kulturgüter, sondern um Berührungen verschiedenartig weitergebildeter Auswirkungen des gleichen kulturellen Mutterboden, und diese Berührungen fanden, wenn auch verschieden stark, kontinuierlich durch über ein Jahrtausend statt, und sind in der Gegen-wart, wenn auch in anderer Stromrichtung, wieder besonders lebendig.

Eine wirkliche Kulturkritik der islamischen Welt ist aber nur möglich, wenn man bei aller Anerkennung der nahen Verwandtschaft der Grundlagen auch die Unterschiede der Entwick-lung betont; denn das historisch Bedeutsame ist die schöpferische Energie der verschiedenen Kulturträger. Es sei nur ein Problem herausgegriffen.

Wie verarbeiten Ost und West das antike Erbe? Da stellt sich nun heraus, daß hier allerdings ein tiefgreifender Unterschied vorliegt. Der Orient lebt die Antike einfach weiter, d.h. in seiner Bildung ist noch heute der geistige Besitz vorhanden, den das Ende der Antike ent-scheidend bewertet hat, während das Abendland mit antiken Bildungsgütern stärker gebro-chen, sie aber mit dem Humanismus ganz neu und zwar den Idealen der klassischen Antike entsprechend einverleibt hat. Das unterscheidende Erlebnis zwischen Abendland und Morgen-land in Bezug auf das historische Erbe ist also der Humanismus. Daß das möglich war, ergibt sich wohl im Grunde aus einer anderen Einstellung zu Mensch und Leben, die sich auf allen Kulturgebieten nachweisen läßt. Den freien Bürger der griechischen Polis hat der Orient nie besessen. Zwar ist auch der Orient urdemokratisch, aber etwas der antiken Demokratie Ver-gleichbares kennt er nicht. Das abendländisch-demokratische Denken hat den Humanismus und Individualismus zu seiner Voraussetzung. Die orientalische Demokratie war bis zur Schwelle der Neuzeit Kollektivismus, was um so überraschender ist, als der Orient Vertiefungen des rein Menschlichen kennt, die uns fremd sind, Vielleicht liegt die Lösung des Rätsels darin, daß Europa das Verhältnis von Mensch zu Mensch vom Ich aus, der Orientale vom Wir oder vom Du aus betrachtet.

(Vossische Zeitung vom 1.2.1924, Nr. 55. Artikel liegt bei)

 

16. C. H. B. an Dr. W. Mahrholz, Berlin Berlin, 12.3.1925

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor.

Sie hatten die Freundlichkeit, mir unter dem 6. März d. Js. den offenen Brief zu übersenden, den Sie in der Vossischen Zeitung veröffentlicht haben. Ich danke Ihnen verbindlichst für die mir damit erwiesene Aufmerksamkeit, möchte aber nicht verfehlen, hinzuzufügen, daß ich in den von Ihnen berührten Fragen eine eigene Auffassung habe, über die ich mich gern einmal mit Ihnen unterhalten würde. Vielleicht sind Sie so freundlich, im Laufe der nächsten Woche dieserhalb einmal bei mir (handschriftlich) telefonisch anzurufen.

Mit verbindlichen Grüßen Ihr ergebenster (gez.) B.

Anlage:

Offener Brief an den preußischen Kultusminister,

Hochverehrter Herr Minister!

Es ist nicht Lust an der Kritik noch übersteigerte Sorge, es ist das einfach menschliche Gefühl für Haltung und Würde bei einem wichtigen Begebnis des Staatsganzen, das mich zwingt, Ihnen in einem offenen Brief einige Fragen vorzulegen, deren einfache Antwort – Taten sind.

Sie haben in Ihrer Gedenkrede auf den verstorbenen Reichspräsidenten vor den Schülern Groß-Berlins bemerkenswerte Worte über den Mut zur Unpopularität und die Notwendigkeit staatsbürgerlicher Gesinnung gesprochen. Man darf also, nach diesem Bekenntnis, des guten Glaubens sein, daß Ihr Ohr den Fragen die hier zu stellen sind, offen sein wird, mehr noch, daß Ihre Energie schon am Werk ist, um den mancherlei Peinlichkeiten, Taktlosigkeiten, Würdelosigkeiten, die in den letzten Tagen in der Reichshauptstadt – und wohl nicht nur in ihr – an Schulen aller Art sich ereignet haben, das Nachspiel zu bereiten, das sie verdienen.

Zunächst einige Tatsachen: Der Bericht über die unerhörte „Trauerfeier“, welche ein so altes und repräsentatives Institut, wie die Charlottenburger Technische Hochschule, veranstaltet hat, darf bei Ihnen, hochverehrter Herr Minister, als bekannt vorausgesetzt werden. Vielleicht ist es aber Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, daß die Feier der Universität Berlin sich nur wenig davon unterschied. Nach sehr glaubwürdigen Berichten ist schon die Einladung zu dieser Feier in einer provozierend geringschätzigen Form4 ergangen: auf einem kleinen Blatt Papier, das im Vestibül angebracht war, wurde zu einer „erweiterten Senatssitzung“ eingeladen. Der Besuch entsprach der Ankündigung. Von dem etwa sechshundert Personen umfassenden Lehrkörper der Universität erschienen etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Professoren und Dozenten. Der Prorektor der Universität, der in diesem Fall ein öffentliches Amt zu repräsentieren, keine private Meinung zu vertreten hat, Herr Professor Gustav Noethe, erschien nicht. Der Rektor, Herr Professor Holl, wußte von den Verdiensten des verstorbenen Reichspräsidenten, von denen Sie selbst in Ihrer Gedenkrede eine hohe Meinung bekundeten, nichts zu sagen, als daß er dem deutschen Volke das Deutschlandlied als Nationalhymne gegeben habe und daß er von ausländischen Diplomaten geschätzt worden sei.

Nicht viel anders, als an diesen höchsten Bildungsanstalten, scheint das Ideal von staats-bürgerlicher Verantwortlichkeit und das Gefühl für die der Nation und ihrer staatlichen Form unter allen Umständen geschuldeten Würde an vielen höheren Bildungsanstalten zu sein. Zwei Fälle seien, zur Illustration, erwähnt.

  • Auf einem Gymnasium der inneren Stadt zogen Schüler der beiden obersten Klassen, junge Menschen von 16 bis 18 Jahren, die unmittelbar vor der sogenannten Reife-prüfung stehen, als die Kunde vom Tode des Reichspräsidenten bekannt wurde – ich bitte nach dem Ergebnis der bisherigen Untersuchung dies als temporal, nicht kausal zu verstehen – ein schmutziges Taschentuch auf Halbmast.
  • In einem anderen Gymnasium der westlichen Vororte erschienen Schüler der obersten Klassen zu der vom Ministerium – Ihrem Ministerium – angeordneten Trauerfeier in heller Kleidung mit schwarz-weiß-rotem Abzeichen.

Pädagogen und vernünftige Laien werden hier entgegnen: Dumme-Jungen-Streiche. Ich teile diese Meinung. Aber viel geringerer Dumme-Jungen-Streiche wegen hat der monarchistische Staat barbarische, zukunfts- und existenzvernichtende Strafen verhängt. Und vor allem – ich bitte Sie, sich in Ihrer Erinnerung zwanzig Jahre zurückversetzen zu wollen – was wäre dem verantwortlichen Leiter und dem Lehrkörper einer Schule, auf der sich solche DummeJungenStreiche bei solchem Anlaß zugetragen hätten, widerfahren?

Ich bin überzeugt, daß Sie, sehr geehrter Herr Minister, diese Vorkommnisse nicht nur mißbilligen, sondern den „Geist“, der aus ihnen spricht, verachten und bekämpfen. Nicht allein aus staatsmännischen Erwägungen, sondern aus pädagogischen Grundverpflichtungen heraus, muß hier Abhilfe geschaffen werden. Der nationale Gedanke, der Staatsgedanke, droht in dem heranwachsenden Geschlecht in wilde und dabei platte Anarchie zu entarten. Die Affekte des Hasses, der Verachtung, des Hochmuts werden planmäßig in jungen Menschen hochgezüchtet, die berufen sind, an der werdenden Volksgemeinschaft in leitender Stellung mitzubauen.

Sie werden ja, Herr Minister, ja schon selber die nötigen Schritte unternommen, eine Unter-suchung der bekanntgewordenen Fälle eingeleitet, eine generelle objektive Berichterstattung über den Ablauf der Feier in Ihrem Verwaltungsbereich durch die Provinzialschulkollegien eingefordert haben. Sie werden auch sicher in sich die verantwortliche Notwendigkeit zur nachhaltigen und rücksichtslosen Bestrafung der Schuldigen fühlen. Davon also kein Wort mehr. Eine Bitte aber am Schluß: die republikanische Öffentlichkeit und darüber hinaus die Öffentlichkeit der anständig Gesinnten aus allen politischen Lagern dürfen erwarten, daß sehr bald das Ergebnis dieser drakonischen Untersuchung und die daraus gezogenen Konsequenzen bekannt werden. Es ist an der Zeit, ernsthaft diesen pädagogisch wie staatlich bedenklichen Dingen entgegenzutreten, darüber herrscht Einmütigkeit aller Vernünftigen, aller Verantwortlichen an Geist, Seele und Staat der Nation.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Minister, den Ausdruck der größten Hochachtung!

Dr. Werner Mahrholz5

 

17. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 29.7.1925

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister,

haben Sie verbindlichen Dank für die Übersendung des ausgezeichneten Aufsatzes, der zum 31. nun erscheinen wird. Besonders dankbar bin ich Ihnen natürlich für die so freundliche Erwähnung meiner bescheidenen Verdienste. Ich glaube, daß auch der Aufsatz ein schwieriges Problem klärt und Resonanz bei dem besten Teil der Studentenschaft finden wird.

Die Tagung der studentischen Internationale hat ja nun auch begonnen. Sollten Sie, wie Sie mir seinerzeit andeuteten, hinfahren, so wäre ich Ihnen, sehr verehrter Herr Minister, dankbar, wenn Sie nach Ihrer Rückkehr mit Gelegenheit geben wollten, hierüber von Ihnen Näheres zu erfahren.

Mit den besten Wünschen für eine weitere gute Erholung bin ich Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz.

 

18. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 4.1.1926

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister,

indem ich Ihnen zum neuen Jahre meine besten Wünsche ausspreche, möchte ich gleichzeitig eine Angelegenheit richtigstellen, die mir durch Zufall dieser Tage zu Ohren kam: Sie seien, so erfuhr ich, von einem Artikel über die Schließung des Chemischen Instituts der Universität Berlin nicht eben angenehm berührt. Ich möchte darauf hinweisen, daß der besagte Artikel im Berliner Tageblatt gestanden hat und daß es meiner Initiative und meinen Recher-chen zu verdanken ist, wenn die Vossische Zeitung hierüber nichts brachte.

Ich ließ Ihnen, sehr geehrter Herr Minister, durch Ihr Büro schon vor längerer Zeit meinen Wunsch aussprechen, wieder einmal von Ihnen empfangen zu werden, da ich mich über eine ganze Reihe von Dingen, zu denen insbesondere die kulturelle Behandlung der Minderheiten in Deutschland gehört, gern mit Ihnen verständigt hätte; so wäre ich Ihnen verbunden, wollten Sie mir eine Zeit angeben, zu der Ihnen mein Besuch gelegen ist.6

Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr sehr ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz.

Randbemerkung Duwes vom 6.1.: Herrn Dr. Mahrholz ist telephonisch mitgeteilt worden, daß der Herr Minister bis gegen 20.1. verreist sei

 

19. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 15.2.1926

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister,

anliegend erlaube ich mir Ihnen einen Aufsatz zu senden, der Sie wahrscheinlich interessieren wird.

Gleichzeitig möchte ich mir die Frage erlauben, wenn Sie mich in der nächsten Zeit wieder einmal empfangen können: es hat sich, wie ich glaube, mancherlei Stoff angehäuft.

Indem ich Ihrer freundlichen Antwort entgegensehe, bin ich mit bester Empfehlung Ihr sehr ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz7

Anlage

Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz
Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz
Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz
Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz

 

20. C. H. B. an Vossische Zeitung Berlin, 10.5.1926

(Maschinenkopie und handschriftlich)

Artikel für die Pfingstbeilage der Vossischen Zeitung:

Wie ich mein Wochenende verbringe?

Ich bin ein begeisterter Freund des Wochenendgedankens, weil ich eine „Pause“ in der zermürbenden Kleinarbeit der Woche wirklich für „schöpferisch“ halte.

  • Wer an überwiegend mechanische Arbeit gebunden ist, braucht innere Sammlung, um den äußeren Mechanismus ertragen zu können;
  • wessen Lebensaufgabe aber in der geistigen Sphäre liegt, braucht wie der frucht-bringende Acker eine Brachzeit oder künstlichen Kräfteersatz, der nicht aus Eigenem kommen kann.
  • Ich glaube, daß es nicht einen Verlust, sondern eine Intensivierung unserer nationalen Arbeitskraft bedeuten würde, wenn wir wirklich Sonnabends um 1 oder 2 (Uhr) alle Büros und Läden schlössen, aber bis wir einmal wirklich dazu übergehen können, wird noch ein gut Stück Erziehungsarbeit zur richtigen Ausnutzung der „schöpferi-schen Pause“ geleistet werden müssen.
  • Das Wochenende dürfte jedenfalls nicht in Alkohol untergehen, es darf auch nicht zur körperlichen Überanstrengung führen, aber zur Erhaltung eines gesunden Körpers und zur Aufnahme geistiger Bildungswerte ist es geradezu unentbehrlich.

Minister werden allerdings bei der herrschenden Überlastung nicht als erste, sondern als letzte an ein Wochenende denken dürfen. Ich für meine Person halte allerdings darauf, daß wenig-stens der Sonntag von allen Dienstgeschäften frei bleibt. Die ganze Woche stehe ich für Dienst und Repräsentation bis in die Nachtstunden zur Verfügung, aber am Sonntag gehöre ich meiner Familie und mir selber.

D.Dr. C. H. Becker

Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung

 

21. C. H. B. an Vossische Zeitung Berlin, 7.1.1926

(Maschinenkopie)
Privatsekretariat

Sehr geehrte Herren!

Für die mir durch die Übersendung der Bücher:

  • Oblomow von Gontscharow
  • Max Liebermann von Max J. Friedländer

erwiesene Aufmerksamkeit sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank

Mit vorzüglicher Hochachtung (CHB)

 

22. Werner Mahrholz an C. H. B. Berlin, 20.5.1927

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister,

haben Sie sehr herzlichen Dank für das Widmungsexemplar des „Unruh-Buchs“. Ich habe es erst lesen wollen, ehe ich Ihnen schrieb, und muß sagen, daß mir die Gestalt dieses Dichters entschieden klarer geworden ist. Also noch einmal meinen verbindlichsten Dank.

Gleichzeitig möchte ich eine Bitte aussprechen: Würden Sie mir durch Ihr Büro mitteilen lassen, wann ich bei Ihnen vorsprechen dürfte? Ich nehme an, daß auch bei Ihnen, sehr verehrter Herr Minister, sich einiger Stoff für eine Rücksprache aufgesammelt haben wird. Ich habe jedenfalls einige Fragen auf dem Herzen.

Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz.

 

23. Kultusminister Dr. Carl Heinrich Becker

Ansprache
zur Eröffnung der Pädagogischen Akademie Breslau am 15. Mai 1929

Hochansehnliche Versammlung, meine hochverehrten lieben Professoren und lieben Studierenden der Pädagogischen Akademie Breslau!

An geweihter Stätte haben wir unseren Geist für die feierliche Handlung bereitet, die wir nun hier an historischer Stätte, als Gäste der altehrwürdigen Universität vornehmen wollen. Ich begrüße es als ein glücksverheißendes Symbol, daß unsere Einweihungsfeier in der Univer-sität stattfindet, daß etwas von dem Geiste der Wissenschaft auch durch die neue Akademie wehe, und ich begrüße es weiter als ein gutes Zeichen, daß es der Gesangsverein der Lehrer-schaft Breslau ist, der uns hier den künstlerischen Willkommensgruß entbietet. Auch von dem Geiste, von dem guten Geiste der jetzigen aktiven Lehrerschaft möge etwas in den Hallen der neuen Pädagogischen Akademie wehen, auf daß er sich mit dem Geiste verbinde, der von der Universität herkommt. Und dann begrüße ich unser liebes Breslau. Mit großen Opfern ist die Stadt bereit gewesen, gemeinsam mit dem Staate hier eine neue, eine vierte Hochschule in ihren Mauern zu errichten. Breslau ist ja, so lange seine Geschichte dauert, immer das geistige Bollwerk des Deutschtums im Südosten gewesen. So war es wohl selbstverständlich, daß hier auch eine Pädagogische Akademie errichtet wurde.. Wenn die Pädagogische Akademie als ein ganz neuer Typus von Hochschule zu den alten bewährten Formen unserer Hochschulen ins Leben tritt, so beweist sich damit, wie mannigfach die Formen und die Formgebungen des deutschen Geistes sind.

  • Die Universität ist in erster Linie der Forschung und der Ausbildung der akademischen Stände gewidmet.
  • Die Technische Hochschule, auch sie einst ein vielumstrittenes junges akademisches Lebewesen, hat erst langsam, im Laufe der Entwicklung dann immer stärker ihre Ebenbürtigkeit neben und mit der Universität erringen können. Wenn auch in ihrer geistigen Struktur der Universität verwandt, hat sie doch mit ihrer Einstellung auf eine praktische Aufgabe, auf die Technik, in manchem einen eigenen Geist gegenüber der Universität entwickelt.
  • Und dann als dritte im Bunde der alten Hochschule die Kunsthochschule, die Akade-mie. Die Kunsthochschule stellt ein ganz anderes Feld unseres geistig-seelischen Lebens in den Mittelpunkt auch des Unterrichts und der Bildung. Doch auch sie beschreitet dabei, wohl mit anderen Methoden in ihrer ästhetischen, theoretischen und praktischen Anwendung ein künstlerisches Können verbindend, dabei neue selbstän-dige Wege.
  • Und nun eröffnen wir heute die Pädagogische Akademie. Sie hat nicht minder theoretische wie praktische Ziele. Das entscheidende praktische Ziel: die Ausbildung der Volksschullehrer, das große theoretische Ziel: die allgemeine Menschenbildung, Menschenbildung als ein neues Prinzip und doch ein uraltes.

Man wird sagen, bilden denn die älteren Formen der Hochschulen keine Menschen? Gewiß, aber während Menschenbildung dort nur Nebenzweck, Hauptzweck hingegen die Wissen-schaft oder die Technik oder die Kunst ist, ist Menschenbildung hier auf unseren Pädago-gischen Akademien der wesentliche Zweck. Daß man mit den Mitteln ästhetischen Fühlens und Denkens, mit der Ausbildung im Dienst am Werkgedanken, daß man mit diesen Zweigen der Wissenschaft auch Menschen bilden kann, ist selbstverständlich. Aber es ist eine Verschiebung des Akzents und zwar eine entscheidende Verschiebung, wenn wir der neuen Hochschule, der Pädagogischen Akademie, die Aufgabe zuweisen, in erster Linie Menschen zu bilden, nicht Fachmenschen, die doch mehr oder weniger die anderen Hochschulen bilden müssen, sondern eben Menschen.

Meine hochverehrten Damen und Herren, Spranger hat einmal gesagt, wir Deutsche seien das Volk, dessen eine Hälfte immer damit beschäftigt sei, die andere Hälfte zu unterrichten. Das ist ein ernstes Wort, so scherzhaft es vielleicht klingt. Es ist eine Gefahr für uns Deutsche, vor lauter Schulmeistern und Gelehrten den eigentlichen Menschen zu vergessen, und doch ist es gerade unsere deutsche Klassik gewesen, die das stolze Wort von dem Deutschein heißt Mensch sein geprägt hat. Aber wenn wir uns fragen, wie wir in der Welt wirken mit unserer rationalen Kultur, mit unserer intellektuellen Bildung, wenn wir uns etwa mit den Augen von Amerikanern sehen, so werden wir merken, daß unsere Wirkung eine ganz andere ist, als jene klassische Formulierung nahelegte. Wir stehen in unserem Wesen dem Amerikaner vielleicht von allen europäischen Völkern am nächsten, wir laufen aber Gefahr, auf das Ausland wie Amerikaner zu wirken, denen die ethische Seite, die besonders humane Seite des Amerikanertums fehlt. Wir bemühen uns, und der gewaltige Strom unserer wirtschaftlichen und technischen Entwicklung treibt uns immer mehr dazu, uns dem Amerikanertum anzupassen. Vergessen wir dabei nicht, daß Schlagfertigkeit, Bereitsein, wirtschaftliche Tüchtigkeit, das, was der Amerikaner „efficiency“ nennt, das all dies ein seelisches und ethisches Gegengewicht haben muß, das die amerikanische Kultur – auf die historischen Zusammenhänge kann ich hier nicht eingehen – durch die eigentümliche geschichtliche Entwicklung bei sich erzeugt hat. Bei uns trägt nicht zuletzt gerade unser Idealismus, auf den wir mit Recht so stolze sind, schuld daran, daß im Laufe der Entwicklung das Theoretische, das Rationale stärker herausgebildet und herausgestellt worden ist wie das eigentlich Humane. Aber nirgends ist dieses Humane notwendiger als im praktischen Leben8. Darum sollen die Männer, die berufen sind, die deutsche Jugend aller Stände zu betreuen, für viele sogar Wegweiser im Leben zu sein, nicht nur von intellektualistischer Schulung durchdrungen sein, sondern auch von diesem Geist der Humanität, von diesem Geiste , ja, lassen Sie es mich christlich ausdrücken, der Nächstenliebe: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst! Wie Dich selbst, nicht mehr, aber wie Dich selbst, d.h. man soll niemandem etwas zufügen, das man nicht selber zu tragen bereit ist, und man soll jeden anderen so behandeln, wie man selbst behandelt zu sein wünscht. Hierin liegt ein Geheimnis der eigentlichen Ethik des Amerikanertums. Ich habe in der letzten Zeit eine Fülle von Briefen gelesen, die uns junge Studierende aus Amerika geschrieben haben, die dort das Leben auf sich wirken ließen, und aus allen spricht jene Erfahrung, daß man den Nächsten drüben zunächst einmal freundlich, human behandeln soll, daß man zwar Ellbogen gebraucht – das tut der Amerikaner auch – aber daß sich mit diesem Ellbogengebrauch ein freundliches Lächeln verbindet, das nicht das Lächeln einer Lebensform sei, sondern Zeichen eines Herzensbedürfnisses, das den Menschen als Mensch wertet, ihn als gleich zu Gleichgestellten behandelt. Dieses „Keep smiling“, die lächelnde Freundlichkeit in jeder Lebenslage, gehört geradezu zum Typus des Amerikaners.

Ich gebe dies nur als Beispiel dafür, daß wir neben der Schulung des Geistes, neben der Ausbildung des ästhetischen Gefühls, neben der Übung unseres Körpers eine soziale, das ist hier eine humane Einstellung brauchen. Ich möchte sagen, daß in diesem Sinne die Pädagogik vielleicht die modernste aller Wissenschaften ist, die doch nichts anderes darstellt, als die große Wissenschaft vom Menschen, vom individuellen und sozialen Menschen, insbesondere angewandt auf das Verhältnis von Erwachsenen zum Jugendlichen. Und mit tiefer Verantwortung müssen wir gerade in einer Zeit, die auf Amerikanismus im äußeren Sinne, auf Technisierung und Mechanisierung eingestellt ist, dafür sorgen, daß diese seelischen und geistigen Kräfte in unserem Volke lebendig bleiben, daß sie zu einer Synthese zusammengefaßt werden und daraus eine neue Humanität entsteht. Das ist zugleich die große theore-tische Aufgabe der Pädagogischen Akademie, wie der gesamten Volkserziehung, denn die Pädagogische Akademie soll nicht nur Volksschullehrer bilden, sie soll auch im Rahmen und im Wettkampfe der verschiedenen Hochschulen das spezifisch Humane, das besonders Menschliche, das spezifisch Pädagogische in die werdende neue Kultur hineinverwirklichen. Dahinter steht das große Ideal der Volksbildung …

 

24. Preußisches Kultusministerium an die VZ. Berlin, Unter den Linden 4, 17.5.1929

(Maschinenkopie) Dr. Reichwein an Herrn Redakteur Philipp

Sehr verehrter Herr Redakteur!

Ich nehme an, daß Sie inzwischen von dem Telefonat, das ich mit Ihrer politischen Redaktion geführt habe, unterrichtet sind und das meine Bitte betraf, in Ihrer Zeitung eine Auseinander-setzung mit gewissen entstellenden Veröffentlichungen über die Breslauer Rede des Herrn Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, die in der Deutschen Zeitung vom 17.d.Mts (Nr. 114a) und in der Berliner Börsenzeitung vom 16. d. Mts. (Nr. 123) erschienen sind, vorzunehmen. Ich hätte gern Herrn Dr. Mahrholz gebeten, wenn er nicht nach Kiel gereist wäre. Als geeignete Schlagzeile könnte ich mir denken: Deutschnationale Berichterstattung. Als Unterlagen stünden Ihnen zur Verfügung die beiden angegebenen Artikel und die Abschrift des Stenogramms des in Frage kommenden Teils der Breslauer Rede des Herrn Ministers, die ich in der Anlage beizufügen mir erlaube9. Es wäre in dem Artikel besonders darauf einzugehen, daß die Bemerkung zu der fraglichen Rede, neben dem bloß Rationalen das Humane 10stärker zu betonen zu der etwas grotesken Entstellung geführt hat: Mehr humanweniger national! Man hört eben das heraus, was man zum Zwecke seiner Propaganda heraushören möchte. Obwohl wir von hier aus auf solche Entstellungen nicht einzugehen pflegen, scheint es in diesem Falle doch am Platze, daß an einer geeigneten Stelle darauf eine gehörige Antwort gegeben wird. Falls Herr Dr. Mahrholz längere Zeit von Berlin abwesend sein sollte, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie selbst eine geeignete Replik schreiben oder veranlassen würden. In vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener (gez.) Reichwein

 

25. Vossische Zeitung, Prof. Dr. Hildebrandt, an C. H. B. Berlin, 11.9.1929

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister!

Namens und im Auftrage der Vossischen Zeitung darf ich Ihnen eine Bitte vortragen:

Der Erlaß des Provinzialschulkollegiums Berlin über die pflichtmäßige Teilname der Schüler und Schülerinnen an den Republikfeiern hat bei uns den Wunsch ausgelöst, Vorschläge für eine Gestaltung der Feier zu veröffentlichen, die bei den Kindern wirklich Interesse und Freude auslöst. Wir gehen dabei von der Überzeugung aus, daß der Widerstand gewisser Elternkreise sich nur dann überwinden läßt, wenn die Kinder wirklich mit Lust und Liebe zur Feier kommen.

Wir wären Ihnen deshalb außerordentlich dankbar, hochgeehrter Herr Minister, wenn Sie uns Ihre Wünsche und Ideen über eine solche Feiern entwickeln würden. Wir wenden uns ebenfalls an eine Reihe fortschrittlicher Schulmänner und interessierter Frauen, um auch von ihnen Vorschläge zu erhalten. Deshalb und auch Ihrer Überbürdung mit Geschäften wegen, auf die mich heute bei telefonischem Anruf Herr Ministerialrat Duve noch besonders aufmerksam machte, würde uns bei dem allseitigen Interesse, das die Angelegenheit sicher im Publikum erregen wird, eine kurze Darlegung – wir dachten an 40-50 Druckzeilen – schon mit großer Freude erfüllen. Nur dürfen wir vielleicht bitten, daß wir möglichst bis zum 21.September Ihren Ausführungen entgegensehen können.

Darf ich noch persönlich hinzufügen, daß ich es auch für mich ein besonders freundliches Entgegenkommen auffassen würde, wenn Sie unserem Wunsche willfahrten?

Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst (gez.) Prof.Dr. Hildebrandt

Anmerkung Duves: Herrn MR Landé (allein)

 

26. MR Duve(?) an VZ, Prof. Hildebrandt Berlin, 2.10.1929

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Hildebrandt,

Sie werden sich gewundert haben, daß Sie auf Ihr Schreiben vom 11.September an Herrn Minister Dr. Becker (Vorschläge und Ideen über die Gestaltung der Verfassungsfeiern) noch keine Antwort erhalten haben. Ich sagte Ihnen wohl schon, daß der Herr Minister den Wunsch hatte, die Sache zunächst mit mir zu besprechen (dieses für Sie vertraulich). Nun ist der Herr Minister ungefähr eine Woche lang krank gewesen, war dann nur einen Tag im Dienst, ohne daß ich ihn hätte sprechen können, und eben wird mir gesagt, daß er wieder erkrankt ist und einige Zeit zu Hause bleiben muß, so daß ich meine Absicht, mit ihm morgen über die Behandlung der Sache zu sprechen, nicht ausführen kann. Es lag mir daran, Sie über den Grund der Verzögerung zu unterrichten: sobald ich den Herrn Minister sprechen kann, erhalten Sie Antwort.

Die besten Grüße von Ihrem ergebenen (Duve?)

 

27. C. H. B. an VZ, Prof. Hildebrandt Berlin,14.10.1929

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Professor!

Es tut mir leid, daß ich Ihre freundliche Aufforderung vom 11. September, zu Ihrer Umfrage über die Gestaltung der Schulverfassungsfeiern einen Beitrag zu liefern, erst heute beant-worten kann. So gern ich an sich von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen würde, glaube ich doch auf die politisch-parlamentarische Lage insofern Rücksicht nehmen zu müssen, als die Frage der Gestaltung der Schulverfassungsfeiern voraussichtlich in kurzem den Landtag beschäftigen wird und ich mit einem Beitrag der gewünschten Art, soll er nicht ganz inhaltlos sein, diesen Verhandlungen notwendig vorgreifen würde.

Ich hoffe, bei Ihnen für diese Erwägung Verständnis zu finde und bin mit freundlichen Empfehlungen Ihr sehr ergebener (CHB).

 

28. VZ, Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 11.5.1930

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister,

ich weiß, daß Sie kein Theologe von Fach sind, aber ich weiß auch, daß niemand einen schöneren Gedenkartikel nach Harnacks Tode schreiben kann als Sie. Erlauben Sie mir deshalb die Bitte, uns einen solchen Aufsatz möglichst bald zu senden. Je persönlicher gefaßt, desto angenehmer. Einen Nekrolog haben wir, wie aus der Beilage ersichtlich, bereits heute früh gebracht. Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie uns freundlichst auf der beiliegenden Postkarte, oder noch lieber telefonisch Bescheid geben könnten, ob wir auf die Erfüllung eines Wunsches rechnen können, der mir sehr am Herzen liegt und mit dessen Erfüllung Sie eine besondere Freude bereiten würden

Ihrem stets verehrungsvoll ergebenen (gez.) Dr. Monty Jacobs

Feuilleton-Redaktion der Vossischen Zeitung.

Anlage 1: Telefonisch durch Frau Minister Becker beantwortet.

Anlage 2: Vossische Zeitung vom 11.6.1930

Anlage: Vossische Zeitung vom 11.6.1930

Vossische Zeitung
Vossische Zeitung
Vossische Zeitung
Vossische Zeitung

29. VZ, Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 29.1.1931

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister,

der beiliegende Aufsatz von Alfred Döblin wird Ihnen nicht entgangen sein. Der Autor fordert im letzten Satz zu einer Debatte über das Problem auf, die auch schon in Gang kommt. Erlauben Sie mir nun die ergebene Bitte, daß Sie sich als Begründer der Dichter-Sektion an dieser Aussprache gütigst beteiligen. Selbstverständlich braucht der Aufsatz keineswegs an Länge mit Döblins Ausführungen zu wetteifern. Aber ich hoffe, daß es Ihnen erwünscht sein wird, wenn auch Ihre Meinung über das Thema Dichter-Akademie bei dieser Gelegenheit zur Geltung kommt.

Daß unsere Leser außerordentlich erfreut sein werden, Sie zu vernehmen, dafür verbürgt sich mit verbindlichster Empfehlung

Ihr verehrungsvoll ergebener (gez.) Dr. Monty Jacobs,

Feuilleton-Redaktion der Vossischen Zeitung.

 

30. C. H. B. an VZ, Dr. Monty Jacobs Berlin, 6.2. 1931

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Doktor,

ich bitte um Entschuldigung, daß ich auf Ihre Anfrage in Sachen Dichterakademie noch nicht geantwortet habe. Aber ich kann mich nicht so recht zu einer öffentlichen Stellungnahme entschließen. Jedenfalls möchte ich in dieser Angelegenheit nichts tun, ohne mich mit Herrn Minister Grimme und seinen Herren darüber verständigt zu haben. Nun schweben derzeit Verhandlungen und in der kommenden Woche finden Beratungen im Landtag statt. Unter diesen Umständen möchte ich, wenn überhaupt – doch noch etwas mit einer Meinungsäußerung zurückhalten, und ich bitte Sie, dafür freundlichst Verständnis haben zu wollen.

In ausgezeichneter Hochachtung Ihr sehr ergebener (CHB).

 

31. VZ Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 10.2.1931

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Professor,

nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank für Ihre freundliche Auskunft. Leider hat auch Herr Minister Grimme mich wissen lassen, daß er augenblicklich nicht zu dem Thema Dichter-Akademie Stellung nehmen möchte. Unter diesen Umständen werde ich mich damit begnügen, die Meinung Heinrich Manns zu veröffentlichen.

Mit verbindlichster Empfehlung und in der Hoffnung, daß ich bald einmal auf anderem Gebiet Glück habe bin ich Ihr verehrungsvoll ergebener (gez.) Dr. Monty Jacobs.

 

32. Telegramm Vossische Zeitung, Elbau, an C. H. B., Davos Berlin26.3.1931

Erbitten Leitartikel für Osternummer. Schlagen als Thema vor: Humanität gegen Gewaltgeist. Vosszeitung Elbau.

 

33. C. H. B. an VZ, Chefredakteur Elbau. Berlin 7.7.1931

(Maschinenkopie)

Persönlich!

Hochverehrter Herr Elbau,

Die Stellungnahme Ihres geschätzten Blattes zu der Verfassungsfeier der Berliner Hochschulen im gestrigen Abendblatt und in der heutigen Morgennummer gibt mir Veranlassung, mich einmal ganz persönlich und privat an Sie zu wenden, da ich die Haltung der Vossischen Zeitung in dieser Frage im Interesse der Sache wie auch der Republik für verhängnisvoll11 halte. Seit Jahren bemühe ich mich, in der demokratischen Presse dafür Verständnis zu gewinnen, daß man mit Tadeln und Mäkeln in dieser Feierfrage nichts anderes erreicht, als daß man die wenigen republikanisch Gesinnten auch noch verprellt und verärgert. Gute Ratschläge sind ungeheuer billig. Die Freude am heutigen Staat wird doch nicht durch Verfassungsfeiern herbeigeführt, sondern Verfassungsfeiern sind der Ausdruck der Freude am Staat. Es ist dasselbe Problem wie das Verhältnis von Schule und Gesellschaft. Nicht die Schule schafft die Gesellschaft, sondern jede Gesellschaft hat die ihr eigentümliche Schule.12 Nun hat die Institution der akademischen Verfassungsfeiern ja ihre Geschichte, an der ich, wie Sie wissen, nicht gerade unbeteiligt bin. Der Verfassungstag fällt nun einmal in die akademischen Ferien, und Vorfeiern haben immer etwas Gekünsteltes. Daß man nicht gerade einen Sonntag dafür nehmen sollte, darin stimme ich Ihnen vollkommen zu. Man tut das aber auch für andere akademische Feiern sehr zum Schaden ihres Besuches. Daß diesmal nach den voran gegangenen Kämpfen in der Universität, von denen man ja bei der Festsetzung des Termins nichts wissen konnte, mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen vorgegangen werden mußte, und auch viele die Lust verloren hatten, ist schließlich keine Schuld der Veranstalter. Daß die paar demokratischen Korporationen nicht mit 5 Fahnen aufzogen, während die vereinigten Studentenschaften etwa 500 haben, fand ich durchaus richtig. Ich bin kein Freund dieses studentischen Firlefanzes, der nicht mehr in unsere Zeit paßt. Aber wenn man ihn schon einsetzt, dann soll er die Geschlossenheit der Studentenschaft repräsentieren und nicht den an sich falschen Eindruck erwecken, als ob nur ein halbes Dutzend Korporationen sich zum heutigen Staate bekennen.13

Ich habe die Verfassungsfeiern im vorigen Jahr und diesmal mitgemacht. Die Rede Schumachers wahrte die Vorkriegs-Tradition an Kaisers Geburtstagsfeiern. Ich habe selbst einmal eine solche Rede gehalten über das türkische Bildungsproblem. Wenn man die Stellung Schumachers kennt, war sein Bekenntnis zur Verfassung ein großer Schritt vorwärts und ein Zeichen des besten Willens. Gewiß hätte ich mir persönlich in der heutigen Zeit manches anders gewünscht. Aber man kann solche alten Herren nicht mehr umstellen, und immerhin war die Tatsache, daß Schumacher diese Aufgabe übernahm, von sehr viel größerer politischer Wirkung als die Kritik der demokratischen Presse an dem Inhalt seiner Rede. Damit werden dem neuen Staat keine Freunde gewonnen. Hier liegt ein psychologischer Fehler, der einen so leidenschaftlichen Freund der Republik wie mich manchmal geradezu zur Verzweiflung bringt. Und nun gar die Rede Deismanns. Ich habe nach der Feier zu ihm gesagt:

Endlich einmal eine Rede, wie sie vom Rektor der größten deutschen Universität bei der Verfassungsfeier gehalten werden mußte. Man sollte diese Rede drucken und allen Universitäten zur Nachachtung schicken.“

Das war mein Eindruck. Auch Ihr Berichterstatter hat ihr die Anerkennung nicht ganz versagen können, aber schließlich die Kritik an den Nebenumständen so überwiegen lassen, daß – ich verhehle es nicht – selbst ich mich darüber geärgert habe. Mit solchen Kritiken wird m. E. nichts erreicht; ganz bestimmt keine Änderung sondern eine Versteifung wird die Folge sein. Gerade wenn Sie für den neuen Staat werben sollen, so muß das den akademischen Kreisen gegenüber mit psychologischeren Mitteln geschehen. Die Verhältnisse haben sich im letzten Jahrzehnt sehr zum Besseren gewandt, und eine freudige Bestätigung und Anerken-nung dieser Besserung führt dem neuen Staat mehr Freunde zu als eine unfreundliche Kritik,14 weil die Universität ihre Feier nicht nach dem Ihrem Berichterstatter als wünschenswert erscheinenden Schema gestaltet hat. Wo soll denn in dieser Zeit der Not der Schwung zu solchen Feiern herkommen? Sie deshalb ganz zu unterlassen, geht auch nicht. Also pflege man wenigstens die Institution solcher Feiern, bis mit mehr Freude am Staat sich auch ganz automatisch mehr Schwung bei diesen Feiern einstellen wird. Inzwischen verärgere man aber nicht die, die hier wirklich dem neuen Staat selbstlos dienen wollen, sondern helfe ihnen. Und darum wollte ich Sie mit diesen Zeilen bitten. Es ist der oberste Grundsatz der Pädagogik, daß man mit Glauben und Loben weiter kommt als mit Mißtrauen und Tadel.15

Indem ich hoffe, daß Sie diese Zeilen, die auch meinem persönlichen Interesse an Ihrem Blatte entstammen, richtig aufnehmen, bin ich

in bekannter hoher Verehrung Ihr ergebenster (CHB)

 

34. VZ, Chefredakteur Elbau an C. H. B. Berlin, 21.7.1931

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister!

Nach meiner Rückkehr von einer Auslandsreise erhalte ich verspätet Ihr liebenswürdiges Schreiben vom 7. d. Mts., für das ich Ihnen außerordentlich dankbar bin. Ihr Zeugnis ist mir überaus wertvoll, um im Sinne Ihrer Ausführungen auf meine Kollegen einzuwirken. Auch ich bin der Meinung, daß man lieber etwas freigebig mit Anerkennung sein soll als mit Kritik.

Ganz besonders würde ich mich freuen, wenn Sie zum kommenden Verfassungstag in der Vossischen Zeitung das Verhältnis zwischen Hochschulen und Staat in positivem Sinn beleuchten würden. Ich verspreche mir davon eine sehr gute Wirkung auch auf die studentischen Kreise, die zögernd und ablehnend beiseite stehen, aber doch die innere Bereitschaft zeigen, sich mit anderem Denken und Wollen auseinanderzusetzen. Wir wissen, daß die Vossische Zeitung auch von politischen Gegnern aufmerksam und nicht ohne nachhaltige Wirkung gelesen wird. Durch einen zusagenden Bescheid würden Sie mich ganz besonders verpflichten.

In aufrichtiger Verehrung und mit nochmaligem herzlichen Dank

Ihr sehr ergebener (gez.) Elbau.

 

35. C. H. B. an VZ, Chefredakteur Elbau Berlin, 23.7.1931

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Elbau,

Ich stehe im Augenblick mitten in den Vorbereitungen für meine große Chinareise, kann Ihnen leider im Augenblick Ihre Bitte nicht erfüllen, für die Nr. des 11. August einen Artikel über das Verhältnis zwischen Hochschule und Staat zu liefern. In der Hoffnung, daß Sie meine Gründe würdigen werden und mit freundlichen Grüßen

Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (CHB)

 

36. VZ, Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 22.11.1932

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister,

erlauben Sie , Ihnen einen verbindlichsten Dank für die Freundlichkeit und Schnelligkeit auszudrücken, mit der Sie meinen Wunsch erfüllt haben. Indem ich die Ankunft Ihres Manuskripts16 bestätige, gestatte ich mir gleichzeitig die Bitte um ein wenig Geduld. Wir haben augenblicklich Hochsaison, und deshalb können wir nicht so schnell, wie wir es wünschen, alle andrängenden Geschäfte erledigen.

In vorzüglicher Hochschätzung Ihr stets ergebener (gez.) Dr. Monty Jacobs17

 

37. C. H. B. an Chefredakteur Meyer-My, VZ, Zeitspiegel Berlin, 26.1.1933

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Durch Herrn Ballin erhielt ich die Nachricht, daß Sie bis Ende dieser Woche einen kleinen Begleittext für meine Persepolis-Fotos zu erhalten wünschen. Ich glaube in der beiliegenden Notiz alles Wesentliche zusammengefaßt zu haben. Ich wäre sehr dankbar, wenn mir etwa 20 Belegexemplare zugehen könnten. Ihre eigenen Notizen füge ich wieder bei; ich bemerke nur, daß Herr Krefter kein Amerikaner, sondern ein Berliner Architekt ist.

Mit verbindlicher Empfehlung Ihr sehr ergebener (CHB)

 

38. VZ, Krämer an C. H. B. Berlin, 31.1.1933

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister!

Im Verlag Ullstein erscheint in den nächsten Tagen ein Buch des früheren demokratischen Parteiführers Georg Koch-Weser, mit dem Titel „Und dennoch aufwärts“.

Wir möchten Sie bitten, das Referat über dieses Buch für die Vossische Zeitung zu übernehmen, und gestatten uns, Ihnen bereits jetzt die Druckbogen des Werkes einzusenden, denen wir so bald es möglich ist ein gebundenes Exemplar folgen lassen werden. Wir hoffen sehr, daß Sie unserer Bitte entsprechen werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung (gez.) Krämer, Redaktion, Vossische Zeitung

 

39. C. H. B. an VZ (Krämer) Berlin, 2. 2.1933

(Maschinenkopie)

Ich bin gern bereit, die Besprechung des Koch-Weser’schen Buches „Und dennoch aufwärts“ zu übernehmen und werde das Manuskript in den allernächsten Tagen einsenden.

