Deutsch-Türkische Vereinigung, 1914-27

VI.HA. Nl. C.H.Becker. Nr.176 Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz

Anmerkung des Archivs:

Die DTV gründete im August 1915 als Unterabteilung eine

  • Auskunftsstelle für deutsch-türkische Wirtschaftsfragen, die später, 1916 in
  • Zentralgeschäftsstelle für deutsch-türkische Wirtschaftsfragen (zeitweilig auch
  • Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrale) umbenannt wurde und ab
  • 1918 als Wirtschaftsinstitut für den Orient e.V. neu konstituiert wurde.
  • Geschäftsführer waren R. Junge (wissenschaftliche Abteilung) und G. Kayser (kaufmännische Abteilung)

 

60. Zentralgeschäftsstelle für Deutsch-Türkische Wirtschaftsfragen.

 Geschäftsbericht für die Zeit vom 1.10.1915 bis 31.3.1917. Berlin, 31.3.1917

(gekürzt vom Hg.)

(Die DTV) wollte im weitesten Sinne aufklärend wirken und zwar sowohl durch Auskünfte wie durch gutachtliche und sachverständige Unterstützung der Behörden, wirtschaftliche verbände und privater Kreise. Sie gedachte dadurch wie durch die Schaffung eines wissenschaftlichen Orientinstituts an der Regelung der künftigen Friedensbeziehungen am wirtschaftlichen Teile mitzuarbeiten.

…Folgende Flugschriften sind bereits herausgegeben und im Verlage von Gustav Kiepenheuer Weimar erschienen:

  • Heft 1: Die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen;
  • Heft 2: Türkisches Zollhandbuch;
  • Heft 3: Türkische Wirtschaftsgesetze

In Vorbereitung sind folgende:

  • Heft 4: Winke für Geschäftsanknüpfungen mit der Türkei. Organisation und Technik des Handels in und mit der Türkei.
  • Heft 5: Wichtige türkische Handelszweige, Textilwaren, Kleineisen, Maschinen..

Mit Ende des vorigen Jahres (i.e. 1916) entschloß sich die Zentralgeschäftsstelle diese Tätigkeit zu ergänzen durch die Herausgabe von vertraulichen Nachrichten. Diese sollen dazu dienen, vor allem den Mitgliedern der DTV aus Handel und Gewerbe aktuelles wirtschaftliches Nachrichtenmaterial, das für sie von geschäftlichem Wert sein kann, in einer Zusammenfassung, die das Heraussuchen dieser Nachrichten aus den Quellen erspart, zu übermitteln.(…)

Diese Aufklärungsarbeit war die Zentralgeschäftsstelle aber auch durch eine umfangreiche Auskunftstätigkeit zu ergänzen in der Lage, und zwar durch Auskünfte in Form größerer Denkschriften und Gutachten, vor allem an die Reichsbehörden, wie durch kleinere Auskünfte im laufenden Geschäftsverkehr. Diese letzteren betrafen Fragen über Bezugs- und Absatzmöglichkeiten, über Transportverhältnisse und über die Vorbereitung des Friedensgeschäfts. Hier war es oft nicht leicht, befriedigende Auskünfte zu geben, da die Kriegsverhältnisse mit ihrer Fülle von Zentralisationen und Bestimmungen die Aufgabe sehr erschwerten. An größeren Denkschriften wurden unter anderem erstattet:

  • Berichte und Gutachten über die Nahrungsmittelversorgung in der Türkei,
  • Über die Filmpropaganda in der Türkei;
  • Über Einrichtungen des deutschen Kriegsein- und Verkaufs in der Türkei u.a.m.

Da sich Anzeichen bemerkbar machten, daß, wie vor dem Kriege in unseren Kolonien, so jetzt auch on der Türkei zweifelhafte Existenzen sich mit schwindelhaften Gründungen befassen, gliederte sich die ‚Auskunftsstelle’ eine besondere ‚Begutachtungsstelle für Gründungswesen in der Türkei’ an. Diese Begutachtungsstelle prüft die der Öffentlichkeit mitgeteilten Pläne über Neugründungen in der Türkei nach und läßt, falls es sich ergeben sollte, daß sie sich auf übertriebenen Hoffnungen oder auf falschen Darstellungen der tatsächlichen Verhältnisse aufbauen, der Öffentlichkeit Aufklärungen zugehen.

