Hellmut Ritter, 1913-33

VI.HA. Nl. C. H. Becker. Nr. 3521

Briefwechsel Beckers mit dem Orientalisten Hellmut Ritter1 1913-1933 (bis 1936 mit Hedwig Becker fortgeführt) – Briefe und Tagebuchberichte.

225. Hellmut Ritter an C. H. B. Stambul, 19.1.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor!

Nun bin ich schon seit etlichen Tagen hier und habe Zeit, etwas über meine Reise zu berichten

Mein Reisegefährte Leutnant Klinghardt, war Dienstag endlich gesund und so sind wir fröhlich abgedampft. Schlagwagen leider ausverkauft, so fuhr ich zwischen galizischen Juden die ganze Nacht hindurch. Fabelhaft, was in Österreich für eine unbeshreibliche Begeisterung für unser Heer und unsern Kaiser, den man sich im Volke durchaus als den genialen Führer des Ganzen vorstellt, herrscht. Ich höre noch die Galizier: „Ich bitte, Härr, wenn ich sehe einen Daitschen, so wird mir leicht ums Herz. Härr, jeder von unsere Lait gibt seinen Kopf für jeden daitschen Soldaten. Sie können kommen uns nehmen, was Sie wollen, wir geben alles her.“ Ein Ungar wollte seine Reiseroute ändern, nur, um uns am Bukarester Bahnhof behilflich sein zu können. So ist die Stimmung überall. In Ungarn sah ich bayerische Artillerie, die den Österreichern wohl gegen Serbien helfen soll. Die Leute wurden von den guten Menschen fast auf den Händen getragen, wußten sich gar nicht zu retten vor lauter Liebesbezeugungen. Ich ließ meine Galizier natürlich nicht merken, daß ich auch einer von diesen Halbgöttern sei, ließ vielmehr das ganze Lobgetön mit behaglicher Freude über mich ergehen. Unterwegs gesellte sich ein Offizier von der polnischen Legion zu uns, der mir recht gut gefallen hat. 50 000 Polen sollen ja mit uns gegen Rußland kämpfen. Österreich hat ja Recht uns zu loben. Man hat ein Rätsel gemacht: „Worin besteht die militärische Überlegenheit Österreich-Ungarns über Deutschland?- Es hat einen besseren Bundesgenossen.“

Freilich kann man von dem in so viel Nationalitäten zersplitterten Land nicht allzuviel erwarten. Wieviel Verräter mußten erst aus dem Heer entfernt werden, ehe man ausrücken konnte! Auch das Offizierkorps ist mit unserem nicht zu vergleichen. „Ja, wenn wir deutsche Offiziere hätten!“ hörte ich sagen. Man macht sich doch bei uns keine Vorstellung von den Schwierigkeiten der inneren Organisation bei diesem bunten Heere. Glänzend sollen die Ungarn sein. Auch wir hatten den Eindruck einer vortrefflichen Geschlossenheit der Stimmung in Ungarn. Mit einem ungarischen Offizier sprach ich über das Pech in Serbien. Er sagte folgendes:

Die Österreicher waren siegreich, hatten aber keinerlei Reserven, und als die Truppe todmüde waren, warfen ihnen die Serben 2 ganz frische Armeekorps entgegen, die bis dahin an der rumänischen Grenze untätig gelegen hatten, um einem eventuellen Angriff der Rumänen begegnen zu können; die waren nun bei Rumäniens neutraler Haltung frei geworden und hatten natürlich nun leichtes Spiel.“ Doch ist bereits ein neuer Angriff, scheinbar mit deutscher Hilfe, im Werke, von dem man sich viel verspricht. So viel scheint mir deutlich, daß das Erscheinen unserer Soldaten enthusiasmierend wirken wird.

Leider war weder in Wien, noch in Budapest Aufenthalt möglich. Erst in Bukarest sind wir über Nacht geblieben. Ein unerfreuliches Nest, präsentierte sich dazu noch im Schneematsch, so daß wir keine gute Erinnerung daran haben. Auch die Bevölkerung gefiel uns nicht. Ein Flegel, der in Deutschland den Dr. gemacht hat, suchte jede Gelegenheit, sich gegen uns zu stellen. Er war ein paar mal festgehalten worden, wohl wegen Spionageverdachtes, und ließ nun seine Wut an uns aus.„Ich habe es satt mit die Deutschen! Deutsche Kultur! Barbaren sind das. Etc.“ Das ein Mann, der bei uns studiert hat!

In Bukarest trafen wir einen dort ansässigen Landsmann. Den fragten wir nach der Stimmung im Lande. Er sagte, es wäre an sich gar nicht so schlimm, nur wäre das Volk durch die Presse aufgehetzt. Warum die Presse gegen uns wäre? Weil die deutsche Bestechung nicht funktioniert hätte. Der betreffende tüchtige Vertreter hat in den Zeitungen in echt bürokratischer Weise eine Quittung für die Bestechungssumme verlangt (!), was die natürlich verweigerten. Dagegen ist der Rubel reichlich geflossen. Volksstimmungen sind eben käuflich in diesen Ländern, und unsere Feinde kennen sich auf diesem Markt besser aus als wir.

Rustschuk (Bulgarien). Die ersten türkischen Laute. Arabagy! Ein Kutscher im Fes fährt uns nach einem deutschen Lokal, wo wir uns etwas restaurieren. Auf dem Rückweg zum Bahnhof sehen wir bulgarisches Militär mit schaurigem Gesang in die Kaserne marschieren. Vortreffliche Haltung, sehr viel erfreulicher als in Rumänien.

Dann weiter im Schlafwagen. Morgens beim Kaffee sieht man sich im Speisewagen um und entdeckt zu seinem Vergnügen, daß der ganze Zug voller Deutscher sitzt. Der Schaffner belehrt uns, das ginge nun seit Wochen so. Es müssen sich geradezu unverschämt viele sich durchgeschlängelt haben. Jeder Mensch in Bukarest oder irgendeinem Bahnhof, mit dem man sprach, sagte sofort:„Sie sind natürlich deutscher Offizier und fahren nach Konstantinopel.“

Auch die rumänischen Offiziere wußten genau Bescheid, doch drückten sie verständigerweise die Augen zu. Solange die zivile Form gewahrt wird, können sie ja auch nichts machen. Mit einigen der deutschen Herren haben wir Beziehungen angeknüpft. Ein interessanter Mann war dabei, Kapitän der Rickmerslinie, geboren und erzogen in Odessa, mit einem so fabelhaft internationalen Gesicht, daß kein Mensch ihn für einen Deutschen halten wird. Er war bei Ausbruch des Krieges in Wladiwostok und ist mit lauter falschen Pässen über China, Japan Amerika nach Hamburg und nun nach dem Orient gekommen, um dort irgendwie sich zu betätigen. Er hat russische und japanische Gefangenenlager gesehen. Die russischen sind nach ihm schlecht, dagegen die japanischen glänzend.


Ankunft in der Türkei


Als wir endlich die Grenzpfähle der Dewletti alijje überschritten, war es mit dem Schnee vorbei. Adrianopel bot sich uns im schönsten Sonnenschein dar: Türkische Offiziere, vortrefflich gekleidete Soldaten, schreiende Jungens, mit dem osmanischen Lloyd und ein buntes Völkergemisch, sowie eine kleine Entgleisung unseres Zuges auf den verwahrlosten Schienen versetzten uns in den Orient. Nach einer Stunde Verspätung , Nachts, kamen wir in dem ersehnten Cospoli an. Eine tolle Wagenfahrt brachte uns ins Hotel. Es war ein Wettrennen zwischen 2 Wagen, das bei dem schlechten Pflaster und der Abwesenheit jeglicher Bremse in den steilsten Straßen beinahe lebensgefährlich erschien. Gewiß wollten die wackeren Männer so ihren Eifer für die Sache bestätigen.

Das Hotel Pera hat mit unsern Hotels ersten Ranges wenig mehr als die hohen Preise gemein. Bummelige griechische Kellner etc. Doch das verschwindet alles, sobald man das Fenster auftut und das von der Morgensonne beleuchtete Goldene Horn und das unvergleichliche Stambul dem entzückten Auge zu genießen gibt. Es ist unbeschreiblich schön. Ich hatte gleich die größte Lust, sofort in die Herrlichkeit hineinzutauchen, aber die Pflicht ging vor.

Major, jetzt Oberstleutnant Schwabe, ist ein sehr freundlicher und angenehmer Vorgesetzter. Auch die anderen Herren gefallen mir, bis auf eine Ausnahme, recht gut. Natürlich, es sind deutsche Offiziere und besonders deutsche Leutnants. Aber ich bin recht froh über meine Reisegesellschaft.

Meine Sache regelt sich ziemlich schnell. Da man mich nicht so schnell zum Offizier machen konnte, ich aber andererseits nicht als Unteroffizier herumlaufen konnte, hat man mich allen militärischen Schmuckes beraubt, und ich fahre als Zivil-Dragoman in einem Anzug, der gewissermaßen eine Synthese aus Uniform und Zivil darstellt. Übrigens habe ich die Stellung und das Gehalt eines Leutnants. Das ist mir ganz sympathisch.

In diesen Tagen ist leider noch reichlich viel zu ordnen und zu besprechen, so daß meine

Gelüste, Stambul zu genießen, etwas gezähmt werden müssen. Immerhin haben wir auf einer Pinasse der Loreley uns den Bosporus angesehen und in dem Garten der Gesandtschaft gelustwandelt. Köstlich! Höchst merkwürdig wirkt es, wenn mitten in dem Gewühl von Orientalen plötzlich so ein paar Prachtmenschen von deutschen Matrosen herumlaufen, zu deren frischen Gesichtern der Türkenfes gar nicht recht passen will.

Gestern Mittag habe ich mich endlich frei gemacht, um einen Gang nach Stambul zu unternehmen. Nicht ohne einige Befangenheit betrat ich, die Schuhe abgezogen, die Jeni walide Gámi. Vier Gläubige verrichteten hinter irgendeinem Chodscha ihr Gebet. Ich fühlte mich äußerst beklommen. Der Abstand zwischen theoretischer Buchkenntnis und praktischer Übung erschien mir in seiner ganzen Größe.

Gibt es Orientalisten außer Snouck, die all’ das beherrschen, verstehen? Wie schön, wenn man Gelegenheit hat, wie er, an Ort und Stelle zu studieren. So lange man das nicht getan hat, wird einen der Muslim doch gewiß stets als Ignoranten behandeln. Kurz, ich ging etwas bedrückt weiter. Ein Angriff auf die Agra scheiterte vorläufig, da die Sonne unterging und der Diener mich nicht mehr hineinlassen wollte. So bin ich nach dem Azàn noch etwas herumgeschlendert. Ein paar neugierige Effendis redeten mich an und zwangen mich, mein Türkisch zu erproben. Ich fühlte mich doch noch etwas unbehaglich darin; wie froh war ich, als ich an einem Buchladen vorbeikam, dessen Inhaber natürlich Perser war. Sofort war ich im Bilde. Ein langer Schwatz entspann sich, so daß es stockdunkel war, als ich ging. Spät abends langte ich am Wasser an, setzte mich in einen gayq und ließ mich über das Goldene Horn hinüberfahren. So oft mein gayqschy die Ruder eintauchte, verwandelte sich das Wasser in glänzendes Metall. Eine Furche von flüssigem Silber bezeichnete den Weg, den das Boot gefahren hatte – das erste Meeresleuchten, das ich gesehen habe!

Herrn F.F. Schmidt habe ich aufgesucht und den Auftrag ausgerichtet.. Er will heute mit mir auf den Bazar gehen. Es ist alles spottbillig. Der Handel ist sehr geschädigt durch den Krieg.

Demnächst mehr.

Mit herzlichen Grüßen an alle Leser dieses Briefes Euer Hellmut Ritter.

Anmerkung: Lieber Herr Professor, bitte, schicken Sie diesen Brief an meine Eltern. Von dort soll er an Bruder Gerhard und von da ins Feld kommen. Dort ist man natürlich auch neugierig, was mit mir los ist.

 

226. Hellmut Ritter an seine Eltern Bosanti, 28.1.1915

(Maschinenkopie für C.H.B.)

Liebe Eltern!

Vorgestern sind wir hier angekommen. Leider habe ich Konstantinopel nicht mehr recht genießen können, weil noch so viel zu packen und vorzubereiten war, daß mir wenig Zeit blieb. Nur die Agia Sophia und das Armeemuseum im Serailgarten habe ich mir ansehen können. Ich schrieb schon, welche großartige Wirkung die Sophienkirche auf mich ausgeübt hat. Auch die Offiziere waren sich darin einig, daß sie selten einen so starken Eindruck erhalten hätten, wie bei der Betrachtung dieses einzigen Baues.

Dann kam eine etwas öde Fahrt auf der Anatolischen Bahn. Rechts und links dehnt sich ungeheures, leeres Gelände aus, das in seiner Menschenleere etwas Unheimliches hat. Anfangs erquickte noch der Ausblick auf den Golf von Ismid, dann aber kam eine lange eintönige Fahrt, bis endlich sich eine unbeschreiblich schöne Alpenlandschaft vor uns auftat: der Taurus. Hier weiß ja auch Christiane Bescheid. Sonnenbeschienene, schneebedeckte Bergzipfel, bewachsen mit grünem Nadelholz. Hier auf der Station ein buntes, malerisches Gewimmel von Karawanen, Kamelen, Ochsen, Soldaten, Zelten und Kutschern: denn hier ist die große Umladestelle. Die Bahn geht zwar noch eine Station weiter, doch beginnt hier die alte Paßstraße, und man tut am besten, schon von hier die Ochsenwagen oder Pferdewagen zum Transport nach Hulek oder Tarsus zu benutzen. Leider haben wir so maßlos viel Gepäck, daß wir in mehreren Transporten gehen müssen. Die Herren sind schon heute Morgen losgefahren, 2 Offiziere und ich haben die große Bagage nachzuschaffen. Natürlich geht das nicht ohne Schwierigkeiten mit dem Bahnhofskommandanten, einem türkischen Oberstleutnant, was nicht gerade an diesem zu liegen braucht… ich dolmetsche, so gut ich kann.

Ich habe eigentlich bis jetzt gute Eindrücke von der Organisation, es klappt alles in überraschender Weise. Landeskenner konstatieren tatsächliche Fortschritte.

Gestern haben wir in einem recht primitiven Kaffeehaus Kaisers Geburtstag gefeiert mit eigens dazu mitgeführtem Sekt. Abwechselnd wurden die beiden Kaiser und der Sultan hochleben gelassen, auch die merkwürdige Tatsache gewürdigt, daß in diesem Jahre Muhammeds und Kaiser Wilhelms Geburtstag zusammenfällt.

Unser Oberstleutnant ist zu meiner Freude sehr geschickt in der Behandlung der Leute, schlimmer wird’s, wenn die jüngeren Leute das Kommando haben und zu kommandieren anfangen. Na, es wird alles gehen.

Wir sammeln uns in Tarsus, um dann nach Adana zu kommen. Dabei werde ich Christianes Andenken pflegen.

Genaue Nachrichten über die Erfolge der türkischen Armee gibt’s hier auch nicht. Im Kaukasus soll es wirklich recht mäßig stehen. Gemáls Operationen sollen „sich einstweilen in dem Rahmen größerer Demonstrationen halten“.

Man wird ja sehen.

Mit vielen Grüßen Euer Hellmut.

Anmerkung: Ich war sehr froh, noch in K(onstantinopel) Vaters und Herrn Prof. Beckers zu erhalten. Bitte laßt auch diesen Brief die Runde machen.

 

227. C. H. B. an Metropolitan2 Ritter, Niederzwehren bei Kassel. (Bonn), 4.2.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Metropolitan!

Gestern empfing ich zwei Briefe von Ihrem Sohn Hellmut, von denen ich den einen wunschgemäß weitergebe. Ich habe mit Ihrem Sohn ausgemacht, daß ich seine Briefe immer abschreiben lasse, damit ich seine Nachrichten behalten kann und dafür das Original sende. Um Ihren Sohn im Felde nicht allzulange warten zu lassen, schicke ich einen Durchschlag meiner Abschrift direkt an ihn. Sie können also den für sie auch wertvollen Brief Ihres Sohnes in Deutschland behalten.

Bei unserem letzten Zusammentreffen in Berlin, von dem Ihnen Ihr Sohn Gerhard wohl berichtet haben wird, haben wir auch verabredet, daß ich unserem Reisenden für eventuelle Privatausgaben einen Kreditbrief zur Verfügung stellen solle. Ich habe das getan und werde Ihnen jedesmal Mitteilung zukommen lassen, wenn ein Betrag fällig wird. Da Hellmut aber Offiziersgehalt bekommt, wird es wohl nicht so oft vorkommen, wie er anfangs als Unteroffizier befürchtete.

Auf den Adressen ist er hinfort nicht mehr als Unteroffizier, sondern als Dragoman zu bezeichnen.

Mit verehrungsvoller Empfehlung Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (CHB)

 

228. C. H. B. an Metropolitan Ritter (Bonn), 8.2.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Metropolitan!

Verbindlichen Dank für Ihren freundlichen Brief vom 5., der sich offenbar mit dem meinigen vom 4. gekreuzt hat. Ich hoffe, Sie haben sicher über den schönen Brief Ihres Hellmut ebenso viel Freude gehabt wie ich.

Da Sie sich so offen über Ihren Sohn aussprechen, möchte ich Ihnen gern versichern, daß ich vollkommen im Bilde bin. Von der ersten Woche unserer Hamburger Zusammenarbeit habe ich nicht nur von der wissenschaftlichen, sondern auch vor allem von der menschlichen Seite her auf ihn zu wirken versucht, und er hat mir auch öfters sein volles Verständnis in diesem Punkte ausgesprochen. Er weiß genau, wo die Hemmungen seiner Natur liegen; aber sie sind oft stärker als der beste Wille. Auch mir war es eine große Überraschung zu sehen, wie völlig anders Ihr Sohn Gerhard geartet ist und wieviel leichter diesem natürlich liebenswürdigen Menschen die Welt fallen muß. Bei Hellmut kann man wohl sagen: il a les vices de ses vertues, d.h. seine ungemein gründliche und arbeitskräftige Natur nimmt es eben überhaupt schwer, auch mit den Äußerlichkeiten des Lebens. Ich habe manch merkwürdiges Erlebnis mit ihm in dieser Hinsicht gehabt; aber da ich viel Verständnis für so schwierige Naturen habe, sind wir immer glücklich über solche Momente hinweggekommen, und ich habe jetzt das Gefühl, daß sich Hellmut auch in menschlichen Dingen auf mich verläßt. Vor seiner Abreise gab ich ihm noch den Wink, recht auf seinen Zivilanzug bedacht zu sein, da unsere Offiziere im täglichen Umgang Gewicht darauf legen. Er hat das auch willig anerkannt. Er hat noch ungemein viel zu lernen, und Sie haben ja so Recht, daß seine jetzige Stellung ihm dabei große Dienste leisten wird. Er ist so gescheit, daß er sich die leichteren äußeren Lebensformen gewiß aneignen wird. Seine innerliche Schwere wird er aber wohl kaum überwinden, da an dieser wohl weniger manche traurige Jugendeindrücke, von denen er gelegentlich gesprochen hat, als vielmehr eine natürliche Veranlagung Schuld ist. Bei seiner Tüchtigkeit aber kann man beruhigt sein, daß seine wachsende Leistung ihm auch bei allen Selbstansprüchen eine innere Lebensharmonie verschaffen wird.

Besondere Freude machte es mir, auch Ihren Sohn Gerhard kennen zu lernen, den Sie bitte gelegentlich freundlich von mir grüßen wollen.

Hoffentlich bekommen Sie von Ihren in Ost und West kämpfenden Söhnen dauernd gute Nachrichten.

Mit bester Empfehlung Ihr Sie aufrichtig verehrender (CHB).

 

229. Tagebuch Hellmut Ritters. Osmanijje, 2.2.1915

(Maschinenkopie)

Ich habe die Reisekasse. Eine schreckliche Aufgabe. Erst mal die verschiedenen Kurse! In Stambul kriegt man für einen Pfundschein 108 Piaster, in Adana 102 ½ , in Aleppo etwa 124!

Der Megidi gilt in Stambul 20, in Adana 19, hier 18, in Aleppo 23. Nach welchem Kurs soll ich nun die Piaster addieren. Aber nicht genug. Wechsele ich z. B. hier das Pfund in Megidis, so bekomme ich 107 ½ Piaster, wechsele ich in Scheidemünze, so gibt’s nur 102. Die Buchführung soll in Goldpiastern, von denen 100 auf ein Pfund gehen, geführt werden, aber bei der Umrechnung der gewöhnlichen Piaster in Goldpiaster gibt’s immer Unstimmigkeiten. Eine hoffnungslose Rechnerei, von der man sich bei uns auch keine entfernte Vorstellung macht. In Aleppo hat die Münze höhere Kaufkraft als ihr offizieller Wert. Verlangt jemand 5 Piaster, so gibt man 4 Piasterstücke, und die Rechnung stimmt!! Der Brauch wechselt mit jedem Kilometer.

Kurz vor dem Aufbruch von dem Gor Ali Chan brachte man mir einen in sehr elegantem Türkisch geschriebenen Brief eines türkischen Oberleutnants in Bosanti, der mich dort zu einem türkischen Abendessen eingeladen hatte, namens Saladdin. Ich habe einfach gestaunt über die Mannigfaltigkeit und den angenehmen Geschmack der türkischen Küche. Dort weiß man aus Eiern, Milch und orientalischem Gemüse die köstlichsten Gerichte herzustellen. Man ißt von einer Schüssel an der Hand eines auf die Gabel gespießten Stück Brotes. Früchte jeder Art sind sinnlos billig. Fleisch und Getreide stehen dank mangelnder Ausfuhr, ebenso wie Teppiche, sehr niedrig im Preis. Hier in Osmanjje kostet das Oka (4/5 kg) Fleisch 4 Piaster. Sehr schwierig ist es, sich durch die Unsumme von Namen türkischer Gerichte hindurchzufinden.

Unsere Kutscher, die mit dem durch die Ochsenwagen gebotenen langsamen Reisetempo keineswegs zufrieden waren, drängten zum Aufbruch, und so ging’s weiter. Im Jeni Chan wurde bulgur gegessen, dann kam mit der schönste Teil der Fahrt. Gegen Abend konnten wir die Ebene bei Tarsus ganz übersehen, begrenzt von dem Meere im Hintergrunde, ein ganz herrlicher Anblick.- Die Dörfer, die an der Straße liegen, müssen den Weg bessern. Wir sahen mehrfach an einer Stelle die ganze männliche Bevölkerung eines Dorfes, vom kalija (Schulzen) kommandiert, Steine klopfen und herbeischaffen. Eine sehr billige Arbeitskraft, sie kostet der Regierung nichts als einen Befehl. Am Wege mehrfach mit Lappen behängte Büsche – sytma zijáreti – dort holt man sich Heilung vom Fieber. Auch zwei chinesische Mekkapilger begegneten uns; sie kommen jetzt scharenweise aus dem Higas nach Stambul, wohl weil ihnen der Seeweg nach Hause abgeschnitten ist oder aus panislamischer Begeisterung? Ich muß noch Näheres feststellen.

Abends Ankunft in der Stadt Pauli, Tarsus. Kleines, niedliches Städtchen, im Sommer recht heiß, in dieser Jahreszeit angenehm warm. Das Hotel ersten Ranges ist jetzt „Stambul“, allwo wir nächtigen. Abends lud uns sofort ein dort ansässiger deutscher Baumwollfabrikant namens Farnow ein, der aus Begeisterung allen deutsche durchreisenden deutschen Offizieren FC3 gewährt. Ich saß bei Tisch neben einem Arzt vom „Roten Halbmond“, namens (arab. Schrift), der einige Artikel im Turk Jurdu verbrochen zu haben behauptet. Er zeigte mir ein von ihm verfaßtes Werbeflugblatt für den „Roten Halbmond“, ganz im Stil der Turk-Jurdu-Leute, appellierend an das Nationalgefühl, Parole: ben türk im etc. Im Verlauf der Unterhaltung erschien ihm das Türkische trotzdem nicht ganz der Würde des Gegenstandes zu entsprechen, er ging zum ägyptisch-arabischen über. Bald gab er sich nochmals einen Ruck, fuhr mit dem Flugzeug seines Geistes steil empor, und alsbald strahlte der Glanz des klassischen Arabisch, mit allem Schmuck des irab (?) versehen, auf mich herab. Jeder anständige Mensch scheint hier arabisch zu können, mit den Buchhändlern rede ich überhaupt nur nahwý, soweit das in meinen schwachen Kräften steht.

Nachdem das unendliche Gepäck von den 15 Ochsenwagen abgeladen war und die arabagys sich endlich mit ihrem Bachschisch verdrückt hatten, ging’s weiter mit der Bahn über Adana (leider keine Zeit zum Aussteigen) nach Osmanjje. Die Bahn über Alexandrette ist unbrauchbar, weil sie von englischen Schiffen dauernd unter Feuer gehalten wird. Von hier aus über den Amanus wird’s mit Lastpferden weitergehen bis wir in Radja die Bahn wieder erreichen. Die Etappe funktioniert glänzend. Wenn man bedenkt, daß man zum Transport eines einzigen Waggons voll Gepäck an die 70 Tragtiere nötig sind, staunt man, wie relativ schnell die Massen von Kriegsgerät weiter transportiert werden. Unterwegs trafen wir übrigens ganze Karawanen von Kamelen, die Massen von Rohkupfer, in Anatolien gewonnen, an die Bahn brachten. Es wird wohl zumeist nach Essen wandern.

Hoffentlich geht’s morgen weiter, denn hier in Osmanjje ist relativ wenig los. Momentan sitze ich im Konferenzzimmer der hiesigen Zweigstelle des Bundes für nationale Verteidigung (arab.Umschrift) und versuche, meine Rechnerei in Ordnung zu bringen. Dieser Bund soll allerlei Tüchtiges geleistet haben, viele Soldaten haben durch ihn Liebesgaben empfangen. In Stambul bestehen noch mehrere derartige nationale Vereinigungen von größerer oder geringerer Bedeutung.

Hasan Begli, Amanuspaß, 4.2.1915

Diesmal ging’s mit Tragtieren weiter, 92 Pferde, 20-30 Kamele; denn der Weg ist nicht fahrbar. Man sagt, in Belgien seien schlechte Wege gewesen. Irrtum. Dort gibt’s sozusagen nur Asphaltstraßen. Man stelle sich einen mit dem Dampfpflug aufgerissenen Acker vor, die Furchen mit Wasser und Steinen gefüllt. Das ist der Amanuspaß in dieser Jahreszeit. Die Gegend ist sehr schön, leider regnete es ganz ungeheuerlich, so daß wir in ziemlich traurigem Zustande ankamen, dazu bei Dunkelheit. Es war eine tüchtige Leistung. 37 km barfuß durch den Morast, ohne Aufenthalt, ohne Nahrung – das macht kein deutscher Infanterist unsern Pferdetreibern nach. Die armen Tiere können einem auch leid tun. Halb so groß wie unsere Pferde, müssen sie 2 Eisenkisten und den Reiter tragen bei einer Tagesration von 2 kg Gerste. Abgesattelt werden sie scheint’s überhaupt nicht. Mit großen Schwierigkeiten wurden die sehr erschöpften Leute untergebracht. Der Etappenkommandeur, ein türkischer Hauptmann, funktionierte nicht besonders und ließ sich sehr nötigen. Das trotzdem alles funktionierte, ist fabelhaft bei diesen Verhältnissen. Das Dorf Hasan Begli liegt sehr schön, oben eine verfallene Burg.

Im Kaffeehaus wäre mir ein nicht sehr appetitlicher Türke fast um den Hals gefallen aus lauter Begeisterung über Deutschland. Auch ein frisch aus Mekka kommender Hodscha äußerte sich sehr begeistert über die Laterne, die der Kaiser für das Grab Saladdins arbeiten läßt. Diese kleine Aufmerksamkeit hat ganz ungeheuer gewirkt. Überhaupt der Kaiser! Seine Person ist die beste Vertretung im Orient (vielleicht auch im sonstigen Auslande?). Er ist ungemein populär.

Jsláhijje, 5.2.1915

Wir wohnen hier im Hause eines reichen Haggis, der aus Begeisterung sein Haus allen durchziehenden deutschen Offizieren zur Verfügung stellt. Kleine Kämpfe, unsere Leute wollen sich nicht daran gewöhnen, in den Zimmern die Stiefel auszuziehen.

Der Ritt von Hasan Begli hierher war besser als der vorige, aber doch übel genug. Unterwegs mehrere Burgen und kleine Dörfer, recht malerisch. Heute endlich Sonnenschein!

Heri Deri, 8.2.1915

Der Gesamtweg von Osmanijje bis Ragú ist folgender: 1. Tag Osmanijje – Hasan Begli 37 km, dazwischen, 15 km von Osmanijje Kanli kisid, dort kann man zur Not die Nacht bleiben, wenn man Hasan Begli nicht erreichen kann. Unterwegs zwischen diesem und Hasan Begli ein kleines Dorf rechts unten am Abhang, namens Bari, auch Ayzyl Dere genannt. Unterkunft schlecht. In Hasan Begli Unterkunft. Jetzt Etappenstation unter einem Hauptmann. Von dort gehen zwei Wege nach Islahidje: Ein kurzer schmaler, rechts ab, gleich den Ruinenberg hinauf, führt in 4-5 Stunden, unter Umständen auch schneller, nach Islahidje. Der lange, für größere Karawanen geeignet, führt über Jutilli, 4 Stunden von Hasan Begli. Dort wohnt Herr Köppel, deutscher Ingenieur (Sitz der Kompagnie Holzmann, gute Unterkunft), von dort noch 3 Stunden nach Jslahijje. Jslahijje ist Hauptort eines Qazá. Von da über Meidan (kleines Dörfchen) nach Qazababa. Auch da ist nichts los. Wir wohnten bei einem deutschen Ingenieur namens Neidauer, der an der Bagdadbahn baut. Die Etappenstation liegt etwas weiter zurück, 6 Stunden hinter Jslahijje, etwas rechts abseits vom Wege, erbärmlich, ein paar Häuser. Von Qarababa nach Ragú 3 Stunden. Wir blieben bei den deutschen Ingenieuren. Auf der Station Heri Deri, etwa auf halbem Wege, hoch auf dem Berge bei der großen Eisenbahnbrücke gelegen, mit wundervoller Aussicht. Von Ragú bis hierher liegen schon die Schienen. Der Damm ist bis hinter Jslahijje zurück fertig. In Ragú keine Unterkunft, oben am Berg Militärstation. Mit Pferden im ganzen drei Tage, mit Kamelen fünf. Es gibt auch einen direkteren Weg Osmanijje – Ragú, zu dem zwei Tage nötig sind. Den ist der Oberstleutnant gezogen.

In Jslahijje hatten wir Gelegenheit, die Stimmung der Bevölkerung kennen zu lernen. Gerade als wir im Hause unseres Gastwirtes ein entzückendes Frühstück à la Turka einnahmen, kam plötzlich atemlos ein Gendarm angelaufen mit einem Telegramm, das die Überschreitung des Suezkanals und die Versenkung dreier englischer Kreuzer durch die Türken meldete. Wir waren etwas ungläubig, doch war es ein offizielles Telegramm. Alsbald begann ein wahnsinniges Freudegeschrei im Dorf. Gewehre wurden abgeschossen, die ganze Einwohnerschaft veranstaltete einen gewaltigen Umzug mit Pauken und Klarinetten und langte schließlich vor unserem Quartier an. Die Honoratioren samt dem Chodscha des Ortes baute sich auf dem Balkon an der Türe auf und wollten uns gratulieren. Als wir herunterkamen, hielt der betreffende Kommandant eine zündende türkische Ansprache, und ein Greis begann danach zu schreien: jassy alemán, jasasyn pádisáh etc. Alles stimmte begeistert ein und vollführte ein gewaltiges Händegeklatsch. Major Rabius antwortete auf deutsch und ließ den Sultan und die türkische Armee hochleben. Dann ging der Umzug weiter. Als wir nachher wegritten, stand das ganze Dorf aufgebaut und begrüßte uns mit tollem Händeklatschen und jásyn alemán. Der Greis, der vorher das Hoch ausgebracht hatte, versicherte uns, seine Frau hörte nicht auf, täglich für die Deutschen zu beten.

Ich war erstaunt und erfreut über die allgemeine Begeisterung. Es wäre wundervoll, wenn auch im Süden die Sache so einschlüge. Könnte es nicht ein zweiter Mahdifeldzug werden? Ein populares Heer kann ja im Orient schnell lawinenartig anwachsen.

Etwa 5/4 Stunden hinter Jslahijje stießen wir auf ein altes Gräberfeld, das ich photographiert habe, dicht am Bahndamm. Inschriften waren nicht da. Dort finden sich auf manchen Steinen eigentümliche Zeichen, z. B. U, (wie eine „Fliege“, wie Citronen-Symbol) und andere.

Die Eingeborenen nennen den Platz UzunZabir und sagen, er stamme aus der Heidenzeit (küffár güni ?) In der Nähe, weiter links, auch Trümmer einer alten Stadt, von den Eingeborenen, wenn ich recht gehört habe, Gorcinlik genannt. Bei Intilli fängt man jetzt auch mit Erfolg an auszugraben.

Bei Meidan, rechts vom Wege, findet sich ein ähnlicher Friedhof.

Hier in Heri Deri trafen wir nur einen alten Werkmeister, namens Walzer. Die Ingenieure sollen in diesen Tagen kommen, um den Brückenbau wieder mit beschleunigtem Tempo aufzunehmen. Der Werkmeister hat rechte Not mit den kurdischen Soldaten und Wächtern. Sie haben ihn bestohlen, auch ist er einmal überfallen worden. Von hier aus führt ein Bergpfad nach Ragú. Auf halbem Wege saß eine kurdische Gesellschaft, Weiber und Kinder, die große Wäsche abhielt, gewiß ein sehr nützliches Unternehmen. Meinen kleinen Wegführer habe ich getypt4 und gedenke dasselbe mit einem kurdischen Manne zu tun, der sich zu diesem Zweck in seinen besten Staat geworfen hat.

Gjok Ali Chan, (Mitte Februar?) 1915

Heute morgen Aufbruch mit ca. 10 Büffelwagen und zwei Personenkutschen nach dem

Tauruspaß. Unbeschreiblich schöne Fahrt. Ein Schwelgen Natur und Volk zugleich. Neben mir sitzt mein Dragoman und versucht mir einiges Türkisch beizubringen.

Links am Wagen taucht ein Kastell auf, wie mich der Kutscher belehrt, von Isma’il Pascha gebaut. Gegenüber rechts ein anderes, älteres. Dann die Kilikischen Tore, dahinter in einem hübsch gelegenen Chan machen wir, d.i. mein Dolmetscher, der Bursche und ich, Rast und warten auf die Ochsenwagen, die sehr viel langsamer vorwärts kommen als die Pferdewagen. Große Schwierigkeiten bereitet den Tieren ein steiles Stück Straße. Nur stückweise, sprungweise gelingt es vorwärts zu kommen, zwischendurch läßt man die Tiere immer wieder sich verschnaufen. Die arabagys sind recht freundlich zu ihren Böcken. Ich sehe noch, wie der eine seinen Büffel streichelt und ihn zärtlich tröstet: coq qalmadi – es ist nicht mehr viel.

Momentan ist nichts zu machen, als in meinem Salon in Chan, bestehend aus vier Lehmwänden, Lehmboden und 2 Holzpritschen, durch ein Kaminfeuer angenehm erwärmt, zu sitzen und die vortrefflichen türkischen Zigaretten zu rauchen, bzw. wie mein Dragoman Hussein zu „rollen“. Schade, daß meine in Stambul für ein billiges erworbenen Teppiche noch nicht da sind, sonst würde ich das Lokal alsbald in einen Palast verwandeln.

Eben kommt der erste Büffelwagen. Die Kutscher sind arabische Fellachen aus der Umgegend von Tarsus; sie sagten, dort seien mehr Araber als Türken ansässig.

Eben kommen die beiden Offiziere, die die große Bagage geführt haben. Es ist nach ihnen eine entsetzliche Geschichte gewesen. Fast sämtliche Ochsen haben sich die Kniee aufgeschlagen. Mit einem Rad sind die Karren z. T. schon über den Rad des Weges – in den ziemlich erheblichen Abgrund – herübergerutscht. Die unten liegenden zerbrochenen Wagen und Tierleichen trugen nicht dazu bei, die Stimmung zu verbessern. Erst einer Kompagnie Soldaten, die z. T. von den Offizieren mit starken Knütteln ermuntert wurden, hat das Werk vollbracht. Die Schuld liegt natürlich an dem Offizier der Etappe in Bosanti, der, um zu sparen, die Karren unsinnig überladen hat. Die armen Bauern, die ihr Viehzeug natürlich genau kennen, protestierten vergeblich und bezogen so furchtbare Anschnauzer, daß sie fein still schwiegen. Die Sachkenntnis hat auch in diesem Lande das entscheidende Wort nicht zu sprechen.

Unterwegs reichte uns ein Haggi Brot, in Blätter einer alten Handschrift eingeschlagen. Es handelt sich offenbar um die türkische (vielleicht osttürkische? Das Türkische ist sehr schwer zu verstehen) Übersetzung des Qamus, doch habe ich (das) nicht näher nachprüfen können.

Anhang:

Auswärtiges Amt Berlin.7.5.1915

Nr. 60120

Falls der anliegende Brief militärische oder politische Nachrichten enthalten sollte, ist es im vaterländischen Interesse erforderlich, daß der Inhalt geheim gehalten wird.

 

230. C. H. B. an Hellmut Ritter (Bonn), 8.2.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Heute kann ich Ihnen die gewünschten Adressen (vgl. Anmerkung) schicken. Ich schreibe sie auf die andere Seite des Bogens mit meinen persönlichen Bemerkungen über die genannten Herren.

Inzwischen hat sich hier wenig Neues ereignet. Von Ihrem Vater hatte ich einen äußerst liebenswürdigen Brief, und Ihr Bruder Gerhard sandte mir Ihre Photographie, auf der Sie sogar wirklich ein freundliches Gesicht machen und die mir sehr gut gefällt, sowie einen sehr hübschen Aufsatz aus der Historischen Zeitschrift aus seiner Feder.

Ich bin mit Vorträgen für die deutsch-türkische Vereinigung und mit meiner großen Arbeit:

Warum ist die Türkei im Kriege? sowie mit den Gegenschriften gegen Snouck so beschäftigt, daß ich heute zu keinem ausführlichen Brief kommen kann.

Es ist Ihnen doch recht, daß ich die für den größeren Kreis bestimmten Blätter Ihres Tagebuches in Abschrift auch an Tschudi und Littmann bekannt gebe? Es nehmen ja so viele Leute Anteil an Ihrem Ergehen.

Bald mehr! In freundschaftlicher Gesinnung Ihr getreuer (CHB).

Anmerkung

  • Hauptmann Professor Dr. Giese.

2. Bataillon, Landwehr-Infanterieregiment 20. Professor Giese ist der offizielle Lehrer des Türkischen am Orientalischen Seminar in Berlin und mit den Verhältnissen in der Türkei wohl vertraut. Er mag etwa 40 Jahre alt sein.

  • Rittmeister Professor Dr. Sarre.

XVII. Armeekorps, Munitionskolonnenabteilung des Fußartillerie-Regiments 11/1. Kolonne. Professor Sarre ist ehrenamtlicher Leiter der orientalischen Abteilung des Kaiser-Friedrich-Museums und bekannt durch seine vielen und großen Reisen im Orient, in Klein-Asien, Euphrat- und Tigris-Land und in Persien. Er ist also ein vorzüglicher Landeskenner und an Reisen im Orient gewöhnt, doch beherrscht er keine orientalische Sprache vollkommen. Er steht im Lebensalter zwischen 45 und 60 Jahren.

  • Leutnant Privatdozent Dr. Schaade

Kaiserlich deutsche Südarmee, 1. Division, Fußartillerie-Regiment 11, 5. und 6. Batterie. LMK. Dr. Schaade ist ausgebildeter Orientalist und Privatdozent für semitische Philologie in Breslau. Ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn wurde er als Direktor der KhedivialBibliothek nach Kairo berufen, kennt also den Orient aus eigener Anschauung und ist jedenfalls mit dem Arabischen, speziell mit dem Ägyptischen vertraut. Er muß Anfang der 30 stehen. Bei Kriegsbeginn verließ er sofort Ägypten und steht zur Zeit in Ungarn.

 

231. Tagebuchbericht (3) von Hellmut Ritter Damaskus, 13.2.1915

(Maschinenkopie)

In Aleppo sind wir endlich wieder zum Gros der Expedition gestoßen. Eine sehr schöne Stadt, die mir großen Eindruck gemacht hat.

Lernten Oberstleutnant Boettrich kennen, der frische Nachrichten aus dem Süden brachte. Leider war ich nicht dabei, als er erzählte. Es soll recht betrüblich stehen, soviel habe ich aus allem herausgehört. Er meint, der erste Fehler wäre die Wahl des Augenblickes, in der die Türkei losschlagen mußte. Entweder hätte sie gleich mitmachen müssen, um größere russische Streitkräfte uns sogleich vom Hals abzuhalten, oder noch lange nicht, denn es sei noch wenig fertig gewesen.

Die geringen Erfolge im Kaukasus lägen an dem gänzlichen Mangel jeglicher Nachfuhr, die Flotte gibt sich nur ungern her, Transportschiffe zu begleiten, was nach B(oettrich) das wichtigste Werk im Augenblicke ist. Der Plan der Flotte, ein russisches Schiff nach dem andern zu versenken, sei (und ist tatsächlich) bis dato mißglückt.

Auch Authentisches aus dem Großen Generalstab, bei dem mehrere unserer Herren gearbeitet haben, hörte ich. Demnach i tilaf zwischen Jagon und Falkenhayn. Der eine will mit Frankreich Sonderfrieden und alle Kraft auf England und Rußland wenden, der andere einen solchen mit Rußland, mit dem man doch nicht fertig werden könne, und vor allem Frankreich und England klein machen. (arabische Bemerkung)

In Aleppo Festung besichtigt. Schöner Bazar. Gewohnt im Deutschen Kasino. Hotel Baron, wo die anderen Herren wohnten, sehr mäßig, wie alles Levantekram. Heute morgen Ba’albeck genossen. Kenner behaupten, es sei viel erheblicher als die Akropolis. Glaub’s. Die Dimensionen sind erstaunlich, muß sehr schön gewesen sein. Fahrt von Haleb nach

Damaskus 16 Stunden.

Sonntag, 14.2.1915

Heute ausführlich Damaskus betrachtet. Wir werden hier wieder aufgehalten durch allerhand Torheiten der Eisenbahnverwaltung. Jetzt haben sie unsere Gepäckwagen weggeschickt, kein Mensch weiß wohin. Für mich sehr angenehm, so gewinne ich Zeit, mir die Stadt anzusehen. Wirkt nicht so schön wie Aleppo, man hat nirgends so schöne Überblicke wie dort. Die berühmten Hammams sind ja recht schön, mit Marmor ausgelegt, aber modernes europäisches Gepinsel und Verschlumpung des erhaltenen Schönen, schwächen den Eindruck stark. (Habe übrigens festgestellt daß – arabischer Text – der „Auskleideraum“ heißt. Er soll nach den (arabisches Wort) sein. Der Raum, wo die Kohlen, bzw. der Heizmist liegt, heißt ammím, türkisch kulxane.) Die Omjjadenmoschee hat mich etwas enttäuscht. Ich wußte nicht, daß so wenig Altes erhalten ist. Sehr hübsch die beiden Chans: As’ad Pasa und Suleiman Pasa. Morgen will ich das Haus des As’ad Pascha besuchen.

Nachrichten über die Lage und politische Konstellation nicht erhalten. Die unglaublichen Siege der Türken sind gewiß erlogen.

Schade, daß man bei unserer Art des Reisens nur die Oberfläche des Orients kennen lernt: ich muß mich vorläufig im Wesentlichen darauf beschränken, mich sprachlich zu vervollkommnen. Später vielleicht einmal Gelegenheit, in die Tiefe zu gehen.

Heute beim Konsul nach Prüfer erkundigt. Er ist im Großen Hauptquartier.

Heute bin ich mit Ressád Bey, einem uns attachierten türkischen Rittmeister, in Damaskus umhergezogen.. Als wir gerade auf dem Minarett der Omajjadenmoschee standen, begann ein ganzer Chor von Muezzins in furchtbarer Höhe den Adán zu schreien. So habe ich auch dies aus nächster Nähe genossen. Über die (arabischer Text) geht R.’s Dissertation.

Damaskus, 19.2.1915

Dieser Tage kam Back Pasa durchgereist. Er brachte allerhand gute Nachricht aus dem Süden. Der (Suez-)Kanal sei mit 100 000 Mann Engländern besetzt. Es wäre tatsächlich eine Pontonbrücke über ihn von den Türken geschlagen und ein englisches Schiff sei kaputt geschossen. Dasselbe erzählte ein von der Front kommender Zeitungsreporter. Größere Aktionen seien aber erst im November dieses Jahres möglich.

Gestern im arabischen Theater (arabischer Name) mit nachfolgender hübscher Vulgärposse. Leider mein Ohr noch nicht an gesprochenes Hocharabisch gewöhnt, nicht viel verstanden.

Heute Besichtigung des herrlichen Hauses von As’ad Pasa’s. Natürlich kriegt man nur wenig zu sehen. Aber es genügt, einen Eindruck von orientalischer Pracht zu geben.

Jerusalem, 24.2.1915

Von Damaskus ohne Schwierigkeiten nach Sileh mit der Bahn. Dortselbst stiegen die Herren in Wagen und fuhren nach Nabulus. Ich und Heufeld blieben beim Gepäck mit Burschen, Arabern etc. Die Menschen (Burschen etc.)sollten mit weiteren Wagen abgeholt werden, das Gepäck mit mir und 2 Leuten mit der Bahn bis Sebastije gehen. Bis dorthin ist die Bahnstrecke fertig, doch ist der Bau zwischen Sileh und Sebastije noch nicht ganz kapitelfest, es sind Entgleisungen vorgekommen, so daß man Menschen eigentlich nicht damit befördert. Leider blieben aber auch die Wagen aus, und ich nahm die ganze Gesellschaft doch mit in die Güterwagen. Dort waren Transportmittel bestellt, ich fand aber keine vor, beschloß infolgedessen, die Diener und Burschen zu Fuß nach Nabulus zu schicken und selbst da zu bleiben, abwartend, ob Major Rabius aus Nabulus Wagen schicken würde. Daselbst mein erstes selbstgefertigtes türkisches Telegramm: (zwei Zeilen arabischer Text).

Unterkunft war nicht, also Zelt aufgeschlagen und drin geschlafen. Abends schickte man aus Nabulus noch Esel, um die Burschen zu holen. Der führende Sergeant trieb sogar noch ein paar Kamele auf, so daß ich den Herren wenigstens das nötigste Handgepäck nachschicken konnte.

Morgens früh bot mir der Kommandant, der am Abend noch erklärt hatte, kein zum Transport geeignetes Tier da zu haben, so viele Kamele an, wie ich haben wollte. Leider waren es junge, das Tragen noch nicht gewöhnte Tiere, die dazu noch der Regierung gehörten, d.h. so schlecht gefüttert waren, daß sie bald am Verenden waren. Ein paar Biester waren wie besessen beim Verladen. Endlich ging auch dieses vorüber. In Nabulus wollten sie eigentlich zurückkehren, wie ihnen in S(ebastije) befohlen war, doch hielten wir sie fest, weil es mit der Aussicht auf Transportmittel in Nabulus schlecht bestellt war. Dort Nacht im deutschen Hotel verbracht. Am Morgen geschah etwas Unerwartetes. Rittmeister Ressád fand in dem Adjudanten des Etappenkommandanten einen alten Bekannten wieder. Dies und der Umstand, daß eben dieser alte Bekannte wohl gern befördert werden wollte, verhalf uns zu ungezählten Wagen, die plötzlich von irgendwoher kamen, um uns und das Gepäck zu befördern. Leider waren gerade die Kutschpferde so schamlos unterernährt, daß sie zum Teil unterwegs einfach streikten. Ich mußte einen meiner drei Schinder abspannen und von dem trefflichen Soldaten Selim am Halfterband nachführen lassen. Ähnliches geschah mit anderen Tieren anderer Wagen.

Obwohl wir immer privatim Futter dazu kaufen, gibt es immer wieder derartige Schwierigkeiten. Auch ein Wagen zerbrach unterwegs, neue mußten requiriert werden, so daß wir genügend Abwechslung unterwegs hatten.

Im Chan Labban blieb ich wieder die Nacht mit Heufeld, während die Offiziere nach Jerusalem weiterfuhren. Im Chan ein typischer verlodderter Etappenmajor, der dem Trunke sehr stark ergeben war und meine ziemlich große Whiskyflasche, die auf mehrfache Anspielungen seinerseits angeboten wurde, schier und ohne Wasser bis auf einen geringen Rest in ziemlich kurzer Zeit unterbrachte. Dafür war er bestrickend liebenswürdig, stellte mir ein Zelt, eine Lampe und einen Unteroffizier zu Bedienung zur Verfügung.

Sebastije, das alte Samaria, habe ich mir gründlich angesehen. Als Wahrzeichen alter Pracht stehen noch Säulen und Tempelreste aus Herodes’ Zeit, sowie eine Kreuzfahrerkirche in der übrigens zu einem kläglichen Dorfe herabgesunkenen Stadt. Die Lage ist sehr schön, auf dem Gipfel eines die ganze Umgegend beherrschenden Berges. In der Kirche, jetzt Moschee, habe ich den Schulmeister mit seiner Kinderschar photographiert. Etliche Kriegshospitäler sind in den alten Gebäuden eingerichtet.

Ganz anders Nabulus (Sichem), eine stattliche, schön gelegene, anmutige Stadt. Alles prangte in frischem Grün, Blumen auf den Wiesen, ein dem Auge angenehmer Anblick. Die mit Recht so beliebten Samaritaner aufzusuchen hatte ich keine Zeit, sonst hätte ich nicht verfehlt, ihnen Grüße von Kahle zu bestellen, wenn ich auch keine in Auftrag genommen habe.- Eben kommen hier die Kamele an mit dem letzten Gepäck, so sind wir gänzlich angekommen.

In Nabulus trafen wir zwei Offiziere: Hauptmann Feist und Hauptmann Tirschner, beide Hauptbeteiligte an der Suezkanalexpedition. Sie erzählten etwa folgendes:————– Doch dieses später nach besseren Informationen.

Heute bekomme ich den letzten Brief von Prof. Becker, den er mir ins Feld geschickt hat, von Carl nachgeschickt. Sonst ist noch nichts da von Briefen. In dem beiliegenden Brief von F. F. Schmidt ist der Ansicht Ausdruck gegeben, als wäre der Heilige Krieg im Volksempfinden ein Krieg gegen die Gjouas5 im Allgemeinen. Das kann ich durchaus aus meinen Reiseerfahrungen nicht bestätigen. Überall, wohin ich kam, entsprach das Volksempfinden ganz dem

Fetwa. Gehaßt die Nation der Engländer, die Nation der Russen, der Franzosen, geliebt die Nation der Deutschen und ihr vortreffliches Heer und ihr vielgepriesener Kaiser. Das Volk sieht nicht mehr in jedem Europäer den frangi, den Gjaur schlechthin, sondern unterscheidet in seinen Sympathien sehr genau die einzelnen Nationen. Jedenfalls hatte ich durchweg diesen Eindruck. Das uns der Djihad gefährlich werden könnte, scheint mir einstweilen unwahrscheinlich. Hier heißt gihad Kampf gegen die Engländer. Man sollte in den bewußten Broschüren viel mehr von den großen Kanonen der Deutschen, von Siegen im Osten etc. erzählen, als über asbáb al-hab etc. reden oder gar große religiöse Begeisterung zu wecken suchen. Die Stimmung des muslimischen Volkes ist für Deutschland gewonnen gegen die Engländer, nicht so sehr für die Befreiung des Islam und dergleichen abstrakte Sachen. Freilich sollen in den Küstenstädten (z. B. Haifa) starke Strömungen gegen uns sein, ganz abgesehen von der beispiellosen Spionage. (Beim Vorstoß gegen den Suezkanal wurde die am Abend ausgegebene Parole wenige Stunden später von den Engländern herübergerufen!)