Hochachtungsvoll ergebenst (CHB)


1 Vossische Zeitung, Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen. Begründet 1704. Im Verlag Ullstein, Berlin, Kochstraße 23/24, erschienen. 1934 erlosch die Zeitung.

2 Alle Hervorhebungen vom Herausgeber.

3 Vom Verfasser unterstrichen. Der Herausgeber.

4 Hervorhebung des Verfassers.

5 Aus dem Dossier geht hervor, daß der Verfasser Redakteur der Vossischen Zeitung ist. Der Herausgeber.

6 Vom Empfänger rot unterstrichen. Der Herausgeber.

7 Ich möchte die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers besonders auf den Leitartikel von Mahrholz lenken. Die Vossische Zeitung gehörte in der Weimarer Republik zu deren Unterstützer. BB

8 Hervorhebungen vom Herausgeber.

9 Vgl. vorangehenden Text Nr.23. Der Herausgeber

10 Unterstreichung Reichweins.

11 Hervorhebungen des Herausgebers.

12 Hervorhebung des Herausgebers.

13 Hervorhebung des Herausgebers.

14 Hervorhebung des Herausgebers.

15 Hervorhebung des Herausgebers.

16 Wohl ein Bericht über die Chinareise Beckers im Auftrag des Völkerbundes. Der Herausgeber.

17 Jacobs fragt in einem weiteren Brief nach Fotos, die er dann am 26.11. erhält. Das Gros der Bilder befindet sich in der Hand von Herrn Ballin von der Illustrirten Zeitung. Der Aufsatz erschien dann in der Weihnachtsnummer 1932 Becker erhält 100 kostenlose Separata. Der Herausgeber.

Einführung zu 8.3.

C.H.Becker berief 1928 Alfred Döblin, Kenner von Marx und Freud, in die preußische Dichterakademie. Döblin sagte bei dieser Gelegenheit:

Wer geistig selbständig sein will, ist in großer Gefahr und Not.“ (Nr. 1)

Das sollte wie eine Prophezeiung sein. Interessant auch der Briefwechsel mit dem franzö-sischen Kultusminister Edouard Herriot, in dem sich zwei unabhängige Geister dokumen-tieren (Nr. 2-10). 1927 schreibt Becker an Herriot über die Probleme internationaler Zusammenarbeit im Rahmen der Union Académique Internationale (Nr. 3, 10.8.1927). Vor einem deutschen Beitritt bedürfe es der Absprache, weil die Unionnur die Geisteswissenschaften betreut, während die deutschen Akademien Geistes- und Naturwissenschaften umfassen.“ 1930, inzwischen beide ohne Amt, bereitet CHB einer Volkshochschuldelegation aus Jena den Weg bei dem nunmehrigen Bürgermeister von Lyon. Die VHS habe

« une tendance purement républicaine. » (Nr. 8).

Die Vossische Zeitung in Berlin war demokratisch-republikanischer Tendenz und veröffent-lichte zwischen 1920 und 1933 zahlreiche Artikel Beckers, der die Redakteure auch jährlich mehrmals zu Hintergrundgesprächen empfing (Nr. 11-39). Themen sind unter anderem das neue preußische Studentenrecht (Nr.11), oder „Die Erhaltung der geistigen Produktivität (Nr. 12), aber auch das „Führerproblem“ (Nr. 13, nach dem Kapp-Putsch). These Beckers:

Das Führerproblem ist ein Geführtenproblem. Selbst der genialste Führer ist ein Raffael ohne Arme, wenn die Massen nicht bereit sind, sich führen zu lassen.“ (Nr. 14, 22.12.1922). Und weiter unten heißt es:

Noch sind wir keine Nation; wir sind erst auf dem Wege dazu. Deshalb fehlt uns die politische Disziplin alter Staatsnationen. Der Egoismus der Unterführer, ihr Besserwissen, ihre Herrschsucht, ihr Stammtischehrgeiz machen jede große Wirkung auf die Massen unmöglich. Dazu kommt Überschätzung der Privatansicht und des Privatinteresses. Der Erfolg ist der Tod des Gemeinschaftsgefühls und der nationalen Solidarität.“

1924 schreibt Becker über „Westöstliche Kulturkritik“ (Nr. 15):

Als Graf Kayserling seine philosophische Asienfahrt antrat, entdeckte er, was dem kultur-philosophisch denkenden Orientalisten lange bekannt war, daß der Islam nicht zu Asien sondern zu Europa gehört. Schon Harnack hatte bei seiner Promotion die These verfochten, daß der Islam eine christlich-jüdische Sekte sei.“

Im folgenden verweist er auf die Urgewalten des Islam:

„Welches sind nun die Urgewalten des Islam?

  • Der alte Orient mit seinem semitischen Prophetismus, seiner jüdischen Gesetzes-religion, seinem iranischen Dualismus und Eschatologie, seinem babylonisch-magischen Weltbild und seiner bürokratisch-absolutistischen Staatsform.
  • Die klassische Antike in der Form des Hellenismus, besonders im täglichen Leben, in Wissenschaft und Kunst, wobei Hellenismus im Sinne einer Mischung von Antike und Iran gebraucht ist.
  • Das Christentum in seiner dogmatischen, kultischen und mystischen Ausprägung; denn das islamische Dogma ist im Kampfe gegen die christliche Polemik erwachsen und hat ihre Fragestellung übernommen. Der islamische Kult hat sich nach dem Die klassische Antike in der Form des Hellenismus, besonders im täglichen Leben, in Wissenschaft und Kunst, wobei Hellenismus im Sinne einer Mischung von Antike und Iran gebraucht ist.
  • Das Christentum in seiner dogmatischen, kultischen und mystischen Ausprägung; denn das islamische Dogma ist im Kampfe gegen die christliche Polemik erwachsen und hat ihre Fragestellung übernommen. Der islamische Kult hat sich nach dem Vorbild des christlichen entwickelt, und die mystische Welt ist hier wie dort die gleiche.“

Und weiter:

Zwischen dem Islam und Europa handelt es sich also nicht nur um Übernahme fremder, langsam assimilierender Kulturgüter, sondern um Berührungen verschiedenartig weitergebildeter Auswirkungen des gleichen kulturellen Mutterbodens …“

1925 starb Reichspräsident Friedrich Ebert. Aus diesem Grund schreibt Redakteur Dr.Mahr-holz einen Offenen Brief an das Kultusministerium (Nr. 16, 12.3.1925), wobei er die positive Gedenkrede Beckers erwähnt, gleichzeitig aber das Verhalten der Studenten und Professoren rügt an Berliner Hochschulen und Gymnasien. Es gehört zur Tragik dieser Zeit, daß die bildungsbürgerlichen Schichten noch weitgehend dem alten Denken verhaftet waren – und schnurstracks in die Falle des Autoritarismus tappten.

Auch in der Angelegenheit der kulturellen Minderheiten wendet sich Mahrholz an Becker.

Wie ein kulturpolitisches Vermächtnis wirkt die Ansprache Beckers zur Eröffnung der Pädagogischen Akademie Breslau (Nr. 23), wo er klar die Grenzen für die Aufgaben der verschiedenen Hochschulen zieht.

In diesem Zusammenhang äußert sich Becker auch zum Amerikanismus:

Wir stehen in unserem Wesen dem Amerikaner vielleicht von allen europäischen Völkern am nächsten, wir laufen aber Gefahr, auf das Ausland wie Amerikaner zu wirken, denen die ethische Seite, die besonders humane Seite des Amerikanertums fehlt. Wir bemühen uns, und der gewaltige Strom unserer wirtschaftlichen und technischen Entwicklung treibt uns immer mehr dazu, uns dem Amerikanertum anzupassen. Vergessen wir dabei nicht, daß Schlagfertigkeit, Bereitsein, wirtschaftliche Tüchtigkeit, das, was der Amerikaner „efficiency nennt, das all dies ein seelisches und ethisches Gegengewicht haben muß, das die amerikanische Kultur – auf die historischen Zusammenhänge kann ich hier nicht eingehen – durch die eigentümliche geschichtliche Entwicklung bei sich erzeugt hat.“

Die deutschnationale Presse hetzt gegen die preußische Regierung wegen dieser Rede („Mehr human – weniger national“) und Reichwein bittet die Vossische Zeitung um Richtigstellung (Nr. 24)

In diesem Kontext ist auch die Bitte der Vossischen zu verstehen, Becker möge sich der Republikfeiern annehmen, die zum Teil desaströs waren.

Nach dem Tod des Präsidenten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, Harnack, Mai 1930 – Becker ist längst im „Ruhestand“ – bittet ihn die Vossische um einen Gedenkartikel. Becker wurde eigentlich als dessen Nachfolger gehandelt, wurde aber als Vizepräsident abgespeist, weil die Industrieverbände den hochbetagten Nobelpreisträger Max Planck bevorzugten, der seines Alters wegen leichter zu manipulieren war … (Nr. 28, 11.5.1930)

Der letzte Briefwechsel mit der Vossischen handelt von dem Persepolis-Artikel Beckers im Anschluß an seine Völkerbunds-Chinareise 1932 (Nr. 37). Und noch Anfang Februar 1933 erklärt sich Becker zu einer Rezension bereit, was durch seinen Tod nicht mehr zur Aus-führung kam.

Der Briefwechsel mir Carl Duisberg (Nr. 41-50) erstreckt sich über die Jahre 1924-1932. Da geht es mal um eine Ehrenpromotion für einen Mitarbeiter Duisbergs (Nr. 41), dem Zusammenschluß der chemischen Industrie zu den I.G. Farben, aber auch um die Errichtung des Carl-Duisberg-Hauses, die gemeinsame Arbeit in der Lincoln-Stiftung (Nr. 46), die Deutsche Studentenschaft. In einem handschriftlichen Zusatz Duisbergs vor seiner Asienreise 1928 heißt es (Nr. 46, 2.10.1928):

Wir müssen doch sehen, daß unsere Jugend einig bleibt oder wieder wird, wo immer es möglich ist. Nichts ist schlimmer als eine Zerrissenheit des deutschen Volkes gerade in dieser Zeit.“

Und selbst nach dem Rücktritt Beckers sendet Duisberg die neusten Vorträge an Becker über die „Handelspolitik“ (Nr. 47, 6.1.1931) oder die „Beziehung von Hochschule und Wirtschaft“ (Nr. 48, 11.3.1931).

Nach Beckers Chinareise übermittelt er Duisberg einen Brief der chinesischen Erziehungsmission in Europa, in dem es um Praktikantenstellen für Chinesen geht – eine Aufgabe, die die Carl-Duisberg-Gesellschaft heute mehr denn je wahr nimmt (Nr. 50, 12.12.1932).

***

Weitaus das umfangreichste Dossier ist aber jenes von Ernst Herzfeld zwischen 1908 und 1933 (Nr. 51 bis Schluß). Herzfeld, Archäologe und Orientalist, ist einer der Mitbegründer der islamischen Archäologie und trifft bei Becker auf einen kongenialen Förderer und Freund. Ihr geistiger Austausch über Jahrzehnte ist ein Gewinn für den heutigen Leser. Hin-und hergerissen zwischen den Geheimräten Bode (Berliner Museen) und Sarre, seinem Professor an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität, entschied sich Herzfeld letztlich für eine Univer-sitätskarriere – wenn auch der besonderen Art, nämlich ab Ende der 1920er Jahre als wissen-schaftlicher Attaché an der Botschaft in Teheran.

Erschreckend wird deutlich, wie bedrückend die Abhängigkeit eines jungen Wissenschafters ist, bis er endlich habilitiert und Professor wird. Sarre war schon 1904 mit Herzfeld bei den Ausgrabungen von Samarra (heute Irak, damals Osmanisches Reich) und hat letztlich auch die Edition der Ausgrabungsergebnisse bis in die 20er Jahre hinein geleitet.

Eng ist aber auch die Zusammenarbeit Herzfelds mit Becker in der Zeitschrift „Der Islam“ über viele Jahre hindurch. Im Gespräch mit dem Althistoriker Eduard Meyer und Kekulé wird dann beschlossen, Herzfeld solle sich in historischer Geographie habilitieren … Dazu orientalische Archäologie. (Nr. 56, 17.4.1909). Die Habilitation erfolgt dann ohne Extraarbeit auf Grund der wissenschaftlichen Veröffentlichungen im Juli 1909 vor der Welt- und Vortragsreise Meyers.

Im Januar 1910 reist Becker nach Paris und hatte engen Kontakt zum Kolonialminister (Nr.60, 31.1.1910). Auch die Gouverneure von Algerien, Tunis, und Zentralafrika sowie viele Abgeordnete lernte er kennen.

Ende 1910 schreibt Becker an Herzfeld nach Bagdad (Nr. 66, 9.12.1910)

„Ich bin gewiß kein Alldeutscher, aber eine Expansion Deutschlands nicht nur auf dem Wege des Handels, sondern auch in der Form geistiger Stationen wie Missionen und Schulen halte ich für eine einfache politische Notwendigkeit deutscher Weltmachtstellung. Wodurch haben denn England, Frankreich und Rußland ihren Vorrang in Asien errungen? Wollen wir denn für alle Ewigkeit die Nachgeborenen markieren und mit unseren 75 Millionen ruhig innerhalb unseres engeren Vaterlandes bleiben, weil vielleicht hie und da mal diploma-tische Schwierigkeiten entstehen könnten? Wir müssen uns, lieber Herzfeld, die verfluchte deutsche Bescheidenheit abgewöhnen. Unsere gräßliche Objektivität. Wir brauchen ja nicht so naiv wie die Engländer nationalen Egoismus für identisch mit dem kategorischen Imperativ zu halten, wir können es bewußt als nationalen Egoismus empfinden, dürfen uns aber von seiner Betätigung nicht durch tausenderlei Rücksichten und Bedenken abbringen lassen. Geistiger und wirtschaftlicher Einfluß gehen nun einmal Hand in Hand und in der ewigen Reichstagsrederei von der ausschließlich wirtschaftlichen Seite der deutschen Orientpolitik liegt doch im Grunde ein gut Stück englischer Heuchelei. Es tut mir leid, daß wir über diesen Punkt nicht mehr ausführlicher vor Ihrer Ausreise reden konnten. Das einzige, was ich an dem Komitee auszusetzen habe, ist nicht sein Programm, sondern die Ungeeignetheit der Männer, die an seiner Spitze stehen.“

Herzfeld berichtet (Nr. 67, 10.12.1910) von Grabungskonflikten mit dem Franzosen Wollert, der 6 Wochen in Samarra gegraben habe. Der Franzose Violett habe in Bagdad „viele Terrains gekauft und will im nächsten Jahr als Stadtarchitekt in Bagdad mit 75 LT (Türkischen Pfund) Monatsgehalt wiederkommen.“

Zwischen 1911 und 1913 finden die Ausgrabungen in Samarra mit der Abassidenresidenz aus dem 10. Jahrhundert statt, wozu Moscheen und Paläste gehören.

Becker berichtet von seinen ägyptischen Plänen 1911 (Nr. 70, 118.1.1911), wo er „das moderne Leben, die Bruderschaften und Gewerbe“ studieren will. Gleichzeitig hält er viele Vorträge in Frankfurt am Main, über die „Araber in Spanien“, in Saarbrücken über den „Islam in den Kolonien“ und in Metz über die „Jungtürken“.

Herzfeld schwärmt am 23.3.1911 (Nr. 72) von dem wundervollen Frühjahr am Tigris nach den „zwei bösen (Winter-)Monaten“

(Die Türkei) geht gewiß trotz allem einmal auseinander. Wenn ich mir die orientalische Frage überlege, so bedauere ich sehr lebhaft, daß Deutschland darin notgedrungen die Rolle des Erhalters dieser fürchterlichen Zustände spielt. Gäbe es kein Deutschland, so wäre gewiß Persien und wohl auch die Türkei unter europäischer Regierung gekommen und in so blühen-dem Zustande wie heute Egypten. Jetzt liegt es, eine Sünde und Schande, brach. Deutschland könnte von einer Aufteilung keinen unmittelbaren Nutzen haben: Mesopotamien ist ihm schon vollständig verschlossen, Kleinasien durch Rußland auch und das Mittelmeer ist auch nicht unser Machtbereich. Nichts könnten wir besitzen, während Rußland, Frankreich, England, Österreich sich alle einigen könnten. Nun hat Deutschland aber die Macht, eine Teilung bei der es leer ausginge, zu verhindern. Da es keine Teile gibt, die es selber bekommen könnte, so besteht es unbedingt auf der Erhaltung des Status quo, das heißt in Persien die Anarchie, in der Türkei der Mißwirtschaft und des Brachliegens. Welche schreckliche retardierende Rolle! Und gerade Deutschland mit seiner zunehmenden Bevölkerung hätte das meiste directe Interesse daran, daß dies Ackerbauland ersten Ranges bestellt wäre.“

Abschließend bemerkt Herzfeld:

Ich glaube nicht, daß man mit Schulen Cultur bringt. Hier müßte zu allererst eines sein: die Besserung des materiellen Wohlstandes. Wer wie hier die Leute am Hungertuche nagt, und so notdürftig gerade das nackte Leben fristet, der braucht keine Schulen. Cultur kommt mit höherem Wohlstand als etwas Eigengewachsenes und Selbsterworbenes, sie kommt (ich glaube nach Spencer) mit vielen Waschungen, jedenfalls mit der Möglichkeit der Muße. Schulen können sie einer solchen Bevölkerung nicht importieren.“

Im April 1911 schreibt er an Becker über den „Fall Herzfeld“ – was ein bezeichnendes Licht auf die politischen Verhältnisse wirft (Nr. 73, 1.4.1911): Herzfeld muß die Grabungen stoppen.

Anfang Mai berichtet Becker (Nr. 74, 2.5.1911) von seiner überstürzten Heimkehr aus Kairo nach Hamburg, weil Sohn Walter schwer erkrankt sei. Doch wären die zwei Wochen Kairo nicht ganz nutzlos für seine Studien gewesen. Im Juni 1911 reist Herzfeld nach Qasr-i-Shirin in Persien (Nr. 76, 15.6.1911), wo es trotz guter Ausrüstung „eine Erschöpfungsreise geworden“ ist (45°C).

Juli 1911, wieder in Samarra, schreibt Herzfeld (Nr. 78, 15.7.1911): „In Persien, das wird hier ebenfalls deutlich, bereiten sich große Dinge vor.“ Persien, praktisch geteilt zwischen Russen im Norden und Briten im Süden, steht, so scheint es, vor einem Putsch der Baktiaren gegen den schwachen Schah. Sollten diese allerdings den Schah absetzen, so würde Aserbaidschan an die Russen fallen und Krieg mit den Kashgais in Südpersien bedeuten.

Über den Islam äußert er sich wie folgt:

„Ich glaube nicht, daß der Islam die Kraft findet, sich mit der modernen Kultur auseinanderzusetzen. Sein Verhängnis ist doch, daß der Koran ganz und gar göttliche Offenbarung zu sein prätendiert, nur im Grunde so elend allzumenschlich ist. Ein oberflächliches Berühren mit unserer Cultur führt bei denen, die ich kennen gelernt habe, immer zum Atheismus, und zwar nicht wie bei den europäischen Atheisten zum Ersatz der Religion durch Ethik, sondern durch bloße Immoralität. Wie oft haben mir Leute gesagt, – einer indem er sich mir vorstellte – „Je bois du vin et je ne crois pas en Dieu, je suis franc-maçon.“ Ein tiefes Eindringen in europäische Cultur habe ich bei einem Orientalen noch nicht kennen gelernt. Ein einziger, ein Militärarzt, der die Petroleum-Commission der Deutschen Bank begleitete, hatte vielleicht etwas vom Wesen unserer Cultur erfaßt. Es war unter dem alten Regime der Türkei, und er wußte und sagte: die islamischen Staaten werden an der Unfähigkeit des Islams, sich der modernen Welt anzupassen, und an der Polygamie zu Grunde gehen. Unter dem neuen Regime hat die Bewegung, die die Viertelcultur anführen läßt, weite Kreise gezogen. Man trägt europäische Tracht, vernachlässige die Formen der islamischen Religion, und kommt sich als Vollblut-Culturmensch vor. Von der weltenweiten Kluft, die uns von jenen trennt, hat man gar keinen Begriff. Man glaubt, es fehle nur noch etwas Geld, um Europa ebenbürtig zu sein. So denkt man vom Wali bis zum kleinsten Beamten und Leutnant. Daß die besten Elemente, der Bauer und der kleine Handwerker, je die Regierenden werden, glaube ich nicht. Alle, die für die Regierung in Frage kommen, sind aber oder werden bald verdorben sein. Und ich glaube daher, daß es nur eine wahre Lösung der orientalischen Fragen gibt: europäische Regierung, wie in Indien und in Ägypten.

Über das Verhältnis von Arabern und Türken äußert sich Herzfeld wie folgt: (Nr. 81 vom 1.9.1911)

Das sind die guten Elemente in der Türkei, die arabischen Bauern und Landarbeiter, und ebenso die türkischen in Anatolien. Aber diese Schicht sind das, was in Ägypten die Fellachen sind: die zahlenden Parias. Alles andere aber ist verdorben von oben bis unten. Und da keine Aussicht ist, daß jene je an das Ruder kommen, so wird das türkische Staatsschiff ewig von mehr oder weniger großen Gaunern geleitet werden. Miss Bell, die mich auch so haßt und so wirklich geistreich ist, sagt einmal, wo sie das Leben in einer isolierten Qyshla in der Euphratgegend schildert: „If you will reckon up the volume of unquestioning, of (unleserlich), obedience upon floats she ship of the Turkish State, you will wonder that it should ever run aground.” Das ist auch sehr wahr.“

Im Oktober vertieft Herzfeld seine Kritik an der politischen Lage und der Unfähigkeit der neuen Türken wie der alten (Nr. 85, 17.10.1911) und vertieft seine Haltung im November (Nr. 88, 15.11.1911): Stichwort „die Heeresorganisation sei reines Blendwerk“.

Der Islam wirkt überall als Hemmungsmittel – das große Problem die Religion mit der Gegenwart in Harmonie zu bringen, dämmert in keinem Kopfe hier auf.“

aus: Großer Historischer Weltatlas III, Neuzeit, bsv München 1967, S.163
aus: Großer Historischer Weltatlas III, Neuzeit, bsv München 1967, S.163; Ich verweise auf den gewaltigen Umfang des Osmanischen Reiches allein in Europa!
aus: Großer Historischer Weltatlas III, Neuzeit, bsv München 1967, S.163
aus: Großer Historischer Weltatlas III, Neuzeit, bsv München 1967, S.1631

 

Ende 1911 deutet Herzfeld eine Reise nach Persepolis an (Nr. 90, 29.11.1911):

Die englischen Truppen in Shiraz sichern das Land, und ich bekomme englische Empfehlungen.“

Wunderbar Herzfelds Reisebericht Januar 1912 auf dem Tigris (Nr. 102, 29.2.1912)!

Im Februar 1912 ermuntert Becker seinen Freund, sich doch von Bode zum Orientalistenkongreß nach Athen senden zu lassen.

In der Folge bereitet Herzfeld in Berlin seine 2. Samarra-Expedition vor (Nr. 104, 4.5.1912); dazu gehört vor allem eine Feldbahn, dessen Schienen vom Kriegsministerium (!) kommen; der Generalstab wird einen Offizier der topographischen Abteilung entsenden zur Stadtplanaufnahme. Aus diesem Brief geht auch hervor, daß Herzfeld, trotz der Ablehnung von Mitteln durch Bode, in Athen war. Begeistert berichtet er Becker von seiner Begegnung mit Massignon.

Vor der Ausreise zur Samarra-Expedition wird deutlich, mit welch zweifelhaften Methoden man die türkische Seite zu düpieren sucht (Nr. 109, 19.6.1912), da sie, wie er meint, nicht in der Lage seien, alle Dinge nach Konstantinopel zu transportieren: Die Bagdadbahn war ja noch nicht fertig. So empfehlen Bode und Wiegand, „es müssen die Originale als Abgüsse declariert und exportiert werden.“

Im November 1912 ist Herzfeld wieder in Samarra (Nr. 122, 4.12.1912). Informationen über den aktuellen Balkankrieg und den Kämpfen in Tunesien gegen die Italiener höre man nur Gerüchteweise. Allgemeine Uninformiertheit, auch hoher Militärs. Von Dr. Hesse, nominiertem Konsul in Bagdad, berichtet Herzfeld „daß man im Auswärtigen Amt endlich einsieht, daß die von Marschall von der Goltz geleitete türkenfreundliche Politik ein großer Irrtum war. Ich habe es ja nie begriffen und male mir mit Angst aus, was für Einbuße an Ansehen Deutschland zu allen Mißerfolgen der letzten 10 Jahre jetzt noch durch die türkischen Niederlagen in militärischer Beziehung erleiden wird. Es ist wirklich fürchterlich.

Auch diese Prophezeiung Herzfelds sollte sich bewahrheiten. Vielleicht hätte man im AA doch zuweilen mal auf die Fachleute vor Ort hören sollen …

Becker muß Herzfeld nach den Ereignissen In Konstantinopel zustimmen:

Die Auflösung der Türkei scheint unaufhaltsam und Sie sind ja der erste, der das begrüßt.“

(Nr. 123, 25.1.1913)

Interessant der Hinweis Herzfelds, daß „alle Räume des Palastes einst bemalt“ waren in Samarra, und daß der Stadtplan La Gubis „absolut zuverlässig“ sei. (Nr. 124, 27.1.1913).

Im März 1913 schreibt Herzfeld über ein „jungpersisches Comité“, daß alle islamischen Kräfte bündeln wollte im Kampf gegen England und Rußland (Nr. 127, 15.3.1913), die sich ja zu diesem Zeitpunkt Persien praktisch geteilt hatten angesichts der Schwäche des damaligen Kadjarenherrschers. Durch ihren Boykottaufruf gegen England mußten sie in die Illegalität – und auch „Rußland dachte nicht daran seine Truppen aus Nord-Persien abzuziehen. Die seltsame Rußland-Bank machte immer mehr Leute durch Vorschuß bankrott und dehnte allmählich ihren Landbesitz über die Hälfte des ganzen nördlichen Persien aus. England schickte eine Garnison nach Shîraz.“

Becker schreibt über sein Interesse über Holzprobleme Ägyptens (Nr. 130, 26.5.1913). Die Pharaonen führten bereits große Mengen an Holz aus dem Libanon ein. In jüngster Zeit wurde es durch die Wissenschaft bestätigt, daß die Ägypter durchaus in der Lage waren, seetüchtige Schiffe zu bauen von ca. 40 m Länge, mit denen sie im Auftrag der Pharaonin Hatschesput bis zum sagenhaften Lande Punt im Süden des Roten Meeres segelten … (Nachbau in Alexandria durch Universität Florida).(Arte, 17.10.2009)

Ausbreitung des Islam, aus: Putzger, Historischer Atlas, Cornelsen Berlin 102.Auflage S. 36
Ausbreitung des Islam, aus: Putzger, Historischer Atlas, Cornelsen Berlin 102. Auflage S. 36

Ende Juni 1913 reist Herzfeld zurück nach Berlin, nachdem er sich die verschiedensten Schutzbriefe bei den Kurden-Chefs besorgt hatte (Nr. 131, 1.6.1913). Im folgenden Brief faßt er für Becker die Ergebnisse der Samarra-Grabungen zusammen (Nr. 132, 9.6.1913):

„Das Resultat ist nun, daß nach Bagdad, d.h. als Samarra gebaut wurde, die islamische Kunst bereits ganz interlokal und universell war. Infolgedessen hat es keinen Sinn mehr, im III.Jahrhundert (nach Hedschra?) irgend etwas als „persisch“ bzw. als „ägyptisch“ zu bezeichnen. Denn die Kunst hat keine Beziehungen mehr zu den einzelnen Provinzen. Und daß die Mitarbeit aller sie geschaffen hat, läßt sich gerade noch erkennen. Diese Betrachtung schließt sogar Spanien mit ein, das schon etwas früher sich von den anderen Ländern loslöst. Hier ist alles auf dem aufgebaut, was die Umaiyadenzeit geschaffen hat. Im ganzen sonstigen Orient ist der Abschluß erst in der ersten Abbasidenzeit erfolgt. Wir müssen diese ganze universelle und lokallose Kunst abbasidisch nennen.“

Der Gedankengang der „Genesis“ war also ganz richtig. Mschatta und tutti quanti sind natürlich ummayadische Monumente. Obwohl Bock sagt, es solle noch Leute geben, die Mschatta nicht für islamisch hielten. Und die islamische Kunst entsteht eben von 1 nach Hedjra bis 225 auf dem Wege der Zeiten gie (?unleserlich). Auch von den Nebendingen scheint mir das meiste immer noch richtig.“

Im letzten Brief aus Samarra (Nr. 133, 29.6.1913)berichtet Herzfeld von dem Chaos, das (sein Chef) Sarre und Kühnel angerichtet hätten, und das er korrigieren mußte.

In der Türkei sähe es schlecht aus, so heißt es weiter, drei hohe Beamte seien in Basra ermordet worden; im folgenden Brief, auf dem Tigris geschrieben, führt er das im Detail aus (Nr. 135, 10.7.1913).

Am 23.8.1913 ist Herzfeld zurück in Berlin (Nr. 135) und berichtet, wie er von einem Kurdenchef zum nächsten weitergereicht wurde, zu Pferd bei 50°C …

Von Interesse ist gewiß die Geschichte der Großen Moschee von Amida (Nr. 141, 9.1.1914), die im Jahre 20 Hedshra von Iyod erworben wurde.

Im März/April 1914 reiste Herzfeld mit Sobernheim erneut in den Orient und zwar mit Sobernheim nach Aleppo (Nr. 143/4).

Im Juli 1914 (Nr. 147, 2.7.1914) schreibt er an seiner Sassanidischen Kunstgeschichte.

In dem Zusammenhang bemerkt er, „es gibt überhaupt keine semitische Kunst. Im alten Babylon ist alles schlechthin sumerisch bis in die Hammurabi-Zeit. Wo die Sumerer als Volk aufhören, hört auch die Kunst auf.“

Im August, nach Kriegsbeginn (Nr. 150, 14.8.1914), kommt Herzfeld an die Westfront. Einen Monat später meint er bereits: „Es steht alles gut. Alles vertraut auf unseren Sieg, trotzdem der Kampf sehr schwer ist. Dann wird es wohl entschieden sein.“

Becker antwortet (Nr. 153, 16.10.1914), „die Türken scheinen sich vollständig Deutschland in die Arme geworfen zu haben. Deutsche Offiziere kommandieren das türkische Heer.“

Herzfeld äußert sich sehr skeptisch, was die Türkei angeht (Nr. 154, 2.11.1914):

„Überhaupt kann ich trotz allem nicht über ein sehr großes Bedauern hinaus, daß es alles so kommen mußte. Und ich fürchte immer noch, daß im Falle eines großen, ganz durchschlagenden Sieges von unserer Seite, doch unendlich viel Kultur in der Welt verloren gehen wird, daß Anarchie und Rückgang da ein-treten werden, wo die Engländer so unglaublich viel geleistet haben, und daß wir das auch im für uns günstigsten Falle nicht aufhalten, daß wir von Englands Niedergang nicht den Vorteil haben werden, der den Opfern des Krieges entspräche. Wenn thatsächlich, was ich nicht glaube, ein Wiederaufleben des Islam möglich wäre, so verlieren wir die islamische Welt genau so wie ganz Europa sie verliert.

Becker hofft im Gegensatz zu Herzfeld auf

„eine Erhaltung der Türkei unter deutscher Führung trotz Ihrer Vorliebe für England.“ )Nr. 155, 7.11.1914).

dtv-Atlas Weltgeschichte Kriegsverlauf im Westen, aus: Bd. 2., 39. Auflage 2006, S. 402 (Herzfeld war also mitten drin!)
dtv-Atlas Weltgeschichte Kriegsverlauf im Westen, aus: Bd. 2., 39. Auflage 2006, S. 402 (Herzfeld war also mitten drin!)

Trotzdem bemüht sich Herzfeld, daß er in die Türkei versetzt wird (Nr. 162, 17.1.1915). Und kurz darauf heißt es bei ihm (Nr. 166, 23.1.1915):

„was WIR nicht in der Türkei thun, das wird nicht geschehen. Der Djihâd ist m. E. nichts anderes, als das was ich Ihnen seiner Zeit aus (Samarra? unleserlich) und Kerbela schilderte. Den Islam wird kein heiliger Kriegsruf erwecken. Wenn es überhaupt möglich wäre, die muhammedanischen Völker, bloß die in der Türkei, zu organisieren, zu bewaffnen, militärisch zu einer Aktion zusammen-zufassen, so existierte die Türkei längst nicht mehr. Sie existiert bloß noch, weil diese Völker eben nichts mehr sind, nur Vergangenheit, und weil das komische Bißchen von Organisiertheit der Türkei schon genügt, jene unterjocht zu halten. Ein Ruf zum Kriege aber, ausgehend von der verhaßten Regierung, deren Unfähigkeit, Verlogenheit und Betrügerei man ein Jahrhundert und mehr kennen gelernt hat, wie soll das wirken? Ich wüßte, was uns helfen würde, was wir aber nie thun werden: WIR müssen den Noch-Neutralen die Teilung anbieten. Damit thäte man ein Kulturwerk. Ich habe große Besorgnis wegen des Djemal(Pascha) in Syrien. Wie hieß doch der ägyptische General, der seinerzeit in Alexandrien von den Engländern bestochen war?“

Im Mai 1915 Versetzung an die Ostfront (Nr. 170, 18.5.1915).Herzfeld schreibt über die Verbündeten:

Es ist eine greuliche Ironie, daß wir mit den beiden desorganisiertesten Staaten verbündet sind, und aß wir die traurige Aufgabe haben, sie zu erhalten, deren einzig verdientes, nur nach diesem Kriege auch nicht aufzuhaltendes Schicksal die Verteilung ist.“

Im Juni meint er, Deutschland habe (unter Bismarck) zwei große Fehler gemacht:

  • Erstens die Annexion Elsaß-Lothringens,
  • Zweitens den Dreibund.“ (Nr. 172, 1.6.1915)

Becker schließt sich gewissermaßen der Kritik an den Bündnispartnern an (Nr. 173, 4.6.1915) – aber er meint indirekt: Augen zu und durch. „Der Nationalstaats-Rummel scheint mir nur eine zeitgeschichtliche Mode. Österreich braucht nur eine starke Hand, hoffentlich findet es sie.“

Und weiter, über die Türkei: „Wenn es uns nicht glückt, für die arabischen Provinzen eine rein-arabische Verwaltung und eine Art bundesstaatliches Verhältnis durchzusetzen im Stile der Personalunion, ist dieser Teil der Türkei für Stambul verloren.“

Herzfeld antwortet (Nr. 174, 11.6.1915) „In bezug auf den Balkan habe ich doch große Sorgen, ich mag gar nicht daran denken: die Staaten haben nun einmal das natürliche Interesse am Untergang der Türkei. Das ist 1000mal echter, als die Interessengemeinschaft der Türkei mit uns. Die Stärkung Österreichs und der Türkei durch uns läuft allen ihren Zukunftswünschen zuwider. Ich bleibe dabei: wir müßten denen die Teilung anbieten. Denn auch für uns gibt es nur eine Zukunft im Falle eines Sieges, die Alternative: Beherrschen oder Zurückziehen. Nur ersteres werden wir nicht thun.“

Im August, ein Jahr nach Kriegsbeginn, äußert sich Herzfeld interessant über die Zukunft Europas nach dem Kriege (Nr. 177, 7.8.1915). Ich zitiere nur einige Sätze:

  • Der Krieg ist schlechterdings ein Verbrechen. Alle Civilisation, die mit diesem Mittel arbeitet, ist keine Civilisation und kann ruhig zu Grunde gehen.“
  • Der eigentliche Kriegsgrund ist der Nationalismus der Civilisation des XIX. Jahrhunderts.“
  • Jede Nationalität ist etwas Fließendes.
  • Der europäische Krieg ist also verursacht durch den Nationalitätenschwindel des XIX. Jahrhunderts. Es gibt verschiedene Anzeichen dafür, daß Europa mit diesem Kriege den Gipfel seiner Macht überschreitet.
  • (Es wird) Europa in der Zukunft einmal seine verwerfliche und kulturfeindliche Kleinstaaterei, seinen Nationalitätenwahnsinn“ überwinden.

So viel Weitsicht war in dieser Zeit leider recht selten!

Im September 1915 ist Herzfeld in Berlin. Becker betont seine Übereinstimmung, was die Ablehnung des „Nationalitätswahnsinns“ angeht (Nr. 179, 29.9.1915) – doch da war Herzfeld schon wieder an der Westfront (Nr. 180, 8.10.1915):

„Man kann auch mit Deutschlands Macht, mit der größten Macht sich nicht Entwicklungen entgegenstemmen. Man muß nur ein Gefühl für diese Entwicklungen haben, und nur diese wie ein Gärtner einen Baum zu ziehen suchen. Die Blüten werden nie in der Erde und die Wurzeln nie in die Luft wachsen. Ich habe die Empfindung, daß unsere Politik unseren Verbündeten gegenüber Unmöglichstes, Entwicklung gesetzwidriges, geradezu Widernatürliches will. Es ist die Stärke unserer Gegner, und auch die Erklärung dafür, daß wir die ganze Welt zum Gegner haben, daß sie mit dem großen Strom der Entwicklung schwimmen.“

Und weiter bei Herzfeld:

„ich habe immer gewußt, daß Rußland unbesiegbar und unerschöpflich ist. Daher verstehe ich auch die Haltung der Balkanvölker vollkommen. Wir können noch so viel siegen und Rumänien wird doch nie gegen Rußland auftreten. Es weiß, daß Rußland in einem Menschenalter wieder dieselbe macht ist, die es vor dem kriege war. Wer wird das heute noch von Österreich und der Türkei glauben?“

Anfang 1916 wird Herzfeld abkommandiert zum Generalstab zur Bearbeitung seiner Orientkarten (Nr. 182/3, . Im Februar 1916 wird er zum Professor ernannt. Am 19.2.1916 (Nr. 187) schreibt Herzfeld an Becker:

Ihre Censurgeschichten sind ergötzlich. Ich fände das beste, man schwiege die Türkei tot. So wie die Türken Erzurum totschweigen: was gehört dazu, nun jetzt schon 2mal zu melden: „Von der Caukasusfront nichts von Bedeutung!“

Wen wollen sie dumm machen? Wenn wir später darauf verzichten würden, die Verluste der Türkei auf unsere Kosten zu kompensieren, so finde ich, wären solche Verluste sehr wünschenswert. Z. B. wäre Armenien doch recht nett für Rußland. Sünden pflegen sich zu rächen, und ich sehe nicht ein, warum sich die Sünden der Türken gegen die Armenier und andere Völker nicht rächen sollten. Der ungeheure Hochmut muß bestraft werden. Wenn sie nicht ganz klein werden, ist unsere Thätigkeit in der Türkei aus. (…)

Leider fehlen die Briefe von 1916-19 aus dem Orient. Vielleicht müßte man mal in den Zensurakten nachschauen …

aus: Eckart Ehlers, Iran, Grundzüge einer geographischen Landeskunde, wbg Darmstadt 1980, nach Seite 100
aus: Eckart Ehlers, Iran, Grundzüge einer geographischen Landeskunde, wbg Darmstadt 1980, nach Seite 100

1920 ist Herzfeld Professor in Hamburg und Becker schon vier Jahre im Kultusministerium. 1921 ist Herzfeld erstmals in London – und ist begeistert (Nr. 197, 5.8.1021). Auch sein Besuch bei dem Cambridge-Orientalisten Browne beeindruckt ihn sehr.

1923 reist Herzfeld (mit englischen Empfehlungen) nach Indien, dem Irak, Persien, wo er im Juli 1923 ist. Er berichtet von der feindlichen Stimmung auf dem englischen Schiff und denSchwierigkeiten mit dem anglo-indischen Zoll in Bombay (Nr. 202, 27.7.1923) und der Polizei.

aus: Sylvia  A. Matheson, Persia, An Archaeological Guide, London 1972, S.13/14
aus: Sylvia A. Matheson, Persia, An Archaeological Guide, London 1972, S.13/14

in Karachi. Dann beschreibt er den miserablen Zustand der (im Kriege hastig gebauten) englischen Bagdadbahn und Bagdad selbst. Und schließlich sein Wiedersehen mit Samarra, Paikuli. Von dort fährt er nach Persien. Kleine Bemerkung am Rande:

Durch Khaniqun wäre ich nie gekommen, und doch war alles unterrichtet. Gerade das Gebiet mit seinen Naphta-Quellen ist plötzlich irakisch-englisch. Es war immer persisch. Das ist wieder so eine stillschweigende Erweiterung. Dabei ist es sehr komisch: angeblich hat die vor und während des Krieges arbeitende türkisch-persische Grenzkommission das Gebiet der Türkei zugesprochen. Das ist aber hinfällig, denn die Türkei war gar nicht mehr vertreten!“

Die Reise führt ihn weiter nach Sarpat, Taq-i-Bustan und Bisotun, und endlich kam Herzfeld auch nach Isfahan, Pasagardae, Persepolis und Schiras (Nr. 203, 30.9.1923), wo er mit finanzieller Unterstützung der indischen Parsis die achämenidischen Denkmale untersuchen wird. Ende 1924 gelingt es Herzfeld, doch noch die Einreise nach Afghanistan zu erreichen (Nr. 204, 23.12.1924). Es war wohl ziemlich furchtbar!

Er berichtet:

Dann kam eine Woche Dienersuche und Warten auf die Pässe in Peshawar, was mir furchtbar vorkam. Nichts Öderes, als eine angloindische Stadt, Posemukel ist Paris dagegen. Dann zwei Tage Auto für 750 Mark nach Kabul. Als ich 14 Tage später zurückkam, kam mir Peshawar wie das Paradies vor.

Das Ganze ist also nichts als ein aufgelegter Schwindel und Humbug, ohne großes Interesse, dessen einzige Existenzberechtigung darin liegt, daß man in England die zweifelhafte Idee hat, Indien und andere Länder müßten von buffer-states umgeben sein. Wenn man andere Ideen hätte, würde dieser und andere Staaten nicht existieren, und das wäre besser. Aber Ideenreichtum ist unenglisch. Die Deutsche Gesandtschaft besteht aus 3 Räumen. Sie ist damit völlig charakterisiert, daß sie nach x-jähriger Existenz noch kein Closett besitzt. Es wäre in jeder Beziehung besser, sie existierte nicht. Nur absolut notwendig ist es, alles zu thun, um der dortigen deutschen Colonie ein Ende zu bereiten, selbst auf Staatskosten. Die Hälfte sind Betrüger, die Hälfte Betrogene. So was habe ich weder erlebt noch für möglich gehalten. Einige bemitleide ich tief, so Sebas-tian Beck, der mir früher gräßlich war. Können Sie ihm helfen? Diese Leute müssen zurücktransportiert werden. Allein die Tatsache, daß ca.70 Deutsche dort in unwürdigsten Verhältnissen leben, macht jede ernste Arbeit da unmög-lich. Die Mißachtung die sie genießen, wird sofort auf jeden anderen Deutschen übertragen. Ich habe mich totgeschämt, und war froh und atmete auf, wie ich wieder in Indien war. Grobbe ist meines Erachtens ganz ungeeignet für die Stellung. Mit einem Wort: er imponiert sich. Leider niemandem anderen. Nicht den geringsten Einfluß, steckt die unverschämtesten Grobheiten ein. Das heißt er diplomatisch. Ich höre lieber auf, es ist zu fürchterlich. Verheimlichen Sie niemandem mein Entsetzen. Zu Hause muß ich doch etwas dagegen unternehmen.2

Dazu mußte ich in Bombay mir eine völlig neue Ausrüstung besorgen, da die Afghanen meine Sachen alle nicht durch das Zollamt passieren ließen: einfach alles geraubt. Selbst die photographischen Platten.