An gesunden Gründungsprojekten teilzunehmen, ist andererseits die Zentralgeschäftsstelle (ZG) immer bereit gewesen; allerdings kann diese Teilnahme nur in der Form gewährt werden, daß die ZG ihre sachverständige und gutachtliche Arbeit für die Prüfung der Projekte und ihre Einrichtungen für die Beratung der Projekte den Interessenten zur Verfügung stellt.

(…)

Der Verbreitung der wirtschaftswissenschaftlichen Arbeit, für die so der bisher fehlende Grundstock1 geschaffen wurde, dient das von den Mitarbeitern der wissenschaftlichen Abteilung herausgegebene und redigierte ‚Archiv für Wirtschaftsforschung im Orient’, im Verlage von Gustav Kiepenheuer in Weimar.

(…)

Die ZG ist immer bemüht gewesen, alle ihre Aufgaben zu lösen unter Benutzung zuverlässigen Materials und unter Heranziehung wirklicher theoretischer und praktischer Kenner des Orients und ist weiter bestrebt, ihre Aufgaben zu erledigen unter Vermeidung aller Doppelarbeit und durch Begrenzung ihrer Arbeitsgebiete und Zusammenarbeit mit bestehenden Institutionen.2

 

61. Auswärtiges Amt an C.H.B., Professor in Bonn. Berlin 4.2.1914

Vertraulich! (Maschinenmanuskript)

An Herrn Professor Dr. Heinrich Becker, Hochwohlgeboren, Bonn.

Wie mir der vorbereitende Ausschuß zur Gründung einer DTV mitgeteilt hat, bringen Euer Hochwohlgeboren den auf die Förderung deutscher Kultur in der Türkei gerichteten Bestrebungen lebhaftes Interesse entgegen.

In der Tat unterliegt es keinem Zweifel, daß bei der Neugestaltung der Dinge, die sich in der Türkei vollzieht, die Reform des Bildungswesens von grundlegender Bedeutung sein wird. Hilfe von deutscher Seite würde der Türkei in dieser Arbeit besonders wertvoll und auch, wie wohl hinzugefügt werden darf, besonders willkommen sein. Die Schaffung deutsch-türkischer Schulen mit Einschluß von Hochschulen und alle anderweitige, der Übertragung deutscher Kulturwerte dienende Tätigkeit würde zugleich in erwünschter Weise die mannigfache Anregung und Förderung ergänzen, die die Türkei auf sonstigen Gebieten von Deutschland her zuteil wird. Die wirtschaftliche Rückwirkung, die andere Nationen aus ihrer Kulturarbeit in der Türkei seit langen Jahren erfahren, dürfte dann auch für Deutschland in vollem Maße zu erwarten sein.

Der erwähnte Ausschuß hält nunmehr den Zeitpunkt für gekommen, alle an seinen Bestre-bungen interessierten Kreise zu einer umfassenden Vereinigung zusammenzuschließen, in die vielleicht andere, ähnliche Ziele verfolgenden Gruppen eintreten könnten. Seine Auffassung von der Art, wie diese Vereinigung wirksam sein würde, hat er in dem anliegenden Satzungsentwurf3 niedergelegt, von dem ich annehmen möchte, daß er eine zweckmäßige Grundlage für die Betätigung des Vereins darstellen würde.

Bei der Bedeutung der Angelegenheit habe ich mich gern bereit erklärt, dem Wunsche des Ausschusses entsprechend, in der konstituierenden Versammlung den Vorsitz zu übernehmen. Ich beehre mich demgemäß, Euer Hochwohlgeboren zu dieser Versammlung, die am 11. d.M. im Bundesratssaale, hier, Wilhelmstraße 71, vormittags 11 ¼ Uhr, stattfinden soll, ergebenst einzuladen; an die Verhandlungen würde sich eine gesellige Zusammenkunft der Teilnehmer schließen. Es würde mich freuen, Sie in der Versammlung begrüßen zu können oder, falls Sie verhindert sein sollten, anderweit zu hören, daß Sie Ihre Erfahrung und Ihr Interesse in den Dienst der Sache stellen wollen.

Gez. Jagow

 

62. Deutsch-Türkische Vereinigung an C.H.B. Berlin, 22.7.1914

Ehrenmitglieder: Exz. Generalfeldmarschall Frhr. Von der Goltz, Berlin ; Exz. General Mahmud Mukhtar Pascha, Kaiserlich Türkischer Botschafter in Berlin; Exz. Frhr. von Wangenheim, Kaiserlich Deutscher Botschafter in Konstantinopel.