Die Situation am (Suez-)Kanal ist folgende:

Er ist maßlos befestigt, die Wände gut eingepflastert bzw. betoniert. Ein Kreuzer liegt am andern , und recht viele Maschinengewehre erschweren das Herankommen. Kress von

Kressenstein hat bei seinem Vorstoß keine der beiden Karawanenwege (Akaba, Arisch) benutzt, sondern eine mittlere Route gewählt. Das Heer wäre aber elend verdurstet, wenn nicht Hauptmann Feist Brunnen gegraben hätte. Man hat tatsächlich eine Pontonbrücke gebaut, doch ist ein weiteres Vorgehen im Maschinengewehrfeuer erstickt. Verlust annähernd 2000 Mann. Der Rückzug ist tadellos und gut diszipliniert gewesen. Kenner der Wüste sagen, dies Ende sei vorauszusehen gewesen, denn selbst wenn es gelänge, den Kanal mit größeren Truppen zu überschreiten, könnten sich diese doch nicht jenseits halten, ohne daß das ganze Hinterland östlich vom Kanal in ein einwandfreies Etappengebiet umgewandelt wäre mit den Stützpunkten Akaba und el Aris. Diese Vorbereitungen gründlich zu treffen, soll Sache der nächsten Monate sein. Ein weiterer Vorstoß ist deshalb in nächster Zeit noch nicht zu erwarten. Man hofft, im November fertig zu sein. Nächstens hoffentlich mehr.

Die Araber sollen sich nicht sehr gut schlagen. Ein Hauptmann erhält den Befehl zu feuern, kommt ihm aber nicht nach. Warum? Dann merken doch die Engländer, wo wir liegen und schießen auf uns! Gut sollen die anatolischen Türken sein. Ähnliches erzählten mir heute zwei österreichische, hier ansässige Kriegsfreiwillige von 18 Jahren, die bei Kress von Kressenstein Dolmetscherdienste tun. Gute Aufklärungsarbeit leisten übrigens die Beduinen.

 

232. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Bonn), 25.2.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor, daß ich von nichts gehört habe; aber auch Sie sind längere Zeit ohne Nachricht von mir geblieben. Die Korrespondenz ist ja jetzt zweifellos etwas erschwert, da die Reise nach dem Suez-Kanal ja schon in Friedenszeiten ziemlich lange dauert. Ich habe Ihre Briefe programmäßig behandelt, doch datieren die letzten Nachrichten von Ihnen aus Rosanti, 28.1.(1915). Hoffentlich berichten Sie in weiteren Briefen einmal genauer, wie es denn eigentlich mit den Eisenbahnbauten steht und wie die allgemeine Stimmung ist. Schmidt ist ja kolossal pessimistisch, aber das liegt in seiner Natur. Die Nachrichten aus russischen, englischen und türkischen Quellen widersprechen sich so ungeheuer, daß man sich kein Bild mehr machen kann.

Von den Herren, deren Adresse ich Ihnen das letzte Mal geschickt habe, ist Sarre inzwischen in eigener Mission nach der Türkei geschickt worden. Leider hat er Herzfeld nicht mitnehmen können, der doch so glänzend paßt. In Berlin wird die Version verbreitet, daß der Bedarf an Orientkennern gedeckt sei.

Ich habe inzwischen noch sehr viel Ärger mit Snouck gehabt, doch kann ich Ihnen das lieber einmal später erzählen. Er ist offenbar total verrannt. Meine Gegenschrift sende ich Ihnen einliegend. Sie werden sehen, wie maßvoll ich bin. Ich schreibe jetzt noch an einer holländischen Entgegnung und hauptsächlich an dem Türkei-Artikel der großen Publikation, von der Sie wissen. Dann soll mein Islam-Buch endlich gefördert werden, doch ist jetzt wieder zweifelhaft ob ich nicht doch zum Landsturm eingezogen werde. Jedenfalls soll nächstens Musterung stattfinden, und dann wird sich’s ja zeigen, ob ich gesund genug bin, was ich eigentlich nicht glaube. Wenn aber, so hört natürlich die wissenschaftliche Arbeit auf, und ich werde mich bemühen, als Soldat meine Pflicht zu tun. Ganz leicht wird das ja in meinem Alter und bei meinen Darmverhältnissen nicht gerade sein. Auch sollte ich glauben, anderswo mich nützlicher machen zu können; aber das müßte die vorgesetzte Behörde schließlich ja wissen.

Das Semester nähert sich langsam seinem Ende. Mein Afrika-Kolleg ist schön beisammen geblieben.- Im Hause haben wir allerlei unbedeutende Kinderkrankheiten, doch geht es uns im Ganzen gut. Meine Frau pflegt jetzt regelmäßig Verwundete.

Politisch Neues kann ich Ihnen heute nicht viel erzählen. Man steht noch ganz unter dem Eindruck des ostpreußischen Sieges und sieht die politische Lage z. Zt. sehr günstig an. Es gibt sogar Leute, die sich von dem Vorgehen Japans in Ostasien eine günstige Rückwirkung auf unsere Stellung im Osten und unser Verhältnis zu Japan versprechen.

Vielleicht interessiert es Sie zu hören, daß unser bisheriger deutscher Konsul in Angola abgereist ist, weil der Gouverneur nicht mehr glaubte, für seine Sicherheit garantieren zu können. Das läßt ja auf nette Verhältnisse schließen. Auf der Rückreise wurde er in Gibraltar gefangen gesetzt, und jetzt wird über seine Freilassung verhandelt. Da es mein…

(Leider fehlt das Folgeblatt)

 

233. Hellmut Ritter an C. H. B. Jerusalem, 1. 3.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor!

Gestern wurde ich sehr erfreut durch Ihren Brief No. 1, nachdem ich schon ein paar Tage vorher den mit der Schmidtbeilage von meinem Bruder aus dem Felde nachgeschickt bekommen hatte. Hoffentlich ist mein voriger Brief schon in Ihre Hände gelangt, in dem ich einiges über die Suezunternehmungen schrieb. Inzwischen sprach ich Prüfer hier in Jerusalem; er ist als Major dabei gewesen. Er meinte, der Handstreich hätte glücken können, wenn man statt der feigen Araber Türken an der Front gehabt hätte. Jetzt seien lange Vorbereitungen nötig, vor allem aber mehrere Batterien schwerer Artillerie und viel Flieger, schon als moralische Gegenwirkung gegen die andauernd Bomben schmeißenden englischen Flieger.

Nach einer Beredung mit Gemal Pascha sind die Offiziere einstweilen für verschiedene Aufgaben verteilt worden. Einer geht nach Deutschland zurück, um Autos im großen Stil herbeizuholen. Ich habe die mir sehr zusagende Aufgabe erhalten, mit Major von Ramsay, dem alten Afrikaner, der Ihnen ja wohl bekannt ist, zusammen die englische Karte vom Sinai und dem ganzen für uns in Betracht kommenden Gebiet, speziell Quellgebiet des Kusema, von wo eine 70 km lange Wasserleitung nach Ibni, wo jetzt (ein) Detachement steht, geführt werden soll, nachzuprüfen. Teilweise werden wir da wohl auf unbetretenen Pfaden wandeln, und hoffentlich wird auch einiges für die Wissenschaft dabei herauskommen. Freilich habe ich bisher das Prinzip verfolgt, einstweilen hier weniger zu forschen als zu lernen.

Leider muß ich den kurzen Brief abschließen, weil Major Scharrer ihn mitnehmen soll.

Viel mit der Bevölkerung zu verkehren, habe ich jetzt nicht Zeit. Kassierer und Sekretär sein nimmt viel Zeit weg. Geschlemmt habe ich in der Qubbat as sahrá. Das ist ja herrlich!

Hoffentlich bald einiges Politisches von hier.

 

234. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter (Nr. 4) Jerusalem, 5.3.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor,

Seit meinem letzten Brief vom 1. März hat sich viel geändert. Aus meiner schönen Reise nach dem Sinai ist einstweilen nichts geworden – sehr zu meinem Leidwesen. Denn der Oberstleutnant ist plötzlich zum Kommandeur der 10. Division ernannt worden und will mich nunmehr nicht weglassen. Ich bin nun etwas gebunden, muß stets mit ihm reiten und dolmetschen helfen. Auch laufen täglich eine Unmasse Schreibereien ein, bei deren Erledigung ich behilflich sein muß, eine nicht besonders interessante, aber doch sehr lehrreiche Beschäftigung, bei der ich türkisches Militärwesen gründlich kennen zu lernen Gelegenheit haben werde. Allmählich werde ich wohl auch den vertrackten türkischen Aktenstil etwas besser lernen. Ich trage übrigens, ut figura docet, jetzt Leutnantsuniform.

6.3.1915

Soeben, nach einer sehr langen Pause, gelangt zu meiner großen Freude Ihr Brief vom 25. Februar in meine Hände mit Ihrer Erwiderung auf Snouck Hurgronje, die ich natürlich mit größtem Interesse gelesen habe. Ich kann nicht viel zum Gegenstande sagen, da ich selbst bis jetzt keine Gelegenheit hatte, mit den hier in Frage kommenden Orientalen zu verkehren; doch will ich wiedergeben, was die Ansicht vieler hier ansässiger Deutscher ist. Natürlich bezieht sich alles nur auf die hiesigen d.h. türkisch-palästinensischen Verhältnisse.

Die Erklärung des Djihad hat einen Erfolg gehabt: er hat nämlich bewiesen, daß der Djihad, wenn er von Konstantinopel aus erklärt wird, eine Lächerlichkeit ist. Hier im Lande ist er gänzlich ins Wasser gefallen. Wenn Deutschland das beweisen wollte, daß religiöse Aufrufe und Ansprüche von Konstantinopel aus ohnmächtig und wirkungslos sind, so hat es einen großen Erfolg zu verzeichnen. Wo er hier gezündet hat, hat er in der alten Form gezündet: Hier hat ein Scheich in der Zeitung tatsächlich zur Austreibung sämtlicher Giaurs aufgefordert, hat aber begreiflicherweise keinen Erfolg gehabt. In Stambul hat der Pöbel ein paar europäische Läden zerschlagen. Das ist alles. Dieser Djihad ist kein Djihad, sagen die arabischen Scheiche, die auf die Türken so wie so nicht besonders zu sprechen sind. Wenn es einer wäre, so wäre er so und so: d.h. im alten Sinne Krieg gegen alle Ungläubigen. Die Armee hat am Kanal die heilige Fahne mitgehabt, aber man wird rot, wenn man davon spricht. Ich selbst kann auch bei den türkischen Offizieren nichts von Djihadstimmung merken. Es scheint, als sei man hier schon zu aufgeklärt, um noch theokratisch Religion und Politik verbindend zu denken. Im Süden mag es anders sein. Einige Überläufer aus dem Sudan, mit denen jetzt Neufeld arbeiten will, hatten ganz die von uns gewünschte und dem Fetwa entsprechende Stimmung.

Hier erschwert der Rassengegensatz zwischen Arabern und Türken sehr den Fortschritt. Die Araber lieben die Türken nicht, haben wohl auch ihre Gründe dazu. Demnach ist die Stimmung hier gegen uns sehr kühl. Solch freudige Begrüßungen, wie wir sie in den türkischen Nestern erlebt haben, wären hier gänzlich ausgeschlossen. Die türkischen kleinen Leute hoffen wohl von uns Besserung ihrer gedrückten Verhältnisse. Sie können nur gewinnen, wenn wir die Verwaltung übernehmen. Nach dem Kriege halten die hiesigen finanziellen Kreise (z. B. der Direktor der Palästina-Bank) eine Protektion für das einzige Mittel6, weil nur so der S…wirtschaft abzuhelfen sei. Die Banque Ottomane, ein übles Wucherinstitut französischer und englischer Aktionäre, müßte gesprengt und eine anständige Reichsbank eingesetzt werden, die Zwangskurs des Geldes einführt und den augenblicklichen Kursverhält-nissen damit ein Ende macht. Man wolle lieber mit ägyptischen Verhältnissen arbeiten, als mit türkischen. Eine andere Reform als durch Bevormundung stärkster Art sei sinnlos. Ähnlich ist die Stimmung in hiesigen militärischen Kreisen. Freilich ist wohl daran nicht zu denken. Jedenfalls wird Deutschland, wenn es nicht nach dem Kriege Mengen von Leuten herschickt, jeden Einfluß verlieren und den Amerikanern das Feld räumen müssen.

Übrigens kommt dieser Tage Prüfer von einer kurzen Reise zurück. Ich will ihm Ihre Schrift zeigen und ihn nochmals gründlich nach seinen Erfahrungen fragen. Leider habe ich ihn bisher noch nicht viel gesprochen, obwohl er hier im Hotel wohnt.

Die Bahnverhältnisse7 sind folgende:

Man fährt von Haidar-Pascha bis Bosanti, dann fehlt ein Tunnel, man fährt zu Wagen 2 Tage bis Tarsus. Von da geht die Bahn bis Osmanije am Amanus. Dann ist wieder Schluß; ein nur für Tragtiere gangbarer schauerlicher Weg führt in 4-5 Tagen nach Radja. Man könnte schon früher wieder die Bahn benutzen, wenn ein großer Viadukt wenige Kilometer vor Radja (Heri Deri) fertig wäre. Seine Fertigstellung soll noch 3 Monate in Anspruch nehmen. Die Strecke über Alexandrette ist unpassierbar, da von den Engländern unter Feuer gehalten. Radja – Aleppo – Damascus – Sileh – Sebastije ist die Fortsetzung. Sebastije – Jerusalem mit Wagen in 1- 1 ½ Tagen. Die schlimmste Strecke ist er Übergang über den Amanus. Hier muß die Straße noch sehr verbessert werden. Es wird auch gearbeitet, neuerdings unter Aufsicht eines deutschen Ingenieurs namens Erdmann. Große Schwierigkeit verursacht der arge Kohlenmangel. Die Züge fahren nur zu militärischen Zwecken und einmal in der Woche. Es könnte hier natürlich durch rationelle Einteilung sehr gespart werden, aber türkische Behörden…. Dagegen sind sehr zu unserer Freude endlich zwei Flieger da, wohnen auch hier im Hotel. Weitere werden erwartet. Der Bau einer Fliegerhalle ist Ingenieur Häcker übertragen. Ein Flugzeug habe ich gesehen.

Meine Tätigkeit besteht außer den erwähnten Schreibereien darin, täglich mit dem Oberstleutnant Regimenter zu besichtigen und Fronten abzureiten. Ich lerne dabei natürlich die Umgegend von Jerusalem recht gut kennen. Heute haben wir für unsere Regimenter die zum Teil seit dem Balkankriege kein Dach gesehen haben, Quartier gesucht. Hier gibt’s haufenweise leere Häuser. Vor allem sind die beiden großen Pilgerasyle, das große russische und das französische Notre Dame ganz unbezahlbar. Doch sind jetzt viele französische Klöster von den Truppen belegt. Unsere Division – rein türkisch – gilt als das Paradestück der türkischen Armee, soll vielleicht auch bei der großen Truppenschau in Berlin nach dem Frieden – inchallah – sich produzieren. Einstweilen macht man bloß Friedensdienst.

Sonntag, 31.3.1915

Inzwischen ist Prüfer zurück. Er wohnt jetzt in einem gemieteten Haus. Dort besuchten wir ihn, und er gab folgendes über die Situation von sich:

Der Djihad ist hier zu Lande ein klägliches Fiasko gewesen. Die Araber sind uns durchaus nicht wohlgesinnt, weil sie über die Türken erbittert sind und wir mit denen zusammengehen. Dazu kommt noch die seit Jahren gänzlich verfehlte deutsche Orientpolitik, die den französischen und englischen Einfluß hat wachsen lassen, ohne irgend etwa entgegenzusetzen. Englische und französische Jüdinnen spielen eine große Rolle und haben zum Teil ihr für uns nicht sehr günstiges Hierbleiben hier durchgesetzt. Noch immer sitzen Engländer und Franzosen unbehelligt im Lande und treiben ausgedehnten Spionagedienst. Man ist zu sehr gut Freund mit ihnen geworden, als daß man sie jetzt grob als Feinde behandeln könnte. Höchst merkwürdige Zustände. Hier lieben uns weder Christen noch Juden. Die Zionistenpartei ist so sehr unter englischen Einfluß geraten, daß vor einiger Zeit ein deutschdenkender Jude von keiner Zeitung, weder jüdischen noch christlichen, einen Artikel angenommen bekam. Eine deutsche Zeitung zu gründen ist natürlich versäumt worden. Man las und liest nur englische und französische. Am loyalsten sind noch die Muhammedaner. Man läßt uns jetzt sogar ohne Erlaubnisschein in den Haram (große Moschee), ja, sogar in die Moschee zu Hebron, die bis dahin ganz unzugänglich war. Doch ist auch hier durch christlich-französische Hetzerei et non semper actis Turcorum viel verdorben worden8.

Hier steht das folgende in syrischen Buchstaben:

Zum Beispiel hat Djemal Pascha alle Geschäftsschilder entfernen und durch türkische ersetzen lassen und unkluge Befehle mehr, die sehr übel gewirkt haben. Erst wir haben hier Veto eingelegt.“

Gestern kam Meissner Pascha hierher und erzählte allerhand Interessantes. Die Bahn von

Sebastije nach Bir Sab’a ist kräftig im Bau, doch noch nicht in Benutzung.

Gestern war Besichtigung der 10. Division durch Djemal Pascha mit Kinoknipsung. Wer mich also im Kino vorbeigaloppieren sehen will, erkundige sich bei der Berliner Eikofilmgesellschaft, wann der Film gezeigt wird. Der Photograph der Gesellschaft, der uns geknipst hat, heißt Sparkuhl. Nach der Truppenschau verkündete Djemal den Erfolg an den Dardanellen. Dann führten die Soldaten sehr witzige türkische Volkstänze auf, erst mit, dann ohne Schwerter, z. B. wurde ein Mann nach dem Takte der Musik gewissermaßen abgemurkst und aufgefressen. Es war sehr hübsch zu sehen. Ist auch gefilmt worden.

Heute war ich mit dem orientalisierenden amerikanischen Dr. Spoer in der Moschee in Hebron, die über der alten Abrahamshöhle Machpela erbaut sein soll. Eine Riesenhöhle, die schon seit alters als Patriarchengrab verehrt wurde, befindet sich tatsächlich unter der Moschee. Durch ein Loch kann man von oben hineinsehen. Die Leute werfen allerhand Briefe an den alten Erzvater da hinein. Wir wollten eigentlich hinein, weil darin eine schon im12. Jahrhundert nicht mehr verstandene Inschrift sein soll, die unser Forschergemüt reizte; doch geht es nicht ohne höhere Erlaubnis, die wir uns erst noch beschaffen müssen. Jedenfalls war es auch so interessant, in der bisher kaum zugänglichen, übrigens sonst nicht sehr bemerkenswerten Moschee gewesen zu sein. Eine arabische und eine griechische Inschrift haben wir abgeklatscht.

Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr getreuer H. Ritter

P.S. Heute Abend große Siegesfeier mit Djemal Pascha im Hotel Fast.

25.3.1915

Vor kurzem unfreiwillig der Execution eines Deserteurs beigewohnt. Gräßlich!

Dann war eine religiöse Feier zu Ehren der am Kanal gefallenen Soldaten. Ich war auch in der Moschee. Lobgesänge auf den Propheten und sehr schöne Koranvorlesung eines Egypters, dann Verteilung von Süßigkeiten an die Truppen. Heute ist auch eine Feier für die bei der Beschießung der Dardanellen Gefallenen.

Heute hörte ich das politische Glaubensbekenntnis eines arabischen Dieners, das für die Stimmung hier bezeichnend ist:

Die Russen sind gut, die Engländer und Franzosen auch. Ganz schlimm sind die Türken; sie gehen in die Läden und nehmen alles für die Truppen ohne zu bezahlen. Die Deutschen sagen ihnen: Macht Frieden! Aber sie wollen nicht.“

Unglaublich sind die Türken verhaßt. Die Egypter werden sich über das Danaidengeschenk ihrer Freiheit von England und Angehörigkeit der Türkei, falls man überhaupt damit rechnet, schwerlich freuen. Ich bin sicher, daß nach dem Frieden hier im Orient ein incomparabler „Saustall“ werden wird.

 

235. Hellmut Ritter an C. H. B. Ostersonnabend in Jerusalem (März 1915)

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Professor!

Ihr letzter Brief datierte vom 25. Februar. Haben Sie vielen Dank. Ich bin noch immer in Jerusalem und habe täglich reichlich türkischen Aktenstaub zu schlucken. Doch ist das ja ganz gesund, zumal die täglichen Ritte um Jerusalem eine gute Erfrischung gewähren. Jetzt ist die Osterwoche, da gibt es eine Menge schöner Sachen zu sehen, angenehm ist dabei das Fehlen der russischen und sonstigen Pilgerscharen, die in Friedenszeiten alles mit ihrer Flut übergießen. Wir als Offiziere bekommen natürlich stets gute Plätze, wo man solcher bedarf.

Anbei schicke ich Ihnen noch einiges geheime politische Material. Das arabische stammt zwar aus der Zeit des Balkankrieges, als hier die antitürkischen Wellen am höchsten gingen, ist aber immerhin auch für das Verständnis der jetzigen Lage nicht ohne Interesse. Das andere, französische, ist uns zugeschickt als Warnung vor den Leuten die die Briefzensur ausüben. Alle naselang werden am Bab el Chalil Spione aufgehängt, natürlich die eigentlichen läßt man laufen, begünstigt sie sogar.

Mit gleicher Post erlaube ich mir, außer den beiliegenden ein paar Filme und Photographien in zwei Couverts Ihrer Obhut anzuvertrauen. Hoffentlich kommen sie gut an. Würden Sie vielleicht die große Güte haben, mir den Empfang telegraphisch zu bestätigen? Leutnant Ritter, Jerusalem, Deutsches Konsulat.

Einstweilen mit den besten Grüßen Ihr Ihnen dankbarer H. Ritter.

 

236. C. H. B. an Metropolitan Ritter, Niederzweheren. (Bonn), 6.3.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Metropolitan!

Manche der von Hellmut erwähnen kleinen Orte habe auch ich auf meinen Karten nicht finden können. Es geht uns ja auch schließlich mit manchen belgischen und russischen Plätzen so. Ich will mich aber gern informieren, nur glaube ich, daß es jetzt wenig Zweck hat, da Hellmut inzwischen in dem eigentlichen Syrien angekommen sein dürfte. Da werden Sie seine Reise wohl am besten an der Hand des Baedecker oder Meyer von Syrien verfolgen können. Ich verreise für einige Tage, will aber dann nach meiner Rückkehr, schon in meinem Interesse, mich etwas um das Kartenmaterial kümmern und werde Ihnen dann berichten.

Man merkt aus Hellmuts Reisebeschreibung nicht mehr viel vom Krieg; es ist eben das Tagebuch eines Orientreisenden. Hoffentlich halten die Türken an den Dardanellen Stand.

Ich werde dafür Sorge tragen, daß auch während meiner Abwesenheit Hellmuts Tagebuchblätter, falls neue kommen sollten, sofort abgeschrieben werden und an Sie gehen.

Mit freundlicher Empfehlung Ihr sehr ergebener (CHB)

 

237. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter (Nr.5) Jerusalem, 19.4.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Professor!

Jetzt ist der Mann, der hier schon so lange schmerzlich vermißt wurde,, auch endlich gekommen, d.h. er ist unterwegs: Oppenheim! Unsere Offiziere werden ihm keinen sehr warmen Empfang bereiten. Auch ein gewisser, sehr gefürchteter Rochus Schmidt, ist unterwegs; man versucht, ihn durch Telegramme jeder Art fernzuhalten. Das schönste aber ist, daß jetzt ein genauer Bericht über Frobenius’ 9Tätigkeit vorliegt. Doch will ich abbrechen und erst abwarten, was mir Prüfer morgen erzählen wird, der hier meine Quelle ist.

Übrigens sind französische Truppen in Ägypten gelandet worden, wohl Südländer, die’s da oben nicht aushalten konnten. Was sagen Sie zu dem schönen Erfolg an den Dardanellen? Hier ist Gaza einmal von einem französischen Dampfer beschossen worden(vgl. Abbildung)10, ohne irgend welche Bedeutung. Die politische Lage ist ja sehr prekär hier. Die Araber sehnen sich nach Befreiung vom Türkenjoch; die Abneigung wird nun noch künstlich vergrößert einesteils durch mancherlei Unbequemlichkeiten, die der Krieg, für den auch nicht das geringste Interesse herrscht, und die Anwesenheit so großer Truppenmengen überhaupt mit sich führt, andererseits durch die türkisierenden Bestrebungen Djemal Paschas. Ein Ukas befiehlt, daß in allen Schulen (auch den deutschen, wie Schnellers Waisenhaus) türkisch gelehrt werden solle – um das Geld und die Lehrkräfte kümmert sich natürlich niemand -, aller arabische schriftliche Verkehr mit den Behörden hat, sehr zum Ärger der Araber, aufgehört usw. usw. Die goldene Zukunft sieht hier jeder in der Herrschaft einer europäischen Macht, jeder natürlich derjenigen, in deren Schule er erzogen ist, also der englischen, französischen oder russischen. Wir sind natürlich an dem vermaledeiten Kriege schuld und sind infolgedessen auch ein wenig scheel angesehen, jedoch wird andererseits dankbar anerkannt das wohltätige Eingreifen der Hand deutscher Offiziere in den üblichen Schlendrian. Von Back Pascha leider nicht mehr bestehender Kommandantur der Stadt ist man doch erbauter gewesen als von den früheren Zuständen. Wären wir nur mehr hier, wir wollten schon einiges erreichen, obwohl freilich der englisch-französische Geist, den die Kinder in der Schule schon einsaugen, so schnell nicht zu bannen ist.

26.4.1915

Komme eben zurück von einem Übungsritt des Corpsstabes nach Ramleh, Jaffa usw. Alles in üppiger, grüner Fülle, haben in Apfelsinengärten gelustwandelt und die reifen Früchte vom Baum heruntergepflückt. Der Stadtkommandant von Jaffa, Major Hasan, hatte alles aufgeboten, um dem General einen würdigen Empfang zu bereiten. Die Bevölkerung stand Spalier und erhob bei unserem Vorbeireiten ein gewaltiges Händeklatschen. An präsentierenden Wachen vorbei wurden wir in den Konak geleitet, um allda mit allerlei netten Sachen bewirtet zu werden. Alle Würdenträger der Stadt beeilten sich, dem Pascha ihre Aufwartung zu machen. Nachher beim Abschied war derselbe Zauber noch mal. Dann war Besichtigung der schönen Befestigungen, die den Engländern, wenn sie landen sollten, das Leben vermutlich recht trübe machen werden, mit anschließenden kleinen strategischen Aufgaben für die Offiziere. Auch die deutsche Templerkolonie in Savona wurde besucht. Ich habe dort mit Oberstleutnant S. sehr schön bei einem Herrn Weber zu Abend gegessen. In Birsalem bei Herr Spohn – Filiale des Syrischen Waisenhauses -, nicht weit von Ramleh, wurde einmal übernachtet. Ich unterhielt mich mit den Deutschen in Savona ausführlich über die Verhältnisse. Es ist immer dasselbe, genau so, wie oben beschrieben. Die Aufhebung der Kapitulationen11 würde viele Deutsche wegtreiben, (wird von anderer Seite bezweifelt), weil kein Mensch die Steuern bezahlen will. Ich habe den Eindruck, daß nach einem für die Türkei glücklichen Kriege sich das Erstarken des Staates zunächst in Fremdenhaß und Schikanierung der Europäer, uns einbegriffen, zeigen wird. Wir werden genau wie jeder andere fremde Staat behandelt. Alle Höflichkeit, die bei Einzügen und Festlichkeiten uns gegenüber entfaltet wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie der Karren in Wirklichkeit läuft.

Frobenius und der sehr tüchtige Halbabessinier Hall sind wirklich durch das englische und französische Gebiet hindurch auf italienischen Boden gekommen. Es wäre wohl auch weiter gut gegangen, wenn nicht F(robenius) die Tarantel gestochen hätte, dergestalt, daß er sich aufs Roß setzte, Paschagala anzog, einen gewaltigen Einzug arrangierte und ein großes Hurrahgeschrei ausstieß, worauf die Italiener notgedrungen mißtrauisch werden mußten und Weiteres verhindern mußte. H(all?) soll die Absicht haben, die Sache noch mal allein zu versuchen. Neufeld wirkt augenblicklich als Dolmetscher bei Herrn von Ramsay in der Wüste; seinen politischen Plänen darf man einigen Zweifel entgegenbringen.

Neulich hat der frühere Lotse des Kanals, Herr Bresch, eine Mine in den Kanal gelegt, auf die alsbald ein englisches Kauffahrteischiff stieß und zerbarst. Heute große Freude über die Überschreitung des Yserkanals, ist auch mit Sekt begossen worden.

Mit vielen Grüßen Ihr treu ergebener H. Ritter

In diesem Jahr große Heuschreckenplage. Die letzte soll (18)78 gewesen sein, aber nicht so wie jetzt. Alle Felder bedeckt mit der kleinen schwarzen Satansbrut. Militär und Zivilbehörden tun alles, was die deutschen Offiziere können, doch ist natürlich von einer geregelten Bekämpfung, wie es sein müßte, keine Rede. General Trommer ist Vorsitzender der Heuschreckenkommission.

Trotz der jetzigen ernsten Zeilen:

Eben kommt die Nachricht, daß die Dardanellen mit 48 Schiffen angegriffen werden – gibt es noch Momente, in denen man nichts Besseres zu tun weiß, als sich Märchen erzählen zu lassen, die freilich weder neu noch originell sind. Immerhin können sie vielleicht einen Spezialisten wie Littmann oder Kahle interessieren. Ich schicke die Durchschläge mit, hoffentlich werden sie nicht von der Zensur als Geheimsprache beanstandet. Es ist Jerusalemer Dialekt, sofern man von einem solchen überhaupt reden kann, Erzähler: Jacab Iris al-asis, so genannt, weil sein Großvater Sidó asis war. Sein Vater ist Steinhauer, erblindet und ein großer Märchenerzähler; von ihm hat der Sohn die Geschichte gehört.

Die Ereignisse an den Dardanellen fesseln natürlich sehr unsere Aufmerksamkeit; man munkelt, falls der Angriff mißlänge, würde Rußland Frieden machen …

Man glaubt in hiesigen militärischen Kreisen, daß selbst, wenn die Forcierung gelänge, strategisch der Erfolg nicht sehr erheblich sein könne, da jedes Schiff, ehe es ins Schwarze Meer kommt, noch ein richtiges Spießrutenlaufen über sich ergehen lassen muß, zu dessen Verhinderung ganz erhebliche Landtruppen würden ausgeschifft werden müssen. Freilich würde der moralische Eindruck der Dardanellenforcierung gewiß erheblich sein.

27.4.1915

Einstweilen wird das ´Idi gulús heute, am 27., gefeiert; Musikumzüge in der Stadt, Gratulationskuren bei den verschiedenen Militär- und Zivilbehörden usw., abends großes Essen. Gestern Nachmittag kam der Kommandant des 10. Bataillons, der eben eine neue kleine Unternehmung gegen den Kanal unter Oberst von Kress mitgemacht hatte, hierher zurück und erzählte eingehend seine Erlebnisse:

Das Bataillon, 2 Maschinengewehrkompagnien und 2 Batterien Artillerie hatten den Auftrag bekommen, die diesseits des Kanals befindlichen Befestigungen, sowie die vorhandenen Brücken zu stürmen, den Kanal zu überschreiten und dort einen Aufruhr zu machen. Marschrichtung Madáma. Ein Patrouillenritt von Kress ergab aber, daß sich weder Befestigungen noch Brücken dortselbst befanden. Darauf wurde die Aufgabe geändert: Die Artillerie soll einen Frachtdampfer, der gemeldet war und an Madáma vorbei mußte, kaputt schießen. Man stellte sich also nachts 50 m vom Kanal entfernt hinter und auf einem kleinen Sandhügel auf. Der Dampfer kam auch, aber die Kanonen waren noch nicht genügend eingebuddelt, um das Rohr schräg nach unten richten zu können. Sie konnte also nicht schießen. (Entsprechende Zeichnung als Marginalie.) Dagegen näherte sich gegen Morgen eine feindliche Patrouille von 6 Mann bis auf 20 m. Eine Gruppe schoß, drei fielen, einer stürzte sich in den Kanal. Auf das Schießen wird es drüben lebendig, aus dem am weitesten nördlich gelegenen Zelten löst sich ein Bataillon und eröffnet das Feuer. Darauf beginnt man sich loszulösen, die Artillerie unter Bedeckung eines Infanteriezuges zieht sich zurück, eine Kompagnie nach der anderen folgt in guter Ordnung. Die Engländer schießen inzwischen mit Schiffs- und Geschützen von 6 Batterien und werfen wie wahnsinnig Fliegerbomben, doch sind nicht viel Verluste: 1 Offizier und 6 Mann, glaube ich, zu beklagen. Bei en-Nachl trifft man noch zwei Araberkompagnien der Hidjasdivision und einen Zug Hedschinreiter, die übernehmen die Nachhut, die dem Gros in dem ungewöhnlich großen Abstand von 15 km folgt. Eines nachts lagern sie friedlich und versäumen zu sichern, da man ja den Feind, der nicht gefolgt war, weit wähnte. Leider machten die Engländer einen Überfall mit sehr überlegenen Kräften – 5 (?) Bataillonen, der völlig überraschend kam, bei einer Kompagnie Panik hervorrief, so daß immerhin einige Waffen und Munition, keine Menschen, in der Hand des Feindes blieben. Doch ist der Feind nicht weiter gefolgt. Nur in die Kamelkolonne sind noch Fliegerbomben geworfen worden, die 6 Kamele töteten. Nachher forderte Kress 50 Freiwillige aus dem zuerst genannten türkischen Bataillon an, die sofort da waren und sich noch in der Wüste befinden.

Fliegerbesuche sind reichlich in der Wüste, sie schaden nicht sehr viel, weil sich die Bomben zu tief in den Sand einbohren. Eben kam ein Brief von Major X aus Jbin (Ort etwa N33° 45’, O 30° 30’), daß daselbst ein Flieger gewesen sei und eine in das Vorratshaus der Offiziersmesse gefallene Bombe 2 Teller, sowie einen Topf mit Gurken zerschlagen habe. Weitere Verluste waren nicht zu beklagen.

Eben die ersten mit Spannung erwarteten Nachrichten von den Dardanellen: 400 Gefangene, 400 tot, 2 Torpedozerstörer zerstört, viele Überläufer. Hoffentlich geht es so weiter.

Eben kam Ihr Brief vom 4.4.1915. Vielen Dank, auch besonders für die Beilagen. Gräfe und Thorning – Thorning hatte ich ganz vergessen, ach, auch ihn werde ich ja nicht wiedersehen. Wie wird uns das merkwürdig und fremd vorkommen!

Ihre politische Beilage ist außerordentlich interessant. Hier munkelt man, Bülow 12hätte Italien erklärt, wenn es sich nicht bald entschiede, würde sich Deutschland auf die Seite seines Verbündeten stellen.

Mein Bruder Karl nun doch Infanterist; wir hatten das lange in trüber Ahnung kommen sehen. Mein Bruder Gerhard soll wirklich an die Front?

Nun, es kann nicht mehr lange dauern. Wir haben gute Nachrichten von Nauen13 aufgefangen, Sieg am Yserkanal – bezeichnenderweise schweigt sich der Eiffelturm gänzlich aus.

Jerusalem, 1.5.1915

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Professor!

Nur ein paar Zeilen über das Neueste:

Neulich eine Beschwerde von Enver (Pascha) bei Botschafter, daß sich deutsche Emissäre im Lande herumtrieben, um die Inbesitznahme des Landes vorzubereiten und gegen die Türken Stimmung zu machen. Grund: Frobenius hat das Recht, Orden zu verleihen!! Und hat einen Araberhäuptling dekoriert, der einer der berüchtigtsten Türkenhasser des Landes ist. Man faßt sich an den Kopf. Auch hat das Kolonialamt Leute hergeschickt nur mit dem Auftrage, „Erfahrungen zu sammeln“. Jedermann muß, da sie absolut nichts zu tun haben als herumzuhorchen, sie für Emissäre halten.

Übrigens Haltung an den Dardanellen vortrefflich. Die Feinde versuchten mehrere Landungen von Truppen, ohne die eine Forcierung der Dardanellen ja unmöglich ist. Überall zurückgeworfen, nur an einer Stelle halten sie sich noch unter dem Feuer der Schiffsgeschütze. Man kann also beruhigt sein.

Anbei ein Bild14 mit Djemal Pascha im Hotel Fast, wo auch meine Wenigkeit beteiligt war. Würden Sie es bitte dann meinen Eltern zur Aufbewahrung zusenden?

Mit vielen Grüßen Ihr ergebener H. Ritter.

 

238. Hellmut Ritter an C. H. B. Jerusalem, 27.4.1915

(handschriftlich)

Lieber Herr Professor,

Anbei schicke ich ein paar Films mit der Bitte, doch davon je 2 Abzüge machen zu lassen und einen meinen Eltern, einem mir zuzuschicken. Hier ist leider das Papier ausgegangen. Könnten Sie wohl vielleicht gar einmal 144 Blatt Gaslichtpapier in dem Format des Films herunterschicken, so würde man hier sehr erfreut sein, meine Aufnahmen auch im positiv betrachten zu können. Plakate zu schicken macht gar keine Schwierigkeit. Ich habe mir die Freiheit genommen, Sie, lieber Herr Professor, um Aufrechnung der Films und Bestellung der Abzüge zu bitten, weil das für meine Eltern mit ziemlichen Umständlichkeiten verknüpft ist. Es sind alles Straßenbilder aus Jaffa, gemacht bei unserem kürzlichen Übungsritt nach der Küste.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen ergebener Ritter

 

239. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Bonn,) 12.5.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Vor wenigen Tagen trafen Ihre Tagebuchblätter vom 5.-25. März bei mir ein, ebenso die Einlagen und zwei Tage danach auch die Photographien und Filme. Ich habe wunschgemäß versucht, Ihnen nach Jerusalem zu telegraphieren: es werden aber nach der asiatischen Türkei z. Zt. keine Telegramme, nicht einmal auf Risiko des Absenders, angenommen. So habe ich denn an die Botschaft telegraphiert in der Hoffnung, daß man Ihnen das Telegramm übertelegraphiert. Mehr konnte ich nicht tun. Selbst dieses Telegramm wurde nur auf Gefahr des Absenders hin angenommen.

Ihr Brief brachte wieder viel Interessantes. Besonders freue ich mich über Ihre neue Stellung; denn für die Zukunft ist es wichtiger, daß Sie den inneren Verwaltungsapparat der Türkei kennen lernen, als daß Sie einige genußreiche Wüstentouren machen. Natürlich stehen Sie dabei ebenso wie Prüfer, dem Syrien doch auch Neuland ist, unter dem starken Eindruck des arabisch-türkischen Gegensatzes, der durch die Entente-Arbeit und die vielen orientalischen Christen, namentlich die geschäftigen christlichen Syrer, noch besonders herausgearbeitet worden ist. Mir sind Ihre Erlebnisse und Eindrücke nicht so sehr überraschend, und halte ich den ganzen arabischen Besitz der Türkei überhaupt für stark gefährdet, wenn die Türkei nicht endlich damit Ernst macht, die Verwaltung zu arabisieren15. Noch vor ganz Kurzem kam es vor, daß man einen Oberkadi nach Mekka schickte, der des Arabischen nicht kundig war. Die Verhältnisse im Irak sind übrigens noch schlimmer als in Syrien. Glauben Sie nicht, daß ich die Bedeutung des Heiligen Krieges überschätze. In meiner ersten Schrift habe ich direkt davor gewarnt. Nachdem er erklärt war, habe ich ihn als politisches Bindemittel zu verstehen versucht. Daß es natürlich auch Kreise gibt, die ihn im alten Sinne auffassen, und daß der moderne Türke, der noch nicht so weit ist, den Djihad als politisches Mittel objektiv zu werten, sich dieser halbreligiösen Geste schämt, ist selbstverständlich. Ich war immer der Meinung, daß auch ohne Djihad der tatsächliche internationale Zusammenhang der Türkei schon ausgereicht hätte, die gewünschte Wirkung einer Erschütterung der kolonialen Stellung unserer Gegner zu erreichen. In welcher Form sich später die deutsche Hülfe in Syrien, wie in der Türkei überhaupt, vollziehen wird, ist natürlich z. Zt. noch nicht zu übersehen. Die Hauptsache bleibt, daß das Vertrauen der Armee in die deutsche Hülfe bestehen bleibt. Ich weiß von maßgebender Stelle, daß man bei uns tatsächlich die Absicht hat, das wirtschaftliche Staatsinteresse der Türkei auch gegen die privat-wirtschaftlichen Interessen selbst des deutschen

Kapitalismus zu schützen, und zwar nicht etwa aus sentimentalen Gründen heraus, sondern weil eine innerlich gestärkte und gekräftigte Türkei auch dem wirtschaftlichen Zukunftsinteresse Deutschlands mehr entspricht. Vor allem wird es darauf ankommen, die Dinge festzustellen, auf welche die Türkei zur Hebung ihrer eigenen Industrie einen Schutzzoll wird legen müssen, damit die deutsche Industrie sich auf diese Gebiete einstellt, sondern auf solche, die der Türkei nicht liegen. Hätte die deutsche Industrie sich einmal auf die Dinge eingestellt, die die Türkei in ihrem Staatsinteresse später mit einem Schutzzoll belegen muß, so wäre ein unabsehbarer Konflikt zwischen Deutschland und er Türkei gegeben. Es geschieht zwar auf diesem Gebiete noch nicht genug; aber ich weiß, daß man wenigstens das Problem erkannt hat.-

Wie die Dinge sich auch entwickeln mögen, unter allen Umständen ist es verkehrt, sich bereits jetzt in Diskussionen über die äußere Form zu ergehen, in der künftig sich die deutsch-türkischen Beziehungen bewegen werden. Bedenken Sie bitte stets, daß alle meine jetzigen Schriften politische Schriften sind: so wollen auch meine Auseinandersetzungen mit Snouck gewertet werden. Snouck bildet sich ein, wissenschaftlich zu sein; das ist grundfalsch, auch er ist Politiker. Daß in gewissen deutschen Kreisen die Bedeutung des Heiligen Krieges aus Unverstand maßlos überschätzt worden ist, liegt auf der Hand. Ich sende Ihnen einliegend meinen holländisch geschriebenen Artikel, der die Snouck’sche Episode abschließt. Das deutsche Schlußwort haben Sie inzwischen erhalten. Sie werden genau fühlen, worauf ich hinaus will. Der Artikel scheint in Holland sehr gut gewirkt zu haben; jedenfalls hat die Tagespresse ihn fast wörtlich abgedruckt.

Die mir übersandten Dokumente habe ich mit Interesse gelesen und bin ähnliches Material auch weiterhin dankbar. Die Photographien sind (schön? Unleserlich) und werden Sie später viel Freude davon haben. Jedenfalls freue ich mich täglich an dem Gedanken, daß Sie jetzt so herrliche Lerngelegenheit haben, und daß weder der Krieg, noch die Dienstzeit Sie wissenschaftlich Zeit kosten. Ihr Herr Vater hat mir übrigens auf meinen Wunsch Ihre Dissertation geschickt, und will ich nächstens versuchen, die Einleitung als Dissertation drucken zu lassen. Aber rechnen Sie bitte noch nicht allzu sicher damit, denn gerade die Einleitung sollte doch noch umgearbeitet werden. Wenn ich diese Umarbeitung vornehme, ist es eben keine Dissertation mehr. Vielleicht muß ich deshalb doch einen Teil des Textes drucken. Wie ich es auch anfange, ohne eine sehr große Aufwendung von Arbeit meinerseits wird es sich nicht machen lassen. Andererseits verstehe ich wohl, daß Sie nach dem Kriege gern Ihre Dissertation fertig hätten. Wenn ich nur selbst etwas freier wäre; aber auch ich habe schrecklich viel zu tun. Was ich irgend tun kann, soll aber für Sie geschehen. Das Schwierigste ist, daß Interesse für die Sache in Einklang zu bringen mit dem Interesse für Sie. Ich möchte nämlich gern das Ganze bearbeiten und veröffentlicht haben, während jeder Teildruck eine spätere Neuaufnahme des Ganzen erschwert.

Über die politische Lage lohnt es kaum zu reden, da bei der langen Reise dieses Briefes alle Äußerungen überholt sein werden. Immerhin interessiert (es) Sie doch vielleicht auch meine persönliche Ansicht. Ich glaube nicht an ein Losschlagen Italiens. Wenn es aber losschlägt, so sieht man in leitenden militärischen Kreisen den Ereignissen mit Ruhe entgegen. Meine persönliche Ansicht ist, daß ein italienischer Krieg mit Italien als Republik und einer österreichischen Adria inclusive Venetien abschließen würde. Die Kenner Italiens haben bisher das interventionistische Geschrei nicht ernst genommen, weil man den Volkscharakter eben kennt. Plötzlich aber zeigte sich, daß die Regierung sich davon kaptivieren ließ, vor allem Sonnino, der halb Engländer ist, da er ja in England erzogen wurde. Jetzt wurde es plötzlich der neutralistischen Mehrheit bange, und sie griffen ein, geleitet von Giolitti. Gleichzeitig erfolgte ein deutscher Druck auf Italien, indem man die Deutschen abreisen ließ. Die Wirkung auf die Industrie Norditaliens ist sehr groß, und man merkte, daß Deutschland Ernst machte. Dabei kommt Österreich bis an die Grenze des Möglichen entgegen. Kommt es trotz allem zum Krieg, so ist nur die Bestechung der Entente daran Schuld. Jedenfalls ist von einer Einheitlichkeit der Stimmung in Italien nicht die Rede. Braucht man also auch in keiner Weise in Sorge zu sein, so ist , m. E. die Rückwirkung auf die Türkei doch recht bedenklich. Dann werden auch Sie noch kriegerisch zu tun bekommen; denn Italien wird sicher Truppen landen lassen. Die bisherigen Erfolge der Türkei ermutigen allerdings sehr. Ich höre von unterrichteter Seite, daß die Entente der Türkei glänzende Anerbietungen macht, wenn Sie einen Separatfrieden schlösse. Ihre Mitwirkung ist also von großer Bedeutung für uns gewesen. Ich halte es nicht für unmöglich, daß bei glücklichem Fortgang der Ereignisse in Galizien ein Separatfriede mit Rußland zustande kommt. Die Aktion in den Ostsee-Provinzen scheint nur den Zweck zu haben, weiteres Austauschgebiet zu besetzen. Österreich muß doch einen gründlichen Ersatz für das Trentino erhalten. Die Kriegsgeschichte dürfte übrigens keine so glänzende Flankenaufrollung kennen, wie die in den Karparthen.

Unsere allgemeine Stimmung in Deutschland ist sehr gut. Das Leben funktioniert gleichmäßig; die Universität ist voll besetzt. In meinem türkischen Publikum habe ich über 100 Hörer, allerdings die Hälfte Damen, in Syrisch und Arabisch aber auch 6-7 ordentlich mitarbeitende Leute. Dabei stehen meine sämtlichen früheren Hörer im Felde. Ich habe vor ein paar Wochen in Berlin einen Vortrag gehalten und werde dort am 9. Juni auf Veranlassung des Kultusministeriums abermals dort sprechen.

Die Nachrichtenstelle für den Orient ist sehr gut organisiert. Ein sachverständiger Stab von etwa 30 Leuten arbeitet unter kundiger Führung. Hoffentlich bleibt diese Institution auch in Friedenszeiten bestehen. Da ich das Schicksal dieses Briefes nicht kenne, will ich nichts Ausführlicheres darüber berichten.

Damit Schluß für heute. Ihre drei Photographien stehen in meinem Studierzimmer, und freue ich mich täglich darüber. Weitaus am besten gefallen Sie mir in der türkischen Leutnantsuniform. Auf dem Bilde im Tropenhelm haben Sie zwar eine charakteristische Haltung, aber gerade die, die mir bei Ihnen nicht so gut gefällt. „Der Herr aber siehet das Herz an.“

Mit freundschaftlichen Grüßen Ihr getreuer (CHB).

 

240. C. H. B. an Metropolitan Ritter. (Bonn,) 2.6.1915

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Metropolitan!

Einliegend übersende ich Ihnen einen neuen Brief von Hellmut, der allerdings abermals nicht gerade für weitere Kreise geeignet ist. Wollen Sie ihn also bitte mit der entsprechenden Diskretion gebrauchen. Ich halte es nur nicht für richtig, Ihnen diese Nachrichten zu unterschlagen; ich bitte aber jedenfalls darum, solche Briefe nicht ins Feld gelangen zu lassen. Verschiedene Äußerungen von Hellmut sind mir von anderer Seite bestätigt und entsprechen auch dem Bilde, das ich selbst von unserer Zukunftsarbeit in der Türkei habe. Je besser es der Türkei geht, um so selbstbewußter wird sie werden und um so schwieriger, aber auch gerade um so notwendiger wird unsere Zukunftsarbeit. Diskretion ist bei dem Brief auch schon wegen der mancherlei kritisierten Persönlichkeiten notwendig. Ich war außer mir, als ich hörte, wieviel ungeeignete Leute man deutscherseits herausgeschickt hat. Ich habe Hellmut schon bei seiner Ausreise entsprechend vorbereitet.

Einliegende Photographien wollen Sie bitte für Hellmut aufbewahren. Er hat mir noch weitere Films geschickt, von denen ich Abzüge machen lasse, die ich Ihnen dann auch zusende.

Hoffentlich haben Sie von Ihren anderen Söhnen auch gute Nachrichten.

Mit verbindlicher Empfehlung Ihr sehr ergebener (CHB)

 

241. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Bonn,) 14.6.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Seit meinem Brief vom 12. Mai hat sich manches verschoben, und mein Optimismus in Bezug auf Italien hat sich als unberechtigt erwiesen. Von Ihnen sind ein weiterer Stoß Tagebuchblätter eingetroffen und vor allem auch Ihre hübschen Films angekommen, von denen ich Ihnen einen Abzug anbei sende. Weitere Abzüge gingen an Ihre Eltern. Das Kopierpapier besorgte ich Ihnen sofort, doch war mehr als die zwei Pakete im Augenblick nicht zu bekommen; so bald als möglich schicke ich Ihnen aber mehr. Auch Films bekommt man nicht mehr unbegrenzt in allen Größen, vermutlich, weil der große ausländische Import aufgehört hat und die heimische Industrie besonders für Kriegszwecke arbeitet.

Wenn ich so lange schwieg, so hängt das mit einer starken persönlichen Inanspruchnahme während der letzten Wochen zusammen. Am 17. Mai wurde der älteste Sohn meiner Schwester Riedel in Rußland schwer verwundet, um dann am 20. Mai in Tilsit zu sterben. Da ihr Mann, wie ihre anderen Söhne im Felde stehen, habe ich alles arrangiert, und wir konnten den hoffnungsvollen, jungen Offizier, der mir persönlich besonders nahe stand, auf dem Familienfriedhofe in Gelnhausen beisetzen, wo er an der Seite seines noch nicht vor Jahresfrist in Davos verstorbenen älteren Bruders liegt. Mein Schwager, der Generalleutnant, wie sein Sohn, konnten zur Beerdigung kommen, und meine Schwester trägt ihr Schicksal bewundernswert. Das Eiserne Kreuz in der dritten Generation lag auf dem Sarge.