In Bombay hielt ich zwei Vorträge und habe die Finanzierung der Freilegung und Conservierung von Persepolis (25 000 Pfund Sterling) ziemlich gesichert. Da Eduard Stinnes statt erwarteter 5000 Mark ebensoviel Dollar schickte, reise ich über Belutschistan und (unleserlich .essin) nach Teheran zurück. In Karachi treffen mich meine alten Araber aus Hilla bei Baghdad.“

Im Februar 1925 reiste Herzfeld zurück nach Persien via Belutschistan (Nr. 205, 3.2.1925) – immer weitergereicht von einer –gut informierten – englischen Station zur nächsten, nach Sistan.

1928 reist Herzfeld erneut nach Persien (Nr. 207, 27.1.1928) über Konstantinopel, Athen, Kairo – von dort 9 Stunden Flug nach Bagdad und weiter über Kasr-i-Shirin nach Isfahan und Teheran, wo er sich ein Haus neben der Deutschen Gesandtschaft mietet. Allerdings sitzt er fast ohne Geld da, weil ihn das Auswärtige Amt sitzen ließ. Das soll sich jedoch ändern (Nr. 208, 24.2.1928) und Herzfeld der Botschaft attachiert werden. Im April endlich nach Gesprächen Beckers mit Stresemann und dem persischen Außenminister Ansari, leiert Legationsrat von Richthofen die Sache an, die im Kompetenzstreit zu ersticken drohte … (Nr. 209, 114.4.1928)

1932, nach dem Besuch Beckers in Persepolis auf der Rückreise von China (Nr. 213, 15.3.1932) berichtet Herzfeld von einer Gruppe „Parsis in Bombay, die die Totenaussetzung abschaffen wollen.“

Nun entdeckte Herzfeld kleine achämenidische Felsgräber, die die Einbalsamierung der Könige beweisen, wie es schon Herodot berichtet hat. Diese Aussetzung in den Türmen des Schweigens sei „eine barbarische ostiranische oder centralasiatische Sitte.“ Sie war übrigens unter dem Regime der letzten Schahs im Iran verboten.

Im Herbst desselben Jahres schreibt Herzfeld an seinen Freund von seinen Ausgrabungserfolgen (Nr. 212, 23.10.1932) und der Restaurierung bzw. Sicherung von Persepolis. An Hand von gefundenen Inschriften stellt er fest, daß schon unter Dareios Mittelpersisch gesprochen wurde, Altpersisch aber nur noch in gelehrten Texten vorkam.

Im Weihnachtsbrief an Becker (Nr. 214, 6.12.1932) erzählt er von den Ausgrabungen der Apadana und der verschiedenen Paläste in Persepolis, vor allem auch von der wundervoll erhaltenen Treppe, sowie von Ausgrabungen in Istakr.

Der letzte Brief Beckers an seinen Freund (Nr. 215, 5.1.1933) ist geprägt von Altersweisheit gegenüber dem, nur drei Jahre Jüngeren, wo er versucht die wissenschaftlichen Kontroversen zwischen dem Philologen Schaeder und dem Archäologen Herzfeld zu glätten, zu vermitteln.

In unserem Alter muß man irgendwie von dem göttlichen Erbarmen mit der Schwäche des anderen im Herzen tragen, aber es muß auch wirklich ein Erbarmen, kein Ärger, keine Verachtung und kein Schimpf sein.“

Berlin, im Dezember 2009


1 In den Balkankriegen wurde die Türkei reduziert auf einen Brückenkopf mit Adrianopel

2 Hervorhebung vom Herausgeber. Übrigens hatte sich 1971 in dieser Hinsicht nicht allzuviel geändert

Gesellschaft für Ostasiatische Kunst Berlin, 1929

HA VI. Nachl. C.H. Becker Rep.92. Nr 408

253. Gesellschaft für Ostasiatische Kunst Berlin an C.H.B. Berlin, 23.1.1929

( Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister,

dürfen wir die Bitte aussprechen, uns den Wortlaut der Rede, die Sie bei der Eröffnung unserer Ausstellung in der Akademie hielten, freundlichst zur Verfügung zu stellen? Wir möchten Ihre Ansprache gern in den Mitteilungen unserer Gesellschaft zusammen mit der von Herrn Präsidenten Liebermann und Herrn Dr. von Klemperer abdrucken.

Im Voraus für Ihre Liebenswürdigkeit dankend bin ich, sehr verehrter Herr Minister, mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung Ihr sehr ergebener

William Cohn, 2. Schriftführer

 

254. C.H.B. an Dr. Cohn. Berlin, 25.1.1929

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ihrem Wunsche entsprechend lasse ich Ihnen hiermit den Wortlaut der von mir am 12. Januar d. J. bei der Eröffnung der Ausstellung Chinesischer Kunst gehaltenen Rede zum Abdruck in den Mitteilungen der Gesellschaft zugehen.

Mit vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst (C.H.B.)

Anlage

Rede zur Eröffnung der Ausstellung Chinesischer Kunst

Meine Damen und Herren!

Für die freundlichen Worte der Begrüßung danke ich Ihnen, Herr Präsident, und Ihnen Herr von Klemperer! Auch ich begrüße herzlich die Gäste der Akademie, allen voran die Vertreter des diplomatischen Corps und in ihrer Mitte besonders den diplomatischen Vertreter des Volkes, dessen künstlerischem Schaffen wir die Möglichkeit dieser erfreulichen Ausstellung verdanken.

Sie haben bereits darauf hingewiesen, daß die Preußische Akademie der Künste nicht zum ersten Male ihre Säle für eine Ausstellung ostasiatischer Kunst öffnet. Im Herbste des Jahres 1912 war hier eine sehr qualitätsvolle Schau chinesischer und japanischer Kunst zu sehen, die ausschließlich aus deutschem öffentlichen und privaten Besitz stammte. Die Ziele der diesjährigen Veranstaltung sind andere: sie sind enger gesteckt, denn Sie haben Ihr Augenmerk nur auf China gerichtet, aber insofern sehr viel weiter, als Sie im weitgehendsten Maße auch außerdeutsche Sammlungen und Kunstfreunde zur Mitwirkung aufgerufen haben. Dass dies gelungen ist und fast alle, an die Sie sich wandten, der Einladung Folge leisteten, so daß eine Ausstellung von weltweiter Bedeutung zusammengekommen ist, betrachte ich als ein glückliches Zeichen internationaler Zusammenarbeit, deren Früchte wiederum allen zu Gute kommen werden, denen die Beschäftigung mit der künstlerischen und geistigen Kultur des fernen Ostens als wichtige Ergänzung eigenen Daseins erscheint. In denen, die ihr bisher noch ferne standen, wird vielleicht – und ich hoffe das – ein bestimmtes Gefühl dafür wach werden, wie wichtig solch ein Blick über die Grenzen eigenen Anschauungs-, Denk- und Gestaltungsformen ist. Denn dieses Kennenlernen, sofern es offenen, aufnahmebereiten Sinnes erfolgt, wird mindestens Keime des Verständnisses dafür aufgehen lassen, daß jenseits selbstbewußten Fühlens noch weite Möglichkeiten schöpferischer Betätigung gegeben sind, die ebenso innerlich im seelischen Dasein wurzeln und darum das gleiche Recht auf Leben und Auswirkung haben wie unsere eigenen. Dabei handelt es sich ja nicht um Vermehrung bloßen Wissensstoffes, sondern um schauendes Begreifen von Lebensäußerungen, die mit den feinsten Regungen des Herzens und der Sinne verwachsen sind. Eigenes mit Fremdem vergleichen zu können: das ist wesentliche Voraussetzung aller Bildung, der es nicht nur um die Kenntnis gewisser Tatsachen, sondern vornehmlich auf ein Verstehen ankommt, dessen wertvollste Frucht in der mitfühlenden Duldung andersgerichteten Wollens und Könnens besteht.1 Sie werden daher begreifen, meine Damen und Herren, wenn ich den hohen Wert dieser Veranstaltung nächst der unmittelbaren Förderung kunstgeschichtlicher Forschung und begeisterter Sammlerfreude vor allem in einem erzieherischen Moment von allgemeiner Bedeutung erblicke, das dazu beitragen kann, unserem internationalen Ethos und überhaupt unserem Verkehr mit Andersdenkenden eine bestimmte geistige Höhenlage zu sichern.

Die Mühe, die Sie, Herr von Klemperer und der gesamte Vorstand der Gesellschaft für ostasiatische Kunst gehabt haben, um der noch jungen Gesellschaft jenen Resonanzboden in der öffentlichen Meinung aller Länder zu sichern, der diese Ausstellung überhaupt erst möglich gemacht hat, ist nicht umsonst gewesen und verdient aufrichtige warme Anerkennung. Lassen Sie mich Ihnen und dem Vorstande hier wärmstens danken, ebenso auch Ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern, namentlich den Herren der Museumsverwaltung und der Akademie, die keine Arbeit und keinen Zeitaufwand gescheut haben, um die Werke, die wir heute hier bewundern dürfen, zusammenzubringen und auszustellen. Dank vor allem auch den Sammlern und den Museen, die ihre kostbaren Schätze uns für einige Zeit zur Verfügung gestellt haben. Mögen in dem Erfolg der Ausstellung, die ich hiermit als eröffnet erkläre, alle Beteiligten die innere Befriedigung finden, die ihre aufopfernde Hingabe an das gemeinsame Werk verdient!


1 Hervorhebung vom Herausgeber.

Hellmut Ritter, 1913-33

VI.HA. Nl. C. H. Becker. Nr. 3521

Briefwechsel Beckers mit dem Orientalisten Hellmut Ritter1 1913-1933 (bis 1936 mit Hedwig Becker fortgeführt) – Briefe und Tagebuchberichte.

225. Hellmut Ritter an C. H. B. Stambul, 19.1.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor!

Nun bin ich schon seit etlichen Tagen hier und habe Zeit, etwas über meine Reise zu berichten

Mein Reisegefährte Leutnant Klinghardt, war Dienstag endlich gesund und so sind wir fröhlich abgedampft. Schlagwagen leider ausverkauft, so fuhr ich zwischen galizischen Juden die ganze Nacht hindurch. Fabelhaft, was in Österreich für eine unbeshreibliche Begeisterung für unser Heer und unsern Kaiser, den man sich im Volke durchaus als den genialen Führer des Ganzen vorstellt, herrscht. Ich höre noch die Galizier: „Ich bitte, Härr, wenn ich sehe einen Daitschen, so wird mir leicht ums Herz. Härr, jeder von unsere Lait gibt seinen Kopf für jeden daitschen Soldaten. Sie können kommen uns nehmen, was Sie wollen, wir geben alles her.“ Ein Ungar wollte seine Reiseroute ändern, nur, um uns am Bukarester Bahnhof behilflich sein zu können. So ist die Stimmung überall. In Ungarn sah ich bayerische Artillerie, die den Österreichern wohl gegen Serbien helfen soll. Die Leute wurden von den guten Menschen fast auf den Händen getragen, wußten sich gar nicht zu retten vor lauter Liebesbezeugungen. Ich ließ meine Galizier natürlich nicht merken, daß ich auch einer von diesen Halbgöttern sei, ließ vielmehr das ganze Lobgetön mit behaglicher Freude über mich ergehen. Unterwegs gesellte sich ein Offizier von der polnischen Legion zu uns, der mir recht gut gefallen hat. 50 000 Polen sollen ja mit uns gegen Rußland kämpfen. Österreich hat ja Recht uns zu loben. Man hat ein Rätsel gemacht: „Worin besteht die militärische Überlegenheit Österreich-Ungarns über Deutschland?- Es hat einen besseren Bundesgenossen.“

Freilich kann man von dem in so viel Nationalitäten zersplitterten Land nicht allzuviel erwarten. Wieviel Verräter mußten erst aus dem Heer entfernt werden, ehe man ausrücken konnte! Auch das Offizierkorps ist mit unserem nicht zu vergleichen. „Ja, wenn wir deutsche Offiziere hätten!“ hörte ich sagen. Man macht sich doch bei uns keine Vorstellung von den Schwierigkeiten der inneren Organisation bei diesem bunten Heere. Glänzend sollen die Ungarn sein. Auch wir hatten den Eindruck einer vortrefflichen Geschlossenheit der Stimmung in Ungarn. Mit einem ungarischen Offizier sprach ich über das Pech in Serbien. Er sagte folgendes:

Die Österreicher waren siegreich, hatten aber keinerlei Reserven, und als die Truppe todmüde waren, warfen ihnen die Serben 2 ganz frische Armeekorps entgegen, die bis dahin an der rumänischen Grenze untätig gelegen hatten, um einem eventuellen Angriff der Rumänen begegnen zu können; die waren nun bei Rumäniens neutraler Haltung frei geworden und hatten natürlich nun leichtes Spiel.“ Doch ist bereits ein neuer Angriff, scheinbar mit deutscher Hilfe, im Werke, von dem man sich viel verspricht. So viel scheint mir deutlich, daß das Erscheinen unserer Soldaten enthusiasmierend wirken wird.

Leider war weder in Wien, noch in Budapest Aufenthalt möglich. Erst in Bukarest sind wir über Nacht geblieben. Ein unerfreuliches Nest, präsentierte sich dazu noch im Schneematsch, so daß wir keine gute Erinnerung daran haben. Auch die Bevölkerung gefiel uns nicht. Ein Flegel, der in Deutschland den Dr. gemacht hat, suchte jede Gelegenheit, sich gegen uns zu stellen. Er war ein paar mal festgehalten worden, wohl wegen Spionageverdachtes, und ließ nun seine Wut an uns aus.„Ich habe es satt mit die Deutschen! Deutsche Kultur! Barbaren sind das. Etc.“ Das ein Mann, der bei uns studiert hat!

In Bukarest trafen wir einen dort ansässigen Landsmann. Den fragten wir nach der Stimmung im Lande. Er sagte, es wäre an sich gar nicht so schlimm, nur wäre das Volk durch die Presse aufgehetzt. Warum die Presse gegen uns wäre? Weil die deutsche Bestechung nicht funktioniert hätte. Der betreffende tüchtige Vertreter hat in den Zeitungen in echt bürokratischer Weise eine Quittung für die Bestechungssumme verlangt (!), was die natürlich verweigerten. Dagegen ist der Rubel reichlich geflossen. Volksstimmungen sind eben käuflich in diesen Ländern, und unsere Feinde kennen sich auf diesem Markt besser aus als wir.

Rustschuk (Bulgarien). Die ersten türkischen Laute. Arabagy! Ein Kutscher im Fes fährt uns nach einem deutschen Lokal, wo wir uns etwas restaurieren. Auf dem Rückweg zum Bahnhof sehen wir bulgarisches Militär mit schaurigem Gesang in die Kaserne marschieren. Vortreffliche Haltung, sehr viel erfreulicher als in Rumänien.

Dann weiter im Schlafwagen. Morgens beim Kaffee sieht man sich im Speisewagen um und entdeckt zu seinem Vergnügen, daß der ganze Zug voller Deutscher sitzt. Der Schaffner belehrt uns, das ginge nun seit Wochen so. Es müssen sich geradezu unverschämt viele sich durchgeschlängelt haben. Jeder Mensch in Bukarest oder irgendeinem Bahnhof, mit dem man sprach, sagte sofort:„Sie sind natürlich deutscher Offizier und fahren nach Konstantinopel.“

Auch die rumänischen Offiziere wußten genau Bescheid, doch drückten sie verständigerweise die Augen zu. Solange die zivile Form gewahrt wird, können sie ja auch nichts machen. Mit einigen der deutschen Herren haben wir Beziehungen angeknüpft. Ein interessanter Mann war dabei, Kapitän der Rickmerslinie, geboren und erzogen in Odessa, mit einem so fabelhaft internationalen Gesicht, daß kein Mensch ihn für einen Deutschen halten wird. Er war bei Ausbruch des Krieges in Wladiwostok und ist mit lauter falschen Pässen über China, Japan Amerika nach Hamburg und nun nach dem Orient gekommen, um dort irgendwie sich zu betätigen. Er hat russische und japanische Gefangenenlager gesehen. Die russischen sind nach ihm schlecht, dagegen die japanischen glänzend.


Ankunft in der Türkei


Als wir endlich die Grenzpfähle der Dewletti alijje überschritten, war es mit dem Schnee vorbei. Adrianopel bot sich uns im schönsten Sonnenschein dar: Türkische Offiziere, vortrefflich gekleidete Soldaten, schreiende Jungens, mit dem osmanischen Lloyd und ein buntes Völkergemisch, sowie eine kleine Entgleisung unseres Zuges auf den verwahrlosten Schienen versetzten uns in den Orient. Nach einer Stunde Verspätung , Nachts, kamen wir in dem ersehnten Cospoli an. Eine tolle Wagenfahrt brachte uns ins Hotel. Es war ein Wettrennen zwischen 2 Wagen, das bei dem schlechten Pflaster und der Abwesenheit jeglicher Bremse in den steilsten Straßen beinahe lebensgefährlich erschien. Gewiß wollten die wackeren Männer so ihren Eifer für die Sache bestätigen.

Das Hotel Pera hat mit unsern Hotels ersten Ranges wenig mehr als die hohen Preise gemein. Bummelige griechische Kellner etc. Doch das verschwindet alles, sobald man das Fenster auftut und das von der Morgensonne beleuchtete Goldene Horn und das unvergleichliche Stambul dem entzückten Auge zu genießen gibt. Es ist unbeschreiblich schön. Ich hatte gleich die größte Lust, sofort in die Herrlichkeit hineinzutauchen, aber die Pflicht ging vor.

Major, jetzt Oberstleutnant Schwabe, ist ein sehr freundlicher und angenehmer Vorgesetzter. Auch die anderen Herren gefallen mir, bis auf eine Ausnahme, recht gut. Natürlich, es sind deutsche Offiziere und besonders deutsche Leutnants. Aber ich bin recht froh über meine Reisegesellschaft.

Meine Sache regelt sich ziemlich schnell. Da man mich nicht so schnell zum Offizier machen konnte, ich aber andererseits nicht als Unteroffizier herumlaufen konnte, hat man mich allen militärischen Schmuckes beraubt, und ich fahre als Zivil-Dragoman in einem Anzug, der gewissermaßen eine Synthese aus Uniform und Zivil darstellt. Übrigens habe ich die Stellung und das Gehalt eines Leutnants. Das ist mir ganz sympathisch.

In diesen Tagen ist leider noch reichlich viel zu ordnen und zu besprechen, so daß meine

Gelüste, Stambul zu genießen, etwas gezähmt werden müssen. Immerhin haben wir auf einer Pinasse der Loreley uns den Bosporus angesehen und in dem Garten der Gesandtschaft gelustwandelt. Köstlich! Höchst merkwürdig wirkt es, wenn mitten in dem Gewühl von Orientalen plötzlich so ein paar Prachtmenschen von deutschen Matrosen herumlaufen, zu deren frischen Gesichtern der Türkenfes gar nicht recht passen will.

Gestern Mittag habe ich mich endlich frei gemacht, um einen Gang nach Stambul zu unternehmen. Nicht ohne einige Befangenheit betrat ich, die Schuhe abgezogen, die Jeni walide Gámi. Vier Gläubige verrichteten hinter irgendeinem Chodscha ihr Gebet. Ich fühlte mich äußerst beklommen. Der Abstand zwischen theoretischer Buchkenntnis und praktischer Übung erschien mir in seiner ganzen Größe.

Gibt es Orientalisten außer Snouck, die all’ das beherrschen, verstehen? Wie schön, wenn man Gelegenheit hat, wie er, an Ort und Stelle zu studieren. So lange man das nicht getan hat, wird einen der Muslim doch gewiß stets als Ignoranten behandeln. Kurz, ich ging etwas bedrückt weiter. Ein Angriff auf die Agra scheiterte vorläufig, da die Sonne unterging und der Diener mich nicht mehr hineinlassen wollte. So bin ich nach dem Azàn noch etwas herumgeschlendert. Ein paar neugierige Effendis redeten mich an und zwangen mich, mein Türkisch zu erproben. Ich fühlte mich doch noch etwas unbehaglich darin; wie froh war ich, als ich an einem Buchladen vorbeikam, dessen Inhaber natürlich Perser war. Sofort war ich im Bilde. Ein langer Schwatz entspann sich, so daß es stockdunkel war, als ich ging. Spät abends langte ich am Wasser an, setzte mich in einen gayq und ließ mich über das Goldene Horn hinüberfahren. So oft mein gayqschy die Ruder eintauchte, verwandelte sich das Wasser in glänzendes Metall. Eine Furche von flüssigem Silber bezeichnete den Weg, den das Boot gefahren hatte – das erste Meeresleuchten, das ich gesehen habe!

Herrn F.F. Schmidt habe ich aufgesucht und den Auftrag ausgerichtet.. Er will heute mit mir auf den Bazar gehen. Es ist alles spottbillig. Der Handel ist sehr geschädigt durch den Krieg.

Demnächst mehr.

Mit herzlichen Grüßen an alle Leser dieses Briefes Euer Hellmut Ritter.

Anmerkung: Lieber Herr Professor, bitte, schicken Sie diesen Brief an meine Eltern. Von dort soll er an Bruder Gerhard und von da ins Feld kommen. Dort ist man natürlich auch neugierig, was mit mir los ist.

 

226. Hellmut Ritter an seine Eltern Bosanti, 28.1.1915

(Maschinenkopie für C.H.B.)

Liebe Eltern!

Vorgestern sind wir hier angekommen. Leider habe ich Konstantinopel nicht mehr recht genießen können, weil noch so viel zu packen und vorzubereiten war, daß mir wenig Zeit blieb. Nur die Agia Sophia und das Armeemuseum im Serailgarten habe ich mir ansehen können. Ich schrieb schon, welche großartige Wirkung die Sophienkirche auf mich ausgeübt hat. Auch die Offiziere waren sich darin einig, daß sie selten einen so starken Eindruck erhalten hätten, wie bei der Betrachtung dieses einzigen Baues.

Dann kam eine etwas öde Fahrt auf der Anatolischen Bahn. Rechts und links dehnt sich ungeheures, leeres Gelände aus, das in seiner Menschenleere etwas Unheimliches hat. Anfangs erquickte noch der Ausblick auf den Golf von Ismid, dann aber kam eine lange eintönige Fahrt, bis endlich sich eine unbeschreiblich schöne Alpenlandschaft vor uns auftat: der Taurus. Hier weiß ja auch Christiane Bescheid. Sonnenbeschienene, schneebedeckte Bergzipfel, bewachsen mit grünem Nadelholz. Hier auf der Station ein buntes, malerisches Gewimmel von Karawanen, Kamelen, Ochsen, Soldaten, Zelten und Kutschern: denn hier ist die große Umladestelle. Die Bahn geht zwar noch eine Station weiter, doch beginnt hier die alte Paßstraße, und man tut am besten, schon von hier die Ochsenwagen oder Pferdewagen zum Transport nach Hulek oder Tarsus zu benutzen. Leider haben wir so maßlos viel Gepäck, daß wir in mehreren Transporten gehen müssen. Die Herren sind schon heute Morgen losgefahren, 2 Offiziere und ich haben die große Bagage nachzuschaffen. Natürlich geht das nicht ohne Schwierigkeiten mit dem Bahnhofskommandanten, einem türkischen Oberstleutnant, was nicht gerade an diesem zu liegen braucht… ich dolmetsche, so gut ich kann.

Ich habe eigentlich bis jetzt gute Eindrücke von der Organisation, es klappt alles in überraschender Weise. Landeskenner konstatieren tatsächliche Fortschritte.

Gestern haben wir in einem recht primitiven Kaffeehaus Kaisers Geburtstag gefeiert mit eigens dazu mitgeführtem Sekt. Abwechselnd wurden die beiden Kaiser und der Sultan hochleben gelassen, auch die merkwürdige Tatsache gewürdigt, daß in diesem Jahre Muhammeds und Kaiser Wilhelms Geburtstag zusammenfällt.

Unser Oberstleutnant ist zu meiner Freude sehr geschickt in der Behandlung der Leute, schlimmer wird’s, wenn die jüngeren Leute das Kommando haben und zu kommandieren anfangen. Na, es wird alles gehen.

Wir sammeln uns in Tarsus, um dann nach Adana zu kommen. Dabei werde ich Christianes Andenken pflegen.

Genaue Nachrichten über die Erfolge der türkischen Armee gibt’s hier auch nicht. Im Kaukasus soll es wirklich recht mäßig stehen. Gemáls Operationen sollen „sich einstweilen in dem Rahmen größerer Demonstrationen halten“.

Man wird ja sehen.

Mit vielen Grüßen Euer Hellmut.

Anmerkung: Ich war sehr froh, noch in K(onstantinopel) Vaters und Herrn Prof. Beckers zu erhalten. Bitte laßt auch diesen Brief die Runde machen.

 

227. C. H. B. an Metropolitan2 Ritter, Niederzwehren bei Kassel. (Bonn), 4.2.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Metropolitan!

Gestern empfing ich zwei Briefe von Ihrem Sohn Hellmut, von denen ich den einen wunschgemäß weitergebe. Ich habe mit Ihrem Sohn ausgemacht, daß ich seine Briefe immer abschreiben lasse, damit ich seine Nachrichten behalten kann und dafür das Original sende. Um Ihren Sohn im Felde nicht allzulange warten zu lassen, schicke ich einen Durchschlag meiner Abschrift direkt an ihn. Sie können also den für sie auch wertvollen Brief Ihres Sohnes in Deutschland behalten.

Bei unserem letzten Zusammentreffen in Berlin, von dem Ihnen Ihr Sohn Gerhard wohl berichtet haben wird, haben wir auch verabredet, daß ich unserem Reisenden für eventuelle Privatausgaben einen Kreditbrief zur Verfügung stellen solle. Ich habe das getan und werde Ihnen jedesmal Mitteilung zukommen lassen, wenn ein Betrag fällig wird. Da Hellmut aber Offiziersgehalt bekommt, wird es wohl nicht so oft vorkommen, wie er anfangs als Unteroffizier befürchtete.

Auf den Adressen ist er hinfort nicht mehr als Unteroffizier, sondern als Dragoman zu bezeichnen.

Mit verehrungsvoller Empfehlung Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (CHB)

 

228. C. H. B. an Metropolitan Ritter (Bonn), 8.2.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Metropolitan!

Verbindlichen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 5., der sich offenbar mit dem meinigen vom 4. gekreuzt hat. Ich hoffe, Sie haben sicher über den schönen Brief Ihres Hellmut ebenso viel Freude gehabt wie ich.

Da Sie sich so offen über Ihren Sohn aussprechen, möchte ich Ihnen gern versichern, daß ich vollkommen im Bilde bin. Von der ersten Woche unserer Hamburger Zusammenarbeit habe ich nicht nur von der wissenschaftlichen, sondern auch vor allem von der menschlichen Seite her auf ihn zu wirken versucht, und er hat mir auch öfters sein volles Verständnis in diesem Punkte ausgesprochen. Er weiß genau, wo die Hemmungen seiner Natur liegen; aber sie sind oft stärker als der beste Wille. Auch mir war es eine große Überraschung zu sehen, wie völlig anders Ihr Sohn Gerhard geartet ist und wieviel leichter diesem natürlich liebenswürdigen Menschen die Welt fallen muß. Bei Hellmut kann man wohl sagen: il a les vices de ses vertues, d.h. seine ungemein gründliche und arbeitskräftige Natur nimmt es eben überhaupt schwer, auch mit den Äußerlichkeiten des Lebens. Ich habe manch merkwürdiges Erlebnis mit ihm in dieser Hinsicht gehabt; aber da ich viel Verständnis für so schwierige Naturen habe, sind wir immer glücklich über solche Momente hinweggekommen, und ich habe jetzt das Gefühl, daß sich Hellmut auch in menschlichen Dingen auf mich verläßt. Vor seiner Abreise gab ich ihm noch den Wink, recht auf seinen Zivilanzug bedacht zu sein, da unsere Offiziere im täglichen Umgang Gewicht darauf legen. Er hat das auch willig anerkannt. Er hat noch ungemein viel zu lernen, und Sie haben ja so Recht, daß seine jetzige Stellung ihm dabei große Dienste leisten wird. Er ist so gescheit, daß er sich die leichteren äußeren Lebensformen gewiß aneignen wird. Seine innerliche Schwere wird er aber wohl kaum überwinden, da an dieser wohl weniger manche traurige Jugendeindrücke, von denen er gelegentlich gesprochen hat, als vielmehr eine natürliche Veranlagung Schuld ist. Bei seiner Tüchtigkeit aber kann man beruhigt sein, daß seine wachsende Leistung ihm auch bei allen Selbstansprüchen eine innere Lebensharmonie verschaffen wird.

Besondere Freude machte es mir, auch Ihren Sohn Gerhard kennen zu lernen, den Sie bitte gelegentlich freundlich von mir grüßen wollen.

Hoffentlich bekommen Sie von Ihren in Ost und West kämpfenden Söhnen dauernd gute Nachrichten.

Mit bester Empfehlung Ihr Sie aufrichtig verehrender (CHB).

 

229. Tagebuch Hellmut Ritters. Osmanijje, 2.2.1915

(Maschinenkopie)

Ich habe die Reisekasse. Eine schreckliche Aufgabe. Erst mal die verschiedenen Kurse! In Stambul kriegt man für einen Pfundschein 108 Piaster, in Adana 102 ½ , in Aleppo etwa 124!

Der Megidi gilt in Stambul 20, in Adana 19, hier 18, in Aleppo 23. Nach welchem Kurs soll ich nun die Piaster addieren. Aber nicht genug. Wechsele ich z. B. hier das Pfund in Megidis, so bekomme ich 107 ½ Piaster, wechsele ich in Scheidemünze, so gibt’s nur 102. Die Buchführung soll in Goldpiastern, von denen 100 auf ein Pfund gehen, geführt werden, aber bei der Umrechnung der gewöhnlichen Piaster in Goldpiaster gibt’s immer Unstimmigkeiten. Eine hoffnungslose Rechnerei, von der man sich bei uns auch keine entfernte Vorstellung macht. In Aleppo hat die Münze höhere Kaufkraft als ihr offizieller Wert. Verlangt jemand 5 Piaster, so gibt man 4 Piasterstücke, und die Rechnung stimmt!! Der Brauch wechselt mit jedem Kilometer.

Kurz vor dem Aufbruch von dem Gor Ali Chan brachte man mir einen in sehr elegantem Türkisch geschriebenen Brief eines türkischen Oberleutnants in Bosanti, der mich dort zu einem türkischen Abendessen eingeladen hatte, namens Saladdin. Ich habe einfach gestaunt über die Mannigfaltigkeit und den angenehmen Geschmack der türkischen Küche. Dort weiß man aus Eiern, Milch und orientalischem Gemüse die köstlichsten Gerichte herzustellen. Man ißt von einer Schüssel an der Hand eines auf die Gabel gespießten Stück Brotes. Früchte jeder Art sind sinnlos billig. Fleisch und Getreide stehen dank mangelnder Ausfuhr, ebenso wie Teppiche, sehr niedrig im Preis. Hier in Osmanjje kostet das Oka (4/5 kg) Fleisch 4 Piaster. Sehr schwierig ist es, sich durch die Unsumme von Namen türkischer Gerichte hindurchzufinden.

Unsere Kutscher, die mit dem durch die Ochsenwagen gebotenen langsamen Reisetempo keineswegs zufrieden waren, drängten zum Aufbruch, und so ging’s weiter. Im Jeni Chan wurde bulgur gegessen, dann kam mit der schönste Teil der Fahrt. Gegen Abend konnten wir die Ebene bei Tarsus ganz übersehen, begrenzt von dem Meere im Hintergrunde, ein ganz herrlicher Anblick.- Die Dörfer, die an der Straße liegen, müssen den Weg bessern. Wir sahen mehrfach an einer Stelle die ganze männliche Bevölkerung eines Dorfes, vom kalija (Schulzen) kommandiert, Steine klopfen und herbeischaffen. Eine sehr billige Arbeitskraft, sie kostet der Regierung nichts als einen Befehl. Am Wege mehrfach mit Lappen behängte Büsche – sytma zijáreti – dort holt man sich Heilung vom Fieber. Auch zwei chinesische Mekkapilger begegneten uns; sie kommen jetzt scharenweise aus dem Higas nach Stambul, wohl weil ihnen der Seeweg nach Hause abgeschnitten ist oder aus panislamischer Begeisterung? Ich muß noch Näheres feststellen.

Abends Ankunft in der Stadt Pauli, Tarsus. Kleines, niedliches Städtchen, im Sommer recht heiß, in dieser Jahreszeit angenehm warm. Das Hotel ersten Ranges ist jetzt „Stambul“, allwo wir nächtigen. Abends lud uns sofort ein dort ansässiger deutscher Baumwollfabrikant namens Farnow ein, der aus Begeisterung allen deutsche durchreisenden deutschen Offizieren FC3 gewährt. Ich saß bei Tisch neben einem Arzt vom „Roten Halbmond“, namens (arab. Schrift), der einige Artikel im Turk Jurdu verbrochen zu haben behauptet. Er zeigte mir ein von ihm verfaßtes Werbeflugblatt für den „Roten Halbmond“, ganz im Stil der Turk-Jurdu-Leute, appellierend an das Nationalgefühl, Parole: ben türk im etc. Im Verlauf der Unterhaltung erschien ihm das Türkische trotzdem nicht ganz der Würde des Gegenstandes zu entsprechen, er ging zum ägyptisch-arabischen über. Bald gab er sich nochmals einen Ruck, fuhr mit dem Flugzeug seines Geistes steil empor, und alsbald strahlte der Glanz des klassischen Arabisch, mit allem Schmuck des irab (?) versehen, auf mich herab. Jeder anständige Mensch scheint hier arabisch zu können, mit den Buchhändlern rede ich überhaupt nur nahwý, soweit das in meinen schwachen Kräften steht.

Nachdem das unendliche Gepäck von den 15 Ochsenwagen abgeladen war und die arabagys sich endlich mit ihrem Bachschisch verdrückt hatten, ging’s weiter mit der Bahn über Adana (leider keine Zeit zum Aussteigen) nach Osmanjje. Die Bahn über Alexandrette ist unbrauchbar, weil sie von englischen Schiffen dauernd unter Feuer gehalten wird. Von hier aus über den Amanus wird’s mit Lastpferden weitergehen bis wir in Radja die Bahn wieder erreichen. Die Etappe funktioniert glänzend. Wenn man bedenkt, daß man zum Transport eines einzigen Waggons voll Gepäck an die 70 Tragtiere nötig sind, staunt man, wie relativ schnell die Massen von Kriegsgerät weiter transportiert werden. Unterwegs trafen wir übrigens ganze Karawanen von Kamelen, die Massen von Rohkupfer, in Anatolien gewonnen, an die Bahn brachten. Es wird wohl zumeist nach Essen wandern.

Hoffentlich geht’s morgen weiter, denn hier in Osmanjje ist relativ wenig los. Momentan sitze ich im Konferenzzimmer der hiesigen Zweigstelle des Bundes für nationale Verteidigung (arab.Umschrift) und versuche, meine Rechnerei in Ordnung zu bringen. Dieser Bund soll allerlei Tüchtiges geleistet haben, viele Soldaten haben durch ihn Liebesgaben empfangen. In Stambul bestehen noch mehrere derartige nationale Vereinigungen von größerer oder geringerer Bedeutung.

Hasan Begli, Amanuspaß, 4.2.1915

Diesmal ging’s mit Tragtieren weiter, 92 Pferde, 20-30 Kamele; denn der Weg ist nicht fahrbar. Man sagt, in Belgien seien schlechte Wege gewesen. Irrtum. Dort gibt’s sozusagen nur Asphaltstraßen. Man stelle sich einen mit dem Dampfpflug aufgerissenen Acker vor, die Furchen mit Wasser und Steinen gefüllt. Das ist der Amanuspaß in dieser Jahreszeit. Die Gegend ist sehr schön, leider regnete es ganz ungeheuerlich, so daß wir in ziemlich traurigem Zustande ankamen, dazu bei Dunkelheit. Es war eine tüchtige Leistung. 37 km barfuß durch den Morast, ohne Aufenthalt, ohne Nahrung – das macht kein deutscher Infanterist unsern Pferdetreibern nach. Die armen Tiere können einem auch leid tun. Halb so groß wie unsere Pferde, müssen sie 2 Eisenkisten und den Reiter tragen bei einer Tagesration von 2 kg Gerste. Abgesattelt werden sie scheint’s überhaupt nicht. Mit großen Schwierigkeiten wurden die sehr erschöpften Leute untergebracht. Der Etappenkommandeur, ein türkischer Hauptmann, funktionierte nicht besonders und ließ sich sehr nötigen. Das trotzdem alles funktionierte, ist fabelhaft bei diesen Verhältnissen. Das Dorf Hasan Begli liegt sehr schön, oben eine verfallene Burg.

Im Kaffeehaus wäre mir ein nicht sehr appetitlicher Türke fast um den Hals gefallen aus lauter Begeisterung über Deutschland. Auch ein frisch aus Mekka kommender Hodscha äußerte sich sehr begeistert über die Laterne, die der Kaiser für das Grab Saladdins arbeiten läßt. Diese kleine Aufmerksamkeit hat ganz ungeheuer gewirkt. Überhaupt der Kaiser! Seine Person ist die beste Vertretung im Orient (vielleicht auch im sonstigen Auslande?). Er ist ungemein populär.

Jsláhijje, 5.2.1915

Wir wohnen hier im Hause eines reichen Haggis, der aus Begeisterung sein Haus allen durchziehenden deutschen Offizieren zur Verfügung stellt. Kleine Kämpfe, unsere Leute wollen sich nicht daran gewöhnen, in den Zimmern die Stiefel auszuziehen.

Der Ritt von Hasan Begli hierher war besser als der vorige, aber doch übel genug. Unterwegs mehrere Burgen und kleine Dörfer, recht malerisch. Heute endlich Sonnenschein!

Heri Deri, 8.2.1915

Der Gesamtweg von Osmanijje bis Ragú ist folgender: 1. Tag Osmanijje – Hasan Begli 37 km, dazwischen, 15 km von Osmanijje Kanli kisid, dort kann man zur Not die Nacht bleiben, wenn man Hasan Begli nicht erreichen kann. Unterwegs zwischen diesem und Hasan Begli ein kleines Dorf rechts unten am Abhang, namens Bari, auch Ayzyl Dere genannt. Unterkunft schlecht. In Hasan Begli Unterkunft. Jetzt Etappenstation unter einem Hauptmann. Von dort gehen zwei Wege nach Islahidje: Ein kurzer schmaler, rechts ab, gleich den Ruinenberg hinauf, führt in 4-5 Stunden, unter Umständen auch schneller, nach Islahidje. Der lange, für größere Karawanen geeignet, führt über Jutilli, 4 Stunden von Hasan Begli. Dort wohnt Herr Köppel, deutscher Ingenieur (Sitz der Kompagnie Holzmann, gute Unterkunft), von dort noch 3 Stunden nach Jslahijje. Jslahijje ist Hauptort eines Qazá. Von da über Meidan (kleines Dörfchen) nach Qazababa. Auch da ist nichts los. Wir wohnten bei einem deutschen Ingenieur namens Neidauer, der an der Bagdadbahn baut. Die Etappenstation liegt etwas weiter zurück, 6 Stunden hinter Jslahijje, etwas rechts abseits vom Wege, erbärmlich, ein paar Häuser. Von Qarababa nach Ragú 3 Stunden. Wir blieben bei den deutschen Ingenieuren. Auf der Station Heri Deri, etwa auf halbem Wege, hoch auf dem Berge bei der großen Eisenbahnbrücke gelegen, mit wundervoller Aussicht. Von Ragú bis hierher liegen schon die Schienen. Der Damm ist bis hinter Jslahijje zurück fertig. In Ragú keine Unterkunft, oben am Berg Militärstation. Mit Pferden im ganzen drei Tage, mit Kamelen fünf. Es gibt auch einen direkteren Weg Osmanijje – Ragú, zu dem zwei Tage nötig sind. Den ist der Oberstleutnant gezogen.

In Jslahijje hatten wir Gelegenheit, die Stimmung der Bevölkerung kennen zu lernen. Gerade als wir im Hause unseres Gastwirtes ein entzückendes Frühstück à la Turka einnahmen, kam plötzlich atemlos ein Gendarm angelaufen mit einem Telegramm, das die Überschreitung des Suezkanals und die Versenkung dreier englischer Kreuzer durch die Türken meldete. Wir waren etwas ungläubig, doch war es ein offizielles Telegramm. Alsbald begann ein wahnsinniges Freudegeschrei im Dorf. Gewehre wurden abgeschossen, die ganze Einwohnerschaft veranstaltete einen gewaltigen Umzug mit Pauken und Klarinetten und langte schließlich vor unserem Quartier an. Die Honoratioren samt dem Chodscha des Ortes baute sich auf dem Balkon an der Türe auf und wollten uns gratulieren. Als wir herunterkamen, hielt der betreffende Kommandant eine zündende türkische Ansprache, und ein Greis begann danach zu schreien: jassy alemán, jasasyn pádisáh etc. Alles stimmte begeistert ein und vollführte ein gewaltiges Händegeklatsch. Major Rabius antwortete auf deutsch und ließ den Sultan und die türkische Armee hochleben. Dann ging der Umzug weiter. Als wir nachher wegritten, stand das ganze Dorf aufgebaut und begrüßte uns mit tollem Händeklatschen und jásyn alemán. Der Greis, der vorher das Hoch ausgebracht hatte, versicherte uns, seine Frau hörte nicht auf, täglich für die Deutschen zu beten.

Ich war erstaunt und erfreut über die allgemeine Begeisterung. Es wäre wundervoll, wenn auch im Süden die Sache so einschlüge. Könnte es nicht ein zweiter Mahdifeldzug werden? Ein populares Heer kann ja im Orient schnell lawinenartig anwachsen.

Etwa 5/4 Stunden hinter Jslahijje stießen wir auf ein altes Gräberfeld, das ich photographiert habe, dicht am Bahndamm. Inschriften waren nicht da. Dort finden sich auf manchen Steinen eigentümliche Zeichen, z. B. U, (wie eine „Fliege“, wie Citronen-Symbol) und andere.

Die Eingeborenen nennen den Platz UzunZabir und sagen, er stamme aus der Heidenzeit (küffár güni ?) In der Nähe, weiter links, auch Trümmer einer alten Stadt, von den Eingeborenen, wenn ich recht gehört habe, Gorcinlik genannt. Bei Intilli fängt man jetzt auch mit Erfolg an auszugraben.

Bei Meidan, rechts vom Wege, findet sich ein ähnlicher Friedhof.

