Gesellschaft für Ostasiatische Kunst Berlin, 1929

HA VI. Nachl. C.H. Becker Rep.92. Nr 408

253. Gesellschaft für Ostasiatische Kunst Berlin an C.H.B. Berlin, 23.1.1929

( Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister,

dürfen wir die Bitte aussprechen, uns den Wortlaut der Rede, die Sie bei der Eröffnung unserer Ausstellung in der Akademie hielten, freundlichst zur Verfügung zu stellen? Wir möchten Ihre Ansprache gern in den Mitteilungen unserer Gesellschaft zusammen mit der von Herrn Präsidenten Liebermann und Herrn Dr. von Klemperer abdrucken.

Im Voraus für Ihre Liebenswürdigkeit dankend bin ich, sehr verehrter Herr Minister, mit dem Ausdrucke der vorzüglichsten Hochachtung Ihr sehr ergebener

William Cohn, 2. Schriftführer

 

254. C.H.B. an Dr. Cohn. Berlin, 25.1.1929

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor!

Ihrem Wunsche entsprechend lasse ich Ihnen hiermit den Wortlaut der von mir am 12. Januar d. J. bei der Eröffnung der Ausstellung Chinesischer Kunst gehaltenen Rede zum Abdruck in den Mitteilungen der Gesellschaft zugehen.

Mit vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst (C.H.B.)

Anlage

Rede zur Eröffnung der Ausstellung Chinesischer Kunst

Meine Damen und Herren!

Für die freundlichen Worte der Begrüßung danke ich Ihnen, Herr Präsident, und Ihnen Herr von Klemperer! Auch ich begrüße herzlich die Gäste der Akademie, allen voran die Vertreter des diplomatischen Corps und in ihrer Mitte besonders den diplomatischen Vertreter des Volkes, dessen künstlerischem Schaffen wir die Möglichkeit dieser erfreulichen Ausstellung verdanken.

Sie haben bereits darauf hingewiesen, daß die Preußische Akademie der Künste nicht zum ersten Male ihre Säle für eine Ausstellung ostasiatischer Kunst öffnet. Im Herbste des Jahres 1912 war hier eine sehr qualitätsvolle Schau chinesischer und japanischer Kunst zu sehen, die ausschließlich aus deutschem öffentlichen und privaten Besitz stammte. Die Ziele der diesjährigen Veranstaltung sind andere: sie sind enger gesteckt, denn Sie haben Ihr Augenmerk nur auf China gerichtet, aber insofern sehr viel weiter, als Sie im weitgehendsten Maße auch außerdeutsche Sammlungen und Kunstfreunde zur Mitwirkung aufgerufen haben. Dass dies gelungen ist und fast alle, an die Sie sich wandten, der Einladung Folge leisteten, so daß eine Ausstellung von weltweiter Bedeutung zusammengekommen ist, betrachte ich als ein glückliches Zeichen internationaler Zusammenarbeit, deren Früchte wiederum allen zu Gute kommen werden, denen die Beschäftigung mit der künstlerischen und geistigen Kultur des fernen Ostens als wichtige Ergänzung eigenen Daseins erscheint. In denen, die ihr bisher noch ferne standen, wird vielleicht – und ich hoffe das – ein bestimmtes Gefühl dafür wach werden, wie wichtig solch ein Blick über die Grenzen eigenen Anschauungs-, Denk- und Gestaltungsformen ist. Denn dieses Kennenlernen, sofern es offenen, aufnahmebereiten Sinnes erfolgt, wird mindestens Keime des Verständnisses dafür aufgehen lassen, daß jenseits selbstbewußten Fühlens noch weite Möglichkeiten schöpferischer Betätigung gegeben sind, die ebenso innerlich im seelischen Dasein wurzeln und darum das gleiche Recht auf Leben und Auswirkung haben wie unsere eigenen. Dabei handelt es sich ja nicht um Vermehrung bloßen Wissensstoffes, sondern um schauendes Begreifen von Lebensäußerungen, die mit den feinsten Regungen des Herzens und der Sinne verwachsen sind. Eigenes mit Fremdem vergleichen zu können: das ist wesentliche Voraussetzung aller Bildung, der es nicht nur um die Kenntnis gewisser Tatsachen, sondern vornehmlich auf ein Verstehen ankommt, dessen wertvollste Frucht in der mitfühlenden Duldung andersgerichteten Wollens und Könnens besteht.1 Sie werden daher begreifen, meine Damen und Herren, wenn ich den hohen Wert dieser Veranstaltung nächst der unmittelbaren Förderung kunstgeschichtlicher Forschung und begeisterter Sammlerfreude vor allem in einem erzieherischen Moment von allgemeiner Bedeutung erblicke, das dazu beitragen kann, unserem internationalen Ethos und überhaupt unserem Verkehr mit Andersdenkenden eine bestimmte geistige Höhenlage zu sichern.

Die Mühe, die Sie, Herr von Klemperer und der gesamte Vorstand der Gesellschaft für ostasiatische Kunst gehabt haben, um der noch jungen Gesellschaft jenen Resonanzboden in der öffentlichen Meinung aller Länder zu sichern, der diese Ausstellung überhaupt erst möglich gemacht hat, ist nicht umsonst gewesen und verdient aufrichtige warme Anerkennung. Lassen Sie mich Ihnen und dem Vorstande hier wärmstens danken, ebenso auch Ihren wissenschaftlichen Mitarbeitern, namentlich den Herren der Museumsverwaltung und der Akademie, die keine Arbeit und keinen Zeitaufwand gescheut haben, um die Werke, die wir heute hier bewundern dürfen, zusammenzubringen und auszustellen. Dank vor allem auch den Sammlern und den Museen, die ihre kostbaren Schätze uns für einige Zeit zur Verfügung gestellt haben. Mögen in dem Erfolg der Ausstellung, die ich hiermit als eröffnet erkläre, alle Beteiligten die innere Befriedigung finden, die ihre aufopfernde Hingabe an das gemeinsame Werk verdient!


1 Hervorhebung vom Herausgeber.

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