Die ungeheuren Verluste sind es immer wieder, die es einem schwer machen, sich über die großartigen Erfolge, namentlich im Osten, zu freuen. Gerade heute Morgen bekam ich wieder die Nachricht von dem Tode eines meiner (unleserlich)ittenen Schüler, eines Herrn Thiebes, den Sie auch, glaube ich, hier kennen gelernt haben. Und noch sieht man kein Ende ab! Ich war jetzt gerade wieder einige Tage in Berlin und habe mich vielseitig informiert; aber

Friedensverhandlungen nach irgend einer Richtung bestehen noch nicht. Immerhin ist doch zu hoffen, daß Rußland nach den vielen Schlägen und dem offenbaren Zermürbtsein seiner Armee nicht mehr allzulange wird mitmachen können. Momentan wirkt die Entente-Diplomatie mit Nachdruck darauf hin, uns den Balkan zu sperren. Ich hoffe, daß es mißglückt: denn eine Kriegserklärung Rumäniens wäre gleichbedeutend mit dem Ende unserer Orientpolitik. Gottlob sind unsere Interessen identisch mit denen Rumäniens, und es ist zu hoffen, daß das Entente-Gold nicht allzuviel Wirkung erzielt. Der Eintritt Italiens in die Reihe unserer Gegner hat, wie ich höre die eingeweihten Kreise nicht mehr überrascht, wenn man auch die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben hatte. England, dem der Atem auszugehen scheint, wirft seine ganze Macht in die Wagschale, um die noch Neutralen zu Hülfsdiensten zu zwingen. Jedenfalls ist dieser Krieg die Bankerotterklärung des parlamentarischen Systems und der Demokratie. So ist wider den Willen seiner Majorität Italien in den Krieg getrieben worden und zwar, weil es seinen leitenden Männern an Mut gebrach. Das Bild, das Italien bisher gibt, ist nicht gerade glorreich. Es drückt sich um die Kriegserklärung an Deutschland, um keine Truppen nach Flandern schicken zu müssen. Der türkische Botschafter ist überhaupt noch in Rom; also auch der so erwartete Eingriff an den Dardanellen scheint sich noch hinauszuziehen. Wir erklären keinen Krieg, weil wir nicht irgendwelche rumänische Bündnispflichten eintreten lassen wollen. Man hofft auf einen baldigen Zusammenbruch Italiens; aber erst scheint man mit Rußland fertig werden zu wollen.

Ihre Nachrichten über die Türkei waren mir sehr interessant, und habe ich alles ganz genau so erwartet. Der Halbgott Leo ist in Berlin völlig kalt gestellt; man merkt allmählich, welche Dummheit man mit seiner Entsendung gemacht hat. Der teure O. soll nicht schlecht arbeiten, aber ich wünsche Ihnen doch, daß Sie von ihm verschont bleiben. Es wäre zu schade, wenn die tatsächliche Interessengemeinschaft zwischen Deutschland und der Türkei durch solch eitle Streber und Abenteurer in Gefahr gebracht würde. Ich hatte in diesen Tagen interessante Unterhaltungen mit dem bekannten ägyptischen Nationalisten, Scheich Schawisch, den Sie ja wohl dem Renommee nach kennen. Er machte mir einen recht guten Eindruck und ist z. Zt. als Vertrauensmann Enver’s (Pascha) in Berlin. Er wohnte im Hotel Esplanade, und frühstückte ich mit ihm zusammen. Aus Unterhaltungen mit ihm gewann ich die Bestätigung meiner alten Ansicht von der allzu großen Fairheit unserer auswärtigen Politik vor dem Kriege. Hätten wir, seinem Rate folgend, rechtzeitig Waffen in orientalische Gebiete eingeschmuggelt, was England und Frankreich ja ganz gewohnheitsmäßig tun, so wäre der Aufruf zum Djihad wirkungsvoller gewesen. Erschreckend ist vor allem der Hochmut der Jungtürken; nur wenige ganz fähige Köpfe sehen die eigenen Fehler ein. Ihr derzeitiger Chef hat nicht das Renommee, dazu zu gehören. Wenn die führenden Leute nur wüßten, wie ehrlich die Absichten der deutschen Regierung sind; aber ich fürchte, daß wir sehr mit Mißtrauen zu kämpfen haben werden. Unsere amtliche Türkenpolitik scheint übrigens (?) in fähigen Händen zu liegen. Auch auf dem Balkan sind wir gut vertreten. Manche Details möchte ich Ihnen vorsichtshalber nicht schreiben. Es ist zu schade, daß unsere Gegner in den arabischen Provinzen der Türkei so furchtbar leicht den Hebel der Opposition ansetzen können.

Die amerikanische Angelegenheit sieht man hier mit großer Ruhe an.

An Ihrer Arbeit habe ich bisher nichts tun können; ich bin mit meinen Magengeschichten doch nicht so arbeitsfähig wie ich es gern sein möchte, aber man schlägt sich eben so durch.

Viel beschäftigt man sich in eingeweihten Kreisen mit dem Problem der Kriegsziele, das verständigerweise der öffentlichen Diskussion noch entzogen ist. Die Bildungsschicht muß diese Gedankenwelt eben vorbereitend durchdenken. Im Osten kann uns an einigen Millionen Polen nichts gelegen sein. Da aber irgend etwas als Entschädigung für die ungeheuren Opfer notwendig ist, so wünschen einflußreiche Kreise eine Übernahme besitzfreier Landstrecken, deren Bevölkerung von Rußland zu verpflanzen und im Innern Rußlands zu entschädigen wäre. Dann würde neuer Boden für deutsche Besiedelungen frei. Im Westen werden wir die Seeseite Belgiens wohl nicht mehr aus der Hand geben. Millionen und Millionen sind in ihre Befestigung hineingesteckt. Auch Frankreich gegenüber warnen jetzt alle Sachverständigen vor Gefühlsduselei, wie sie dem für ideale Zwecke kämpfenden Frankreich nur allzu viel entgegengebracht worden ist. Das Revanchegeschrei und das Geld Frankreichs haben schließlich diesen Krieg doch erst möglich gemacht, und Frankreich muß erbarmungslos dafür büßen. Schwierig wird es vor allem bleiben, England zu zwingen, und man rechnet noch immer damit, ihm in Ägypten das Rückgrat zu brechen. Die Angst davor ist es zweifellos, die jetzt England veranlaßt, mit allen Machtmitteln in Rumänien oder an den Dardanellen einen Riegel vorzuschieben.

Schreiben Sie nur recht bald einmal wieder. Ich bin so viel in Gedanken bei Ihnen und begleite Sie auf Ihren interessanten Fahrten

mit freundschaftlichen und treuen Gedanken. (CHB).

 

242. C. H. B. an Hellmut Ritter, Konstantinopel (Bonn), 17.6.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Gestern habe ich Ihnen einen langen Brief geschrieben, und kaum war er fort, kamen Ihre zwei Pakete, die vielen Photographien, Seidenstoffe usw. an. Ich werde alles, Ihrem Wunsche nach, aufheben resp. an Ihre Mutter senden. Die Tagebuchblätter haben mich natürlich brennend interessiert Es freut mich, daß Sie wieder so viel zu sehen bekamen. Unser brieflicher Verkehr wird ja nun wieder schneller gehen, nachdem Sie wieder in Konstantinopel eingetroffen sind. Schreiben Sie mir doch nächstens einmal über die Gesamtlage und ob es richtig ist, daß die Errichtung der Munitionsfabriken ein Fehlschlag war; es kursieren so mancherlei unkontrollierbare Gerüchte.

Hoffentlich müssen Sie nicht in den Schützengraben auf Gallipoli: das täte mir leid für Sie.

Eine Abschrift Ihres Briefes geht wieder an Tschudi. Auch eröffne ich Ihnen einen Kredit von Mark 200 zur Anschaffung wichtiger türkischer und persischer Drucke, die ich Sie bitte in Konstantinopel für mein hiesiges Seminar zu erwerben. Ich besitze nur die Bibliotheca Indica und gebe Ihnen im Übrigen ganz freie Hand. Sie wissen ja am besten, was ein Seminar brauchen kann. Vor allem hätte ich gern den Evlija, auch neuere türkische Literatur nicht ausgeschlossen. Abrechnung geschieht am besten direkt durch den Buchhändler, den ich durch die Staatskasse bezahlen würde. Macht das Schwierigkeiten, so wollen Sie auf Grund meines Kreditbriefes zahlen, dann verrechne ich es direkt hier mit der Universitätskasse. Übrigens haben Sie mir nie ein Wort geschrieben, ob der Kreditbrief in Ihre Hände gelangt ist. Bisher haben Sie jedenfalls nichts abgehoben, aber es wäre mir doch wertvoll zu wissen, ob Sie ihn überhaupt erhalten haben, da man ihn sonst für ungültig erklären müßte.

Inzwischen ist ja nichts Neues passiert, drum nur herzliche Grüße!- Grüßen Sie Schmidt.

Ihr Ihnen freundschaftlich ergebener (CHB).

 

243. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter. (Nr.6) Jerusalem, 10.5.1915

(Maschinenkopie)

Gestern bei Prüfer. Erzählte Interessantes über die Behandlung eines englischen Offiziers durch hazretleri, auch über den Kommandanten von Jaffa, der uns so schön empfangen hatte, und seine Art, die Herzen deutscher Offiziere zu gewinnen. Auch über den Befehl, daß Deutsch als Unterrichtssprache abzuschaffen sei, auch über Frobenius. Doch das sind alles Dinge, die sich nach dem Kriege noch besser erzählen lassen.

Jsláhíje, 23.5.1915

Also wieder in Anatolien. Plötzlich Befehl, daß die 10. Division nach Norden, d.h. nach Konstantinopel abmarschieren soll. Dann wird man ja Gelegenheit haben, die Affaire an den Dardanellen aus der Nähe zu betrachten. Wenn die Wirklichkeit so ist, wie die Agencen berich-ten, kann man ja zufrieden sein. Etwas für uns Ungünstiges ist sicher bis jetzt nicht passiert, da wir vom AOK alles erfahren, was zu erfahren ist.. Der Eisenbahntransport war sehr übel, da die Bahn durch Heuschrecken aufgehalten wurde. Diese Bestien sind hier in erschreckender Menge aufgetreten, zum ersten Male wieder seit 15 Jahren ungefähr. Erst Schwärme, die die Luft verfinstern, Eier legen und sterben, dann nach einiger Zeit eine kleine schwarze Brut, die mit großem Appetit gesegnet ist. Man hat eine Heuschreckenkommission mit General Trommer als Spitze gebildet, Soldaten losgeschickt, um die Untiere zu vernichten. Herr Aaronssohn, der Entdecker des Urweizens in Palästina, und mehrere andere mehr oder weniger Sachverständige haben gearbeitet, sämtliche männlichen Einwohner Jerusalems und der umliegenden Bierdörfer mußten bei großer Strafe eine bestimmte Anzahl Kilo Heuschreckeneier beibringen, aber trotzdem fehlte es natürlich gänzlich an dem Zusammenarbeiten der Behörden, z. B. die Eisenbahn stellt einen Sonderzug für Heuschreckenfänger bereit, heizt an – es kommt aber niemand. Warum? Weil ein Beamter den entsprechenden Befehl in der Schublade hat liegen lassen! In Ramleh sitzt ein Mudir, dessen Bruder im türkischen Parlament sitzt und deshalb Paschaallüren angenommen hat und gar nicht daran denkt, irgendwelche Befehle auszuführen. Freilich saß ihm zum Glück ein ganz ungemein energischer deutscher Offizier als Kommandant auf der Jacke, der ihn außerordentlich schnell zur Raison zu bringen wußte. Doch zurück zu unserer Eisenbahn. Also die Heuschrecken sitzen in solchen Massen auf den Schienen, daß durch ihre zerquetschten Leiber Schienen und Räder gewissermaßen eingefettet werden, wodurch die Räder sich dauernd auf der Stelle drehen. In Damaskus war ein wenig Aufenthalt. Bin in das entzückend schöne Tal von Dummar gefahren, alles voll hübscher Gärten, Springbrunnen und Wasserfällen. Leider war alles leer, in keinem der schönen Kaffeehäuser auch nur ein Raky zu haben, ohne den der türkische Offizier einfach nicht leben kann, oder ein Schälchen Kaffee. Auch kein Mensch vorhanden. Warum? Der Polizeichef (Tahir) ist ein so frommer Mann, daß er liihjá es-sunna als Lustbarkeiten mit stärksten Mitteln unterdrückt; auch wir, die wir uns in einem hübschen Garten niederließen einen Kaffee zu trinken, wurden alsbald durch einen Polizeisoldaten aufgefordert, das Feld zu räumen.

Dafür habe ich auf dem Markt etwas orientalisiert. Sogleich das kitáb el-isara ila mhásire etc. gekauft und zu dem ersten attár (Spezereihändler) am Platze gegangen, um mir sämtliche Drogen vorführen zu lassen. Habe dann 100 Stück gekauft in kleinen Proben, Namen und Gebrauch aufgeschrieben und in eine Blechkiste gepackt, die demnächst nach Bonn abgehen wird. Übrigens war nicht alles reine Volksmedizin; der Mann hatte seine Lubb el-Lubáb auf dem Ladentisch liegen, um sich Zweifelsfällen daraus Rat zu holen.

Nun ist die Sprachgrenze überschritten, wir fahren jetzt denselben Weg zurück, den wir damals gekommen sind. Inzwischen sind die Wege sehr verbessert worden, an der Eisenbahn wird emsig gearbeitet. Übrigens ist neulich der erste Zug von Damaskus über Llyd nach Jerusalem gefahren. Die Strecke bis Birsaba wird bei der kolossalen Energie Meissner Paschas wohl auch bald fertig werden.

Jslahijje war bis vor 60 Jahren ein Aufenthaltsort nomadisierender Kurden. Das wurde anders, als bei einem großen Aufstand Derwisch Pascha hergeschickt wurde und der Ort zu einem gazá gemacht wurde. Derwisch Pascha siedelte die Kurden an und hielt die nicht angesiedelten doch so in Gewalt, daß man aus ihnen rekrutieren konnte. In allerjüngster Zeit, etwa vor 15 Jahren, hat sich in dem Kummernest auch ein Regierungsgebäude, noch später eine Schule erhoben. Jetzt baut man ein beledijje Gebäude. Die Leute leben neuerdings von Ackerbau, während sie bis vor wenigen Jahrzehnten, der alten Gewohnheit treu, lediglich der Viehzucht Aufmerksamkeit schenkten. Jetzt ist auch ein kleiner Markt da, Eigentum des einzigen wohlhabenden Mannes Hadschi Muhammed, wohl auch eigentlich aus kurdischer Familie. Es ist derselbe, der uns damals so gastfrei aufnahm. Türken sind inzwischen auch eine ganze Menge zugewandert, doch bilden den wichtigsten Teil der Bevölkerung die Muhagerín, etwa 100 Familien vor 20 Jahren hergekommen (rúmelí) und etwa 50 Familien Bosnier, vor zwei Jahren hergekommen. Außerdem 30-40 Zigeuner, die sich mit Siebmachen und dgl. Beschäftigen, aber angeblich außer Arabisch und Türkisch keine Sprache verstehen. Um ein wenig à la Stuhlmann zu arbeiten, ließ ich mich in ein Gespräch mit einem Hufschmied ein. Leider hindert mich sehr meine gänzliche Unfähigkeit zu zeichnen; doch will ich’s hinschreiben, so schlecht es auch ist.

(Anmerkung in der Kopie: Hier folgen einige Seiten mit wissenschaftlichen Notizen, die in der Abschrift fortgelassen werden.)

Hasan Begli, 24.5.1915

Von Jutilli nach Hasan Begli. Von Jutilli eine halbe Stunde entfernt liegt Ziugirli. Ich habe es liegen sehen und habe lange gekämpft mit mir, um endlich doch nicht hinzureiten. In Jutilli arbeiten deutsche Ingenieure am Tunnel der Bahn.

Hasan Begli ist ein rein armenisches Dorf, etwa 1000 armenische Familien, 15 Muslime. Die Armenier in der Umgegend von Marasch müssen irgendwas ausgefressen haben, sie werden jetzt ausgetrieben und nach Aleppo geschickt. Uns begegneten ganze Karawanen verbannter armenischer Familien. Auch hier das wundervoll in Feigen- und Maulbeergärten gelegene Hasan Begli ist wie ausgestorben. Hier sollen die Armenier vor 3 Tagen 2 Polizisten erschossen haben. Wie dem auch sein mag, ob man, um innere Feinde zu bekämpfen, gerade bei den Armeniern anfangen muß, ist mir zweifelhaft. Die Kleinen hängt man auf … Der Haß gegen die Armenier ist groß. Wenn der türkische Bauernjunge gerade so alt wird, daß er was lernen und schaffen könnte, wird er Soldat, und bei dem ununterbrochenen Kriegszustand, in dem sich die Türkei befindet, können wir uns jetzt, wo wir Ähnliches bei uns erleben, wohl vorstellen, welche schweren wirtschaftlichen Folgen diese Dauerabwesenheit der arbeitsfähigen Mannschaft haben muß. Was Greise, Frauen und Kinder ersparen können, schicken sie dem Vater und Sohn ins Feld. Etwas besser ist es ja seit der Abschaffung der 8jährigen Dienstzeit Abdul Hamid’s geworden, doch der Übelstand ist immer noch groß, weil der Staat jedes Jahr Krieg führt, sei es gegen den Westen, gegen Jemen, gegen Kurden oder sonst etwas.

Der Armenier sitzt derweil zu Haus, kriegt viele Söhne, jeder macht einen Laden auf und wird dick und reich, während sein gleichaltriger türkischer Nachbar des Sultans Rock trägt. Eine üble Folge des alten Gesetzes. Doch beginnt man jetzt schon, Christen und Juden einzustellen, was im Offizierskorps schon länger der Fall war.

Hasan Begli ist ein Mühlendorf. Es sind an die 18 Mühlen da, aus der ganzen Umgegend läßt man hier mahlen. Die Einrichtung der Mühlen unterscheidet sich nicht von der beschriebenen. Oben Burg aus viereckigen Quader, wohl armenisch.

Vertriebene Armenier auf dem Tauruspaß, 1916
Vertriebene Armenier auf dem Tauruspaß, 191616
Armenische Frauen im Lager, 1916
Armenische Frauen im Lager, 1916

Ma múre, eine Station östlich von Osmanijje, 25.5.1915

Drei Stunden von Adana mit der Bahn. Hier besteigen wir wieder den Zug, um bis Gúlek Bogas zu fahren.

Scheußliche Nachricht von Italien; diese Schweine. Freilich letztlich wohl Schuld unserer vertroddelten Diplomatie. Wie war es möglich, die Stimmung in Italien so schlecht zu kennen, daß der Generalstab bis zum letzten Augenblick mit der Hilfe italienischer Truppen gerechnet hat!! Häßliche Bescheerung!

Eine Stunde nach Hasan Begli sieht man links im Tale eine mächtige Burgruine liegen, von den Eingeborenen teils qaipaq (?) qal’asi, teils sauranda qalasi genannt. Etwas weiter, etwa 25 km vor Osmanijje, kleines Türkendorf unten im Tale: qyzyldere. Etwa 30 Familien, Bauern. Kam an ein Haus, um mir etwas eiran (dünne Sauermilch) geben zu lassen. Natürlich kein männliches Wesen da, vor der Tür die Mutter sitzend, das Kleinste im Arm, noch ein paar hübsche kleine Dinger, das Haar in ein Dutzend Zöpfe geflochten und an einem Halsschmucke arbeitend. Auf einer Wiege eine Schaukel: qynqylyg. Dann kam die Nachbarin mit der Spindel in der Hand um zu sehen, was los wäre. Leider verstanden wir uns recht schlecht, weil mir ihr Bauerntürkisch natürlich ganz fremd war.

Das nächste zu passierende Dorf ist qanly gecit, – so – blutige Furt – genannt, weil der zur Regenzeit stark anschwellende Fluß in alter Zeit, als es noch keine Brücke gab, schon manchen ums Leben gebracht hat. Kleines Türkendorf, 30 Familien. Jetzt ist eine Gendarmeriestation dort und ein kleiner Miniaturmarkt, wo man Essen und Trinken haben kann. Rechts biegt dann der Weg nach Mamúreh (nichts als Eisenbahnstation zu sehen) von dem Weg nach Osmanijje ab.

26.5.1915

Von Mamúreh mit der Bahn nach Adana. Adana ist ein geradezu greulich schmutziges Nest, verrufen als einer der ungesundesten und fieberreichsten Orte in der Türkei. Das Palace

Hotel, in dem wir wohnen, könnte bei uns kaum als Kutscherkneipe passieren. Der guten Schwägerin zu Liebe werde ich, wenn irgend möglich, das American Mission Seminary und die treffliche Miss Wep aufsuchen, mich auch mal sonst erkundigen, was für ein Andenken Christiane hinterlassen hat.

Unter Hasan Begli habe ich vergessen zu bemerken, daß ich mir ein paar armenische Häuser angesehen habe. Sie sind 1 oder 2stöckig, mit Erde und Kies gedeckt, das Dach wird zuweilen mit einer kleinen, ungefähr 1 m langen, 35 cm dicken Steinwalze (juwarlak) festgewalzt. Unterstock: Stallung. Oberstock: Zimmer und Veranda. Eine Treppe führt aufs Dach. Lokus in besonderem Bretterbüdchen in der Nähe des Hauses. In Islahije befindet sich dieser öfters in einem lang abstehenden Arm der Veranda im zweiten Stock, von wo aus die Sache entweder offen herunterfällt oder durch eine senkrechte Bretterröhre in die Grube versenkt wird. Alles andere muß die Photographie erläutern. Grundrißversuch eines 2stöckigen armenischen Hauses in Hasan Begli (erbaut 1909). (Zeichnung vom Kopisten fortgelassen).

Eine vernünftige Beschreibung ist mir dank meines mangelnden Zeichentalentes unmöglich. Fast neben jedem Haus ein kleiner mit Zaun umhegter Platz von 2-3 m Durchmesser für die Ziegen. Irgendwelche vergleichende Beobachtungen mit türkischen Bauernhäusern zu machen, habe ich natürlich nicht entfernt die Zeit, habe Wichtigeres zu tun. All diese Dinge verschwinden ja als Lappalien und Spielereien hinter einem großen Ereignis.

Die Berge rings schön grün, aber leider kein Wald, sondern nur dorniges Eichengestrüpp

(saly), etc. etc.

Auf der Fahrt von Osmanijje nach Adana kommt man an Topsaq Chal vorbei.

Eregli, 30.5.1915

Wieder eine Station weiter. Leider habe ich trotz aller Bemühungen, die Zeit herauszuschlagen, doch nicht mehr Miss Wep und Genossinnen aufsuchen können. Hier ist zwar allerlei Interessantes, teils hettitisches, teils römisches zu sehen, doch habe ich keine Zeit. Ein hiesiger deutscher Ingenieur namens Kern, der dicht am Bahnhof wohnt, versicherte mir, daß die Quelle beim Tschife Han nicht wie bei Baedecker angegeben, 60°C, sondern 65°C heiß sei. In dem hübschen Bosanti haben wir uns Abends wieder den sebek-Tanz und Schwertertanz (kör o in) des 29. Regiments angesehen. Man versicherte mir, daß die Smyrnaer (das Regiment stammt daher) in der Heimat ein besseres Kostüm anlegten: bis zu den Knieen bloß, Dolch und Pistole an einem Leder um den Leib geschnallt etc. Dann tanzen 30 Kerls nach dem Takt türkischer Musik umher. Ich habe bloß 2 Leute gleichzeitig in dem von den Soldaten gebildeten großen Kreis gesehen. Die Arme sind erhoben und mit den Fingern knipsen sie den Takt dazu. Bei zwei Tänzern sind die Bewegungen oft korrespondierend.

Einer trat auf, der wohl eine Art Clown darstellen sollte. Er tappte in komischen plumpen Schritten umher und zog bei jedem seiner großen Schritte neue dumme Fratzen.

Der Schwertanz ist viel lebhafter. Die Kerle springen wild umher, die beiden Schwerter, in diesem Falle Seitengewehre, nach dem Takte der Musik bald über den Kopf, bald unter einem erhobenen Bein zusammenschlagend.

Stambul, Sonnabend darauf

Anbei meine Drogen, Verzeichnis folgt nach und ein paar Broschüren. Wir bleiben jetzt für einige Zeit in Makriköi dicht bei Konstantinopel. Sollte Tschudi irgendwelche Wünsche haben, die ich hier erfüllen könnte, so soll er nur schreiben, ich sitze hier dicht an der Quelle. Die Tücher, in Jerusalem erhandelt, bitte ich gelegentlich meiner Mutter zusenden zu wollen. Die Fahrt mit der anatolischen Bahn verlief ohne weiteren Zwischenfall, zu irgendwelchem Aussteigen war natürlich keine Zeit.

Mit vielen Grüßen Hellmut Ritter.

Adrianopel, 13.6.1915

Seit 5 Tagen hier. Wohnen in einem sehr schönen türkischen Haus in der Nähe der Sultan Selim Moschee, mit Springbrunnen und allem Komfort eingerichtet. Es gefällt mir sehr gut hier, wenn auch das Klima sehr viel heißer ist als in Makriköi.

General Trommer ist Stadtkommandant geworden. Der alte Kommandant, Faiq Pascha, wurde vorgestern an der Hand unserer Musik und einer Ehrenkompagnie abgeleitet. Er hatte sich durch Gerechtigkeit, eine hier nicht durchaus alltägliche Eigenschaft, die Liebe der Bevölkerung erworben, auch besonders gegenüber dem zwar energischen, aber gewalttätigen Wali.

Gestern Besuch bei dem sehr netten österreichischen Konsul, der in Ermangelung eines deutschen Konsuls auch unsere Geschäfte hier mit versieht. Auch er wohnt in einem sehr hübschen türkischen Haus mit großem Garten voller Zitronenbäume, ziemlich einsam – die Europäer wohnen meist in der Vorstadt am Bahnhof Kara Aatsch – mit seiner Frau und einem kleinen Mädel.

Gestern und vorgestern Ritte in die Umgebung, ein paar alte Forts – Karaóz, Aapia und Kyjyk Aapia – angesehen und mit den Offizieren taktischen Besprechungen beigewohnt, z. T. dabei als Dolmetscher tätig.

Ich möchte wohl gern, daß wir einmal längere Zeit hier an diesem Orte blieben.

15.6.1915

In diesen Tagen hat der deutsche Arzt Israel, den man eigens dazu aus Deutschland berufen hatte, dem Sultan mit einer glücklichen Operation zwei Blasensteine entfernt. Zum Dank dafür gab es für die Soldaten 3 Tage und 3 Nächte dienstfrei und Festessen, auch wurden zum Tode verurteile Soldaten begnadigt.

Gestern waren wir bei Turnspielen des 30. Regiments eingeladen. Auf dem schönen Grasplatz hatte man Laubdächer für uns Zuschauer aufgeschlagen. Es war sehr nett. Nach Gesang türkischer Lieder das schon früher beschriebene Zebeknien, dann Tauziehen, Sacklaufen, Schwerttanz und das sehr ulkige kör hebe: Blindekuh. Von zwei Leuten mit verbundenen Augen ist der eine mit einem langen Strick an einen Pfahl angebunden wie ein grasendes Pferd. Mit zwei Steinen in der Hand muß er dem anderen Blinden durch Aneinanderschlagen einen akustischen Hinweis auf seinen Standort geben, der sucht ihn dann mit dem bekannten Tuch im Knoten zu erhaschen. Zum Schluß Ringen à la turka. Die Ringer, nur mit einer kurzen Hose bekleidet und mit Öl klitschig gemacht, schleichen unter zurna und tawul (Flöte und Pauke) Musik sehr spaßig wie zwei Raubtiere umeinander herum, um sich plötzlich erbittert aufeinander zu stürzen, bis ihnen der Atem ausgeht und sie sich zu einem neuen Waffengang erholen. Die Kerle waren zum Teil sehr schöne Gestalten und kämpften mit großem Geschick, beide Male mit unentschiedenem Ausgang. Als Lohn für die Mühe wurde dem besten Ringerpaar je eine Uhr zuteil.

Den Abend und die folgende Nacht waren die Minaretts illuminiert. Ein dreifacher Kranz von Lichtern umkränzte die hohen Türme ein ganz eigenartig schöner Anblick; denn es war leilei berrat, die Nacht der Reception des Propheten. Auch innen sind die Moscheen beleuchtet. Ich war in der mit Recht berühmten Sultan Selim Moschee und habe gestaunt über die Schönheit sowohl des Baues, wie auch des Lichterschmuckes.

Heute ist etwas ganz unerhört Schreckliches passiert: mit der beste Offizier der (deutschen) Militär-Mission ist von seinem Revolver, den er beim plötzlichen Einstieg in den Zug eilig in den Koffer warf in den Kopf getroffen und getötet worden. Entsetzlich, ganz entsetzlich! Der Offizier war 7-8 Jahre Militärattaché in Sofia und Bukarest gewesen, ein Mann von ganz ungewöhnlicher Tüchtigkeit und von großem Einfluß, eine ganz unersetzliche Kraft hier in diesem Lande. Gott weiß, warum der so sterben mußte! (Militärattaché von Leipzig.)

 

244. Hellmut Ritter an C. H. B. Mekriköi bei Stambul, 12.6.1915

(handschriftlich)

Sehr verehrter Herr Professor!

Ich habe schon seit langem nichts mehr aus Deutschland gehört, hauptsächlich wohl deshalb, weil unsere Post versehentlich wieder nach Jerusalem gewandert ist und nun wohl einige Zeit brauchen wird, um wieder heraufzukommen. Ich habe immerhin heute zu meiner großen Freude das von Ihnen geschickte photographische Papier erhalten. Haben Sie vielen Dank dafür. Ich schicke Ihnen wieder allerlei zu. Gekaufte Photographien von Palästina, Lichtbilder17, Zeitungen (darunter die mir scheint’s interessanteste Zeitschrift des Schickulislamrats (arab. Wort), ein paar Broschüren, türkische Grammatiken auf arabisch, diverse Films, eine Liste der in Damaskus gekauften Drogen etc. Vor kurzem ging ein Paket mit Drogen, Tagebuchblättern und seidenen Tüchern ab. In Damaskus wäre auch für meine Arbeit wohl noch viel zu machen gewesen, aber soviel Zeit hat der Dienst nicht abgeworfen. Auch unterwegs habe ich nicht viel mehr erfragen können.

Hier sitze ich in einem entzückenden Strandhaus am Meer. Gerade vor meinem Fenster sieht man die Masten des gesunkenen alten türkischen Bootes Pebegi Doria aus den Fluten ragen. Beinahe mehr Sommerfrische wie Krieg. Doch ist ziemlich unbestimmt, wie lange wir hier bleiben werden. Vielleicht sollen wir einige müde Truppen an den Dardanellen ablösen, vielleicht auch nicht. Die Stimmung ist hier sehr gut. Die türkischen Soldaten schlagen sich nach allgemeinem Urteil vorzüglich. Selbst F.F. Schmidt ist voller Hoffnung. Natürlich geschieht auch hier viel Törichtes, Schmidt weiß da besonders Bescheid, doch hat das nicht viel zu sagen. Munition liefern wir aus eigenen Fabriken, Proviant ist in Mengen da. Allgemeine Opferfreudigkeit. Wohl 10 mal am Tage hält einem ein Knabe oder Mädchen von der mudáfe’ij millije (Nationalverteidigung) eine Sammelbüchse vor, die stets schnell gefüllt ist.

Leider habe ich von meinen beiden Brüdern sehr lange nichts mehr gehört. Gott gebe, daß es ihnen gut geht! Ich schicke ihnen zuweilen von hier aus Zigaretten zu, um ihnen das Dasein zu erleichtern. Ich selbst bedarf ja hier keinerlei Liebesgaben mehr. Mein guter Bruder Gerhardt der Kommißige am Kommiß ist ihm so sauer geworden! Ach, könnte ich die beiden doch einmal schnell besuchen! Aber der Bosporus ist weit weg von da oben …

Wie geht es Ihnen und den Ihrigen?

Mit vielen herzlichen Grüßen Ihr Ihnen getreuer Hellmut Ritter

Bei Oberstleutnant Schwabe.

 

245. Tagebuchberichte von Hellmut Ritter (Nr. 7) Kara Burnu, 3.8.1915

(Maschinenkopie)

Vor drei Tagen in Konstantinopel gewesen, um ein paar Aufträge zu besorgen. Man kommt ganz schnell hin: Über Bojalyk, Boshane, Armantköi nach Beikos am Bosporus, von da mit dem Dampfer der sirketi hairíje nach Stambul. Beikos und Arnantköi sind durch eine glänzende Chaussee verbunden. Von da führt ein fahrbarer Weg, der zum Teil erst jetzt von Soldaten hergestellt wird. Jetzt sind nach allen Seiten brauchbare Verbindungen geschaffen. Freilich geht es gefährlich bergauf bergab, die armen Pferde, die zudem noch von Millionen Fliegen halbtot gestochen werden, haben schwere Arbeit zu leisten. Die Landschaft selbst ist sehr schön, alle Berge mit grünen Wäldern bedeckt. Freilich stellt sich bei näherer Besichtigung heraus, daß der so verlockende Wald nur aus halbwüchsigem, ungepflegtem Gestrüpp

besteht, das nur selten einem schönen schattigen Baumplatz, wo man sitzen und sich an der Natur laben kann, Raum gibt. Die Dörfer selbst liegen wunderschön. Arnautköi, wie der Name sagt, ursprünglich von Albanern bewohnt, die aber nach dem griechischen Krieg Griechen Platz machen mußten, liegt wunderschön auf einem Berghange, ist aber gänzlich verödet, da die Griechen natürlich vertrieben sind dank der bekannten panislamischen Politik, die jetzt getrieben wird. Nur ein paar Mohadjirs sind anzutreffen, die aus den verschiedensten Gegenden herkommen, sie haben von der Regierung aber auch keine Ackerflur angewiesen bekommen. Boshane, 50 Familien, dicht bei Urmudje (30 Familien) und Göllik’i sind rein türkisch. In Boshane und Gölliköi gibt’s übrigens sehr schöne Melonen. Im übrigen lebt die Bevölkerung von Holzkohlenbrennerei.

In dem Dorfkaffee, wo ich den Pferden etwas Rast gönnte, wurde ich wie üblich, mit allen Ehrenbezeugungen empfangen. Alles wartete auf gute Nachricht, die ich ihnen zu ihrer Freude auch bringen konnte. Ein Transportdampfer ist ja in diesen Tagen von uns versenkt worden. Meinen Tesfir i Efkiar mußte ich einem Bauern schenken in Gölliköi, der samt seinen Frauen sehr glücklich darüber war.

Mit den Ortsnamen ist es hier ganz sonderbar. Die ersten deutschen Kartographen, auf deren Arbeit die türkische Generalstabskarte beruht, haben sich offenbar oft verhört; aber die nun einmal in den Karten stehenden Namen erben sich im offiziellen Verkehr wie eine ewige Krankheit fort, werden vom Militär usw. gebraucht, bis schließlich die Einwohner selbst sich an den anderen Namen gewöhnen.

Boshane heißt im Ort selbst Bosháli (weil es früher sehr leer da gewesen sein). Urumdje heißt Örúndje (Eski zemande umhárebe iken di smen Örundje gibi qacmis). Ebenso Riwa am Schwarzen Meer eigentlich Jrwa.

Heute zwei russische Torpedos gesehen!

5.8.1915

Aufbruch über Skutari, Mittagsrast in Ermeniká. Soll jetzt, nachdem kein halber Armenier mehr da ist, in Abiudar umgetauft werden. Von den Armeniern wird nicht mehr viel übrig bleiben, welche wirtschaftlich kurzsichtige Politik! Die Arbeitslöhne für den ungelernten Arbeiter betragen jetzt 17 P.S. pro Tag. Was soll das nach dem Krieg werden! Die wirtschaftlichen Aussichten sind auch sonst trübe genug. Ein deutscher Unternehmer war im Taurus, ob man an den Wasserfällen eine Spinnerei machen könnte. Er kam enttäuscht zurück: Wasserkraft genug, aber keine Menschen.

In demselben Ort einen Waldhüter Schálím gesprochen über die Einteilung und Verwaltung der großen Waldungen zwischen Bosporus und Schwarzem Meer, war aber so töricht, nichts davon aufzuschreiben. Am Abend kamen wir nach Ömerli, Bauern- und Kohlenbrennerdorf, am andern Tag nach Bojalyk. In Boyalyk stehen nur ein paar verfallene Hütten, der Rest des früheren Tschiftliks. Nach einigen Tagen beschloß man die Übersiedlung nach der Rettungsstation Kara Burnu, wo wir gestern eintrafen (28. Juli türkisch). Diese Rettungsstation ist nach Angabe ihres jetzigen Wächters, Hafus Onbaschi, vor 35 Jahren aus den Geldern von 8 Mächten errichtet wurden. Als Lehrer und Instrukteur

Hat ein vor zwei Jahren gestorbener Engländer hier gewirkt. Ebenso ist die Verwaltung der Bezahlung der Besatzung bisher dem englischen Konsul in Stambul übertragen gewesen. Als der Krieg ausbrach, hörte die Besoldung auf, bis Enver nach einem Besuch hier die Sache wieder regelte. Die Leute werden bezahlt aus dem Bojengeld im Stambuler Hafen. Daß bei den Engländern nicht rein humane Motive wirksam waren, scheint sehr wahrscheinlich. Von hier aus kann man die ganze Küste von Gelara Burnu bis Schile übersehen. Schile scheint mir eine ganz interessante Stadt zu sein, hoffentlich findet sich mal Gelegenheit, sie näher zu betrachten.

Hier an der Küste fahren die verschiedensten Schiffe vorbei, gestern z. B. die Hamidijje, manchmal auch feindliche U-Boote. Zuweilen wird die Küste bombardiert. Neulich erging es so einer der internationalen Rettungsstationen. Sofort gab es einen Protest durch Amerika! Die Rettungshäuser seien internationales Gut, nicht türkisches. Der Russe antwortete prompt, sie hätten gar nicht auf die Rettungsstation geschossen, sondern nur auf türkische Soldaten, die darauf gewesen wären.

 

246. Hellmut Ritter. Marsch des Divisionsstabes (im Juli 1915). Übersicht seit Jerusalem

(Maschinenkopie)

Mai 10. ( n.St.) Abmarschbefehl eingetroffen.
13. Nabulus
16. Nabulus – Damaskus
17. Ankunft Damaskus morgens 10 h
19. Damaskus-Rajak
20. Rajak – Aleppo

21. Ankunft Aleppo morgens, nachmittags 4 h ab nach Radju
22. 1 h Ankunft Radju. Marsch nach Tahta Kopru im Amanus
23. Tahta Kopru – Jslahijje
24. Jslahijje – Hasan Begli
25. Hasan Begli – Ma’mure
26. Mit der Eisenbahn Ma’mure – Gülek
28. Marsch Gülek – Mezaroluk im Taurus
29. Mezaroluk – Bosenti
Juni 01. Bosenti – Eregli (Eisenbahn)
03. Eregli – Konia
04. Konia – Eskischehir. Abfahrt nach Handa Pascha
05. Ankunft in Handa Pascha
06. Ankunft Makrikör
19. Abfahrt nach Adrianopel
20. Ankunft in Adrianopel
Juli 10. Abmarsch nach Uzun Kopru
11. Ankunft in Uzun Kopru
12. Uzun Kopru – Karabunar
13. Karabunar –Jerli Su
15. Abmarsch
16. Eksamil
17. Am Meer vor Gallipoli
18. Bazarli – Jalova
19 Jalova Umkehr
20. Bei Gallipoli
21. vor Examil genächtigt, Mittagsrast in Kawakkör
22. Mittagsrast in (?), Nacht in Kawadjyk)
23. Fahrt über Uzunkopru (dort Eisenbahn bestiegen) nach Stambul.

 

247. Tagebuch Hellmut Ritters Keschan, 14.7.1915

(Maschinenkopie)

Auf dem Marsche von Adrianopel nach Sidd ül Bahr. Erste Station war Uzunkopru. Die lange Brücke führt über das Ergene auju, im Sommer ein kleiner Bach, im Winter aber füllt er das ganze, sehr breite Tal an, durch das er fließt. Auf Pfählen im Wasser stehen Mühlen. Unten im Wasser tauchen die unterschlächtig getriebenen Mühlräder mit horizontaler Axe, darüber die Mühlsteine. Auch hier hat jeder Stein ein besonderes Rad, sodaß man unten sechs Mühlräder nebeneinander sieht.

Wenn man von der Station über die Brücke geht, ist gleich linkt eine Inschrift, die ich nicht gelesen habe; die eigentliche Bauinschrift befindet sich im Eingang des Ortes jenseits der Brücke links am Weg an einer Quelle. (Einige Zeilen in türkischer Schrift).

Eine türkische kleine Inschrift an der Seite besagt, daß die Brücke 164 „Augen“ habe. Vor einigen Jahren ist ein Teil der Brücke repariert; eine Inschrift dazu ist am Stadtende der Brücke.

Der genannte Brunnen steht an der Ecke eines kleinen, zur Polizei gehörenden Gartens. Darin ist eine türbe des Baumeisters der Brücke: Bali baba. In das kleine, ziemlich neue Häuschen ist eine verkehrte Grabinschrift eingemauert, die den Tod einer „Amina bint Qaja Bali elanqa“ 1017 meldet.

Qara. Nächste Station.

Bunar, Griechendorf, ebenso wenig los, wie in dem nächsten Pasch jejit. Dort wie auch hier Massen von Windmühlen, alle einsternig, immer i n ganzen Mengen zu 8-9 nebeneinander.

Dann Keschan, Kaimmakanlyk. Sehr hoch gelegen, viel zerstörte Häuser vom Franktireurkrieg mit den Armeniern und den Griechen im Balkankrieg. Die Dörfer, die ich gesehen habe, sind alle griechisch. Nur Frauen da, die Männer fort, verbannt und geflohen. Jetzt hat man eine Frist von etwa 25 Tagen gewährt; wer innerhalb derselben zurückkommt, hat Amnestie, muß aber Straßenbauen helfen, bis der Krieg vorbei ist.

Kawakköi, 21.7.1915

Um diese Überschrift zu rechtfertigen, muß ich vorausnehmen, daß wir einen Tagesmarsch vor Erreichung des Zieles Sidd ül Bahr plötzlich wieder den Wanderstab ergreifen mußten, um – nach Stambul zurückzukehren; diesmal freilich nicht die 10. Division, sondern nur der Oberstleutnant, Schwindt, Raschad und ich. Schon in Adrianopel hatte der Oberstleutnant um Ablösung gebeten, da mit dem wunderlichen Korpskommandeur, Generalmajor Trommer, kein rechtes Verhältnis zu erreichen war. Als wir in Jalova (zwei Tagesmärsche südwestlich von Gallipoli) anlangten, kam die Nachricht, daß der Oberstleutnant zur I. Armee versetzt sei. So gehen wir denn denselben Weg zurück, den wir gekommen sind.

Um doch wenigstens etwas von der Front zu sehen, sind wir aber doch noch nach Ari Burnu geritten und haben uns die dortigen Stellungen angesehen. Durch ein ganzes Dorf von wunderschön angelegten Unterständen, Laufgräben, Erdhäusern, die, gedielt und mit allem möglichen Komfort versehen, einen sehr wohnlichen Eindruck machen, gelangte man zum Scheren-fernrohr, von dem aus wir mit Erlaubnis des Gruppenkommandeurs, Generalleutnant As ad Pascha, die ganze Sache bequem übersehen konnten:

Dicht am Ufer ein englisches Lazarettschiff, etwas ferner Kriegsschiffe verschiedener Art. Der Feind hält eine Stellung von etwa 3-4 km Länge in einer Entfernung vom Ufer von etwa 1 km besetzt.18 Hart dagegen die Türken. Es ist ein richtiger Stellungskampf geworden. Die Gräben liegen zum Teil nur fünf Meter auseinander. Alle beherrschenden Hügel sind in türkischer Hand. Leider mangelt es an Munition und schwerem Geschütz; es wird leider mehr verschossen, als hier hergestellt werden kann. Balkanpolitik!! Wenn nur ein deutsches Fußartille-rieregiment da wäre, würde die Sache in wenigen Stunden erledigt sein. So das allgemeine Urteil. Eine Haubitze ist da, doch hat sie keine Munition. Haltung der Truppen etc, Lage der Stellung usw. musterhaft, doch sind mehrere türkische Forcierungsversuche aus den oben erwähnten Gründen blutig gescheitert. Freilich ist von irgendwelchem Vordringen des Feindes keine Rede. Auch auf der Südgruppe bei Sidd ül Bah sollen sich die Engländer durchaus in der Defensive befinden.

Die Halbinsel ist stellenweise mit Kiefern bewaldet. Die Dörfer sind schon vom Balkankrieg her ziemlich zerstört, doch ab und zu tragen auch noch die Engländer zur Verschönerung der Gegend durch eifriges Kanonenschießen bei. Vorigen Freitag haben sie in Eksamil einiges in Brand geschossen. Nur noch ein paar türkische Bauern findet man in den wüsten Dörfern, zumeist damit beschäftigt, mit dem Schlitten Getreide zu dreschen.

Noch am Abend zogen wir weiter am Golf vorbei das Gebirge hinauf. Oben Nachtrast auf einem sehr hübschen Platze an der gänzlich zerstörten griechischen Kirche, deren Inneres, mit zahlreichen Bildern geschmückt, einmal einen sehr bunten Anblick gewährt haben muß. Nachmittags weiter bis Keschan. Dort noch am Abend Pferd beschlagen und in der Militärreparaturwerkstatt unsere leider sehr brüchigen Wagen notdürftig flicken lassen, auch auf dem Markt Eßwaren eingekauft. Morgens (23.7.) weiter nach Qarabunar und abends nach

Qawadjy, griechisches kleines Dorf mit schönem, von vierköpfiger Familie bewohntes Storchennest, im Hintergrund ein cumulusförmiger Hügel, mit griechischen Grabsteinen bedeckt. Die vom Stab mitgenommenen Leute kriegen heute Abend Abschiedsessen und, so uns die drei bisher noch nicht zerbrochenen Wagen erhalten bleiben, werden wir morgen in Uzunköprü einsteigen.

Am Morgen nach Uzunköprü, Verladung, andern Tages früh Ankunft in Stambul

Stambul, 27.7.1915

Wir sollen also in die Gegend des Schwarzen Meeres, Genaueres weiß ich nicht. Ein paar Tage bleiben wir hier. Leider noch immer keine Post, bloß ein W(ochen?)blatt. Von Professor Becker solange keine Nachricht, daß ich die Tagebuchblätter lieber nach Hause schicke.

Dieser Tage wütet ein zweiter fürchterlicher Großbrand, der Tausende von Familien obdachlos macht. Alle innen liegenden Straßen sind mit gerettetem Hausgerät angefüllt. So große Brände habe ich sonst nur in Belgien gesehen: Ihr habt sicher so etwas niemals gesehen, ca. 15 000 Leute sind obdachlos. Doch macht das Ereignis hier kaum irgendwelchen Eindruck. Ich habe keine einzige Träne gesehen; man ist an diese häufigen Brände so gewöhnt.

Hier ist Ramanzan19. Es ist aber rein gar nichts los. Der Krieg und der(sic!) Kino hat die früheren interessanten Volksbelustigungen in den Ramasannächten gänzlich verdrängt.

1.8.1915

Gestern in türkischen Theatern gewesen. „Leblebigi Chordor Agha“, ein älteres nationales Stück, das erste Theaterstück, was in der Türkei gespielt worden sein soll: Ein Pascha liebt ein Mädchen. Der Vater, Früchtehändler, will sie ihm nicht geben, weil er sie einem Dörfler zugesagt hat: Ein Anatolier bricht sein Wort nicht. Das ganze Stück dreht sich um die Erlangung der väterlichen Zustimmung, die natürlich zum Schluß gewährt wird. Spiel gut, besonders die Titelrolle, das unbewegliche Bauerngesicht mit wenig Geste.

Heute Abend Ramasan in Aja Sofia angesehen.

3.8.1915

Heute wieder im Theater: Dejirmendji Ali Baba. Diese von Benlian geleitete Schauspielertruppe leistet doch ganz Nettes, vor allem spielt Benlian selbst recht gut. Die Sache beginnt mir doch interessant zu werden, denn es läßt sich eine Menge Volkskunst daraus lernen. Ganz abgesehen von dem Inhalt des Stückes sind die alten Nationalkostüme, die öfters eingelegten Nationaltänze und Volkslieder interessant, die ganz nach türkischen Weisen getanzt und gesungen werden. Doch auch sonst kann man ein gutes Stück orientalischen Lebens dort im Abbild sehen. Die steifen und auf den Stelzen des Jgrab spazierenden Sachen in Damaskus bieten in dieser Beziehung ja nichts:

Der Müller hat eine schlimme Frau und eine hübsche Tochter, die einen Bey in der Stadt liebt.

Soweit die Exposition.

  1. Szene: Nach einem Tanzspiel der Müllerburschen mit allerhand Mädchen am Feierabend, das aber von dem Müller bald auseinandergejagt wird, zeigt der Müller seiner Frau ein Bündel schöner Anzüge, die er für seinen Schwiegersohn, einen Dörfler, dem er eben die Tochter zugesagt hat, gekauft hat. Die Mutter, die zur Tochter hält, macht darauf eine große Szene: sie wolle ihr Kind keinem Bauern geben etc. Sehr niedliche Zankszene, bei der sie ihn zuletzt verprügelt, den herbeieilenden Leuten aber einzureden weiß, daß er sie verprügelt habe, sodaß er gar noch ihr die Hand küssen muß. Während die Eltern reden, nimmt die Tochter, die das Gespräch belauscht hat, heimlich die Anzüge weg. Als man sie nachher nicht findet, schreit die Mutter, der Teufel habe sie geholt, bindet einen Knoten in das leer daliegende Tuch, „um des Bösen Auge zu binden“, und die beiden Alten schwenken das Tuch unter allerhand Sprüchen hin und her, bis plötzlich der wahre Satan erkannt wird.
  2. Szene: Der städtische Freier macht seinen Besuch bei den Alten, während dessen die Tochter ihm heimlich Kußhände zuwirft, die er durch andauernde Grüße dem darüber sehr verwunderten Alten gegenüber erwidert. Auch sein ganzer Redeschwall ist so gedreht, daß der Müller zur Not eine Geschichte mit einem Mehrsack (?) heraushören kann, in Wirklichkeit redet er mit dem Mädchen. Endlich kommt der Alte dahinter, wird wütend, und als der Bey nun gar noch mit seiner Werbung herausrückt, wirft er ihn hinaus. Kaum ist er weg, da kommen Mutter und Tochter und machen ihm eine große Szene, sie würde ins Wasser gehen etc.
  3. Szene: Im Lager des Sebeks. Wer die Sebeks sind, wird wahrscheinlich jeder Türkologe wissen; ich wußte es nicht und mußte folgendes aus meinem Rittmeister herauspressen: Die Sebeks – der Name der Häuptlinge und Führer ist Efeh – sind eine Räuberbande, die in den Bergen des Wilajets Aidyn bis vor nicht allzu ferner Zeit ihr Wesen trieben. Sie tragen eine besondere Tracht: Hohe rote Mütze mit Turban umwunden, die kurze türkische Jacke, einen breiten Gürtel aus Leder, in dem ein Schwert steckt, ganz kurze Hosen, bloße Kniee und Wadenstrümpfe. Von ihnen stammt das Sebek oinú, das heute noch getanzt wird. Ich habe es ja mehrfach von unseren Smyrnaer Soldaten gesehen und schon öfters erwähnt. Ein besonders berühmter Räuberhauptmann vor 2-3 Jahren hieß Tschakydschy (Messerheld). Mehr war vorläufig aus meinem Rittmeister nicht herauszubringen. – In das Lager dieser Leute also, wo übrigens der bewußte Tanz sehr schön gezeigt wurde, begibt sich der Effendi, um Hilfe in seiner Angelegenheit zu suchen, die ihm auch versprochen wird. Eins ihrer Weiber geht als fáldjy zum Alten und weissagt ihm, daß er selbst seine Tochter einem Städter in die Hand geben werde und gibt ihm dann unter irgendeinem Vorwand, den ich nicht verstanden habe, Haschisch zu rauchen. Die Wirkung wurde wundervoll gespielt, wie der Mann mit dem Taschentuch einen halben Meter vor seinem Gesicht sich die Nase putzen will etc.- Halt! Vorher der Besuch des Muhtar bei Alten, auch sehr schön gespielt mit allem dazu gehörigen Bauernzeremoniell, dessen Zweck die Botschaft von dem Bauernbräutigam ist, daß er auf das Mädchen verzichte, da ihr Verhältnis zu einem gewissen Städter auf allen Gassen bekannt sei. Der ehrenhafte Alte bricht zusammen und weiß sich nicht zu helfen. In diesem sehr passenden Moment kommt die Wahrsagerin, wie beschrieben. Während der Alte im Rausche schläft, rücken Mutter und Tochter aus, die Räuberbande umstellt ihn und beginnt – wie sie dazu kommt, ist mir entgangen – ihm zu erzählen, wie luderhaft seine Tochter lebe und daß kein Mensch mehr sie ihm abnehmen werde. Wenn er einen Rat annehmen wolle, so solle er schnell aus ihrer Reihe einen Freier aussuchen. Der Alte sagt in seiner Verzweiflung zu allem ja und gerät natürlich gerade an den Städter, der sich als Sebek verkleidet hat. Nach geschehener Tat erkennt er ihn entsetzt, weiß sich aber dann in sein geweissagtes Schicksal zu fügen, fordert zum Schluß die Räuber auf, ihm noch einen schönen Tanz zu zeigen, damit er alles vergesse. (Dieser Übergang à la Molière?)