Vorstand: Vorsitzender: Wirklicher Legationsrat Dr. Helfferich, Direktor der Deutschen Bank Berlin;

  1. stellvertr. Vors. Dr. Schacht, stellv. Direktor der Dresdner Bank Berlin;
  2. 2. stellv. Vors. Prof. Dr. Wiedenfeld, Köln;
  3. Schatzmeister: Dr. Alexander, Direktor der Orientbank, Berlin;
  4. Franz Johannes Günther, stellv. Generaldirektor der Anatolischen Eisenbahn, Konstantinopel;
  5. Dr. von der Nahmer, Köln
  6. Geh. Oberreg.-Rat Dr. Sachau, Direktor des orientalischen Seminars, Berlin;
  7. Generalkonsul Dr. Paul von Schwabach, Berlin

An die Mitglieder der Deutsch-Türkischen Vereinigung e.V.

Wir bitten Sie den von Ihnen gezeichneten Mitgliedsbeitrag nunmehr an eine unserer (oben angegebenen) Zahlstellen einzusenden, damit wir Ihnen die Mitgliedskarte zustellen können.

In der Beilage überreichen wir Ihnen

  • Den Aufruf der DTV, dessen Ausschuß durch Neuwahlen ständig erneuert wird; und
  • Eine Antwortkarte mit der Bitte um Ausfüllung und Einsendung.

Wir danken Ihnen für Ihre bisherige Mitarbeit. Ein guter Anfang ist gemacht, aber doch nur ein Anfang!

Das wichtige kulturpolitische Werk, das uns im Interesse der deutschen Entwicklung zur Aufgabe gestellt ist, bedarf weit größerer Mittel als bisher, wenn es neben den älteren und größeren Erfolgen von Frankreich und England sich einen Einfluß sichern soll. Wir bitten daher auch Sie nochmals um Ihre fernere Mitwirkung durch die Gewinnung weiterer Mitglieder und Mittel für die Ziele der DTV.

Mit vorzüglicher Hochachtung die DTV e.V- gez. Jäckh4

Anlage

 

63. Aufruf zum Beitritt in die DTV.

Erst spät ist Deutschland in den friedlichen Wettbewerb um die Märkte der Levante ein-getreten. Nach der Errichtung des Deutschen Reichs vergingen Jahrzehnte, ehe unser Handel und Gewerbefleiß sich anschickten, ihren Erzeugnissen in der Türkei Absatz zu suchen. Man darf sagen, daß der Bau der Anatolischen Bahn und die Begründung einer direkten Schiffahrtsverbindung zwischen deutschen und türkischen Häfen den ersten Anstoß gaben, unsere Waren in größeren Mengen dorthin zu führen. Eine steigende Entwicklung unserer Ausfuhr nach dem türkischen Reich ist seitdem zu verzeichnen, von 34 auf 105 Millionen Mark jährlich, ebenso wie bei den Rückfrachten, die sich von 10 auf 75 Millionen hoben. Durch rastlose treue Arbeit hat sich die dort angesiedelte deutsche Kaufmannschaft im ganzen Orient den Ruf vollkommenster Zuverlässigkeit erworben, und gewaltige Leistungen sprechen von der Tüchtigkeit unserer Ingenieure und Baumeister, die jetzt daran sind, den Schienenweg zwischen der osmanischen Hauptstadt und dem Persischen Golf zu vollenden.

Unsere Industrie wird dadurch, wie schon bisher, Gelegenheit zu großen Lieferungen geboten. Deutsche Offiziere, schon seit den tagen Moltkes, wie deutsche Beamte, widmen sich in hingebungsvoller Pflichterfüllung der Entwicklung des türkischen Heeres und der Verwaltung.

Und doch stehen wir weit hinter anderen Völkern zurück in dem planmäßigen Streben, deutsche Kultur und Sprache, Wissenschaft, Sitte und Art der einheimischen Bevölkerung in der Türkei näher zu bringen und ihnen Freunde zu gewinnen. Nur wenige Krankenhäuser werden von uns unterhalten, viel zu wenig Schulen vermitteln Bekanntschaft mit unserem Geistesleben, das doch den Wettbewerb mit dem aller andern Völker aufnehmen darf. Die Ausfuhr geistiger Güter sollen wir beginnen, um Herz und Verstand der einheimischen Bevölkerung an uns zu fesseln.