Hier in Heri Deri trafen wir nur einen alten Werkmeister, namens Walzer. Die Ingenieure sollen in diesen Tagen kommen, um den Brückenbau wieder mit beschleunigtem Tempo aufzunehmen. Der Werkmeister hat rechte Not mit den kurdischen Soldaten und Wächtern. Sie haben ihn bestohlen, auch ist er einmal überfallen worden. Von hier aus führt ein Bergpfad nach Ragú. Auf halbem Wege saß eine kurdische Gesellschaft, Weiber und Kinder, die große Wäsche abhielt, gewiß ein sehr nützliches Unternehmen. Meinen kleinen Wegführer habe ich getypt4 und gedenke dasselbe mit einem kurdischen Manne zu tun, der sich zu diesem Zweck in seinen besten Staat geworfen hat.

Gjok Ali Chan, (Mitte Februar?) 1915

Heute morgen Aufbruch mit ca. 10 Büffelwagen und zwei Personenkutschen nach dem

Tauruspaß. Unbeschreiblich schöne Fahrt. Ein Schwelgen Natur und Volk zugleich. Neben mir sitzt mein Dragoman und versucht mir einiges Türkisch beizubringen.

Links am Wagen taucht ein Kastell auf, wie mich der Kutscher belehrt, von Isma’il Pascha gebaut. Gegenüber rechts ein anderes, älteres. Dann die Kilikischen Tore, dahinter in einem hübsch gelegenen Chan machen wir, d.i. mein Dolmetscher, der Bursche und ich, Rast und warten auf die Ochsenwagen, die sehr viel langsamer vorwärts kommen als die Pferdewagen. Große Schwierigkeiten bereitet den Tieren ein steiles Stück Straße. Nur stückweise, sprungweise gelingt es vorwärts zu kommen, zwischendurch läßt man die Tiere immer wieder sich verschnaufen. Die arabagys sind recht freundlich zu ihren Böcken. Ich sehe noch, wie der eine seinen Büffel streichelt und ihn zärtlich tröstet: coq qalmadi – es ist nicht mehr viel.

Momentan ist nichts zu machen, als in meinem Salon in Chan, bestehend aus vier Lehmwänden, Lehmboden und 2 Holzpritschen, durch ein Kaminfeuer angenehm erwärmt, zu sitzen und die vortrefflichen türkischen Zigaretten zu rauchen, bzw. wie mein Dragoman Hussein zu „rollen“. Schade, daß meine in Stambul für ein billiges erworbenen Teppiche noch nicht da sind, sonst würde ich das Lokal alsbald in einen Palast verwandeln.

Eben kommt der erste Büffelwagen. Die Kutscher sind arabische Fellachen aus der Umgegend von Tarsus; sie sagten, dort seien mehr Araber als Türken ansässig.

Eben kommen die beiden Offiziere, die die große Bagage geführt haben. Es ist nach ihnen eine entsetzliche Geschichte gewesen. Fast sämtliche Ochsen haben sich die Kniee aufgeschlagen. Mit einem Rad sind die Karren z. T. schon über den Rad des Weges – in den ziemlich erheblichen Abgrund – herübergerutscht. Die unten liegenden zerbrochenen Wagen und Tierleichen trugen nicht dazu bei, die Stimmung zu verbessern. Erst einer Kompagnie Soldaten, die z. T. von den Offizieren mit starken Knütteln ermuntert wurden, hat das Werk vollbracht. Die Schuld liegt natürlich an dem Offizier der Etappe in Bosanti, der, um zu sparen, die Karren unsinnig überladen hat. Die armen Bauern, die ihr Viehzeug natürlich genau kennen, protestierten vergeblich und bezogen so furchtbare Anschnauzer, daß sie fein still schwiegen. Die Sachkenntnis hat auch in diesem Lande das entscheidende Wort nicht zu sprechen.

Unterwegs reichte uns ein Haggi Brot, in Blätter einer alten Handschrift eingeschlagen. Es handelt sich offenbar um die türkische (vielleicht osttürkische? Das Türkische ist sehr schwer zu verstehen) Übersetzung des Qamus, doch habe ich (das) nicht näher nachprüfen können.

Anhang:

Auswärtiges Amt Berlin.7.5.1915

Nr. 60120

Falls der anliegende Brief militärische oder politische Nachrichten enthalten sollte, ist es im vaterländischen Interesse erforderlich, daß der Inhalt geheim gehalten wird.

 

230. C. H. B. an Hellmut Ritter (Bonn), 8.2.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Heute kann ich Ihnen die gewünschten Adressen (vgl. Anmerkung) schicken. Ich schreibe sie auf die andere Seite des Bogens mit meinen persönlichen Bemerkungen über die genannten Herren.

Inzwischen hat sich hier wenig Neues ereignet. Von Ihrem Vater hatte ich einen äußerst liebenswürdigen Brief, und Ihr Bruder Gerhard sandte mir Ihre Photographie, auf der Sie sogar wirklich ein freundliches Gesicht machen und die mir sehr gut gefällt, sowie einen sehr hübschen Aufsatz aus der Historischen Zeitschrift aus seiner Feder.

Ich bin mit Vorträgen für die deutsch-türkische Vereinigung und mit meiner großen Arbeit:

Warum ist die Türkei im Kriege? sowie mit den Gegenschriften gegen Snouck so beschäftigt, daß ich heute zu keinem ausführlichen Brief kommen kann.

Es ist Ihnen doch recht, daß ich die für den größeren Kreis bestimmten Blätter Ihres Tagebuches in Abschrift auch an Tschudi und Littmann bekannt gebe? Es nehmen ja so viele Leute Anteil an Ihrem Ergehen.

Bald mehr! In freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB).

Anmerkung

  • Hauptmann Professor Dr. Giese.

2. Bataillon, Landwehr-Infanterieregiment 20. Professor Giese ist der offizielle Lehrer des Türkischen am Orientalischen Seminar in Berlin und mit den Verhältnissen in der Türkei wohl vertraut. Er mag etwa 40 Jahre alt sein.

  • Rittmeister Professor Dr. Sarre.

XVII. Armeekorps, Munitionskolonnenabteilung des Fußartillerie-Regiments 11/1. Kolonne. Professor Sarre ist ehrenamtlicher Leiter der orientalischen Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums und bekannt durch seine vielen und großen Reisen im Orient, in Klein-Asien, Euphrat- und Tigris-Land und in Persien. Er ist also ein vorzüglicher Landeskenner und an Reisen im Orient gewöhnt, doch beherrscht er keine orientalische Sprache vollkommen. Er steht im Lebensalter zwischen 45 und 60 Jahren.

  • Leutnant Privatdozent Dr. Schaade

Kaiserlich deutsche Südarmee, 1. Division, Fußartillerie-Regiment 11, 5. und 6. Batterie. LMK. Dr. Schaade ist ausgebildeter Orientalist und Privatdozent für semitische Philologie in Breslau. Ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn wurde er als Direktor der KhedivialBibliothek nach Kairo berufen, kennt also den Orient aus eigener Anschauung und ist jedenfalls mit dem Arabischen, speziell mit dem Ägyptischen vertraut. Er muß Anfang der 30 stehen. Bei Kriegsbeginn verließ er sofort Ägypten und steht zur Zeit in Ungarn.

 

231. Tagebuchbericht (3) von Hellmut Ritter Damaskus, 13.2.1915

(Maschinenkopie)

In Aleppo sind wir endlich wieder zum Gros der Expedition gestoßen. Eine sehr schöne Stadt, die mir großen Eindruck gemacht hat.

Lernten Oberstleutnant Boettrich kennen, der frische Nachrichten aus dem Süden brachte. Leider war ich nicht dabei, als er erzählte. Es soll recht betrüblich stehen, soviel habe ich aus allem herausgehört. Er meint, der erste Fehler wäre die Wahl des Augenblickes, in der die Türkei losschlagen mußte. Entweder hätte sie gleich mitmachen müssen, um größere russische Streitkräfte uns sogleich vom Hals abzuhalten, oder noch lange nicht, denn es sei noch wenig fertig gewesen.

Die geringen Erfolge im Kaukasus lägen an dem gänzlichen Mangel jeglicher Nachfuhr, die Flotte gibt sich nur ungern her, Transportschiffe zu begleiten, was nach B(oettrich) das wichtigste Werk im Augenblicke ist. Der Plan der Flotte, ein russisches Schiff nach dem andern zu versenken, sei (und ist tatsächlich) bis dato mißglückt.

Auch Authentisches aus dem Großen Generalstab, bei dem mehrere unserer Herren gearbeitet haben, hörte ich. Demnach i tilaf zwischen Jagon und Falkenhayn. Der eine will mit Frankreich Sonderfrieden und alle Kraft auf England und Rußland wenden, der andere einen solchen mit Rußland, mit dem man doch nicht fertig werden könne, und vor allem Frankreich und England klein machen. (arabische Bemerkung)

In Aleppo Festung besichtigt. Schöner Bazar. Gewohnt im Deutschen Kasino. Hotel Baron, wo die anderen Herren wohnten, sehr mäßig, wie alles Levantekram. Heute morgen Ba’albeck genossen. Kenner behaupten, es sei viel erheblicher als die Akropolis. Glaub’s. Die Dimensionen sind erstaunlich, muß sehr schön gewesen sein. Fahrt von Haleb nach

Damaskus 16 Stunden.

Sonntag, 14.2.1915

Heute ausführlich Damaskus betrachtet. Wir werden hier wieder aufgehalten durch allerhand Torheiten der Eisenbahnverwaltung. Jetzt haben sie unsere Gepäckwagen weggeschickt, kein Mensch weiß wohin. Für mich sehr angenehm, so gewinne ich Zeit, mir die Stadt anzusehen. Wirkt nicht so schön wie Aleppo, man hat nirgends so schöne Überblicke wie dort. Die berühmten Hammams sind ja recht schön, mit Marmor ausgelegt, aber modernes europäisches Gepinsel und Verschlumpung des erhaltenen Schönen, schwächen den Eindruck stark. (Habe übrigens festgestellt daß – arabischer Text – der „Auskleideraum“ heißt. Er soll nach den (arabisches Wort) sein. Der Raum, wo die Kohlen, bzw. der Heizmist liegt, heißt ammím, türkisch kulxane.) Die Omjjadenmoschee hat mich etwas enttäuscht. Ich wußte nicht, daß so wenig Altes erhalten ist. Sehr hübsch die beiden Chans: As’ad Pasa und Suleiman Pasa. Morgen will ich das Haus des As’ad Pascha besuchen.

Nachrichten über die Lage und politische Konstellation nicht erhalten. Die unglaublichen Siege der Türken sind gewiß erlogen.

Schade, daß man bei unserer Art des Reisens nur die Oberfläche des Orients kennen lernt: ich muß mich vorläufig im Wesentlichen darauf beschränken, mich sprachlich zu vervollkommnen. Später vielleicht einmal Gelegenheit, in die Tiefe zu gehen.

Heute beim Konsul nach Prüfer erkundigt. Er ist im Großen Hauptquartier.

Heute bin ich mit Ressád Bey, einem uns attachierten türkischen Rittmeister, in Damaskus umhergezogen.. Als wir gerade auf dem Minarett der Omajjadenmoschee standen, begann ein ganzer Chor von Muezzins in furchtbarer Höhe den Adán zu schreien. So habe ich auch dies aus nächster Nähe genossen. Über die (arabischer Text) geht R.’s Dissertation.

Damaskus, 19.2.1915

Dieser Tage kam Back Pasa durchgereist. Er brachte allerhand gute Nachricht aus dem Süden. Der (Suez-)Kanal sei mit 100 000 Mann Engländern besetzt. Es wäre tatsächlich eine Pontonbrücke über ihn von den Türken geschlagen und ein englisches Schiff sei kaputt geschossen. Dasselbe erzählte ein von der Front kommender Zeitungsreporter. Größere Aktionen seien aber erst im November dieses Jahres möglich.

Gestern im arabischen Theater (arabischer Name) mit nachfolgender hübscher Vulgärposse. Leider mein Ohr noch nicht an gesprochenes Hocharabisch gewöhnt, nicht viel verstanden.

Heute Besichtigung des herrlichen Hauses von As’ad Pasa’s. Natürlich kriegt man nur wenig zu sehen. Aber es genügt, einen Eindruck von orientalischer Pracht zu geben.

Jerusalem, 24.2.1915

Von Damaskus ohne Schwierigkeiten nach Sileh mit der Bahn. Dortselbst stiegen die Herren in Wagen und fuhren nach Nabulus. Ich und Heufeld blieben beim Gepäck mit Burschen, Arabern etc. Die Menschen (Burschen etc.)sollten mit weiteren Wagen abgeholt werden, das Gepäck mit mir und 2 Leuten mit der Bahn bis Sebastije gehen. Bis dorthin ist die Bahnstrecke fertig, doch ist der Bau zwischen Sileh und Sebastije noch nicht ganz kapitelfest, es sind Entgleisungen vorgekommen, so daß man Menschen eigentlich nicht damit befördert. Leider blieben aber auch die Wagen aus, und ich nahm die ganze Gesellschaft doch mit in die Güterwagen. Dort waren Transportmittel bestellt, ich fand aber keine vor, beschloß infolgedessen, die Diener und Burschen zu Fuß nach Nabulus zu schicken und selbst da zu bleiben, abwartend, ob Major Rabius aus Nabulus Wagen schicken würde. Daselbst mein erstes selbstgefertigtes türkisches Telegramm: (zwei Zeilen arabischer Text).

Unterkunft war nicht, also Zelt aufgeschlagen und drin geschlafen. Abends schickte man aus Nabulus noch Esel, um die Burschen zu holen. Der führende Sergeant trieb sogar noch ein paar Kamele auf, so daß ich den Herren wenigstens das nötigste Handgepäck nachschicken konnte.

Morgens früh bot mir der Kommandant, der am Abend noch erklärt hatte, kein zum Transport geeignetes Tier da zu haben, so viele Kamele an, wie ich haben wollte. Leider waren es junge, das Tragen noch nicht gewöhnte Tiere, die dazu noch der Regierung gehörten, d.h. so schlecht gefüttert waren, daß sie bald am Verenden waren. Ein paar Biester waren wie besessen beim Verladen. Endlich ging auch dieses vorüber. In Nabulus wollten sie eigentlich zurückkehren, wie ihnen in S(ebastije) befohlen war, doch hielten wir sie fest, weil es mit der Aussicht auf Transportmittel in Nabulus schlecht bestellt war. Dort Nacht im deutschen Hotel verbracht. Am Morgen geschah etwas Unerwartetes. Rittmeister Ressád fand in dem Adjudanten des Etappenkommandanten einen alten Bekannten wieder. Dies und der Umstand, daß eben dieser alte Bekannte wohl gern befördert werden wollte, verhalf uns zu ungezählten Wagen, die plötzlich von irgendwoher kamen, um uns und das Gepäck zu befördern. Leider waren gerade die Kutschpferde so schamlos unterernährt, daß sie zum Teil unterwegs einfach streikten. Ich mußte einen meiner drei Schinder abspannen und von dem trefflichen Soldaten Selim am Halfterband nachführen lassen. Ähnliches geschah mit anderen Tieren anderer Wagen.

Obwohl wir immer privatim Futter dazu kaufen, gibt es immer wieder derartige Schwierigkeiten. Auch ein Wagen zerbrach unterwegs, neue mußten requiriert werden, so daß wir genügend Abwechslung unterwegs hatten.

Im Chan Labban blieb ich wieder die Nacht mit Heufeld, während die Offiziere nach Jerusalem weiterfuhren. Im Chan ein typischer verlodderter Etappenmajor, der dem Trunke sehr stark ergeben war und meine ziemlich große Whiskyflasche, die auf mehrfache Anspielungen seinerseits angeboten wurde, schier und ohne Wasser bis auf einen geringen Rest in ziemlich kurzer Zeit unterbrachte. Dafür war er bestrickend liebenswürdig, stellte mir ein Zelt, eine Lampe und einen Unteroffizier zu Bedienung zur Verfügung.

Sebastije, das alte Samaria, habe ich mir gründlich angesehen. Als Wahrzeichen alter Pracht stehen noch Säulen und Tempelreste aus Herodes’ Zeit, sowie eine Kreuzfahrerkirche in der übrigens zu einem kläglichen Dorfe herabgesunkenen Stadt. Die Lage ist sehr schön, auf dem Gipfel eines die ganze Umgegend beherrschenden Berges. In der Kirche, jetzt Moschee, habe ich den Schulmeister mit seiner Kinderschar photographiert. Etliche Kriegshospitäler sind in den alten Gebäuden eingerichtet.

Ganz anders Nabulus (Sichem), eine stattliche, schön gelegene, anmutige Stadt. Alles prangte in frischem Grün, Blumen auf den Wiesen, ein dem Auge angenehmer Anblick. Die mit Recht so beliebten Samaritaner aufzusuchen hatte ich keine Zeit, sonst hätte ich nicht verfehlt, ihnen Grüße von Kahle zu bestellen, wenn ich auch keine in Auftrag genommen habe.- Eben kommen hier die Kamele an mit dem letzten Gepäck, so sind wir gänzlich angekommen.

In Nabulus trafen wir zwei Offiziere: Hauptmann Feist und Hauptmann Tirschner, beide Hauptbeteiligte an der Suezkanalexpedition. Sie erzählten etwa folgendes:————– Doch dieses später nach besseren Informationen.

Heute bekomme ich den letzten Brief von Prof. Becker, den er mir ins Feld geschickt hat, von Carl nachgeschickt. Sonst ist noch nichts da von Briefen. In dem beiliegenden Brief von F. F. Schmidt ist der Ansicht Ausdruck gegeben, als wäre der Heilige Krieg im Volksempfinden ein Krieg gegen die Gjouas5 im Allgemeinen. Das kann ich durchaus aus meinen Reiseerfahrungen nicht bestätigen. Überall, wohin ich kam, entsprach das Volksempfinden ganz dem

Fetwa. Gehaßt die Nation der Engländer, die Nation der Russen, der Franzosen, geliebt die Nation der Deutschen und ihr vortreffliches Heer und ihr vielgepriesener Kaiser. Das Volk sieht nicht mehr in jedem Europäer den frangi, den Gjaur schlechthin, sondern unterscheidet in seinen Sympathien sehr genau die einzelnen Nationen. Jedenfalls hatte ich durchweg diesen Eindruck. Das uns der Djihad gefährlich werden könnte, scheint mir einstweilen unwahrscheinlich. Hier heißt gihad Kampf gegen die Engländer. Man sollte in den bewußten Broschüren viel mehr von den großen Kanonen der Deutschen, von Siegen im Osten etc. erzählen, als über asbáb al-hab etc. reden oder gar große religiöse Begeisterung zu wecken suchen. Die Stimmung des muslimischen Volkes ist für Deutschland gewonnen gegen die Engländer, nicht so sehr für die Befreiung des Islam und dergleichen abstrakte Sachen. Freilich sollen in den Küstenstädten (z. B. Haifa) starke Strömungen gegen uns sein, ganz abgesehen von der beispiellosen Spionage. (Beim Vorstoß gegen den Suezkanal wurde die am Abend ausgegebene Parole wenige Stunden später von den Engländern herübergerufen!)

Die Situation am (Suez-)Kanal ist folgende:

Er ist maßlos befestigt, die Wände gut eingepflastert bzw. betoniert. Ein Kreuzer liegt am andern , und recht viele Maschinengewehre erschweren das Herankommen. Kress von

Kressenstein hat bei seinem Vorstoß keine der beiden Karawanenwege (Akaba, Arisch) benutzt, sondern eine mittlere Route gewählt. Das Heer wäre aber elend verdurstet, wenn nicht Hauptmann Feist Brunnen gegraben hätte. Man hat tatsächlich eine Pontonbrücke gebaut, doch ist ein weiteres Vorgehen im Maschinengewehrfeuer erstickt. Verlust annähernd 2000 Mann. Der Rückzug ist tadellos und gut diszipliniert gewesen. Kenner der Wüste sagen, dies Ende sei vorauszusehen gewesen, denn selbst wenn es gelänge, den Kanal mit größeren Truppen zu überschreiten, könnten sich diese doch nicht jenseits halten, ohne daß das ganze Hinterland östlich vom Kanal in ein einwandfreies Etappengebiet umgewandelt wäre mit den Stützpunkten Akaba und el Aris. Diese Vorbereitungen gründlich zu treffen, soll Sache der nächsten Monate sein. Ein weiterer Vorstoß ist deshalb in nächster Zeit noch nicht zu erwarten. Man hofft, im November fertig zu sein. Nächstens hoffentlich mehr.

Die Araber sollen sich nicht sehr gut schlagen. Ein Hauptmann erhält den Befehl zu feuern, kommt ihm aber nicht nach. Warum? Dann merken doch die Engländer, wo wir liegen und schießen auf uns! Gut sollen die anatolischen Türken sein. Ähnliches erzählten mir heute zwei österreichische, hier ansässige Kriegsfreiwillige von 18 Jahren, die bei Kress von Kressenstein Dolmetscherdienste tun. Gute Aufklärungsarbeit leisten übrigens die Beduinen.

 

232. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Bonn), 25.2.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, daß ich von nichts gehört habe; aber auch Sie sind längere Zeit ohne Nachricht von mir geblieben. Die Korrespondenz ist ja jetzt zweifellos etwas erschwert, da die Reise nach dem Suez-Kanal ja schon in Friedenszeiten ziemlich lange dauert. Ich habe Ihre Briefe programmäßig behandelt, doch datieren die letzten Nachrichten von Ihnen aus Rosanti, 28.1.(1915). Hoffentlich berichten Sie in weiteren Briefen einmal genauer, wie es denn eigentlich mit den Eisenbahnbauten steht und wie die allgemeine Stimmung ist. Schmidt ist ja kolossal pessimistisch, aber das liegt in seiner Natur. Die Nachrichten aus russischen, englischen und türkischen Quellen widersprechen sich so ungeheuer, daß man sich kein Bild mehr machen kann.

Von den Herren, deren Adresse ich Ihnen das letzte Mal geschickt habe, ist Sarre inzwischen in eigener Mission nach der Türkei geschickt worden. Leider hat er Herzfeld nicht mitnehmen können, der doch so glänzend paßt. In Berlin wird die Version verbreitet, daß der Bedarf an Orientkennern gedeckt sei.

Ich habe inzwischen noch sehr viel Ärger mit Snouck gehabt, doch kann ich Ihnen das lieber einmal später erzählen. Er ist offenbar total verrannt. Meine Gegenschrift sende ich Ihnen einliegend. Sie werden sehen, wie maßvoll ich bin. Ich schreibe jetzt noch an einer holländischen Entgegnung und hauptsächlich an dem Türkei-Artikel der großen Publikation, von der Sie wissen. Dann soll mein Islam-Buch endlich gefördert werden, doch ist jetzt wieder zweifelhaft ob ich nicht doch zum Landsturm eingezogen werde. Jedenfalls soll nächstens Musterung stattfinden, und dann wird sich’s ja zeigen, ob ich gesund genug bin, was ich eigentlich nicht glaube. Wenn aber, so hört natürlich die wissenschaftliche Arbeit auf, und ich werde mich bemühen, als Soldat meine Pflicht zu tun. Ganz leicht wird das ja in meinem Alter und bei meinen Darmverhältnissen nicht gerade sein. Auch sollte ich glauben, anderswo mich nützlicher machen zu können; aber das müßte die vorgesetzte Behörde schließlich ja wissen.

Das Semester nähert sich langsam seinem Ende. Mein Afrika-Kolleg ist schön beisammen geblieben.- Im Hause haben wir allerlei unbedeutende Kinderkrankheiten, doch geht es uns im Ganzen gut. Meine Frau pflegt jetzt regelmäßig Verwundete.

Politisch Neues kann ich Ihnen heute nicht viel erzählen. Man steht noch ganz unter dem Eindruck des ostpreußischen Sieges und sieht die politische Lage z. Zt. sehr günstig an. Es gibt sogar Leute, die sich von dem Vorgehen Japans in Ostasien eine günstige Rückwirkung auf unsere Stellung im Osten und unser Verhältnis zu Japan versprechen.

Vielleicht interessiert es Sie zu hören, daß unser bisheriger deutscher Konsul in Angola abgereist ist, weil der Gouverneur nicht mehr glaubte, für seine Sicherheit garantieren zu können. Das läßt ja auf nette Verhältnisse schließen. Auf der Rückreise wurde er in Gibraltar gefangen gesetzt, und jetzt wird über seine Freilassung verhandelt. Da es mein…

(Leider fehlt das Folgeblatt)

 

233. Hellmut Ritter an C. H. B. Jerusalem, 1. 3.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor!

Gestern wurde ich sehr erfreut durch Ihren Brief No. 1, nachdem ich schon ein paar Tage vorher den mit der Schmidtbeilage von meinem Bruder aus dem Felde nachgeschickt bekommen hatte. Hoffentlich ist mein voriger Brief schon in Ihre Hände gelangt, in dem ich einiges über die Suezunternehmungen schrieb. Inzwischen sprach ich Prüfer hier in Jerusalem; er ist als Major dabei gewesen. Er meinte, der Handstreich hätte glücken können, wenn man statt der feigen Araber Türken an der Front gehabt hätte. Jetzt seien lange Vorbereitungen nötig, vor allem aber mehrere Batterien schwerer Artillerie und viel Flieger, schon als moralische Gegenwirkung gegen die andauernd Bomben schmeißenden englischen Flieger.

Nach einer Beredung mit Gemal Pascha sind die Offiziere einstweilen für verschiedene Aufgaben verteilt worden. Einer geht nach Deutschland zurück, um Autos im großen Stil herbeizuholen. Ich habe die mir sehr zusagende Aufgabe erhalten, mit Major von Ramsay, dem alten Afrikaner, der Ihnen ja wohl bekannt ist, zusammen die englische Karte vom Sinai und dem ganzen für uns in Betracht kommenden Gebiet, speziell Quellgebiet des Kusema, von wo eine 70 km lange Wasserleitung nach Ibni, wo jetzt (ein) Detachement steht, geführt werden soll, nachzuprüfen. Teilweise werden wir da wohl auf unbetretenen Pfaden wandeln, und hoffentlich wird auch einiges für die Wissenschaft dabei herauskommen. Freilich habe ich bisher das Prinzip verfolgt, einstweilen hier weniger zu forschen als zu lernen.

Leider muß ich den kurzen Brief abschließen, weil Major Scharrer ihn mitnehmen soll.

Viel mit der Bevölkerung zu verkehren, habe ich jetzt nicht Zeit. Kassierer und Sekretär sein nimmt viel Zeit weg. Geschlemmt habe ich in der Qubbat as sahrá. Das ist ja herrlich!

Hoffentlich bald einiges Politisches von hier.

 

234. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter (Nr. 4) Jerusalem, 5.3.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor,

Seit meinem letzten Brief vom 1. März hat sich viel geändert. Aus meiner schönen Reise nach dem Sinai ist einstweilen nichts geworden – sehr zu meinem Leidwesen. Denn der Oberstleutnant ist plötzlich zum Kommandeur der 10. Division ernannt worden und will mich nunmehr nicht weglassen. Ich bin nun etwas gebunden, muß stets mit ihm reiten und dolmetschen helfen. Auch laufen täglich eine Unmasse Schreibereien ein, bei deren Erledigung ich behilflich sein muß, eine nicht besonders interessante, aber doch sehr lehrreiche Beschäftigung, bei der ich türkisches Militärwesen gründlich kennen zu lernen Gelegenheit haben werde. Allmählich werde ich wohl auch den vertrackten türkischen Aktenstil etwas besser lernen. Ich trage übrigens, ut figura docet, jetzt Leutnantsuniform.

6.3.1915

Soeben, nach einer sehr langen Pause, gelangt zu meiner großen Freude Ihr Brief vom 25. Februar in meine Hände mit Ihrer Erwiderung auf Snouck Hurgronje, die ich natürlich mit größtem Interesse gelesen habe. Ich kann nicht viel zum Gegenstande sagen, da ich selbst bis jetzt keine Gelegenheit hatte, mit den hier in Frage kommenden Orientalen zu verkehren; doch will ich wiedergeben, was die Ansicht vieler hier ansässiger Deutscher ist. Natürlich bezieht sich alles nur auf die hiesigen d.h. türkisch-palästinensischen Verhältnisse.

Die Erklärung des Djihad hat einen Erfolg gehabt: er hat nämlich bewiesen, daß der Djihad, wenn er von Konstantinopel aus erklärt wird, eine Lächerlichkeit ist. Hier im Lande ist er gänzlich ins Wasser gefallen. Wenn Deutschland das beweisen wollte, daß religiöse Aufrufe und Ansprüche von Konstantinopel aus ohnmächtig und wirkungslos sind, so hat es einen großen Erfolg zu verzeichnen. Wo er hier gezündet hat, hat er in der alten Form gezündet: Hier hat ein Scheich in der Zeitung tatsächlich zur Austreibung sämtlicher Giaurs aufgefordert, hat aber begreiflicherweise keinen Erfolg gehabt. In Stambul hat der Pöbel ein paar europäische Läden zerschlagen. Das ist alles. Dieser Djihad ist kein Djihad, sagen die arabischen Scheiche, die auf die Türken so wie so nicht besonders zu sprechen sind. Wenn es einer wäre, so wäre er so und so: d.h. im alten Sinne Krieg gegen alle Ungläubigen. Die Armee hat am Kanal die heilige Fahne mitgehabt, aber man wird rot, wenn man davon spricht. Ich selbst kann auch bei den türkischen Offizieren nichts von Djihadstimmung merken. Es scheint, als sei man hier schon zu aufgeklärt, um noch theokratisch Religion und Politik verbindend zu denken. Im Süden mag es anders sein. Einige Überläufer aus dem Sudan, mit denen jetzt Neufeld arbeiten will, hatten ganz die von uns gewünschte und dem Fetwa entsprechende Stimmung.

Hier erschwert der Rassengegensatz zwischen Arabern und Türken sehr den Fortschritt. Die Araber lieben die Türken nicht, haben wohl auch ihre Gründe dazu. Demnach ist die Stimmung hier gegen uns sehr kühl. Solch freudige Begrüßungen, wie wir sie in den türkischen Nestern erlebt haben, wären hier gänzlich ausgeschlossen. Die türkischen kleinen Leute hoffen wohl von uns Besserung ihrer gedrückten Verhältnisse. Sie können nur gewinnen, wenn wir die Verwaltung übernehmen. Nach dem Kriege halten die hiesigen finanziellen Kreise (z. B. der Direktor der Palästina-Bank) eine Protektion für das einzige Mittel6, weil nur so der S…wirtschaft abzuhelfen sei. Die Banque Ottomane, ein übles Wucherinstitut französischer und englischer Aktionäre, müßte gesprengt und eine anständige Reichsbank eingesetzt werden, die Zwangskurs des Geldes einführt und den augenblicklichen Kursverhält-nissen damit ein Ende macht. Man wolle lieber mit ägyptischen Verhältnissen arbeiten, als mit türkischen. Eine andere Reform als durch Bevormundung stärkster Art sei sinnlos. Ähnlich ist die Stimmung in hiesigen militärischen Kreisen. Freilich ist wohl daran nicht zu denken. Jedenfalls wird Deutschland, wenn es nicht nach dem Kriege Mengen von Leuten herschickt, jeden Einfluß verlieren und den Amerikanern das Feld räumen müssen.

Übrigens kommt dieser Tage Prüfer von einer kurzen Reise zurück. Ich will ihm Ihre Schrift zeigen und ihn nochmals gründlich nach seinen Erfahrungen fragen. Leider habe ich ihn bisher noch nicht viel gesprochen, obwohl er hier im Hotel wohnt.

Die Bahnverhältnisse7 sind folgende:

Man fährt von Haidar-Pascha bis Bosanti, dann fehlt ein Tunnel, man fährt zu Wagen 2 Tage bis Tarsus. Von da geht die Bahn bis Osmanije am Amanus. Dann ist wieder Schluß; ein nur für Tragtiere gangbarer schauerlicher Weg führt in 4-5 Tagen nach Radja. Man könnte schon früher wieder die Bahn benutzen, wenn ein großer Viadukt wenige Kilometer vor Radja (Heri Deri) fertig wäre. Seine Fertigstellung soll noch 3 Monate in Anspruch nehmen. Die Strecke über Alexandrette ist unpassierbar, da von den Engländern unter Feuer gehalten. Radja – Aleppo – Damascus – Sileh – Sebastije ist die Fortsetzung. Sebastije – Jerusalem mit Wagen in 1- 1 ½ Tagen. Die schlimmste Strecke ist er Übergang über den Amanus. Hier muß die Straße noch sehr verbessert werden. Es wird auch gearbeitet, neuerdings unter Aufsicht eines deutschen Ingenieurs namens Erdmann. Große Schwierigkeit verursacht der arge Kohlenmangel. Die Züge fahren nur zu militärischen Zwecken und einmal in der Woche. Es könnte hier natürlich durch rationelle Einteilung sehr gespart werden, aber türkische Behörden…. Dagegen sind sehr zu unserer Freude endlich zwei Flieger da, wohnen auch hier im Hotel. Weitere werden erwartet. Der Bau einer Fliegerhalle ist Ingenieur Häcker übertragen. Ein Flugzeug habe ich gesehen.

Meine Tätigkeit besteht außer den erwähnten Schreibereien darin, täglich mit dem Oberstleutnant Regimenter zu besichtigen und Fronten abzureiten. Ich lerne dabei natürlich die Umgegend von Jerusalem recht gut kennen. Heute haben wir für unsere Regimenter die zum Teil seit dem Balkankriege kein Dach gesehen haben, Quartier gesucht. Hier gibt’s haufenweise leere Häuser. Vor allem sind die beiden großen Pilgerasyle, das große russische und das französische Notre Dame ganz unbezahlbar. Doch sind jetzt viele französische Klöster von den Truppen belegt. Unsere Division – rein türkisch – gilt als das Paradestück der türkischen Armee, soll vielleicht auch bei der großen Truppenschau in Berlin nach dem Frieden – inchallah – sich produzieren. Einstweilen macht man bloß Friedensdienst.

Sonntag, 31.3.1915

Inzwischen ist Prüfer zurück. Er wohnt jetzt in einem gemieteten Haus. Dort besuchten wir ihn, und er gab folgendes über die Situation von sich:

Der Djihad ist hier zu Lande ein klägliches Fiasko gewesen. Die Araber sind uns durchaus nicht wohlgesinnt, weil sie über die Türken erbittert sind und wir mit denen zusammengehen. Dazu kommt noch die seit Jahren gänzlich verfehlte deutsche Orientpolitik, die den französischen und englischen Einfluß hat wachsen lassen, ohne irgend etwa entgegenzusetzen. Englische und französische Jüdinnen spielen eine große Rolle und haben zum Teil ihr für uns nicht sehr günstiges Hierbleiben hier durchgesetzt. Noch immer sitzen Engländer und Franzosen unbehelligt im Lande und treiben ausgedehnten Spionagedienst. Man ist zu sehr gut Freund mit ihnen geworden, als daß man sie jetzt grob als Feinde behandeln könnte. Höchst merkwürdige Zustände. Hier lieben uns weder Christen noch Juden. Die Zionistenpartei ist so sehr unter englischen Einfluß geraten, daß vor einiger Zeit ein deutschdenkender Jude von keiner Zeitung, weder jüdischen noch christlichen, einen Artikel angenommen bekam. Eine deutsche Zeitung zu gründen ist natürlich versäumt worden. Man las und liest nur englische und französische. Am loyalsten sind noch die Muhammedaner. Man läßt uns jetzt sogar ohne Erlaubnisschein in den Haram (große Moschee), ja, sogar in die Moschee zu Hebron, die bis dahin ganz unzugänglich war. Doch ist auch hier durch christlich-französische Hetzerei et non semper actis Turcorum viel verdorben worden8.

Hier steht das folgende in syrischen Buchstaben:

Zum Beispiel hat Djemal Pascha alle Geschäftsschilder entfernen und durch türkische ersetzen lassen und unkluge Befehle mehr, die sehr übel gewirkt haben. Erst wir haben hier Veto eingelegt.“

Gestern kam Meissner Pascha hierher und erzählte allerhand Interessantes. Die Bahn von

Sebastije nach Bir Sab’a ist kräftig im Bau, doch noch nicht in Benutzung.

Gestern war Besichtigung der 10. Division durch Djemal Pascha mit Kinoknipsung. Wer mich also im Kino vorbeigaloppieren sehen will, erkundige sich bei der Berliner Eikofilmgesellschaft, wann der Film gezeigt wird. Der Photograph der Gesellschaft, der uns geknipst hat, heißt Sparkuhl. Nach der Truppenschau verkündete Djemal den Erfolg an den Dardanellen. Dann führten die Soldaten sehr witzige türkische Volkstänze auf, erst mit, dann ohne Schwerter, z. B. wurde ein Mann nach dem Takte der Musik gewissermaßen abgemurkst und aufgefressen. Es war sehr hübsch zu sehen. Ist auch gefilmt worden.

Heute war ich mit dem orientalisierenden amerikanischen Dr. Spoer in der Moschee in Hebron, die über der alten Abrahamshöhle Machpela erbaut sein soll. Eine Riesenhöhle, die schon seit alters als Patriarchengrab verehrt wurde, befindet sich tatsächlich unter der Moschee. Durch ein Loch kann man von oben hineinsehen. Die Leute werfen allerhand Briefe an den alten Erzvater da hinein. Wir wollten eigentlich hinein, weil darin eine schon im12. Jahrhundert nicht mehr verstandene Inschrift sein soll, die unser Forschergemüt reizte; doch geht es nicht ohne höhere Erlaubnis, die wir uns erst noch beschaffen müssen. Jedenfalls war es auch so interessant, in der bisher kaum zugänglichen, übrigens sonst nicht sehr bemerkenswerten Moschee gewesen zu sein. Eine arabische und eine griechische Inschrift haben wir abgeklatscht.

Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr getreuer H. Ritter

P.S. Heute Abend große Siegesfeier mit Djemal Pascha im Hotel Fast.

25.3.1915

Vor kurzem unfreiwillig der Execution eines Deserteurs beigewohnt. Gräßlich!

Dann war eine religiöse Feier zu Ehren der am Kanal gefallenen Soldaten. Ich war auch in der Moschee. Lobgesänge auf den Propheten und sehr schöne Koranvorlesung eines Egypters, dann Verteilung von Süßigkeiten an die Truppen. Heute ist auch eine Feier für die bei der Beschießung der Dardanellen Gefallenen.

Heute hörte ich das politische Glaubensbekenntnis eines arabischen Dieners, das für die Stimmung hier bezeichnend ist:

Die Russen sind gut, die Engländer und Franzosen auch. Ganz schlimm sind die Türken; sie gehen in die Läden und nehmen alles für die Truppen ohne zu bezahlen. Die Deutschen sagen ihnen: Macht Frieden! Aber sie wollen nicht.“

Unglaublich sind die Türken verhaßt. Die Egypter werden sich über das Danaidengeschenk ihrer Freiheit von England und Angehörigkeit der Türkei, falls man überhaupt damit rechnet, schwerlich freuen. Ich bin sicher, daß nach dem Frieden hier im Orient ein incomparabler „Saustall“ werden wird.

 

235. Hellmut Ritter an C. H. B. Ostersonnabend in Jerusalem (März 1915)

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Professor!

Ihr letzter Brief datierte vom 25. Februar. Haben Sie vielen Dank. Ich bin noch immer in Jerusalem und habe täglich reichlich türkischen Aktenstaub zu schlucken. Doch ist das ja ganz gesund, zumal die täglichen Ritte um Jerusalem eine gute Erfrischung gewähren. Jetzt ist die Osterwoche, da gibt es eine Menge schöner Sachen zu sehen, angenehm ist dabei das Fehlen der russischen und sonstigen Pilgerscharen, die in Friedenszeiten alles mit ihrer Flut übergießen. Wir als Offiziere bekommen natürlich stets gute Plätze, wo man solcher bedarf.

Anbei schicke ich Ihnen noch einiges geheime politische Material. Das arabische stammt zwar aus der Zeit des Balkankrieges, als hier die antitürkischen Wellen am höchsten gingen, ist aber immerhin auch für das Verständnis der jetzigen Lage nicht ohne Interesse. Das andere, französische, ist uns zugeschickt als Warnung vor den Leuten die die Briefzensur ausüben. Alle naselang werden am Bab el Chalil Spione aufgehängt, natürlich die eigentlichen läßt man laufen, begünstigt sie sogar.

Mit gleicher Post erlaube ich mir, außer den beiliegenden ein paar Filme und Photographien in zwei Couverts Ihrer Obhut anzuvertrauen. Hoffentlich kommen sie gut an. Würden Sie vielleicht die große Güte haben, mir den Empfang telegraphisch zu bestätigen? Leutnant Ritter, Jerusalem, Deutsches Konsulat.

Einstweilen mit den besten Grüßen Ihr Ihnen dankbarer H. Ritter.

 

236. C. H. B. an Metropolitan Ritter, Niederzweheren. (Bonn), 6.3.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Metropolitan!

Manche der von Hellmut erwähnen kleinen Orte habe auch ich auf meinen Karten nicht finden können. Es geht uns ja auch schließlich mit manchen belgischen und russischen Plätzen so. Ich will mich aber gern informieren, nur glaube ich, daß es jetzt wenig Zweck hat, da Hellmut inzwischen in dem eigentlichen Syrien angekommen sein dürfte. Da werden Sie seine Reise wohl am besten an der Hand des Baedecker oder Meyer von Syrien verfolgen können. Ich verreise für einige Tage, will aber dann nach meiner Rückkehr, schon in meinem Interesse, mich etwas um das Kartenmaterial kümmern und werde Ihnen dann berichten.

Man merkt aus Hellmuts Reisebeschreibung nicht mehr viel vom Krieg; es ist eben das Tagebuch eines Orientreisenden. Hoffentlich halten die Türken an den Dardanellen Stand.

Ich werde dafür Sorge tragen, daß auch während meiner Abwesenheit Hellmuts Tagebuchblätter, falls neue kommen sollten, sofort abgeschrieben werden und an Sie gehen.

Mit freundlicher Empfehlung Ihr sehr ergebener (CHB)

 

237. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter (Nr.5) Jerusalem, 19.4.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor!

Jetzt ist der Mann, der hier schon so lange schmerzlich vermißt wurde,, auch endlich gekommen, d.h. er ist unterwegs: Oppenheim! Unsere Offiziere werden ihm keinen sehr warmen Empfang bereiten. Auch ein gewisser, sehr gefürchteter Rochus Schmidt, ist unterwegs; man versucht, ihn durch Telegramme jeder Art fernzuhalten. Das schönste aber ist, daß jetzt ein genauer Bericht über Frobenius’ 9Tätigkeit vorliegt. Doch will ich abbrechen und erst abwarten, was mir Prüfer morgen erzählen wird, der hier meine Quelle ist.

Übrigens sind französische Truppen in Ägypten gelandet worden, wohl Südländer, die’s da oben nicht aushalten konnten. Was sagen Sie zu dem schönen Erfolg an den Dardanellen? Hier ist Gaza einmal von einem französischen Dampfer beschossen worden(vgl. Abbildung)10, ohne irgend welche Bedeutung. Die politische Lage ist ja sehr prekär hier. Die Araber sehnen sich nach Befreiung vom Türkenjoch; die Abneigung wird nun noch künstlich vergrößert einesteils durch mancherlei Unbequemlichkeiten, die der Krieg, für den auch nicht das geringste Interesse herrscht, und die Anwesenheit so großer Truppenmengen überhaupt mit sich führt, andererseits durch die türkisierenden Bestrebungen Djemal Paschas. Ein Ukas befiehlt, daß in allen Schulen (auch den deutschen, wie Schnellers Waisenhaus) türkisch gelehrt werden solle – um das Geld und die Lehrkräfte kümmert sich natürlich niemand -, aller arabische schriftliche Verkehr mit den Behörden hat, sehr zum Ärger der Araber, aufgehört usw. usw. Die goldene Zukunft sieht hier jeder in der Herrschaft einer europäischen Macht, jeder natürlich derjenigen, in deren Schule er erzogen ist, also der englischen, französischen oder russischen. Wir sind natürlich an dem vermaledeiten Kriege schuld und sind infolgedessen auch ein wenig scheel angesehen, jedoch wird andererseits dankbar anerkannt das wohltätige Eingreifen der Hand deutscher Offiziere in den üblichen Schlendrian. Von Back Pascha leider nicht mehr bestehender Kommandantur der Stadt ist man doch erbauter gewesen als von den früheren Zuständen. Wären wir nur mehr hier, wir wollten schon einiges erreichen, obwohl freilich der englisch-französische Geist, den die Kinder in der Schule schon einsaugen, so schnell nicht zu bannen ist.