Natürlich ist für den Orientalisten das Interessante nicht so sehr die Handlung selbst, als die Form, in der sie vor sich geht, die eben so viel Lehrreiches enthält. Leider kann ich nur notdürftig dem Türkisch folgen. Vielleicht kommt einmal die Zeit, in der man das Meiste versteht.

 

248. Hellmut Ritter an C. H. B. Stambul, 28.7.1915

(handschriftlich)

Hochverehrter Herr Professor,

Sie wissen wohl bereits, daß wir von Jerusalem nach Makriköi, von dort nach Adrianopel, von dort nach Sidd ul bahr, von dort nach Konstantinopel gewandert sind, um demnächst uns an das Schwarze Meer zu begeben. Durch dieses dauernde Reisen sind natürlich alle Briefe sehr versetzt in meine Hände gelangt. Erst heute erhielt ich Ihren Brief vom 12. Mai! Ihr Telegramm habe ich schon früher bekommen.

Das Feld zum Lernen ist für mich hier nicht sehr weit. Des Dienstes ewig gleichgestellte Uhr läßt mich über den engen Kreis meiner militärischen Umwelt nur selten hinaussehen.. Da ich außerdem durchaus zu den „Kleinen in Juda“ dahier gehöre, ist es mir sogar meist versagt, an Gesprächen der Großen teilzunehmen, die mich sehr belehren könnten. Sie werden aus meinen Tagebuchblättern selbst entnehmen, worauf sich meine Beobachtung zumeist beschränken muß.

Über die militärische Situation berichten meine letzten Tagebuchblätter, die Ihnen meine Eltern gewiß zusenden werden. Wenn nur das A.A. etwas weniger „Missionen“ schickte und dafür bessere Balkanpolitik machte, damit wir Munition durchkriegen! Denn was nützt alle Tapferkeit allein!!

Vorgestern traf ich hier Lepsius, der auch glücklich eine geheime Mission erreicht hat.

Sie schreiben, daß man die Türkei selbst gegen deutsches Kapital schützen wolle, wenn man nur nicht zu rücksichtsvoll ist!. Nach dem momentanen Stand meines Unterrichtsseins muß ich sagen, daß man sich in jedem Fall hüten muß eine Schlange großzuziehen. Ich fürchte überhaupt, auch mit Beziehung auf anderes als die Türken, daß wir alles, was wir nicht mit eiserner Faust festhalten, militärisch festhalten, unserer Hand gar bald entschlüpfen wird, ohne daß wir einen annehmbaren Preis dafür bekommen.

Daß man jetzt schon öffentlich von einer Freigebung Belgiens spricht, wird unseren Feinden den Rücken stärken. Ich bin außer mir darüber. Schon jetzt gibt man unser bestes Druckmittel aus der Hand!

Ehe nicht England gänzlich drunten liegt, und da zu bewerkstelligen wird vielleicht doch einem zweiten punischen Krieg vorbehalten sein – ist es ein unverantwortlicher Leichtsinn, Belgien freizugeben. Wenn dieser Krieg zu Ende ist, ist der Krieg noch nicht zu Ende. Von einem zentralafrikanischen Reich zu träumen, ist vielleicht in 30 Jahren Zeit. Für schöne Friedenspläne ist nach Beendigung dieses Krieges m.E. noch nicht die Zeit gekommen. Dann sind wir noch lange nicht soweit.

Doch lasse ich lieber diese Dinge und zurück zur Türkei.

Je tiefer man hineinsieht in die Verhältnisse dieses Landes, desto klarer wird es einem, daß man die Fähigkeit der Türken zu eigener selbständiger Vorwärtsentwicklung nicht tief genug einschätzen kann. Hoffentlich richtet Jäckh nicht zuviel Unheil an! Ein Bündnis mit der Türkei! Die ist überhaupt nicht bündnisfähig für uns. Das Verhältnis eines zivilisierten Volkes zu einem halb- oder drittelzivilisierten Volkes kann niemals ein „Bündnis“ sein. Nichts schlimmer und gar (unleserlich) verkehrter als die Türken gewissermaßen als ebenbürtig zu behandeln. Nur dann kann aus der Türkei was werden, wenn man bei ihr fortwährend Empfindun-gen wachruft: Du bist ein dummer Junge. Die Leute sind so entsetzlich schnell mit sich zufrieden.

Es sind hier also wieder die schönsten Armenier massacres gewesen. Eine armenische Verschwörung, über das ganze Reich verbreitet, ist entdeckt worden. Im Irak haben die Kerls türkische Kolonnen beschossen. Die Strafe fing an mit Aufhängen der Rädelsführer und „Umsiedelung“ der Familien, d. h. sie wurden von Haus und Hof gejagt und ihre Habe „auf ihre Rechnung“ versteigert. Dann überließ man den kurdischen Stämmen die Nachbehandlung, die unter Zulassung der Behörden dieses in einer reichlich gründlichen Weise besorgten, Tausende von Frauen und Kindern zusammengebunden in den Euphrat warfen und keine Maus am Leben ließen (Photographien sind da). Ein paar deutsche Schwestern baten sich vom Mutesavuf wenigstens die Kinder aus. Das wurde sofort gewährt, aber nach wenigen Tagen waren die Kinder plötzlich verschwunden, die Damen reisten entsetzt nach Konstantinopel und waren nur schwer zu bewegen, keine großen Szenen zu machen. Natürlich werden diese Gewalttaten unserer „Verbündeten“ einst uns zur Last gelegt werden. Kompromittieren wir uns nicht mit solchen Dingen!

Quelle für die Geschichte Schmidt und ein Dr. Hoffmann. Letzterer hat die Photographien gesehen die ein Bekannter von ihm gemacht hat.

Meine Dissertationsfrage ist freilich sehr betrüblich. Mit wäre es freilich sehr lieb, den Dr.titel mit gutem Gewissen recht bald tragen zu können. Als „Herr Ritter“ bin ich nichts, als Dr. Ritter ein wenig. Aber freilich ist durchaus maßgebend, ob Sie, sehr verehrter Herr Professor, die Sache ohne allzugroßen Zeit- und Arbeitsaufwand einrichten könnten. In jedem Falle bin ich Ihnen aufs höchste und herzlichste dankbar für alle Sorge und Mühe, die Sie mit dieser Sache haben und schon gehabt haben.

Anbei wieder ein paar Photographien. Sie werden immer häßlicher, weil die Films alt geworden sind.

Mit der Bitte um herzliche Grüße an Ihre Frau Gemahlin und die Kinder bin ich Ihr Ihnen dankbar ergebener Hellmut Ritter.

 

249. Hellmut Ritter an C. H. B. Pera, 30.7.1915

(handschriftlich)

Sehr verehrter, lieber Herr Professor,

Heute erhielt ich Ihren Brief vom 17. Juni, nicht aber den darin erwähnten langen vom 16. Juni. Eben erhielt ich Ihre mudabara mit Snouck, die ich mit größtem Interesse gelesen habe. Sie nehmen ihn wundervoll psychologisch, so kann und muß man ihn ja wohl verstehen. Die Motive, die hier unsere Truppen treiben sind durchaus Nationalgefühl und Vaterlandsliebe, freilich spricht beim „gemeinen Mann“ eine religiöse Strömung mit, die z.T. (am Kanal zur Zeit) durch aufrührende Bataillonsmesse während der Schlacht sehr günstig verstärkt werden kann. Wir haben ein recht schönes Beispiel davon.

In einer der übersandten türkischen Broschüren wird als Beispiel einer islamunterdrückenden Großmacht auch Holland genannt. Einige Zeit später las ich in einer türkischen Zeitung eine Erklärung, daß dieser Passus als ein Versehen zu betrachten sei. Leider habe ich die Nummer nicht aufgehoben.

Daß die Gründung von Munitionsfabriken verfehlt sei, ist mir nicht bekannt. Ich wüßte nicht, was wir ohne die von ihnen hergestellte nach dem Urteil unserer Offiziere einwandfreie Munition machen sollten. Leider ist wahr, daß sie den Bedarf (infolge des Mangels an Maschinenmaterial glaube ich) nicht gänzlich decken können. Wenn also unser A.A. weiter solche Niederlagen in Rumänien erleidet, kann man ein Rechenexempel machen… Erkennt man denn die Wichtigkeit der Dardanellenhaltung nicht d oben? Die dürftigen Missionen und Missiönchen, die dauernd geschickt werden, können die sträfliche Nachlässigkeit unseres Bukarester Vertreters nicht wett machen. Hier wird, weiß Gott, genug gearbeitet.

Übrigens will ich noch einmal umhören wegen der Munitionsfabriken, ob irgend etwas los ist, ich weiß einstweilen von nichts.

Unsere Postverbindung wird sich verschlechtern, in Schile am Schwarzen Meer ist man ziemlich aller Kultur entrückt.

In den nächsten Tagen gehen wir fort, ich muß also den Bücherankauf einstweilen anstehen lassen. Für das Türkische hätte ich gern eine etwas nähere Bestimmung. Außer Evlija alte Historiker, alte Dichter, oder jüngere politisch-historische Sachen und belletristische „Moderne“? Sobald ich Zeit habe, will ich mir mal was zusammenstellen. Einige grundlegende ältere Sachen könnte eigentlich Tschudi nennen, denn da fürchte ich mich etwas vor Mißgriffen.

Daß ich den Kreditbrief erhalten habe, glaubte ich Ihnen schon geschrieben zu haben. Bis jetzt habe ich keinen Gebrauch davon zu machen brauchen, es kann aber jederzeit der Augenblick eintreten, daß mich das nach Haus geschickte ersparte Geld reut und ich auf diesem Wege es wieder zurückhole.

Über die Armeniermetzeleien berichten Tagebuchblätter, die ich vor Kurzem nach Haus geschickt habe, und die man Ihnen von dort zusenden wird. Haben Sie meinen aftár Laden inzwischen erhalten? Mit besten Grüßen Ihr Ihnen stets ergebener Ritter

 

250. Hellmut Ritter an C. H. B. Konstantinopel, 1.8.1915

Hotel Tokatlian

(handschriftlich)

Lieber Herr Professor,

der eine Tag in Konstantinopel, um Einkäufe zu machen und dann nach Kara Burnu, über Beikos und die schönen Wälder bei Arkanköi, zurückzufahren. Habe heute Evlija für Ihr Seminar für ein Pfund türkisch gekauft und abgesandt.

Habe mich außerdem von Lepsius verabschiedet, sein Sohn, den ich so sehr gut geschätzt habe, ist am 20. Juli auch gefallen. Er tut mir unendlich leid.

Lepsius war gekommen, um sich über die Armeniermassakres zu instruieren, und reist entsetzt ab, da alle Befürchtungen und Missionarsberichte weit übertroffen sind.. Die Deutsche Bank hat aus Dresden einen Beamten, Herrn Schneider, geschickt, der von der Millionenerwartung der Deutschen Bank, die durch die Metzeleien gefährdet sind, einiges zu retten versuchen solle. Daß unsere Diplomatie versagt, ist selbstverständlich. Prinz Hohenlohe soll eine Note überreicht haben, aber alle Vorstellungen wurden mit zynischem Lächeln beantwortet. Enver soll gesagt haben: Ich weiß, daß wir uns 10 Jahre wirtschaftlich zurückbringen, aber der innere Feind muß ausgerottet werden. Für die rachsinnige Art und Weise der Hinmordung gibt es keine Entschuldigung.

Daß die Sache nicht religiösem Fanatismus zuzuschreiben sei, wird mir in Zukunft niemand mehr weis machen. Man braucht geradezu den Fanatismus, um diesen „Djihád“ zu entfesseln. Es ist eine Art innertürkischer Panislamismus, für die es nur in Rußland Parallelen, aber hingegen harmlose Parallelen gibt. Daß auch wir Deutsche hier nur die Mohren sind, die, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan haben, gehen können, scheint mir immer deutlicher, nicht am wenigstens aus dem, was ich aus meinem ziemlich intimen Verkehr mit türkischen Offizieren lerne. Daß man in allen Zeitungen aus Berichten peinlichst vermeidet, unsere Mithilfe hierselbst auch nur mit einem Wort zu erwähnen, scheint nur ein Symptom zu sein. Gott bewahre uns vor Illusionen!

Daß übrigens der jetzige Djihad ein Djihad „alla franca“ ist, vernahm ich neulich auch aus dem Munde eines türkischen Offiziers.

Ihre beiden Schriften gegen Snouck habe ich mit großem Interesse und innerlichem Beifall gelesen. Nur meine Äußerungen sind nicht ganz so verwertet, wie sie eigentlich gemeint waren. Das türkische Landvolk führt mit diesem Kriege nicht ein Djihad, sondern einen politischen Krieg ihrer von ihnen geliebten Nation gegen feindliche Nationen. Nicht, daß man den Djihad als Krieg gegen England usw. auffaßt, von Djihad ist überhaupt keine Rede Djihad gibt es vielleicht, wenn man Armenier abwürgt.- Doch beweist das natürlich nichts gegen Ihre These, daß Deutschland zu diesem Schritt berechtigt war. Wie weit er geglückt ist, ist eine andere Frage.

Übrigens schreibe ich hier alles nicht etwa unter dem Einfluß von Lepsius, mit dem ich außer über persönliche Dinge nie ein Wort gewechselt habe.

In Eile Ihr Ihnen sehr ergebener H.Ritter.

 

251. Hellmut Ritter. Bericht Nr. 8 Karaburnu, 29.8.1915

(Maschinenkopie)

Gestern hoher Besuch: von der Goltz hat hier geschlafen und gegessen. Er hat auf mich einen sehr großen Eindruck gemacht. Noch jetzt in seinem Greisenalter setzt der Reichtum seines Wissens, seiner Interessen in Erstaunen. Er ist sehr unterhaltsam und erzählt immerzu Erlebnisse und Geschichten. Heute Morgen ist er nach Kawak geritten, um von dort mit der Musch nach Stambul zurückzufahren.

Wir sprachen bei Tisch über die Urheber dieses Krieges. Er meinte treffend, die wahnsinnigen Vorstellungen von Deutschland, die man in feindlichen und neutralen Staaten hätte, wären zum großen Teil auf das Berliner Tageblatt zurückzuführen; denn eben das Zerrbild von Preußen als eines veralteten Militär- und Polizeistaates, der in die moderne Kultur nicht hineinpasse und dessen Aufhören einen Fortschritt in der Kultur bedeute, sei eben das, was die Ausländer täglich in dem in allen Weltteilen verbreiteten Berliner Tageblatt zu lesen bekämen.

30.8.1915

Freier Vormittag. Köstlicher Genuß. In der sandigen Landestelle östlich von Karaburnu, wo die zu Dumali gehörigen Schiffe liegen, ein herrliches Meerbad genommen. Das Wasser war heute so klar wie die blaue Luft, und während ich mich im Wasser ergötzte und den Blick an dem weit um Umkreis sich breitenden Meere weiden ließ, bot sich bald ein unendlich malerisches Bild dar. Halbnackte Fischer ließe einen großen Kutter, die Jnajeti chuda des Schiffes Hamsa aus Dumali mit Kohlen beladen ins Meer hinunter, um dann die Reise nach Stambul anzutreten. Von einer Trosse (jomma) im Block (maqara) nach und nach losgeschlagen, gleitet das Schiff auf Holzschwellen (felenk), die mit kurzen Holblöcken unterlegt sind, ins Meer herab. Eine dicke Kette nannten sie pandera. Kaum ist es unten, so stürzen sich die Kerls ins Meer, um schwimmend die mitgerissenen felenks zu erhaschen und an Land zu bringen. Mit einem o urlar olsun geht’s dann los.

Schäfer, Der deutsche Krieg, die Türkei, Islam und Christentum:

Die Darstellung des Islams hat zwar einiges von der neueren Wissenschaft gelernt, ist aber immer noch genügend schief. Die politischen und religiösen Fragen sollte man etwas weniger verquicken. Ein türkisches Nationalbewußtsein (S. 20) gibt es doch, und es ist die Quelle der jetzigen moralischen Kraft der Armee, zugleich aber auch die Quelle der isbihad-Bestre-bungen, der Turkisierungsversuche, deren Folgen und Erfolge doch wohl etwas zweifelhaft

sind. Daß diese Vaterlandsliebe vom Islam zu Tode gebracht wurde (S. 25) habe ich nirgends bemerken können. „Weiter ist nichts nötig, weder innere Überzeugung, noch Herzenssache“ (S.32). Wird Bauer nicht endlich Ghazalis Jhja übersetzen?

„In der heutigen türkischen Armee kämpfen aber gleichzeitig Christen und Moslems“ (3:47). Ja, aber die Christen (von uns Deutschen abgesehen) kommen nicht an die Front, sie dienen als airi musallah „…weil jetzt gerade dem Einfluß…und dem deutschen evangelischen Glaubensleben die Bahn freigegeben ist.“ (S.71)

F. Delitzsch, Die Welt des Islam:

Der romantische Orientliebhaber im Stile Vater Rückerts, aber ganz hübsch geschrieben. Nur sollte man über all’ den Lobsprüchen nicht vergessen, daß gerade unser (oder vielmehr der „Orientkenner“) politisches Gewissen uns mahnt, keine Illusionen zu verbreiten. Deshalb begrüße ich in gewissem Sinne Schäfers Schrift als wenigstens eine Stimme, die zur Vorischt mahnt.

Chálid Zia

Zwei Novellen, ganz französischem Muster gearbeitet, sodaß ich den Rest des Buches einstweilen nicht lesen werde.

A a Gündüz

Kriegsnovellen aus dem Tripoliskrieg, recht nett geschrieben, ganz im Geiste der modernen türkischen Nationalliteratur, à la Turk Jurdu. Der gefeierte Held ist der tapfere türkische Soldat. Eine wichtige Figur ist die Türkenmutter, die nach spartanischer Art den Sohn nur als schid oder Sieger sehen will. Das Ganze ist nicht ohne einen romantischen Blick nach „dem Land hinter dem Baikal“, wo der Sitz „der alten Väter Art“ ist.

A a Gündüz ist ein ganz junger Mann, Lehrer der türkischen Literatur am Dar ul funun. Er ist verbannt worden. Nach einigen soll er Gelder veruntreut haben. Ich weiß nicht genau, ob er jetzt zurückgekommen ist.

 

252. C. H. B. an Hellmut Ritter. Frankfurt am Main, 30.8.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Sie haben lange nichts Ausführliches von mir gehört, obwohl kein Tag vergeht, an dem ich Ihrer nicht herzlich gedenke. Der Hauptgrund für mein Schweigen war mein unerfreulicher Gesundheitszustand. Nicht bettlägerig aber durch meine alten Beschwerden gehemmt, beschränkte ich mich auf die notwendige Tagesarbeit. Seit Anfang August bin ich hier in einem Sanatorium bei Prof. von Noorden, dem ersten Spezialisten Deutschlands in Darm- und Magensachen. Die Untersuchungen waren anfangs recht quälend und ich kam noch mehr herunter, als ich es schon war. Nach 14 Tagen aber war die Diagnose gestellt und seitdem geht es mit mir bergauf. Ich glaube, daß man endlich das Richtige für mich gefunden hat. Ich nehme jetzt jede Woche ein Kilogramm zu und fühle mich auch in meinem Allgemeinbefinden sehr viel besser. Natürlich kann ein verschlepptes Leiden nicht innerhalb weniger Wochen ganz gehoben werden, aber meine Beschwerden haben schon erheblich nachgelassen und ich sehe hoffnungsfreudig in die Zukunft, was mir in den letzten Monaten nicht immer geglückt ist. Es wird Sie übrigens interessieren, daß ich nach dem 1. Oktober als Dolmetscher in Frage komme. Bis dahin bin ich militäruntauglich, danach aber habe ich die definitive Bestimmung als Landsturm ohne Waffe, im speziellen als Dolmetscher. Ob ich eingezogen werde, ist natürlich eine andere Frage. Vermutlich komme ich an irgendein Gefangenenlager oder zur Postzensur, wenn mich nicht die Universität reklamiert.

Es ist in dieser Zeit nicht angenehm hier herumzusitzen und ich hätte mich gern irgendwo in der Türkei in einer größeren Stadt betätigt, nur zum Lager- und Reiseleben dürfte meine Gesundheit noch nicht langen. Bisher habe ich eben ruhig mein Kolleg gelesen und allerlei geschriftstellert, daneben scheußlich schwierige Gefangenenbriefe zensuriert, was in Zukunft wohl meine Hauptbeschäftigung werden wird. Den Meinigen geht es gut, sie bleiben in diesem Sommer ruhig in Bonn und gehen nur für ein paar Tage ins Siebengebirge. Walter darf mich vielleicht hier besuchen.

Hier sehe ich sehr häufig den Kollegen Horovitz, der den Kriegsanfang in Indien erlebt hat. Er erzählt die köstlichsten Geschichten von der Unfähigkeit der Engländer zur Organisation. Der Krieg wird den Engländern in Indien ihre alte Stellung rauben, wie er auch ausgeht. Die Angst vor dem Emir von Afghanistan ist groß. Littman hat mich hier besucht, er ist zur Garde-Infanterie ausgehoben, aber noch nicht eingezogen. Tut man es wirklich, so will er versuchen nach der Türkei zu kommen. Tschudi hat furchtbar viel zu tun und unterhandelt jetzt mit

Petersen, ihn im Winter zu unterstützen. Auch Richard Hartmann wird in Hamburg lesen. Sachau wurde 70 Jahre und bekam eine Festschrift, an der sich aber der Kreis um Nöldeke , d.h. Bezold, Littmann, Jacob, Reckendorf und ich sich nicht beteiligte, ebenso wenig wie seine Fachkollegen unter den Dozenten des Seminars mit einigen Ausnahmen. Ich habe, weil ich nicht direkt mit ihm verkracht bin, ein höfliches Telegramm geschickt, aber sehr unpersönlich.

Von Ihnen, lieber Ritter, habe ich auch sehr wenig gehört. Erst vorgestern sind Ihre beiden Briefe vom 28. und vom 30. Juli in meine Hände gelangt. Tagebuchnotizen kamen zum Teil über Ihre Eltern, zum Teil direkt. Photographien und Films bilden bereits einen großen Stoß, auch Drogen sind angekommen, ich ließ sie uneröffnet. Auch die Vokabularien sind eingetroffen. Verabredungsgemäß habe ich von Ihrer Erhebung auf den Kreditbrief Ihrem Vater Mitteilung gemacht. Sie wissen, daß ich Ihnen das Geld gern kreditiere, aber Sie haben es ja damals so gewünscht. Unsere Korrespondenz wird übrigens im doppelten Sinne überwacht20, denn es ist doch wohl kein Zufall, daß gerade mein langer politischer Brief verloren ging. Ihren Briefen ist im Kuvert ein Zettel des Auswärtigen Amtes beigeschlossen, wonach der Inhalt geheim zu halten sei. Die Briefe müssen also wohl eröffnet werden.

Ich teile Ihre Ansicht über das Allzuviel der deutschen Missionen in der Türkei. Namentlich da sie oft ohne jegliches Verständnis für die Aufgabe erfolgen. Vor allem ist es ein Unsinn, lauter alte Afrikaner zu schicken. Diese Leute sind von vornherein für die Aufgabe verdorben. Das bißchen Reisepraxis, das sie besitzen, wiegt ihre psychologische Orientierung nicht auf. Hingegen tun Sie der Gesamtpolitik des Auswärtigen Amtes Unrecht, sie ist nicht schlecht und auch auf dem Balkan wird ganze Arbeit geleistet, so sehr die Ungeduld der Deutschen in Konstantinopel das bezweifelt. In Bukarest z. B. sitzt einer unserer besten Leute, den ich persönlich als hervorragend tüchtig kenne. Ich kann Ihnen nicht alles schreiben, was ich weiß, aber ich sehe der Entwicklung optimistisch entgegen.

Auch kann ich hier nicht ausführen, daß ich von dem Funktionieren der Dinge in der Türkei eine sehr klare Vorstellung habe und dürfen Sie mich nicht ausschließlich nach meinen Kriegsschriften beurteilen. Auch haben Sie ebenso wie Schmidt meine Äußerung über den Schutz der Türkei vor dem deutschen Kapital völlig mißverstanden. Es handelt sich mindestens ebenso um den Schutz des deutschen Kapitals vor der Türkei. Ich mag dieses ganze Thema nicht ausführlich in einem Briefe darlegen, von dem ich nicht weiß, in wessen Hände er kommt. Jedenfalls wird man, nach der politischen wie nach der wirtschaftlichen Seite, die Fehler zu vermeiden versuchen, die Rußland in Zentral-Asien gemacht hat.

Auch dürfen Sie nicht auf jedes Gerücht über die deutschen Friedensziele hereinfallen. An eine Aufgabe von Belgien denkt kein Mensch. Selbst die Organe, die wie die Frankfurter Zeitung bisher jede Erweiterung des Deutschen Reiches ablehnten, haben sich jetzt schon mit einem Länderzuwachs wenigstens im Osten versöhnt. Der Krieg ist uns aufgezwungen durch unsere unglückliche geographische Lage. Deshalb muß es unser Ziel sein, die geographische Lage zu verbessern, d. h. strategische Sicherung unter Annexion möglichst besitzfreien Agrarlandes im Osten und Erwerb eines möglichst großen Stückes atlantischer Küste im Westen. Im Osten wie im Westen muß sich das vollziehen ohne daß eine fremde Bevölkerung im Reichsinnern politische Bedeutung erlangt. Die staatsrechtliche Formel wird sich finden lassen. Am meisten wird der Gedanke gepflegt, Belgien in der Form der englischen Dominions anzugliedern. Man wird Europa zur pax germanica zwingen. Mit der belgischen Küste haben wir ein unschätzbares Gegengewicht gegen die englische Seeherrschaft in Händen. England wird es nie wieder riskieren können, gegen uns Krieg zu führen, da es bei der Entwicklung der Unterseeboote und Luftschiffe von uns jederzeit ins Herz getroffen werden könnte. Zur Zeit bestrebt sich die Entente, das Schwergewicht der strategischen Aktion nach Konstantinopel und den Balkan zu verlegen, um uns von der Westfront abzulenken. Trotzdem bin ich

sicher, daß wir im Frühherbst eine große Offensive im Westen machen werden und daß nach einem Durchbruch das schon durch und durch mürbe Frankreich um Frieden bitten muß. Wird Frankreich geschlagen, so ist damit England geschlagen. Und selbst der Fall der Dardanellen würde durch Erfolge in Frankreich wieder auszugleichen. Ich las heute die Times vom 26. August und freute mich daraus zu entnehmen, daß der deutsche Durchbruch von Ungarn nach Bulgarien unmittelbar bevorsteht. Dann werden sie ja wohl bald Munition in Menge haben und dann sind die Tage Englands an den Dardanellen gezählt. Ein Mißerfolg Englands an den Dardanellen bedeutet aber eine derartige Niederlage in den Augen ganz Asiens, daß das englische Weltprestige unwiederbringbar dahin ist.

Über die türkischen Bücher werde ich Tschudi bitten eine Liste aufzustellen. Ihre Dissertation hoffe ich nach meiner Rückkehr nach Bonn Ende des Monats druckfertig zu machen. Die Aufgabe ist nicht ganz leicht, ich habe mir die Sache genau angesehen. Schreiben Sie mir doch recht oft, wenn auch nur kurz, ich bin in Gedanken so viel bei Ihnen. (CHB)

 

253. Hellmut Ritter an C. H. B. Karaburnu, 19.9.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Professor!

Vor einigen Tagen erhielt ich kurz hintereinander Ihre zwei Briefe vom 30.August und 3. September. Leider mußten Sie einige Tage unbeantwortet liegen bleiben. Unsere Küstentruppen sind hier plötzlich zur Division umformiert worden. Aber es sind erst heute die Offiziere des Stabes eingetroffen, so daß die ganze Last der Geschäfte auf uns beiden Dolmetschern lag. Tagelang habe ich überhaupt alles mit einem Schreiber allein machen müssen, so daß an irgend etwas anderes gar nicht zu denken war. Nun habe ich hoffentlich etwas mehr freie Zeit.

Ihre ausführlichen Auseinandersetzungen über unsere Türkenpolitik waren mir ebenso lehrreich wie tröstlich. Es ist wohl schon recht, sich nicht einmischen in die inneren Angelegenheiten, die Dinge mit anderen Maßstäben messen, sich kein böses Blut machen. Aber, wie Sie schreiben, ich stehe zu sehr in den Dingen drin. Aus der Ferne ist kühle Betrachtung natürlich viel leichter, als wenn man mitten drin steht und täglich diese blödsinnigen Maßnahmen samt ihren verderblichen Folgen direkt vor Augen sieht, ein gegenwärtiger Zeuge der Hinterlist, Roheit und Eitelkeit sein muß, die hier so arg herrschen. Wenn man da gleichmütig bleiben soll, darf man eben nicht zusehen. Daß ich dieses „Sentiment und Entsetzen“ nicht zur Grundlage politischer Aktionen machen will, ist selbstverständlich, nur berührt es einen wie Hohn, wenn man dann die übliche Lobhudelei bei gewissen Orientschriftstellern zu lesen bekommt, deren Nutzen ich durchaus nicht einsehen kann. Daß die eigentlichen Führer Bescheid wissen, freut mich natürlich sehr aus Ihrem Briefe entnehmen zu können.

Momentan bin ich übrigens allem Politischen wieder ziemlich entrückt. Außer Militär gibt es hier nichts zu sehen, und wenn es gäbe, würde die Zeit zur Betrachtung fehlen. Ein hübsches Bild hatten wir kürzlich, als U 18 ganz dicht an unserem Quartier vorbeifuhr, die Besatzung oben drauf. Man wird schwerlich wieder so etwas Schönes aus nächster Nähe zu sehen bekommen. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, werden wir wohl schon das schöne Schwarze Meer verlassen und uns weiter zurück im Tschausch (Lala) Tschiftlik einquartiert haben. Hier ist für einen Divisionsstab kein rechter Platz. Wir hoffen sehr auf baldige Öffnung des Weges durch Serbien. Wenn wir erst 21er an den Dardanellen haben! Es wäre doch schön, wenn wir noch einmal an den Suezkanal kämen!

Den Eolija habe ich bar bezahlt von den 20 Ltq, die ich Ihnen ja schulde. Wenn es Ihnen so recht ist, darf ich den ganzen Betrag durch Bücherkäufe für Ihr Seminar ausgleichen. Eine Abrechnung geht Ihnen dann zu. Ich hoffe, nächstens nach Konstantinopel zu kommen und Nasrulla aufsuchen zu können. Haben Sie ein türkisches Lexikon im Seminar? Wahrscheinlich wohl.

Daß es Ihnen wieder so schlecht geht, betrübt mich sehr. Gott gebe, daß man nun endlich Mittel gefunden hat, den alten Feind zu bekämpfen. Bitte empfehlen Sie mich Ihrer Frau Gemahlin und grüßen Sie die Kinder von mir. Ich muß ihnen nächstens mal wieder ein paar Postkartengrüße schicken.

Für Sendungen von Broschüren, Büchern (ja, selbst Zigarren), ist man hier sehr empfänglich. Nach beiden ist großer Appetit vorhanden. Die dauernde Lektüre türkischer Zeitungen ist sehr ermüdend.

Anbei noch ein paar Bildchen und Films, leider nicht so schön wie die Jaffabilder.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen ergebener gez. Hellmut Ritter.

Anlage des handschriftlichen Exemplars des obigen Briefes:

Arabische Kleidung

(nach L. Bauer, ZDPV, XXIV, 32)

casbe, asáib Stirnbinde
bartúse, Schlappen
baskír, Handtuch, aufgesticktes Kopftuch
básnúka, Kopftuch unter dem Kinn gebunden
binawár, Morgenkleid der Frauen
blúse, Bluse
bujáje, Schürze
burqa, Schleier
botín, Paar Schuhe
bugme, Silberhalsband bei Fellachinnen
buméta, Hut
burnus, Staubmantel
chaff-kalkúl, Kinderschuhe
chaláq chulqán, altes Kleid
chéri cherijut, Münzen auf der sature
chirq, weißes unverziertes Kopftuch; gestickter Brautschleier der Fellachinnen, sonst auch tarka genannt
chizám, Hafenring
chmuar, Schleier
dämir, tuchene Jacke bis zum Gürtel reichend, Halbrock, fest anliegend, Ärmel eng, dicke Hosenriemen

usw. 6 Seiten lang, zum Schluß auch Türkisch.

 

254. C. H. B. an Dr. Gerhard Ritter (Bonn,) 13.10.1915

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Doktor!

Im Felde freut einen wohl jeder Gruß aus der Heimat, und da möchte ich auch Ihnen gern einmal ein Zeichen freundlichen Gedenkens senden, zumal ich dank der Güte Ihres Vaters an einigen Ihrer prachtvollen Briefe habe teilnehmen dürfen. Ich muß Sie wirklich zu Ihrem schriftstellerischen Talent beglückwünschen; denn Ihre Feldpostbriefe gehören zu den lehrreichsten und stimmungsvollsten, die ich während dieses Krieges gelesen habe, und ich habe unzählige eigene und fremde zu Gesicht bekommen. Bei Ihnen erlebt man wirklich alles mit, und man bekommt ein Bild von den Dingen. Sie sollten später einmal Ihre Eindrücke zusammenfassen, denn in Ihnen steckt ein Schriftsteller, ja, ein Stück Dichter. Der persönliche

Eindruck, den ich bei unserm kurzen Zusammensein in Berlin von Ihnen gewonnen habe, hat sich durch Ihren Brief über Warschau und den Narev-Wald noch vertieft, und ich möchte wünschen, daß uns das Leben noch öfters wieder zusammenführt. Inzwischen begleite ich Sie mit aufrichtigen und herzlichen Wünschen auf Ihren schweren Kriegszügen, und ich hoffe, daß Sie Ihren Eltern und allen, die Sie schätzen, gesund und wohlbehalten zurückkehren werden.

Mit Hellmut bin ich nach wie vor in reger Verbindung. Er hat es, glaube ich, nicht ganz leicht. Er nimmt die Dinge oft zu schwer, und ich verstehe auch durchaus, daß einer, der in all dem orientalischen Schlendrian drin sitzt und nicht als Reisender darüber steht, sondern mitmachen muß, einen recht fatalen Eindruck von der türkischen Staatsmaschine bekommt. Man darf eben nicht mit unseren Voraussetzungen an den Orient herantreten. Immerhin ist er ja in relativer Sicherheit. Das ist auch etwas wert, und außerdem lernt er eine Unmenge für seinen Lebensberuf. Näheres wissen Sie selber, da Sie von einem direkten Brief von ihm sprechen und ja auch wohl seine Tagebuchblätter zu lesen bekommen. Es wird Ihnen dabei ebenso gehen wie mir, daß Sie immer noch viel mehr hören möchten.

Ich selbst sitze immer noch in meinen vier Wänden und warte auf meine militärische Verwendung. Ich bin als Dolmetscher gemustert, vorerst aber zurückgestellt und betätige mich weiter in literarischer Arbeit. Ich sende Ihnen das jüngste Produkt meiner Feder für den Fall, daß Sie zwischen all’ Ihren Kriegszügen doch einmal einen Moment finden, wo es Sie freut, sich einmal mit etwas ganz anderem zu beschäftigen.

Die Dinge haben sich ja so herrlich entwickelt, daß man einem baldigen Ende des Krieges mit einem gewissen Vertrauen entgegensehen kann. In den jüngsten Ereignissen auf dem Balkan, vor allem in der Entscheidung Bulgariens und der Haltung Griechenlands sehe ich nicht primäre Ereignisse, sondern Folgeerscheinungen unserer Siege. Zum ersten Male zeigt es sich, daß in der Welt das deutsche Prestige größer ist als das englische. Wenn die Engländer jetzt auf ihre Diplomaten schimpfen und die deutschen loben, so verwechselt man Ursache und Wirkung. Unsere jetzige Diplomatie hat Hindenburg gemacht, und die Mißerfolge der Unsrigen erklären sich eben zum guten Teil daraus, daß das englische Weltprestige größer war als das Unsrige. Immerhin bleibt die Haltung Griechenlands doch noch unklarer, obwohl der König ein ebensolcher Starrkopf ist wie Venezelos und es wohl auch fertigbringen würde, im Notfall ohne Parlament zu regieren. Der Neutralität Rumäniens scheint man ziemlich sicher zu sein, und aller Augen warten gespannt darauf, was jetzt die Entente tun wird. In der Times stand dieser Tage ein langer Artikel über große Kriegsvorbereitungen in Ägypten, und auch unsere serbischen Truppen sind ganz erfüllt von der Ansicht, daß sie schon halbwegs in Ägypten wären. Es hat doch etwas Fabelhaftes, dieser breite Vormarsch gegen Serbien, während wir rechts und links mit starkem Arm uns die übrigen Gegner vom Leibe alten. Man scheint auf der gegnerischer Seite unsere serbische Offensive für einen Bluff gehalten zu haben und ist jetzt konsterniert.

Die Kämpfe in der Champagne, über die ich heute einen detaillierten Bericht erhielt, müsse allerdings das Furchtbarste des Furchtbaren gewesen sein. Die Offensive ist noch nicht erloschen, aber sie hat nicht mehr den Schwung und nicht mehr die feine technische Vorbereitung wie am Anfang. Es muß doch bald der Punkt kommen, wo unsere Gegner merken, daß mit der Zeit unsere Erfolge immer größer werden, und daß ein baldiger Friede sie noch vor dem Schlimmsten bewahren kann.

Über unsere politische Zukunftsorientierung wogt der Kampf noch hin und her; Liberale und Konservative denken je nach ihrem politischen Gesichtspunkt an ein Zusammengehen mit England oder mit Rußland. Hauptsache ist, daß die Entente gesprengt wird. Aber die Fülle der Probleme ist ungeheuer. Es gibt Ideologen, die keinen Fußbreit fremder Erde annektieren wollen, und es gibt Übereifrige, die keinen Fußbreit des mit deutschem Blute erkauften Bodens wieder herausgeben wollen. Es scheint doch wohl so zu werden, daß wir die Ostsee-Provinzen und die Narew-Bobr-Linie behalten. Mit ganz Polen werden wir uns nicht beschweren; ob es nun halb selbständig oder ob es österreichisch wird, jedenfalls werden wir es militärisch an der Strippe halten, daß es kein russisches Glacis gegen uns werden kann. Das Gleiche gilt von Belgien und der Küste. Man spricht von einer Angliederung nach Art der britischen Dominions. Eisenbahnen, Festungen, Küste, außenpolitische Vertretung in deutschen Händen, in allem Übrigen selbständige Verwaltung. Denn wir brauchen diese finsteren Brüder nicht in den Reichstag aufzunehmen, was ein Unglück wäre. Aber über all’ diese Dinge wird sich erst reden lassen, wenn der Krieg wirklich vorüber ist. Darüber läßt sich auch besser bei einem Glase Wein plaudern, als wenn man es schriftlich festlegen muß.

Lassen Sie sich für heute mit diesen Zeilen genügen, die nur ein Ausdruck des Dankes sein sollen für den Genuß, den Sie mir mit Ihren schönen Briefen verschafft haben.

Mit allen guten Wünschen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (CHB)

Leider fehlen die Briefe und Berichte von 1916 und 1917.
Der Herausgeber

255. Hellmut Ritter an C. H. B. Nazareth, 9.1.1918

(handschriftlich)

Lieber und verehrter Herr Geheimrat,

Ich habe sehr lange nichts von mir hören lassen, die Arbeit war hier so gehäuft, daß ich alles andere liegen lassen mußte. Es ist unglaublich, was täglich bei uns ein- und ausläuft. Da ich aus dem Türkischen selbst nicht mehr übersetze, sondern nur noch umgekehrt und im übrigen die Arbeiten dem Herrn Mitarbeiter nachzusehen habe, entspricht meine Arbeit etwa der eines Oberlehrers, der Extemporale durchsieht, nur mit dem Unterschied, daß bei uns jedes Extemporale einen anderen Text hat und die Tätigkeit zu einer dauernden geworden ist. Schatz (?) hat sich recht schön eingearbeitet, es geht noch ein wenig langsam und mit vielen Kunstpausen, doch ist er uns eine rechte Hilfe geworden. Der Jacobschüler Neumann, der sich mit

Habilitationsplänen trug, ist dagegen leider ein ziemlicher Versager. Ab und zu taucht der Gefreite Mielck aus seinem Büro beim Oberquartiermeister auf, um sich von Schatz und mir durch Zigarren, soweit vorhanden, und Einflößung von Alkohol über den Jammer seines Daseins – er fühlt sich in seiner Stellung gar nicht wohl – hinweg helfen zu lassen. Auch ein Kurt Pöbel (?) – in Breslau Assyrio-Sumerologe – treibt bei den Fliegern hier sein Wesen. Mit seiner der Gegenwart abgewandten Natur hat er Schwierigkeit, sich im lebenden Dasein zurecht zu finden. Sehr geschmerzt hat seinen tief innerlich forschenden Geist, daß er neulich seine Kabine mit einem Regenschirm verunstaltet hat, und von seinem Leutnant ½ Stunde Strafexerzieren aufgebrummt bekam. Hier schon gelang es seinem Kollegen Schatz, ihn zu trösten. Auch er läßt sich zuweilen von uns Alkohol einflößen und beginnt sich dann zögernd über sumerische Dialekte zu verbreiten. Doch sind wir uns alle von Herzen gut und freuen uns gemeinsamer Interessen.

Weihnachten feierten wir in der Verkündigungskirche hierselbst, recht eigenartig. Ich suchte durch Orgelspiel und Inszenierung eines Männerquartetts der Feier ein etwas deutsches Gepräge zu verleihen in mitten des fremden katholischen Aufputzes und erntete besonders für das Quartett schönen Erfolg. Die Kerls sangen aber auch einfach großartig und machten um so mehr Eindruck, da allen Ohren die deutschen Klänge seit langem fremd geworden waren. Sonst gehen Schatz und ich öfters in die evangelisch-arabische Kirche um unser Ohr ans Hören des wahari (?) zu gewöhnen. Außerdem wäre von hier nichts Wesentliches zu melden.

In Deutschland wird das diesmalige Weihnachten wohl etwas hoffnungsfreudiger gewesen sein als die vergangenen. Wer weiß, vielleicht ist man am nächsten zu Haus!

Mit vielen Grüßen an Ihr ganzes Haus Ihr Ihnen treuergebener H.Ritter.

 

256. Hellmut Ritter an C. H. B. Nazareth, 5.2.1918

(Maschinenmanuskript)

Lieber und hochverehrter Herr Geheimrat!

Eben war Professor Uhlig bei mir und versetzte mich in großen Schrecken und Bestürzung durch eine schreckliche Geschichte, die mir mit meinem so hoch verehrten Lehrer Littmann, mit dem mir ein Mißverhältnis in allerhöchstem Grade unangenehm und schmerzlich sein würde, passiert ist. Wie Sie wissen, handelt es sich um den Stadtplan von Bagdad. Es liegt mir ganz besonders viel daran, die Sache sofort in Ordnung zu bringen und wenn Sie, lieber Herr Geheimrat, mir dabei in gewohnter Güte helfen würden, würde ich ganz außerordentlich dankbar sein. Die Sache liegt folgendermaßen:

In Bagdad zeichnete unsere Kartenabteilung den bekannten Stadtplan des Rechid ab und trug auch eine Anzahl Ortsbezeichnungen ein, die fast durchweg falsch waren. Gleichzeitig hatte ich aus Privatinteresse die Straßen- und Stadtviertelnamen Bagdads aufgenommen und stellte sie zur Verfügung, worauf diese Namen von der Kartenabteilung gleichfalls fehlerhaft eingetragen wurden. Leider ging diese Karte unkorrigiert und ohne mein Wissen so zum Großen Generalstab und wurde dort sehr zu meinem Leidwesen auf Grund dieses mangelhaften Materials gedruckt, während das genauere Originalexemplar sich in meinem Besitze befand und leicht hätte benutzt werden können. Dies war also die Schuld der Bagdadkartenabteilung.

Littmann hat nun in dankenswerter Weise die meisten Fehler herauskorrigiert und es ist in hohem Maße zu begrüßen, daß auf diese Weise die meisten der zahlreichen Fehler verschwunden sind,, die ohne seine Arbeit sicher stehen geblieben wären. Daß trotzdem Fehler stehen geblieben sind, liegt nicht an Littmann, sondern daran, daß das Originalexemplar ihm leider nicht vorlag. Als ich nach Berlin kam, hatte ich den Drang, meine Weisheit, die in meinem Original enthalten war, an den Mann zu bringen und übergab sie Ihnen mit dem Bemerken, die gedruckte Karte sei fehlerhaft und hier sei die Verbesserung. Gleiches sagte ich Uhlig, mit dem ich zufällig ein Telephongespräch hatte. Uhlig sagte mir: „Aber Littmann hat doch alles durchgesehen!“ Worauf ich sagte: Trotzdem sind Fehler darin, die Littmann nicht korrigieren konnte aus dem einfachen Grunde, weil seine Vorlage zu mangelhaft war. Was ein Mensch rauskorrigieren konnte, hat Littmann in dankenswerter Weise getan.

Nun kommt das Schlimme:

Wie Sie wissen, lieber Herr Geheimrat, gibt es eine große Schadenfreude, die darin besteht, daß man auch den ganz großen Leuten manchmal einen kleinen Fehler nachweisen kann oder nachweisen zu können glaubt. Man bringt sich die großen Leute dadurch gewissermaßen menschlich näher wenn man sieht, daß auch sie manchmal irren. Daß auch ich die üble Angewohnheit habe, haben Sie mir ja, lieber Herr Geheimrat, oft genug vorgeworfen. Ach, hätte ich doch Ihren Lehren gehört! So entdeckte ich auch auf dem Stadtplan im Quadrat 6c eine offenbar von Littmann herrührende Verbesserung, die falsch war. Es steht nämlich da ´Atran mit „Ain“ davor. Das Stadtviertel heißt aber Tatrán. Ich habe nicht mehr genau in Erinnerung, was auf der Karte, die Littmann vorlag, gestanden hat. Meiner Erinnerung nach stand da richtig Tatrân auf Grund dieser Tatsache sagte ich – leider – zu Ihnen: „Littmann hatte Fehler in die Karte verbessert“, womit ein wenig Schadenfreude, daß auch Littmann so etwas passieren konnte, verknüpft war.

Ein anderer Fehler im Quadrat 7d, wo Mastub statt Maslúb steht, ist offenbar von Littmann selbst mit Fragezeichen versehen worden. Sollte der Fehler Àtran statt Tatrân schon auf der ersten Karte stehen, was ich mich aber nicht erinnere, so beraubt mich Littmann des kleinen Vergnügens, ihm einen Fehler nachweisen zu können.

Übrigens fiel die Bemerkung von Verschlimmbesserung nur Ihnen gegenüber, lieber Herr Geheimrat! Uhlig habe ich selbstverständlich nur gesagt, daß der gedruckte Plan von Bagdad nicht fehlerfrei sei und ich deshalb gern ein Originalexemplar zur Verfügung stellen wolle, begründete die Fehlerhaftigkeit der Karte, soviel ich mich erinnere, noch ausdrücklich damit, daß die Verbesserung der Karte restlos nur an Ort und Stelle möglich sei, was natürlich auch Littmanns Ansicht ist. Sollte Uhlig irgend einen Zweifel an Littmanns Arbeitsweise auf Grund dieser Bemerkung abgeleitet haben, so wäre das sehr merkwürdig und natürlich gänzlich grundlos. Littmanns Arbeitsweise zu bemängeln dürfte doch wohl nur lächerlich wirken. Dies ist der Sachverhalt, lieber Herr Geheimrat, helfen Sie mir Littmann zu besänftigen! Es wäre mir ein unerträglicher Gedanke wegen dieser Sache ihn ernstlich verletzt zu haben und sage Ihnen im Voraus für Ihre gütige Vermittlung meinen allerbesten Dank.

Ihr in Treue Ihnen ergebener (gez.) Hellmut Ritter.

Nachtrag:

Beim Durchsehen der gedruckten Karte fallen mir auf den ersten Blick noch folgende Fehler auf, die von mir nicht herrühren, also entweder von der Bagdader Kartenstelle oder in Berlin gemacht worden sind:

  • H4: Halládschi statt Halládsch (der berühmte Märtyrer)
  • E6: Gericht (Adilîje) statt Adlîje Moschee (Adilîje?)
  • D8: ´Alfi statt Alfi (Der Mann war jede Nacht angeblich 1000 ´hatams los)
  • D7: Darbúnât statt Darbûnat
  • F5: Sêf statt Sîf
  • F4: Hassâna statt Hassâne
  • A2.15 Maktûme statt Maktûme
  • A2.12: Platz Kaisarîje. Die K. ist eine Verkaufsstelle, kein Platz21

 

257. Hellmut Ritter an C.H. B. Niederzwehren bei Kassel, 4.5.1918

(handschriftlich)

Hochverehrter Herr Geheimrat!

Heute bin ich also glücklich daheim eingetroffen und möchte Ihnen sogleich nochmals meinen Dank sagen für die warme und gütige Aufnahme, die mir wieder einmal bei Ihnen zu Teil wurde. Bockelmann (?) war hocherfreut über meinen Besuch, trotzdem möchte ich Ihnen bei der Rückkehr meinen Eindruck vorher anvertrauen. Ich denke ein wenig mit Wehmut an diesen Besuch.

Anliegend das Aufrechnungsbillet und der Schlüssel zu der F.F. Schmidt’schen Kiste. Schmidt läßt also bitten, Rittmeister Westphal Flugzeugmeisterei Abt.6 (Adlershof 320) anzurufen und ihm zu sagen, er möchte die Teppichkiste abholen und aufbrechen. Wenn ich die leere Kiste mit der darin liegenden Reithose nach Niederzwehren zugesandt haben könnte, wäre ich ihm dankbar. Doch hat das Zeit. Mit vielen Grüßen und der Bitte um Empfehlung an Ihre verehrte Frau Gemahlin verbleibe ich Ihr Ihnen dankbar ergebener H.Ritter.

 

258. Hellmut Ritter an C. H. B. (Köln.?), 2.10.1918

(handschriftlich)

Lieber Herr Geheimrat,

Ich sitze hier und hoffe, demnächst noch entfliehen zu können, ehe die Herren Engländer uns evakuieren oder „internieren“. Jedoch muß man auf alles gefaßt sein. Sollte ich nicht im Laufe der nächsten Woche nach Berlin kommen, so wäre ich Ihnen für den Freundschaftsdienst dankbar, wenn Sie sich – vielleicht durch Hauptmann Tausch, Stellv(ertreter im) Generalstab, Landaufnahme – einmal nach dem Schicksal meiner Koffer erkundigen würden: Nr. 4-7, rund 11 sind abgegangen an die Adresse Kriegsministerium Abt. Aü für Nr. bzi 60 HL. In Nr.11 befindet sich die (unleserlich)spielsammlung für das Hamburger Museum. Nr. 1-3 und 7 gingen an die Adresse: Leutnant Ritter, 2. Garderegiment z.F. Ersatz Lat. Ab. Ich würde Sie nicht mit dieser Liste belästigen, wenn ich nicht wüßte, daß Sie mir auch bei solchen Angelegenheiten stets Ihre Hilfe gewährt haben. Hoffentlich kommt es ja überhaupt nicht so weit, daß ich Sie in Anspruch nehmen muß. Aber als Internierter, der ich leicht bald sein kann, ist man so froh, einen näherliegenden Freund zu wissen, der einem hilft!

In einem besonderen Kuvert in der Mappe, die Ihnen Herr Oberleutnant Hotzhauf hoffentlich übergeben wird, liegen die Kofferschlüssel. Die Mappe enthält Manuskripte und Privatakten, die beide für mich von großer Wichtigkeit sind. Bitte heben Sie sie mir auf.!