Jeder Osmane, der unsere Sprache spricht, der deutsche Bücher liest, der in einem deutschen Spital Genesung fand, wird ein Freund unserer Kultur, ein Abnehmer deutscher Waren. Zielbewußt haben Franzosen, Engländer und Italiener sich bemüht, mit weiten Kreisen der verschiedenen Stämme und Bekenntnisse des türkischen Reiches in enge Verbindung zu treten und auf diese Weise Boden zu gewinnen. Es bestehen in der Türkei zurzeit insgesamt gegen 1000 fremde Schulen mit rund 90 000 Schülern. Davon entfallen auf:

  • Italien 67 Schulen mit rund 5000 Schülern
  • England 126 10 000
  • Amerika 273 18 000
  • Frankreich 550 54 000
  • Deutschland 23 3 000

Es hat nicht an Versuchen gefehlt, der deutschen Kultur Eingang zu verschaffen. Ganz abgesehen von der dauernden, mehr in der Stille sich vollziehenden Tätigkeit der Schulen und Anstalten der deutschen Niederlassungen in der Türkei, haben eine Reihe von Vereinen, die von verschiedenen Gesichtspunkten auf ein gemeinsames Ziel hinwirken, sich diese Aufgabe gestellt. Ihre Mittel flossen nicht zu reichlich, und trotz des gemeinsamen Ziels machte sich die Zersplitterung störend fühlbar.

Ein kraftvolles, geschlossenes Vorgehen, selbständig und doch Hand in Hand mit der amtlichen deutschen Vertretung und den großen deutschen Unternehmungen, kann allein den gewünschten Erfolg verbürgen. Zu diesem Zweck hat sich die

Deutsch-Türkische Vereinigung

gebildet. Was sie plant, läßt sich in Kürze folgendermaßen umreißen:

  • Gründung, Betrieb und Unterhaltung von Schulen und Erziehungsheimen,
  • von Kranken- und Heilanstalten,
  • sowie später von Hochschulen,
  • Entsendung deutscher Lehrer und Ärzte an türkische Schulen und Spitäler,
  • Errichtung von deutschen Büchereien und anderen Bildungsstätten,
  • Verbreitung passender Schriften,
  • Unterstützung türkischer Staatsangehöriger, die in Deutschland ihre Ausbildung vervollständigen wollen,
  • und andere geeignete Mittel, die beiden Völker sich näher zu bringen.

Deutschland hat sich stets als wahrer Freund des osmanischen Reichs und Volks erwiesen: ihm liegen Gedanken an einen Gebietserwerb fern; die Erhaltung einer starken, selbständigen Türkei ist sein aufrichtiger Wunsch, seinernstes Bemühen. Wir wollen geben, um zu empfangen, wir wollen nicht hinter anderen Völkern zurückbleiben in der Gewinnung der Herzen der Türken für unsere Kultur, unsere Wissenschaft und unser Geistesleben, in der wirtschaftlichen Erschließung der Türkei.

Ein weites Arbeitsfeld liegt vor uns. Es nutzbringend zu bestellen zum Wohl der Türkei, zur Mehrung deutschen Ansehens, zur Förderung unserer verschiedenen Beziehungen zum Orient bedürfen wir der Mitwirkung weitester Kreise Deutschlands, ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses und des Berufs. Wir glauben sagen zu dürfen, daß unsere Absichten bei den vaterlandsliebenden Osmanen volles Verständnis gefunden haben, so daß wir auf ihre Unterstützung rechnen können. So fordern wir zum Beitritt in die Deutsch-Türkische Vereinigung auf.

(Es folgen die obengenannten Namen der Ehrenmitglieder, des Vorstandes und der Ausschußmitglieder, unter ihnen Ballin, C.H.Becker, Borsig, Duisberg, Rathenau, Siemens, Warburg u.a.m.)

 

64. DTV Dr. Carl Anton Schäfer an C.H.B., Bonn. Berlin, 4.11.1915

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Professor!