26.4.1915

Komme eben zurück von einem Übungsritt des Corpsstabes nach Ramleh, Jaffa usw. Alles in üppiger, grüner Fülle, haben in Apfelsinengärten gelustwandelt und die reifen Früchte vom Baum heruntergepflückt. Der Stadtkommandant von Jaffa, Major Hasan, hatte alles aufgeboten, um dem General einen würdigen Empfang zu bereiten. Die Bevölkerung stand Spalier und erhob bei unserem Vorbeireiten ein gewaltiges Händeklatschen. An präsentierenden Wachen vorbei wurden wir in den Konak geleitet, um allda mit allerlei netten Sachen bewirtet zu werden. Alle Würdenträger der Stadt beeilten sich, dem Pascha ihre Aufwartung zu machen. Nachher beim Abschied war derselbe Zauber noch mal. Dann war Besichtigung der schönen Befestigungen, die den Engländern, wenn sie landen sollten, das Leben vermutlich recht trübe machen werden, mit anschließenden kleinen strategischen Aufgaben für die Offiziere. Auch die deutsche Templerkolonie in Savona wurde besucht. Ich habe dort mit Oberstleutnant S. sehr schön bei einem Herrn Weber zu Abend gegessen. In Birsalem bei Herr Spohn – Filiale des Syrischen Waisenhauses -, nicht weit von Ramleh, wurde einmal übernachtet. Ich unterhielt mich mit den Deutschen in Savona ausführlich über die Verhältnisse. Es ist immer dasselbe, genau so, wie oben beschrieben. Die Aufhebung der Kapitulationen11 würde viele Deutsche wegtreiben, (wird von anderer Seite bezweifelt), weil kein Mensch die Steuern bezahlen will. Ich habe den Eindruck, daß nach einem für die Türkei glücklichen Kriege sich das Erstarken des Staates zunächst in Fremdenhaß und Schikanierung der Europäer, uns einbegriffen, zeigen wird. Wir werden genau wie jeder andere fremde Staat behandelt. Alle Höflichkeit, die bei Einzügen und Festlichkeiten uns gegenüber entfaltet wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie der Karren in Wirklichkeit läuft.

Frobenius und der sehr tüchtige Halbabessinier Hall sind wirklich durch das englische und französische Gebiet hindurch auf italienischen Boden gekommen. Es wäre wohl auch weiter gut gegangen, wenn nicht F(robenius) die Tarantel gestochen hätte, dergestalt, daß er sich aufs Roß setzte, Paschagala anzog, einen gewaltigen Einzug arrangierte und ein großes Hurrahgeschrei ausstieß, worauf die Italiener notgedrungen mißtrauisch werden mußten und Weiteres verhindern mußte. H(all?) soll die Absicht haben, die Sache noch mal allein zu versuchen. Neufeld wirkt augenblicklich als Dolmetscher bei Herrn von Ramsay in der Wüste; seinen politischen Plänen darf man einigen Zweifel entgegenbringen.

Neulich hat der frühere Lotse des Kanals, Herr Bresch, eine Mine in den Kanal gelegt, auf die alsbald ein englisches Kauffahrteischiff stieß und zerbarst. Heute große Freude über die Überschreitung des Yserkanals, ist auch mit Sekt begossen worden.

Mit vielen Grüßen Ihr treu ergebener H. Ritter

In diesem Jahr große Heuschreckenplage. Die letzte soll (18)78 gewesen sein, aber nicht so wie jetzt. Alle Felder bedeckt mit der kleinen schwarzen Satansbrut. Militär und Zivilbehörden tun alles, was die deutschen Offiziere können, doch ist natürlich von einer geregelten Bekämpfung, wie es sein müßte, keine Rede. General Trommer ist Vorsitzender der Heuschreckenkommission.

Trotz der jetzigen ernsten Zeilen:

Eben kommt die Nachricht, daß die Dardanellen mit 48 Schiffen angegriffen werden – gibt es noch Momente, in denen man nichts Besseres zu tun weiß, als sich Märchen erzählen zu lassen, die freilich weder neu noch originell sind. Immerhin können sie vielleicht einen Spezialisten wie Littmann oder Kahle interessieren. Ich schicke die Durchschläge mit, hoffentlich werden sie nicht von der Zensur als Geheimsprache beanstandet. Es ist Jerusalemer Dialekt, sofern man von einem solchen überhaupt reden kann, Erzähler: Jacab Iris al-asis, so genannt, weil sein Großvater Sidó asis war. Sein Vater ist Steinhauer, erblindet und ein großer Märchenerzähler; von ihm hat der Sohn die Geschichte gehört.

Die Ereignisse an den Dardanellen fesseln natürlich sehr unsere Aufmerksamkeit; man munkelt, falls der Angriff mißlänge, würde Rußland Frieden machen …

Man glaubt in hiesigen militärischen Kreisen, daß selbst, wenn die Forcierung gelänge, strategisch der Erfolg nicht sehr erheblich sein könne, da jedes Schiff, ehe es ins Schwarze Meer kommt, noch ein richtiges Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen muß, zu dessen Verhinderung ganz erhebliche Landtruppen würden ausgeschifft werden müssen. Freilich würde der moralische Eindruck der Dardanellenforcierung gewiß erheblich sein.

27.4.1915

Einstweilen wird das ´Idi gulús heute, am 27., gefeiert; Musikumzüge in der Stadt, Gratulationskuren bei den verschiedenen Militär- und Zivilbehörden usw., abends großes Essen. Gestern Nachmittag kam der Kommandant des 10. Bataillons, der eben eine neue kleine Unternehmung gegen den Kanal unter Oberst von Kress mitgemacht hatte, hierher zurück und erzählte eingehend seine Erlebnisse:

Das Bataillon, 2 Maschinengewehrkompagnien und 2 Batterien Artillerie hatten den Auftrag bekommen, die diesseits des Kanals befindlichen Befestigungen, sowie die vorhandenen Brücken zu stürmen, den Kanal zu überschreiten und dort einen Aufruhr zu machen. Marschrichtung Madáma. Ein Patrouillenritt von Kress ergab aber, daß sich weder Befestigungen noch Brücken dortselbst befanden. Darauf wurde die Aufgabe geändert: Die Artillerie soll einen Frachtdampfer, der gemeldet war und an Madáma vorbei mußte, kaputt schießen. Man stellte sich also nachts 50 m vom Kanal entfernt hinter und auf einem kleinen Sandhügel auf. Der Dampfer kam auch, aber die Kanonen waren noch nicht genügend eingebuddelt, um das Rohr schräg nach unten richten zu können. Sie konnte also nicht schießen. (Entsprechende Zeichnung als Marginalie.) Dagegen näherte sich gegen Morgen eine feindliche Patrouille von 6 Mann bis auf 20 m. Eine Gruppe schoß, drei fielen, einer stürzte sich in den Kanal. Auf das Schießen wird es drüben lebendig, aus dem am weitesten nördlich gelegenen Zelten löst sich ein Bataillon und eröffnet das Feuer. Darauf beginnt man sich loszulösen, die Artillerie unter Bedeckung eines Infanteriezuges zieht sich zurück, eine Kompagnie nach der anderen folgt in guter Ordnung. Die Engländer schießen inzwischen mit Schiffs- und Geschützen von 6 Batterien und werfen wie wahnsinnig Fliegerbomben, doch sind nicht viel Verluste: 1 Offizier und 6 Mann, glaube ich, zu beklagen. Bei en-Nachl trifft man noch zwei Araberkompagnien der Hidjasdivision und einen Zug Hedschinreiter, die übernehmen die Nachhut, die dem Gros in dem ungewöhnlich großen Abstand von 15 km folgt. Eines nachts lagern sie friedlich und versäumen zu sichern, da man ja den Feind, der nicht gefolgt war, weit wähnte. Leider machten die Engländer einen Überfall mit sehr überlegenen Kräften – 5 (?) Bataillonen, der völlig überraschend kam, bei einer Kompagnie Panik hervorrief, so daß immerhin einige Waffen und Munition, keine Menschen, in der Hand des Feindes blieben. Doch ist der Feind nicht weiter gefolgt. Nur in die Kamelkolonne sind noch Fliegerbomben geworfen worden, die 6 Kamele töteten. Nachher forderte Kress 50 Freiwillige aus dem zuerst genannten türkischen Bataillon an, die sofort da waren und sich noch in der Wüste befinden.

Fliegerbesuche sind reichlich in der Wüste, sie schaden nicht sehr viel, weil sich die Bomben zu tief in den Sand einbohren. Eben kam ein Brief von Major X aus Jbin (Ort etwa N33° 45’, O 30° 30’), daß daselbst ein Flieger gewesen sei und eine in das Vorratshaus der Offiziersmesse gefallene Bombe 2 Teller, sowie einen Topf mit Gurken zerschlagen habe. Weitere Verluste waren nicht zu beklagen.

Eben die ersten mit Spannung erwarteten Nachrichten von den Dardanellen: 400 Gefangene, 400 tot, 2 Torpedozerstörer zerstört, viele Überläufer. Hoffentlich geht es so weiter.

Eben kam Ihr Brief vom 4.4.1915. Vielen Dank, auch besonders für die Beilagen. Gräfe und Thorning – Thorning hatte ich ganz vergessen, ach, auch ihn werde ich ja nicht wiedersehen. Wie wird uns das merkwürdig und fremd vorkommen!

Ihre politische Beilage ist außerordentlich interessant. Hier munkelt man, Bülow 12hätte Italien erklärt, wenn es sich nicht bald entschiede, würde sich Deutschland auf die Seite seines Verbündeten stellen.

Mein Bruder Karl nun doch Infanterist; wir hatten das lange in trüber Ahnung kommen sehen. Mein Bruder Gerhard soll wirklich an die Front?

Nun, es kann nicht mehr lange dauern. Wir haben gute Nachrichten von Nauen13 aufgefangen, Sieg am Yserkanal – bezeichnenderweise schweigt sich der Eiffelturm gänzlich aus.

Jerusalem, 1.5.1915

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Professor!

Nur ein paar Zeilen über das Neueste:

Neulich eine Beschwerde von Enver (Pascha) bei Botschafter, daß sich deutsche Emissäre im Lande herumtrieben, um die Inbesitznahme des Landes vorzubereiten und gegen die Türken Stimmung zu machen. Grund: Frobenius hat das Recht, Orden zu verleihen!! Und hat einen Araberhäuptling dekoriert, der einer der berüchtigtsten Türkenhasser des Landes ist. Man faßt sich an den Kopf. Auch hat das Kolonialamt Leute hergeschickt nur mit dem Auftrage, „Erfahrungen zu sammeln“. Jedermann muß, da sie absolut nichts zu tun haben als herumzuhorchen, sie für Emissäre halten.

Übrigens Haltung an den Dardanellen vortrefflich. Die Feinde versuchten mehrere Landungen von Truppen, ohne die eine Forcierung der Dardanellen ja unmöglich ist. Überall zurückgeworfen, nur an einer Stelle halten sie sich noch unter dem Feuer der Schiffsgeschütze. Man kann also beruhigt sein.

Anbei ein Bild14 mit Djemal Pascha im Hotel Fast, wo auch meine Wenigkeit beteiligt war. Würden Sie es bitte dann meinen Eltern zur Aufbewahrung zusenden?

Mit vielen Grüßen Ihr ergebener H. Ritter.

 

238. Hellmut Ritter an C. H. B. Jerusalem, 27.4.1915

(handschriftlich)

Lieber Herr Professor,

Anbei schicke ich ein paar Films mit der Bitte, doch davon je 2 Abzüge machen zu lassen und einen meinen Eltern, einem mir zuzuschicken. Hier ist leider das Papier ausgegangen. Könnten Sie wohl vielleicht gar einmal 144 Blatt Gaslichtpapier in dem Format des Films herunterschicken, so würde man hier sehr erfreut sein, meine Aufnahmen auch im positiv betrachten zu können. Plakate zu schicken macht gar keine Schwierigkeit. Ich habe mir die Freiheit genommen, Sie, lieber Herr Professor, um Aufrechnung der Films und Bestellung der Abzüge zu bitten, weil das für meine Eltern mit ziemlichen Umständlichkeiten verknüpft ist. Es sind alles Straßenbilder aus Jaffa, gemacht bei unserem kürzlichen Übungsritt nach der Küste.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen ergebener Ritter

 

239. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Bonn,) 12.5.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Vor wenigen Tagen trafen Ihre Tagebuchblätter vom 5.-25. März bei mir ein, ebenso die Einlagen und zwei Tage danach auch die Photographien und Filme. Ich habe wunschgemäß versucht, Ihnen nach Jerusalem zu telegraphieren: es werden aber nach der asiatischen Türkei z. Zt. keine Telegramme, nicht einmal auf Risiko des Absenders, angenommen. So habe ich denn an die Botschaft telegraphiert in der Hoffnung, daß man Ihnen das Telegramm übertelegraphiert. Mehr konnte ich nicht tun. Selbst dieses Telegramm wurde nur auf Gefahr des Absenders hin angenommen.

Ihr Brief brachte wieder viel Interessantes. Besonders freue ich mich über Ihre neue Stellung; denn für die Zukunft ist es wichtiger, daß Sie den inneren Verwaltungsapparat der Türkei kennen lernen, als daß Sie einige genußreiche Wüstentouren machen. Natürlich stehen Sie dabei ebenso wie Prüfer, dem Syrien doch auch Neuland ist, unter dem starken Eindruck des arabisch-türkischen Gegensatzes, der durch die Entente-Arbeit und die vielen orientalischen Christen, namentlich die geschäftigen christlichen Syrer, noch besonders herausgearbeitet worden ist. Mir sind Ihre Erlebnisse und Eindrücke nicht so sehr überraschend, und halte ich den ganzen arabischen Besitz der Türkei überhaupt für stark gefährdet, wenn die Türkei nicht endlich damit Ernst macht, die Verwaltung zu arabisieren15. Noch vor ganz Kurzem kam es vor, daß man einen Oberkadi nach Mekka schickte, der des Arabischen nicht kundig war. Die Verhältnisse im Irak sind übrigens noch schlimmer als in Syrien. Glauben Sie nicht, daß ich die Bedeutung des Heiligen Krieges überschätze. In meiner ersten Schrift habe ich direkt davor gewarnt. Nachdem er erklärt war, habe ich ihn als politisches Bindemittel zu verstehen versucht. Daß es natürlich auch Kreise gibt, die ihn im alten Sinne auffassen, und daß der moderne Türke, der noch nicht so weit ist, den Djihad als politisches Mittel objektiv zu werten, sich dieser halbreligiösen Geste schämt, ist selbstverständlich. Ich war immer der Meinung, daß auch ohne Djihad der tatsächliche internationale Zusammenhang der Türkei schon ausgereicht hätte, die gewünschte Wirkung einer Erschütterung der kolonialen Stellung unserer Gegner zu erreichen. In welcher Form sich später die deutsche Hülfe in Syrien, wie in der Türkei überhaupt, vollziehen wird, ist natürlich z. Zt. noch nicht zu übersehen. Die Hauptsache bleibt, daß das Vertrauen der Armee in die deutsche Hülfe bestehen bleibt. Ich weiß von maßgebender Stelle, daß man bei uns tatsächlich die Absicht hat, das wirtschaftliche Staatsinteresse der Türkei auch gegen die privat-wirtschaftlichen Interessen selbst des deutschen

Kapitalismus zu schützen, und zwar nicht etwa aus sentimentalen Gründen heraus, sondern weil eine innerlich gestärkte und gekräftigte Türkei auch dem wirtschaftlichen Zukunftsinteresse Deutschlands mehr entspricht. Vor allem wird es darauf ankommen, die Dinge festzustellen, auf welche die Türkei zur Hebung ihrer eigenen Industrie einen Schutzzoll wird legen müssen, damit die deutsche Industrie sich auf diese Gebiete einstellt, sondern auf solche, die der Türkei nicht liegen. Hätte die deutsche Industrie sich einmal auf die Dinge eingestellt, die die Türkei in ihrem Staatsinteresse später mit einem Schutzzoll belegen muß, so wäre ein unabsehbarer Konflikt zwischen Deutschland und er Türkei gegeben. Es geschieht zwar auf diesem Gebiete noch nicht genug; aber ich weiß, daß man wenigstens das Problem erkannt hat.-

Wie die Dinge sich auch entwickeln mögen, unter allen Umständen ist es verkehrt, sich bereits jetzt in Diskussionen über die äußere Form zu ergehen, in der künftig sich die deutsch-türkischen Beziehungen bewegen werden. Bedenken Sie bitte stets, daß alle meine jetzigen Schriften politische Schriften sind: so wollen auch meine Auseinandersetzungen mit Snouck gewertet werden. Snouck bildet sich ein, wissenschaftlich zu sein; das ist grundfalsch, auch er ist Politiker. Daß in gewissen deutschen Kreisen die Bedeutung des Heiligen Krieges aus Unverstand maßlos überschätzt worden ist, liegt auf der Hand. Ich sende Ihnen einliegend meinen holländisch geschriebenen Artikel, der die Snouck’sche Episode abschließt. Das deutsche Schlußwort haben Sie inzwischen erhalten. Sie werden genau fühlen, worauf ich hinaus will. Der Artikel scheint in Holland sehr gut gewirkt zu haben; jedenfalls hat die Tagespresse ihn fast wörtlich abgedruckt.

Die mir übersandten Dokumente habe ich mit Interesse gelesen und bin ähnliches Material auch weiterhin dankbar. Die Photographien sind (schön? Unleserlich) und werden Sie später viel Freude davon haben. Jedenfalls freue ich mich täglich an dem Gedanken, daß Sie jetzt so herrliche Lerngelegenheit haben, und daß weder der Krieg, noch die Dienstzeit Sie wissenschaftlich Zeit kosten. Ihr Herr Vater hat mir übrigens auf meinen Wunsch Ihre Dissertation geschickt, und will ich nächstens versuchen, die Einleitung als Dissertation drucken zu lassen. Aber rechnen Sie bitte noch nicht allzu sicher damit, denn gerade die Einleitung sollte doch noch umgearbeitet werden. Wenn ich diese Umarbeitung vornehme, ist es eben keine Dissertation mehr. Vielleicht muß ich deshalb doch einen Teil des Textes drucken. Wie ich es auch anfange, ohne eine sehr große Aufwendung von Arbeit meinerseits wird es sich nicht machen lassen. Andererseits verstehe ich wohl, daß Sie nach dem Kriege gern Ihre Dissertation fertig hätten. Wenn ich nur selbst etwas freier wäre; aber auch ich habe schrecklich viel zu tun. Was ich irgend tun kann, soll aber für Sie geschehen. Das Schwierigste ist, daß Interesse für die Sache in Einklang zu bringen mit dem Interesse für Sie. Ich möchte nämlich gern das Ganze bearbeiten und veröffentlicht haben, während jeder Teildruck eine spätere Neuaufnahme des Ganzen erschwert.

Über die politische Lage lohnt es kaum zu reden, da bei der langen Reise dieses Briefes alle Äußerungen überholt sein werden. Immerhin interessiert (es) Sie doch vielleicht auch meine persönliche Ansicht. Ich glaube nicht an ein Losschlagen Italiens. Wenn es aber losschlägt, so sieht man in leitenden militärischen Kreisen den Ereignissen mit Ruhe entgegen. Meine persönliche Ansicht ist, daß ein italienischer Krieg mit Italien als Republik und einer österreichischen Adria inclusive Venetien abschließen würde. Die Kenner Italiens haben bisher das interventionistische Geschrei nicht ernst genommen, weil man den Volkscharakter eben kennt. Plötzlich aber zeigte sich, daß die Regierung sich davon kaptivieren ließ, vor allem Sonnino, der halb Engländer ist, da er ja in England erzogen wurde. Jetzt wurde es plötzlich der neutralistischen Mehrheit bange, und sie griffen ein, geleitet von Giolitti. Gleichzeitig erfolgte ein deutscher Druck auf Italien, indem man die Deutschen abreisen ließ. Die Wirkung auf die Industrie Norditaliens ist sehr groß, und man merkte, daß Deutschland Ernst machte. Dabei kommt Österreich bis an die Grenze des Möglichen entgegen. Kommt es trotz allem zum Krieg, so ist nur die Bestechung der Entente daran Schuld. Jedenfalls ist von einer Einheitlichkeit der Stimmung in Italien nicht die Rede. Braucht man also auch in keiner Weise in Sorge zu sein, so ist , m. E. die Rückwirkung auf die Türkei doch recht bedenklich. Dann werden auch Sie noch kriegerisch zu tun bekommen; denn Italien wird sicher Truppen landen lassen. Die bisherigen Erfolge der Türkei ermutigen allerdings sehr. Ich höre von unterrichteter Seite, daß die Entente der Türkei glänzende Anerbietungen macht, wenn Sie einen Separatfrieden schlösse. Ihre Mitwirkung ist also von großer Bedeutung für uns gewesen. Ich halte es nicht für unmöglich, daß bei glücklichem Fortgang der Ereignisse in Galizien ein Separatfriede mit Rußland zustande kommt. Die Aktion in den Ostsee-Provinzen scheint nur den Zweck zu haben, weiteres Austauschgebiet zu besetzen. Österreich muß doch einen gründlichen Ersatz für das Trentino erhalten. Die Kriegsgeschichte dürfte übrigens keine so glänzende Flankenaufrollung kennen, wie die in den Karparthen.

Unsere allgemeine Stimmung in Deutschland ist sehr gut. Das Leben funktioniert gleichmäßig; die Universität ist voll besetzt. In meinem türkischen Publikum habe ich über 100 Hörer, allerdings die Hälfte Damen, in Syrisch und Arabisch aber auch 6-7 ordentlich mitarbeitende Leute. Dabei stehen meine sämtlichen früheren Hörer im Felde. Ich habe vor ein paar Wochen in Berlin einen Vortrag gehalten und werde dort am 9. Juni auf Veranlassung des Kultusministeriums abermals dort sprechen.

Die Nachrichtenstelle für den Orient ist sehr gut organisiert. Ein sachverständiger Stab von etwa 30 Leuten arbeitet unter kundiger Führung. Hoffentlich bleibt diese Institution auch in Friedenszeiten bestehen. Da ich das Schicksal dieses Briefes nicht kenne, will ich nichts Ausführlicheres darüber berichten.

Damit Schluß für heute. Ihre drei Photographien stehen in meinem Studierzimmer, und freue ich mich täglich darüber. Weitaus am besten gefallen Sie mir in der türkischen Leutnantsuniform. Auf dem Bilde im Tropenhelm haben Sie zwar eine charakteristische Haltung, aber gerade die, die mir bei Ihnen nicht so gut gefällt. „Der Herr aber siehet das Herz an.“

Mit freundschaftlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB).

 

240. C. H. B. an Metropolitan Ritter. (Bonn,) 2.6.1915

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Metropolitan!

Einliegend übersende ich Ihnen einen neuen Brief von Hellmut, der allerdings abermals nicht gerade für weitere Kreise geeignet ist. Wollen Sie ihn also bitte mit der entsprechenden Diskretion gebrauchen. Ich halte es nur nicht für richtig, Ihnen diese Nachrichten zu unterschlagen; ich bitte aber jedenfalls darum, solche Briefe nicht ins Feld gelangen zu lassen. Verschiedene Äußerungen von Hellmut sind mir von anderer Seite bestätigt und entsprechen auch dem Bilde, das ich selbst von unserer Zukunftsarbeit in der Türkei habe. Je besser es der Türkei geht, um so selbstbewußter wird sie werden und um so schwieriger, aber auch gerade um so notwendiger wird unsere Zukunftsarbeit. Diskretion ist bei dem Brief auch schon wegen der mancherlei kritisierten Persönlichkeiten notwendig. Ich war außer mir, als ich hörte, wieviel ungeeignete Leute man deutscherseits herausgeschickt hat. Ich habe Hellmut schon bei seiner Ausreise entsprechend vorbereitet.

Einliegende Photographien wollen Sie bitte für Hellmut aufbewahren. Er hat mir noch weitere Films geschickt, von denen ich Abzüge machen lasse, die ich Ihnen dann auch zusende.

Hoffentlich haben Sie von Ihren anderen Söhnen auch gute Nachrichten.

Mit verbindlicher Empfehlung Ihr sehr ergebener (CHB)

 

241. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Bonn,) 14.6.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Seit meinem Brief vom 12. Mai hat sich manches verschoben, und mein Optimismus in Bezug auf Italien hat sich als unberechtigt erwiesen. Von Ihnen sind ein weiterer Stoß Tagebuchblätter eingetroffen und vor allem auch Ihre hübschen Films angekommen, von denen ich Ihnen einen Abzug anbei sende. Weitere Abzüge gingen an Ihre Eltern. Das Kopierpapier besorgte ich Ihnen sofort, doch war mehr als die zwei Pakete im Augenblick nicht zu bekommen; so bald als möglich schicke ich Ihnen aber mehr. Auch Films bekommt man nicht mehr unbegrenzt in allen Größen, vermutlich, weil der große ausländische Import aufgehört hat und die heimische Industrie besonders für Kriegszwecke arbeitet.

Wenn ich so lange schwieg, so hängt das mit einer starken persönlichen Inanspruchnahme während der letzten Wochen zusammen. Am 17. Mai wurde der älteste Sohn meiner Schwester Riedel in Rußland schwer verwundet, um dann am 20. Mai in Tilsit zu sterben. Da ihr Mann, wie ihre anderen Söhne im Felde stehen, habe ich alles arrangiert, und wir konnten den hoffnungsvollen, jungen Offizier, der mir persönlich besonders nahe stand, auf dem Familienfriedhofe in Gelnhausen beisetzen, wo er an der Seite seines noch nicht vor Jahresfrist in Davos verstorbenen älteren Bruders liegt. Mein Schwager, der Generalleutnant, wie sein Sohn, konnten zur Beerdigung kommen, und meine Schwester trägt ihr Schicksal bewundernswert. Das Eiserne Kreuz in der dritten Generation lag auf dem Sarge.

Die ungeheuren Verluste sind es immer wieder, die es einem schwer machen, sich über die großartigen Erfolge, namentlich im Osten, zu freuen. Gerade heute Morgen bekam ich wieder die Nachricht von dem Tode eines meiner (unleserlich)ittenen Schüler, eines Herrn Thiebes, den Sie auch, glaube ich, hier kennen gelernt haben. Und noch sieht man kein Ende ab! Ich war jetzt gerade wieder einige Tage in Berlin und habe mich vielseitig informiert; aber

Friedensverhandlungen nach irgend einer Richtung bestehen noch nicht. Immerhin ist doch zu hoffen, daß Rußland nach den vielen Schlägen und dem offenbaren Zermürbtsein seiner Armee nicht mehr allzulange wird mitmachen können. Momentan wirkt die Entente-Diplomatie mit Nachdruck darauf hin, uns den Balkan zu sperren. Ich hoffe, daß es mißglückt: denn eine Kriegserklärung Rumäniens wäre gleichbedeutend mit dem Ende unserer Orientpolitik. Gottlob sind unsere Interessen identisch mit denen Rumäniens, und es ist zu hoffen, daß das Entente-Gold nicht allzuviel Wirkung erzielt. Der Eintritt Italiens in die Reihe unserer Gegner hat, wie ich höre die eingeweihten Kreise nicht mehr überrascht, wenn man auch die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hatte. England, dem der Atem auszugehen scheint, wirft seine ganze Macht in die Wagschale, um die noch Neutralen zu Hülfsdiensten zu zwingen. Jedenfalls ist dieser Krieg die Bankerotterklärung des parlamentarischen Systems und der Demokratie. So ist wider den Willen seiner Majorität Italien in den Krieg getrieben worden und zwar, weil es seinen leitenden Männern an Mut gebrach. Das Bild, das Italien bisher gibt, ist nicht gerade glorreich. Es drückt sich um die Kriegserklärung an Deutschland, um keine Truppen nach Flandern schicken zu müssen. Der türkische Botschafter ist überhaupt noch in Rom; also auch der so erwartete Eingriff an den Dardanellen scheint sich noch hinauszuziehen. Wir erklären keinen Krieg, weil wir nicht irgendwelche rumänische Bündnispflichten eintreten lassen wollen. Man hofft auf einen baldigen Zusammenbruch Italiens; aber erst scheint man mit Rußland fertig werden zu wollen.

Ihre Nachrichten über die Türkei waren mir sehr interessant, und habe ich alles ganz genau so erwartet. Der Halbgott Leo ist in Berlin völlig kalt gestellt; man merkt allmählich, welche Dummheit man mit seiner Entsendung gemacht hat. Der teure O. soll nicht schlecht arbeiten, aber ich wünsche Ihnen doch, daß Sie von ihm verschont bleiben. Es wäre zu schade, wenn die tatsächliche Interessengemeinschaft zwischen Deutschland und der Türkei durch solch eitle Streber und Abenteurer in Gefahr gebracht würde. Ich hatte in diesen Tagen interessante Unterhaltungen mit dem bekannten ägyptischen Nationalisten, Scheich Schawisch, den Sie ja wohl dem Renommee nach kennen. Er machte mir einen recht guten Eindruck und ist z. Zt. als Vertrauensmann Enver’s (Pascha) in Berlin. Er wohnte im Hotel Esplanade, und frühstückte ich mit ihm zusammen. Aus Unterhaltungen mit ihm gewann ich die Bestätigung meiner alten Ansicht von der allzu großen Fairheit unserer auswärtigen Politik vor dem Kriege. Hätten wir, seinem Rate folgend, rechtzeitig Waffen in orientalische Gebiete eingeschmuggelt, was England und Frankreich ja ganz gewohnheitsmäßig tun, so wäre der Aufruf zum Djihad wirkungsvoller gewesen. Erschreckend ist vor allem der Hochmut der Jungtürken; nur wenige ganz fähige Köpfe sehen die eigenen Fehler ein. Ihr derzeitiger Chef hat nicht das Renommee, dazu zu gehören. Wenn die führenden Leute nur wüßten, wie ehrlich die Absichten der deutschen Regierung sind; aber ich fürchte, daß wir sehr mit Mißtrauen zu kämpfen haben werden. Unsere amtliche Türkenpolitik scheint übrigens (?) in fähigen Händen zu liegen. Auch auf dem Balkan sind wir gut vertreten. Manche Details möchte ich Ihnen vorsichtshalber nicht schreiben. Es ist zu schade, daß unsere Gegner in den arabischen Provinzen der Türkei so furchtbar leicht den Hebel der Opposition ansetzen können.

Die amerikanische Angelegenheit sieht man hier mit großer Ruhe an.

An Ihrer Arbeit habe ich bisher nichts tun können; ich bin mit meinen Magengeschichten doch nicht so arbeitsfähig wie ich es gern sein möchte, aber man schlägt sich eben so durch.

Viel beschäftigt man sich in eingeweihten Kreisen mit dem Problem der Kriegsziele, das verständigerweise der öffentlichen Diskussion noch entzogen ist. Die Bildungsschicht muß diese Gedankenwelt eben vorbereitend durchdenken. Im Osten kann uns an einigen Millionen Polen nichts gelegen sein. Da aber irgend etwas als Entschädigung für die ungeheuren Opfer notwendig ist, so wünschen einflußreiche Kreise eine Übernahme besitzfreier Landstrecken, deren Bevölkerung von Rußland zu verpflanzen und im Innern Rußlands zu entschädigen wäre. Dann würde neuer Boden für deutsche Besiedelungen frei. Im Westen werden wir die Seeseite Belgiens wohl nicht mehr aus der Hand geben. Millionen und Millionen sind in ihre Befestigung hineingesteckt. Auch Frankreich gegenüber warnen jetzt alle Sachverständigen vor Gefühlsduselei, wie sie dem für ideale Zwecke kämpfenden Frankreich nur allzu viel entgegengebracht worden ist. Das Revanchegeschrei und das Geld Frankreichs haben schließlich diesen Krieg doch erst möglich gemacht, und Frankreich muß erbarmungslos dafür büßen. Schwierig wird es vor allem bleiben, England zu zwingen, und man rechnet noch immer damit, ihm in Ägypten das Rückgrat zu brechen. Die Angst davor ist es zweifellos, die jetzt England veranlaßt, mit allen Machtmitteln in Rumänien oder an den Dardanellen einen Riegel vorzuschieben.

Schreiben Sie nur recht bald einmal wieder. Ich bin so viel in Gedanken bei Ihnen und begleite Sie auf Ihren interessanten Fahrten

mit freundschaftlichen und treuen Gedanken. (CHB).

 

242. C. H. B. an Hellmut Ritter, Konstantinopel (Bonn), 17.6.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Gestern habe ich Ihnen einen langen Brief geschrieben, und kaum war er fort, kamen Ihre zwei Pakete, die vielen Photographien, Seidenstoffe usw. an. Ich werde alles, Ihrem Wunsche nach, aufheben resp. an Ihre Mutter senden. Die Tagebuchblätter haben mich natürlich brennend interessiert Es freut mich, daß Sie wieder so viel zu sehen bekamen. Unser brieflicher Verkehr wird ja nun wieder schneller gehen, nachdem Sie wieder in Konstantinopel eingetroffen sind. Schreiben Sie mir doch nächstens einmal über die Gesamtlage und ob es richtig ist, daß die Errichtung der Munitionsfabriken ein Fehlschlag war; es kursieren so mancherlei unkontrollierbare Gerüchte.

Hoffentlich müssen Sie nicht in den Schützengraben auf Gallipoli: das täte mir leid für Sie.

Eine Abschrift Ihres Briefes geht wieder an Tschudi. Auch eröffne ich Ihnen einen Kredit von Mark 200 zur Anschaffung wichtiger türkischer und persischer Drucke, die ich Sie bitte in Konstantinopel für mein hiesiges Seminar zu erwerben. Ich besitze nur die Bibliotheca Indica und gebe Ihnen im Übrigen ganz freie Hand. Sie wissen ja am besten, was ein Seminar brauchen kann. Vor allem hätte ich gern den Evlija, auch neuere türkische Literatur nicht ausgeschlossen. Abrechnung geschieht am besten direkt durch den Buchhändler, den ich durch die Staatskasse bezahlen würde. Macht das Schwierigkeiten, so wollen Sie auf Grund meines Kreditbriefes zahlen, dann verrechne ich es direkt hier mit der Universitätskasse. Übrigens haben Sie mir nie ein Wort geschrieben, ob der Kreditbrief in Ihre Hände gelangt ist. Bisher haben Sie jedenfalls nichts abgehoben, aber es wäre mir doch wertvoll zu wissen, ob Sie ihn überhaupt erhalten haben, da man ihn sonst für ungültig erklären müßte.

Inzwischen ist ja nichts Neues passiert, drum nur herzliche Grüße!- Grüßen Sie Schmidt.

Ihr Ihnen freundschaftlich ergebener (CHB).

 

243. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter. (Nr.6) Jerusalem, 10.5.1915

(Maschinenkopie)

Gestern bei Prüfer. Erzählte Interessantes über die Behandlung eines englischen Offiziers durch hazretleri, auch über den Kommandanten von Jaffa, der uns so schön empfangen hatte, und seine Art, die Herzen deutscher Offiziere zu gewinnen. Auch über den Befehl, daß Deutsch als Unterrichtssprache abzuschaffen sei, auch über Frobenius. Doch das sind alles Dinge, die sich nach dem Kriege noch besser erzählen lassen.

Jsláhíje, 23.5.1915

Also wieder in Anatolien. Plötzlich Befehl, daß die 10. Division nach Norden, d.h. nach Konstantinopel abmarschieren soll. Dann wird man ja Gelegenheit haben, die Affaire an den Dardanellen aus der Nähe zu betrachten. Wenn die Wirklichkeit so ist, wie die Agencen berich-ten, kann man ja zufrieden sein. Etwas für uns Ungünstiges ist sicher bis jetzt nicht passiert, da wir vom AOK alles erfahren, was zu erfahren ist.. Der Eisenbahntransport war sehr übel, da die Bahn durch Heuschrecken aufgehalten wurde. Diese Bestien sind hier in erschreckender Menge aufgetreten, zum ersten Male wieder seit 15 Jahren ungefähr. Erst Schwärme, die die Luft verfinstern, Eier legen und sterben, dann nach einiger Zeit eine kleine schwarze Brut, die mit großem Appetit gesegnet ist. Man hat eine Heuschreckenkommission mit General Trommer als Spitze gebildet, Soldaten losgeschickt, um die Untiere zu vernichten. Herr Aaronssohn, der Entdecker des Urweizens in Palästina, und mehrere andere mehr oder weniger Sachverständige haben gearbeitet, sämtliche männlichen Einwohner Jerusalems und der umliegenden Bierdörfer mußten bei großer Strafe eine bestimmte Anzahl Kilo Heuschreckeneier beibringen, aber trotzdem fehlte es natürlich gänzlich an dem Zusammenarbeiten der Behörden, z. B. die Eisenbahn stellt einen Sonderzug für Heuschreckenfänger bereit, heizt an – es kommt aber niemand. Warum? Weil ein Beamter den entsprechenden Befehl in der Schublade hat liegen lassen! In Ramleh sitzt ein Mudir, dessen Bruder im türkischen Parlament sitzt und deshalb Paschaallüren angenommen hat und gar nicht daran denkt, irgendwelche Befehle auszuführen. Freilich saß ihm zum Glück ein ganz ungemein energischer deutscher Offizier als Kommandant auf der Jacke, der ihn außerordentlich schnell zur Raison zu bringen wußte. Doch zurück zu unserer Eisenbahn. Also die Heuschrecken sitzen in solchen Massen auf den Schienen, daß durch ihre zerquetschten Leiber Schienen und Räder gewissermaßen eingefettet werden, wodurch die Räder sich dauernd auf der Stelle drehen. In Damaskus war ein wenig Aufenthalt. Bin in das entzückend schöne Tal von Dummar gefahren, alles voll hübscher Gärten, Springbrunnen und Wasserfällen. Leider war alles leer, in keinem der schönen Kaffeehäuser auch nur ein Raky zu haben, ohne den der türkische Offizier einfach nicht leben kann, oder ein Schälchen Kaffee. Auch kein Mensch vorhanden. Warum? Der Polizeichef (Tahir) ist ein so frommer Mann, daß er liihjá es-sunna als Lustbarkeiten mit stärksten Mitteln unterdrückt; auch wir, die wir uns in einem hübschen Garten niederließen einen Kaffee zu trinken, wurden alsbald durch einen Polizeisoldaten aufgefordert, das Feld zu räumen.

Dafür habe ich auf dem Markt etwas orientalisiert. Sogleich das kitáb el-isara ila mhásire etc. gekauft und zu dem ersten attár (Spezereihändler) am Platze gegangen, um mir sämtliche Drogen vorführen zu lassen. Habe dann 100 Stück gekauft in kleinen Proben, Namen und Gebrauch aufgeschrieben und in eine Blechkiste gepackt, die demnächst nach Bonn abgehen wird. Übrigens war nicht alles reine Volksmedizin; der Mann hatte seine Lubb el-Lubáb auf dem Ladentisch liegen, um sich Zweifelsfällen daraus Rat zu holen.

Nun ist die Sprachgrenze überschritten, wir fahren jetzt denselben Weg zurück, den wir damals gekommen sind. Inzwischen sind die Wege sehr verbessert worden, an der Eisenbahn wird emsig gearbeitet. Übrigens ist neulich der erste Zug von Damaskus über Llyd nach Jerusalem gefahren. Die Strecke bis Birsaba wird bei der kolossalen Energie Meissner Paschas wohl auch bald fertig werden.

Jslahijje war bis vor 60 Jahren ein Aufenthaltsort nomadisierender Kurden. Das wurde anders, als bei einem großen Aufstand Derwisch Pascha hergeschickt wurde und der Ort zu einem gazá gemacht wurde. Derwisch Pascha siedelte die Kurden an und hielt die nicht angesiedelten doch so in Gewalt, daß man aus ihnen rekrutieren konnte. In allerjüngster Zeit, etwa vor 15 Jahren, hat sich in dem Kummernest auch ein Regierungsgebäude, noch später eine Schule erhoben. Jetzt baut man ein beledijje Gebäude. Die Leute leben neuerdings von Ackerbau, während sie bis vor wenigen Jahrzehnten, der alten Gewohnheit treu, lediglich der Viehzucht Aufmerksamkeit schenkten. Jetzt ist auch ein kleiner Markt da, Eigentum des einzigen wohlhabenden Mannes Hadschi Muhammed, wohl auch eigentlich aus kurdischer Familie. Es ist derselbe, der uns damals so gastfrei aufnahm. Türken sind inzwischen auch eine ganze Menge zugewandert, doch bilden den wichtigsten Teil der Bevölkerung die Muhagerín, etwa 100 Familien vor 20 Jahren hergekommen (rúmelí) und etwa 50 Familien Bosnier, vor zwei Jahren hergekommen. Außerdem 30-40 Zigeuner, die sich mit Siebmachen und dgl. Beschäftigen, aber angeblich außer Arabisch und Türkisch keine Sprache verstehen. Um ein wenig à la Stuhlmann zu arbeiten, ließ ich mich in ein Gespräch mit einem Hufschmied ein. Leider hindert mich sehr meine gänzliche Unfähigkeit zu zeichnen; doch will ich’s hinschreiben, so schlecht es auch ist.

(Anmerkung in der Kopie: Hier folgen einige Seiten mit wissenschaftlichen Notizen, die in der Abschrift fortgelassen werden.)

Hasan Begli, 24.5.1915

Von Jutilli nach Hasan Begli. Von Jutilli eine halbe Stunde entfernt liegt Ziugirli. Ich habe es liegen sehen und habe lange gekämpft mit mir, um endlich doch nicht hinzureiten. In Jutilli arbeiten deutsche Ingenieure am Tunnel der Bahn.

Hasan Begli ist ein rein armenisches Dorf, etwa 1000 armenische Familien, 15 Muslime. Die Armenier in der Umgegend von Marasch müssen irgendwas ausgefressen haben, sie werden jetzt ausgetrieben und nach Aleppo geschickt. Uns begegneten ganze Karawanen verbannter armenischer Familien. Auch hier das wundervoll in Feigen- und Maulbeergärten gelegene Hasan Begli ist wie ausgestorben. Hier sollen die Armenier vor 3 Tagen 2 Polizisten erschossen haben. Wie dem auch sein mag, ob man, um innere Feinde zu bekämpfen, gerade bei den Armeniern anfangen muß, ist mir zweifelhaft. Die Kleinen hängt man auf … Der Haß gegen die Armenier ist groß. Wenn der türkische Bauernjunge gerade so alt wird, daß er was lernen und schaffen könnte, wird er Soldat, und bei dem ununterbrochenen Kriegszustand, in dem sich die Türkei befindet, können wir uns jetzt, wo wir Ähnliches bei uns erleben, wohl vorstellen, welche schweren wirtschaftlichen Folgen diese Dauerabwesenheit der arbeitsfähigen Mannschaft haben muß. Was Greise, Frauen und Kinder ersparen können, schicken sie dem Vater und Sohn ins Feld. Etwas besser ist es ja seit der Abschaffung der 8jährigen Dienstzeit Abdul Hamid’s geworden, doch der Übelstand ist immer noch groß, weil der Staat jedes Jahr Krieg führt, sei es gegen den Westen, gegen Jemen, gegen Kurden oder sonst etwas.