Wie werden wir uns wiedersehen, lieber Herr Geheimrat? Ich meine Deutschland. Jetzt wissen wir, daß es sehr verhaßt war und vielleicht die Sozis recht hatten. Doch das Lehrgeld ist sehr sehr teuer gewesen. Wie wenige (unleserlich: tadelten?) den falschen Kurs den wir seit Jahrzehnten segelten! Doch wenn wir auch die Schmach ertragen müssen, an der Zukunft verzweifle ich doch nicht. Ich sehne mich danach, mit Ihnen zusammen zu sein …

Ihr Sie verehrender und auf ein baldiges Wiedersehen mit Ungeduld wartender H.Ritter.

 

259. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 1.3.1919

Seminar für Geschichte und Kultur des Orients

(Maschinenmanuskript)

Lieber Herr Geheimrat!

Ich sitze eben an dem Manuskript Brass. Es ist ein harter Strauß, der Verfasser hätte auch das Schlußwort seiner Vorlage auf sich beziehen können: „Das was richtig ist in diesem Buche, ist von Allah, was aber falsch ist, ist von mir.“ Übrigens finde ich die Arbeit sehr interessant, die missionarische Tätigkeit Osmans reizt mich zum Vergleich mit Muhammed, mit dem ich mich gerade für mein Sommerkolleg eingehend beschäftige.

In die sachlichen Partien der Arbeit greife ich natürlich nicht ein, wenn mir auch die Auswertung der Quelle oft interessante Punkte zu übersehen scheint. Hier werden Sie ja ergänzend eingreifen.

Über einige Punkte möchte ich noch Klarheit haben. Habe ich recht verstanden, so soll die Brass’sche Edition des Textes überhaupt nicht gedruckt werden, sondern nur die Stücke, die er im Kontext des sachlichen Teiles mitteilt. Ich muß dann natürlich die Angabe der Seitenzahlen nach den Originalhandschriften umändern, die Herausgabe des ganzen Textes würde auch noch besondere Mühe machen, weil auch da gar vieles geändert werden muß. Zudem verstehe ich den kritischen Apparat von Brass nicht recht, sind die mit arabischen Zahlen bezeichneten Fußnoten des Textes Emendationsvorschlage? Ich finde diese Lesarten in keiner der beiden Handschriften. Dann eine weitere Frage: ist die Form Abdullahi eine Fulbe- oder Haussa-Form, oder darf man sie durch das normale `Abdalláh ersetzen?

Mit besten Grüßen Ihr ergebener (gez.) H. Ritter.


Zeitanalyse 1919


260. Professor Dr. H. Ritter an C. H. B. Hamburg, 5.3.1919

(handschriftlich)

Hochverehrter, lieber Herr Geheimrat,

Ich hätte Ihnen schon längst geschrieben, wenn ich Sie nicht in Weimar mit Geschäften überhäuft gewußt hätte und auch selbst auch erst ein paar Tage nicht hätte warten wollen, bis eine gewisse innerliche Ruhe bei mir eintrat. Nun wird mein Brief zugleich eine Antwort auf Ihre Karte und Ihren lieben Brief vom 2.d. M. sein.

Wenn ich meine Laufbahn überblicke, so habe ich ein merkwürdiges Gefühl: das Gefühl einer unheimlichen Schicksalsmacht, die mich vollends mit sich reißt, eines übernatürlichen Etwas, was in seiner Laune sich darin gefällt, mir meinen Werdegang in unheimlicher Weise zu erleichtern. Die sonderbare Führung meines Geschickes im Kriege bildet ein gewichtiges Glied in dieser Schicksalskette: Keil (?) schrieb mir etwas von (griech. Wort), ich weiß nicht, was er damit wollte, aber es wird mir ein ähnliches Gefühl gewesen sein. Im Grunde liegt wohl die Empfindung vor ein Mißverhältnis zwischen Leistung und Erfolg. Da meine Berufung auf Vertrauen beruht, ich muß die Versprechen halten, die Ihr für mich gegeben habt. So gehe ich mit dem Gefühl ins Amt, zu einer großen Aufgabe verpflichtet zu sein und messe meine Kräfte ab, ob ich sie werde erfüllen können.

Nun ja, das weiß ich, mit einigem Anstand mich aus der Affäre ziehen, das werde ich können, vorerst ganz nette Artikel und Bücher wohl zusammenstellen können, aber das ist nicht das, was mich befriedigen würde. Ich kann nicht einfach da weiterarbeiten, wo der Vorgänger, der über dasselbe Thema schrieb, aufhörte. Bei uns drängt es darauf hin, alles, bis in die elementaren Grundlagen, in die philosophischen Grundlagen Voraussetzungen hinein, von neuem zu erleben und zu erkämpfen. Ein Weltanschauungskampf, der zunächst den Menschen voll erfaßt und dann auch auf das Fach übergreift. Sie kennen mich etwas von dieser Seite: Sie kennen meine Sprödigkeit bei jedem Versuch, wissenschaftliche Lehre einfach auf mich zu übertragen. Schiede (?unleserlich) sagte ganz nett, ich sei Ihr Schüler, aber doch nicht Ihr Schüler.

Mir wird, glaube ich, auf die Dauer kein Arbeiten möglich sein, das nicht zum unmittelbaren persönlichen Erfolge für mich wird. Meine kleinen Aufsätzchen, ja auch meine Oxágórarbeit werden noch sehr persönlich und spielerisch sein. Mein Ziel ist, die ethische Weltanschauung des Orients – in Weiterentwicklung der Bryserarbeit – einmal im Großen anzupacken und von da aus in die einzelnen Zweige des literarischen Schaffens des Orients hineinzusteigen…

Sie sehen, noch sehr dunkle und verworrene Ideen, wie uns auch jetzt sehr dunkel und verworren zu Mute ist. Ob je eine fruchtbare Klarheit daraus wird, das weiß ich nicht, nur die Erkenntnis, ob ich die Kräfte dazu finde oder nicht, das wird der Entscheidungsgrund meines wissenschaftlichen Erlebens sein.22

Nur eines hoffe ich bestimmt: Meine Studenten werden mit mir zufrieden sein: sie wissen warum. (Einen ganz prächtigen Kerl habe ich in Albert Schönberg, Sohn des Röntgenmenschen und Primus omnium des Wilhelmsgymnasiums.)

Ich habe für nächstes Semester Jassir und Islamkunde angezeigt. In beidem hoffe ich einiges Eigene geben zu können, wenn auch das Meiste notwendig Kompilation bleiben muß.

Was menschlich aus mir wird: Sicher kein geistiger Sybarit, aber vielleicht dies und jenes andere Unerfreuliche, da müssen Sie und werden Sie, lieber Herr Geheimrat, mir emsig den Mentor spielen. Wer einen anderen so unerfahren auf einen hohen Posten stellte, der muß auch ein wenig zu sagen haben, daß er nicht falle. Ich bin noch immer Ihr pneumatischer Sohn, und hoffe, daß Sie Ihre Vaterpflichten weiter mit aller Deutlichkeit ausüben werden.

Zum Geschäftlichen: Den Kontrakt werde ich Ihnen, vielleicht schon beiliegend zuschicken. Die Bibliographie dachte ich durch den neu anzustellenden Hilfsarbeiter langsam vorbereiten zu lassen und (im Herbst?), jedenfalls als frühsten Termin, Heft 1 des Jahrgangs 192023, damit wieder zustande kommen. Die Mitarbeiter zur Betätigung auffordern könnte man ja schon. Es liegen sehr viele, auch gute M(anuskripte) vor. Tschudi meinte, wir könnten gleich mit einem Doppelheft anfangen, um vorwärts zu kommen im neuen Jahrgang. Was meinen Sie dazu?

In der Hilfsarbeiterfrage wollte ich Sie noch etwas um Auskunft über Björkmann bitten, ist mir von Tschudi als durch göttlichen Ratschluß prädestiniert vorgestellt worden. So sehr ich Tschudis Urteil hochhalte wäre mir doch eine Stellungnahme von Ihnen angenehm, da mir der junge Mensch völlig und absolut unbekannt ist. Ich habe von ihm nur einen flüchtigen ersten äußeren Eindruck, nur der ist nicht etwa gerade hinreißend. Persönlich hätte mir Bräunlich sehr gelegen, ein Leipziger Schüler, der jetzt gerade doktoriert. Doch käme er für sofort nicht in Betracht und entbehren möchte ich den Hilfsarbeiter nicht. Ich will nun Björkmann entschieden zum Oberlehrerexamen drängen oder soll man ihm raten, sich zunächst ganz in die Orientalistik zu stürzen?

Wegen Schnellig (?unleserlich) will ich an Kahle schreiben. Ich habe Schnellig persönlich nicht gekannt und möchte auch nicht grad mit diesem Nachruf anfangen.

In diesen Tagen des politischen Kampfes habe ich oft mit Mitleid an Sie gedacht, besonders als das Zentrum das Kultusministerium für sich verlangte. Es muß ein wahrer Hexenkessel sein, ich bewundere Ihre Nervenkraft. Und doch hoffen wir alle auf Sie: Ihr Dasein ist für uns alle doch eine gewaltige Beruhigung: Welche Macht ist in Ihre Hände gelegt! In Bezug auf kulturelle Fragen sprechen wir mit Hafis:

Traure nicht, am Ruder sitzet Noah, der die Flut beschwört!“

Auch in dem rein politischen Fahrwasser ist Ihr Wirken gewiß von großem Segen. Wie gut, daß Sie damals nicht in Bonn geblieben sind!

Daß ich mich hier in Organisationsfragen sehr zurückhalten werde, versteht sich von selbst. Wenn Sie mich da mit Zusendung Ihrer Zeitungsartikel oder Meinung derhalben (?) etwas auf dem Laufenden erhielten, wäre mir das als bekannter Beckermann doch recht angenehm und ich möchte Sie ganz besonders um diese Freundlichkeit bitten.

Daß Karl bei Ihnen war, freut mich. Er ist trotz einer gewissen philosophischen Einseitigkeit ein guter Kerl und ich habe ihn sehr gern.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen getreu ergebener H.Ritter

 

261. Hellmut Ritter an C. H. B. Hammburg, 1.4.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Herr Geheimrat!

Nun schreibe ich Ihnen heute nun schon den dritten Brief, aber die Sachlage erfordert es. Heute war die erste Fakultätssitzung der Hamburgischen Universität. Unsere Brust war natürlich mit Stolz und Freude gefüllt, wenn man auch nicht rein rosig wird in die Zukunft sehen könne. Dabei wurde gleich die Kommission für die Berufung des Extraordinarius für Semitistik eingesetzt, so daß ich also alsbald auch über diese Frage nachdenken muß. Ideal wäre natürlich Bergsträsser, doch kommt er natürlich leider nicht in Frage, da er selbstredend ablehnen muß. Bleibt eigentlich nur Schaade, der soeben aus dem Orient zurück ist und jetzt in Berlin sein muß. (Bei Oberlehrer Kesseler, Charlottenburg, Kirchplatz 6.) Er würde es wohl ertragen, neben mir als Extraordinarius zu leben, er hat sich ja auch in Nazareth so nett zu mir gestellt. Könnten Sie nicht mal ganz leise sondieren? Schade, daß er sich so auf das Arabistische verlegt hat, ein Inschriftenmann mit etwas mehr in die Breite gehenden Kenntnissen wäre mir ja lieber. Aber man kann nicht alles haben und Schaade ist in seiner Weise sehr tüchtig.,

Ich würde mich freuen, wenn er sich mit mir in die Arbeit teilen würde. Oder wissen Sie sonst jemand? Bauer? Nein! Rescher? Furchtbare Idee! Außerdem könnte Schaade hier in Phoneticis schwelgen. Bitte schreiben Sie mir einmal Ihre Meinung!

Brassens Arbeit interessiert mich sachlich immer mehr. Das schöne Thema verdiente wohl von etwas reiferer Hand behandelt zu werden. Über Einzelheiten werde ich Ihnen noch öfters zu schreiben haben.

Mit vielen Grüßen Ihr getreuer (gez.) Ritter

Nachtrag: Heute morgen war Milck bei mir. Er ist mit Schaade gekommen, den ich noch nicht gesprochen habe.

 

262. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 7.4.1919

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Ich wage nach einigem Überlegen doch diese vertrauliche Anrede und hoffe, daß Sie nicht auf den Gedanken kommen, ich wollte mein Verhältnis zu Ihnen damit irgendwie verschieben. Das Fetma (?) meines Herzens allein rechtfertigt für mich diese Freiheit. Ich bin und bleibe doch einmal Ihr Verehrer auch im überkonventionellen Sinn. Für Ihre Zeilen vielen Dank. Schreiben Sie mir bitte nun auch noch, ob ich den Osman `Utmán, wie Br.(?) manchmal, oder Uthman, wie er persönlich schreibt, oder Osman schreiben soll. Die Beziehung zur

Wahhabitenbewegung scheint mir eher eine Analogie als eine Abhängigkeit zu sein. Mit der historischen Beurteilung bin ich auch sonst nicht immer ganz einverstanden. Er sieht Osman so vornehm als klug berechnenden Politiker an. Mir scheint, daß sich das politische Selbstbewußtsein dieser Leute erst mit der Bewegung entwickelt, es sind doch zunächst nur (über?)-eifrige Prediger und werden dann durch eine Wechselwirkung zwischen Führer und Volk zu Staatsmännern. Wollen Sie in solchen Fällen ändernd eingreifen oder soll ich Braß schreiben, oder wollen Sie mit ihm darüber korrespondieren? Änderungen sind – es läßt sich mit ein paar Worten machen – m. E. nötig auch auf sprachlichem Gebiet. Die Übersetzungen sind zum Teil wundervoll. Gleich der Titel ist nicht richtig erkannt: Tazjín el warayát bi heid má lí min el abját. Der zweite Teil gehört natürlich dazu, wie schon der Reim beweist. Ich gehe die Arbeit jetzt zum zweiten Male durch um zu sehen, ob die Qasiden richtig verstanden und verwertet sind

Ich freue mich, daß auch Sie für Schantz (?) eintreten. Es würde mir eine Freude sein, ihm so helfen zu können.

Viele Grüße Ihr getreuer Ritter.

 

263. C. H. B. an Hellmut Ritter. Berlin, 4.4.1919

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Drei Briefe von Ihnen an einem Tag waren mir eine freudige Überraschung. Das dürfen Sie ruhig öfters machen. Heute zunächst die Mitteilung, daß ich dieser Tage zum Unterstaatssekretär ernannt worden bin und zwar zum einzigen geschäftsführenden, neben zwei parlamentarischen, von denen der eine Tröltsch ist und der andere ein Zentrumsmann. Ich hatte Ihnen ja neulich schon angedeutet, daß sich meine Stellung demnächst verschieben würde und ich habe es für meine Pflicht gehalten, das ehrenvolle Vertrauen des Ministers nicht zu enttäuschen und mich der schweren Aufgabe der Verantwortung für das ganze Ministerium nicht zu entziehen. Ich werde allerdings nun noch mehr Arbeit haben als bisher, und Sie sehen nun, daß Sie wirklich ein gutes Werk tun, nicht nur an mir, sondern auch an Braß, wenn Sie die Doktorarbeit dieses Mannes mir abnehmen.

Was die Haussa-Chroniken betrifft, so vermute ich, daß er einen Separatabzug zitiert. Ich kann leider nicht nachsehen, ob sich der Aufsatz durch mehrere Hefte oder Bände hindurchzieht, was mir nicht unwahrscheinlich scheint. Daß Sie die Arbeit selbst interessiert, freut mich. Das Thema hat auch mich so gereizt, daß ich es eigentlich selbst habe machen wollen. Ich habe immer eine Beziehung angenommen zwischen der religiösen Propaganda des Scheich Osman und der Wahhabiten-Bewegung. Ich weiß nicht, ob Braß ganz recht hat, sie abzulehnen. Ich erinnere mich dunkel, daß auch Le Chatelier in seiner kleinen Schrift „L’islam au 19e siècle“ etwas derartiges behauptet. Leider besitze ich die Schrift nicht und auch Braß konnte sie nicht erhalten. Meiner Erinnerung nach besitzt sie Ihr Seminar. Was die Arbeit selbst betrifft, so soll der ganze Braß’sche Text nicht gedruckt werden, da Braß dieser Aufgabe nicht gewachsen ist und er nur unnötige Kritik auf sein Haupt herabbeschwören würde. Hingegen würde ich die arabischen Textauszüge im Text oder in den Anmerkungen der Arbeit gern verwertet sehen. Die Änderung der Seitenzahlen ist dann unvermeidlich. Doch könnte die auch Braß selber bei der Korrektur vornehmen. Soweit ich mich erinnere, bezieht sich sein doppelter Apparat darauf, daß in dem einen Apparat die zweite Handschrift und in dem anderen die kritischen Bemerkungen gibt. Letztere können natürlich auch Emendationsvorschläge sein. Streichen Sie bitte nur sehr energisch, da ich nicht zweifle, daß Braß ziemlich ungeheuerliche Böcke gemacht haben wird. Die Form Abdullahi ist durchaus allgemein sudanesischer Gebrauch. Ich bitte, sie also keinesfalls in Abdallah abzuändern.

Endlich Bergsträßer. Ich halte ihn für den gegebenen Kandidaten und bin ganz glücklich, daß sich in Hamburg eine Wirksamkeit für ihn eröffnet. Er ist ja das Schüler-Verhältnis zu Ihnen vom Orient her gewöhnt und wird deshalb zweifellos hochbeglückt mit beiden Händen zugreifen, darüber brauche ich ihn gar nicht erst zu sondieren. Er war dieser Tage bei mir, frisch und rosig wie immer. Wenn Sie für die Fakultät irgend ein besonderes Votum über ihn brauchen, bin ich gern bereit Ihnen einen besonderen Brief darüber zu schreiben. Er hat sehr wenig bisher geschrieben, aber was von ihm vorliegt ist ausgezeichnet. Er hat auch allen Grund dafür, bisher nicht viel veröffentlicht zu haben, da er doch erst in Kairo und dann im Krieg war. Also nochmals vielen Dank für Ihre Hilfe. Sie können übrigens eventuell auch direkt an Braß schreiben. Am besten unter der Adresse „Orientalisches Seminar der Universität Bonn“.

Freundschaftlichst Ihr ergebener (CHB)

 

264. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 5.4.1919

(handschriftlich)

Lieber Herr Geheimrat,

Oder wie muß ich Sie jetzt anreden? Es wird immer schwieriger! Zunächst natürlich meinen freudigen und herzlichen Glückwunsch zu Ihrem neuen Amt! (arabischer Text) Sie rücken ja damit noch ein wenig mehr ab von unserer Wissenschaft, aber ich bin persönlich froh, daß ich im Islam gewissermaßen noch einen Strohhalm habe, an dem ich Sie manchmal in die Konkreta der Orientalistik hineinziehen kann! Es ist ein gewisses sachliches Band, das nicht zerreißen darf.

Hier ist man auch im Organisieren begriffen, aber unter günstigen Auspizien, nachdem nun endlich die Universität unter Dach und Fach gebracht ist.

Doch zur Sache: Ich wollte gern in der zweiten Hälfte der Karwoche nach Berlin kommen, möchte es aber davon abhängig machen, ob Sie mich dann gebrauchen können. Sie könnten ja dann auch dem Braß die letzte Ölung geben. Ich müßte sowieso einiges in Ihrer Bibliothek vergleichen, was ich hier nicht finde. Der junge Mann ist nämlich leider auch im Zitieren recht flüchtig, und man muß alles nachprüfen. Ich hoffe aber nächste Woche fertig zu werden.

Gestern hat Björman seinen Einzug gehalten. Ich denke doch, daß wir uns ganz gut verstehen werden. Er ist sehr willig und bescheiden. Sonst läuft alles glatt und reibungslos, ich werde meines Lebens zuweilen ganz froh.

Mit vielen Grüßen Ihr Ihnen getreuer Hellmut Ritter.

 

265. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 12.4.1919

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Ich werde Sie also Donnerstag früh anrufen. Einen der Tage, die ich bei Ihnen bin, möchte ich benutzen, um mit Kampfmeyer, Herzfeld, Bergsträßer, Sobernheim und Mittwoch zu konferieren. Vielleicht ist Hertzfeld so freundlich ein Arrangement zu treffen, der mir die Einzelbesuche erspart und Gelegenheit zur Aussprache gibt. Sobernheim will eine Verständigung zwischen den beiden Redaktionen herbeiführen. Wissen Sie davon? Man könnte das ja auch dann gleich bereden. Ich werde Herzfeld schreiben, er muß aber sich mit Ihnen in Verbindung setzen, um nicht durcheinander zu arrangieren. Ich bleibe bis Sonnabend einschließlich. Wir sind hier schon geprüft durch eine von den Abhandlungen des Kolonialinstituts erscheinende Arbeit Hans Tesches (?) über die Bauke Kalanus. Da tritt ein Abassidenchalif Wálid im Jahre 88 der Hedschra auf, Formen wie (arab.Wort) pflegen mahm transkribiert zu werden, kurz es ist eine rechte Freude! Natürlich müssen wir Korrektur lesen und die ganzen Maqrisi-Auszüge nachprüfen. Ich habe jetzt Björkmann dahinter gesetzt und bin nun sehr gespannt, wer mehr Fehler macht, er oder Hans Kahle. Braß I. Teil habe ich in die Druckerei geschickt. Den II. Teil will ich nach den Ferien noch einmal durchnehmen. Ich bin jetzt etwas in Druck auch durch meine Kollegs, von denen ich noch keinen Strich fertig habe.

Mit vielen Grüßen Ihr getreuer H. Ritter.

 

266. Hellmut Ritter an C. H. B. Hammburg, 29.4.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Ich bin soeben wieder in Hamburg angelangt und gedenke noch in dankbarer Freude des schönen Tages, den ich bei Ihnen draußen verleben durfte. Es war wirklich köstlich.

Kahle hat den Nachruf auf Schwally geschickt. Es ermangeln nun noch die Nachrufe, die wir von Ihnen zu erwarten haben. Es wäre doch ganz gut, wenn sie alle drei im 1. Heft des nächsten Jahrgangs erscheinen könnten.

Auf der Reise nach Hamburg sprach ich ausführlich mit Siddiki, der auf mich einen ausgezeichneten Eindruck machte. Er ist ein Orientale mit wirklich wissenschaftlichem Geist. Übrigens erzählte er mir, daß in Göttingen die Schreckenskunde verbreitet sei, Sie hätten sich der Partei der Unabhängigen Sozialdemokraten angeschlossen. Andreas sei deswegen in großer Unruhe. Sie sehen, wie man Sie beurteilt.

Ich habe schon 4 richtige Studenten abgesehen von Björkmännchen, Mielck usw.

Die Angelegenheit Mielck scheint sehr trübe ausgelaufen zu sein, ich habe ihn noch nicht gesprochen, aber nachdem, was Fräulein Hass mir erzählte, will Wahl nichts von ihm wissen, er kommt morgen zu mir, um mir alles zu erzählen. Ich schreibe Ihnen dann ausführlich.

Ihr Ihnen dankbar ergebener (gez.) H.Ritter.

 

267. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 2.7.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Zunächst besten Dank für Deinen Brief. Ich kann mir Deinen „Zustand“ und Deine Arbeitslast lebhaft vorstellen. Nein, man hat heute tatsächlich Recht, über das Jahr die zemàn zu klagen.

Die Braß-Sache wird entsprechend Deiner Anweisung erledigt.

Heute nur einige Neuigkeiten: August Fischer hat mich in sein Herz geschlossen! Warum, weiß ich nicht. Er schrieb mir sogar, er hätte mich damals in der Kommission bei der Berufung Richard Hartmanns vorgeschlagen. Jetzt bietet er mir gar Manuskripte für den „Islam“ an“! Was sagst Du nun? Ich schicke Dir seinen Brief mit, vertraulich, zur Erbauung. Schicke ihn mir bald zurück, weil ich ihn noch beantworten muß.

Dann habe ich eine Karte von Goldziher, auf der mir seine veränderte Schrift auffällt. Er fragt nach mir und meinem Ergehen. Ich bin jedenfalls sehr froh, daß wieder Verbindung da ist.

Daß Frau Schmidt in Hamburg war, wußte ich nicht; sonst hätte ich sie aufgesucht.

In Treue Dein (gez.) H. Ritter

 

268. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin,) 8.7.1919

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

entgegen meinem gestrigen Brief muß ich heute schreiben, daß ich heute Nacht mit dem Minister nach Weimar reise zu hochwichtigen politischen und kulturpolitischen Verhandlungen. Mein ganzer Urlaub ist dadurch in Frage gestellt, ebenso meine Erledigung der Braß’schen Korrekturen. Wenigstens werde ich in den nächsten Tagen nicht dazu kommen. Also entschuldige diese Verzögerung.

Heute sprach ich den kleinen Scholz aus Breslau, der Deußenss Nachfolger in Kiel wird, ein ganz famoser, ein idealistisch eingestellter Mensch, den ich etwas auf Dich gehetzt habe. Er ist ein naher Freund von Jäger und Spranger und gehört unbedingt in unsern Kreis. Von Kiel aus wird sich vielleicht eine Verbindung zwischen Euch finden lassen.

Herzlichst Dein (CHB)

 

269. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 9.7.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Habe vielen Dank für Deinen Brief. Den Humboldt habe ich schon irgendwo zitiert gelesen. Ich werde ihn zitieren in einem kleinen Aufsatz über die futuwwa-Bünde, den ich gerade niederschreibe. Ich habe darüber einiges in einer persischen Enzyklopädie gefunden, ich habe nur noch keinen rechten Mut, den Aufsatz auch drucken zu lassen, jedenfalls schicke ich ihn Dir erst im Manuskript zu.

Daß Du uns Jäger ausgespannt hast, werde ich Dir nie verzeihen. Er schrieb mir heute einen sehr netten Brief, in dem er mir seinen für uns so bedauerlichen Entschluß mitteilt.

Und nun noch eins. Bitte erledige mir um Gottes Willen den Braß und die Angelegenheit Ahrens, die beide schwer auf mir lasten. Du hast doch das Ahrens’sche Manuskript und meinen Brief dazu bekommen, er ging als Reichsdienstsache an Deine Dienstadresse ab? Braß hat seine Korrektur zurückgeschickt. Ich kann also mit dem Umbrechen anfangen, sobald Du die Fahnen zurückgeschickt hast. Auch Ahrens bedrängt mich schwer.

Für Deine Reise wünsche ich Dir von Herzen alles Gute.

Dein getreuer (gez.) H. Ritter

Handschriftlicher Nachtrag:

Meinhof erzählt mir, daß Meyer (?) in Sachsen mit 200 Mark Monatsgehalt mit 4 Kindern am Verhungern ist. Es ist doch eine Unverschämtheit gegenüber dem Wissenschaftler (?)!

 

270. C .H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin?), 14.7.1919

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Dein Aufsatz über die Futtuwa-Bünde interessiert mich sehr. Es ist allerdings immer schwierig, etwas derartiges zu veröffentlichen. Ob es richtig ist, sehen vier Augen besser als zwei und ich stelle mich Dir für die Prüfung gern zur Verfügung.

Daß ich Euch Jaeger nicht lassen würde, darüber habe ich nie einen Zweifel gelassen. Du weißt, wie gern ich Hamburg fördere, aber Ihr dürft doch nicht alle Rosinen aus unserem Kuchen holen wollen. Jaeger kommt doch in ganz kurzer Zeit nach Berlin und Ihr braucht in Hamburg jetzt einen Mann, der Euch mindestens 5-6 Jahre dort bleibt, um den sterilen Boden einigermaßen tragfähig zu gestalten.

Ich weiß nicht mehr recht, wie mir der Kopf vor Arbeit steht; zur Zeit bin ich mal wieder in Berlin, morgen fahre ich vielleicht wieder nach Weimar. Du wirst ja aus den Zeitungen gelesen haben, daß unser Eingreifen nicht so ganz ohne Wirkung geblieben ist. Es ist einfach furchtbar, daß die Sozialdemokratie in ihrem Doktrinarismus, ihrer Unkenntnis der Verwaltung und ihrem Mangel an Führern die ja in jahrtausende langem Kampfe der katholischen Kirche abgerungenen Rechte des Staates mit einem Federstrich preisgibt. Aber Zentrum ist halt Trumpf und Erzberger Diktator. Die Protestanten haben in ihrer Angst vor Adolf Hoffmann und ähnlichen Möglichkeiten sich für ihre Kirche alle Vorteile vom Staate errungen, ohne dem Staat irgendwelche Rechte zu lassen. Was für den Einen recht war, war für den Andern billig. So hat die katholische Kirche schmunzelnd alle Vorteile mit eingesteckt, die einer evangelischen Landeskirche leicht zu bewilligen waren. In Zukunft wird es niemand hindern können, wenn ein spanischer Mönch Erzbischof von Köln wird oder die gemischtsprachigen Gebiete an der Ostgrenze zu einer polnischen Diözese geschlagen werden usw. usw. Alle Beamten haben gewarnt, aber der Dilettantismus der politischen Machthaber ist jetzt Trumpf auf allen Gebieten. Ich versuche noch einiges zu retten, aber ich sehe schwarz. Hinter allem steht in letzter Linie im Augenblick der Kampf auf Leben und Tod zwischen Preußen und dem Reich. Die Auseinandersetzung muß kommen, aber sie kann sich in freundschaftlichen Formen vollziehen, während die Reichsregierung eine Proletenpolitik für angebracht hält und dadurch eine Mißstimmung erzeugt, die dem so gesunden Unitarismus höchst abträglich ist.

Doch nun zurück zur Sache. Braß werde ich ja jedenfalls noch erledigen. Das Ahrens’sche Manuskript habe ich im Augenblick verlegt, doch werde ich es noch heraussuchen, jedenfalls eilt die Sache ja nicht. Auch darüber schreibe ich noch.

Der gute Unger tut mir herzlich leid, aber Preußen kann in dieser Zeit nicht für alle sorgen, die von ihren Heimatstaaten schlecht behandelt werden. Wir kommen schon selbst kaum durch.

Meine Adresse bleibt zunächst das Ministerium. Vom 1. bis 12. August bin ich in Gelnhausen, Villa Becker, nachher wieder Ministerialadresse.

Nun noch eine wichtige Sache. Ich kann wegen der Urlaubsverschiebung am 5. August nicht in Berlin sein, die Konferenz über die Zeitschriften muß also am 15. August stattfinden, um 11 Uhr im Ministerium. Ich freue mich sehr, dann einen Tag in Ruhe mit Dir zu haben. Richte Dich jedenfalls nicht auf zu kurz. (CHB)

 

271. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 16.7.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Den Futtuwa-Aufsatz habe ich in einer Anwandlung von Mut an die Druckerei geschickt. Ich hatte ihn hier jemanden vorgelesen, der ihn harmlos fand. Jetzt hat aber die Druckerei Anweisung, Dir das Manuskript zuzuschicken. Bitte sei so gut und lies es dann gleich durch. Vielleicht ist er mit einigen Streichungen und Übermalungen doch zu gebrauchen.

Braß und Ahrens mußt Du unbedingt erledigen, ehe Du in die Ferien gehst. So viel Mühe wird es Dir nicht machen. Ich verstehe vollständig Deine Überlastung mit Arbeit, aber ich muß die Rechte des „Islam“ an Dich wie ein Löwe verteidigen.

Deine politischen Mitteilungen waren mir höchst interessant. Nein, die Götter lieben diese Regierung nicht. Dein Kampf gegen die Unbildung der Herrscher muß schrecklich sein. Der getreue Wesir und der übermütige junge Herrscher, der nicht hören will. Ich habe den Kampf in den Zeitungen wohl verfolgt.

Am 15. werde ich dann in Berlin sein.. Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

272. C. H. B. an Hellmut Ritter. Berlin, 18.7.1919

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Schließlich ist es doch über meine Kraft gegangen. Ich war außerstande, Braß fertig zu machen, obwohl ich meine ersten Urlaubstage von morgens früh bis in die Nacht um 1 (Uhr) an der Arbeit gesessen habe. Nun aber hat es mit dem Schlafen aufgehört, und da heißt es gebieterisch Schluß, wenigstens für 8 Tage. Ich fahre heute über Weimar nach Heidelberg, Hotel Viktoria. Wenn es dort einen Tag regnet, werde ich den Braß dort erledigen. Der Islam kann auch einmal auf seinen Begründer warten. Es tut mir ja leid, aber ich kann es nicht ändern. Du kannst mir ja glauben, daß ich das Mögliche leiste.

Deinen Futuwwa-Aufsatz habe ich soeben erhalten und bin sehr gespannt darauf. Das Manuskript Ahrens ist mir irgendwie abhanden gekommen. Vermutlich habe ich es an einem ganz sicheren Ort aufbewahrt; aber jedenfalls kann ich es im Augenblick nicht finden und bin zu nervös, um mich lange darüber aufzuregen.

Adresse bis Dienstag: Heidelberg, Hotel Viktoria, dann Gelnhausen, Villa Becker. (CHB)

 

273. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 24.10.1919

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Anbei sende ich Dir einen Briefwechsel zwischen mir und Dr. Lüdtcke zur Kenntnis und bitte Dich, doch einmal mit ihm die schwelenden Fragen zu besprechen. Dr. Lüdtcke ist eine ganz gute Hetzpeitsche; ihm geht immer alles zu langsam, sowohl das Drucken wie das Organisieren. Aber es ist gut, daß ein solcher Mensch da ist.

Die Heidelberger Hochzeit verlief recht erfreulich und harmonisch. Bezold habe ich leider vergebens versucht zu sprechen. Dagegen habe ich Ruska ausführlich genossen; er macht jetzt ja Politik.

Meine Kollegs hier sind nett besucht; mir geht’s auch sonst ganz gut. Ich hoffe sehr, daß auch Du gesund und nicht zu überladen mit Arbeit bist.

Mit herzlichen Grüßen Dein getreuer (gez.) Ritter.

Handschriftliche Anmerkung:

Franks (?) empfiehlt private Besprechung von Redak.(?). Auch Cohn, Kümmel, FWK Müller und Haenisch eingeladen.24

 

274. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin?), 27.10.1919

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Wenn Du hoffst, daß ich im Augenblick nicht allzu überladen wäre, so ist Deine Hoffnung leider trügerisch. Ich gerade in diesen Wochen anläßlich der Beratung unseres Etats mit gleichzeitiger Tagung der Vorbesprechung der Reichsschulkonferenz und der jetzt noch bevorstehenden Abwesenheit des Ministers derartig überlastet, wie wohl noch kaum vorher und muß alle anderen Pflichten außer den dienstlichen zurückstellen. Es wird also auch dies neue Heft ohne meinen Nachruf herausgehen müssen. Nachdem wir schon sowieso die Nachrufe einmal zurückgestellt haben, schadet es nichts, wenn sie auch noch ein Heft später kommen. Meine Nervenkraft ist im Augenblick ziemlich zu Ende, ich weiß nicht, wie das so weiter gehen kann; denn auch der Minister und die Direktoren sind so abgearbeitet und ständig überlastet, neue Hilfskräfte taugen entweder nichts oder sollen wegen Finanznot nicht eingestellt werden; die Geschäfte aber wachsen täglich, so daß ich wirklich nicht ohne Sorge der Zukunft entgegensehe. Man darf aber den Kopf nicht sinken lassen und das tue ich auch nicht. Man erlebt ja auch immer wieder allerlei erfreuliche Anerkennung, die einem ein Stück weiter hilft. Ich bin bisher im Parlament mit meinen zwei Büchern sehr gut abgeschnitten, muß aber jetzt gerade in der nächsten Zeit endgültig Stellung nehmen zu den wichtigen Reformfragen und diesmal nicht als Privatmann sondern amtlich, und da heißt es, nochmals alles sorgfältig durchdenken.

Unter diesen Umständen kann ich mich auch nicht eingehend um die Verbandssache kümmern. Am Freitag wohnte ich einer Sitzung des Güterbock’schen Konkurrenzverbandes unter dem Vorsitz Eduard Meyers bei, konnte aber nicht die ganze Zeit dabei bleiben; unser Komitee war durch Lüders und Steindorff gut vertreten. Es wurde jedenfalls beschlossen nichts zu unternehmen, ehe nicht unser Zeitschriften-Verband geboren sei. Dann plant man allerdings, diesen Zeitschriften-Verband als eine Abteilung in den großen Verband einzugliedern. Das ist immerhin möglich, obwohl ich mich energisch dafür einsetze, daß die Zeitschriftenerhaltung und überhaupt das Interesse der eigentlichen Gelehrtenarbeit nicht von den mehr peripheren Interessen der großen Vereine, wie D.O.G., Geographische Gesellschaft, Museen usw., erdrückt werden dürften. Jedenfalls ist die Sache im Fluß, und ich glaube, daß die November-Konferenz bald zu guten Resultaten führen wird.

Gegen die Veröffentlichung der Texte zum Heiligen Krieg habe ich nichts einzuwenden. Ich möchte nur noch empfehlen, daß irgendwo angegeben wird, daß diese sämtlichen Urkunden in der Welt des Islam übersetzt und kommentiert sind. Dadurch wird diese nackte Ausgabe der bloßen Texte gerechtfertigt. Das Ganze erscheint dann als reines Verlegerunternehmen ohne Gegenzeichnung durch einen von uns beiden. Zur Einführung dieser Notiz schicke ich Dir den Bogen nochmals zurück.

Von Babinger wirst Du wohl wissen, daß er noch immer leichte Schwierigkeiten mit Jensen hat. Er hat mich alle Briefe lesen lassen, und ich sehe, wie schwierig es ist, mit einem kranken Menschen wie Jensen zu einem klaren Verhältnis zu kommen.

Ich freue mich sehr, Dich bald einmal wiederzusehen. Zu persönlichen Briefen kann ich leider jetzt nicht kommen. Abschrift meines Briefes an Lüdtcke lege ich bei. Eben kommt Deine Karte über Zeid. Mittwoch weiß natürlich besser Bescheid in diesen Dingen als ich. (CHB)

 

275. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 4.2.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

zu meinem Leidwesen erfahre ich, daß Du nicht kommen kannst. Ich hatte mich sehr auf ein Wiedersehen gefreut. So werde ich Dir demnächst brieflich mitteilen, was ich Dir ganz persönlich zu sagen hatte.

Heute will ich Dir nur mitteilen, daß Leroux wieder mit den Lieferungen des „Journal Asiatique“ begonnen hat. In der Liste des Membres für 1919/20 sind die deutschen Professoren ebenso wie unser Seminar aufgeführt. Freilich ist bei den deutschen Ehremitgliedern der unfreundliche Beschluß vom 14. Juni 1917 abgedruckt:

  • « Dans sa séance générale du 14 juin 1917, la Société asiatique a voté la résolution suivante :

En présence des violations du droit, des crimes, des destructions barbares et sans excuse, officiellement constatés à la charge du gouvernement et du commandement allemand, et universellement glorifiés par la presse allemande,

La Société Asiatique, si elle ne peut ni prétend abolir le fait de l’hommage qu’elle a cru devoir rendre à certains mérites scientifiques,

Déclare que, vis-à-vis des ressortissants des nations ennemies dont il n’est pas à sa connaissance qu’ils aient rien fait pour se dégager de leur part dans les responsabilités collectives, il lui est impossible dorénavant de se commettre à aucune relation personnelle ; qu’elle considère donc comme supprimés, en ce qui les concerne, tous les liens effectifs de confraternité attachés en principe au titre de membre honoraire. »

Der « Islam » steht unter den Zeitschriften, die im Austausch geliefert werden. Ich habe daraufhin den beiliegenden Brief geschrieben, der, wie ich denke, auch in Deinem Sinne ist. Wenn die Leute anfangen, haben wir wohl keinen Grund, uns zu weigern.

Einstweilen mit besten Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

Handschriftliche Anmerkung:

G. Jacob hat neuerdings seine Schwester durch den Tod verloren. Willst Du nicht die Gelegenheit benutzen…?

2. Blatt (ohne Datum)

Hast Du irgend welchen Einfluß auf die Notgemeinschaft? Ich habe sie um 1500 Mark gebeten, um die Photographien der wichtigsten Nizami-Handschriften zu bekommen, auf die ich meine Ausgabe aufbauen möchte. Man hat mir prinzipiell zustimmende geantwortet und um die Angabe der Summe gebeten. Ich habe dann 1500 Mark angegeben, aber dann noch keine Antwort wieder erhalten.

Mit bestem Gruß Dein (gez.) Ritter

 

276. Hellmut Ritter an C. H.B. (Hamburg), 8.3.1920

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Anbei hast Du die Ausarbeitung des Futuwwaaufsätzchens. Ich hoffe, Du wirst es auch diesmal nicht an Kritik fehlen lassen und mir Deine Meinung deutlich schreiben.

Im Islam bin ich besorgt um die Referate über Herzfelds … Beiträge, überhaupt die ganze Archäologie, die Du früher mitbesprachest. Seit er weg ist, liegt überhaupt ein Hauptzweig der Forschung vollständig brach.

Martensen hat seine einzige Tochter, an der er sehr hing, verloren. Er ist wirklich ein armer Kerl! Laß mich nicht allzulang auf Antwort warten und sei herzlich gegrüßt

von Deinem treuen H. Ritter.

 

277. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 9.3.1920

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Du weißt, das Babinger mancherlei Schwierigkeiten bei Jensen zu überwinden hat. Er ließ nun seine Post über mich gehen, und nun habe ich auch noch zur Verzögerung beigetragen dadurch, daß ich einige Briefe von Babinger versehentlich liegen ließ. Gleichzeitig schrieb mir Jensen einliegenden Brief, den ich, wie ebenfalls beigefügt, beantwortet habe. Bitte schreibe Du ihm nun auch ein paar Worte. Wir können nicht gut eine Arbeit von Jensen ablehnen, aber ich bitte Dich, ihn aus technischen Gesichtspunkten heraus unbedingt auf den halben Bogen festzulegen.

Ich kann zur zeit mich weder um Goldziher-Festschrift, noch um Orientverband kümmern, obwohl ich merke, daß namentlich letztere Angelegenheit ohne mich eben doch nicht vorwärts kommt. Das ist mir eine recht schmerzliche Erkenntnis. Ich bin blödsinnig überlastet, namentlich da ich neuerdings auch im Reichsrat und im Reichstag beschäftigt bin, seitdem auch das Reich Schulgesetze macht. Morgen fahre ich für den Rest der Woche nach Bamberg zur Hochschulkonferenz, wo ich auch mit Wrochen zusammenkommen werde.

Über Deinen lieben persönlichen Brief habe ich mich sehr gefreut. Wir müssen ns wirklich bald einmal wieder sprechen. Hoffentlich ist in Deinen Ferien Anlaß dazu. (CHB)

 

278. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 11.3.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Der Querulant Ahrens läßt keine Ruhe. Ich schicke Dir beifolgend seinen letzten Brief, der vorige war fast noch unglaublicher. Ich habe mich daraufhin bereit erklärt, seine Arbeit bis zum Umfang eines Bogens zu drucken, obwohl ich ihm, wie Du weißt, nur einen halben Bogen zugesagt hatte. Trotzdem weiter diese Tonart! Er hatte als Entschädigung für die Arbeit des Kürzens ein besonderes Honorar von siebzig bis achtzig Mark verlangt, was der Verleger höflich ablehnte. Ich schicke Dir die ganze Korrespondenz, soweit sie hier ist, zu. Ich habe nun beifolgenden Brief geschrieben, aber noch nicht abgeschickt, weil ich meiner Sache nicht ganz sicher war. Ich finde nach wie vor, den ganzen entsetzlichen Mist von Ahrens’ Anmerkungen abzudrucken, ist einfach nicht zu verantworten. Alle anderen Autoren lassen sich Kürzungen ihrer Arbeiten gefallen, weil sie Verstand haben, dieser Mann ist wie verrückt.

Ich möchte Dich nun bitten, jetzt einmal selbst persönlich einzugreifen und Ahrens Deine Meinung zu schreiben. Wenn Du ex cathedra redest, wird es ja auf diese Kreatur hoffentlich Eindruck machen. Ich lege meinen Brief an Ahrens unterschrieben bei. Hältst Du ihn für richtig, ihn abzusenden, dann tu es. Lieber wäre mir freilich, Du schriebest selbst. Bitte, tu mir den Gefallen und hilf mir hier, wo ich festgefahren bin. Du weißt, daß ich die Arbeit nicht angenommen habe, insofern an dem ganzen Kram nicht unbedingt schuldig bin. Tschudi war eben zu nachgiebig. Also, ich hoffe auf Deine Hilfe! Bitte erledige die Sache auch recht bald, weil der Mann nach dem 15. d. M. mit einer Klage droht.

Mit bestem Gruß Dein (gez.) H. Ritter.

 

279. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 11.3.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Als ich den beiliegenden Brief unterschrieben hatte, kam Dein Brief. Weißt Du, zuweilen faßt mich ein Anfall von Verzweiflung. Die Situation ist wirklich fürchterlich: es geht nun einmal nicht ohne Dich, und Du bist nie zu haben.

Sehr schmerzlich die Sache ist mit dem Orientverband. Es müßte längst eine Sitzung einberufen sein. Aber wer hat denn Lust und Geld, in diesen Zeiten zu reisen. Es ist wirklich zu viel verlangt. Ich will jetzt einmal an Brockelmann, Steindorff und Herzfeld schreiben und versuchen, die Sache wieder in Fluß zu bringen. Was dabei herauskommt, steht dahin.

Da Du nach Bamberg fährst, schicke ich schweren Herzens den Brief an Ahrens doch ab. Wenn ich damit Unsinn mache, so kann ich es eben nicht ändern; wenn ich Dir den Brief erst zuschicke, verzögert sich alles wieder unliebsam. Ich verstehe, daß es nicht zu ändern ist, aber es wird mir manchmal schwer, die Verantwortung zu übernehmen.- An Jensen werde ich schreiben.

Wegen Goldziher will ich einmal bei Snouck-Hurgronje sondieren, ich will ihn auch fragen, ob er Geld dazu geben kann. Demnächst werde ich Dir einen Entwurf für einen Werbebrief zusenden, nicht, als ob ich das dann für endgültig hielte, aber in der stillen Hoffnung, daß es Dich vielleicht anregt, den besseren Text selbst zu entwerfen. Ich will Dir in der ganzen Angelegenheit alles möglichst mundgerecht machen, nur Dein Urteil, Deine Randbemerkungen und Deine Unterschrift brauche ich. Ich will dann mit Babinger zusammen eine Liste aufsetzen von Leuten, die zu beteiligen wären und Dir vorlegen.- In Betracht käme wohl ein Beiheft zum „Islam“, das vielleicht vom neutralen Ausland finanziell zu unterstützen wäre. Bitte äußere Dich zu dieser Sache einmal. Daß mehr als eine Feld-, Wald- und Wiesenfestschrift herauskommt, glaube ich nicht. Du dachtest, soviel ich weiß, an eine großzügige Darstellung der gesamten Islamwissenschaft durch berufene Vertreter. Wer soll das machen?

Mit vielen Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

Handschriftlicher Zusatz:

Und nun noch einmal die leidigen Nachrufe. Ich habe heute die ersten Druckbogen des neuen Heftes bekommen und muß die Nachrufe haben. Weiß der Himmel, daß ich Dankwords (?) mit dem großen Widerwillen noch immer vor mir herschiebe, aber es ist jetzt ein volles Jahr her, daß Du mich vertröstest und noch kein Schimmer Hoffnung! Weißt Du einem wird’s manchmal übel; manchmal bin ich nahe dran mit Franke und Deiner Frau dem Tag zu fluchen, wo er ins Ministerium einzieht. Der Mensch in Dir wird ja ganz vom Beamten überwuchert, und meine ablehnende Stellung zu den Schulgesetzen bringt es mit sich, daß ich – ich kann mir nicht helfen – rein wissenschaftliche Arbeit für ein schöneres monumentum(?) ad perennius für mich halte als das Gesetz über Einheitsschule etc. Dir wünschte ich durch meine Islamanforderungen würden derartige Gesetze hinausgezögert!

Ärgere ich nicht über solchen verneinenden Gefühlsausbruch! Wir Laien beurteilen einmal alles ungerecht nach dem, was für uns letztendlich dabei herauskommt, und das war früher schöner. Verzeih! Mit besten Grüßen Dein H.R.

 

280. C. H. B. an Hellmut Ritter (Berlin?), 26.3.1920

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter!

Infolge der Wirren bin ich erst gestern dazu gekommen, Deine verschiedenen Schreiben gründlich zu lesen. Glücklicherweise bin ich im Augenblick als Folge der Umwälzung geschäftlich freier als sonst. So glaube ich, daß ich in den nächsten Tagen einige Deiner Wünsche werde erfüllen können. Jedenfalls habe ich vor, bis spätestens Ostern, wo ich durch Ausfallenlassen des Ostersamstages vier Tage hintereinander frei habe, die zwei Biographien fertigzustellen. Große Studien werde ich nicht mehr dafür machen, da ich ziemlich im Kopf habe, was ich sagen will. Es kommt nur auf eine mehr oder minder glückliche Formulierung an und ich habe ja bei allen meinen Orientalisten-Nachrufen immer mehr Wert auf die Charakterisierung der Persönlichkeit als auf biographische Vollständigkeit gelegt.

Über den Fall Ahrens habe ich heute mit Dr. Lüdtcke telephoniert. Er hatte von Ahrens bereits eine Reaktion auf Deinen, allerdings ziemlich groben Brief vom 11. März erhalten. Ich hatte nach Studium der Vorgänge den Eindruck, als ob die Rechtslage gar nicht so eindeutig ist, wie sich das Herr Ahrens vorstellt. Ich habe deshalb mit Lüdtcke verabredet, daß er jetzt an Ahrens ein kurzfristiges Ultimatum stellt, das er Dir zur Mitunterschrift schicke wird. Danach muß er sich verpflichten, die Arbeit auf einen Bogen zusammenzustreichen. Jedenfalls wird nicht mehr als ein Bogen gedruckt. Es ist meines Erachtens bei dieser Arbeit ziemlich gleichgültig, wo man abstreicht. Dieser eine Bogen wird ihm in einem der nächsten Hefte bewilligt. Läßt er sich darauf nicht ein, wird kurzweg abgebrochen und der Klageweg ihm überlassen. Ich bin überzeugt, daß er dabei hereinfallen wird. Die ganzen Papiere sende ich ihm mit bestem Dank zurück.

Von Tschudi hatte ich dieser Tage einen famosen 20 Seiten langen Brief, ein erstes Lebenszeichen von ihm seit seiner Rückkehr in die Schweiz. Ruhig, vernünftig, mit uns leidend, voll klarer Ausblicke auf das zukünftige Verhältnis zwischen Deutschland und der Schweiz, kurz, ein recht wohltuender Brief. Wenn Du willst, schicke ich ihn Dir einmal.

Diese Feld-, Wald- und Wiesen-Festschrift für Goldziher halte ich für völlig überflüssig, auch wäre mir die Annahme neutralen Geldes hierfür höchst willkommen. Eine solche Festschrift haben wir ihm ja schon einmal gewidmet und für überflüssige und unsystematische Arbeiten hat man im Augenblick wirklich kein Papier übrig. Mir schwebte ein gar nicht von vielen Verfassern, aber von fünf, sechs Leuten zu gebendes, lebendiges Bild der derzeitigen Islam-Wissenschaft vor. Wenn sich z. B. Ritter, Littmann, Hartmann, Babinger, Jakob und Herzfeld zusammensetzten, könnte meiner Meinung nach ein recht schönes Buch zu Ehren Goldzihers herauskommen. Aber natürlich nicht von heute auf morgen. Eigentlich ist ja keine Zeit zu Festschriften. Wenn die von Dir geplante zustande kommt, würde ich mich nicht versagen, aber sehr viel inneres Interesse habe ich einer solchen Zweckschrift nicht entgegenzubringen, auch Snouck Hurgronje wohl kaum.

Einliegens schicke ich auch die Futuwwa-Arbeit zurück. So bin ich voll mit einverstanden, aber unter der Voraussetzung, daß es ein Vorbote zu größerem ist, jedenfalls aber verdient das schon jetzt den Druck. Es wird mich vielleicht veranlassen, auch meinerseits einmal zu dem Thema das Wort zu nehmen. Hoffentlich bringst Du es bald zum Abdruck.

Nun werde ich schon wieder aus den stillen Pfaden dieses Briefes in die rauhe politische Wirklichkeit gerufen. So will ich Dir nur noch schnell sagen, daß es natürlich ein Unfug war, mich für irgendwelche Reichsgesetze verantwortlich zu machen. Wenn die Reichsgesetze noch so halbwegs verständig geraten, so darf ich das wohl auch meinem direkten oder indirekten Einfluß zuschreiben. Du solltest erst einmal erleben, was sonst alles Gesetz würde. Daß man jetzt keine Lorbeeren pflücken kann auf schulpolitischem Gebiet, ist ganz klar. Das beste, was man tun kann ist, daß man allzu große Dummheiten verhindert. Aber ehe Ihr in Hamburg an zu kritisieren fangt, macht gefälligst mal selber ein besseres Universitätsgesetz.