In Verfolg meines Schreibens vom 1. d.M. kann ich Ihnen heute über eine Unterredung, die ich gestern mit Herrn Junge bei Scheich Schauisch hatte, berichten. Schauisch ging bereitwilligst auf die arabischen Verhältnisse ein. Er betonte zunächst ganz allgemein, daß die arabischen Führer eine Stellung einnehmen, die auf einer Balance zwischen der Türkei und England hinausläuft. Ihr Hauptziel ist, sich ihre Unabhängigkeit zu erhalten. Da Enver

Pascha, mit dem ja Schauisch gut befreundet ist, heute aber eine Politik einschlage, die die Unabhängigkeit dieser arabischen Stämme garantiere, und die nur ein Bundesverhältnis der arabischen Stämme mit der Türkei erstrebe, könne es sein, daß jetzt verschiedene arabische Führer sich mehr auf die Seite der Türkei neigen. Im einzelnen bestätigte er Ihre Ansicht, daß Ibn Sa’ud unbedingt auf seiten der Engländer, dagegen Ibn Raschid auf seiten der Türken steht. Idris hält er für einen dunklen Ehrenmann, von dem es wohl sein könnte, daß er jetzt ’mal wieder mit der Türkei geht. Von Jahja sprach er mit warmen Worten und sieht in ihm einen unbedingten Anhänger der Türkei. Er machte übrigens auch interessante Bemerkungen darüber, daß die Groß-Scherifen von Medina und Mekka Kamelabgaben erhielten, die pro Kamel etwa 20 Mark betragen dürften. Da sie in einer Eisenbahn ein Unternehmen sehen, das sie dieser Kamelabgabe verlustig machen würde, sind sie vorläufig gegen Eisenbahnprojekte in Arabien. Man müßte ihnen daher ein finanzielles Interesse an den künftigen Eisenbahnen geben, wodurch wohl der Widerstand gegen die Eisenbahnprojekte gebrochen würde.

Wie denken Sie übrigens über den Aufsatz von Prof. Hartmann in der Frankfurter Zeitung: Türkisch als Weltverkehrssprache? Der Ausdruck ‚Weltverkehrssprache’ ist natürlich pompös, wenn nicht sogar lächerlich. Immerhin glaube auch ich, daß man die frage untersuchen muß, ob es nicht notwendig ist, an Stelle der türkischen Schriftzeichen für den Verkehr mit der westeuropäischen Wirtschaftswelt andere geeignetere Schriftzeichen einzuführen.

Es fällt mir übrigens ein, daß der in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wirkende türkische Staatsmann Fuad Pascha in seiner Grammatik der osmanischen Sprache (deutsch von Kellgren 1853) den Vorschlag machte, die türkischen Schriftzeichen durch die armenischen zu ersetzen, weil diese am geeignetesten wären.

Ich bin mit verbindlichsten Grüßen Ihr Ihnen ganz ergebener (gez.) Dr.Schäfer

 

65. C.H.B. an Dr. Schäfer, DTV (Bonn), 9.11.1915

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor!

Freundlichen Dank für Ihre Mitteilungen, die ja in allem Wesentlichen meine Angaben bestätigen. Sie fragen mich nach dem Aufsatz von Professor Martin Hartmann: Ich weiß, daß er schon lange diesen Gedanken verteidigt; ich halte ihn für ganz undurchführbar. Der Orient wird sich gewiß europäisieren: aber daß die Türkei die europäische Schrift annimmt, das dürfte das allerletzte Entwicklungs (unleserlich:-stadium?) sein und hat ebenso viel Wahrscheinlichkeit für sich, wie der Vorschlag, den Martin Hartmann einst dem Scheichulislam gemacht haben soll, den Islam abzuschaffen. In Deutsch-Ostafrika war es möglich, die ara-bische Schreibung des Suaheli allmählich unter dem Einfluß der deutschen Verwaltung durch die Lateinische zu ersetzen; aber in Konstantinopel wird, wie die Dinge auch laufen, die islamische Staatsautorität bestehen bleiben, und für alle religiösen Parteien ist die Beibehal-tung der arabischen Schrift eine religiöse Prestigefrage.

Mit verbindlichen Grüßen Ihr Ihnen sehr ergebener (C.H.B.)

 

66. Reinhard Junge, DTV, an C.H.B. Berlin, 15.11.1915

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Professor!