Der Armenier sitzt derweil zu Haus, kriegt viele Söhne, jeder macht einen Laden auf und wird dick und reich, während sein gleichaltriger türkischer Nachbar des Sultans Rock trägt. Eine üble Folge des alten Gesetzes. Doch beginnt man jetzt schon, Christen und Juden einzustellen, was im Offizierskorps schon länger der Fall war.

Hasan Begli ist ein Mühlendorf. Es sind an die 18 Mühlen da, aus der ganzen Umgegend läßt man hier mahlen. Die Einrichtung der Mühlen unterscheidet sich nicht von der beschriebenen. Oben Burg aus viereckigen Quader, wohl armenisch.

Vertriebene Armenier auf dem Tauruspaß, 1916
Vertriebene Armenier auf dem Tauruspaß, 191616
Armenische Frauen im Lager, 1916
Armenische Frauen im Lager, 1916

Ma múre, eine Station östlich von Osmanijje, 25.5.1915

Drei Stunden von Adana mit der Bahn. Hier besteigen wir wieder den Zug, um bis Gúlek Bogas zu fahren.

Scheußliche Nachricht von Italien; diese Schweine. Freilich letztlich wohl Schuld unserer vertroddelten Diplomatie. Wie war es möglich, die Stimmung in Italien so schlecht zu kennen, daß der Generalstab bis zum letzten Augenblick mit der Hilfe italienischer Truppen gerechnet hat!! Häßliche Bescheerung!

Eine Stunde nach Hasan Begli sieht man links im Tale eine mächtige Burgruine liegen, von den Eingeborenen teils qaipaq (?) qal’asi, teils sauranda qalasi genannt. Etwas weiter, etwa 25 km vor Osmanijje, kleines Türkendorf unten im Tale: qyzyldere. Etwa 30 Familien, Bauern. Kam an ein Haus, um mir etwas eiran (dünne Sauermilch) geben zu lassen. Natürlich kein männliches Wesen da, vor der Tür die Mutter sitzend, das Kleinste im Arm, noch ein paar hübsche kleine Dinger, das Haar in ein Dutzend Zöpfe geflochten und an einem Halsschmucke arbeitend. Auf einer Wiege eine Schaukel: qynqylyg. Dann kam die Nachbarin mit der Spindel in der Hand um zu sehen, was los wäre. Leider verstanden wir uns recht schlecht, weil mir ihr Bauerntürkisch natürlich ganz fremd war.

Das nächste zu passierende Dorf ist qanly gecit, – so – blutige Furt – genannt, weil der zur Regenzeit stark anschwellende Fluß in alter Zeit, als es noch keine Brücke gab, schon manchen ums Leben gebracht hat. Kleines Türkendorf, 30 Familien. Jetzt ist eine Gendarmeriestation dort und ein kleiner Miniaturmarkt, wo man Essen und Trinken haben kann. Rechts biegt dann der Weg nach Mamúreh (nichts als Eisenbahnstation zu sehen) von dem Weg nach Osmanijje ab.

26.5.1915

Von Mamúreh mit der Bahn nach Adana. Adana ist ein geradezu greulich schmutziges Nest, verrufen als einer der ungesundesten und fieberreichsten Orte in der Türkei. Das Palace

Hotel, in dem wir wohnen, könnte bei uns kaum als Kutscherkneipe passieren. Der guten Schwägerin zu Liebe werde ich, wenn irgend möglich, das American Mission Seminary und die treffliche Miss Wep aufsuchen, mich auch mal sonst erkundigen, was für ein Andenken Christiane hinterlassen hat.

Unter Hasan Begli habe ich vergessen zu bemerken, daß ich mir ein paar armenische Häuser angesehen habe. Sie sind 1 oder 2stöckig, mit Erde und Kies gedeckt, das Dach wird zuweilen mit einer kleinen, ungefähr 1 m langen, 35 cm dicken Steinwalze (juwarlak) festgewalzt. Unterstock: Stallung. Oberstock: Zimmer und Veranda. Eine Treppe führt aufs Dach. Lokus in besonderem Bretterbüdchen in der Nähe des Hauses. In Islahije befindet sich dieser öfters in einem lang abstehenden Arm der Veranda im zweiten Stock, von wo aus die Sache entweder offen herunterfällt oder durch eine senkrechte Bretterröhre in die Grube versenkt wird. Alles andere muß die Photographie erläutern. Grundrißversuch eines 2stöckigen armenischen Hauses in Hasan Begli (erbaut 1909). (Zeichnung vom Kopisten fortgelassen).

Eine vernünftige Beschreibung ist mir dank meines mangelnden Zeichentalentes unmöglich. Fast neben jedem Haus ein kleiner mit Zaun umhegter Platz von 2-3 m Durchmesser für die Ziegen. Irgendwelche vergleichende Beobachtungen mit türkischen Bauernhäusern zu machen, habe ich natürlich nicht entfernt die Zeit, habe Wichtigeres zu tun. All diese Dinge verschwinden ja als Lappalien und Spielereien hinter einem großen Ereignis.

Die Berge rings schön grün, aber leider kein Wald, sondern nur dorniges Eichengestrüpp

(saly), etc. etc.

Auf der Fahrt von Osmanijje nach Adana kommt man an Topsaq Chal vorbei.

Eregli, 30.5.1915

Wieder eine Station weiter. Leider habe ich trotz aller Bemühungen, die Zeit herauszuschlagen, doch nicht mehr Miss Wep und Genossinnen aufsuchen können. Hier ist zwar allerlei Interessantes, teils hettitisches, teils römisches zu sehen, doch habe ich keine Zeit. Ein hiesiger deutscher Ingenieur namens Kern, der dicht am Bahnhof wohnt, versicherte mir, daß die Quelle beim Tschife Han nicht wie bei Baedecker angegeben, 60°C, sondern 65°C heiß sei. In dem hübschen Bosanti haben wir uns Abends wieder den sebek-Tanz und Schwertertanz (kör o in) des 29. Regiments angesehen. Man versicherte mir, daß die Smyrnaer (das Regiment stammt daher) in der Heimat ein besseres Kostüm anlegten: bis zu den Knieen bloß, Dolch und Pistole an einem Leder um den Leib geschnallt etc. Dann tanzen 30 Kerls nach dem Takt türkischer Musik umher. Ich habe bloß 2 Leute gleichzeitig in dem von den Soldaten gebildeten großen Kreis gesehen. Die Arme sind erhoben und mit den Fingern knipsen sie den Takt dazu. Bei zwei Tänzern sind die Bewegungen oft korrespondierend.

Einer trat auf, der wohl eine Art Clown darstellen sollte. Er tappte in komischen plumpen Schritten umher und zog bei jedem seiner großen Schritte neue dumme Fratzen.

Der Schwertanz ist viel lebhafter. Die Kerle springen wild umher, die beiden Schwerter, in diesem Falle Seitengewehre, nach dem Takte der Musik bald über den Kopf, bald unter einem erhobenen Bein zusammenschlagend.

Stambul, Sonnabend darauf

Anbei meine Drogen, Verzeichnis folgt nach und ein paar Broschüren. Wir bleiben jetzt für einige Zeit in Makriköi dicht bei Konstantinopel. Sollte Tschudi irgendwelche Wünsche haben, die ich hier erfüllen könnte, so soll er nur schreiben, ich sitze hier dicht an der Quelle. Die Tücher, in Jerusalem erhandelt, bitte ich gelegentlich meiner Mutter zusenden zu wollen. Die Fahrt mit der anatolischen Bahn verlief ohne weiteren Zwischenfall, zu irgendwelchem Aussteigen war natürlich keine Zeit.

Mit vielen Grüßen Hellmut Ritter.

Adrianopel, 13.6.1915

Seit 5 Tagen hier. Wohnen in einem sehr schönen türkischen Haus in der Nähe der Sultan Selim Moschee, mit Springbrunnen und allem Komfort eingerichtet. Es gefällt mir sehr gut hier, wenn auch das Klima sehr viel heißer ist als in Makriköi.

General Trommer ist Stadtkommandant geworden. Der alte Kommandant, Faiq Pascha, wurde vorgestern an der Hand unserer Musik und einer Ehrenkompagnie abgeleitet. Er hatte sich durch Gerechtigkeit, eine hier nicht durchaus alltägliche Eigenschaft, die Liebe der Bevölkerung erworben, auch besonders gegenüber dem zwar energischen, aber gewalttätigen Wali.

Gestern Besuch bei dem sehr netten österreichischen Konsul, der in Ermangelung eines deutschen Konsuls auch unsere Geschäfte hier mit versieht. Auch er wohnt in einem sehr hübschen türkischen Haus mit großem Garten voller Zitronenbäume, ziemlich einsam – die Europäer wohnen meist in der Vorstadt am Bahnhof Kara Aatsch – mit seiner Frau und einem kleinen Mädel.

Gestern und vorgestern Ritte in die Umgebung, ein paar alte Forts – Karaóz, Aapia und Kyjyk Aapia – angesehen und mit den Offizieren taktischen Besprechungen beigewohnt, z. T. dabei als Dolmetscher tätig.

Ich möchte wohl gern, daß wir einmal längere Zeit hier an diesem Orte blieben.

15.6.1915

In diesen Tagen hat der deutsche Arzt Israel, den man eigens dazu aus Deutschland berufen hatte, dem Sultan mit einer glücklichen Operation zwei Blasensteine entfernt. Zum Dank dafür gab es für die Soldaten 3 Tage und 3 Nächte dienstfrei und Festessen, auch wurden zum Tode verurteile Soldaten begnadigt.

Gestern waren wir bei Turnspielen des 30. Regiments eingeladen. Auf dem schönen Grasplatz hatte man Laubdächer für uns Zuschauer aufgeschlagen. Es war sehr nett. Nach Gesang türkischer Lieder das schon früher beschriebene Zebeknien, dann Tauziehen, Sacklaufen, Schwerttanz und das sehr ulkige kör hebe: Blindekuh. Von zwei Leuten mit verbundenen Augen ist der eine mit einem langen Strick an einen Pfahl angebunden wie ein grasendes Pferd. Mit zwei Steinen in der Hand muß er dem anderen Blinden durch Aneinanderschlagen einen akustischen Hinweis auf seinen Standort geben, der sucht ihn dann mit dem bekannten Tuch im Knoten zu erhaschen. Zum Schluß Ringen à la turka. Die Ringer, nur mit einer kurzen Hose bekleidet und mit Öl klitschig gemacht, schleichen unter zurna und tawul (Flöte und Pauke) Musik sehr spaßig wie zwei Raubtiere umeinander herum, um sich plötzlich erbittert aufeinander zu stürzen, bis ihnen der Atem ausgeht und sie sich zu einem neuen Waffengang erholen. Die Kerle waren zum Teil sehr schöne Gestalten und kämpften mit großem Geschick, beide Male mit unentschiedenem Ausgang. Als Lohn für die Mühe wurde dem besten Ringerpaar je eine Uhr zuteil.

Den Abend und die folgende Nacht waren die Minaretts illuminiert. Ein dreifacher Kranz von Lichtern umkränzte die hohen Türme ein ganz eigenartig schöner Anblick; denn es war leilei berrat, die Nacht der Reception des Propheten. Auch innen sind die Moscheen beleuchtet. Ich war in der mit Recht berühmten Sultan Selim Moschee und habe gestaunt über die Schönheit sowohl des Baues, wie auch des Lichterschmuckes.

Heute ist etwas ganz unerhört Schreckliches passiert: mit der beste Offizier der (deutschen) Militär-Mission ist von seinem Revolver, den er beim plötzlichen Einstieg in den Zug eilig in den Koffer warf in den Kopf getroffen und getötet worden. Entsetzlich, ganz entsetzlich! Der Offizier war 7-8 Jahre Militärattaché in Sofia und Bukarest gewesen, ein Mann von ganz ungewöhnlicher Tüchtigkeit und von großem Einfluß, eine ganz unersetzliche Kraft hier in diesem Lande. Gott weiß, warum der so sterben mußte! (Militärattaché von Leipzig.)

 

244. Hellmut Ritter an C. H. B. Mekriköi bei Stambul, 12.6.1915

(handschriftlich)

Sehr verehrter Herr Professor!

Ich habe schon seit langem nichts mehr aus Deutschland gehört, hauptsächlich wohl deshalb, weil unsere Post versehentlich wieder nach Jerusalem gewandert ist und nun wohl einige Zeit brauchen wird, um wieder heraufzukommen. Ich habe immerhin heute zu meiner großen Freude das von Ihnen geschickte photographische Papier erhalten. Haben Sie vielen Dank dafür. Ich schicke Ihnen wieder allerlei zu. Gekaufte Photographien von Palästina, Lichtbilder17, Zeitungen (darunter die mir scheint’s interessanteste Zeitschrift des Schickulislamrats (arab. Wort), ein paar Broschüren, türkische Grammatiken auf arabisch, diverse Films, eine Liste der in Damaskus gekauften Drogen etc. Vor kurzem ging ein Paket mit Drogen, Tagebuchblättern und seidenen Tüchern ab. In Damaskus wäre auch für meine Arbeit wohl noch viel zu machen gewesen, aber soviel Zeit hat der Dienst nicht abgeworfen. Auch unterwegs habe ich nicht viel mehr erfragen können.

Hier sitze ich in einem entzückenden Strandhaus am Meer. Gerade vor meinem Fenster sieht man die Masten des gesunkenen alten türkischen Bootes Pebegi Doria aus den Fluten ragen. Beinahe mehr Sommerfrische wie Krieg. Doch ist ziemlich unbestimmt, wie lange wir hier bleiben werden. Vielleicht sollen wir einige müde Truppen an den Dardanellen ablösen, vielleicht auch nicht. Die Stimmung ist hier sehr gut. Die türkischen Soldaten schlagen sich nach allgemeinem Urteil vorzüglich. Selbst F.F. Schmidt ist voller Hoffnung. Natürlich geschieht auch hier viel Törichtes, Schmidt weiß da besonders Bescheid, doch hat das nicht viel zu sagen. Munition liefern wir aus eigenen Fabriken, Proviant ist in Mengen da. Allgemeine Opferfreudigkeit. Wohl 10 mal am Tage hält einem ein Knabe oder Mädchen von der mudáfe’ij millije (Nationalverteidigung) eine Sammelbüchse vor, die stets schnell gefüllt ist.

Leider habe ich von meinen beiden Brüdern sehr lange nichts mehr gehört. Gott gebe, daß es ihnen gut geht! Ich schicke ihnen zuweilen von hier aus Zigaretten zu, um ihnen das Dasein zu erleichtern. Ich selbst bedarf ja hier keinerlei Liebesgaben mehr. Mein guter Bruder Gerhardt der Kommißige am Kommiß ist ihm so sauer geworden! Ach, könnte ich die beiden doch einmal schnell besuchen! Aber der Bosporus ist weit weg von da oben …

Wie geht es Ihnen und den Ihrigen?

Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr Ihnen getreuer Hellmut Ritter

Bei Oberstleutnant Schwabe.

 

245. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter (Nr. 7) Kara Burnu, 3.8.1915

(Maschinenkopie)

Vor drei Tagen in Konstantinopel gewesen, um ein paar Aufträge zu besorgen. Man kommt ganz schnell hin: Über Bojalyk, Boshane, Armantköi nach Beikos am Bosporus, von da mit dem Dampfer der sirketi hairíje nach Stambul. Beikos und Arnantköi sind durch eine glänzende Chaussee verbunden. Von da führt ein fahrbarer Weg, der zum Teil erst jetzt von Soldaten hergestellt wird. Jetzt sind nach allen Seiten brauchbare Verbindungen geschaffen. Freilich geht es gefährlich bergauf bergab, die armen Pferde, die zudem noch von Millionen Fliegen halbtot gestochen werden, haben schwere Arbeit zu leisten. Die Landschaft selbst ist sehr schön, alle Berge mit grünen Wäldern bedeckt. Freilich stellt sich bei näherer Besichtigung heraus, daß der so verlockende Wald nur aus halbwüchsigem, ungepflegtem Gestrüpp

besteht, das nur selten einem schönen schattigen Baumplatz, wo man sitzen und sich an der Natur laben kann, Raum gibt. Die Dörfer selbst liegen wunderschön. Arnautköi, wie der Name sagt, ursprünglich von Albanern bewohnt, die aber nach dem griechischen Krieg Griechen Platz machen mußten, liegt wunderschön auf einem Berghange, ist aber gänzlich verödet, da die Griechen natürlich vertrieben sind dank der bekannten panislamischen Politik, die jetzt getrieben wird. Nur ein paar Mohadjirs sind anzutreffen, die aus den verschiedensten Gegenden herkommen, sie haben von der Regierung aber auch keine Ackerflur angewiesen bekommen. Boshane, 50 Familien, dicht bei Urmudje (30 Familien) und Göllik’i sind rein türkisch. In Boshane und Gölliköi gibt’s übrigens sehr schöne Melonen. Im übrigen lebt die Bevölkerung von Holzkohlenbrennerei.

In dem Dorfkaffee, wo ich den Pferden etwas Rast gönnte, wurde ich wie üblich, mit allen Ehrenbezeugungen empfangen. Alles wartete auf gute Nachricht, die ich ihnen zu ihrer Freude auch bringen konnte. Ein Transportdampfer ist ja in diesen Tagen von uns versenkt worden. Meinen Tesfir i Efkiar mußte ich einem Bauern schenken in Gölliköi, der samt seinen Frauen sehr glücklich darüber war.

Mit den Ortsnamen ist es hier ganz sonderbar. Die ersten deutschen Kartographen, auf deren Arbeit die türkische Generalstabskarte beruht, haben sich offenbar oft verhört; aber die nun einmal in den Karten stehenden Namen erben sich im offiziellen Verkehr wie eine ewige Krankheit fort, werden vom Militär usw. gebraucht, bis schließlich die Einwohner selbst sich an den anderen Namen gewöhnen.

Boshane heißt im Ort selbst Bosháli (weil es früher sehr leer da gewesen sein). Urumdje heißt Örúndje (Eski zemande umhárebe iken di smen Örundje gibi qacmis). Ebenso Riwa am Schwarzen Meer eigentlich Jrwa.

Heute zwei russische Torpedos gesehen!

5.8.1915

Aufbruch über Skutari, Mittagsrast in Ermeniká. Soll jetzt, nachdem kein halber Armenier mehr da ist, in Abiudar umgetauft werden. Von den Armeniern wird nicht mehr viel übrig bleiben, welche wirtschaftlich kurzsichtige Politik! Die Arbeitslöhne für den ungelernten Arbeiter betragen jetzt 17 P.S. pro Tag. Was soll das nach dem Krieg werden! Die wirtschaftlichen Aussichten sind auch sonst trübe genug. Ein deutscher Unternehmer war im Taurus, ob man an den Wasserfällen eine Spinnerei machen könnte. Er kam enttäuscht zurück: Wasserkraft genug, aber keine Menschen.

In demselben Ort einen Waldhüter Schálím gesprochen über die Einteilung und Verwaltung der großen Waldungen zwischen Bosporus und Schwarzem Meer, war aber so töricht, nichts davon aufzuschreiben. Am Abend kamen wir nach Ömerli, Bauern- und Kohlenbrennerdorf, am andern Tag nach Bojalyk. In Boyalyk stehen nur ein paar verfallene Hütten, der Rest des früheren Tschiftliks. Nach einigen Tagen beschloß man die Übersiedlung nach der Rettungsstation Kara Burnu, wo wir gestern eintrafen (28. Juli türkisch). Diese Rettungsstation ist nach Angabe ihres jetzigen Wächters, Hafus Onbaschi, vor 35 Jahren aus den Geldern von 8 Mächten errichtet wurden. Als Lehrer und Instrukteur

Hat ein vor zwei Jahren gestorbener Engländer hier gewirkt. Ebenso ist die Verwaltung der Bezahlung der Besatzung bisher dem englischen Konsul in Stambul übertragen gewesen. Als der Krieg ausbrach, hörte die Besoldung auf, bis Enver nach einem Besuch hier die Sache wieder regelte. Die Leute werden bezahlt aus dem Bojengeld im Stambuler Hafen. Daß bei den Engländern nicht rein humane Motive wirksam waren, scheint sehr wahrscheinlich. Von hier aus kann man die ganze Küste von Gelara Burnu bis Schile übersehen. Schile scheint mir eine ganz interessante Stadt zu sein, hoffentlich findet sich mal Gelegenheit, sie näher zu betrachten.

Hier an der Küste fahren die verschiedensten Schiffe vorbei, gestern z. B. die Hamidijje, manchmal auch feindliche U-Boote. Zuweilen wird die Küste bombardiert. Neulich erging es so einer der internationalen Rettungsstationen. Sofort gab es einen Protest durch Amerika! Die Rettungshäuser seien internationales Gut, nicht türkisches. Der Russe antwortete prompt, sie hätten gar nicht auf die Rettungsstation geschossen, sondern nur auf türkische Soldaten, die darauf gewesen wären.

 

246. Hellmut Ritter. Marsch des Divisionsstabes (im Juli 1915). Übersicht seit Jerusalem

(Maschinenkopie)

Mai 10. ( n.St.) Abmarschbefehl eingetroffen.
13. Nabulus
16. Nabulus – Damaskus
17. Ankunft Damaskus morgens 10 h
19. Damaskus-Rajak
20. Rajak – Aleppo

21. Ankunft Aleppo morgens, nachmittags 4 h ab nach Radju
22. 1 h Ankunft Radju. Marsch nach Tahta Kopru im Amanus
23. Tahta Kopru – Jslahijje
24. Jslahijje – Hasan Begli
25. Hasan Begli – Ma’mure
26. Mit der Eisenbahn Ma’mure – Gülek
28. Marsch Gülek – Mezaroluk im Taurus
29. Mezaroluk – Bosenti
Juni 01. Bosenti – Eregli (Eisenbahn)
03. Eregli – Konia
04. Konia – Eskischehir. Abfahrt nach Handa Pascha
05. Ankunft in Handa Pascha
06. Ankunft Makrikör
19. Abfahrt nach Adrianopel
20. Ankunft in Adrianopel
Juli 10. Abmarsch nach Uzun Kopru
11. Ankunft in Uzun Kopru
12. Uzun Kopru – Karabunar
13. Karabunar –Jerli Su
15. Abmarsch
16. Eksamil
17. Am Meer vor Gallipoli
18. Bazarli – Jalova
19 Jalova Umkehr
20. Bei Gallipoli
21. vor Examil genächtigt, Mittagsrast in Kawakkör
22. Mittagsrast in (?), Nacht in Kawadjyk)
23. Fahrt über Uzunkopru (dort Eisenbahn bestiegen) nach Stambul.

 

247. Tagebuch Hellmut Ritters Keschan, 14.7.1915

(Maschinenkopie)

Auf dem Marsche von Adrianopel nach Sidd ül Bahr. Erste Station war Uzunkopru. Die lange Brücke führt über das Ergene auju, im Sommer ein kleiner Bach, im Winter aber füllt er das ganze, sehr breite Tal an, durch das er fließt. Auf Pfählen im Wasser stehen Mühlen. Unten im Wasser tauchen die unterschlächtig getriebenen Mühlräder mit horizontaler Axe, darüber die Mühlsteine. Auch hier hat jeder Stein ein besonderes Rad, sodaß man unten sechs Mühlräder nebeneinander sieht.

Wenn man von der Station über die Brücke geht, ist gleich linkt eine Inschrift, die ich nicht gelesen habe; die eigentliche Bauinschrift befindet sich im Eingang des Ortes jenseits der Brücke links am Weg an einer Quelle. (Einige Zeilen in türkischer Schrift).

Eine türkische kleine Inschrift an der Seite besagt, daß die Brücke 164 „Augen“ habe. Vor einigen Jahren ist ein Teil der Brücke repariert; eine Inschrift dazu ist am Stadtende der Brücke.

Der genannte Brunnen steht an der Ecke eines kleinen, zur Polizei gehörenden Gartens. Darin ist eine türbe des Baumeisters der Brücke: Bali baba. In das kleine, ziemlich neue Häuschen ist eine verkehrte Grabinschrift eingemauert, die den Tod einer „Amina bint Qaja Bali elanqa“ 1017 meldet.

Qara. Nächste Station.

Bunar, Griechendorf, ebenso wenig los, wie in dem nächsten Pasch jejit. Dort wie auch hier Massen von Windmühlen, alle einsternig, immer i n ganzen Mengen zu 8-9 nebeneinander.

Dann Keschan, Kaimmakanlyk. Sehr hoch gelegen, viel zerstörte Häuser vom Franktireurkrieg mit den Armeniern und den Griechen im Balkankrieg. Die Dörfer, die ich gesehen habe, sind alle griechisch. Nur Frauen da, die Männer fort, verbannt und geflohen. Jetzt hat man eine Frist von etwa 25 Tagen gewährt; wer innerhalb derselben zurückkommt, hat Amnestie, muß aber Straßenbauen helfen, bis der Krieg vorbei ist.

Kawakköi, 21.7.1915

Um diese Überschrift zu rechtfertigen, muß ich vorausnehmen, daß wir einen Tagesmarsch vor Erreichung des Zieles Sidd ül Bahr plötzlich wieder den Wanderstab ergreifen mußten, um – nach Stambul zurückzukehren; diesmal freilich nicht die 10. Division, sondern nur der Oberstleutnant, Schwindt, Raschad und ich. Schon in Adrianopel hatte der Oberstleutnant um Ablösung gebeten, da mit dem wunderlichen Korpskommandeur, Generalmajor Trommer, kein rechtes Verhältnis zu erreichen war. Als wir in Jalova (zwei Tagesmärsche südwestlich von Gallipoli) anlangten, kam die Nachricht, daß der Oberstleutnant zur I. Armee versetzt sei. So gehen wir denn denselben Weg zurück, den wir gekommen sind.

Um doch wenigstens etwas von der Front zu sehen, sind wir aber doch noch nach Ari Burnu geritten und haben uns die dortigen Stellungen angesehen. Durch ein ganzes Dorf von wunderschön angelegten Unterständen, Laufgräben, Erdhäusern, die, gedielt und mit allem möglichen Komfort versehen, einen sehr wohnlichen Eindruck machen, gelangte man zum Scheren-fernrohr, von dem aus wir mit Erlaubnis des Gruppenkommandeurs, Generalleutnant As ad Pascha, die ganze Sache bequem übersehen konnten:

Dicht am Ufer ein englisches Lazarettschiff, etwas ferner Kriegsschiffe verschiedener Art. Der Feind hält eine Stellung von etwa 3-4 km Länge in einer Entfernung vom Ufer von etwa 1 km besetzt.18 Hart dagegen die Türken. Es ist ein richtiger Stellungskampf geworden. Die Gräben liegen zum Teil nur fünf Meter auseinander. Alle beherrschenden Hügel sind in türkischer Hand. Leider mangelt es an Munition und schwerem Geschütz; es wird leider mehr verschossen, als hier hergestellt werden kann. Balkanpolitik!! Wenn nur ein deutsches Fußartille-rieregiment da wäre, würde die Sache in wenigen Stunden erledigt sein. So das allgemeine Urteil. Eine Haubitze ist da, doch hat sie keine Munition. Haltung der Truppen etc, Lage der Stellung usw. musterhaft, doch sind mehrere türkische Forcierungsversuche aus den oben erwähnten Gründen blutig gescheitert. Freilich ist von irgendwelchem Vordringen des Feindes keine Rede. Auch auf der Südgruppe bei Sidd ül Bah sollen sich die Engländer durchaus in der Defensive befinden.

Die Halbinsel ist stellenweise mit Kiefern bewaldet. Die Dörfer sind schon vom Balkankrieg her ziemlich zerstört, doch ab und zu tragen auch noch die Engländer zur Verschönerung der Gegend durch eifriges Kanonenschießen bei. Vorigen Freitag haben sie in Eksamil einiges in Brand geschossen. Nur noch ein paar türkische Bauern findet man in den wüsten Dörfern, zumeist damit beschäftigt, mit dem Schlitten Getreide zu dreschen.

Noch am Abend zogen wir weiter am Golf vorbei das Gebirge hinauf. Oben Nachtrast auf einem sehr hübschen Platze an der gänzlich zerstörten griechischen Kirche, deren Inneres, mit zahlreichen Bildern geschmückt, einmal einen sehr bunten Anblick gewährt haben muß. Nachmittags weiter bis Keschan. Dort noch am Abend Pferd beschlagen und in der Militärreparaturwerkstatt unsere leider sehr brüchigen Wagen notdürftig flicken lassen, auch auf dem Markt Eßwaren eingekauft. Morgens (23.7.) weiter nach Qarabunar und abends nach

Qawadjy, griechisches kleines Dorf mit schönem, von vierköpfiger Familie bewohntes Storchennest, im Hintergrund ein cumulusförmiger Hügel, mit griechischen Grabsteinen bedeckt. Die vom Stab mitgenommenen Leute kriegen heute Abend Abschiedsessen und, so uns die drei bisher noch nicht zerbrochenen Wagen erhalten bleiben, werden wir morgen in Uzunköprü einsteigen.

Am Morgen nach Uzunköprü, Verladung, andern Tages früh Ankunft in Stambul

Stambul, 27.7.1915

Wir sollen also in die Gegend des Schwarzen Meeres, Genaueres weiß ich nicht. Ein paar Tage bleiben wir hier. Leider noch immer keine Post, bloß ein W(ochen?)blatt. Von Professor Becker solange keine Nachricht, daß ich die Tagebuchblätter lieber nach Hause schicke.

Dieser Tage wütet ein zweiter fürchterlicher Großbrand, der Tausende von Familien obdachlos macht. Alle innen liegenden Straßen sind mit gerettetem Hausgerät angefüllt. So große Brände habe ich sonst nur in Belgien gesehen: Ihr habt sicher so etwas niemals gesehen, ca. 15 000 Leute sind obdachlos. Doch macht das Ereignis hier kaum irgendwelchen Eindruck. Ich habe keine einzige Träne gesehen; man ist an diese häufigen Brände so gewöhnt.

Hier ist Ramanzan19. Es ist aber rein gar nichts los. Der Krieg und der(sic!) Kino hat die früheren interessanten Volksbelustigungen in den Ramasannächten gänzlich verdrängt.

1.8.1915

Gestern in türkischen Theatern gewesen. „Leblebigi Chordor Agha“, ein älteres nationales Stück, das erste Theaterstück, was in der Türkei gespielt worden sein soll: Ein Pascha liebt ein Mädchen. Der Vater, Früchtehändler, will sie ihm nicht geben, weil er sie einem Dörfler zugesagt hat: Ein Anatolier bricht sein Wort nicht. Das ganze Stück dreht sich um die Erlangung der väterlichen Zustimmung, die natürlich zum Schluß gewährt wird. Spiel gut, besonders die Titelrolle, das unbewegliche Bauerngesicht mit wenig Geste.

Heute Abend Ramasan in Aja Sofia angesehen.

3.8.1915

Heute wieder im Theater: Dejirmendji Ali Baba. Diese von Benlian geleitete Schauspielertruppe leistet doch ganz Nettes, vor allem spielt Benlian selbst recht gut. Die Sache beginnt mir doch interessant zu werden, denn es läßt sich eine Menge Volkskunst daraus lernen. Ganz abgesehen von dem Inhalt des Stückes sind die alten Nationalkostüme, die öfters eingelegten Nationaltänze und Volkslieder interessant, die ganz nach türkischen Weisen getanzt und gesungen werden. Doch auch sonst kann man ein gutes Stück orientalischen Lebens dort im Abbild sehen. Die steifen und auf den Stelzen des Jgrab spazierenden Sachen in Damaskus bieten in dieser Beziehung ja nichts:

Der Müller hat eine schlimme Frau und eine hübsche Tochter, die einen Bey in der Stadt liebt.

Soweit die Exposition.

  1. Szene: Nach einem Tanzspiel der Müllerburschen mit allerhand Mädchen am Feierabend, das aber von dem Müller bald auseinandergejagt wird, zeigt der Müller seiner Frau ein Bündel schöner Anzüge, die er für seinen Schwiegersohn, einen Dörfler, dem er eben die Tochter zugesagt hat, gekauft hat. Die Mutter, die zur Tochter hält, macht darauf eine große Szene: sie wolle ihr Kind keinem Bauern geben etc. Sehr niedliche Zankszene, bei der sie ihn zuletzt verprügelt, den herbeieilenden Leuten aber einzureden weiß, daß er sie verprügelt habe, sodaß er gar noch ihr die Hand küssen muß. Während die Eltern reden, nimmt die Tochter, die das Gespräch belauscht hat, heimlich die Anzüge weg. Als man sie nachher nicht findet, schreit die Mutter, der Teufel habe sie geholt, bindet einen Knoten in das leer daliegende Tuch, „um des Bösen Auge zu binden“, und die beiden Alten schwenken das Tuch unter allerhand Sprüchen hin und her, bis plötzlich der wahre Satan erkannt wird.
  2. Szene: Der städtische Freier macht seinen Besuch bei den Alten, während dessen die Tochter ihm heimlich Kußhände zuwirft, die er durch andauernde Grüße dem darüber sehr verwunderten Alten gegenüber erwidert. Auch sein ganzer Redeschwall ist so gedreht, daß der Müller zur Not eine Geschichte mit einem Mehrsack (?) heraushören kann, in Wirklichkeit redet er mit dem Mädchen. Endlich kommt der Alte dahinter, wird wütend, und als der Bey nun gar noch mit seiner Werbung herausrückt, wirft er ihn hinaus. Kaum ist er weg, da kommen Mutter und Tochter und machen ihm eine große Szene, sie würde ins Wasser gehen etc.
  3. Szene: Im Lager des Sebeks. Wer die Sebeks sind, wird wahrscheinlich jeder Türkologe wissen; ich wußte es nicht und mußte folgendes aus meinem Rittmeister herauspressen: Die Sebeks – der Name der Häuptlinge und Führer ist Efeh – sind eine Räuberbande, die in den Bergen des Wilajets Aidyn bis vor nicht allzu ferner Zeit ihr Wesen trieben. Sie tragen eine besondere Tracht: Hohe rote Mütze mit Turban umwunden, die kurze türkische Jacke, einen breiten Gürtel aus Leder, in dem ein Schwert steckt, ganz kurze Hosen, bloße Kniee und Wadenstrümpfe. Von ihnen stammt das Sebek oinú, das heute noch getanzt wird. Ich habe es ja mehrfach von unseren Smyrnaer Soldaten gesehen und schon öfters erwähnt. Ein besonders berühmter Räuberhauptmann vor 2-3 Jahren hieß Tschakydschy (Messerheld). Mehr war vorläufig aus meinem Rittmeister nicht herauszubringen. – In das Lager dieser Leute also, wo übrigens der bewußte Tanz sehr schön gezeigt wurde, begibt sich der Effendi, um Hilfe in seiner Angelegenheit zu suchen, die ihm auch versprochen wird. Eins ihrer Weiber geht als fáldjy zum Alten und weissagt ihm, daß er selbst seine Tochter einem Städter in die Hand geben werde und gibt ihm dann unter irgendeinem Vorwand, den ich nicht verstanden habe, Haschisch zu rauchen. Die Wirkung wurde wundervoll gespielt, wie der Mann mit dem Taschentuch einen halben Meter vor seinem Gesicht sich die Nase putzen will etc.- Halt! Vorher der Besuch des Muhtar bei Alten, auch sehr schön gespielt mit allem dazu gehörigen Bauernzeremoniell, dessen Zweck die Botschaft von dem Bauernbräutigam ist, daß er auf das Mädchen verzichte, da ihr Verhältnis zu einem gewissen Städter auf allen Gassen bekannt sei. Der ehrenhafte Alte bricht zusammen und weiß sich nicht zu helfen. In diesem sehr passenden Moment kommt die Wahrsagerin, wie beschrieben. Während der Alte im Rausche schläft, rücken Mutter und Tochter aus, die Räuberbande umstellt ihn und beginnt – wie sie dazu kommt, ist mir entgangen – ihm zu erzählen, wie luderhaft seine Tochter lebe und daß kein Mensch mehr sie ihm abnehmen werde. Wenn er einen Rat annehmen wolle, so solle er schnell aus ihrer Reihe einen Freier aussuchen. Der Alte sagt in seiner Verzweiflung zu allem ja und gerät natürlich gerade an den Städter, der sich als Sebek verkleidet hat. Nach geschehener Tat erkennt er ihn entsetzt, weiß sich aber dann in sein geweissagtes Schicksal zu fügen, fordert zum Schluß die Räuber auf, ihm noch einen schönen Tanz zu zeigen, damit er alles vergesse. (Dieser Übergang à la Molière?)

Natürlich ist für den Orientalisten das Interessante nicht so sehr die Handlung selbst, als die Form, in der sie vor sich geht, die eben so viel Lehrreiches enthält. Leider kann ich nur notdürftig dem Türkisch folgen. Vielleicht kommt einmal die Zeit, in der man das Meiste versteht.

 

248. Hellmut Ritter an C. H. B. Stambul, 28.7.1915

(handschriftlich)

Hochverehrter Herr Professor,

Sie wissen wohl bereits, daß wir von Jerusalem nach Makriköi, von dort nach Adrianopel, von dort nach Sidd ul bahr, von dort nach Konstantinopel gewandert sind, um demnächst uns an das Schwarze Meer zu begeben. Durch dieses dauernde Reisen sind natürlich alle Briefe sehr versetzt in meine Hände gelangt. Erst heute erhielt ich Ihren Brief vom 12. Mai! Ihr Telegramm habe ich schon früher bekommen.

Das Feld zum Lernen ist für mich hier nicht sehr weit. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr läßt mich über den engen Kreis meiner militärischen Umwelt nur selten hinaussehen.. Da ich außerdem durchaus zu den „Kleinen in Juda“ dahier gehöre, ist es mir sogar meist versagt, an Gesprächen der Großen teilzunehmen, die mich sehr belehren könnten. Sie werden aus meinen Tagebuchblättern selbst entnehmen, worauf sich meine Beobachtung zumeist beschränken muß.

Über die militärische Situation berichten meine letzten Tagebuchblätter, die Ihnen meine Eltern gewiß zusenden werden. Wenn nur das A.A. etwas weniger „Missionen“ schickte und dafür bessere Balkanpolitik machte, damit wir Munition durchkriegen! Denn was nützt alle Tapferkeit allein!!

Vorgestern traf ich hier Lepsius, der auch glücklich eine geheime Mission erreicht hat.

Sie schreiben, daß man die Türkei selbst gegen deutsches Kapital schützen wolle, wenn man nur nicht zu rücksichtsvoll ist!. Nach dem momentanen Stand meines Unterrichtsseins muß ich sagen, daß man sich in jedem Fall hüten muß eine Schlange großzuziehen. Ich fürchte überhaupt, auch mit Beziehung auf anderes als die Türken, daß wir alles, was wir nicht mit eiserner Faust festhalten, militärisch festhalten, unserer Hand gar bald entschlüpfen wird, ohne daß wir einen annehmbaren Preis dafür bekommen.

Daß man jetzt schon öffentlich von einer Freigebung Belgiens spricht, wird unseren Feinden den Rücken stärken. Ich bin außer mir darüber. Schon jetzt gibt man unser bestes Druckmittel aus der Hand!

Ehe nicht England gänzlich drunten liegt, und da zu bewerkstelligen wird vielleicht doch einem zweiten punischen Krieg vorbehalten sein – ist es ein unverantwortlicher Leichtsinn, Belgien freizugeben. Wenn dieser Krieg zu Ende ist, ist der Krieg noch nicht zu Ende. Von einem zentralafrikanischen Reich zu träumen, ist vielleicht in 30 Jahren Zeit. Für schöne Friedenspläne ist nach Beendigung dieses Krieges m.E. noch nicht die Zeit gekommen. Dann sind wir noch lange nicht soweit.

Doch lasse ich lieber diese Dinge und zurück zur Türkei.

Je tiefer man hineinsieht in die Verhältnisse dieses Landes, desto klarer wird es einem, daß man die Fähigkeit der Türken zu eigener selbständiger Vorwärtsentwicklung nicht tief genug einschätzen kann. Hoffentlich richtet Jäckh nicht zuviel Unheil an! Ein Bündnis mit der Türkei! Die ist überhaupt nicht bündnisfähig für uns. Das Verhältnis eines zivilisierten Volkes zu einem halb- oder drittelzivilisierten Volkes kann niemals ein „Bündnis“ sein. Nichts schlimmer und gar (unleserlich) verkehrter als die Türken gewissermaßen als ebenbürtig zu behandeln. Nur dann kann aus der Türkei was werden, wenn man bei ihr fortwährend Empfindun-gen wachruft: Du bist ein dummer Junge. Die Leute sind so entsetzlich schnell mit sich zufrieden.

Es sind hier also wieder die schönsten Armenier massacres gewesen. Eine armenische Verschwörung, über das ganze Reich verbreitet, ist entdeckt worden. Im Irak haben die Kerls türkische Kolonnen beschossen. Die Strafe fing an mit Aufhängen der Rädelsführer und „Umsiedelung“ der Familien, d. h. sie wurden von Haus und Hof gejagt und ihre Habe „auf ihre Rechnung“ versteigert. Dann überließ man den kurdischen Stämmen die Nachbehandlung, die unter Zulassung der Behörden dieses in einer reichlich gründlichen Weise besorgten, Tausende von Frauen und Kindern zusammengebunden in den Euphrat warfen und keine Maus am Leben ließen (Photographien sind da). Ein paar deutsche Schwestern baten sich vom Mutesavuf wenigstens die Kinder aus. Das wurde sofort gewährt, aber nach wenigen Tagen waren die Kinder plötzlich verschwunden, die Damen reisten entsetzt nach Konstantinopel und waren nur schwer zu bewegen, keine großen Szenen zu machen. Natürlich werden diese Gewalttaten unserer „Verbündeten“ einst uns zur Last gelegt werden. Kompromittieren wir uns nicht mit solchen Dingen!

Quelle für die Geschichte Schmidt und ein Dr. Hoffmann. Letzterer hat die Photographien gesehen die ein Bekannter von ihm gemacht hat.

Meine Dissertationsfrage ist freilich sehr betrüblich. Mit wäre es freilich sehr lieb, den Dr.titel mit gutem Gewissen recht bald tragen zu können. Als „Herr Ritter“ bin ich nichts, als Dr. Ritter ein wenig. Aber freilich ist durchaus maßgebend, ob Sie, sehr verehrter Herr Professor, die Sache ohne allzugroßen Zeit- und Arbeitsaufwand einrichten könnten. In jedem Falle bin ich Ihnen aufs höchste und herzlichste dankbar für alle Sorge und Mühe, die Sie mit dieser Sache haben und schon gehabt haben.

Anbei wieder ein paar Photographien. Sie werden immer häßlicher, weil die Films alt geworden sind.

Mit der Bitte um herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin und die Kinder bin ich Ihr Ihnen dankbar ergebener Hellmut Ritter.