Der wahnsinnige Husarenritt Kapps hat die Situation fatal nach links verschoben und es wird uns sehr viel Mühe kosten, all das neue gegen Bildung und Bürgertum angehäufte Mißtrauen zu überwinden. Nach solchen Heldentaten darf niemand von rechts mehr den Arbeitern einen Vorwurf machen, wenn sie in ihrer primitiven Denkweise die Konsequenzen aus dem Vorgefallenen ziehen. Ich war gerade in Bamberg, konnte aber Samstag Abend schon hier zurück sein und habe dann das ganze Ringen aus nächster Nähe miterlebt. Ich war auch vorübergehend in Schutzhaft und wurde auf der Reichskanzlei von Oberst Bauer vernommen. Dort traf ich auch Traub. Ich benutzte die Gelegenheit, den Herren sehr gründlich meine Meinung zu sagen. (CHB)

 

281. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 30.3.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Der Kapp’sche Streich hat für mich also doch eine erfreuliche Folge gehabt, nämlich einen ausführlichen Brief von Dir. Es ist sehr wohltuende, nun endlich Deine Meinung über die verschiedenen schwebenden Angelegenheiten zu erfahren.- Den Brief von Tschudi würde ich sehr gern lesen.

Wegen der Goldziher-Festschrift hatte ich vor einiger Zeit an Snouck Hurgronje geschrieben. Er war ganz Deiner Ansicht, indem er von einer Feld-, Wald- und Wiesenfestschrift nichts wissen will. Ich reiße mich auch nicht darum, eine solche zu inszenieren. Das von Dir gedachte Unternehmen halte ich freilich auch für aussichtslos. Die Leute, die Du nennst, werden sich eben schwerlich zusammensetzen, und ich kann jetzt nichts verfassen. Mit meiner jetzigen literarischen Produktion wirst Du vermutlich ebenso wenig einverstanden sein wie ich selbst. Ich schütte jetzt bloß einmal ein paar Ladenhüter aus: ut aliquid fieri videatur! Im übrigen bin ich jetzt rezeptiv und will es auch sein, weil ich merke, daß das außerordentlich nützlich ist, auch im Hinblick auf meine spätere Produktion. Des einen kannst Du sicher sein: daß ich mich immer mehr von der Philologie ab und der Geistesgeschichte zuwende. Die Sächelchen, die ich jetzt im „Islam“ schreibe, z. B. azerbeidschanische Texte, sind noch eratische Blöcke aus der früheren Periode, die Futuwwa-Arbeit zeigt ein bißchen den neuen Stil, der sich anbahnt.

Meinen vorigen, etwas temperamentvollen Brief wirst Du richtig verstanden haben. Natürlich weiß ich genau, worin Dein Wirken besteht, und weiß es voll und ganz zu schätzen. Das Endergebnis, der Kompromiß (natürlich höchst notwendig und wertvoll) ist nur gerade nichts, woran man sich von ganzem Herzen erfreuen könnte.

Die Nachricht von Sachau interessiert mich sehr. Dann gibt es also wieder eine Verschiebung der Ordinarien.

Vor einigen Tagen bekam ich einen Brief von Babinger. Ich hatte ihm vorgeschlagen, sich doch hier zu habilitieren, weil er mit Jensen notwendig einen solchen Krach kriegen wird, daß seine Privatdozentenjahre voll Ärger und Krakeel sein werden. Er schrieb mir daraufhin, daß ihn seine schwierige pekuniäre Lage daran hindere und vielleicht sogar zwingen würde die Wissenschaft aufzugeben, bat mich aber, Dir davon nichts zu schreiben. Ich will versuchen, ob ich hier etwas für ihn tun kann.

Herzfeld schrieb mir einen sehr betrübten Brief, sowohl wegen der langsam einschlafenden Verbandsangelegenheit als wegen seiner persönlichen Verhältnisse. Er sei in den nächsten Monaten für nichts zu haben.

Mir persönlich geht es gut. Hoffentlich sieht man sich einmal!

Mit besten Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter

 

282. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 6.4.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Dr. Lüdtcke schickt mir beiliegenden Brief und Entwurf zu. Bitte schreibe Deine Genehmigung darauf und schicke den Entwurf Lüdtcke zu. Ich bin sehr glücklich über seinen Vorschlag. Auf diese Weise hat man eine Handhabe, unangenehme Leute abzuwimmeln, z. B. allzu unerfreuliche Sachen von Jacob. Seinen letzten Beitrag in den Kleinen Mitteilungen wirst Du mit Entsetzen gelesen haben. Von den unzähligen Übersetzungsfehlern abgesehen, ist die ganze Sache so wenig Neues bringend, daß man sich doch recht wundern muß.

Die Islam-Finanzen25 stehen recht ungünstig. Lüdtcke wird Dir darüber berichten.

Mit besten Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

283. C. H. B. an Hellmut Ritter (Berlin?), 15.4.1920

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Unser Freund Babinger redet und schreibt sich um Hals und Kragen. Wahrscheinlich hat er Dir auch die Internationale Monatsschrift geschickt. Der Artikel ist eine Katastrophe. Ich schicke einen Durchschlag meines Schreibens an Babinger, um Dich ins Bild zu setzen. Wir werden schon sehr für ihn sorgen müssen, sonst kommt er nicht durch. Auf Deine kürzliche Bemerkung hin hatte ich übrigens einmal andeutungsweise bei ihm angetippt, wie es mit einem Privatdozentenstipendium stünde, und zwar habe ich das so gemacht, daß ich ihm zugeraten habe, sich doch lieber in Hamburg zu habilitieren, da er sich mit Jensen sicher verkrachen würde. Und dann habe ich eine handschriftliche Anmerkung dazu gemacht, daß ich das sehr von dem Gesichtspunkt aus bedauern würde, daß ich ihn dann nicht mehr fördern könnte. Es käme doch in diesen ernsten Zeiten unter Umständen ein Privatdozentenstipendium in Frage, doch wüßte ich natürlich nicht, ob er überhaupt je darauf reflektierte. Nun hat er Gelegenheit, über diesen Punkt einmal offen mit mir zu sprechen. Soviel nur zu Deiner Orientierung.

Ich habe übrigens gestern meinen 12 Schreibmaschinenseiten langen Nachruf auf Martin Hartmann in die Druckerei gegeben. Für Karabecek habe ich auch das Material zusammen.

Von meinem Brief an Jensen sende ich Dir Durchschlag und bitte um Rückgabe.

Der Rücktritt von Sachau wird übrigens noch keine Verschiebung unter den Ordinarien herbeiführen, da er nur von der Leitung des Seminars entbunden ist. Doch bekommen wir aller Voraussicht nach bis zum Herbst die 65-Jahresgrenze …

Ich bin nur neugierig, Dein Urteil über die ZDMG-Angelegenheit zu hören. Du schreibst mir ja wohl bald einmal darüber und schickst mir den Entwurf eventuell in Abschrift zurück. (CHB)

 

284. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 16.4.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Hab Dank für Deinen Brief! Natürlich hatte mir Babinger seinen Abdruck auch gesandt; ich habe ihn aber gar nicht unter diesem Gesichtspunkt angesehen, mich nur ein wenig darüber gewundert. Warum schreibt der Mann so etwas?! Du hast ganz recht.

Daß Martin Hartmann von Stapel gelaufen ist, ist ja höchst erfreulich. Vivant sequentes!

Über die finanziellen Verhältnisse des Islam habe ich Dir kürzlich erst berichtet. Die eigentliche Schwierigkeit, mit der ich als Herausgeber jetzt zu kämpfen habe, ist die Produktion von Jacob. Bitte sieh Dir doch einmal seinen letzten Beitrag, der in Fahnen gedruckt Dir vorliegt, an. In den wenigen Zeilen, die er türkisch abdruckt, habe ich fünf bis sechs grobe Übersetzungsfehler herauskorrigiert. Es liegt noch bei mir ein Manuskript von ihm, Übersetzung Stambuler Urkunden, das von groben Schnitzern wimmelt. Ablehnen kann ich die Manuskripte von Jacob natürlich nicht, eine Kritik über ihn schreiben mag ich auch nicht, bleibt nur die höchst undankbare Arbeit, die Sachen durchzuarbeiten und ihm Verbesserungsvorschläge zu machen, was schon Tschudi immer tat. Aber ich weiß wirklich nicht, ob ich dazu da bin.

In der DMG-Angelegenheit verdient Herzfeld alles Lob. Die Aufgabe, die alten Orientalisten zu dieser Sache zusammenzutrommeln, ist ganz ungeheuer schwer, und ich verstehe, daß Herzfeld mit seiner Art oft sehr energische Gefühlsausbrüche von sich gibt; doch schrieb er mir neulich etwas zuversichtlicher. Den Entwurf kannte ich schon. Der Vertragsentwurf stammt von Lüdtcke. Ich bin nicht genügend organisatorisch gebildet, um an den einzelnen Paragraphen eine sachliche Kritik zu üben. Ich denke schon, daß die Sache mit der Zeit gehen wird. Daß die Generalversammlung hinausgeschoben wird, ist verständlich, niemand will und kann reisen; ich auch nicht. Ich finde, wir können die Entwicklung ruhig abwarten. Die Herausgeber der eingegangenen Zeitschriften mögen meinetwegen noch etwas reifer werden.-

Ich stecke jetzt in Kollegvorbereitungen und leide unter dem Druck des Zuvielerlei.

Weiteres schreibe ich in Kürze. Mit vielen Grüßen bin ich Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

285. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 22.6.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Eben kriege ich einen Brief von Babinger, wo er mir die Mitteilung macht, die Du wahrscheinlich auch schon direkt bekommen hast. Er bedarf also unseres Rates. Ich bin natürlich nach wie vor bereit, ihn hier aufzunehmen; doch will ich ihm nicht von neuem darüber schreiben, bevor Du Dich geäußert hast. Ich bin außerdem jetzt gerade dabei, einen Privatdozenten namens Obermann, der eine recht gute Arbeit über Ghazali geschrieben hat und mir von Goldziher empfohlen wurde zu habilitieren. Er ist zwar Jude, doch habe ich ihn mir angesehen und fand ihn persönlich so angenehm, daß dieser Punkt für mich keine Bedenken mehr hat. Er ist Wiener und kennt recht genau den Fall Kalám sowie die jüdische Philosophie, weiß auch ausgezeichnet im Talmus Bescheid, was mir eine nicht unerwünschte Berigabe ist, da ich in meinen Studien doch immer wieder auf jüdische Dinge stoße. Das würde aber kein Hinderungsgrund sein, auch Babinger hier aufzunehmen. Freilich könnte ich ihm zunächst keine Nebeneinkünfte bieten, solange Björkman noch da ist. Wie Du weißt, beschäftigt mich das Problem Björkman seit langem. Wenn ich nur irgend eine Versorgung für ihn wüßte. Weißt Du keinen Rat?

Beiliegend schicke ich einen Brief von Tschudi mit, den Du mir bitte gelegentlich wieder zusenden willst. Ich hatte ihn gebeten, auf Mez einen Nachruf zu schreiben, er will aber nicht. Kannst Du ihn nicht noch einmal auffordern?

In der Redaktion haben sich jetzt so viele Manuskripte angehäuft, daß mir der Gedanke gekommen ist, den nächsten Band auf einmal herauszubringen. Ich will noch heute an den Verlag deswegen schreiben. Es liegen vor folgende Manuskripte:

  • Babingers Arbeit, die ich dieser Tage bekomme.
  • Ein Aufsatz von Herzfeld über die Bedeutung von Chorassan für die islamische Kultur- und Kunstgeschichte,
  • Kahle, Alexandrien,
  • Wiedemann über allerhand technische Dinge, wie Du bereits im Satz gesehen hast,
  • Sobernheim, die Inschriften der Zitadelle in Aleppo, und außerdem hat
  • Golziher zwei Manuskripte angekündigt.

Das würde für einen Band reichen. Wir kämen dadurch etwas wieder aus dem Mißverhältnis zwischen dem Sonnen- und dem Redaktionsjahre heraus. Kleine Mitteilungen sind auch reichlich da. Einen Teil hast Du ja schon gesehen.

Wenn Du mir auf die Hauptpunkte dieses Briefes bald kurz antworten könntest, wäre ich Dir recht dankbar. Ich möchte noch alles erledigen, ehe ich in die Ferien fortgehe.

Mit vielen Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

286. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 1.7.1920

Der Staatssekretär

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Dein Brief vom 28. v. Mts. Ist mir eine wirkliche Erleichterung. Ich lege Dir einen Verrechnungsscheck über 2000 Mark bei, den Du an Deine Bank senden mußt. Diese Form der Geldüberweisung ist den Banken angenehmer als die direkte Überweisung durch Brief.

Wenn Björkman nichts taugt, mußt Du ihm kündigen, und er soll Oberlehrer werden. Ich habe ja nur seine ersten Anfänge erlebt. Ich würde es für gut halten, wenn Babinger sich erst einmal hier habilitiert. Er könnte ja dann immer später zu Dir übersiedeln. Dein Urteil über ihn deckt sich genau mit dem Meinigen. Statt Babinger käme übrigens auch der junge Schaeder in Frage, der zurzeit hier ist und mir einen sehr guten Eindruck gemacht hat. Daß Schaade Dich enttäuscht, tut mir leid, aber Du darfst nicht alle mit Deinem Maß messen.

Deine Ferienfreude kann ich verstehen. Auch ich kann den Zeitpunkt kam abwarten, an dem ich abreise. Ich bin zwar schon seit Montag in Urlaub, habe aber bisher nichts anderes getan, als die Reste meiner Korrespondenz, Korrekturen, Denkschriften und ähnliches erledigt, und will dabei noch vor der Abreise an dem Nachruf auf meinen Bonner Freund, dem Philosophen Ohmann, schreiben. Vorher reise ich nicht ab. Ich bin sicher bis Sonntag hier. Dann vom 10. – 20. Juli in Gelnhausen, am 24. in Göttingen, am 26. wieder in Berlin zurück. Wo und wann werden wir einmal zusammen sein?

Von Herzen Dein getreuer (CHB)

Anlage: 1 Verrechnungsscheck über M 2000,.

 

287. C. H. B. an Hellmut Ritter. Berlin, 23.8.1920

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Du hast mir auf meinen Brief immer noch nicht geantwortet. Ich sehe aber aus dem Stempel der heute eingegangenen Korrekturen, daß Du daheim bist. Ich komme Dich besuchen, bin auch bereit nach Niederzwehren zu kommen, wenn es sich mit der Zeit ermöglichen läßt. Hauptsache aber ist, daß wir uns einige Stunden allein sprechen können. Ich komme Sonnabend 12.88 h in Cassel an und hoffe, daß Du mich am Bahnhof in Empfang nimmst. Ich komme den Tag über Bebra nach Gelnhausen und will mit dem gleichen Zug 24 Stunden später nach Berlin zurückfahren. Laß uns diese Zeit gut miteinander ausnutzen. Ich überlasse Dir vollkommen, wo wir die Zeit verbringen. Hältst Du Cassel für richtiger, so bestelle für uns beide Zimmer in einem Hotel und teile mir nach Frankfurt, Baseler Hof, die Adresse mit. Ich treffe Donnerstag früh in Frankfurt ein und bleibe dort bis Freitag gegen Abend. Es wäre mir jedenfalls lieb, dort eine Zeile der Bestätigung von Dir vorzufinden. Hast Du lieber Deine Ruhe, so fahre ich von Gelnhausen direkt nach Berlin. Mein Brief ging damals noch nach Hamburg. Hoffentlich ist er in Deine Hände gekommen.

Ich freue mich riesig, Dich wiederzusehen. (CHB)

 

288. C. H. B. an Hellmut Ritter. Berlin, 9.11.1920

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter,

Herzlichen Dank für Deinen Brief und Kartenbrief. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich mich über Deinen Brief gefreut habe. Glückauf! Was Deine Karte betrifft, so würde ich eine Übersetzung des Maverdi für einen glücklichen Gedanken halten. Die französische ist meines Wissens sehr gut. Ohne einen ausführlichen Kommentar hat das Ganze aber wohl wenig Zweck. Ob ich die Zeit dafür habe, eine wirklich gediegene Einleitung zu schreiben, weiß ich nicht. Locken würde es mich ungeheuer. Vielleicht könnte dieser Teil des Problems noch offen bleiben. Es wäre ja auch möglich, daß wir eine gemeinsame Einleitung schrieben. Ich bitte jedenfalls, mich noch nicht absolut festzulegen. Du müßtest ja wohl alle Parallelen und Quellen auch Deinerseits ins Auge fassen. Immerhin glaube ich, daß es eine Arbeit ist, die Dir liegen würde.

Besitzt Du eigentlich noch meinen Jhja, d.h. die unkommentierte Ausgabe? Ich bin von dem kleinen Schaeder darum gebeten worden und merkte erst, als ich schon zugesagt hatte, daß ich sie offenbar an jemand anderen verliehen hatte. Dieser Andere bist wohl Du? Wenn Du sie also nicht mehr unbedingt brauchst, wäre ich für Rücksendung dankbar.

Am Samstag ist endlich in der Kommission das Gesetz über die Altersgrenzen beschlossen worden. Danach werden mit Vollendung des 68. Lebensjahres alle Professoren emeritiert. Es ist kaum daran zu zweifeln, daß das Plenum in gleicher Weise beschließen wird, und dann bekommen wir eine ungeheure Verjüngung in Preußen, etwa 8-9% aller Ordinarien.26

Ich würde gern einmal wieder gemütlich mit Dir plaudern; aber ich habe im Augenblick zu viel zu tun. Nimm drum mit diesen wenigen Zeilen vorlieb. (CHB)

 

289. C. H. B. an Hellmut Ritter. Berlin, 15.11.1920

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Mir fällt nachträglich ein, daß mir irgend jemand anders erzählt hat, daß er eine Mawerdi-Übersetzung vorbereite. Ich weiß aber nicht mehr, wer es ist, am ehesten noch Rescher.; vielleicht weiß Babinger etwas davon. Die französische Übersetzung ist keine Hinderung, obwohl sie meines Erinnerns gut ist. Über Bauers Pläne weiß ich nichts. Du setzt Dich am besten mit ihm selbst in Verbindung. Mit der Redaktion der Revue du monde musulman würde ich unter keine Umständen in Verbindung treten. In dieser chauvinistischen Gesellschaft setzt Du Dich nur einer sehr unangenehmen Abweisung aus. (CHB)

 

290. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 19.11.1920

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Die Babingersche Habilitationsschrift hat sich für uns zu einer ziemlichen Crux ausgewachsen. Babinger besorgte Manuskript und Korrektur seiner Arbeit so flüchtig und inkonsequent und machte dauern so viele Nachträge und Zusätze, daß die Korrekturkosten die Kosten des Satzes bereits überschritten haben. Der Verleger weigert sich, das zu bezahlen und will den Autor belasten. Ich halte das für ganz richtig; denn sonst muß um Babingers Korrekturen willen wieder den Umfang des Bandes einschränken. So oft man Babinger zur Rede stellt, versteckt er sich hinter geheimnisvollen, unaussprechlichen Schwierigkeiten, wie auch diesmal, als ich ihm diese neue Eröffnung machte. Ich schicke Dir seine Karte zur Orientierung zu. Welche persönliche Affäre im Hintergrunde spukt, ahne ich nicht.

Für Deine übrigen Auskünfte besten Dank.- Gesundheitlich geht es mir leidlich, wenn auch die Amöben, wie eine neue Untersuchung ergab, wieder in alter Frische ihr Wesen treiben. Sie werden auch kaum mehr ganz zu vertreiben sein. Ich arbeite zurzeit fleißig an meinen Schattenspielen.

Mit besten Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

291. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 27.11.1920

(handschriftlich)

L(ieber) B(ecker),

ich sehe eben mit Schrecken, daß ich mit Babinger und Herzfeld im Islam schon auf 12 Bogen gekommen bin, und merke erst jetzt, wie nötig wir neue Geldmittel haben, wenn wir die Fahnen nicht ad infinitum liegen lassen wollen. Vielleicht sprichst Du mit Dr. Lüdtcke mal eingehender über die Frage.

An die Stiftung kann ich nicht schon wieder herantreten. Dein R(itter).

 

292. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 14.12.1920

(handschriftlich)

Lieber Becker,

beiliegende Karte schickte mir mein Vater mit der Bitte an Dich zu schreiben. Du siehst gewiß, was nötig ist. Zu Hause sieht’s wenig schön aus und mit graut ein wenig vor Weihnachten, das im Pfarrhaus ja unausstehlich ist.

Ich muß nächstens mal wieder nach Berlin kommen. Vielleicht setze ich mich Ostern (?) mal ein paar Wochen zu meinem Bruder in Pension, um mal Muki (?) kennen zu lernen.

Mir geht es wieder einigermaßen und ich sehe nicht mehr rechts und links vor Arbeit. Meine Schattenspiele kommen gut vorwärts. Zwischendurch schreibe ich eine Besprechung von Lasse(?)-Herzfelds Reise und gebe vielleicht die Besprechung schnell heraus. Gestern las ich Herzfelds neuestes Prachtwerk: Am Tor vor Wien (?). Alle Achtung, das in diesen Zeiten! Es ist erstaunlich, daß so etwas jetzt überhaupt feststellbar ist.

Mein Privatleben ist sehr eintönig und still. Alfred (?) und Liselotte tauchen (?) manchmal am (Gartentor) auf. Ich bin gespannt, was werden wird. Bald mehr!

In herzlicher Treue Dein H. Ritter.

 

293. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 15.12.1920

(Maschinenkopie))

Mein lieber Ritter.

Hab Dank für Deinen Brief. Ich habe sofort Weisung gegeben, daß die Angelegenheit Deines Vaters mir vorgetragen wird. Ich verstehe durchaus die fatale Situation, in der er sich befindet.

In Sachen Subvention des „Islam“ habe ich eine längere Unterredung mit Dr. Lüdtcke gehabt. Wir haben uns dahin geeinigt, daß es sich zunächst nicht empfiehlt um eine solche einzukommen. Mir scheint die Lage der Zeitschrift auch in finanzieller Hinsicht nicht allzu bedenklich zu sein. Auch über die Papierqualität habe ich lange mit ihm gesprochen. Ich fände es sehr erfreulich, wenn Du wieder einmal für längere Zeit hierher kämst. Meine Bibliothek stände Dir natürlich auch zur Verfügung, und es gibt allerlei nette und tüchtige Orientalisten hier. Meine Vorlesung über Kalifengeschichte macht mir viel Freude. Die Leute halten sich gut. Ich hielt neulich auch zwei Vorlesungen über „England im vorderen Orient“ in den Auslandsstudienkursen, die ebenfalls ein bis zum letzten Platz gefülltes Auditorium aufwiesen.

Kommst Du am 7. Januar mit nach Leipzig? Es wäre sehr erwünscht. Ich fahre mit den Berlinern am 6. abends hin, damit wir am 7. früh zur Stelle sind. Am 3. (Januar) ist hier in Berlin das Jubiläum des Vorderasiatischen (Museums), das in etwas größerem Stil gefeiert werden soll. Vielleicht könntest Du die Rückreise von Niederzwehren über Berlin antreten und dann noch den kleinen Abstecher nach Leipzig mitmachen.

Gestern hatten wir außerordentliche Generalversammlung der Gesellschaft für Islamkunde, die sich nun doch vorerst nicht auflöst und die Entwicklung abwartet.

Hast Du übrigens Blühers „Werke und Tage“ gelesen? Eine trotz aller Überheblichkeit recht interessante Selbstbiographie. Nicht ohne Interesse wird Dir auch Gundolfs „George“ sein.-

Ich habe im übrigen blödsinnig viel zu tun und sitze wieder einmal fast jeden Abend bis 12 Uhr hinter den Akten. Und dabei hat man diesmal zwischen Weihnachten und Neujahr nur 2 freie Tage. Ich kann jetzt das Dienstbotengefühl würdigen, das sich entrüstet, wenn einer der Feiertage auf einen Sonntag fällt und in diesem Jahr sogar auch noch der 1. Januar ein Sonntag ist. Der Staat braucht bei dem heutigen Apparat die Kräfte seiner Diener wirklich bis zum Äußersten auf.

Ich weiß nicht, ob ich noch dazu komme, Dir vor Weihnachten zu schreiben. Jedenfalls begleiten Dich meine innigsten Wünsche. (CHB)

 

294. Hellmut Ritter an C. H. B. Niederzwehren, 30.12.1920

(Postkarte, handschriftlich)

Lieber Becker,

Ich komme (arab.Wort) am 3. morgens nach Berlin, wohne bei Bruder Karl, und reise dann mit Euch nach L(eipzig?). Willst Du uns einen Abend opfern? Dann laß es bitte womöglich vor dem 6ten sein und gestatte mir einen jungen Maler namens Siegel, Konabiturient meines jüngsten Bruders, der sehr angenehm von den modernen Künstlern absticht, Dir sehr gefallen wird und im übrigen in Berlin schrecklich hungert, mitzubringen. Wir beide finden immer Gelegenheit, allein miteinander zu sprechen.

Gundolfs Georgebuch habe ich. Ein sehr richtiger Weg, den George einschlägt, die ganze Sache in eine höhere Sphäre zu rücken. Religionspolitisch(?) Schia, Ismaels Lehre der Ismaeliten, Babis etc. zu vergleichen. Die Unterschiede zwischen Schia und Sunna sind überhaupt viel religiös-grundsätzlicher als man darzustellen pflegt. Hic Buch – dort Gottmensch.

Tausend grüße Dein Ritter.

 

295. Preußische Landesversammlung Berlin SW, 24.1.1921

Ritter an Staatssekretär Becker, Berlin27

(Maschinenmanuskript)

Streng vertraulich (handschriftlich):

Dem Herrn Minister zu streng vertraulicher Kenntnis. URB 25/1/21

Sehr verehrter Herr Staatssekretär!

Darf ich Sie kurz auf die in der anliegenden Korrespondenz berührte Angelegenheit hinweisen mit der Bitte, doch noch einmal zu überdenken, ob nicht dem Wunsche des evangelischen Teiles der Bevölkerung in Köln entsprochen werden kann. Nach den Nachrichten, die ich aus dem Westen habe, insbesondere auch aus dem besetzten Gebiet meines Wahlkreises, ist die Politik, die das Zentrum dort macht betr. die höheren Schulen,- Ich erwähnte neulich im Hauptausschuß den Fall von der Übernahme des Gymnasiums in Montabaur, verschiedene andere ähnliche Bestrebungen sind mir inzwischen bekannt geworden – höchst bedenklich. National gesinnte Kreise, denen der konfessionelle Gegensatz ganz fern liegt28, haben die allerschwersten Bedenken, daß durch eine völlige Inanspruchnahme der höheren Erziehung durch ultramontane Strömung im Rheinland die nationale Erziehung aufs schwerste gefährdet ist. Sie wissen ja, wie wenig ich auf dem boden des Evangelischen Bundes stehe, wie sehr ich mich bemühe, z. B. mit Stegerwald in gutem Einvernehmen zu leben und ihm bei der Aufrichtung einer gemeinsamen christlichnationalen Front in der Arbeiterschaft diesseits des konfessionellen Haders zu helfen. Aber das hindert mich nicht, eine ganz unbedingte Gefahr in dem zu sehen, was sich dort im Westen anbahnt. Mit der Ernennung eines Katholiken zum Direktor des evangelischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums in Köln wird dieser ganzen Strömung weiterhin Vorschub geleistet. Die Erregung der nationalen evangelischen Kreise ist bedeutend und nicht zu unterschätzen. Es handelt sich um Menschen, die mitschwerer Sorge um die Erhaltung des deutschen Gedankens in der Westmark diesen Erscheinungen zuzusehen. Selbstverständlich bitte ich, diese meine Äußerungen streng vertraulich zur Kenntnis nehmen zu wollen.

Ihr stets ergebener und dankbarer (gez.) Ritter.

 

296. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 17.2.1921

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Nach einer Mitteilung der Druckerei zu schließen, mußt Du noch einige zum Imprimatur bei Dir liegende Bogen an den Verlag schicken. Bitte, sieh doch einmal nach, damit der Band herauskommen kann.

Eben schickt mir Heffenig seine Doktorarbeit. Sie ist sehr fleißig, aber begeistert mich nicht. Ich soll sie im „Islam“ abdrucken, habe jedoch keine rechte Lust dazu. Ich finde auch, wir dürfen nicht zuviel Doktorarbeiten und Habilitationsschriften hintereinander bringen.

Persönlich schreibe ich hoffentlich in den nächsten Tagen einmal.

Mit bestem Gruß Dein gez.) H. Ritter.

Anmerkung:

Geya hatte ich mit v. Berchem in (unleserlich) vorgeschlagen. Nachher gab’s aber bloß ein Extraordinariat und so kam ich um den Ruf. Schade!

 

297. C. H. B. an Hellmut Ritter (Berlin), 5.4.1921

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter.

Der Brief von Junker, den ich anbei zurücksende, hat mich sehr interessiert. Die Situation ist die, daß Junker als Erster und Einziger von der Fakultät als Nachfolger von Andreas vorgeschlagen ist; nur nebenbei wird noch Lommel genannt, über den es aber ausdrücklich heißt, daß die Fakultät ihn noch nicht auf die Liste setzen wolle. Ich hätte auch Junker schon längst berufen, wenn wir die Professur überhaupt wieder besetzen könnten. Sie ist nach dem Etat künftig fortfallend und nur für Andreas geschaffen. Der Finanzminister besteht jetzt auf diesem Schein, und es wird noch eines erheblichen Kampfes und wahrscheinlich eines Verzichtes auf andere Stellen bedürfen, um diese Professur ihrem Zwecke zu erhalten. Keinesfalls wird sie zu irgend einem anderen Zweck und ganz gewiß nicht für vergleichende Sprachwissenschaft verwendet.

Die Wiederbesetzung der Sachau’schen Stelle nach der Ablehnung Littmanns macht mir schwere Sorgen. Gegen Brockelmann spricht ja sehr viel, wenn ich auch zugeben muß, daß Du ihn ganz richtig charakterisierst. Littmann ist unbedingt für Mittwoch, Meißner mehr für Brockelmann. Ich habe jetzt den alten Nöldeke fragen lassen und einmal einen Ausländer, Rhodokanakis, um ein objektives Urteil zu bekommen; auch habe ich bei Bergsträßer angefragt, indem ich ihm offen sagte, daß ich ihn für Berlin noch nicht für geeignet hielte, obwohl er an dritter Stelle genannt ist.

Gestern war Siegel wieder einen Abend bei mir. In seinem Leben vollziehen sich große Änderungen. Da Du an dem Jungen Interesse nimmst, schicke ich Dir einen Durchschlag meines (Briefes) an seinen Vater, der Dir alles erklärt. Ich bitte um Rücksendung. Er wird also für 2, wenn nicht für 3 Jahre Buchbinderlehrling werden. (CHB)

 

298. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 20.4.1921

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Einige Berichte Snoucks hatten mich geneigt (?), die französischen Herrschaften einmal zu einer klaren Stellungnahme zu zwingen, bes(onders) Massignon, da Herausgeber der R(evue du) M(oyen) O(rient) (?). Ich schrieb ganz geschäftsmäßig und kurz anfragend. Voici la réponse. Der Gruß am Schluß wird Dich sehr rühren. (Bitte um Rücksendung).

Morgen fahre ich nach Hannover um mich zu verloben. Dann auf ein Paar Tage nach Zwehren, um mich in meinem neuen Zustande meinen Eltern vorzustellen.

Inzwischen wirst Du Minister geworden sein. Dazu wünsche ich Dir von Herzen das taufiq alláh, ohne das all unsere Mühe umsonst ist! Von Herzen Dein H. Ritter

 

299. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 8.9.1921

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter.

Morgen früh fahre ich zur Kieler Woche und bin dort bis Montag Abend Hotel Continental. Mein Plan ist, Montag Abend 9.32 h in Altona einzutreffen. Dort habe ich eine gute Stunde, eventuell 2 Stunden, Zeit bis zur Abfahrt des Schlafwagens. Ich wäre Dir dankbar, wenn Du mich dort träfest. Wir könnten dann die Angelegenheit, die du in Deinem Briefe berührst, noch einmal besprechen. Auch würde ich wegen Toilette und Unterkunft bei Deiner Hochzeit gern noch näheres hören. Asin Palacios muß ich unbedingt lesen. Könntest Du es mir vielleicht mit auf den Bahnhof bringen und für 14 Tage leihen? Ich möchte es gern vor meinem Leipziger Vortrag einsehen.

Der arme Siegel hat einen Stirnhöhlenkatarrh, der ihn leider recht mitnimmt. Hoffentlich ist es bis zu Deiner Hochzeit wieder hoch.

Ich bin sehr belastet und grüße Dich herzlich. (CHB)

 

300. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 16.1.1922

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Es sind einige Islamangelegenheiten, die dringend der Regelung bedürfen. Zunächst muß ich die Nachrufe haben, sowohl den auf Goldziher, als den Herzfeldschen auf van Berchem. Herzfeld schrieb mir kürzlich, daß er seinen Nachruf, so wie er ist, abgedruckt haben möchte; er braucht also nicht mehr liegen zu bleiben, bis Du Zeit findest , ihn zu lesen. Ich möchte gern mit den Nachrufen noch in das nächste Heft, das ziemlich fertig ist. Ich bitte Dich von ganzem Herzen, Dich dieser Sache anzunehmen. Die Holländer und Italiener haben längst über Goldziher und Seybold referiert, während wir noch nichts gebracht haben.

Zweitens finde ich meine Versuche, die Finanzlage der Zeitschrift durch die Bibliothek Warburg zu bessern, gescheitert. Es ist aber dringend wünschenswert, daß irgendwelche Geldquellen eröffnet werden. Kannst Du nicht in Deinem großen Bekanntenkreis einige Gönnerabonnements unterbringen oder uns sonst irgendwie Geld verschaffen oder mir Ratschläge geben, an wen ich mich wenden kann? Es geht nicht so weiter, es muß etwas geschehen.

Ferner hat mir Lüdtcke jetzt die Liste der Austausch- und Freiexemplare zugeschickt. Darauf fungiert u. a. Professor Hötzsch. Worauf gründet sich dessen Anspruch auf freie Zusendung? Wir müssen mit Freiexemplaren tunlichst sparen und dafür versuchen, möglichst viele zahlende Abonnenten zu gewinnen. Wenn es nicht unbedingt nötig ist, Hötzsch weiter zu bedenken, so möchte ich Dich bitten, entweder ihm anheimzustellen, doch durch Abonnement die Zeitschrift zu unterstützen, oder mir zu erlauben, ihn von der Liste abzusetzen.

Das Dringendste aber ist die Finanzlage29. Ich häufe hier Material auf Material und kann es nicht drucken. Bitte, sei so freundlich und widme der Sache einmal Dein Interesse, damit wir aus dem Elend herauskommen. Ich bin so ungeschickt, solche Dinge vernünftig anzufassen. Die Zeitschrift würde ihrem Begründer außerordentlich dankbar sein. (Randbemerkung Ritters: Ist Lüdtcke nicht überängstlich?)

Persönliche Nachrichten über mich wird Dir Siegel überbracht haben, so daß ich mich auf das rein Geschäftliche beschränken kann.

Mit vielen Grüßen Dein alter (gez.) H.Ritter.

 

301. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 11.5.1922

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Heute nur zwei Worte. Ich fahre morgen auf 14 Tage nach Padua und Venedig, zum Teil in amtlichem Auftrage, zum Teil zur Erholung, und bin erst Ende des Monats zurück. Ich teile das Dir nur mit, damit Du während dieser Zeit nicht an mich schreibst. Im Juni wirst Du dann wieder von mir hören.

Harro Siegel wird leider am 1. Juni nach Cassel übersiedeln. Ich brauche Dir nicht zu sagen, wie dankbar ich Dir bin, daß Du mir diesen Menschen zugeführt hast.

In Eile, wie stets Dein getreuer (CHB)

 

302. C. H. B. an Hellmut Ritter (Berlin), 16.9.1922

(Maschinenkopie)

Regierungsrat X. i.A.

Sehr geehrter Herr Professor!

Herr Staatssekretär Professor Dr. Becker, der zurzeit verreist ist, hat mich beauftragt, Ihnen mitzuteilen, daß die ihm am 6. September übersandten Korrekturbogen von ihm jetzt unter Briefschaften gefunden worden sind, die für ihn während seiner Anwesenheit in Gelnhausen hier zurückgelegt worden waren. Sie sind nunmehr heute mit Eilbrief an Herrn Dr. Schaeder, Breslau, mit der dringenden Bitte um sofortige Erledigung weitergegeben worden. An der Verzögerung, die Herr Staatssekretär Dr. Becker sehr bedauert, ist Herr Dr. Schaeder also völlig unschuldig.

Mit vorzüglicher Hochachtung

X, Regierungsrat (Duwe?)

 

303. Leo Frobenius an C. H. B. München, 12.9.1922

Forschungsinstitut für Kulturmorphologie, München, Schloß Nymphenburg

Per Einschreiben

Mein lieber Herr Staatssekretär!

Daß Sie viel zu tun haben, glaube ich. Dies passiert aber auch anderen Sterblichen. Ich kann es daher keinesfalls entschuldigen, wenn Sie weder meine Briefe noch meine Sendungen beantworten. In einer sehr geschmacklosen Weise erhielt ich ein Manuskript, das ich Ihnen seinerzeit zu Publikationszwecken lieh und das Sie im Januar 1914 selbst bearbeiten wollten, zurückgeschickt. Ich erwarte nunmehr die Zusendung der übrigen Ihnen geliehenen Manuskripte innerhalb der nächsten 8 Tage.

Da ich alle Unklarheiten vermieden sehen möchte, teile ich Ihnen mit, daß ich nach Verlauf dieser 8 Tage die Angelegenheit in die Hand des Syndikus meines Instituts legen werde. Ich bin erstaunt, daß ein preußischer Beamter in Ihrer Stellung es dahin kommen läßt, einen Kollegen zu zwingen, derartige Mitteilungen zu machen.

Ich bin der Ihre (gez.) L. Frobenius.

 

304. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 18.9.1922

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Besten Dank für die Einsicht in den reizenden Brief von Frobenius. Die Geschmacklosigkeit bestand darin, daß Fräulein Hass ihm die Handschrift zurücksandte mit der geschäftsmäßigen Bemerkung „im Auftrage von Herrn Staatssekretär Becker ergebenst übersandt…“

Babinger hat neuerdings abgeblasen, wie es scheint, auf eine Einwirkung von Dir hin.

Inzwischen erhielt ich einen von Duwe unterzeichneten Brief, der mir die Verzögerung der Korrekturbogen meldete. Es schadet nichts und hält auch den Druck nicht sehr auf.

Heute morgen ist Reichmuth abgefahren. Wir haben ganz hübsche Tage hier verlebt, vor allen Dingen musikalische, da das Wetter ja unseren Ausflugsunternehmungen nicht sehr günstig war.

Ich fahre morgen nach Hause, dann nach Pforta, dann nach Breslau.

Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

305. C.H. B. an Leo Frobenius, München, Schloß Nymphenburg. Berlin, 15.9.1922,

an Hellmut Ritter zur Information

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr!

Ihren letzten Brief ließ ich unbeantwortet, da ich in dem Glauben lebte, das mir von Ihnen seinerzeit zu Publikationszwecken zur Verfügung gestellte zentralafrikanische Manuskript, das nachher auszugsweise von Dr. Bress veröffentlicht wurde, sei längst an Sie zurückgegangen. Sicherheitshalber habe ich aber doch noch einmal in Hamburg nachgefragt, und als ich erfuhr, daß es sich dort noch befände, habe ich Herrn Professor Ritter veranlaßt, Ihnen das Manuskript in meinem Auftrage zurückgehen zu lassen. Ich kann mir kaum vorstellen, daß das in geschmackloser Weise geschehen sein sollte. Andere Manuskripte habe ich von Ihnen nicht erhalten. Sollten Sie etwa solche an das Hamburgische Seminar gesandt haben, so bitte ich Sie, sich mit dem Direktor desselben in Verbindung zu setzen. Sie haben mir wohl andere Manuskripte in Aussicht gestellt, aber ich kann mich nicht darauf besinnen, je welche erhalten zu haben. Sollte ich mich darin irren, so wäre ich dankbar, wenn Sie mir eine Abschrift meiner Empfangsbestätigung zugehen lassen wollten.

Hochachtungsvoll ergebenst (CHB)

 

306. Hellmut Ritter an C. H. B. (Hamburg?), 24.11.1922

(handschriftlich)

Lieber Becker,

Aus der wortlosen Zurücksendung der Unb(ekannten?) entnehme ich, daß der Arme rasend zu tun hat. Du mußt gewiß Kabinett wache(?) halten! Nun, es werden ja auch mal ruhigere Zeiten kommen. Einstweilen nehme ich an, daß Du immerhin ganz gerne Brief kriegst, wenn Du sie auch nicht beantworten kannst. Ich schicke Dir einen Brief von Harro mit nachdem die akute Sache sich etwas gelegt hat. Es ist aber auch sehr kummervoll mit ihm! Aber man kann es ja so noch eine Weile mit ansehen. Wenn etwas geschehen muß, können wir es ja immer noch tun.

Beiliegend zwei Gedichte von Djeláleddin Rúmi. Die Übersetzung wurde von Schnever und Hass (..) gefunden. Vielleicht machen sie Dir in einigen stillen Stunden Freude.

In herzlichem Gedenken Dein H. Ritter.

Anlage 1

Aus dem Diwân i Schems i Tebrîs des Dschelaleddin Rûmi

Ich Bildner, der so manche Form gegossen:
Vor dir sind alle Formen mit zerflossen,

Konnt hundert Bilder wohl zum Leben zwingen:
Seh ich dein Bild, muß Feuer sie verschlingen.

Dein Trank, du Schenke, will den Sinn betören;
Bau ich ein Haus: Du wirst es rasch zerstören.

Mein Seele ist in dir, in dir vergangen,
Ob deines Dufts soll Pflege sie empfangen.
Zu deinem Staube spricht mein rinnend Blut:
„Mit dir vereint mich gleicher Liebe Glut“.

Soll ohne dich dies öde Haus mich fassen?
Komm! Oder laß die Hütte mich verlassen.

Anlage 2

Aus dem Diwân i Schems i Tebrîs

„Wer da in dieser Seele Haus?“ schrie ich zur Nacht.
„Ich bins, des Wange Sonn und Mond erblassen macht.“

„Was seh ich hier im Haus für fremder Bilder Spur?“
„Ach Schatten sind sie deiner hehren Schönheit nur.“

„Doch was ist dieses Bild von Blut so überflossen?“
„Ich selbst, das Herze krank, den Fuß vom Schlamm umschlossen.“

Zum Zeichen stellt die Seele gefesselt ihm ich dar:
„Verschone die geweiht in deiner Liebe war.“

Da gab er eines Seiles Ende mir voll Tücke:
„Zieh du, dann ziehe ich, doch reiß es nicht in Stücke!“

Drauf leuchtete sein Bild noch schöner als zuvor,
Die Arme streckt ich aus, er schlug mich: „Laß du Tor!“

Ich sprach: „Was bist du nun so barsch und rauh mit mir?“
„Zum Guten, nicht aus Haß und falschem Sinn zu dir.“

„Wer immer spricht: „Ich selbst“, dem muß so weh ich tun,
Der Liebe Tempel ist kein Ort dein Tier zu ruhn.“

Das „Heil der Seele30 scheint in diesem Bild verhüllt:
Reib hell die Augen, schau, schau an der Seele Bild!“

 

307. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 13.10.1922

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Ich habe heute die 50 000 Mark für Schaeder bei der Notgemeinschaft erwirkt. Sie werden sofort an Lüdtke gezahlt. Mit Lüdtcke ist alles besprochen. Schaeder habe ich benachrichtigt und ihn aufgefordert, das Manuskript, wie er es mit Dir verabredet, an Dich oder an Lüdtcke zu schicken.

In der Angelegenheit Frobenius kann ich Dir nur sagen, daß auch ich ein Verzeichnis von Handschriften nicht besitze. Meines Erachtens waren es höchstens 3-6 Stück, darunter mehrere dalail al ‚chairat. Die Empfangsquittung muß bei den dortigen alten Briefen sein. Ich wäre sehr dankbar, wenn Du auch mir einen Durchschlag davon schicken könntest. Sollte die in dem Brief erwähnte Empfangsbestätigung von mir nicht bei den dortigen Akten sein, so bitte ich mir sofort den Frobenius’schen Brief zurückzuschicken, damit ich an der Hand des dort angegebenen Datums unter meiner alten Korrespondenz nachsehe.

Ich will das Buch der Kommerzbibliothek mit auf meine Reise nehmen, die ich morgen nach Wiesbaden antrete, wo ich am Montag über „Antike und Islam“ sprechen will. Nach der Rückkehr sende ich sie gelesen oder ungelesen oder unbesprochen – jedenfalls aber zurück.

Von dem Mez’schen Buch weiß ich seit Jahren. Ich habe selbst noch mit dem lebenden Mez darüber gesprochen. Ich wäre Dir für Übersendung dankbar; ich will es gern anzeigen, da ich es doch lesen muß. Besonders dankbar wäre ich, wenn Du es mir dann auch umgehend schicken wolltest.

Den Picatrix dankend erhalten.

Mit herzlichen Grüßen Dein getreuer (CHB)

 

308. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 23.10.1922

Hamburgische Universität. Seminar für Geschichte und Kultur des Orients

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Aus den hiesigen Akten geht über die Angelegenheit Frobenius Folgendes hervor:

1910 hat Frobenius dem Museum für Völkerkunde eine Reihe von Handschriften übersandt, von denen eine Anzahl von Dir als wertvoll bezeichnet wurde, und die daraufhin dem Museum von Frobenius geschenkt worden ist. Die anderen sind ihm zurückgesandt worden. Unter diesen Handschriften befinden sich die dalá ‚il el-chairát, von denen Du mir schreibst. Eine Liste über diese Handschriften ist in unserem Besitz. Die erste Handschriftenaktion ist also erledigt.

Im Jahre 1912 hat Frobenius, wie aus der Abschrift beiliegenden Briefes hervorgeht, aufs neue Handschriften an das Seminar gesandt. Außer diesem Brief von Frobenius finden sich hier keine Aktenstücke, aus denen hervorgehen könnte, was weiter geschehen ist. Wir haben hier noch eine ganze Reihe von Handschriften liegen, durchweg ganz wertloses Zeug, bei denen aber jeder Vermerk, daß sie Frobenius gehören könnten, fehlt. Die einzig wertvolle Handschrift, die Brass bearbeitet hat, ist, wie Du weißt, an Frobenius zurückgegangen. Soll ich Weiteres in der Angelegenheit veranlassen, so müßte ich eine Abschrift der Quittung haben, die Frobenius über diese zweite Handschriftensendung im Jahre 1912 erhalten hat. Hier ist kein Duplikat einer solchen Quittung zu finden. Ohne nähere Spezifizierung, um was es sich handelt, kann ich nichts tun, zumal durch den doppelten Amtswechsel seit Deinem Weggang von Hamburg, der doch mancherlei Umräumungen im Seminar zur Folge gehabt hat, es jetzt überhaupt schwierig ist,, sich durch das von meinen Vorgängern aufgehäufte Material hindurchzufinden.

Mit vielen Grüßen bin ich Dein getreuer (gez.) H. Ritter

Handschriftliche Anmerkung:

Anbei eine Korrespondenz. Ich bitte Dich nunmehr einzugreifen. Die Honorare vom Islam sind von mir und Lüdtcke festgesetzt. 400 M(ark) pro Bogen. Auszahlung erst, wenn Betrag von 50 Mark erreicht! Die Korrespondenz dann bitte zurück. Ich schreibe Lüdtcke vorläufig nicht, schreibe auch B(abinger?) nicht.

 

309. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin?), 26.10.1922

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Besten Dank für Deine Mitteilung vom 23. Oktober. Der beigefügten Babinger-Korres-pondenz war ein Schreiben von F.F. Schmidt-Dumont beigefügt, das offenbar verwechselt ist mit dem Original des Schreibens von Frobenius, um dessen Rücksendung ich gebeten hatte. Bitte, schicke es mir umgehend, aber behalte zu den dortigen Akten Abschrift.

Nervöse Menschen sind in unserer Zeit übel dran. Der arme Babinger ist einfach krank, und man muß ihn dementsprechend behandeln. Leider habe ich mit Dutzenden solcher Typen zu tun, doch ist Babinger der Einzige, der mir menschlich nahe steht, weswegen ich ihm gegenüber naturgemäß mehr Nachsicht übe als bei anderen. Ich habe jetzt auch durch eine Aussprache mit Kahle festgestellt, daß Babinger keinesfalls nach Gießen berufen worden wäre. Er wäre wohl auf die Liste gekommen; das ist alles, was Kahle in Aussicht gestellt hatte. Er übertreibt leider immer gleich ins Groteske. Hältst Du es wirklich für richtig, daß ich eingreife? Dann will ich an ihn schreiben; aber, bitte, überlege es Dir noch einmal. Jedenfalls finde ich es unmöglich, aus einem privaten Streit zwischen Lüdtcke und Babinger Konsequenzen für die Aufnahme von Artikeln von Babinger in den Islam zu ziehen. Sag mir noch Deine Meinung, wenn Du mir die zurückgebliebene Anlage nachschickst, die ich im übrigen unbedingt wegen der nur dort gegebenen Daten brauche.

Ferner schicke ich Dir Durchschlag eines Briefes an Eduard Meyer in der Angelegenheit Le Coq nebst der Veranlassung. Porto und Papier sind jetzt wirklich zu teuer, um sie an solche Sachen zu verschwenden. Le Coq gehört übrigens auch zu dem oben charakterisierten Typ der nervösen Menschen.

Ich war gestern mit Ministerialrat Richter, Lüders und Kahle in Halle und Leipzig zur Lokalbesichtigung in Sachen der Frage der Bibliothek der D(eutschen) M(orgenländischen) G(esellschaft). Das Resultat ist für mich persönlich, daß der Lüdtcke’sche Plan der Verlegung tot ist. Amtlich wird die Sache natürlich noch weiter behandelt, und ich bin ganz froh, gedrängt zu werden, erhebliche Mittel für Halle aufzuwenden; aber von der Verlegung kann unter ernsten Menschen wirklich nicht mehr die Rede sein. Ich bitte, das aber einstweilen für Dich zu behalten.

Mit herzlichen Grüßen Dein getreuer (CHB)

 

310. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 30.10.1922

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Anbei schicke ich Dir den versehentlich hiergebliebenen Durchschlag von Frobenius’ Brief und den Brief des Forschungsinstituts, ferner einen Durchschlag des Briefes, den ich Babinger geschrieben habe, nachdem Du die Angelegenheit als zu jenen minima gehörig betrachtest, um die sich der Praetor nicht kümmert.31 An Lüdtcke werde ich noch schreiben.

Gleichzeitig sende ich das Flötenlied, das Dir vielleicht Spaß machen wird.

Ernst Albers-Schönberg, der Sohn meiner Hauswirtin, ist jetzt studienhalber in Charlottenburg und wird eines Tages einmal seine Visitenkarte zu Dir in Ministerium hineinschicken. Wenn Du Lust hast, kannst Du Dir ihn ja einmal betrachten.

Dieser Tage war Kahle bei mir und erzählte mir von den Verhandlungen mit der DMG. Mir scheint die bevorstehende Regelung auch die einzig vernünftige zu sein; man zieht doch nicht umsonst um. Kahle ist überhaupt der Organisator, dessen Begabung man weitgehend ausnützen muß.

Sehr froh bin ich auch, nicht den Aufruf unterschrieben zu haben; es war mir gleich nicht ganz wohl dabei.

Mit vielen Grüßen Dein (gez.) H. Ritter.

Anlage

Das Flötenlied der Mevleviderwische

Aus dem Mesnevi des Dschelaleddin Rumi, gest. 1275 in Konia

Hör auf der Flöte Rohr, was es erzählt,
Hör, wie es klagt, von Abschiedsschmerz gequält:

Seit man mich aus der Heimat Röhricht schnitt,
Weint Mann und Weib bei meinen Tönen mit.