(…)

Durch die Wahrscheinlichkeit meiner Abreise (in die Türkei) wird auch die Herausgabe meiner Archivhefte besonders schwierig, umsomehr noch deshalb, weil ich meinen Hauptmitarbeiter, Herrn Tillmann, in die Türkei mitnehmen möchte. Ich will deshalb versuchen, die beiden ersten Hefte für das letzte Quartal 1915 und das erste Quartal 1916 bereits in den nächsten fünf Wochen druckfertig zu haben. Dazu fehlt es mir aber noch sehr an Aufsätzen. Ich hätte nun an Sie, sehr verehrter Herr Professor, die große Bitte, ob Sie mir in den nächsten Wochen einen kleinen Aufsatz senden könnten und gegebenenfalls auch einige Bücher kurz besprechen würden. Bücher zur Besprechung würden wir ihnen aus unserer Bibliothek zusenden, würden aber bei älteren Werken leider zunächst um Rücksendung bitten müssen. Als Aufsatz erschiene es mir ganz besonders wünschenswert, wenn Sie einmal einen kurzen Überblick über das bei Ihnen erscheinende arabische Buch über die Schönheit des Handels5 geben wollten. Dieses Buch ist doch für den National-Ökonomen sehr wichtig und seine endgültige Herausgabe durch den Krieg sehr weit hinausgeschoben, daß man wenigstens schon einen Hinweis auf seine Grundzüge geben könnte.

Mein Buch wird voraussichtlich in 8 Tagen herauskommen. Ich schicke Ihnen alsdann zunächst zwei Exemplare.

Herr Dr. Jäckh läßt Sie bestens grüßen und bittet mich, Sie darauf hinzuweisen, wie dringend erwünscht zurzeit ein kleines Handbuch über die Frage der Kapitulationen in der Türkei in deutscher Sprache wäre. Würde es Ihnen nicht möglich sein, ein solches Buch, das mir eine dringende Lücke auszufüllen scheint, zu schreiben? Die französischen Arbeiten sind alle ungenau, veraltet, häufig zu umfangreich, und wer heute bei uns über Kapitulationen schreibt, ist gewöhnlich Jurist und versteht vom Orient gar nichts. Da aber die Aufhebung der Kapitulationen doch die eigentliche Grundfrage des ganzen Krieges für die Türkei bildet, so müßte jedem Deutschen, der mit der Türkei arbeitet, einmal Gelegenheit gegeben werden, sich schnell und übersichtlich über diese Frage zu informieren. Ich glaube, daß wirklich niemand zur Abfassung gerade dieses Buches berufener wäre als Sie selbst.

Übrigens sagt Herr Dr. Jäckh, daß Sie durch ihn evtl. einmal Akten über die jungtürkische Revolution zugänglich gemacht erhalten könnten, die sonst unzulänglich sind.

Ich hoffe, daß es Ihrer Gesundheit weiter recht gut geht, bitte Sie, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin bestens zu empfehlen und Herrn Dr. Böker, der neulich bei uns war und auf den ich für die nächsten Wochen noch ein besonderes Attentat vorhabe, herzlich zu grüßen.

Mit vielen Empfehlungen und herzlichen Grüßen

Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Reinhard Junge.

 

67. DTV Reinhard Junge an C.H.B. Berlin, 15.11.1915

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Professor!

Im Anschluß an unseren früheren Briefe und persönlichen Besprechungen mit Ihnen erlauben wir uns, Sie ergebenst anzufragen, ob Sie bereit wären, in einem von uns veranstalteten Kursus über die Grundfragen türkischer Wirtschaft einen etwa zehnstündigen Vortrag zu übernehmen. Wir würden Sie bitten, Ihre Vorlesung am Dienstag den 11.Januar abends um 8 Uhr zu beginnen. Wir bitten Sie ergebenst, uns gütigst mitzuteilen, ob Ihnen der angegebene Zeitpunkt genehm ist.

Ebenso bitten wir, uns rechtzeitig angeben zu wollen, ob wir eine militärische Beurlaubung für Sie in die Wege leiten sollen.

Mit dem Ausdruck vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst

Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrale. (gez.) R. Junge.

 

68. C.H.B. an DTV, Herrn Junge. Bonn, 18.11.1915

(Maschinenkopie)

In Beantwortung Ihrer Einladung vom 15. November, an einem Kursus über die Grundlagen türkischer Wirtschaft teilzunehmen, erkläre ich mich gern bereit, etwa 10 Vorträge zu übernehmen unter der Voraussetzung, daß ich für den Monat Januar von meinen militärischen Verpflichtungen befreit werde und auch vom Kultusministerium den entsprechenden Urlaub erhalte. Mit dem Kultusministerium werde ich mich selbst in Verbindung setzen, doch bitte ich Sie, die militärische Angelegenheit Ihrerseits zu regeln, und zwar mich dann gleich für den ganzen Januar zu reklamieren. Ich habe heute wieder einen Stellungsbefehl zur Untersuchung erhalten und schließe daraus, daß man mich in nächster Zeit verwenden wird. Nun brauche ich zur Vorbereitung der Berliner Vorträge natürlich einige Tage Zeit, so daß ich vom 1. Januar an frei sein müßte, wenn ich am 11. den Kursus beginnen sollte. Eine Reklamation dürfte, da ich als Dolmetscher gemustert bin, keine großen Schwierigkeiten machen.