 

249. Hellmut Ritter an C. H. B. Pera, 30.7.1915

(handschriftlich)

Sehr verehrter, lieber Herr Professor,

Heute erhielt ich Ihren Brief vom 17. Juni, nicht aber den darin erwähnten langen vom 16. Juni. Eben erhielt ich Ihre mudabara mit Snouck, die ich mit größtem Interesse gelesen habe. Sie nehmen ihn wundervoll psychologisch, so kann und muß man ihn ja wohl verstehen. Die Motive, die hier unsere Truppen treiben sind durchaus Nationalgefühl und Vaterlandsliebe, freilich spricht beim „gemeinen Mann“ eine religiöse Strömung mit, die z.T. (am Kanal zur Zeit) durch aufrührende Bataillonsmesse während der Schlacht sehr günstig verstärkt werden kann. Wir haben ein recht schönes Beispiel davon.

In einer der übersandten türkischen Broschüren wird als Beispiel einer islamunterdrückenden Großmacht auch Holland genannt. Einige Zeit später las ich in einer türkischen Zeitung eine Erklärung, daß dieser Passus als ein Versehen zu betrachten sei. Leider habe ich die Nummer nicht aufgehoben.

Daß die Gründung von Munitionsfabriken verfehlt sei, ist mir nicht bekannt. Ich wüßte nicht, was wir ohne die von ihnen hergestellte nach dem Urteil unserer Offiziere einwandfreie Munition machen sollten. Leider ist wahr, daß sie den Bedarf (infolge des Mangels an Maschinenmaterial glaube ich) nicht gänzlich decken können. Wenn also unser A.A. weiter solche Niederlagen in Rumänien erleidet, kann man ein Rechenexempel machen… Erkennt man denn die Wichtigkeit der Dardanellenhaltung nicht d oben? Die dürftigen Missionen und Missiönchen, die dauernd geschickt werden, können die sträfliche Nachlässigkeit unseres Bukarester Vertreters nicht wett machen. Hier wird, weiß Gott, genug gearbeitet.

Übrigens will ich noch einmal umhören wegen der Munitionsfabriken, ob irgend etwas los ist, ich weiß einstweilen von nichts.

Unsere Postverbindung wird sich verschlechtern, in Schile am Schwarzen Meer ist man ziemlich aller Kultur entrückt.

In den nächsten Tagen gehen wir fort, ich muß also den Bücherankauf einstweilen anstehen lassen. Für das Türkische hätte ich gern eine etwas nähere Bestimmung. Außer Evlija alte Historiker, alte Dichter, oder jüngere politisch-historische Sachen und belletristische „Moderne“? Sobald ich Zeit habe, will ich mir mal was zusammenstellen. Einige grundlegende ältere Sachen könnte eigentlich Tschudi nennen, denn da fürchte ich mich etwas vor Mißgriffen.

Daß ich den Kreditbrief erhalten habe, glaubte ich Ihnen schon geschrieben zu haben. Bis jetzt habe ich keinen Gebrauch davon zu machen brauchen, es kann aber jederzeit der Augenblick eintreten, daß mich das nach Haus geschickte ersparte Geld reut und ich auf diesem Wege es wieder zurückhole.

Über die Armeniermetzeleien berichten Tagebuchblätter, die ich vor Kurzem nach Haus geschickt habe, und die man Ihnen von dort zusenden wird. Haben Sie meinen aftár Laden inzwischen erhalten? Mit besten Grüßen Ihr Ihnen stets ergebener Ritter

 

250. Hellmut Ritter an C. H. B. Konstantinopel, 1.8.1915

Hotel Tokatlian

(handschriftlich)

Lieber Herr Professor,

der eine Tag in Konstantinopel, um Einkäufe zu machen und dann nach Kara Burnu, über Beikos und die schönen Wälder bei Arkanköi, zurückzufahren. Habe heute Evlija für Ihr Seminar für ein Pfund türkisch gekauft und abgesandt.

Habe mich außerdem von Lepsius verabschiedet, sein Sohn, den ich so sehr gut geschätzt habe, ist am 20. Juli auch gefallen. Er tut mir unendlich leid.

Lepsius war gekommen, um sich über die Armeniermassakres zu instruieren, und reist entsetzt ab, da alle Befürchtungen und Missionarsberichte weit übertroffen sind.. Die Deutsche Bank hat aus Dresden einen Beamten, Herrn Schneider, geschickt, der von der Millionenerwartung der Deutschen Bank, die durch die Metzeleien gefährdet sind, einiges zu retten versuchen solle. Daß unsere Diplomatie versagt, ist selbstverständlich. Prinz Hohenlohe soll eine Note überreicht haben, aber alle Vorstellungen wurden mit zynischem Lächeln beantwortet. Enver soll gesagt haben: Ich weiß, daß wir uns 10 Jahre wirtschaftlich zurückbringen, aber der innere Feind muß ausgerottet werden. Für die rachsinnige Art und Weise der Hinmordung gibt es keine Entschuldigung.

Daß die Sache nicht religiösem Fanatismus zuzuschreiben sei, wird mir in Zukunft niemand mehr weis machen. Man braucht geradezu den Fanatismus, um diesen „Djihád“ zu entfesseln. Es ist eine Art innertürkischer Panislamismus, für die es nur in Rußland Parallelen, aber hingegen harmlose Parallelen gibt. Daß auch wir Deutsche hier nur die Mohren sind, die, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben, gehen können, scheint mir immer deutlicher, nicht am wenigstens aus dem, was ich aus meinem ziemlich intimen Verkehr mit türkischen Offizieren lerne. Daß man in allen Zeitungen aus Berichten peinlichst vermeidet, unsere Mithilfe hierselbst auch nur mit einem Wort zu erwähnen, scheint nur ein Symptom zu sein. Gott bewahre uns vor Illusionen!

Daß übrigens der jetzige Djihad ein Djihad „alla franca“ ist, vernahm ich neulich auch aus dem Munde eines türkischen Offiziers.

Ihre beiden Schriften gegen Snouck habe ich mit großem Interesse und innerlichem Beifall gelesen. Nur meine Äußerungen sind nicht ganz so verwertet, wie sie eigentlich gemeint waren. Das türkische Landvolk führt mit diesem Kriege nicht ein Djihad, sondern einen politischen Krieg ihrer von ihnen geliebten Nation gegen feindliche Nationen. Nicht, daß man den Djihad als Krieg gegen England usw. auffaßt, von Djihad ist überhaupt keine Rede Djihad gibt es vielleicht, wenn man Armenier abwürgt.- Doch beweist das natürlich nichts gegen Ihre These, daß Deutschland zu diesem Schritt berechtigt war. Wie weit er geglückt ist, ist eine andere Frage.

Übrigens schreibe ich hier alles nicht etwa unter dem Einfluß von Lepsius, mit dem ich außer über persönliche Dinge nie ein Wort gewechselt habe.

In Eile Ihr Ihnen sehr ergebener H.Ritter.

 

251. Hellmut Ritter. Bericht Nr. 8 Karaburnu, 29.8.1915

(Maschinenkopie)

Gestern hoher Besuch: von der Goltz hat hier geschlafen und gegessen. Er hat auf mich einen sehr großen Eindruck gemacht. Noch jetzt in seinem Greisenalter setzt der Reichtum seines Wissens, seiner Interessen in Erstaunen. Er ist sehr unterhaltsam und erzählt immerzu Erlebnisse und Geschichten. Heute Morgen ist er nach Kawak geritten, um von dort mit der Musch nach Stambul zurückzufahren.

Wir sprachen bei Tisch über die Urheber dieses Krieges. Er meinte treffend, die wahnsinnigen Vorstellungen von Deutschland, die man in feindlichen und neutralen Staaten hätte, wären zum großen Teil auf das Berliner Tageblatt zurückzuführen; denn eben das Zerrbild von Preußen als eines veralteten Militär- und Polizeistaates, der in die moderne Kultur nicht hineinpasse und dessen Aufhören einen Fortschritt in der Kultur bedeute, sei eben das, was die Ausländer täglich in dem in allen Weltteilen verbreiteten Berliner Tageblatt zu lesen bekämen.

30.8.1915

Freier Vormittag. Köstlicher Genuß. In der sandigen Landestelle östlich von Karaburnu, wo die zu Dumali gehörigen Schiffe liegen, ein herrliches Meerbad genommen. Das Wasser war heute so klar wie die blaue Luft, und während ich mich im Wasser ergötzte und den Blick an dem weit um Umkreis sich breitenden Meere weiden ließ, bot sich bald ein unendlich malerisches Bild dar. Halbnackte Fischer ließe einen großen Kutter, die Jnajeti chuda des Schiffes Hamsa aus Dumali mit Kohlen beladen ins Meer hinunter, um dann die Reise nach Stambul anzutreten. Von einer Trosse (jomma) im Block (maqara) nach und nach losgeschlagen, gleitet das Schiff auf Holzschwellen (felenk), die mit kurzen Holblöcken unterlegt sind, ins Meer herab. Eine dicke Kette nannten sie pandera. Kaum ist es unten, so stürzen sich die Kerls ins Meer, um schwimmend die mitgerissenen felenks zu erhaschen und an Land zu bringen. Mit einem o urlar olsun geht’s dann los.

Schäfer, Der deutsche Krieg, die Türkei, Islam und Christentum:

Die Darstellung des Islams hat zwar einiges von der neueren Wissenschaft gelernt, ist aber immer noch genügend schief. Die politischen und religiösen Fragen sollte man etwas weniger verquicken. Ein türkisches Nationalbewußtsein (S. 20) gibt es doch, und es ist die Quelle der jetzigen moralischen Kraft der Armee, zugleich aber auch die Quelle der isbihad-Bestre-bungen, der Turkisierungsversuche, deren Folgen und Erfolge doch wohl etwas zweifelhaft

sind. Daß diese Vaterlandsliebe vom Islam zu Tode gebracht wurde (S. 25) habe ich nirgends bemerken können. „Weiter ist nichts nötig, weder innere Überzeugung, noch Herzenssache“ (S.32). Wird Bauer nicht endlich Ghazalis Jhja übersetzen?

„In der heutigen türkischen Armee kämpfen aber gleichzeitig Christen und Moslems“ (3:47). Ja, aber die Christen (von uns Deutschen abgesehen) kommen nicht an die Front, sie dienen als airi musallah „…weil jetzt gerade dem Einfluß…und dem deutschen evangelischen Glaubensleben die Bahn freigegeben ist.“ (S.71)

F. Delitzsch, Die Welt des Islam:

Der romantische Orientliebhaber im Stile Vater Rückerts, aber ganz hübsch geschrieben. Nur sollte man über all’ den Lobsprüchen nicht vergessen, daß gerade unser (oder vielmehr der „Orientkenner“) politisches Gewissen uns mahnt, keine Illusionen zu verbreiten. Deshalb begrüße ich in gewissem Sinne Schäfers Schrift als wenigstens eine Stimme, die zur Vorischt mahnt.

Chálid Zia

Zwei Novellen, ganz französischem Muster gearbeitet, sodaß ich den Rest des Buches einstweilen nicht lesen werde.

A a Gündüz

Kriegsnovellen aus dem Tripoliskrieg, recht nett geschrieben, ganz im Geiste der modernen türkischen Nationalliteratur, à la Turk Jurdu. Der gefeierte Held ist der tapfere türkische Soldat. Eine wichtige Figur ist die Türkenmutter, die nach spartanischer Art den Sohn nur als schid oder Sieger sehen will. Das Ganze ist nicht ohne einen romantischen Blick nach „dem Land hinter dem Baikal“, wo der Sitz „der alten Väter Art“ ist.

A a Gündüz ist ein ganz junger Mann, Lehrer der türkischen Literatur am Dar ul funun. Er ist verbannt worden. Nach einigen soll er Gelder veruntreut haben. Ich weiß nicht genau, ob er jetzt zurückgekommen ist.

 

252. C. H. B. an Hellmut Ritter. Frankfurt am Main, 30.8.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Sie haben lange nichts Ausführliches von mir gehört, obwohl kein Tag vergeht, an dem ich Ihrer nicht herzlich gedenke. Der Hauptgrund für mein Schweigen war mein unerfreulicher Gesundheitszustand. Nicht bettlägerig aber durch meine alten Beschwerden gehemmt, beschränkte ich mich auf die notwendige Tagesarbeit. Seit Anfang August bin ich hier in einem Sanatorium bei Prof. von Noorden, dem ersten Spezialisten Deutschlands in Darm- und Magensachen. Die Untersuchungen waren anfangs recht quälend und ich kam noch mehr herunter, als ich es schon war. Nach 14 Tagen aber war die Diagnose gestellt und seitdem geht es mit mir bergauf. Ich glaube, daß man endlich das Richtige für mich gefunden hat. Ich nehme jetzt jede Woche ein Kilogramm zu und fühle mich auch in meinem Allgemeinbefinden sehr viel besser. Natürlich kann ein verschlepptes Leiden nicht innerhalb weniger Wochen ganz gehoben werden, aber meine Beschwerden haben schon erheblich nachgelassen und ich sehe hoffnungsfreudig in die Zukunft, was mir in den letzten Monaten nicht immer geglückt ist. Es wird Sie übrigens interessieren, daß ich nach dem 1. Oktober als Dolmetscher in Frage komme. Bis dahin bin ich militäruntauglich, danach aber habe ich die definitive Bestimmung als Landsturm ohne Waffe, im speziellen als Dolmetscher. Ob ich eingezogen werde, ist natürlich eine andere Frage. Vermutlich komme ich an irgendein Gefangenenlager oder zur Postzensur, wenn mich nicht die Universität reklamiert.

Es ist in dieser Zeit nicht angenehm hier herumzusitzen und ich hätte mich gern irgendwo in der Türkei in einer größeren Stadt betätigt, nur zum Lager- und Reiseleben dürfte meine Gesundheit noch nicht langen. Bisher habe ich eben ruhig mein Kolleg gelesen und allerlei geschriftstellert, daneben scheußlich schwierige Gefangenenbriefe zensuriert, was in Zukunft wohl meine Hauptbeschäftigung werden wird. Den Meinigen geht es gut, sie bleiben in diesem Sommer ruhig in Bonn und gehen nur für ein paar Tage ins Siebengebirge. Walter darf mich vielleicht hier besuchen.

Hier sehe ich sehr häufig den Kollegen Horovitz, der den Kriegsanfang in Indien erlebt hat. Er erzählt die köstlichsten Geschichten von der Unfähigkeit der Engländer zur Organisation. Der Krieg wird den Engländern in Indien ihre alte Stellung rauben, wie er auch ausgeht. Die Angst vor dem Emir von Afghanistan ist groß. Littman hat mich hier besucht, er ist zur Garde-Infanterie ausgehoben, aber noch nicht eingezogen. Tut man es wirklich, so will er versuchen nach der Türkei zu kommen. Tschudi hat furchtbar viel zu tun und unterhandelt jetzt mit

Petersen, ihn im Winter zu unterstützen. Auch Richard Hartmann wird in Hamburg lesen. Sachau wurde 70 Jahre und bekam eine Festschrift, an der sich aber der Kreis um Nöldeke , d.h. Bezold, Littmann, Jacob, Reckendorf und ich sich nicht beteiligte, ebenso wenig wie seine Fachkollegen unter den Dozenten des Seminars mit einigen Ausnahmen. Ich habe, weil ich nicht direkt mit ihm verkracht bin, ein höfliches Telegramm geschickt, aber sehr unpersönlich.

Von Ihnen, lieber Ritter, habe ich auch sehr wenig gehört. Erst vorgestern sind Ihre beiden Briefe vom 28. und vom 30. Juli in meine Hände gelangt. Tagebuchnotizen kamen zum Teil über Ihre Eltern, zum Teil direkt. Photographien und Films bilden bereits einen großen Stoß, auch Drogen sind angekommen, ich ließ sie uneröffnet. Auch die Vokabularien sind eingetroffen. Verabredungsgemäß habe ich von Ihrer Erhebung auf den Kreditbrief Ihrem Vater Mitteilung gemacht. Sie wissen, daß ich Ihnen das Geld gern kreditiere, aber Sie haben es ja damals so gewünscht. Unsere Korrespondenz wird übrigens im doppelten Sinne überwacht20, denn es ist doch wohl kein Zufall, daß gerade mein langer politischer Brief verloren ging. Ihren Briefen ist im Kuvert ein Zettel des Auswärtigen Amtes beigeschlossen, wonach der Inhalt geheim zu halten sei. Die Briefe müssen also wohl eröffnet werden.

Ich teile Ihre Ansicht über das Allzuviel der deutschen Missionen in der Türkei. Namentlich da sie oft ohne jegliches Verständnis für die Aufgabe erfolgen. Vor allem ist es ein Unsinn, lauter alte Afrikaner zu schicken. Diese Leute sind von vornherein für die Aufgabe verdorben. Das bißchen Reisepraxis, das sie besitzen, wiegt ihre psychologische Orientierung nicht auf. Hingegen tun Sie der Gesamtpolitik des Auswärtigen Amtes Unrecht, sie ist nicht schlecht und auch auf dem Balkan wird ganze Arbeit geleistet, so sehr die Ungeduld der Deutschen in Konstantinopel das bezweifelt. In Bukarest z. B. sitzt einer unserer besten Leute, den ich persönlich als hervorragend tüchtig kenne. Ich kann Ihnen nicht alles schreiben, was ich weiß, aber ich sehe der Entwicklung optimistisch entgegen.

Auch kann ich hier nicht ausführen, daß ich von dem Funktionieren der Dinge in der Türkei eine sehr klare Vorstellung habe und dürfen Sie mich nicht ausschließlich nach meinen Kriegsschriften beurteilen. Auch haben Sie ebenso wie Schmidt meine Äußerung über den Schutz der Türkei vor dem deutschen Kapital völlig mißverstanden. Es handelt sich mindestens ebenso um den Schutz des deutschen Kapitals vor der Türkei. Ich mag dieses ganze Thema nicht ausführlich in einem Briefe darlegen, von dem ich nicht weiß, in wessen Hände er kommt. Jedenfalls wird man, nach der politischen wie nach der wirtschaftlichen Seite, die Fehler zu vermeiden versuchen, die Rußland in Zentral-Asien gemacht hat.

Auch dürfen Sie nicht auf jedes Gerücht über die deutschen Friedensziele hereinfallen. An eine Aufgabe von Belgien denkt kein Mensch. Selbst die Organe, die wie die Frankfurter Zeitung bisher jede Erweiterung des Deutschen Reiches ablehnten, haben sich jetzt schon mit einem Länderzuwachs wenigstens im Osten versöhnt. Der Krieg ist uns aufgezwungen durch unsere unglückliche geographische Lage. Deshalb muß es unser Ziel sein, die geographische Lage zu verbessern, d. h. strategische Sicherung unter Annexion möglichst besitzfreien Agrarlandes im Osten und Erwerb eines möglichst großen Stückes atlantischer Küste im Westen. Im Osten wie im Westen muß sich das vollziehen ohne daß eine fremde Bevölkerung im Reichsinnern politische Bedeutung erlangt. Die staatsrechtliche Formel wird sich finden lassen. Am meisten wird der Gedanke gepflegt, Belgien in der Form der englischen Dominions anzugliedern. Man wird Europa zur pax germanica zwingen. Mit der belgischen Küste haben wir ein unschätzbares Gegengewicht gegen die englische Seeherrschaft in Händen. England wird es nie wieder riskieren können, gegen uns Krieg zu führen, da es bei der Entwicklung der Unterseeboote und Luftschiffe von uns jederzeit ins Herz getroffen werden könnte. Zur Zeit bestrebt sich die Entente, das Schwergewicht der strategischen Aktion nach Konstantinopel und den Balkan zu verlegen, um uns von der Westfront abzulenken. Trotzdem bin ich

sicher, daß wir im Frühherbst eine große Offensive im Westen machen werden und daß nach einem Durchbruch das schon durch und durch mürbe Frankreich um Frieden bitten muß. Wird Frankreich geschlagen, so ist damit England geschlagen. Und selbst der Fall der Dardanellen würde durch Erfolge in Frankreich wieder auszugleichen. Ich las heute die Times vom 26. August und freute mich daraus zu entnehmen, daß der deutsche Durchbruch von Ungarn nach Bulgarien unmittelbar bevorsteht. Dann werden sie ja wohl bald Munition in Menge haben und dann sind die Tage Englands an den Dardanellen gezählt. Ein Mißerfolg Englands an den Dardanellen bedeutet aber eine derartige Niederlage in den Augen ganz Asiens, daß das englische Weltprestige unwiederbringbar dahin ist.

Über die türkischen Bücher werde ich Tschudi bitten eine Liste aufzustellen. Ihre Dissertation hoffe ich nach meiner Rückkehr nach Bonn Ende des Monats druckfertig zu machen. Die Aufgabe ist nicht ganz leicht, ich habe mir die Sache genau angesehen. Schreiben Sie mir doch recht oft, wenn auch nur kurz, ich bin in Gedanken so viel bei Ihnen. (CHB)

 

253. Hellmut Ritter an C. H. B. Karaburnu, 19.9.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Professor!

Vor einigen Tagen erhielt ich kurz hintereinander Ihre zwei Briefe vom 30.August und 3. September. Leider mußten Sie einige Tage unbeantwortet liegen bleiben. Unsere Küstentruppen sind hier plötzlich zur Division umformiert worden. Aber es sind erst heute die Offiziere des Stabes eingetroffen, so daß die ganze Last der Geschäfte auf uns beiden Dolmetschern lag. Tagelang habe ich überhaupt alles mit einem Schreiber allein machen müssen, so daß an irgend etwas anderes gar nicht zu denken war. Nun habe ich hoffentlich etwas mehr freie Zeit.

Ihre ausführlichen Auseinandersetzungen über unsere Türkenpolitik waren mir ebenso lehrreich wie tröstlich. Es ist wohl schon recht, sich nicht einmischen in die inneren Angelegenheiten, die Dinge mit anderen Maßstäben messen, sich kein böses Blut machen. Aber, wie Sie schreiben, ich stehe zu sehr in den Dingen drin. Aus der Ferne ist kühle Betrachtung natürlich viel leichter, als wenn man mitten drin steht und täglich diese blödsinnigen Maßnahmen samt ihren verderblichen Folgen direkt vor Augen sieht, ein gegenwärtiger Zeuge der Hinterlist, Roheit und Eitelkeit sein muß, die hier so arg herrschen. Wenn man da gleichmütig bleiben soll, darf man eben nicht zusehen. Daß ich dieses „Sentiment und Entsetzen“ nicht zur Grundlage politischer Aktionen machen will, ist selbstverständlich, nur berührt es einen wie Hohn, wenn man dann die übliche Lobhudelei bei gewissen Orientschriftstellern zu lesen bekommt, deren Nutzen ich durchaus nicht einsehen kann. Daß die eigentlichen Führer Bescheid wissen, freut mich natürlich sehr aus Ihrem Briefe entnehmen zu können.

Momentan bin ich übrigens allem Politischen wieder ziemlich entrückt. Außer Militär gibt es hier nichts zu sehen, und wenn es gäbe, würde die Zeit zur Betrachtung fehlen. Ein hübsches Bild hatten wir kürzlich, als U 18 ganz dicht an unserem Quartier vorbeifuhr, die Besatzung oben drauf. Man wird schwerlich wieder so etwas Schönes aus nächster Nähe zu sehen bekommen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, werden wir wohl schon das schöne Schwarze Meer verlassen und uns weiter zurück im Tschausch (Lala) Tschiftlik einquartiert haben. Hier ist für einen Divisionsstab kein rechter Platz. Wir hoffen sehr auf baldige Öffnung des Weges durch Serbien. Wenn wir erst 21er an den Dardanellen haben! Es wäre doch schön, wenn wir noch einmal an den Suezkanal kämen!

Den Eolija habe ich bar bezahlt von den 20 Ltq, die ich Ihnen ja schulde. Wenn es Ihnen so recht ist, darf ich den ganzen Betrag durch Bücherkäufe für Ihr Seminar ausgleichen. Eine Abrechnung geht Ihnen dann zu. Ich hoffe, nächstens nach Konstantinopel zu kommen und Nasrulla aufsuchen zu können. Haben Sie ein türkisches Lexikon im Seminar? Wahrscheinlich wohl.

Daß es Ihnen wieder so schlecht geht, betrübt mich sehr. Gott gebe, daß man nun endlich Mittel gefunden hat, den alten Feind zu bekämpfen. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und grüßen Sie die Kinder von mir. Ich muß ihnen nächstens mal wieder ein paar Postkartengrüße schicken.

Für Sendungen von Broschüren, Büchern (ja, selbst Zigarren), ist man hier sehr empfänglich. Nach beiden ist großer Appetit vorhanden. Die dauernde Lektüre türkischer Zeitungen ist sehr ermüdend.

Anbei noch ein paar Bildchen und Films, leider nicht so schön wie die Jaffabilder.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen ergebener gez. Hellmut Ritter.

Anlage des handschriftlichen Exemplars des obigen Briefes:

Arabische Kleidung

(nach L. Bauer, ZDPV, XXIV, 32)

casbe, asáib Stirnbinde
bartúse, Schlappen
baskír, Handtuch, aufgesticktes Kopftuch
básnúka, Kopftuch unter dem Kinn gebunden
binawár, Morgenkleid der Frauen
blúse, Bluse
bujáje, Schürze
burqa, Schleier
botín, Paar Schuhe
bugme, Silberhalsband bei Fellachinnen
buméta, Hut
burnus, Staubmantel
chaff-kalkúl, Kinderschuhe
chaláq chulqán, altes Kleid
chéri cherijut, Münzen auf der sature
chirq, weißes unverziertes Kopftuch; gestickter Brautschleier der Fellachinnen, sonst auch tarka genannt
chizám, Hafenring
chmuar, Schleier
dämir, tuchene Jacke bis zum Gürtel reichend, Halbrock, fest anliegend, Ärmel eng, dicke Hosenriemen

usw. 6 Seiten lang, zum Schluß auch Türkisch.

 

254. C. H. B. an Dr. Gerhard Ritter (Bonn,) 13.10.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Doktor!

Im Felde freut einen wohl jeder Gruß aus der Heimat, und da möchte ich auch Ihnen gern einmal ein Zeichen freundlichen Gedenkens senden, zumal ich dank der Güte Ihres Vaters an einigen Ihrer prachtvollen Briefe habe teilnehmen dürfen. Ich muß Sie wirklich zu Ihrem schriftstellerischen Talent beglückwünschen; denn Ihre Feldpostbriefe gehören zu den lehrreichsten und stimmungsvollsten, die ich während dieses Krieges gelesen habe, und ich habe unzählige eigene und fremde zu Gesicht bekommen. Bei Ihnen erlebt man wirklich alles mit, und man bekommt ein Bild von den Dingen. Sie sollten später einmal Ihre Eindrücke zusammenfassen, denn in Ihnen steckt ein Schriftsteller, ja, ein Stück Dichter. Der persönliche

Eindruck, den ich bei unserm kurzen Zusammensein in Berlin von Ihnen gewonnen habe, hat sich durch Ihren Brief über Warschau und den Narev-Wald noch vertieft, und ich möchte wünschen, daß uns das Leben noch öfters wieder zusammenführt. Inzwischen begleite ich Sie mit aufrichtigen und herzlichen Wünschen auf Ihren schweren Kriegszügen, und ich hoffe, daß Sie Ihren Eltern und allen, die Sie schätzen, gesund und wohlbehalten zurückkehren werden.

Mit Hellmut bin ich nach wie vor in reger Verbindung. Er hat es, glaube ich, nicht ganz leicht. Er nimmt die Dinge oft zu schwer, und ich verstehe auch durchaus, daß einer, der in all dem orientalischen Schlendrian drin sitzt und nicht als Reisender darüber steht, sondern mitmachen muß, einen recht fatalen Eindruck von der türkischen Staatsmaschine bekommt. Man darf eben nicht mit unseren Voraussetzungen an den Orient herantreten. Immerhin ist er ja in relativer Sicherheit. Das ist auch etwas wert, und außerdem lernt er eine Unmenge für seinen Lebensberuf. Näheres wissen Sie selber, da Sie von einem direkten Brief von ihm sprechen und ja auch wohl seine Tagebuchblätter zu lesen bekommen. Es wird Ihnen dabei ebenso gehen wie mir, daß Sie immer noch viel mehr hören möchten.

Ich selbst sitze immer noch in meinen vier Wänden und warte auf meine militärische Verwendung. Ich bin als Dolmetscher gemustert, vorerst aber zurückgestellt und betätige mich weiter in literarischer Arbeit. Ich sende Ihnen das jüngste Produkt meiner Feder für den Fall, daß Sie zwischen all’ Ihren Kriegszügen doch einmal einen Moment finden, wo es Sie freut, sich einmal mit etwas ganz anderem zu beschäftigen.

Die Dinge haben sich ja so herrlich entwickelt, daß man einem baldigen Ende des Krieges mit einem gewissen Vertrauen entgegensehen kann. In den jüngsten Ereignissen auf dem Balkan, vor allem in der Entscheidung Bulgariens und der Haltung Griechenlands sehe ich nicht primäre Ereignisse, sondern Folgeerscheinungen unserer Siege. Zum ersten Male zeigt es sich, daß in der Welt das deutsche Prestige größer ist als das englische. Wenn die Engländer jetzt auf ihre Diplomaten schimpfen und die deutschen loben, so verwechselt man Ursache und Wirkung. Unsere jetzige Diplomatie hat Hindenburg gemacht, und die Mißerfolge der Unsrigen erklären sich eben zum guten Teil daraus, daß das englische Weltprestige größer war als das Unsrige. Immerhin bleibt die Haltung Griechenlands doch noch unklarer, obwohl der König ein ebensolcher Starrkopf ist wie Venezelos und es wohl auch fertigbringen würde, im Notfall ohne Parlament zu regieren. Der Neutralität Rumäniens scheint man ziemlich sicher zu sein, und aller Augen warten gespannt darauf, was jetzt die Entente tun wird. In der Times stand dieser Tage ein langer Artikel über große Kriegsvorbereitungen in Ägypten, und auch unsere serbischen Truppen sind ganz erfüllt von der Ansicht, daß sie schon halbwegs in Ägypten wären. Es hat doch etwas Fabelhaftes, dieser breite Vormarsch gegen Serbien, während wir rechts und links mit starkem Arm uns die übrigen Gegner vom Leibe alten. Man scheint auf der gegnerischer Seite unsere serbische Offensive für einen Bluff gehalten zu haben und ist jetzt konsterniert.

Die Kämpfe in der Champagne, über die ich heute einen detaillierten Bericht erhielt, müsse allerdings das Furchtbarste des Furchtbaren gewesen sein. Die Offensive ist noch nicht erloschen, aber sie hat nicht mehr den Schwung und nicht mehr die feine technische Vorbereitung wie am Anfang. Es muß doch bald der Punkt kommen, wo unsere Gegner merken, daß mit der Zeit unsere Erfolge immer größer werden, und daß ein baldiger Friede sie noch vor dem Schlimmsten bewahren kann.

Über unsere politische Zukunftsorientierung wogt der Kampf noch hin und her; Liberale und Konservative denken je nach ihrem politischen Gesichtspunkt an ein Zusammengehen mit England oder mit Rußland. Hauptsache ist, daß die Entente gesprengt wird. Aber die Fülle der Probleme ist ungeheuer. Es gibt Ideologen, die keinen Fußbreit fremder Erde annektieren wollen, und es gibt Übereifrige, die keinen Fußbreit des mit deutschem Blute erkauften Bodens wieder herausgeben wollen. Es scheint doch wohl so zu werden, daß wir die Ostsee-Provinzen und die Narew-Bobr-Linie behalten. Mit ganz Polen werden wir uns nicht beschweren; ob es nun halb selbständig oder ob es österreichisch wird, jedenfalls werden wir es militärisch an der Strippe halten, daß es kein russisches Glacis gegen uns werden kann. Das Gleiche gilt von Belgien und der Küste. Man spricht von einer Angliederung nach Art der britischen Dominions. Eisenbahnen, Festungen, Küste, außenpolitische Vertretung in deutschen Händen, in allem Übrigen selbständige Verwaltung. Denn wir brauchen diese finsteren Brüder nicht in den Reichstag aufzunehmen, was ein Unglück wäre. Aber über all’ diese Dinge wird sich erst reden lassen, wenn der Krieg wirklich vorüber ist. Darüber läßt sich auch besser bei einem Glase Wein plaudern, als wenn man es schriftlich festlegen muß.

Lassen Sie sich für heute mit diesen Zeilen genügen, die nur ein Ausdruck des Dankes sein sollen für den Genuß, den Sie mir mit Ihren schönen Briefen verschafft haben.

Mit allen guten Wünschen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (CHB)

Leider fehlen die Briefe und Berichte von 1916 und 1917.
Der Herausgeber

255. Hellmut Ritter an C. H. B. Nazareth, 9.1.1918

(handschriftlich)

Lieber und verehrter Herr Geheimrat,

Ich habe sehr lange nichts von mir hören lassen, die Arbeit war hier so gehäuft, daß ich alles andere liegen lassen mußte. Es ist unglaublich, was täglich bei uns ein- und ausläuft. Da ich aus dem Türkischen selbst nicht mehr übersetze, sondern nur noch umgekehrt und im übrigen die Arbeiten dem Herrn Mitarbeiter nachzusehen habe, entspricht meine Arbeit etwa der eines Oberlehrers, der Extemporale durchsieht, nur mit dem Unterschied, daß bei uns jedes Extemporale einen anderen Text hat und die Tätigkeit zu einer dauernden geworden ist. Schatz (?) hat sich recht schön eingearbeitet, es geht noch ein wenig langsam und mit vielen Kunstpausen, doch ist er uns eine rechte Hilfe geworden. Der Jacobschüler Neumann, der sich mit

Habilitationsplänen trug, ist dagegen leider ein ziemlicher Versager. Ab und zu taucht der Gefreite Mielck aus seinem Büro beim Oberquartiermeister auf, um sich von Schatz und mir durch Zigarren, soweit vorhanden, und Einflößung von Alkohol über den Jammer seines Daseins – er fühlt sich in seiner Stellung gar nicht wohl – hinweg helfen zu lassen. Auch ein Kurt Pöbel (?) – in Breslau Assyrio-Sumerologe – treibt bei den Fliegern hier sein Wesen. Mit seiner der Gegenwart abgewandten Natur hat er Schwierigkeit, sich im lebenden Dasein zurecht zu finden. Sehr geschmerzt hat seinen tief innerlich forschenden Geist, daß er neulich seine Kabine mit einem Regenschirm verunstaltet hat, und von seinem Leutnant ½ Stunde Strafexerzieren aufgebrummt bekam. Hier schon gelang es seinem Kollegen Schatz, ihn zu trösten. Auch er läßt sich zuweilen von uns Alkohol einflößen und beginnt sich dann zögernd über sumerische Dialekte zu verbreiten. Doch sind wir uns alle von Herzen gut und freuen uns gemeinsamer Interessen.

Weihnachten feierten wir in der Verkündigungskirche hierselbst, recht eigenartig. Ich suchte durch Orgelspiel und Inszenierung eines Männerquartetts der Feier ein etwas deutsches Gepräge zu verleihen in mitten des fremden katholischen Aufputzes und erntete besonders für das Quartett schönen Erfolg. Die Kerls sangen aber auch einfach großartig und machten um so mehr Eindruck, da allen Ohren die deutschen Klänge seit langem fremd geworden waren. Sonst gehen Schatz und ich öfters in die evangelisch-arabische Kirche um unser Ohr ans Hören des wahari (?) zu gewöhnen. Außerdem wäre von hier nichts Wesentliches zu melden.

In Deutschland wird das diesmalige Weihnachten wohl etwas hoffnungsfreudiger gewesen sein als die vergangenen. Wer weiß, vielleicht ist man am nächsten zu Haus!

Mit vielen Grüßen an Ihr ganzes Haus Ihr Ihnen treuergebener H.Ritter.

 

256. Hellmut Ritter an C. H. B. Nazareth, 5.2.1918

(Maschinenmanuskript)

Lieber und hochverehrter Herr Geheimrat!

Eben war Professor Uhlig bei mir und versetzte mich in großen Schrecken und Bestürzung durch eine schreckliche Geschichte, die mir mit meinem so hoch verehrten Lehrer Littmann, mit dem mir ein Mißverhältnis in allerhöchstem Grade unangenehm und schmerzlich sein würde, passiert ist. Wie Sie wissen, handelt es sich um den Stadtplan von Bagdad. Es liegt mir ganz besonders viel daran, die Sache sofort in Ordnung zu bringen und wenn Sie, lieber Herr Geheimrat, mir dabei in gewohnter Güte helfen würden, würde ich ganz außerordentlich dankbar sein. Die Sache liegt folgendermaßen:

In Bagdad zeichnete unsere Kartenabteilung den bekannten Stadtplan des Rechid ab und trug auch eine Anzahl Ortsbezeichnungen ein, die fast durchweg falsch waren. Gleichzeitig hatte ich aus Privatinteresse die Straßen- und Stadtviertelnamen Bagdads aufgenommen und stellte sie zur Verfügung, worauf diese Namen von der Kartenabteilung gleichfalls fehlerhaft eingetragen wurden. Leider ging diese Karte unkorrigiert und ohne mein Wissen so zum Großen Generalstab und wurde dort sehr zu meinem Leidwesen auf Grund dieses mangelhaften Materials gedruckt, während das genauere Originalexemplar sich in meinem Besitze befand und leicht hätte benutzt werden können. Dies war also die Schuld der Bagdadkartenabteilung.

Littmann hat nun in dankenswerter Weise die meisten Fehler herauskorrigiert und es ist in hohem Maße zu begrüßen, daß auf diese Weise die meisten der zahlreichen Fehler verschwunden sind,, die ohne seine Arbeit sicher stehen geblieben wären. Daß trotzdem Fehler stehen geblieben sind, liegt nicht an Littmann, sondern daran, daß das Originalexemplar ihm leider nicht vorlag. Als ich nach Berlin kam, hatte ich den Drang, meine Weisheit, die in meinem Original enthalten war, an den Mann zu bringen und übergab sie Ihnen mit dem Bemerken, die gedruckte Karte sei fehlerhaft und hier sei die Verbesserung. Gleiches sagte ich Uhlig, mit dem ich zufällig ein Telephongespräch hatte. Uhlig sagte mir: „Aber Littmann hat doch alles durchgesehen!“ Worauf ich sagte: Trotzdem sind Fehler darin, die Littmann nicht korrigieren konnte aus dem einfachen Grunde, weil seine Vorlage zu mangelhaft war. Was ein Mensch rauskorrigieren konnte, hat Littmann in dankenswerter Weise getan.

Nun kommt das Schlimme:

Wie Sie wissen, lieber Herr Geheimrat, gibt es eine große Schadenfreude, die darin besteht, daß man auch den ganz großen Leuten manchmal einen kleinen Fehler nachweisen kann oder nachweisen zu können glaubt. Man bringt sich die großen Leute dadurch gewissermaßen menschlich näher wenn man sieht, daß auch sie manchmal irren. Daß auch ich die üble Angewohnheit habe, haben Sie mir ja, lieber Herr Geheimrat, oft genug vorgeworfen. Ach, hätte ich doch Ihren Lehren gehört! So entdeckte ich auch auf dem Stadtplan im Quadrat 6c eine offenbar von Littmann herrührende Verbesserung, die falsch war. Es steht nämlich da ´Atran mit „Ain“ davor. Das Stadtviertel heißt aber Tatrán. Ich habe nicht mehr genau in Erinnerung, was auf der Karte, die Littmann vorlag, gestanden hat. Meiner Erinnerung nach stand da richtig Tatrân auf Grund dieser Tatsache sagte ich – leider – zu Ihnen: „Littmann hatte Fehler in die Karte verbessert“, womit ein wenig Schadenfreude, daß auch Littmann so etwas passieren konnte, verknüpft war.

Ein anderer Fehler im Quadrat 7d, wo Mastub statt Maslúb steht, ist offenbar von Littmann selbst mit Fragezeichen versehen worden. Sollte der Fehler Àtran statt Tatrân schon auf der ersten Karte stehen, was ich mich aber nicht erinnere, so beraubt mich Littmann des kleinen Vergnügens, ihm einen Fehler nachweisen zu können.

Übrigens fiel die Bemerkung von Verschlimmbesserung nur Ihnen gegenüber, lieber Herr Geheimrat! Uhlig habe ich selbstverständlich nur gesagt, daß der gedruckte Plan von Bagdad nicht fehlerfrei sei und ich deshalb gern ein Originalexemplar zur Verfügung stellen wolle, begründete die Fehlerhaftigkeit der Karte, soviel ich mich erinnere, noch ausdrücklich damit, daß die Verbesserung der Karte restlos nur an Ort und Stelle möglich sei, was natürlich auch Littmanns Ansicht ist. Sollte Uhlig irgend einen Zweifel an Littmanns Arbeitsweise auf Grund dieser Bemerkung abgeleitet haben, so wäre das sehr merkwürdig und natürlich gänzlich grundlos. Littmanns Arbeitsweise zu bemängeln dürfte doch wohl nur lächerlich wirken. Dies ist der Sachverhalt, lieber Herr Geheimrat, helfen Sie mir Littmann zu besänftigen! Es wäre mir ein unerträglicher Gedanke wegen dieser Sache ihn ernstlich verletzt zu haben und sage Ihnen im Voraus für Ihre gütige Vermittlung meinen allerbesten Dank.

Ihr in Treue Ihnen ergebener (gez.) Hellmut Ritter.

Nachtrag:

Beim Durchsehen der gedruckten Karte fallen mir auf den ersten Blick noch folgende Fehler auf, die von mir nicht herrühren, also entweder von der Bagdader Kartenstelle oder in Berlin gemacht worden sind:

  • H4: Halládschi statt Halládsch (der berühmte Märtyrer)
  • E6: Gericht (Adilîje) statt Adlîje Moschee (Adilîje?)
  • D8: ´Alfi statt Alfi (Der Mann war jede Nacht angeblich 1000 ´hatams los)
  • D7: Darbúnât statt Darbûnat
  • F5: Sêf statt Sîf
  • F4: Hassâna statt Hassâne
  • A2.15 Maktûme statt Maktûme
  • A2.12: Platz Kaisarîje. Die K. ist eine Verkaufsstelle, kein Platz21

 

257. Hellmut Ritter an C.H. B. Niederzwehren bei Kassel, 4.5.1918

(handschriftlich)

Hochverehrter Herr Geheimrat!

Heute bin ich also glücklich daheim eingetroffen und möchte Ihnen sogleich nochmals meinen Dank sagen für die warme und gütige Aufnahme, die mir wieder einmal bei Ihnen zu Teil wurde. Bockelmann (?) war hocherfreut über meinen Besuch, trotzdem möchte ich Ihnen bei der Rückkehr meinen Eindruck vorher anvertrauen. Ich denke ein wenig mit Wehmut an diesen Besuch.

Anliegend das Aufrechnungsbillet und der Schlüssel zu der F.F. Schmidt’schen Kiste. Schmidt läßt also bitten, Rittmeister Westphal Flugzeugmeisterei Abt.6 (Adlershof 320) anzurufen und ihm zu sagen, er möchte die Teppichkiste abholen und aufbrechen. Wenn ich die leere Kiste mit der darin liegenden Reithose nach Niederzwehren zugesandt haben könnte, wäre ich ihm dankbar. Doch hat das Zeit. Mit vielen Grüßen und der Bitte um Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin verbleibe ich Ihr Ihnen dankbar ergebener H.Ritter.