Ich such ein Herz, von Trennungsleid zerschlagen,
Von meiner Sehnsucht Schmerzen ihm zu sagen.

Dem Urgund fern, strebt jeder immerdar
Zurück der Zeit, da er vereint ihm war.

An jedes Ohr schlug meines Tones Welle,
Ward Frohen bald, Betrübten bald Geselle,

Ein jeder dünkte sich mein Freund zu sein,
Doch keiner drang in mein Geheimnis ein.

Und doch, so fern ists meiner Klage nicht,
Dem Aug und Ohre fehlet nur das Licht.,

Es ist der Leib dem Geist, der Geist dem Leibe klar,
Doch keinem Auge stellt der Geist sich dar.“

Kein Hauch, nein Feuer sich dem Rohr entwindet.
Verderben dem, den diese Glut nicht zündet.

Der Liebe Glut ists, die im Rohre saust,
Der Liebe Gären, das im Weine braust.

Dem Liebeskranken steht die Flöte bei,
Ihr Tönen riß die Schleier uns entzwei.

Was ist als Gift, als Gegengift ihr gleich?
An Sehnsucht und an Mitgefühl so reich?

Vom Pfad im Blute will das Rohr berichten,
Von Medschnuns Liebe erzählet es Geschichten.

Unsinnigen nur ist dieser Sinn vertraut,
Das Ohr allein begreift der Zunge Laut.

Im Kummer sind die Tage uns verflogen,
Mit Feuerbränden sind sie hingezogen.

Was liegt daran? Fahrt hin! ruft ihnen zu,
Wenn du nur bleibt, der Reinen Reinster du!

Der Fisch allein wird nie des Wassers satt,
Lang wird der Tag dem, der kein Tagbrot hat.

Der Rohe kann den Reifen nicht verstehn,
Kurz soll die Rede drum zu Ende gehen.

_____

Zerbrich die Fessel, mach dich frei, mein Sohn,
Zu lange dienst du Gold und Silber schon.

Wenn du das Meer in einen Krug willst gießen,
Nur eines Tags Bedarf kann er umschließen.

Nie wird das Auge satt, wo Gier sich regt,
Die Muschel, sich begnügend, Perlen trägt.

Wem immer Liebe riß das Kleid entzwei,
Der ward von Gier und jedem Fehle frei.

Heil Liebe dir, du Born der Fröhlichkeit,
Arzt, der von aller Schwäche uns befreit.

Du Arzenei für Stolz und Ruhmesgier,
Ein Plato und Galenus wardst du mir.

Der Erdenleib schwingt sich zum Sphärenkranze,
der Berg zerstiebt, den Liebe riß zum Tanze,

Es bebt der Gottesberg, von Liebe trunken,
Und Mose ist ohnmächtig hingesunken.

Wär nur vereint ich des Gefährten Munde,
Der Flöte gleich von manchem gäb ich Kunde.

Von dem, der seine Sprache spricht, getrennt,
Bleibt stumm der Mund, der hundert Weisen kennt.

Die Rose ging, der Garten stehet leer,
Nun singt der Sprosser keine Lieder mehr.

Du selbst verhüllst ihn, der in allem webt,
Tot ist, wer liebt, nur der Geliebte lebt.

Von wem die Liebe Pflege nicht empfinge,
Der bliebe, ach, ein Vogel ohne Schwinge.

Wie wüßt ich vor- und rückwärts meinem Steige,
So nicht sein Licht den rechten Weg mir zeige?

Die Liebe will, daß dies Geheimnis kläre,
Kein Spiegel wärs, der nicht Verräter wäre.

Dein Spiegel zeigt dir keinen Widerschein?
Er muß vom Roste erst gereinigt sein.

Übertragen von H. Ritter (Hamburg 1922?)

***

311. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 6.12.1922

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Ich habe nun also die Frobenius-Handschriften gefunden und dem Kulturmorphologischen Institut zurückgesandt. Beiliegend erhältst Du die Abschrift des Briefes an dieses Institut und einen Katalog32 der Handschriften. Hoffentlich ist nun die Angelegenheit für immer erledigt.

Ich habe dieser Tage meinen Picatrix-Vortrag Dir zugesandt und habe Cassirer gebeten, Dir einen Separatabdruck seines Vortrages zu schicken. Übrigens kommt die ganze Vortragsreihe in Kürze heraus.

In Aachen habe ich einen Vortrag über den Einfluß des Islam auf die Lebensauffassung der orientalischen Völker gehalten. Das Publikum war sehr dankbar und erbaut. In die Debatte griffen etliche Türken ein, die dort studierten und das Schlimmste befürchtet hatten. Sie hatten Koran, um mich mit dem Buche Gottes zu schlagen. Ich habe sie aber so honigsüß behandelt, daß sie hinterher sehr vergnügt waren und mir offiziell danken ließen.

Ich bin sehr froh, jetzt wieder in Ruhe an meine Magie gehen zu können.- Der Muhammed-Aufsatz bedeutete für mich eine ziemliche Hetzerei.

Als alter Seminardirektor wird Dich interessieren, daß nunmehr Fräulein Hass sich in eine Frau Winterstein verwandelt hat, und daß dieser Brief der erste ist, der von ihrer Nachfolgerin Fräulein Bartels geschrieben wird.33 Ich bin gespannt, wie ich mich mit ihr vertragen werde.

Hast Du Neueres von Harro gehört? Geschieht etwas mit ihm? Ich habe sehr schlechte Nachricht von meinem ältesten Bruder. Er liegt sehr ernst danieder, und es ist Grund zu schwerer Besorgnis vorhanden. Der Arme hat sich im Eifer für seine Volkshochschule scheinbar wahnsinnig überanstrengt.

Mit vielen herzlichen Grüßen Dein (gez.) H. Ritter

 

312. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 16.1.1923

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter.

Zunächst nimm herzlichen Dank für Dein schönes Buch, das ich mit Genuß gelesen habe. Man hat nirgends den Eindruck einer Übersetzung; es ist vollkommenes Deutsch, und trotzdem bewahrt es die volle Originalität des orientalischen Originals. Die Einleitung ist vortrefflich. Es wird natürlich philologische Nörgler geben, die Dein Auswahlprinzipkritisieren. Ich halte das für ganz ungerechtfertigt. Es kommt doch darauf an, die Seele des Orients wirklich verständlich zu machen, und dafür hast Du mehr geleistet als alle die, welche sich in sklavischer Abhängigkeit von einer zufälligen Form des Urtextes halten. Den schönen Spruch über Vater und Sohn, nach dem der Sohn mit der Mündigkeit entweder zum Feind oder zum Freund des Vaters wird, habe ich meiner gestrigen Tischrede zum Geburtstage Walters zugrunde gelegt. Er wurde 17. Also herzlichen Dank! Ich wäre Dir übrigens dankbar, wenn Du mir zwei gebundene Exemplare Deines Buches zum Buchhändler-Nettopreis, zu dem Du es ja beziehen kannst, verschaffen würdest. Ich würde es gern zweimal verschenken und sehe nicht ein, warum ich dem Sortiment die hohen Aufschläge in den Rachen werfen soll. Vielleicht läßt Du die zwei Exemplare direkt an mich schicken und die Rechnung an Dich. Ich überweise Dir dann das Geld. Auch daran magst Du ersehen, wie sehr mir Dein Buch gefallen hat.

Nun zu Deiner Berufung. Auf Deinen finanziellen Brief hin hielt ich es für richtig, nunmehr den Referenten zu Wort kommen zu lassen. Geheimrat Richter hat Dir dann auch sofort geschrieben, Du mögest Deine Bezüge mitteilen, damit er Dir eine Offerte machen könne. Dieser Brief ist, wie ich höre, obwohl er an den Universitätsprofessor Ritter gerichtet war, als unbestellbar zurückgekommen. Er ist nunmehr unter neuer Adresse abermals abgegangen und inzwischen hoffentlich in Deinen Händen. Ich wollte nur bei unseren nahen menschlichen Beziehungen die finanzielle Seite durch einen Fernerstehenden besorgen lassen. Du kannst Dich beruhigen, Du wirst schon anständig behandelt werden, denn Richter möchte Dich gern haben, da es Kahle etwas mit ihm verdorben hat. Ich habe auch angeregt, daß er Dich einmal herbestellen soll; das wird aber erst Anfang Februar möglich sein, da Ende des Monats die Hochschulkonferenz in Cassel ist und wir durch Landtag, Staatsrat, Reichsrat und sonstige Sitzungen momentan geradezu maßlos überlastet sind.

Über Mez werde ich ziemlich ausführlich schreiben. Ich hielt neulich einen neuen Vortrag über Antike und Islam, der sich im wesentlichen mit Mez auseinandersetzte. Ich habe das Buch dafür genau gelesen und möchte meine Kritik in die Form kleiden, daß ich eine Art Vor- oder Nachwort zu dem Buche schreibe, das ihm unbedingt fehlt, und das gleichzeitig auch eine Würdigung von Mez darstellen kann. Hätte ich das Werk herausgegeben, so wäre ich anders vorgegangen als Reckendorf.

Von Harro verhältnismäßig gute Nachrichten. Er hat eine schwere Aussprache mit dem Vater gehabt, wobei endlich einmal die Masken fielen. Ich war mir neulich mit Lohe darüber einig, daß der Vaterhaß plötzlich in eine leidenschaftliche Liebe umschlagen könnte. Noch ist es nicht so weit, aber der Weg dazu ist frei.

Verzeihe diesen Brief mit der Maschine. Er spricht nicht gegen die Gesinnung, zeugt aber für meine Belastung. (CHB)

 

313. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 24.2.1923

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Schaeder hat mich vom 3. bis 10. März nach Breslau eingeladen, und ich habe eigentlich die Absicht, der Einladung Folge zu leisten.

Am liebsten würde ich spätestens bei meiner Rückkehr etwas ausführlicher mit Dir konferieren.

Die bewußte Berufungsangelegenheit scheint sich neuerdings sehr zu komplizieren; ich werde bei meiner Entscheidung stark Deines Rates bedürfen. Paßt Dir Sonnabend der 10. März?

Mit vielen Grüßen Dein (gez.) Ritter

 

314. C. H. B. an Hellmut Ritter, bei Schaede in Breslau. (Berlin), 5.3.1923

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Daß Du Sonntag, den 11. März, nicht hier bleiben kannst, tut mir leid. Natürlich stehe ich Dir nachmittags und abends zur Verfügung. Ich will sehen, daß ich mich nachmittags frühzeitig ausnahmsweise frei mache. Wenn Du Sonntag früh nach Hamburg fahren willst, würde ich Dir raten, in der Stadt und nicht bei uns zu wohnen, denn der Sonntag vormittag ist der einzige Tag, an dem sich bei uns das ganze Haus ausschläft und da ist Deine frühe Abreise außerordentlich störend, zumal Du mindestens eine Stunde vor Abgang des Zuges aus dem Haus mußt. Schreibe mir bitte möglichst frühzeitig wie Deine genauen Pläne sind. Was Heidelberg betrifft, so habe ich schon etwas vorgearbeitet, als ich neulich in Heidelberg mit Boll sprach. Ich weiß, daß Fakultät und Regierung zunächst Bergsträßer berufen werden. Nun werden wir Bergsträßer mit allen Kräften zu halten versuchen. Ich schreibe nochmals an Boll, dem ich neulich soviel von Dir vorgeredet habe, daß er ziemlich entschlossen war, warm für Dich einzutreten. Ich halte es also für durchaus möglich, daß Du nach Bergsträßer auf die Liste kommst. Alle Nähere mündlich.

Herzliche Grüße an Schaeder, dem ich nächstens einmal schreibe. Ich hätte ihn so sehr gern in den Osterferien hier gehabt, doch paßt das wieder mal bei mir zu Hause nicht, da meine Frau meine Tochter Herta nach Salem bringt, und wieder gleich die Schule beginnt, während ich doch eigentlich Walter Schaeder beim Ordnen meiner Bibliothek zur Verfügung stehen wollte. Sage ihm bitte, daß ich jedenfalls zum Orientalistenkongreß, 9.-11. April, auf sein Hiersein rechne. Du wirst doch dann wohl auch kommen, und zwar kannst Du dann bei uns wohnen. Schaeder kann natürlich mit einer Reiseunterstützung rechnen.

Mit herzlichen Grüßen getreulichst Dein (CHB)

 

315. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 3.4.1923

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter.

Teile mir doch bitte umgehend mit, wann Du kommst. Wie verabredet, wirst Du während der Kongreßtage bei mir wohnen. Am Sonntag ist offiziell noch nichts los. Ich nehme aber an, daß Du doch im Laufe des Sonntags ankommst; eventuell könnte ich Dir ein Billet für den Tristan mit Kirchhoff verschaffen. Nimm in Dein Programm auf, daß am Mittwoch Nachmittag ein Tee der Arabisten bei mir sein wird. Leider habe ich gleichzeitig Hauptausschuß des Kultusetats, sodaß ich mich nur sehr sporadisch an der Tagung werde beteiligen können.

Harro Siegel ist hier, und es geht ihm eigentlich ganz ordentlich. Deinen Brief habe ich ihm übergeben.

Herzliche Grüße Dein getreuer (CHB)

 

316. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 10.6.1923

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

schönen Dank für die prompte Erledigung des Mez. Ich habe schon Anweisung gegeben zum Umbruch für die ganzen Kleinen Mitteilungen, mit Deinem Mez an der Spitze. Der Band wird diesmal dicker als die bisherigen. Es sind wieder viele Kleine Mitteilungen, erfahrungsgemäß das Einzige, was die Leute lesen, und eine sehr dicke Bibliographie.

Der Plan mit Deinen kleinen Schriften gefällt mir sehr, und ich freue mich sehr darauf.- Grüße Schaeder, wenn Du ihn siehst.

Hocherfreut bin ich, daß es Harro gut geht; das Faltboot hat, wie es scheint, gut gewirkt. Ich wünschte, ich hätte noch ein zweites, um derartige Unternehmungen öfter zu machen. Meine Faltbooterei scheint auch gar in Pforta gezündet zu haben, wie aus einem Artikel der Vossischen Zeitung hervorgeht, der den amtlichen Bericht über die Jahresfeier in rosigsten Farben gibt. Es wird darin dargetan, daß eben alles einfach vorbildlich und musterhaft dort ist. Ich empfehle Dir diesen Artikel (Donnerstag 7. Juni, 1. Beilage der Vossischen Zeitung) als Korreferat zu den Briefen Rodigs zu benutzen, welche letzteren ich gelegentlich zurück erbitte.

Ich würde Dich gern einmal wieder sehen, um etwas mit Dir zu plaudern, aber wann? Einstweilen keine Aussicht, daß ich nach Berlin komme.

Mit vielen Grüßen Dein (gez.) H. Ritter.

 

317. C. H. B. an Hellmut Ritter (Berlin), 16.6.1923

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter.

Wie ich höre, kommt Schriecke aus Niederländisch-Indien nach Hamburg und hält dort zwei Vorträge. Bitte teile mir doch sofort mit, wann das sein wird.. Wie ich heute von Babinger höre, ist hier nämlich das Mißgeschick passiert, daß ausgesucht Kampffmeyer die Berliner Repräsentanz übernommen und Schriecke nach der Deutschen Gesellschaft für Islamkunde eingeladen hat, da die Ordinarien unseres Faches sich um diese gesellschaftlichen Angelegenheiten überhaupt nicht kümmern. Ich will versuchen, was sich noch einrenken läßt, gehe aber selbst am 5. Juli in Urlaub. Bitte, teile mir doch deshalb sofort mit, wann Schriecke kommt, und wann er ungefähr in Berlin sein wird.

Bergsträßer ist nach Heidelberg berufen, obwohl Rhodokanakis an erster Stelle stand. An dritter Stelle steht Hartmann. Ich weiß nicht, welche Einflüsse mitgewirkt haben, daß Du nicht auf die Liste kamst. Wir werden versuchen, Bergsträßer zu halten. Brockelmann strebt von hier fort, da er mit dem Leben und der Wohnung nicht zurechtkommen kann. Er ginge gern nach Breslau. Wir haben schon bei Bergsträßer sondiert, ob er zu einem Tausch bereit sei. Doch bleibt er lieber in Breslau. Er wird ja wohl der Versuchung Heidelbergs widerstehen. Brockelmann paßte am besten nach Gießen. Wir müssen hier jemanden haben, der auch repräsentative Fähigkeiten hat. Es ist ein wirkliches Elend.

Es wird Dich übrigens interessieren, daß die Mehrzahl der Lehrer des orientalischen Seminars sich von Kampffmeyer und Palme losgelöst haben und die Politik des Ministeriums stützen; da scheint Babinger etwas Nützliches geschaffen zu haben.

Heute Abend kommt Schaeder und wohnt bei mir. Wir wollen über Sonntag die Drucklegung meiner kleinen Schriften vorbereiten.

Harro geht es vortrefflich. Er ist zurzeit im Schülererholungsheim Wandlitzsee mit meinem Freunde Götsch zusammen, von dem Du wohl schon Einiges weißt, und hütet 25 kleine Mädchen. Ich fuhr Donnerstag mit ihm hin, blieb über Nacht und hatte die allerbesten Eindrücke. Harro blieb dann hängen. Es ist köstlich, ihn im Erziehungsmilieu zu beobachten; er ist ein zweiter Mensch und lebt ordentlich auf.

Sonst ist nichts Besonderes zu melden. Herzliche Grüße treulichst Dein (CHB)

 

318. Hellmut Ritter an C. H.B. Hamburg, 17.6.1923

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

ich schicke Dir einen Brief von Strothmann mit. Wenn Du keine Zeit hast, ihn zu lesen, hat sie vielleicht Dein Referent. Strothmann möchte Urlaub haben, um ein großes Werk über die Schi’a zu schreiben, was ich sehr nützlich finde. Ich habe ihm viel Literatur zur Verfügung gestellt, und er ist der einzige Mann, der sie bearbeiten kann und bearbeiten wird. Er klagt über die Lehrernöte in Pforta nicht ohne Kritik an irgend welchen Regierungsmaßnahmen. Ich verstehe davon nichts, möchte aber glauben, daß sich für Strothmann auch ein vorübergehender Ersatz in Pforta finden lassen müßte; in der Wissenschaft ist Strothmann nicht zu ersetzen.

Du weißt, daß Du immer noch nicht aus den literarischen Schulden heraus bist. Es fehlt noch das englische Buch über den modernen Islam und der schöne dicke, arabische Historiker, den Du auch nicht ungestraft haben sollst. Meine Freunde sitzen alle auf Besprechungen, die sie nicht schreiben; Du und Schaeder, Ihr seid die Schlimmsten. Schaeder schicke ich nichts mehr, er übernimmt unendlich viel und kommt dann ins Gedränge. Das ist sehr schlimm, und wir armen Redakteure stehen händeringend da und warten auf Manuskripte, die nicht kommen. (Handschriftlicher Zusatz: Einstweilen aber Dank für das Gelieferte!)

Ich erhalte eben die ersten Druckproben meines Karagös. Ich schicke Dir eine Seite mit, ich hoffe, daß Dir die Type gefallen wird.

Mit vielen Grüßen Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

Randbemerkung Beckers: Herrn RR Landé vorlegen(?) B 18

Mit bestem Dank zurück J.19.6.

 

319. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 20.6.1923

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

in Angelegenheit Schrieke sagt mir Schaede Folgendes: Er hat vor Monaten Sobernheim gebeten, etwas für Schrieke in die Wege zu leiten und Dir diese Angelegenheit vorzutragen. Sobernheim hat ihm aber nicht geantwortet. Daraufhin hat er Dir vor Wochen geschrieben in der gleichen Angelegenheit. Auch von Dir hat er keine Antwort bekommen. Darauf hat er sich in der Verzweiflung an Kampffmeyer gewandt, welcher sofort prompt zugesagt, ja sogar Schrieke samt Frau zu sich ins Haus eingeladen hat. Es ist anzunehmen, daß Schrieke diese Einladung inzwischen angenommen hat. Es scheint nicht, als ob sich noch irgend etwas an der Sache ändern ließe. Schaade meint, es käme allenfalls noch in Betracht, daß Schrieke außer bei Kampffmeyer noch vor einem anderen Gremium spricht.

Schrieke kommt hier in Hamburg um den 21. Juli herum; es würde also etwa der 25. Juli für Berlin in Betracht kommen.

Mit den besten Grüßen auch an Schaeder und Harro, wenn Du ihn siehst,

bin ich Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

320. C. H. B. an Privatdozent Dr. (Gerhard) Ritter, Heidelberg. (Berlin), 12.9.1923

(Maschinenkopie)

Für die freundliche Übersendung Ihres Lutherbeitrags zum „Kämpfer“-Buch spreche ich meinen verbindlichsten Dank aus.

Ich beglückwünsche Sie zu der großen Produktivität, die Sie in den letzten Jahren entfaltet haben. Ihre Humanismusstudien habe ich mit besonderem Interesse und reicher Belohnung gelesen. Dabei hat mich Ihre schöne Würdigung Paul Mestwerdts herzlich gefreut. Er hat mir menschlich sehr nahe gestanden.

Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen Ihr ergebenster (CHB).

 

321. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 21.12.1923

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

ich habe Dir lange nicht geschrieben. Ich habe sehr in Arbeit gesteckt, vor allem hat mich dies immer erneute Durcharbeiten meines Karagös unendlich viel Zeit gekostet. In der letzten Zeit war ich auch sehr in Anspruch genommen durch meinen Bruder Gerhard, der, wie Du weißt, an die Stelle von Lenz berufen ist, und fast acht Tage hier war, um sich die Gelegenheiten zu besehen. Es ist ja auch für mich ganz nett, daß unser Name nun doppelt in unserer Fakultät vertreten ist.

Die Kollegs waren dies Semester besser besucht als sonst. Es haben sich einige junge Indologen neuerdings für Persisch interessiert; es sind tüchtige Leute dabei. Weniger bedeutend hat mein Publikum funktioniert. Die Geschichte des alten Islam stößt auf kein erhebliches Interesse hier.

Der konkrete Anlaß zu diesem Brief ist Frobenius. Frobenius ist hier aufgetreten in äußerst unangenehmer Weise34, geschmückt mit dem Titel „Geheimrat“ und „Professor“. Soviel ich mich erinnere, hat er den Geheimratstitel nur vorübergehend für die Kriegszeit bekommen. Besitzt er den Professorentitel überhaupt? Ich wäre Dir sehr dankbar, wenn Du mir darüber authentische Auskunft geben könntest. Der Mann hat hier die Köpfe in sehr erheblichem Maße verwirrt, den Leuten Geld aus der Tasche gezogen und sich dabei in sehr viel aufdringlicherer Art als etwa Keyserling als Propheten aufgespielt. Die Zeitungen wußten rühmlichst zu erwähnen, daß auch er wie Moses und Muhammed durch die Wüste gewandert sei und dgl. Die Sache beginnt also in groben Unfug auszuarten, und ich möchte ein wenig Front dagegen machen.

Wie Du weißt, hast Du noch literarische Schulden an den „Islam“. Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Du demnächst Gelegenheit nähmest, sie abzutragen, sonst veralten die Bücher wieder, bis die Besprechungen erscheinen. Ibn abd al-Hakam kann ich auch nur gegen Besprechung abgeben.

Von Babinger höre ich traurige Nachrichten. Der Unglücksmensch scheint wieder krank zu sein und sich auch in drückender materieller Not zu befinden. Ich mache mir oft Sorge um ihn. Persönlich ist wie immer nichts zu berichten; man schlägt sich so durch.

Mit den besten Weihnachtsgrüßen bin ich

Dein getreuer (gez.) H. Ritter.

 

322. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 30.1.1924

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter.

Herzlichen Dank für die schnelle sachliche Erledigung. Ich habe Quelle & Meyer gebeten, Dir fünf Rezensionsexemplare für orientalische Zeitschriften zugängig zu machen, und habe ihm in Aussicht gestellt, daß Du ihm dann mitteilst, an wen Du sie gesandt hast. Es wird auch ein gebundenes Exemplar dabei sein, das auf meine Privatrechnung geht, und das ich Dich bitte, an die Jerusalemer als persönliches Geschenk von mir zu senden. Ich muß allerdings bei der Gelegenheit bekennen, daß der damals so schön von Dir entworfene Dankbrief noch bis heute nicht abgegangen ist. Es ist aber ein ganz netter Anlaß bei der Übersendung des Buches, darauf zurückzukommen.

Daß Kant und Jugendbewegung nichts miteinander zu tun haben ist mir natürlich klar; aber es kommt mir gerade darauf an, die ganz anders geartete Seinsbestimmtheit unserer Tage gegenüber der Kant’schen Epoche ins rechte Licht zu setzen. Nun laufen die entscheidenden geistigen Äußerungen unserer Tage irgendwie durch die Brennpunkte Marx und Nietzsche. Auch die Jugendbewegung ist nicht unabhängig von Nietzsche und gehört in dieser Hinsicht, so sehr sie sich davon sonst unterscheidet, in die gleiche große Ideologiengruppe wie z. B. der Stefan-George-Kreis und sogar die völkische Bewegung.

Schrieb ich Dir eigentlich über Freyers „Prometheus“? Das Buch hat mir sehr gut gefallen. Lies doch auch einmal den Aufsatz über Marx und Nietzsche an Albert Dietrich im ersten Bande der Dioskuren.

Mit herzlichen Grüßen Dein (CHB)

 

323. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 4.2.1924

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Kühnel hat mir die Bibliographie über Kunstgeschichte geschickt. Ich kann Dir nur sagen, wie Du es tatest, sie mißfällt mir sehr. Es ist sehr betrüblich, daß diesmal die Bibliographie infolge dessen unter dem erwünschten Niveau steht; aber was soll man machen, Deutschland ist zu klein, um genügend Kräfte zu produzieren für solche Unternehmungen. Geradezu schrecklich ist der Zustand in Bezug auf Geschichte. Es gibt nicht mal mehr Menschen, an die man Besprechungen vergeben kann. Babinger hilft mir auch nicht, ich weiß nicht, was ich machen soll. Wenn es mir doch mal gelingen wollte, Dich zur Mitarbeit etwas tätiger heranzuziehen! Du hältst Vorträge, schreibst Aufsätze für die ZDMG, aber die Islam-Besprechungen erfreuen sich Deiner Ungunst. Es macht Dir doch gar nicht so viel Arbeit über ein neugeschriebenes Buch ein paar Worte zu sagen. Warum läßt Du mich so lange warten?

Jetzt ist eine neue Qusair Amra-Veröffentlichung erschienen von Jaussen und Savignac. Ich muß sie besprechen, obwohl ich nichts davon verstehe, es ist nicht angenehm. Ich wage Dir aber nichts mehr zu schicken.

Ich habe den deprimierenden Eindruck, daß es mit der Blütezeit der islamologischen Studien in Deutschland vorbei ist. Als Redakteur der Zeitschrift empfindet man so etwas sehr lebhaft. Aber was soll das Klagen! Ich bitte Dich nochmals inständig, halt einen Vortrag weniger und schreib eine Besprechung mehr. Von meiner Perspektive aus gesehen, hast Du auch Verpflichtungen gegen den „Islam“. Laß mich nicht immer sitzen mit meinen Besprechungen!

Ich breche dies Lied ab, um Deinen Unmut nicht zu erwecken, den ich schon einmal zu spüren bekommen habe bei einer früheren Gelegenheit. Daß Du arbeiten mußt, weiß ich, aber wenn Du Vorträge über Spenglers magische Kultur halten kannst, kannst Du auch Besprechungen für den „Islam“ schreiben, meine ich. Aber genug davon, ich berühre dies für mich so schmerzliche Thema nur äußerst ungern und nur in Notfällen.

Übrigens habe ich die Absicht, die kleinen Schriften Goldzihers herauszugeben und weiß nur nicht, ob es da irgend welche juristischen Verpflichtungen gegenüber den Erben Goldzihers gibt und welcher Art die etwa sein könnten. Die vielen kleinen Aufsätze, die Goldziher in Petermanns Mitteilungen und in sonstigen Zeitschriften verstreut hat, verdienen eine Zusammenstellung.

Von Schaeder höre ich seit langem nichts mehr. Ich habe ihn auf Februar hierher eingeladen, aber er antwortet auf keinen Brief mehr, ich weiß nicht, was los ist. So vereinsamt man auch wissenschaftlich, von allem andern zu schweigen!

Irgendwann komme ich mal nach Berlin, um Trachtenbücher zu studieren und vielleicht Aufnahmen über türkische Musik zu machen. Wann weiß ich noch nicht.

Sei einstweilen herzlich gegrüßt von Deinem (gez.) H. Ritter.

 

324. C. H. B. an Hellmut Ritter. (Berlin), 13.5.1924

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter.

Harro erzählte mir in diesen Tagen von Deinem Auftrage, Dir einen sachkundigen Mann für die Beischriften Deiner Schattenspielfiguren zu besorgen. Ihm war Kühnel empfohlen, und ich habe trotz aller Kritik Kühnel gegenüber ihn für diesen Zweck doch für geeignet gehalten. Kühnel hat nun auf Harros Anfrage hin entschieden abgelehnt, da er Deine Figuren für künstlerisch wertlose, moderne Mischprodukte hält, wobei er zugleich auf die älteren und wertvolleren Spezimina in Sarres Besitz hinwies. Als mir Harro noch gestern abend die ganze Sache erzählte, bot ich ihm an, Dir meine Ansicht über zwei sich aus dem geschilderten Sachverhalt ergebende Fragen mitzuteilen.

  • Erstens müßte für Kühnel jemand anderes gewonnen werden. Harro hält dafür den Professor Dr. Fischel (Berlin NW 23, Siegmundshof 7) für den Geeignetsten, und stimme ihm bei. Nur halte ich es für ganz untunlich, daß Harro, der von der Kunstschule zu seinen Schülern gehört, in Deinem Auftrage zu ihm geht. Du mußt Dich wohl bemühen, an Fischel selber zu schreiben und ihm mitzuteilen, Du hättest Harro beauftragt, ihm das Material vorzulegen. Das Gleiche würde ich bei jedem anderen Manne von einiger Bedeutung empfehlen.
  • Zweitens habe ich den Eindruck gewonnen, als ob Du Dein Interesse bisher ausschließlich dem wertvollen Texte gegolten habe, daß aber eine solche Prachtausgabe noch wohl eine speziellere Behandlung auch der Figuren erfordert. Man wird es nicht recht begreifen, und die Kritik wird es Dir sicher ankreiden, daß Du weniger wertvolle Figuren in großer Aufmachung veröffentlichst, während künstlerisch wertvolleres Material zur Verfügung gestanden hätte.

Überlege Dir doch bitte noch einmal, ob es sich nicht empfiehlt, die Sarre’schen Figuren mit hineinzunehmen. Dann könnte doch auch irgend ein Sachkenner wie Fischel oder vielleicht Sarre selbst – in diesem Falle gewiß auch Kühnel – im Anhang das Kostüm- und Kunstgeschichtliche zusammenhängend darstellen, und Deine Publikation gewänne nur an Wert. Ich bin natürlich nicht so banausisch, den kulturgeschichtlichen Wert der europäischen Figuren zu verkennen; aber wenn es wirklich künstlerisches Material gibt, – z. B. die eine von Harro übrigens glänzend aquarellierte Soldatenfigur ist es gewiß -, so sollte man es doch verwerten, auch wenn es zunächst nicht zu Deiner Sammlung gehört, der ja doch das Mißgeschick passiert ist, daß Dir die wertvollsten Figuren unterwegs verloren gingen. Bitte überlege Dir die Sache also noch einmal, die mir schon deswegen auch ohne Verzögerung des Erscheinen des ersten Teiles durchführbar erscheint, weil Du Dein Werk ja doch in Faszikeln herausbringen willst. Ich würde Dir dann raten, einmal an Sarre zu schreiben und evtl. selbst herzukommen. Es ist doch gar nicht undenkbar, daß auch noch in anderen deutschen Museen leicht beschaffbare Figuren vorhanden sind, deren Mitveröffentlichung bei diesem Anlaß Dein Verdienst um dieses Studiengebiet nur erhöhen würde.

Verzeihe, daß ich Dir solange nicht schrieb. Deinen Kalifats-Aufsatz, der mir übrigens gut gefiel, habe ich bestens untergebracht, und ich bitte nur um einen Separatabzug. Ich bin gerade dabei, den Schlußaufsatz zu meinem zweiten Bande zu schreiben, wo ich die ganze politische Entwicklung des Orients nach dem Kriege darzustellen beabsichtige.

Ich hoffe, daß es nicht erst die Oktobertagung in München werden wird, die uns wieder einmal zusammenbringt.

Von Herzfeld habe ich fabelhafte Briefe. Einen will ich Dir nächstens schicken, einen anderen, ausführlicheren hat er leider ausdrücklich gebeten, niemandem zu zeigen. Die Ausbeute seiner Reise ist enorm. Er wird in den nächsten Wochen hier erwartet, will aber möglichst bald wieder nach Asien zurück. Ich will versuchen, ihn nach München mitzuschleifen.

Babinger ist jetzt wieder hier und entsetzlich nervös. Cave mulierem, kann man da wirklich sagen! Diese Frau bringt ihn noch ins Irrenhaus, wenn er sie nicht schleunigst heiratet. Aber er will nun einmal Professor und angestellt sein; das geht alles nicht so schnell. Ihn persönlich habe ich materiell sichergestellt. Daß er nicht schon angestellt ist, hat er Herrn Kampffmeyer zu verdanken, dessen Kampf gegen meine Pläne die ganze Sache ins Stocken gebracht hat. Er ist allerdings ziemlich anspruchsvoll, und die Stelle eines Professors am Orientalischen Seminar scheint ihm schon nicht mehr zu genügen.

Mit herzlichen Grüßen, freundschaftlichst der Deine (CHB)

 

325. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 14.5.1924

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

hab schönen Dank für Deinen Brief. Die Schattenspielangelegenheit verhält sich folgendermaßen: Die Auskünfte von Kühnel betreffend die Frage der Schattenspielfiguren sind irreführend; ich habe sämtliche Sarre’sche Figuren hier gehabt, es sind 1. arabische, 2. ganz neue und 3. stehen sie im Künstlerischen weit unter den Figuren, die ich mitgebracht habe. Eine Reproduktion Sarre’scher Figuren kommt also unter keinen Umständen in Frage. Was die kostümkundliche und kunstgeschichtliche Behandlung anbelangt, so will ich nun erst mal versuchen, mit meinen hiesigen Leuten (Byhan und Panofsky) allerhand rauszukriegen. Genügt das nicht, so wende ich mich an Fischel, den mir Harro empfiehlt. Ich werde mich dann selbstverständlich direkt an ihn wenden.

Was in Deutschland sonst an Figuren vorhanden ist, weiß ich einigermaßen; in Leipzig ist nichts von Belang, in München meines Wissens auch nichts; daß in Berlin Figuren sein sollen, habe ich noch nie gehört: Für Nachweise von Figuren wäre ich natürlich sehr dankbar; ich bezweifle aber, daß mir irgend etwas Wesentliches entgangen ist.

Für die Unterbringung meines Chalifats-Aufsatzes sage ich Dir besonderen Dank. Ich will Dir noch den Teil meines Manuskriptes heraussuchen, der Syrien und Ägypten behandelt; er enthält eine bequeme Übersicht über die Daten, die Dir vielleicht ganz angenehm ist.

Über die Hamburger Verhältnisse ist zu vermelden, daß unser Seminarbetrieb wieder anfängt, friedensmäßig zu werden. Es kommen wieder Kaufleute aus der Stadt, um Sprachkurse in allen möglichen Sprachen zu nehmen. Auch ist die Bücherwelt des Orients uns wieder erschlossen, und ich hoffe demnächst wieder größere Mengen von Texten hereinzubekommen.

Herzfelds Briefe interessieren mich enorm. Ich bin Dir sehr dankbar, wenn Du sie mir, soweit es möglich ist, zugänglich machst. Sie erhöhen immer mein Gefühl, daß die Orientalistik die einzige anständige Wissenschaft ist, wenigstens von den Geisteswissenschaften.

Zu der Oktobertagung in München muß ich folgendes bemerken:

Ich war in Basel bei Tschudi und hatte einen sehr guten Eindruck von ihm. Er hat die Absicht nach München zu kommen und muß unter allen Umständen von der islamologischen Abteilung aufgefordert werden, einen Vortrag zu halten. Er hat die schönsten Sachen auf der Pfanne. Er redet lieber als er schreibt. Ich habe keinen Begriff, wie sich die Kommission zusammensetzen wird und infolge dessen keinen Einfluß auf die Auswahl der Redner. Ich bitte Dich aber dringend, daß Du ihn in diesem Punkt im Auge behältst und die Aufforderung an Tschudi veranlassest.

Ich bin froh, wenn ich nichts mit Babinger zu tun habe. Ich kann ihm nicht helfen, und als Ablagekasten für seine nervösen Anfälle fühle ich mich nicht geeignet. Was will er denn? Will er vielleicht Sachaus Nachfolger werden?

In Italien ist es mir sehr gut ergangen, Harro wird Dir alle Einzelheiten erzählt haben. Überhaupt bin ich augenblicklich sehr zufrieden, nur könnte das Gehalt höher sein.

Hast??

(Schlußblatt fehlt!)

 

326. Postkarte von Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 27.6.1924

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Obermann ist aus Amerika zurück und erzählt, daß Torrey sich bitter darüber beklagt hätte, daß seine Ausgabe des IbnAbd el-Hakam in Deutschland gar nicht beachtet würde, und daß der „Islam“ gar nichts von sich hören ließe. Das Buch hast Du zur Besprechung bekommen, und Du bist der einzige Mensch, der es anständiger Weise rezensieren kann. Ich bitte Dich dringend, doch die Besprechung zu schreiben bzw. wenn Du gar nicht kannst, sie an Bergsträßer zu geben; die letzte Lösung aber nur im äußersten Notfalle. Ich muß aber die Besprechung in das nächste Heft bringen.

Für den schönen Abend bei Dir habe nochmals herzlichen Dank. Es hat mir sehr wohl getan und viel Freude gemacht.

Ich denke, daß der Karagös nun in einigen Wochen herauskommt.

Mit herzlichem Gruß Dein (gez.) H.Ritter

 

327. Hellmut Ritter an C. H. B. Hamburg, 16.3.1925

(Manuskript)

Lieber Becker,

hab schönen Dank für Deinen Brief und das wirklich (unleserlich) Bild, das Kunstwerk ist in der Tat schlimm!

Was Deinen Aufsatz anlangt, so ist er selbstredend sofort in die Druckerei gegangen. Wie Du weißt, führe ich nun seit Jahren einen völlig vergeblichen Kampf gegen diese unfähige Druckerei, ich habe im guten und im bösen Tone mit Liedtcke verhandelt. Es ist, als ob man auf Granit bisse. Jetzt hat er vorgeschlagen, den Islam abwechselnd in einer anderen Druckerei setzen zu lassen und hofft so 3 Bände à 20 Bogen in zwei Jahren herauszubringen. Ich habe nicht viel Zutrauen dazu. Der Trebbiner (?) Drucker ist so aber von Maßen langsam, daß ich auf mehr Gutes noch hoffe. Mein etwa in 14tägigen Pausen erfolgendes ewiges Drohen und Drängen ist ganz erfolglos geblieben. Es war immer „gerade besonders viel zu tun.“ Der vornehme (?) Herr kann wohl nicht genug kriegen und bringt infolgedessen alles so viel später. Ich wäre Dir direkt dankbar, wenn Du diesen Anlaß benutztest, um Liedtcke mit der Abwanderung zu einem anderen Verlag wenigstens zu drohen zugleich in meinem Namen. (Unleserlich) Gründung ist seinerzeit begründet durch das Schneckentempo des lieben VWV (?).. Oder willst Du mich ermächtigen, ihm unseren Islam zu entziehen (?), von ihm abzuwandern? Ich wäre es gern zufrieden.

Übrigens habe ich Deinen Artikel mit größter Freude gelesen. Ich glaube frei von aller Schmeichelei zu sein, wenn ich einmal ausspreche, daß mir Deine Islamstudien und was damit zusammenhängt, immer noch für das Gescheiteste ansehe, was überhaupt in den letzten 20 Jahren auf unserem Gebiet erschienen ist. Es ist wirklich ein erheblich höheres Niveau als alles andere und auch von den vielen kollegialen Schafsköpfen auch nicht entfernt nach Gebühr gewürdigt.

Du bist der 1. Mann auf unserem Gebiet. Aber warum willst Du nun mit aller Gewalt in Rom der zweite sein? Es kann ja gar nicht gut gehen. Wissenschaftsfragen sind nun einmal nicht geeignet, auch vom Gebildetsten, literarisch behandelt zu werden. Dazu gehört ein Maß philologischer Bildung, daß wir nun einmal nicht haben können. Warum nun grade da theoretisieren? Ich habe auf die Übersendung Deiner Bücher seinerzeit nicht gedankt, weil ich das nicht sagen mochte. Ich weiß nun einmal, daß Du es übel nimmst. Wenn einmal über Dich geschrieben werden muß, wird man sagen müssen:

Warum ist Becker nicht Becker geblieben, warum hat er sich theoretisch (gegen die Verwaltungspraxis richtet sich natürlich der Banause nicht) auf ein Gebiet begeben, wo er unbedingt eine Rolle spielen mußte für die er viel zu schade ist? Hatte er keinen guten Freund, der ihn warnte? Dann werde ich sagen: „Er hatte einen solchen Freund …“

Ich glaube, Du hast keinen Begriff, wie ungern ich diese Zeilen schreibe, am liebsten würde ich alles was zwischen uns ist in einem tiefen Schacht begraben, vielleicht mir einmal Lorbeeren holen auf einem Gebiet, wo nach meiner Überzeugung für Dich nur das Gegenteil zu holen ist, gut, dann sprechen wie niemals mehr darüber, Du hast noch so viel andere reiche Seiten, daß ich auf die eine leichten Herzens verzichten kann. Ich mag auf die Sache nicht eingehen, die Sprangersche These, unser (unleserlich)begriff stamme aus dem Deutschen Idealismus und sei damit relativ, halte ich und mit mir viele andere, für baren Unsinn, er stammt aus dem Griechentum (?) und ist im Mittelalter lebendig gewesen. Auch danach ist der Wille zur reinen Erkenntnis das Ziel der Akademien und Universitäten gewesen und wird es so lange uns Gott gnädig ist auch bleiben. Wer daran (unleserlich: dreht?), hieße er nun Relativismus-Spengler oder Erlebnis-Spranger, weiß nicht was er tut. Er begeht die Todsünde wider den Geist.

Doch genug davon.

Dein Brief zeigt mir, daß Du überhaupt etwas in gedrückter Stimmung bist, ich wünsche Dir von Herzen, daß die Periode des (arab. Wort) betr. reinen (arb. Wort) Platz machen möchte. Du weißt, daß ein solcher Zustand selbst dem fremd sind (und) sie mindestens mitzuteilen weiß.

Ich ziehe voraussichtlich Donnerstag um nach Groß-Flottbeck, Chemnitzstraße 4. Sehr ungern und mit dem Gefühl starker Heimatlosigkeit. Eine allgemeine Abspannung und kleine eklige Ohrenbeschwerden setzen meine Leistungsfähigkeit leider sehr herab.

Daß Du so freundlich an mich wegen Holland gedacht hast, danke ich Dir. Lieber wäre mir schon gewesen mal von anderen als von Dir bestätigt zu kriegen, daß ich nicht für die Katz gearbeitet habe. Ich verdanke in meinem Fortkommen Dir so viel auf reinen guten Glauben hin, daß ich gern einmal Dir möchte zeigen können, daß Du mit Deinem Glauben im Rechte bist.

Vorläufig will ich möglichst bald verreisen, um wieder auf den Damm zu kommen.

Herzliche, freundschaftlichste Grüße Dein H. Ritter

Anmerkung: beantwortet 23.3.25

 

328. Hellmut Ritter an C. H. B. (Bagdad??), 31.12.1927

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Dieser Neujahrsgruß wird Dich zwar nicht mehr rechtzeitig erreichen, ist aber doch nicht weniger herzlich gemeint. Ich kam vor lauter Geschäften und Verpflichtungen einfach nicht zum schreiben. Ich bin diese Weihnachten in sehr viel stärkerem Maße in das Leben der Kolonie mithineingezogen worden als voriges Jahr, ich habe bei Weihnachtsaufführungen der Schule Cello gespielt, entsetzlich viel Proben gehabt, dann war ich dauernd eingeladen. Meine gesellschaftliche Stellung hat sich also erfreulich gebessert, ich stehe mich jetzt auch mit Tauchnitz, dem Legationsrat, auf Schwatzfuß und ebenso mit Scheede. Dieser kam gestern von einer Tour zu den Ausgrabungen zurück und konnte daher erst jetzt das ministerielle Schreiben beantworten wegen unserer Publikationspläne. Mir ist noch etwas schleierhaft, was Kahle eigentlich machen will. Hat denn die DMG Geld? So dankenswert es ist, wenn sie sich der Sache annimmt, es darf m. E. nicht dazu führen, daß etwas getrennt von Scheedes Einrichtung organisiert wird. Diese Meinung ist mir nicht etwa von Sch(eede) suggeriert, sondern ergibt sich für den, der (die) hiesigen Verhältnisse kennt, ganz zwangsläufig. Scheede hat ein Büro, hat Hilfskräfte, hat eine Bibliothek. Außerdem möchte ich prinzipiell nicht mit Verwaltung von Geldern zu tun haben. Ich habe durch die zahlreichen Privatvermittlungsaufgaben schon verwirrend viel mit anderer Leute Geldern zu tun, und da ich sowieso immer halb auf dem Pumpfuß stehe, ist es mir nicht angenehm, wenn ich fremdes Geld verwalten soll.

Ich weiß ja nicht, was die Stellen, die der Wissenschaft Geld geben, in Bezug auf die Orientalistika hier für Ideen haben. Will man etwas aufbauen, und sich dabei meiner Person bedienen, so käme m. E. nur eine Form in Frage – gleichviel wer die Sache finanziert: Erweiterung der Scheede’schen Stelle um eine orientalistische Abteilung, die ich zu betreuen hätte, aber unter der Überdirektion von Scheede. Daß er Archäologe ist, schadet sowenig, wie daß Sachau kein Chinesisch verstand trotzdem er das O(rientalistische) S(eminar) dirigierte. Persönliche Schwierigkeiten sind nicht zu befürchten. Alles andere ist unpraktisch. Aber ich singe von fernen Zukunftshoffnungen und ahne nicht, ob irgend eine Möglichkeit besteht, um so etwas zu tun. Woran mir gar nichts liegt, ist, in irgendwelcher Zukunft Beamter zu werden, wohl aber möchte ich mit irgendwelchen beamtenmäßig honorierten Aufträgen betraut werden. An den Beamten stellt man die Forderung nach einer bestimmten bürgerlichen Lebensweise, eine Forderung die mir zu erfüllen nun mal unmöglich ist. Seit Krümmers Fortgang habe ich von Unstimmigkeiten in puncto punctorum nichts mehr gemerkt, mit seinem Nachfolger Tauchnitz habe ich mich sogar ein wenig angebiedert.

Große Freude hat mir der Besuch von Sobernheim gemacht, nicht nur wegen der herrlichen Gabe, die er mir mitbrachte und die mich aus den Schulden riß. Es war auch prachtvolles Wetter und ich habe das Zusammensein mit ihm sehr genossen.

Betrüblicherweise habe ich lange nichts von Harro gehört. Was machen wohl seine Personalangelegenheiten? Er war zuletzt recht unglücklich. Ob er mit seinem Theatroid Erfolg haben wird?

Dir und den Deinen von Herzen ein fröhliches Neujahr! Dein (gez.) H. Ritter

PS 1.1.(1928). Komme eben vom Botschaftsempfang, wo man mich begrüßte wie andere Menschen auch.

 

329. Hellmut Ritter an C. H. B. o.O. (in Istanbul?), 7.4.1928

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Ich werde Dir diesmal, gegen meine Gewohnheit, einen Geburtstagsbrief schicken. Also wünsche ich Dir von ganzem Herzen für Dein neues Lebensjahr erstens eine stabile Gesundheit und zweitens möglichst wenig dienstlichen und außerdienstlichen Ärger. Soll man Dir noch etwas wünschen? Ich hoffe es ist nicht nötig und Du hast alles andere, dessen Du bedarfst, soweit solches dem Erdgeborenen überhaupt zuteil wird.

Weil35 habe ich leider nicht heil an Berlin abliefern können, er hat sich zuguterletzt, nachdem er alle Fährlichkeiten einer fast phantastischen Reise gut überstanden hat, noch den Fuß verstaucht und fuhr recht jämmerlich und mißvergnügt ab. Hoffentlich überwindet er es bald. Mir hat die Trennung vom ihm, obwohl wir beide uns wohl manchmal gegenseitig auf die Nerven gefallen sind, eigentlich einen bösen Schlag versetzt. Zwei Monate lang tägliches Zusammensein mit einem anderen Menschen unter Umständen, die einen fast ausschließliches Bloß-aufeinander-Angewiesensein bedingten, so etwas ist mir in meinem Leben überhaupt noch nicht passiert, und nun fällt es mir entsetzlich schwer, wieder die Einspännerei zu beginnen, so schwer, wie mir das Leben in bösen Stunden überhaupt fällt, und ich fühle mich von ganzem Herzen und von ganzem Gemüte kreuzunglücklich.

Hier sagte man mir inzwischen, die Notgemeinschaft habe mir etwas geschrieben und man habe es mir nach Bagdad nachgesandt. Da ich bis zur Stunde das Schreiben nicht in Händen habe, dafür aber seit April keine Zahlungen mehr erfolgt sind, bin ich besorgt, was denn wohl los ist. Außerdem soll noch ein anderer Brief an mich abgegangen sein, aber auch der hat mich nicht erreicht, so daß ich einstweilen von tawakkul lebe, was ja in Bezug auf die äußeren Existenzmittel erstaunlicherweise noch nie versagt hat.

Nun quäle ich mich mit Unlust in meine Arbeiten hinein, den Ashari, die Handschriften; Wünsche der lieben Orientalisten etc. Da ohne Handschriftenkataloge einfach nicht mehr zu leben ist, habe ich sie von der BDMG36 bestellt, Printz will sie aber nicht hergeben, es sei denn auf kurze Dauer, womit mir natürlich gar nicht gedient ist. O, diese widerliche Geldgeschichten! Dabei sind sie weiß Gott mein geringster Kummer, wenn ich irgendeinen bestimmten anderen Beruf wüßte, der mich aus diesem Alleinsein erlöste, ich würde ihn gern ergreifen. Aber nun hat man nichts anderes gelernt, als dieses lächerliche Gelehrtenhandwerk, dem man nun verfallen ist.

Wie schwer lastet das Weltgesetz auf einem, daß man nicht allein sein soll! Soviel gerade sehe ich von Menschen, wie ich sie liebe, daß der Kummer nie stirbt und so wenig, daß ich niemals Freude und Ruhe habe.

Mir graut vor dem schönen Sommer hier. Ein Lichtpunkt in der Ferne: Fritz, Alfreds älterer Bruder, der Arzt, will bestimmt eine Ferienreise hierher machen und bei mir wohnen. Da er kein Türkisch kann, muß er sich an mich halten, wie Weil in Persien. Darauf freue ich mich wie ein Kind auf Weihnachten.

Nochmals die herzlichsten Wünsche Dein alter Trübetrost (gez.) H. Ritter

 

330. Dr.R./St an Hellmut Ritter, Konstantinopel. Hamburg, 3.5.1928

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Ritter,

ich höre durch Herrn Minister Becker, daß Sie jetzt wieder in Konstantinopel sind. Ich bin seit kurzer Zeit von einer Reise durch Südarabien zurückgekommen, die außerordentlich interessant war. Ich kann Ihnen den Verlauf nicht im einzelnen schildern, will nur erwähnen, daß ich vom Imâm sehr freundlich aufgenommen wurde, sein Vertrauen erwarb und wichtige politische und wirtschaftliche Aufträge erhielt. Die Italiener, die seit dem Vertrage von 1926 das Handelsmonopol hatten, sind vollständig erledigt, und der König setzt jetzt seine ganze Hoffnung und sein ganzes Vertrauen auf Deutschland.

Der Imâm bat mich eines Tages, ihm einen ausführlichen Bericht über die wirtschaftlichen Aussichten seines Landes zu geben, und ich benutzte diese Gelegenheit, um ihm zu erklären, daß er dringend eines europäischen Beraters bedürfe. Diesen Bericht lege ich Ihnen zur Orientierung bei. Der Bericht wurde sehr freundlich aufgenommen und mit einem Handschreiben erwidert, das ich Ihnen aber nicht beilegen kann, da es einzelne vertrauliche Sachen enthält. Für diesen Beraterposten halte ich Sie für den geeigneten Mann und möchte bei Ihnen aufragen, ob Sie wohl geneigt wären, wenn die Dinge so weiter gedeihen, wie ich hoffe, nach Sana zu gehen.

Natürlich wäre es nicht klug, dem Imâm einen Deutschen als Berater vorschlagen zu wollen, ehe er direkt darum bittet.. Man kann ihm aber Gelegenheit geben, einen geeigneten Mann kennen zu lernen. Dieser selbst würde das übrige tun, um sein Vertrauen zu erwerben. Da sehe ich nun folgende Möglichkeit, die ebenfalls bereits in Hinsicht auf Sie in Sana vorbereitet ist. Der Imâm interessiert sich sehr für die Altertümer des Landes. Er hat mich, ohne daß ich ihn darum gebeten habe, 14 Tage lang mit 100 Askaris und 10 Gespannen einen Ruinenhügel ausgraben lassen und hat sich später stundenlang mit mir über die Ergebnisse, die sehr interessant waren, unterhalten. Ich kann das nicht alles erzählen, kurz ich habe ihm gesagt, er müsse unbedingt in Sana ein Museum einrichten, um die vielen sabaischen Altertümer, die im Lande sind und mehr und mehr von allen möglichen Leuten, Liebhabern und Händlern aufgekauft werden, durch einen Sachverständigen sammeln und verwalten zu lassen. Er war damit sehr einverstanden und erwartet einen Vorschlag von mir. Ich habe dann mit dem Außenminister, einem Türken, verhandelt über die Person und die Bedingungen. Daß der betreffende von Deutschland besoldet und dem Imâm zur Verfügung gestellt wird, würde der Imâm glatt ablehnen. Der Betreffende müßte in die Dienste des Imâm treten wie alle Europäer, die in Sana sind (3 deutsche Junkersflieger, 7 Italiener). Wohl könnte man aber dem Imâm, der mit Geld sehr gerne sparsam umgeht, sagen, daß der betreffende mit einem bescheidenen Gehalt zufrieden wäre, und dieser müßte dann den Rest von irgendwelchen wissenschaftlichen Institutionen in Deutschland bekommen. Für diesen Zweck würden ja wohl sicher Mittel zu Verfügung stehen. Außerdem braucht man in Sana, da man in allem Gast des Imâm ist, sehr wenig, ebenso wenig wie auf eventuellen Reisen. Wohl aber kann man, wenn man Geld zur Verfügung hat, die herrlichsten Sachen außerordentlich billig aufkaufen..

Ich habe nun mit dem Außenminister über Ihre Person gesprochen, auch über die Gründe, derethalben Sie Hamburg verlassen haben. Diese bilden absolut kein Hindernis, Sie vorzuschlagen. (Raghib Bey ist seit 20 Jahren in Yemen, ehemals türkischer Gouverneur, wohl der beste Kenner des Landes, übrigens der einzige am Hofe, der eine europäische Sprache spricht.)

Ich möchte Sie nun fragen, lieber Herr Ritter, ob Sie prinzipiell geneigt wären, die Museumseinrichtung in Sana zu übernehmen, und ob ich Sie dem König für diesen Posten vorschlagen darf. Ich habe mit Herr Minister Becker und mit dem Referenten im Auswärtigen Amt, Freiherr von Richthofen, gesprochen, und beide billigen meine Ideen. Ich bin fest überzeugt, daß Sie sich sehr bald mit dem Imâm, der ein außerordentlich angenehmer Mann ist, befreunden würden. Sana ist eine wundervolle Stadt mit idealem Klima, in der man auch an leiblichen Bedürfnissen nichts entbehrt – schöne Häuser und Gärten, immer herrliche Früchte, Gemüse etc. – vorläufig noch vollständig unberührt von jeglichen europäischen Einflüssen. Sie könnten allmählich ganz von selbst und ohne daß wir uns bei den Engländern und Italienern durch Entsendung eines Beraters unbeliebt machen, in die Position eines solchen Beraters hineinwachsen. Der Imâm ist, wie alle seine Ratgeber, bis zu einem gewissen Grade auch Raghib Bey, vollständig ahnungslos über ale europäischen Verhältnisse.

Mein Bericht ist mit Absicht sehr einfach abgefaßt, die angegebenen Beispiele beziehen sich auf ganz aktuelle Dinge, die man nur an Ort und Stelle verstehen kann.

Vielleicht kommt Raghib Bey in einigen Monaten nach Deutschland. Ich möchte aber bereits vorher einen Vorschlag nach Sana schicken, damit er eventuelle schon mit Vollmachten nach hier kommt. Ich bitte Sie also, mir möglichst bald mitzuteilen, ob Sie mich ermächtigen wollen, Sie in Vorschlag zu bringen. Über die Einzelheiten muß dann ja doch noch verhandelt werden.

Den Bericht an den Imâm senden Sie mir bitte nach Kenntnisnahme wieder zurück37. Daß die ganze Angelegenheit selbstverständlich vertraulich ist, brauche ich wohl nicht erst zu erwähnen.

Mit herzlichen Grüßen Ihr (Dr.R./St.)

 

331. Hellmut Ritter an C. H. B. (Konstantinopel), 27.6.1928

(Maschinenmanuskript)

Lieber Becker,

Ich mache soeben Generalabrechnung mit meinen persönlichen und den mir für bestimmte Zwecke, nämlich Handschriftenfotografien, anvertrauten fremden Geldern und sehe mit Entsetzen, daß ich mit rund 800 Mark im Debet sitze. Das sind zwei Monatsgehälter und meine Finanzbalancierkünste sind dem nicht gewachsen.

Die Ursachen dieses Fehlbetrags sind folgende:

Tatsächlich bin ich nie mit meinem Stipendium ausgekommen. Die Türkei gehört zu den abscheulichen Ländern mit einer Art Guldenwährung, d.h. 1 Pfund = 2,20 Mark hat im tägliche Leben nur sehr wenig mehr Kaufwert als bei uns eine Mark, dazu sind alle Einfuhrwaren durch einen ungeheuren Zolltarif schrecklich verteuert, und da bis auf Lebensmittel so ziemlich alles Einfuhrware ist, verbraucht man eben viel. Über Wasser gehalten habe ich mich immer nur durch allerhand erfreuliche Nebeneinnahmen, deren letzte die Ersparnisse durch die persische Reise (ein?) Monatsstipendium waren. Damit wäre es wohl auch noch eine Zeitlang gegangen, wenn nicht plötzlich eine Reihe von Extra hereingebrochen wären. Ich habe in Teheran allerhand Bücher gekauft und sie per Schiff abgesandt. Als sie ankamen, mußte ich plötzlich eine gewaltige Transportrechnung und einen geradezu unverschämten Zoll zahlen. Die Bücher waren nämlich zum Teil wie bei persischen Steindrucken üblich, in grobes Leder gebunden und Lederbände werden als Luxusware verzollt, ganz abgesehen davon, daß die Bücher an sich schon Zoll kosten. Wie die Sache hier vor sich geht, magst Du daran ermessen, daß man mir für ein aus der BDMG entliehenes in Leinen gebundenes Buch, Ethes Katalog der persischen Handschriften der India Office, den Gegenwert von 60 Mark Zoll verlangte, den ich durch Bestechung auf dreißig reduzieren konnte.

Das zweite Übel waren Bücherkäufe, die ich nun eben einfach nicht mehr vermeiden konnte. Man kann nicht wissenschaftlich arbeiten unter beständiger Ignorierung der Literatur. Entweder muß man eine Bibliothek zur Verfügung haben, die die Bücher anschafft, oder man muß die Bücher selber kaufen. Dennoch hätte ich hier vielleicht zurückhaltender sein müssen, als ich es gewesen bin. Es lief mir schließlich die Galle über ob der ewigen Bücherlosigkeit und das hätte sie jedenfalls nicht tun dürfen. Nun sitze ich in der Patsche.

Das dritte waren recht überflüssige Zahnarztrechnungen und dergleichen, wogegen man absolut nicht machen kann.

Du weißt, worauf ich hinaus will: Kannst Du mir irgendeinen Vorschuß auf zukünftige Einnahmen verschaffen? Du deutetest irgend wann einmal an, daß ich mich in solcher Not an ich wenden dürfe, und nun ist der Fall eingetreten…(Handschriftlicher Zusatz: Es ist mir schrecklich peinlich mit solchen Anliegen kommen zu müssen!)

Abgesehen von diesen Geldnöten geht es mir merkwürdig gut im Augenblick, meine Freunde sagen, ich würde dick, was mir recht zuwider ist, dabei esse ich so wenig wie möglich. Nach Berlin werde ich wohl erst im August kommen können, ich will den Asharí noch so weit wie möglich fördern ehe ich den Druck für Wochen stoppen muß. Es werden wohl 35 Bogen werden, 20 (?) sind fertig.

Mit vielen Grüßen Dein Dir ergebener (gez.) H. Ritter

PS (handschriftlich)

Je mehr ich über die Sache nachdenke, desto mehr schäme ich mich, solche Schulden gemacht zu haben. Eigentlich darf so etwas nicht vorkommen. Es ist einfach gräßlich solche hohe Summe wie sie sich aufgehäuft hat. Etwas werde ich ja hoffentlich durch den Aufenthalt bei meinen Eltern sparen, obwohl die doppelte Reise und die weiter laufende Wohnungsmiete ja auch etwas verschlingt. Ich kann auch ein paar Buchhändler-Gläubiger warten lassen, aber die ganze Summe kann ich nicht auflaufen lassen. Es sind mir auch lateinische Nachhilfestunden angeboten worden. Die werden mir auch helfen. Wenn Du mir über das Schlimmste helfen könntest, damit ich wenigstens die Orientalia beenden kann.

 

332. C. H. B. an Hellmut Ritter, Konstantinopel (Berlin), 11.7.1928

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter!

Im Moment meiner Abreise nach Marienbad, Hotel Weimar, will ich Dir doch noch in aller Kürze auf Deinen Brief vom 27.Juni antworten. Ich habe aus einem mir zur Verfügung stehenden Nebenfonds 800 Mark an Kahle überwiesen mit der Bitte, sie sofort an Dich weiterzuleiten. Ich habe diesen Weg gewählt, da wir auch Deine künftige Finanzierung über die DMG leiten wollen. Du wirst in diesen Tagen einen Brief meines Referenten Oberregierungsrat Leist erhalten, dem ein Protokoll beigefügt wird über eine Sitzung, durch die ich glaube Dein Druckunternehmen in Konstantinopel im wesentlichen finanziert und auch Dir eine leidlich mögliche materielle Basis verschafft zu haben. Näheres wäre dann bei Deinem Besuch in Deutschland zu besprechen.

Meine Pläne sind folgende: Ich bleibe bis zum 11. August in Marienbad, bin dann bis etwa 25. August in Berlin, fahre dann zum Orientalistenkongreß nach Oxford und bleibe dann noch ein paar Tage in England, werde aber etwa den 10. September in Berlin zurücksein. Ich halte es für selbstverständlich, daß ich Dich bei Deinem Besuch in Deutschland sehen werde, und lade Dich ein, bei Deinem Besuche Berlins in meinem Hause in Steglitz Quartier zu nehmen. Dann können wir alles besprechen. Am Bonner Orientalistenkongreß werde ich nur kurz teilnehmen und zwar nur den 22.-23. August. Ich muß meine Zeit etwas zusammenhalten. Jedenfalls bitte ich Dich, mich rechtzeitig über Deine Pläne zu informieren.

Verzeih heute die sachliche Kürze. Alles nähere besprechen wir ja doch besser bei Deinem Besuch.

In alter Freundschaft wie stets Dein getreuer (CHB)

 

333. Privatsekretariat an C. H. B. Berlin, 29.12.1929

(Maschinenmanuskript)

Herr Legationsrat Sobernheim, Auswärtiges Amt, teilte telephonisch mit, daß am 30. Dezember ein Kurier nach Konstantinopel fährt. Da Sie, Herr Minister, Zigarren an Herrn Professor Ritter mitgeben wollten, bittet er Sie, das betreffende Paket entweder bis zum 29. Dezember bei der Kurierabteilung des Auswärtigen Amts oder bei ihm abgeben zu lassen.

27. Dezember 1929. Privatsekretariat (gez. )Mai (?)

Anmerkung Zigarren für Ritter 50 Stück à 50 Pfennig erstehen.

2. Anmerkung Paket und Brief 29.12. vormittags bei der Kurier-Abteilung des Ausw.Amts abgegeben. Kroschuth 29.12.(1929)

 

334. Hellmut Ritter an C. H. B. (Konstantinopel, 17.2.1930

(handschriftlich

Lieber Becker,

wie ich aus dem Text der D(eutschen) A(llgemeinen) Z(eitung) entnehme, haben die Rechtsparteien auf den „Finger der Bestürzung“ gebissen, als Du abgingst. Was ich an Zeitungen hier las, bedauerte Deinen Fortgang sehr. Wie sehr ich selbst bedauere, Dich nicht mehr im Ministerium zu wissen, brauch ich Dir nicht zu sagen. Doch ich denke mehr an die menschliche Seite dieses großen Wechsels in Deinem Leben. Ich hoffe und glaube, daß das nun wohl zunächst einmal folgende otium Dir auch in der Seele wohltun wird. Du klagtest so oft über Amtsmüdigkeit, und nicht nur Frau Becker, sondern auch Du selbst wirst das Positive in der neuen Ruhe stark empfinden. Wer weiß, vielleicht werden wir’s auch empfinden, indem wir vielleicht manchmal Briefe bekommen, mehr als in den vergangenen Jahren, und so, wie in guten alten Zeiten, als auch die Welt noch vor uns offenstand und uns anzufeuern (?schlecht leserlich) schien. Ich denke zurück an die Bonner Zeit, so manchen verplauderten Nachmittag, voll Gewinn für die Schüler, als all das Böse noch im Schoße der Zukunft verborgen lag. Es sei kein gutes Zeichen, wenn man viel zurückschaue, sagen die Psychologen, man muß sein Glück in der Gegenwart, nicht in der Vergangenheit suchen. Und doch will und will die Gegenwart nicht mehr leuchten, man organisiert an seiner chose (?) herum und trifft nie das Richtige.

Ich bin gräßlich müde. Die vorigen Ferien waren kaum eine Erholung zu nennen, in Deutschland stieß ich überall auf einen unsichtbaren Bretterzaun, der mich von allem, was ich liebte, absperrte. Und dann habe ich immer nur gearbeitet und gearbeitet, um soviel wissenschaftliche Gasanàt anzuhäufen, daß die Schale der menschlichen saiji’át ein wenig erleichtert werde. Nun bin ich müde, nur müde. Morgen, Deo favente, werde ich dem letzten Bogen des 2. Bandes As’ári das Imprimatur erteilen und in ein paar Wochen kann er erscheinen. 615 Seiten arabischer Text, es ist kein Spaß, soviel hier im ganzen mit Band 1. Den 3. Band, der Indices, Biographien und Beilagen enthalten soll, stelle ich jetzt etwas zurück .Ich kann keine (?Druckfahnen) mehr sehen.

Mit Kypka mache ich die Nizámiedition weiter. Drucke an der Ausgabe des Sektenbuches (?) des Naubaxki (altes schiitisches hänsiographisches Werk) die ich mir aufgeladen habe, und führe Kahles Ibn Ajès durch die Presse, nachdem ich ihn zuerst selber druckfertig gemacht habe.

Aber ich will jetzt etwas mehr Musik machen und Romane lesen, um auf andere Gedanken zu kommen. Leider steht mir ein Umzug bevor. Hier ist’s vor Kohlendreck im Sommer aber doch nicht auszuhalten. Die neue Wohnung, auch am Bosporus, ist erheblich kleiner, aber luftig und leicht zu bewirtschaften. Du solltest mich eigentlich mal da besuchen. Ach, manchmal denke ich, Du wirst mir jetzt neu geschenkt. Laß mich wenigstens ein wenig mit der Hoffnung spielen, daß Dich nicht wieder ein gar zu arbeitsreiches Amt zu bald uns aufs neue entzieht. Merkwürdig, ich mache keine neuen Freunde mehr. Nur mein wissenschaftlicher Bekanntenkreis erweitert sich, aber gerade das ist nicht unbedingt das, was ich suche. Manchmal steht mir die Gestalt des alten Geheimrat Stuhlmann vor Augen. Ich traf ihn mal in Italien, seelisch vollkommen zerbrochen und sich zu Tode quälend mit seiner Einsamkeit. Sieht so der Lebensabend aus?- Siehst Du, ich blase nur Trübsinn, wie immer. Nun leb wohl, ich hoffe Dich erholt und Besitz der herrlichsten Muße wiederzusehen.

In treuer Liebe Dein H. Ritter.

 

335. Telegramm von C. H. B. an Hellmut Ritter, Stambul Berlin, 24.5.1930

Ministerium hat Dir achthundert Reichsmark für Wien bewilligt. Wohne Hotel Regina. Wiedersehen. Becker

 

336. C. H. B. an Hellmut Ritter bei Harro Siegel, Berlin. Berlin 25.6.1930

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Dies nur zur Erinnerung, daß die Orientalisten sich Donnerstag um 2 Uhr Dir zu Ehren in der Deutschen Gesellschaft, Schadowstraße 6/7, versammeln. Wir wollen dann auch noch einmal ein näheres Zusammensein verabreden.

Mit herzlichem Gruß C. H. Becker.

 

337. C. H. B. an Hellmut Ritter, Stambul (Berlin), 10.8.1930

(Maschinenkopie)

Lieber Ritter,

Ich vermute, daß Du schon wieder auf der Rückreise bist. So wird Dich dieser Brief in Konstantinopel willkommen heiße. Es war mir interessant zu hören, daß Du nun doch einen jungen Orientalisten mitgenommen hast. Möge das Experiment gut auslaufen! Ich habe mich riesig gefreut, Dich wiedergesehen zu haben, und Du wirst ja auch selbst gefühlt haben, daß Du nicht nur bei mir sondern allseitig warm und herzlich aufgenommen wurdest. Der ganze Orientalistenkreis steht wirklich sehr fest zu Dir.

Zweck dieser Zeilen ist eigentlich nur, Dir einliegenden Brief zuzusenden, in dem ich Dir von meiner Korrespondenz mit Rodig Kenntnis gegeben habe. Ich habe nun nichts weiter mehr von ihm gehört. Ich verstehe nicht, daß man in der Bismarckstraße in Marburg nichts von Deiner Existenz wußte, oder ist das eine obsolete Adresse?

Zweitens wollte ich Dir noch einen Gruß vor meiner Abreise nach den Vereinigten Staaten senden. Meine dauernde Adresse ist c/o Institute of International Education, Two West, Fortyfifth Street, New York. Ich fahre morgen in acht Tagen, d. h. am 18. mit meinem Walter von Bremen mit der Columbus nach New York, wo wir am 25. eintreffen. Die weitere Reiseroute ist Dir ja bekannt. Ich freue mich eigentlich jetzt recht auf das Unternehmen. Zwar sind meine Vorträge noch nicht alle fertig, aber sie werden es wohl rechtzeitig. Am 15. November fahre ich von New York wieder zurück, um Anfang Dezember hier meine Vorlesungen zu beginnen.

Indem ich Dir einen recht guten Herbst und Winter wünsche, grüße ich Dich in alter Freundschaft als Dein getreuer (CHB)

Anlage fehlt.

 

338. C. H. B. an Hellmut Ritter, Istanbul. (Berlin), 12.1.1931

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ritter,

Ein Brief von Dir hatte mir in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr gefehlt. Ich schloß aus dem Fehlen jeder Nachricht, daß es Dir gut geht. Außerdem hörte ich von Harro eine Kunde von der derzeitigen Harmonie in Deinen persönlichen Lebensumständen. Nach dem Bilde zu schließen, das übrigens ganz reizend ist, hast Du ja eine nette Gesellschaft um Dich. Dein Pommerscher Buchdrucker scheint aber auch noch ziemlich jung zu sein, denn auf den ersten Blick kann man ohne Kenntnis der Personen nach dem Bilde nicht entscheiden, wer der ältere der beiden Knaben ist. Ich freue mich von Herzen, daß Du auf diese Weise aus Deiner Einsamkeit erlöst bist und hoffe, daß sich Euer Zusammenarbeiten weiterhin glücklich entwickelt, denn Du mußt unbedingt von dem Technischen etwas mehr befreit werden, damit Du Dich ganz den rein wissenschaftlichen Aufgaben widmen kannst. Es ist eine großartige Liste von Arbeitsplänen, die Du mir mitteilst. Wo wir die 2000 Reichsmark für die persischen Typen hernehmen wollen, ist mir allerdings noch nicht klar. Es ist nicht nur die N(ot)-G(emeinschaft), die mit ihren Mitteln knapp geworden ist, sondern das Gleiche gilt für das Ministerium und alle privaten Geldgeber. Überhaupt ist die Verknappung der Mittel das Charakteristicum des gegenwärtigen Augenblicks. Man weiß nicht einmal wie man seine Steuern zahlen soll.

Meine Amerikareise ist ein fabelhaftes Erlebnis gewesen. Ich könnte Dir stundenlang davon erzählen. Es ist eben alles ganz anders, als man es sich vorstellt. Die Haupterlebnisse sind Land, Klima und Werden einer neuen Rasse, die auch eine neue Mentalität erzeugt. Die für uns manchmal unverständliche Problemlosigkeit hat auch eine sehr angenehme Seite, und man fühlt sich an das Wort Jesu erinnert, daß man wie die Kinder werden muß, wenn man das Himmelreich erben will. Ich bin durch Canada bis an den Pacific gefahren, dann die ganze Küste herunter nach Süden und durch den mittleren Westen nach den großen Universitäten des Ostens zurückgekehrt. Ich habe 42mal gesprochen und die ganzen Kosten für mich und meinen Sohn Walter, der mich als Sekretär begleitete, durch meine Vorträge aufgebracht, so daß mich die Sache keinen Pfennig gekostet hat. Zum Schluß war ich noch 8 Tage in England, wo ich auch 4mal sprach. Ich habe jetzt gelernt, freie englische Reden zu halten, was ein großer Gewinn ist. Von den genannten 42 Ansprachen waren nämlich 20 politische oder kulturpolitische freie After-Dinner-Speeches, nur der Rest waren wissenschaftliche Vorlesungen. Ich bin überall ungeheuer nett aufgenommen worden, und mein Bekanntenkreis hat sich so erweitert, daß ich manchmal kaum mehr durchkommen kann. Jede Post bringt Briefe aus Amerika. Du kannst Dir vorstellen, was das bei meinem europäischen Bekanntenkreis bedeutet.38

Hier habe ich mich mit Energie in die Vorlesungen gestürzt, lese zweistündig Muhammed und die Anfänge des Islam vor ca. 50 Hörern, interpretiere Abu Jusuf mit 6 sehr Fortgeschrittenen, darunter ein ausgezeichneter Inder, und halte noch zweistündige Übungen über neue Islam-Literatur, wobei Du auch verarztest wirst. Dr. Kraus, der ebenso wie Björkmann und Braune die Übungen mitmacht, hat es übernommen, Deine und Schaeders Muhammed-Biographie contradiktorisch darzustellen. Ich freue mich sehr darauf. Daß Schaeder nach langem Schwanken Berlin angenommen hat, wirst Du gehört haben. Ich kenne ja Dein Spannungsverhältnis zu ihm, freue mich aber doch, ihn jetzt herzubekommen, da es mich etwas von der Verantwortung entlastet, für alle Formen der Islamkunde gleichzeitig zu sorgen. Das kann ich einfach gar nicht. Ich habe es vor, mich in ähnlicher Weise wie in diesem Semester jeweils auf ein bestimmtes Zeitgebiet der islamischen Welt zu beschränken und meine Tätigkeit nicht im Extensiven sondern im Intensiven zu suchen. Neulich war Schacht hier. Von Bergsträßer kommen leider unerfreuliche Nachrichten: er scheint seit längerer Zeit recht krank zu sein. Ich bin zurzeit auch mit einem kleinen Bronchialkatarrh zuhaus. Auch Mittwoch ist nicht ganz wohl. Kurz, es ist so der europäische Winter, wie er Dir ja zur Genüge bekannt ist.

Ich bin in meinem Hause umgezogen und habe mein Studierzimmer jetzt in das frühere Wohnzimmer meiner Frau gelegt, da das Durchgangszimmer unten für ernstere Arbeit noch unbequem lag. Ich habe mich damit sehr verbessert. Aber die Verhältnisse sind doch verändert und so schlecht geworden, daß ich wirklich noch nicht weiß, ob ich auf die Dauer ein so großes und teures Haus werde halten können. Die Steuern vertreiben einen daraus. Zur Zeit lebe ich noch etwas von der Hand in den Mund. Über die Hälfte des Tages verbringe ich mit Abwicklung des ministeriellen Erbes, d. h. mit der Fülle der Wünsche und Anregungen, die mir aus allen Gebieten unserer Geistigkeit übermittelt werden. Zur wissenschaftlichen Arbeit komme ich eigentlich nur in den Abendstunden, die mir allerdings jetzt mehr zur Verfügung stehen als früher, da ich mich gesellschaftlich ungeheuer zurückhalte. Ich denke oft darüber nach, was Du mir geraten hast und werde vielleicht auch diesen Weg gehen. Zunächst will ich einmal den 2. Band meiner Islam-Studien herausbringen, um wenigstens den ersten Teil meiner wissenschaftlichen Lebensarbeit zusammenfassend abzuschließen. Innige Freude habe ich vor allem an Paul Kraus, der sich glänzend entwickelt und immer neue Perspektiven eröffnet. Ich habe mich auch persönlich sehr mit ihm befreundet, und eigentlich das erste Mal wieder seit dem Anfang unserer Freundschaft finde ich einen jungen Orientalisten, bei dem Menschliches und Wissenschaftliches konform geht. Braune entwickelt sich ja auch sehr nett. Er ist übrigens ebenso wie Kraus jung verheiratet; aber er hat noch nicht die große wissenschaftliche Chance gehabt, die das Schicksal dem Kraus geboten hat.

Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünsche für 1931 in alter Freundschaft

Dein getreuer (CHB)

 

339. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. Istanbul-Bekek, 16.2.1935

Deutsche Morgenländische Gesellschaft. Zweigstelle Istanbul

(Maschinenmanuskript)

Liebe Frau Becker,

endlich habe ich so etwas wie eine Antwort von den Türken wegen der Bibliothek39. Mittel für ein Institut in Stambul sind nicht in Aussicht genommen. Dagegen solle eine Fakultät in Ankara gegründet werden, und dann sei es wohl möglich, die Bibliothek anzubringen. Doch ist es noch so weit. Also mal wieder eine Vertröstung auf die Zukunft. Ich weiß nun nicht, was ich Ihnen raten soll. Viele der Bücher der Bibliothek sind vom Markt verschwunden und würden wohl in auch Europa Interessenten finden, aber eine Stelle zu finden, die das ganze kauft?

Inzwischen ist hier Amar40 eingetroffen und wir haben schon ein Konzert mit ihm gegeben. Es ist gut, daß ich das habe, so könnte die schwarze Galle zuweilen die Überhand gewinnen.

Hoffentlich ist es Ihnen inzwischen gelungen, Ihre Absicht, auf eigener Scholle Ihren Kohl zu bauen, durchzuführen oder doch in Angriff zu nehmen. Es ist schön, wenn einem mal eine Absicht gelingt. Hoffentlich wird es mir vergönnt sein, Sie dort mal zu besuchen und Proben des besagten Kohls zu kosten. Auch als Seelenheilstätte scheint sich ja der Ort zu bewähren. Wenigstens schrieb mir Harro, daß er wieder schlafe. Sind dessen Affären nun eigentlich in Ordnung gekommen? Und Ihre Kindersorgen? Möge alles sich zum Rechten wenden!

Mit besten Grüßen Ihr Ihnen ergebener (gez.) H. Ritter

 

340. Hellmut Ritter an Hedwig Becker Istanbul, 30.5.1935

(Maschinenmanuskript)

Liebe Frau Beckerin,

Ich habe nicht geglaubt, daß es werden würde, aber es scheinbar doch geworden: Der Nachruf ist geschrieben. Ich erinnere mich keiner Arbeit, keines Buches, das mir so schwer geworden wäre wie dieser kurze Nachruf. Ich weiß nicht genau, warum. Manchmal meine ich, es sei das Nachlassen der Formulierungskraft im Deutschen, weil man ja nichts mehr liest, manchmal glaube ich an Widerstände gegen das Thema, manchmal fürchte ich, es könnte mir ähnlich ergehen wie ihm. Jedenfalls war es ein entsetzliches Gewürge, und ich meine, man läse dem Nachruf das deutlich an. Er ist so trocken, so matt. Und dann denke ich immer, ich hätte das wichtigste vergessen. Nun, Sie werden ja sehen. Schreiben Sie mir offen, was ich alles anders machen soll und was alles ganz verkehrt ist. Auch Harro müßte ihn mal durchsehen. Er ist doch so gebildet und hat so einen guten Stil und kennt B(ecker?) doch so gut.

Die Türken haben neuerdings wieder Lust auf die Bibliothek. Sie soll nach Ankara kommen. Es ist noch nichts fest, aber die Absicht ist vorhanden.

Ich habe große Bekümmernis und denke manchmal, ich wäre nun auch fertig. Ich schreibe darüber ausführlich an Harro, er mag Ihnen erzählen, wenn Sie dies hören wollen.

Mit vielen Grüßen Ihr ergebener (gez.) H. Ritter

 

341. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. Istanbul, 19.6.1935

(handschriftlich)

Liebe Frau Becker,

Schönen Dank für Ihren Brief. Ich will dazu nur weniges bemerken. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, daß Sie mit mir Dinge allzu persönlicher Art besprochen haben. Ich habe nichts erfahren, was mir absolut neu gewesen wäre, nur bestätigt es mir, was ich wußte und ahnte. Natürlich war ich selbst in Zweifel, ob es richtig sei, diese Dinge in einem Nachruf zu sagen. Aber ich mußte sie eben mal formulieren; wenn auch nur für einen kleinen Kreis… Nun denke ich an eine neue umgearbeitete Auflage. Nicht das Fortlassen des All-zu-Intimen macht mir Sorge, aber andere Dinge. Einen nicht-kritischen Nachruf auf B(ecker) zu schreiben, der sich nicht von ihm distanziert, ist heute lebensgefährlich. Sie wissen, daß ich wegen meines Schülerverhältnisses zu B(ecker) vom Kultusministerium herausgeschmissen worden bin. Zwar hat mich das A(uswärtige) A(mt) wieder aufgenommen, aber nachdem heute Ausbürgerungen und Verfolgungen von Leuten die am 17. Mai geboren sind quasi an der Tagesordnung sind, nachdem ich freie Konzerte gegeben habe mit dem H.A. Amar, der eben ausgebürgert worden ist, würde mich ein (positiver?unleserlich) Nachruf auf B(ecker) ans Messer liefern.

Die notwendig dunklen Seiten durch Tuten ins heutige Horn à la U-dt (?) darzustellen, ist mir unmöglich. Vielleicht hat ein Instinkt mich verleitet, die Kalotte auf anderem Gebiete dunkel zu wählen. Aber es ist vielleicht überhaupt im Augenblick das Ratsamste, zu schweigen. Genug, daß der Nachruf für Sie geschrieben ist. Ihn zu veröffentlichen, insbesondere in der dargestellten Form, habe ich heute – nach den allerjüngsten Ereignissen – einfach Angst. Werfen Sie mir einen Mangel an Mut vor, wenn Sie wollen, Mut gegen Dampfwalzen aufzubringen sehe ich mich nicht in der Lage.

Ich werde gleichwohl arbeiten, um den Nachruf so zu gestalten, wie er einmal in Zukunft erscheinen kann.

Soviel für diesmal!

Mit meinen (unleserlich) Schmerzen will ich Sie nicht belästigen. Jeder hat „sein Päckchen zu tragen“. Ich freue mich des Gedankens, daß Sie mir wohlgesinnt sind. Wenn nur einige Menschen da sind, mit denen man sich verständigen kann, ist vieles viel leichter.

In herzlicher Hochachtung Ihr H. Ritter.

Anmerkung Hedwig Beckers:

In Eile zur Kenntnisnahme! Ich bin froh über die Vernunft! Vielen Dank für Ihren Brief. H.B.

 

342. Hellmut Ritter an Hedwig Becker, Kressbronn. Istanbul, 24.7.1935

Liebe Frau Becker,

Die Türken haben sich noch nicht gerührt. Es geht alles sehr langsam hier. Noch ist aber nicht alle Hoffnung geschwunden. Denn das Institut, für das sie in Frage kommt, soll erst noch gegründet werden.

Ich vergaß Ihnen im letzten Brief die Adresse meiner Mutter mitzuteilen. Marburg-Lahn, Ritterstraße 15! Sie ist aber erst von Ende August an dort, vom 20. an etwa.

Den Nachruf werde ich umarbeiten. Bisher hat freilich der Islam noch nicht wieder angefragt. Ob er auch Angst hat wie ich? Wahrscheinlich finden Sie mich jetzt sehr feige. Ich werde es mal so versuchen: Ich schreibe den Nachruf zu Ende und schicke ihn dann an Kahle, ob er meint, daß man ihn veröffentlichen soll. Ich warte eigentlich dauernd auf irgend einen Rausschmiß. Ich bin dabei fatalistisch (?unleserlich), spiele mit ausgebürgerten Ostjuden Quartett und bin am 17.5. geboren. Kann man stärker (unleserlich) sein? Andererseits möchte man gerne nicht zu Kreuze kriechen. Nun wir werden sehen.

Schade, daß Harro immer zu würgen hat. Aber wenn er glücklich verheiratet wäre, wäre er sicher längst in einem Lager angelangt, das uns trennte. Vielleicht ist er es schon, ich weiß es klugerweise nur nicht. Die Freunde werden so mir immer weniger.

Immerhin habe ich wenigstens wieder mit Scheib (?) einen, wenn auch schmalen(?) Schriftwechsel aufgenommen. Er war des Gattenmordes angeklagt, ist aber glänzend freigesprochen worden. Dafür hat er eine andere Affaire gehabt, die seinen Ausschluß aus der Kartei und allen Berufsorganisationen zur Folge gehabt hat, und läuft brotlos herum.

E. Zwirner (?), Vater eines zweiten Kindes, ist nicht so geeignet zur Aussprache. Bleibt Harro, dem man – unberufen – ein Denkmal errichten müßte.

Verzeihen Sie diesen grauenhaften Schluß. Der Füllhalter war an sich ein Mißkauf. Seit 30 Jahren suche ich einen Halter, mit dem ich schreiben kann. Bisher gänzlich vergebens.

Mit herzlichem Gruß Ihr ergebener H. Ritter.

 

343. Postkarte von Hellmut Ritter an Hedwig Becker. Istanbul, 6.8.1935

Lieber Frau Becker,

Ich sende Ihnen mit gleicher Post den Nachruf in neuer Form zu, und wäre begierig zu erfahren, ob Sie ihn nunmehr für geeigneter halten als vorher. Sollten Sie ihn für druckbar halten, so könnte er ja an Strischmann (unleserlich) gehen und erscheinen. Doch möchte ich vorher Ihre Ansicht wissen.

Mit bestem Gruß Ihr ergebener H. Ritter.

 

344. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. München 23, Tristanstr. 4, bei Prof. Pretz (o.D., August 1935 ?)

Sehr verehrte Frau Becker,

eben bietet Prof. Pretzl an, die Bibliothek zu kaufen, mit 3000 Reichsmark Anzahlung und neun Jahresraten zu ca. 700 RM. Im übrigen möchte ich Ihnen raten, noch bis Ende des Monats zu warten, da ich mich auf dem Orientalistentag auch nochmals umhören will. An sich ist der Vorschlag Ihres Maklers diskutabel, nur dürfte das Geld so etwas langsamer eingehen.

Ich schreibe Ihnen sofort, ob etwas Greifbares herausgekommen ist. Die Türkensache werde ich als ultima ratio betrachten.

Mit bestem Gruß Ihr ergebener H. Ritter.

 

345. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. München, 29.8.1935

Lieber Frau Becker

Ich bin zur Zeit in München, wo ich meinen Malentin auf die Photographenschule getan habe – mit blutendem Herzen. Denn das Loch, das er in Konstantinopel hinterläßt, ist fürchterlich groß und ich weiß absolut nicht, womit ich es zustopfen soll. Es wird mir einen gar jämmerlichen Abschied geben.

Ich wollte Sie fragen, ob Sie die neue Auflage des Nachrufes bekommen haben und Ihre erneute Kritik dazu hören.

Ich werde in Rom auf dem Orientalistenkongreß mich nach neuen Möglichkeiten für die Bibliothek umhören, wer weiß, wie lange die Türken, sehr langsame und schlechte Zahler, noch machen.

Ich möchte so sehr gerne hören, daß Sie mit Ihrem Kohlanpflanzen vorwärts kommen. Es wäre so angenehm zu wissen, daß wenigstens dieser und jener nette Mensch aus dem Gedränge herauskommt.

Kommen Sie nicht mal nach München? Hätte Sie gerne gesprochen.

Meine alte Mutter will mich hier unten irgendwann für 8 Tage besuchen. Ich suche einen stillen Platz für uns beide. Wo gibt es wohl so was?

Mit vielen Grüßen Ihr ergebener H. Ritter

 

346. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. München, 3.9.1935

Liebe Frau Becker,

Ich gratuliere Ihnen zu Ihren neuesten Kohlbauerfolgen und wünsche Ihnen viel Heil und Segen in Ihrer neuen Tätigkeit. In der Tat: Unkraut jäten ist eine schöne Sache. Wenn man das doch auch mit den Menschen so machen könnte!

Ihre Bücherangelegenheit behalte ich weiter im Sinn. Ich werde mich auf dem Orientalistentag noch mal weiter umhören.

Was den Nachruf anlangt, so bin ich nicht entsetzt, nur ziemlich ratlos. Denn ich sehe nicht, was ich noch ändern soll. Aber es ist vielleicht am besten, Sie sind so freundlich und schicken ihn mir hierher, damit ich ihn baldigst ein paar Kollegen zeigen kann. Ob es überhaupt Sinn hat, ihn zu drucken, ist ja auch noch fraglich.

Ich danke Ihnen für Ihr Angebot wegen einer Unterkunft für mich und meine Mutter am See. Ich denke, ich werde an den Starnberger See gehen.

Kommt Harro durch München? Er sollte mich dort aufsuchen.

Herzlichst grüßend Ihr ergebener H. Ritter.

 

347. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. Istanbul, 11.10.1935

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrte Frau Becker,

also in Rom ist nichts greifbares herausgekommen. Ankara scheint mir nach den neuesten Nachrichten auch sehr zweifelhaft zu sein. Bleibt übrig das Angebot von Prof. Pretzl, München 23, Tristanstr.4, mit dem Sie sich ja in Verbindung setzen können. Sollte das auch nichts werden, so rate ich allerdings dann auch zum Einzelverkauf. Leider kann ich den Franz’schen Brief im Moment nicht finden. Ich hoffe, er wird sich beim Kramen noch auftun. (Handschriftlicher Zusatz: Schon geschehen).

Sehr herzlichen Dank für die überaus gütige Übersendung des Kelims an meine Mutter.

Mit herzlichem Gruß Ihr ergebener (gez.) H. Ritter.

 

348. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. Istanbul, 17.10.1935

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrte, liebe Frau Becker,

Ich sitze mal wieder am Nachruf. Weiß nicht, warum es so schwer ist. Es war doch ein so guter und netter und gescheiter Mann. Er hat sich doch auch um einen gekümmert, weiß Gott. Aber irgendwo geht die Rechnung nicht auf, wie ein periodischer Dezimalbruch. Nun also, ich möchte gern wissen das Jahr des Abiturs und des Einzugs in die Universität, und zweitens, ob Sie irgendeine Vorstellung haben, warum er eigentlich Orientalist geworden ist. Mir schwebt so etwas vor, als ob es religionsgeschichtliche Interessen gewesen wären. Aber von wem wurden die geweckt? Von wem ist er eigentlich in Heidelberg besonders beeinflußt oder gefesselt gewesen? Ich weiß darüber gar nichts sicheres. Könnten Sie mir ein wenig darüber schreiben?

Was macht Ihr Kohl? Ist er nun endlich angebaut? Der meinige will augenblicklich nicht recht gedeihen. Man murxt sich so hin.

Ihr ergebener (gez.) H. Ritter

 

349. Hellmut Ritter an Hedwig Becker. Istanbul, 23.2.1936

Deutsche Morgenländische Gesellschaft

Liebe Frau Becker,

Das Ankara Schreiben besagt nur, was wir hier ohnehin wissen. Daß das Budget des türk(ischen) K(ultus)M(inisteriums) derzeit, d.h. bis Ende Mai, erschöpft ist. Vor Juni läßt sich gar nichts tun und auch über Aussichten in keiner Weise orakeln.

Inzwischen habe ich, frech wie ich bin, beim Preußischen K(ultus)Ministerium den Antrag gestellt die Bibliothek des früheren K(ultus)Ministers mir bzw. der obigen Firma, zur Verfügung zu stellen. Was dabei herauskommen wird, ahne ich nicht. Aber kein Ding ist unmöglich.

Ich habe zunächst einmal den Erfolg dieser Aktion abzuwarten, aber ob da je in nächster Zeit entschieden wird, nach meiner Kenntnis des Geschäftsverfahrens im K.M.. Vielleicht tun sie es in zwei Raten, wenn die Summe für sie in einem Jahr zu hoch ist. Der Antrag geht gleichzeitig mit diesem Briefe ab.

Mit besten Wünsche Ihr ergebener H. Ritter.

 

350. Hedwig Becker an Hellmut Ritter. Kreßbronn, 7.3.1936

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Ritter!

Ich möchte Ihnen doch gleich mitteilen, daß es mir nun doch gelungen ist die Bibliothek zu einem annehmbaren Preis an ein deutsches Antiquariat zu verkaufen. Die Sache war schon im Gange und fast abgeschlossen, als Ihre Nachricht von der Eingabe an das KM kam; es wäre mir leid, wenn von da nun eine zusagende Antwort käme, ich mußte aber schnell zugreifen, da im Augenblick anscheinend mehrere ähnliche Objekte angeboten sind.

Ich möchte Ihnen auch gleichzeitig sehr für all Ihre Mühe in dieser Sache danken!. Es ist mir nicht leicht geworden, diese mit so viel Sorgfalt zusammengestellte Bücherei zu veräußern; aber es hatte keinen Sinn, da sentimental zu sein.

Mit vielen Grüßen Ihre (HB)


1 Hellmut Ritter *1892 Hessisch-Lichtenau +1971 Oberursel/Taunus, Orientalist, Schüler und Assistent von C.H.B., 1919 Professor in Hamburg nach seiner Rückkehr aus der Türkei, 1935 Istanbul und 1949 Frankfurt am Main. Herausgeber und Interpret klassisch-arabischer und persischer Texte, Rezeption des türkischen Schattenspiels und christlich-neuaramäischer Erzähl- und Märchenstoffe; grundlegend auch seine Arbeiten zur islamischen Mystik.- Bruder des Historikers Gerhard Ritter *1888 + Freiburg und des Theologen Karl Bernhard Ritter *1890 +1968. Brockhaus 1996

2 Metropolitankirche ist lt. Brockhaus 1885, die erzbischöfliche Mutter- oder Hauptkirche der Hauptstädte; wie dieser Titel Metropolitan nach Kassel kommt, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht aus der Zeit des napoleonischen Königreichs Westfalen. Der Herausgeber.

3 Freie Kost? Der Herausgeber

4 hier wohl: fotografiert. Der Herausgeber.

5 Christen? Der Herausgeber

6 Hervorhebung vom Herausgeber.

7 Die Bagdadbahn ist rund 1600 km lang und wurde zwischen 1903 und 1940 gebaut. Sie schließt sich an die Anatolische Bahn von Istanbul nach Ankara und Konya an. Mit den Nebenstrecken in Syrien und dem Irak ist sie über 3200 km lang!. Sie ist (nach Wikipedia 2008) eines der aufwendigsten Infrastrukturprojekte des deutschen Finanzimperialismus. Dadurch wurde sie zu einer der Ursachen des 1. Weltkrieges, denn Großbritannien sah seine Position im Vorderen Orient bedroht.- Der Höhepunkt liegt bei 1478 m im Taurusgebirge, denn dort verlief die Bahn aus strategischen Gründen, mit insgesamt 37 Tunneln. Sultan Abdülhamid II. wollte dadurch seinem Reich eine gute Struktur geben – denn nicht nur Bagdad, sondern auch Jerusalem und Mekka wurden in den Bau mit einbezogen. „Die Bagdadbahn spielte auch beim Völkermord an den christlichen Armeniern eine nicht zu unterschätzende Rolle. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg stellte der Osmanische Staat unzählige Armenier zu Arbeitseinsätzen beim Eisenbahnbau ab. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges wurde die Zwangsarbeit ausgeweitet. Mehrer zehntausend Armenier starben bei Bau der Strecke. Ab Oktober 1915 diente die Bahn mit deutscher Unterstützung auch als Transportmittel für die systematische Deportation der Armenier aus ihren Siedlungsgebieten in Richtung der Syrischen Wüste.“ Für weitere Details verweise ich auf den Artikel in Wikipedia 2008. Der Herausgeber

8 Hervorhebung durch den Herausgeber.

9 Leo Frobenius, Völkerkundler und Kulturphilosoph *1873 +1938, entwickelte den Begriff des ‚Kulturkreises’, unter dem er Gebiete mit ähnlichen Kulturelementen zusammenfaßte, sowie seine Lehre von der Kulturmorphologie, in der die einzelnen Kulturen als lebende Organismen angesehen wurden. 1932 Prof. in Frankfurt am Main, 1934 Direktor des dortigen Völkerkundemuseums. 12 Forschungsreisen zwischen 1904 und 1935, bei denen er Materialen zur traditionellen Kultur, altafrikanisches Erzählgut und Felsbilder erforschte. (Nach Brockhaus 1996)

10 Die Abbildung fehlt. Der Herausgeber

11 Neben der kriegsrechtlichen Kapitulation, die keinerlei Auswirkung auf die Völkerrechtssubjektivität des kapitulierenden Staates hat, gibt es auch eine Kapitulation im Friedensrecht, die allerdings der Geschichte angehört. Es handelt sich hierbei um die zwischen europäischen und nichteuropäischen Staaten abgeschlossenen Verträge, durch welche die Europäer von der Rechtsordnung und Gerichtsordnung des Aufenthaltsstaates ausgenommen und statt dessen einer Konsulargerichtsbarkeit ihres Heimatlandes unterstellt wurden. (nach Brockhaus 1996.

12 Bernhard Graf (1899 Fürst) Bülow *1849 + 1929, Reichskanzler 1900-1909. Nach seinem Abschied ging er 1914/15 als Botschafter nach Rom und suchte vergeblich, Italien vom Kriegseintritt abzuhalten.

13 Nauen und der Eiffelturm sind vermutlich Kurzwellensendepositionen.

14 Liegt nicht bei. Der Herausgeber

15 Hervorhebung vom Herausgeber.

16 Die beiden Aufnahmen stammen aus der sehenswerten Sammlung von Wegner (1887-1978) aus dem Literaturarchiv in Marburg, die zum Teil im November 2008 in der Berliner Guardini-Galerie gezeigt wurden. Sie zeigen das ganze Elend der Armenier, die von den Türken erbarmungslos massakriert wurden. Man könnte ihn als Kronzeugen aufführen für die Berichte von Ritter u.a. 1916. Der Herausgeber

17 Diese Lichtbilder befinden sich zusammen mit den von Becker gemachten 1900/1902 im Privatarchiv der Familie Becker in Berlin. Sie sind sehenswert und sollten, wenn es möglich wäre, eigentlich hier mit gedruckt werden. Ich habe sie gesichtet und eine Auswahl getroffen. Der Herausgeber.

18 Hervorhebungen vom Verfasser.

19 Wohl Ramadan. Der Herausgeber.

20 Hervorhebung des Herausgebers.

21 Die diakritischen Zeichen bei der Umschreibung arabischer Wörter ist mit einer normalen Schreibmaschine bzw. mit dem PC (Word) nicht möglich: So befinden sich in der Handschrift zuweilen ein Punkt, manchmal aber auch zwei unter den Konsonanten. Der Herausgeber.

22 Hervorhebung vom Herausgeber.

23 Es handelt sich um Beckers Zeitschrift Der Islam.

24 Es handelt sich um die Briefe Ritters an Prof. Kampffmeyer, Berlin wegen die Koordinierung der Zeitschriften „Die Welt des Islam“ der DMG und des „Islam“ von Becker, sowie einer weiteren Zeitschrift der „Neue Orient“. Der Brief von Lüdtcke an Ritter vom 28.10.1919 befaßt sich ebenfalls mit der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft und ist eher von Zurückhaltung gegenüber Becker geprägt; die Herausgeber der verschiedenen Zeitschriften und die jeweiligen Verleger würden sich einig werden!

Die Antwort Ritters an Lüdtcke vom 8.11.1919 verweist auf die Arbeitsbelastung bei der Zusammenlegung der Zeitschriften. Der Gründung eines größeren Verbandes steht nichts im Wege: Franke, Konow, der Iranist Junker sind dafür, Meinhof hielte sich zurück. Die Sektion Sinologie und Turkologie müsse man wohl umbenennen, so Franke, in Ost- und mittelasiatische Forschung. Sie könne sich auch nicht aus der ZDMG (Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft) entwickeln, sondern müsse sich an die Ostasiatische Zeitschrift anschließen. – Ritter plädiert auch für eine neue Sektion Zeitgeschichte des Orients.

25 Den Brief Trübners vom 3.4.1920 habe ich nicht abgedruckt: Nur 131 inländische und 31 ausländische Bezieher der Zeitschrift „Der Islam“. Ständiges Defizit. Bogenzahl absolut begrenzen auf 18. Bildtafeln verteuern stark. Abo-Preis muß erhöht werden von 25 auf 40 Mark. Der Herausgeber.

26 Hervorhebung des Herausgebers.

27 Meines Erachtens ist der Brief nicht von Hellmut Ritter, sondern von einem Ritter in der Landesversammlung. Die Unterschrift ist ebenfalls nicht identisch. Ein typischer Aktenirrläufer, den ich aber aus inhaltlichen Gründen nicht ausgeschlossen habe. Im Handbuch über den Preußischen Staat für das Jahr 1922 wird auf Seite 27 unter den Landtagsmitgliedern ein Dr.Ritter, Pfarrer in Berlin und MdL für Hessen-Nassau genannt.

Der Herausgeber.

28 Unterstreichung des Empfängers.

29 Aus einem Brief von Vater Ritter, Niederzwehren 12.3.1922, geht hervor, daß der Zeitschrift „Islam“ etwa 10 000 Mark fehlten. Dazu kommt die persönliche Misere Hellmut Ritters, der seine Verlobung hat platzen lassen und seinen Eltern ziemlich verstört vorkam, weswegen der Vater diesen dringenden Brief an Becker sandte!

30 Anmerkung Ritters: Heil der Seele ist zugleich ein Personenname.

31 Diese Briefe wurden von mir nicht abgedruckt. Der Herausgeber

32 Die Liste der afrikanischen Handschriften wurde von mir nicht kopiert. Der Herausgeber.

33 Arabische Anmerkung

34 Vom Empfänger unterstrichen. Der Herausgeber

35 Offenbar waren Weil und Ritter gemeinsam in Persien. Der Herausgeber

36 Bibliothek der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft? Der Herausgeber

37 Natürlich liegt er nicht bei. Der Herausgeber

38 Hervorhebung durch den Herausgeber.

39 Es handelt sich um die Bibliothek von CHB, deren Verkauf nach Amerika nach dem Tode Beckers 1933 scheiterte an der Wirtschaftskrise.

40 Das Konzert der Freunde der Kammermusik fand am 3.2.1935 in Galata Saray statt; es spielten L. Amar, Violine, Viola K. Schrickel, Cello Dr. H. Ritter, Flöte G.Ernst, Horn R. Eidler und Baß H. Pöckh. Am Klavier F. von Statzer. Programm: Bach, Brahms und Schubert

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