 

258. Hellmut Ritter an C. H. B. (Köln.?), 2.10.1918

(handschriftlich)

Lieber Herr Geheimrat,

Ich sitze hier und hoffe, demnächst noch entfliehen zu können, ehe die Herren Engländer uns evakuieren oder „internieren“. Jedoch muß man auf alles gefaßt sein. Sollte ich nicht im Laufe der nächsten Woche nach Berlin kommen, so wäre ich Ihnen für den Freundschaftsdienst dankbar, wenn Sie sich – vielleicht durch Hauptmann Tausch, Stellv(ertreter im) Generalstab, Landaufnahme – einmal nach dem Schicksal meiner Koffer erkundigen würden: Nr. 4-7, rund 11 sind abgegangen an die Adresse Kriegsministerium Abt. Aü für Nr. bzi 60 HL. In Nr.11 befindet sich die (unleserlich)spielsammlung für das Hamburger Museum. Nr. 1-3 und 7 gingen an die Adresse: Leutnant Ritter, 2. Garderegiment z.F. Ersatz Lat. Ab. Ich würde Sie nicht mit dieser Liste belästigen, wenn ich nicht wüßte, daß Sie mir auch bei solchen Angelegenheiten stets Ihre Hilfe gewährt haben. Hoffentlich kommt es ja überhaupt nicht so weit, daß ich Sie in Anspruch nehmen muß. Aber als Internierter, der ich leicht bald sein kann, ist man so froh, einen näherliegenden Freund zu wissen, der einem hilft!

In einem besonderen Kuvert in der Mappe, die Ihnen Herr Oberleutnant Hotzhauf hoffentlich übergeben wird, liegen die Kofferschlüssel. Die Mappe enthält Manuskripte und Privatakten, die beide für mich von großer Wichtigkeit sind. Bitte heben Sie sie mir auf.!

Wie werden wir uns wiedersehen, lieber Herr Geheimrat? Ich meine Deutschland. Jetzt wissen wir, daß es sehr verhaßt war und vielleicht die Sozis recht hatten. Doch das Lehrgeld ist sehr sehr teuer gewesen. Wie wenige (unleserlich: tadelten?) den falschen Kurs den wir seit Jahrzehnten segelten! Doch wenn wir auch die Schmach ertragen müssen, an der Zukunft verzweifle ich doch nicht. Ich sehne mich danach, mit Ihnen zusammen zu sein …

Ihr Sie verehrender und auf ein baldiges Wiedersehen mit Ungeduld wartender H.Ritter.

 

259. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 1.3.1919

Seminar für Geschichte und Kultur des Orients

(Maschinenmanuskript)

Lieber Herr Geheimrat!

Ich sitze eben an dem Manuskript Brass. Es ist ein harter Strauß, der Verfasser hätte auch das Schlußwort seiner Vorlage auf sich beziehen können: „Das was richtig ist in diesem Buche, ist von Allah, was aber falsch ist, ist von mir.“ Übrigens finde ich die Arbeit sehr interessant, die missionarische Tätigkeit Osmans reizt mich zum Vergleich mit Muhammed, mit dem ich mich gerade für mein Sommerkolleg eingehend beschäftige.

In die sachlichen Partien der Arbeit greife ich natürlich nicht ein, wenn mir auch die Auswertung der Quelle oft interessante Punkte zu übersehen scheint. Hier werden Sie ja ergänzend eingreifen.

Über einige Punkte möchte ich noch Klarheit haben. Habe ich recht verstanden, so soll die Brass’sche Edition des Textes überhaupt nicht gedruckt werden, sondern nur die Stücke, die er im Kontext des sachlichen Teiles mitteilt. Ich muß dann natürlich die Angabe der Seitenzahlen nach den Originalhandschriften umändern, die Herausgabe des ganzen Textes würde auch noch besondere Mühe machen, weil auch da gar vieles geändert werden muß. Zudem verstehe ich den kritischen Apparat von Brass nicht recht, sind die mit arabischen Zahlen bezeichneten Fußnoten des Textes Emendationsvorschlage? Ich finde diese Lesarten in keiner der beiden Handschriften. Dann eine weitere Frage: ist die Form Abdullahi eine Fulbe- oder Haussa-Form, oder darf man sie durch das normale `Abdalláh ersetzen?

Mit besten Grüßen Ihr ergebener (gez.) H. Ritter.


Zeitanalyse 1919


260. Professor Dr. H. Ritter an C. H. B. Hamburg, 5.3.1919

(handschriftlich)

Hochverehrter, lieber Herr Geheimrat,

Ich hätte Ihnen schon längst geschrieben, wenn ich Sie nicht in Weimar mit Geschäften überhäuft gewußt hätte und auch selbst auch erst ein paar Tage nicht hätte warten wollen, bis eine gewisse innerliche Ruhe bei mir eintrat. Nun wird mein Brief zugleich eine Antwort auf Ihre Karte und Ihren lieben Brief vom 2.d. M. sein.

Wenn ich meine Laufbahn überblicke, so habe ich ein merkwürdiges Gefühl: das Gefühl einer unheimlichen Schicksalsmacht, die mich vollends mit sich reißt, eines übernatürlichen Etwas, was in seiner Laune sich darin gefällt, mir meinen Werdegang in unheimlicher Weise zu erleichtern. Die sonderbare Führung meines Geschickes im Kriege bildet ein gewichtiges Glied in dieser Schicksalskette: Keil (?) schrieb mir etwas von (griech. Wort), ich weiß nicht, was er damit wollte, aber es wird mir ein ähnliches Gefühl gewesen sein. Im Grunde liegt wohl die Empfindung vor ein Mißverhältnis zwischen Leistung und Erfolg. Da meine Berufung auf Vertrauen beruht, ich muß die Versprechen halten, die Ihr für mich gegeben habt. So gehe ich mit dem Gefühl ins Amt, zu einer großen Aufgabe verpflichtet zu sein und messe meine Kräfte ab, ob ich sie werde erfüllen können.

Nun ja, das weiß ich, mit einigem Anstand mich aus der Affäre ziehen, das werde ich können, vorerst ganz nette Artikel und Bücher wohl zusammenstellen können, aber das ist nicht das, was mich befriedigen würde. Ich kann nicht einfach da weiterarbeiten, wo der Vorgänger, der über dasselbe Thema schrieb, aufhörte. Bei uns drängt es darauf hin, alles, bis in die elementaren Grundlagen, in die philosophischen Grundlagen Voraussetzungen hinein, von neuem zu erleben und zu erkämpfen. Ein Weltanschauungskampf, der zunächst den Menschen voll erfaßt und dann auch auf das Fach übergreift. Sie kennen mich etwas von dieser Seite: Sie kennen meine Sprödigkeit bei jedem Versuch, wissenschaftliche Lehre einfach auf mich zu übertragen. Schiede (?unleserlich) sagte ganz nett, ich sei Ihr Schüler, aber doch nicht Ihr Schüler.

Mir wird, glaube ich, auf die Dauer kein Arbeiten möglich sein, das nicht zum unmittelbaren persönlichen Erfolge für mich wird. Meine kleinen Aufsätzchen, ja auch meine Oxágórarbeit werden noch sehr persönlich und spielerisch sein. Mein Ziel ist, die ethische Weltanschauung des Orients – in Weiterentwicklung der Bryserarbeit – einmal im Großen anzupacken und von da aus in die einzelnen Zweige des literarischen Schaffens des Orients hineinzusteigen…

Sie sehen, noch sehr dunkle und verworrene Ideen, wie uns auch jetzt sehr dunkel und verworren zu Mute ist. Ob je eine fruchtbare Klarheit daraus wird, das weiß ich nicht, nur die Erkenntnis, ob ich die Kräfte dazu finde oder nicht, das wird der Entscheidungsgrund meines wissenschaftlichen Erlebens sein.22

Nur eines hoffe ich bestimmt: Meine Studenten werden mit mir zufrieden sein: sie wissen warum. (Einen ganz prächtigen Kerl habe ich in Albert Schönberg, Sohn des Röntgenmenschen und Primus omnium des Wilhelmsgymnasiums.)

Ich habe für nächstes Semester Jassir und Islamkunde angezeigt. In beidem hoffe ich einiges Eigene geben zu können, wenn auch das Meiste notwendig Kompilation bleiben muß.

Was menschlich aus mir wird: Sicher kein geistiger Sybarit, aber vielleicht dies und jenes andere Unerfreuliche, da müssen Sie und werden Sie, lieber Herr Geheimrat, mir emsig den Mentor spielen. Wer einen anderen so unerfahren auf einen hohen Posten stellte, der muß auch ein wenig zu sagen haben, daß er nicht falle. Ich bin noch immer Ihr pneumatischer Sohn, und hoffe, daß Sie Ihre Vaterpflichten weiter mit aller Deutlichkeit ausüben werden.

Zum Geschäftlichen: Den Kontrakt werde ich Ihnen, vielleicht schon beiliegend zuschicken. Die Bibliographie dachte ich durch den neu anzustellenden Hilfsarbeiter langsam vorbereiten zu lassen und (im Herbst?), jedenfalls als frühsten Termin, Heft 1 des Jahrgangs 192023, damit wieder zustande kommen. Die Mitarbeiter zur Betätigung auffordern könnte man ja schon. Es liegen sehr viele, auch gute M(anuskripte) vor. Tschudi meinte, wir könnten gleich mit einem Doppelheft anfangen, um vorwärts zu kommen im neuen Jahrgang. Was meinen Sie dazu?

In der Hilfsarbeiterfrage wollte ich Sie noch etwas um Auskunft über Björkmann bitten, ist mir von Tschudi als durch göttlichen Ratschluß prädestiniert vorgestellt worden. So sehr ich Tschudis Urteil hochhalte wäre mir doch eine Stellungnahme von Ihnen angenehm, da mir der junge Mensch völlig und absolut unbekannt ist. Ich habe von ihm nur einen flüchtigen ersten äußeren Eindruck, nur der ist nicht etwa gerade hinreißend. Persönlich hätte mir Bräunlich sehr gelegen, ein Leipziger Schüler, der jetzt gerade doktoriert. Doch käme er für sofort nicht in Betracht und entbehren möchte ich den Hilfsarbeiter nicht. Ich will nun Björkmann entschieden zum Oberlehrerexamen drängen oder soll man ihm raten, sich zunächst ganz in die Orientalistik zu stürzen?

Wegen Schnellig (?unleserlich) will ich an Kahle schreiben. Ich habe Schnellig persönlich nicht gekannt und möchte auch nicht grad mit diesem Nachruf anfangen.

In diesen Tagen des politischen Kampfes habe ich oft mit Mitleid an Sie gedacht, besonders als das Zentrum das Kultusministerium für sich verlangte. Es muß ein wahrer Hexenkessel sein, ich bewundere Ihre Nervenkraft. Und doch hoffen wir alle auf Sie: Ihr Dasein ist für uns alle doch eine gewaltige Beruhigung: Welche Macht ist in Ihre Hände gelegt! In Bezug auf kulturelle Fragen sprechen wir mit Hafis:

Traure nicht, am Ruder sitzet Noah, der die Flut beschwört!“

Auch in dem rein politischen Fahrwasser ist Ihr Wirken gewiß von großem Segen. Wie gut, daß Sie damals nicht in Bonn geblieben sind!

Daß ich mich hier in Organisationsfragen sehr zurückhalten werde, versteht sich von selbst. Wenn Sie mich da mit Zusendung Ihrer Zeitungsartikel oder Meinung derhalben (?) etwas auf dem Laufenden erhielten, wäre mir das als bekannter Beckermann doch recht angenehm und ich möchte Sie ganz besonders um diese Freundlichkeit bitten.

Daß Karl bei Ihnen war, freut mich. Er ist trotz einer gewissen philosophischen Einseitigkeit ein guter Kerl und ich habe ihn sehr gern.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen getreu ergebener H.Ritter

 

261. Hellmut Ritter an C. H. B. Hammburg, 1.4.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Herr Geheimrat!

Nun schreibe ich Ihnen heute nun schon den dritten Brief, aber die Sachlage erfordert es. Heute war die erste Fakultätssitzung der Hamburgischen Universität. Unsere Brust war natürlich mit Stolz und Freude gefüllt, wenn man auch nicht rein rosig wird in die Zukunft sehen könne. Dabei wurde gleich die Kommission für die Berufung des Extraordinarius für Semitistik eingesetzt, so daß ich also alsbald auch über diese Frage nachdenken muß. Ideal wäre natürlich Bergsträsser, doch kommt er natürlich leider nicht in Frage, da er selbstredend ablehnen muß. Bleibt eigentlich nur Schaade, der soeben aus dem Orient zurück ist und jetzt in Berlin sein muß. (Bei Oberlehrer Kesseler, Charlottenburg, Kirchplatz 6.) Er würde es wohl ertragen, neben mir als Extraordinarius zu leben, er hat sich ja auch in Nazareth so nett zu mir gestellt. Könnten Sie nicht mal ganz leise sondieren? Schade, daß er sich so auf das Arabistische verlegt hat, ein Inschriftenmann mit etwas mehr in die Breite gehenden Kenntnissen wäre mir ja lieber. Aber man kann nicht alles haben und Schaade ist in seiner Weise sehr tüchtig.,

Ich würde mich freuen, wenn er sich mit mir in die Arbeit teilen würde. Oder wissen Sie sonst jemand? Bauer? Nein! Rescher? Furchtbare Idee! Außerdem könnte Schaade hier in Phoneticis schwelgen. Bitte schreiben Sie mir einmal Ihre Meinung!

Brassens Arbeit interessiert mich sachlich immer mehr. Das schöne Thema verdiente wohl von etwas reiferer Hand behandelt zu werden. Über Einzelheiten werde ich Ihnen noch öfters zu schreiben haben.

Mit vielen Grüßen Ihr getreuer (gez.) Ritter

Nachtrag: Heute morgen war Milck bei mir. Er ist mit Schaade gekommen, den ich noch nicht gesprochen habe.

 

262. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 7.4.1919

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Ich wage nach einigem Überlegen doch diese vertrauliche Anrede und hoffe, daß Sie nicht auf den Gedanken kommen, ich wollte mein Verhältnis zu Ihnen damit irgendwie verschieben. Das Fetma (?) meines Herzens allein rechtfertigt für mich diese Freiheit. Ich bin und bleibe doch einmal Ihr Verehrer auch im überkonventionellen Sinn. Für Ihre Zeilen vielen Dank. Schreiben Sie mir bitte nun auch noch, ob ich den Osman `Utmán, wie Br.(?) manchmal, oder Uthman, wie er persönlich schreibt, oder Osman schreiben soll. Die Beziehung zur

Wahhabitenbewegung scheint mir eher eine Analogie als eine Abhängigkeit zu sein. Mit der historischen Beurteilung bin ich auch sonst nicht immer ganz einverstanden. Er sieht Osman so vornehm als klug berechnenden Politiker an. Mir scheint, daß sich das politische Selbstbewußtsein dieser Leute erst mit der Bewegung entwickelt, es sind doch zunächst nur (über?)-eifrige Prediger und werden dann durch eine Wechselwirkung zwischen Führer und Volk zu Staatsmännern. Wollen Sie in solchen Fällen ändernd eingreifen oder soll ich Braß schreiben, oder wollen Sie mit ihm darüber korrespondieren? Änderungen sind – es läßt sich mit ein paar Worten machen – m. E. nötig auch auf sprachlichem Gebiet. Die Übersetzungen sind zum Teil wundervoll. Gleich der Titel ist nicht richtig erkannt: Tazjín el warayát bi heid má lí min el abját. Der zweite Teil gehört natürlich dazu, wie schon der Reim beweist. Ich gehe die Arbeit jetzt zum zweiten Male durch um zu sehen, ob die Qasiden richtig verstanden und verwertet sind

Ich freue mich, daß auch Sie für Schantz (?) eintreten. Es würde mir eine Freude sein, ihm so helfen zu können.

Viele Grüße Ihr getreuer Ritter.

 

263. C. H. B. an Hellmut Ritter. Berlin, 4.4.1919

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Drei Briefe von Ihnen an einem Tag waren mir eine freudige Überraschung. Das dürfen Sie ruhig öfters machen. Heute zunächst die Mitteilung, daß ich dieser Tage zum Unterstaatssekretär ernannt worden bin und zwar zum einzigen geschäftsführenden, neben zwei parlamentarischen, von denen der eine Tröltsch ist und der andere ein Zentrumsmann. Ich hatte Ihnen ja neulich schon angedeutet, daß sich meine Stellung demnächst verschieben würde und ich habe es für meine Pflicht gehalten, das ehrenvolle Vertrauen des Ministers nicht zu enttäuschen und mich der schweren Aufgabe der Verantwortung für das ganze Ministerium nicht zu entziehen. Ich werde allerdings nun noch mehr Arbeit haben als bisher, und Sie sehen nun, daß Sie wirklich ein gutes Werk tun, nicht nur an mir, sondern auch an Braß, wenn Sie die Doktorarbeit dieses Mannes mir abnehmen.

Was die Haussa-Chroniken betrifft, so vermute ich, daß er einen Separatabzug zitiert. Ich kann leider nicht nachsehen, ob sich der Aufsatz durch mehrere Hefte oder Bände hindurchzieht, was mir nicht unwahrscheinlich scheint. Daß Sie die Arbeit selbst interessiert, freut mich. Das Thema hat auch mich so gereizt, daß ich es eigentlich selbst habe machen wollen. Ich habe immer eine Beziehung angenommen zwischen der religiösen Propaganda des Scheich Osman und der Wahhabiten-Bewegung. Ich weiß nicht, ob Braß ganz recht hat, sie abzulehnen. Ich erinnere mich dunkel, daß auch Le Chatelier in seiner kleinen Schrift „L’islam au 19e siècle“ etwas derartiges behauptet. Leider besitze ich die Schrift nicht und auch Braß konnte sie nicht erhalten. Meiner Erinnerung nach besitzt sie Ihr Seminar. Was die Arbeit selbst betrifft, so soll der ganze Braß’sche Text nicht gedruckt werden, da Braß dieser Aufgabe nicht gewachsen ist und er nur unnötige Kritik auf sein Haupt herabbeschwören würde. Hingegen würde ich die arabischen Textauszüge im Text oder in den Anmerkungen der Arbeit gern verwertet sehen. Die Änderung der Seitenzahlen ist dann unvermeidlich. Doch könnte die auch Braß selber bei der Korrektur vornehmen. Soweit ich mich erinnere, bezieht sich sein doppelter Apparat darauf, daß in dem einen Apparat die zweite Handschrift und in dem anderen die kritischen Bemerkungen gibt. Letztere können natürlich auch Emendationsvorschläge sein. Streichen Sie bitte nur sehr energisch, da ich nicht zweifle, daß Braß ziemlich ungeheuerliche Böcke gemacht haben wird. Die Form Abdullahi ist durchaus allgemein sudanesischer Gebrauch. Ich bitte, sie also keinesfalls in Abdallah abzuändern.

Endlich Bergsträßer. Ich halte ihn für den gegebenen Kandidaten und bin ganz glücklich, daß sich in Hamburg eine Wirksamkeit für ihn eröffnet. Er ist ja das Schüler-Verhältnis zu Ihnen vom Orient her gewöhnt und wird deshalb zweifellos hochbeglückt mit beiden Händen zugreifen, darüber brauche ich ihn gar nicht erst zu sondieren. Er war dieser Tage bei mir, frisch und rosig wie immer. Wenn Sie für die Fakultät irgend ein besonderes Votum über ihn brauchen, bin ich gern bereit Ihnen einen besonderen Brief darüber zu schreiben. Er hat sehr wenig bisher geschrieben, aber was von ihm vorliegt ist ausgezeichnet. Er hat auch allen Grund dafür, bisher nicht viel veröffentlicht zu haben, da er doch erst in Kairo und dann im Krieg war. Also nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe. Sie können übrigens eventuell auch direkt an Braß schreiben. Am besten unter der Adresse „Orientalisches Seminar der Universität Bonn“.

Freundschaftlichst Ihr ergebener (CHB)

 

264. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 5.4.1919

(handschriftlich)

Lieber Herr Geheimrat,

Oder wie muß ich Sie jetzt anreden? Es wird immer schwieriger! Zunächst natürlich meinen freudigen und herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt! (arabischer Text) Sie rücken ja damit noch ein wenig mehr ab von unserer Wissenschaft, aber ich bin persönlich froh, daß ich im Islam gewissermaßen noch einen Strohhalm habe, an dem ich Sie manchmal in die Konkreta der Orientalistik hineinziehen kann! Es ist ein gewisses sachliches Band, das nicht zerreißen darf.

Hier ist man auch im Organisieren begriffen, aber unter günstigen Auspizien, nachdem nun endlich die Universität unter Dach und Fach gebracht ist.

Doch zur Sache: Ich wollte gern in der zweiten Hälfte der Karwoche nach Berlin kommen, möchte es aber davon abhängig machen, ob Sie mich dann gebrauchen können. Sie könnten ja dann auch dem Braß die letzte Ölung geben. Ich müßte sowieso einiges in Ihrer Bibliothek vergleichen, was ich hier nicht finde. Der junge Mann ist nämlich leider auch im Zitieren recht flüchtig, und man muß alles nachprüfen. Ich hoffe aber nächste Woche fertig zu werden.

Gestern hat Björman seinen Einzug gehalten. Ich denke doch, daß wir uns ganz gut verstehen werden. Er ist sehr willig und bescheiden. Sonst läuft alles glatt und reibungslos, ich werde meines Lebens zuweilen ganz froh.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen getreuer Hellmut Ritter.

 

265. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 12.4.1919

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Ich werde Sie also Donnerstag früh anrufen. Einen der Tage, die ich bei Ihnen bin, möchte ich benutzen, um mit Kampfmeyer, Herzfeld, Bergsträßer, Sobernheim und Mittwoch zu konferieren. Vielleicht ist Hertzfeld so freundlich ein Arrangement zu treffen, der mir die Einzelbesuche erspart und Gelegenheit zur Aussprache gibt. Sobernheim will eine Verständigung zwischen den beiden Redaktionen herbeiführen. Wissen Sie davon? Man könnte das ja auch dann gleich bereden. Ich werde Herzfeld schreiben, er muß aber sich mit Ihnen in Verbindung setzen, um nicht durcheinander zu arrangieren. Ich bleibe bis Sonnabend einschließlich. Wir sind hier schon geprüft durch eine von den Abhandlungen des Kolonialinstituts erscheinende Arbeit Hans Tesches (?) über die Bauke Kalanus. Da tritt ein Abassidenchalif Wálid im Jahre 88 der Hedschra auf, Formen wie (arab.Wort) pflegen mahm transkribiert zu werden, kurz es ist eine rechte Freude! Natürlich müssen wir Korrektur lesen und die ganzen Maqrisi-Auszüge nachprüfen. Ich habe jetzt Björkmann dahinter gesetzt und bin nun sehr gespannt, wer mehr Fehler macht, er oder Hans Kahle. Braß I. Teil habe ich in die Druckerei geschickt. Den II. Teil will ich nach den Ferien noch einmal durchnehmen. Ich bin jetzt etwas in Druck auch durch meine Kollegs, von denen ich noch keinen Strich fertig habe.

Mit vielen Grüßen Ihr getreuer H. Ritter.

 

266. Hellmut Ritter an C. H. B. Hammburg, 29.4.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Ich bin soeben wieder in Hamburg angelangt und gedenke noch in dankbarer Freude des schönen Tages, den ich bei Ihnen draußen verleben durfte. Es war wirklich köstlich.

Kahle hat den Nachruf auf Schwally geschickt. Es ermangeln nun noch die Nachrufe, die wir von Ihnen zu erwarten haben. Es wäre doch ganz gut, wenn sie alle drei im 1. Heft des nächsten Jahrgangs erscheinen könnten.

Auf der Reise nach Hamburg sprach ich ausführlich mit Siddiki, der auf mich einen ausgezeichneten Eindruck machte. Er ist ein Orientale mit wirklich wissenschaftlichem Geist. Übrigens erzählte er mir, daß in Göttingen die Schreckenskunde verbreitet sei, Sie hätten sich der Partei der Unabhängigen Sozialdemokraten angeschlossen. Andreas sei deswegen in großer Unruhe. Sie sehen, wie man Sie beurteilt.

Ich habe schon 4 richtige Studenten abgesehen von Björkmännchen, Mielck usw.

Die Angelegenheit Mielck scheint sehr trübe ausgelaufen zu sein, ich habe ihn noch nicht gesprochen, aber nachdem, was Fräulein Hass mir erzählte, will Wahl nichts von ihm wissen, er kommt morgen zu mir, um mir alles zu erzählen. Ich schreibe Ihnen dann ausführlich.

Ihr Ihnen dankbar ergebener (gez.) H.Ritter.

 

267. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 2.7.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Zunächst besten Dank für Deinen Brief. Ich kann mir Deinen „Zustand“ und Deine Arbeitslast lebhaft vorstellen. Nein, man hat heute tatsächlich Recht, über das Jahr die zemàn zu klagen.

Die Braß-Sache wird entsprechend Deiner Anweisung erledigt.

Heute nur einige Neuigkeiten: August Fischer hat mich in sein Herz geschlossen! Warum, weiß ich nicht. Er schrieb mir sogar, er hätte mich damals in der Kommission bei der Berufung Richard Hartmanns vorgeschlagen. Jetzt bietet er mir gar Manuskripte für den „Islam“ an“! Was sagst Du nun? Ich schicke Dir seinen Brief mit, vertraulich, zur Erbauung. Schicke ihn mir bald zurück, weil ich ihn noch beantworten muß.

Dann habe ich eine Karte von Goldziher, auf der mir seine veränderte Schrift auffällt. Er fragt nach mir und meinem Ergehen. Ich bin jedenfalls sehr froh, daß wieder Verbindung da ist.

Daß Frau Schmidt in Hamburg war, wußte ich nicht; sonst hätte ich sie aufgesucht.

In Treue Dein (gez.) H. Ritter

 

268. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin,) 8.7.1919

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

entgegen meinem gestrigen Brief muß ich heute schreiben, daß ich heute Nacht mit dem Minister nach Weimar reise zu hochwichtigen politischen und kulturpolitischen Verhandlungen. Mein ganzer Urlaub ist dadurch in Frage gestellt, ebenso meine Erledigung der Braß’schen Korrekturen. Wenigstens werde ich in den nächsten Tagen nicht dazu kommen. Also entschuldige diese Verzögerung.

Heute sprach ich den kleinen Scholz aus Breslau, der Deußenss Nachfolger in Kiel wird, ein ganz famoser, ein idealistisch eingestellter Mensch, den ich etwas auf Dich gehetzt habe. Er ist ein naher Freund von Jäger und Spranger und gehört unbedingt in unsern Kreis. Von Kiel aus wird sich vielleicht eine Verbindung zwischen Euch finden lassen.

Herzlichst Dein (CHB)

 

269. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 9.7.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Habe vielen Dank für Deinen Brief. Den Humboldt habe ich schon irgendwo zitiert gelesen. Ich werde ihn zitieren in einem kleinen Aufsatz über die futuwwa-Bünde, den ich gerade niederschreibe. Ich habe darüber einiges in einer persischen Enzyklopädie gefunden, ich habe nur noch keinen rechten Mut, den Aufsatz auch drucken zu lassen, jedenfalls schicke ich ihn Dir erst im Manuskript zu.

Daß Du uns Jäger ausgespannt hast, werde ich Dir nie verzeihen. Er schrieb mir heute einen sehr netten Brief, in dem er mir seinen für uns so bedauerlichen Entschluß mitteilt.

Und nun noch eins. Bitte erledige mir um Gottes Willen den Braß und die Angelegenheit Ahrens, die beide schwer auf mir lasten. Du hast doch das Ahrens’sche Manuskript und meinen Brief dazu bekommen, er ging als Reichsdienstsache an Deine Dienstadresse ab? Braß hat seine Korrektur zurückgeschickt. Ich kann also mit dem Umbrechen anfangen, sobald Du die Fahnen zurückgeschickt hast. Auch Ahrens bedrängt mich schwer.

Für Deine Reise wünsche ich Dir von Herzen alles Gute.

Dein getreuer (gez.) H. Ritter

Handschriftlicher Nachtrag:

Meinhof erzählt mir, daß Meyer (?) in Sachsen mit 200 Mark Monatsgehalt mit 4 Kindern am Verhungern ist. Es ist doch eine Unverschämtheit gegenüber dem Wissenschaftler (?)!

 

270. C .H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin?), 14.7.1919

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Dein Aufsatz über die Futtuwa-Bünde interessiert mich sehr. Es ist allerdings immer schwierig, etwas derartiges zu veröffentlichen. Ob es richtig ist, sehen vier Augen besser als zwei und ich stelle mich Dir für die Prüfung gern zur Verfügung.

Daß ich Euch Jaeger nicht lassen würde, darüber habe ich nie einen Zweifel gelassen. Du weißt, wie gern ich Hamburg fördere, aber Ihr dürft doch nicht alle Rosinen aus unserem Kuchen holen wollen. Jaeger kommt doch in ganz kurzer Zeit nach Berlin und Ihr braucht in Hamburg jetzt einen Mann, der Euch mindestens 5-6 Jahre dort bleibt, um den sterilen Boden einigermaßen tragfähig zu gestalten.

Ich weiß nicht mehr recht, wie mir der Kopf vor Arbeit steht; zur Zeit bin ich mal wieder in Berlin, morgen fahre ich vielleicht wieder nach Weimar. Du wirst ja aus den Zeitungen gelesen haben, daß unser Eingreifen nicht so ganz ohne Wirkung geblieben ist. Es ist einfach furchtbar, daß die Sozialdemokratie in ihrem Doktrinarismus, ihrer Unkenntnis der Verwaltung und ihrem Mangel an Führern die ja in jahrtausende langem Kampfe der katholischen Kirche abgerungenen Rechte des Staates mit einem Federstrich preisgibt. Aber Zentrum ist halt Trumpf und Erzberger Diktator. Die Protestanten haben in ihrer Angst vor Adolf Hoffmann und ähnlichen Möglichkeiten sich für ihre Kirche alle Vorteile vom Staate errungen, ohne dem Staat irgendwelche Rechte zu lassen. Was für den Einen recht war, war für den Andern billig. So hat die katholische Kirche schmunzelnd alle Vorteile mit eingesteckt, die einer evangelischen Landeskirche leicht zu bewilligen waren. In Zukunft wird es niemand hindern können, wenn ein spanischer Mönch Erzbischof von Köln wird oder die gemischtsprachigen Gebiete an der Ostgrenze zu einer polnischen Diözese geschlagen werden usw. usw. Alle Beamten haben gewarnt, aber der Dilettantismus der politischen Machthaber ist jetzt Trumpf auf allen Gebieten. Ich versuche noch einiges zu retten, aber ich sehe schwarz. Hinter allem steht in letzter Linie im Augenblick der Kampf auf Leben und Tod zwischen Preußen und dem Reich. Die Auseinandersetzung muß kommen, aber sie kann sich in freundschaftlichen Formen vollziehen, während die Reichsregierung eine Proletenpolitik für angebracht hält und dadurch eine Mißstimmung erzeugt, die dem so gesunden Unitarismus höchst abträglich ist.

Doch nun zurück zur Sache. Braß werde ich ja jedenfalls noch erledigen. Das Ahrens’sche Manuskript habe ich im Augenblick verlegt, doch werde ich es noch heraussuchen, jedenfalls eilt die Sache ja nicht. Auch darüber schreibe ich noch.

Der gute Unger tut mir herzlich leid, aber Preußen kann in dieser Zeit nicht für alle sorgen, die von ihren Heimatstaaten schlecht behandelt werden. Wir kommen schon selbst kaum durch.

Meine Adresse bleibt zunächst das Ministerium. Vom 1. bis 12. August bin ich in Gelnhausen, Villa Becker, nachher wieder Ministerialadresse.

Nun noch eine wichtige Sache. Ich kann wegen der Urlaubsverschiebung am 5. August nicht in Berlin sein, die Konferenz über die Zeitschriften muß also am 15. August stattfinden, um 11 Uhr im Ministerium. Ich freue mich sehr, dann einen Tag in Ruhe mit Dir zu haben. Richte Dich jedenfalls nicht auf zu kurz. (CHB)

 

271. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 16.7.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Den Futtuwa-Aufsatz habe ich in einer Anwandlung von Mut an die Druckerei geschickt. Ich hatte ihn hier jemanden vorgelesen, der ihn harmlos fand. Jetzt hat aber die Druckerei Anweisung, Dir das Manuskript zuzuschicken. Bitte sei so gut und lies es dann gleich durch. Vielleicht ist er mit einigen Streichungen und Übermalungen doch zu gebrauchen.

Braß und Ahrens mußt Du unbedingt erledigen, ehe Du in die Ferien gehst. So viel Mühe wird es Dir nicht machen. Ich verstehe vollständig Deine Überlastung mit Arbeit, aber ich muß die Rechte des „Islam“ an Dich wie ein Löwe verteidigen.

Deine politischen Mitteilungen waren mir höchst interessant. Nein, die Götter lieben diese Regierung nicht. Dein Kampf gegen die Unbildung der Herrscher muß schrecklich sein. Der getreue Wesir und der übermütige junge Herrscher, der nicht hören will. Ich habe den Kampf in den Zeitungen wohl verfolgt.

Am 15. werde ich dann in Berlin sein.. Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

272. C. H. B. an Hellmut Ritter. Berlin, 18.7.1919

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Schließlich ist es doch über meine Kraft gegangen. Ich war außerstande, Braß fertig zu machen, obwohl ich meine ersten Urlaubstage von morgens früh bis in die Nacht um 1 (Uhr) an der Arbeit gesessen habe. Nun aber hat es mit dem Schlafen aufgehört, und da heißt es gebieterisch Schluß, wenigstens für 8 Tage. Ich fahre heute über Weimar nach Heidelberg, Hotel Viktoria. Wenn es dort einen Tag regnet, werde ich den Braß dort erledigen. Der Islam kann auch einmal auf seinen Begründer warten. Es tut mir ja leid, aber ich kann es nicht ändern. Du kannst mir ja glauben, daß ich das Mögliche leiste.

Deinen Futuwwa-Aufsatz habe ich soeben erhalten und bin sehr gespannt darauf. Das Manuskript Ahrens ist mir irgendwie abhanden gekommen. Vermutlich habe ich es an einem ganz sicheren Ort aufbewahrt; aber jedenfalls kann ich es im Augenblick nicht finden und bin zu nervös, um mich lange darüber aufzuregen.

Adresse bis Dienstag: Heidelberg, Hotel Viktoria, dann Gelnhausen, Villa Becker. (CHB)

 

273. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 24.10.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Anbei sende ich Dir einen Briefwechsel zwischen mir und Dr. Lüdtcke zur Kenntnis und bitte Dich, doch einmal mit ihm die schwelenden Fragen zu besprechen. Dr. Lüdtcke ist eine ganz gute Hetzpeitsche; ihm geht immer alles zu langsam, sowohl das Drucken wie das Organisieren. Aber es ist gut, daß ein solcher Mensch da ist.

Die Heidelberger Hochzeit verlief recht erfreulich und harmonisch. Bezold habe ich leider vergebens versucht zu sprechen. Dagegen habe ich Ruska ausführlich genossen; er macht jetzt ja Politik.

Meine Kollegs hier sind nett besucht; mir geht’s auch sonst ganz gut. Ich hoffe sehr, daß auch Du gesund und nicht zu überladen mit Arbeit bist.

Mit herzlichen Grüßen Dein getreuer (gez.) Ritter.

Handschriftliche Anmerkung:

Franks (?) empfiehlt private Besprechung von Redak.(?). Auch Cohn, Kümmel, FWK Müller und Haenisch eingeladen.24

 

274. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin?), 27.10.1919

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Wenn Du hoffst, daß ich im Augenblick nicht allzu überladen wäre, so ist Deine Hoffnung leider trügerisch. Ich gerade in diesen Wochen anläßlich der Beratung unseres Etats mit gleichzeitiger Tagung der Vorbesprechung der Reichsschulkonferenz und der jetzt noch bevorstehenden Abwesenheit des Ministers derartig überlastet, wie wohl noch kaum vorher und muß alle anderen Pflichten außer den dienstlichen zurückstellen. Es wird also auch dies neue Heft ohne meinen Nachruf herausgehen müssen. Nachdem wir schon sowieso die Nachrufe einmal zurückgestellt haben, schadet es nichts, wenn sie auch noch ein Heft später kommen. Meine Nervenkraft ist im Augenblick ziemlich zu Ende, ich weiß nicht, wie das so weiter gehen kann; denn auch der Minister und die Direktoren sind so abgearbeitet und ständig überlastet, neue Hilfskräfte taugen entweder nichts oder sollen wegen Finanznot nicht eingestellt werden; die Geschäfte aber wachsen täglich, so daß ich wirklich nicht ohne Sorge der Zukunft entgegensehe. Man darf aber den Kopf nicht sinken lassen und das tue ich auch nicht. Man erlebt ja auch immer wieder allerlei erfreuliche Anerkennung, die einem ein Stück weiter hilft. Ich bin bisher im Parlament mit meinen zwei Büchern sehr gut abgeschnitten, muß aber jetzt gerade in der nächsten Zeit endgültig Stellung nehmen zu den wichtigen Reformfragen und diesmal nicht als Privatmann sondern amtlich, und da heißt es, nochmals alles sorgfältig durchdenken.

Unter diesen Umständen kann ich mich auch nicht eingehend um die Verbandssache kümmern. Am Freitag wohnte ich einer Sitzung des Güterbock’schen Konkurrenzverbandes unter dem Vorsitz Eduard Meyers bei, konnte aber nicht die ganze Zeit dabei bleiben; unser Komitee war durch Lüders und Steindorff gut vertreten. Es wurde jedenfalls beschlossen nichts zu unternehmen, ehe nicht unser Zeitschriften-Verband geboren sei. Dann plant man allerdings, diesen Zeitschriften-Verband als eine Abteilung in den großen Verband einzugliedern. Das ist immerhin möglich, obwohl ich mich energisch dafür einsetze, daß die Zeitschriftenerhaltung und überhaupt das Interesse der eigentlichen Gelehrtenarbeit nicht von den mehr peripheren Interessen der großen Vereine, wie D.O.G., Geographische Gesellschaft, Museen usw., erdrückt werden dürften. Jedenfalls ist die Sache im Fluß, und ich glaube, daß die November-Konferenz bald zu guten Resultaten führen wird.

Gegen die Veröffentlichung der Texte zum Heiligen Krieg habe ich nichts einzuwenden. Ich möchte nur noch empfehlen, daß irgendwo angegeben wird, daß diese sämtlichen Urkunden in der Welt des Islam übersetzt und kommentiert sind. Dadurch wird diese nackte Ausgabe der bloßen Texte gerechtfertigt. Das Ganze erscheint dann als reines Verlegerunternehmen ohne Gegenzeichnung durch einen von uns beiden. Zur Einführung dieser Notiz schicke ich Dir den Bogen nochmals zurück.

Von Babinger wirst Du wohl wissen, daß er noch immer leichte Schwierigkeiten mit Jensen hat. Er hat mich alle Briefe lesen lassen, und ich sehe, wie schwierig es ist, mit einem kranken Menschen wie Jensen zu einem klaren Verhältnis zu kommen.

Ich freue mich sehr, Dich bald einmal wiederzusehen. Zu persönlichen Briefen kann ich leider jetzt nicht kommen. Abschrift meines Briefes an Lüdtcke lege ich bei. Eben kommt Deine Karte über Zeid. Mittwoch weiß natürlich besser Bescheid in diesen Dingen als ich. (CHB)

 

275. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 4.2.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

zu meinem Leidwesen erfahre ich, daß Du nicht kommen kannst. Ich hatte mich sehr auf ein Wiedersehen gefreut. So werde ich Dir demnächst brieflich mitteilen, was ich Dir ganz persönlich zu sagen hatte.

Heute will ich Dir nur mitteilen, daß Leroux wieder mit den Lieferungen des „Journal Asiatique“ begonnen hat. In der Liste des Membres für 1919/20 sind die deutschen Professoren ebenso wie unser Seminar aufgeführt. Freilich ist bei den deutschen Ehremitgliedern der unfreundliche Beschluß vom 14. Juni 1917 abgedruckt:

  • « Dans sa séance générale du 14 juin 1917, la Société asiatique a voté la résolution suivante :

En présence des violations du droit, des crimes, des destructions barbares et sans excuse, officiellement constatés à la charge du gouvernement et du commandement allemand, et universellement glorifiés par la presse allemande,

La Société Asiatique, si elle ne peut ni prétend abolir le fait de l’hommage qu’elle a cru devoir rendre à certains mérites scientifiques,

Déclare que, vis-à-vis des ressortissants des nations ennemies dont il n’est pas à sa connaissance qu’ils aient rien fait pour se dégager de leur part dans les responsabilités collectives, il lui est impossible dorénavant de se commettre à aucune relation personnelle ; qu’elle considère donc comme supprimés, en ce qui les concerne, tous les liens effectifs de confraternité attachés en principe au titre de membre honoraire. »

Der « Islam » steht unter den Zeitschriften, die im Austausch geliefert werden. Ich habe daraufhin den beiliegenden Brief geschrieben, der, wie ich denke, auch in Deinem Sinne ist. Wenn die Leute anfangen, haben wir wohl keinen Grund, uns zu weigern.

Einstweilen mit besten Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

Handschriftliche Anmerkung:

G. Jacob hat neuerdings seine Schwester durch den Tod verloren. Willst Du nicht die Gelegenheit benutzen…?

2. Blatt (ohne Datum)

Hast Du irgend welchen Einfluß auf die Notgemeinschaft? Ich habe sie um 1500 Mark gebeten, um die Photographien der wichtigsten Nizami-Handschriften zu bekommen, auf die ich meine Ausgabe aufbauen möchte. Man hat mir prinzipiell zustimmende geantwortet und um die Angabe der Summe gebeten. Ich habe dann 1500 Mark angegeben, aber dann noch keine Antwort wieder erhalten.

Mit bestem Gruß Dein (gez.) Ritter

 

276. Hellmut Ritter an C. H.B. (Hamburg), 8.3.1920

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Anbei hast Du die Ausarbeitung des Futuwwaaufsätzchens. Ich hoffe, Du wirst es auch diesmal nicht an Kritik fehlen lassen und mir Deine Meinung deutlich schreiben.

Im Islam bin ich besorgt um die Referate über Herzfelds … Beiträge, überhaupt die ganze Archäologie, die Du früher mitbesprachest. Seit er weg ist, liegt überhaupt ein Hauptzweig der Forschung vollständig brach.

Martensen hat seine einzige Tochter, an der er sehr hing, verloren. Er ist wirklich ein armer Kerl! Laß mich nicht allzulang auf Antwort warten und sei herzlich gegrüßt

von Deinem treuen H. Ritter.

 

277. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 9.3.1920

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Du weißt, das Babinger mancherlei Schwierigkeiten bei Jensen zu überwinden hat. Er ließ nun seine Post über mich gehen, und nun habe ich auch noch zur Verzögerung beigetragen dadurch, daß ich einige Briefe von Babinger versehentlich liegen ließ. Gleichzeitig schrieb mir Jensen einliegenden Brief, den ich, wie ebenfalls beigefügt, beantwortet habe. Bitte schreibe Du ihm nun auch ein paar Worte. Wir können nicht gut eine Arbeit von Jensen ablehnen, aber ich bitte Dich, ihn aus technischen Gesichtspunkten heraus unbedingt auf den halben Bogen festzulegen.

Ich kann zur zeit mich weder um Goldziher-Festschrift, noch um Orientverband kümmern, obwohl ich merke, daß namentlich letztere Angelegenheit ohne mich eben doch nicht vorwärts kommt. Das ist mir eine recht schmerzliche Erkenntnis. Ich bin blödsinnig überlastet, namentlich da ich neuerdings auch im Reichsrat und im Reichstag beschäftigt bin, seitdem auch das Reich Schulgesetze ma