Nähere Angaben, an welchen Tagen die Vorträge stattfinden, sowie Einzelheiten in der Anordnung können ja wohl einer späteren Verabredung vorbehalten bleiben. Ich bitte nur, Samstag, den 15. Januar, frei zu halten.

In vorzüglicher Hochachtung Ew. Hochwohlgeboren sehr ergebener (C.H.B.)

 

69. C.H.B. an Herrn Reinhard Junge, DTV. Bonn, 18.11.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge!

Meinem offiziellen Brief an die Deutsch-Türkische Vereinigung möchte ich noch einige private Mitteilungen hinzufügen. Zunächst Dank für Ihren Privatbrief. Ich bin sehr erfreut, daß Ihre Sache so gut läuft und verstehe es durchaus, daß Sie jetzt in der Türkei wichtiger sind, als beim Arrangement von Berliner Vorträgen. Trotzdem bedauere ich es natürlich ungemein, da ich mir gerade von unserem Hand in Hand Arbeiten den größten Vorteil versprochen habe. Jedenfalls bitte ich Sie, in Berlin alles so vorzubereiten, daß auch in Ihrer Abwesenheit die Sache anständig funktioniert. Da Sie ausfallen, werde ich die Grundlage wohl etwas breiter legen müssen und bin bereit, bis zu 10 Stunden zu sprechen. Wir müssen aber wohl auch die Disposition ändern, da das fein ineinander gearbeitete System durch die Trennung zerrissen wird. Eine mündliche Aussprache wäre natürlich sehr erwünscht; ich weiß aber nicht, ob es sich möglich machen läßt, da ich jederzeit mit meiner Einberufung rechnen muß und natürlich alle Hände voll zu tun habe.

Ich lese nicht nur 9 Stunden Kolleg, sondern habe Volkshochschulkurse und bisher noch wöchentlich mehrere auswärtige Vorträge, daneben noch meine bis zur Gluthitze gesteigerte publizistische Tätigkeit. Unter diesen Umständen weiß ich wirklich nicht, wo ich Zeit und Kraft hernehmen soll, auch noch Ihre und Dr. Jäckhs mir ja im Grunde sehr sympathischen Unternehmungen (zu) übernehmen. Ich soll auch die neue Auflage meines Aufsatzes im Kriegsbuch up to date bringen und, wenn möglich, die Armenierfrage im amtlichen Sinne darlegen. Aber all das ist für mich natürlich undurchführbar, solange ich jederzeit eingezogen werden kann. Bestimmte Vorhersagen bekommt man ja beim Militär nicht, und ich kann natürlich von mir aus nicht um eine generelle Reklamierung aus literarischen Gründen einkommen, obwohl meine jetzige Tätigkeit dem Vaterlande wohl mehr nützt, als mein Dolmetschen in einem Gefangenenlager oder auf einem Postbüro. Ich werde meine Pflicht tun da, wo man mich hinstellt, verlange keine Extrawurst, kann aber natürlich auch keine Verpflichtungen gegen Dritte übernehmen.

Wenn es nach mir ginge, würde ich jetzt zwei Sachen schreiben:

  1. ein allgemein informatorisches Buch über die Türkei, Politik, Staatsaufbau, Wirtschaftsleben usw., kurz, das was meine Vorträge enthalten sollen, und
  2. ein Islambuch, das ich schon lange vorbereitet habe, aber zu dessen Vollendung ich auch vor der Fülle der Tagesarbeit nicht komme.

Mein türkisches Publikum, das ich als Vorbereitung auf den Berliner Kursus lese, hat 200-250 Hörer angezogen. Man sieht, wie die Dinge jetzt alle Welt interessieren, und ich würde natürlich bedauern, das jetzt alles aufgeben zu müssen; aber ich sehe es in diesem Kriege so oft, daß man die nicht technischen Sachverständigen am falschen Platze verwendet – unser einziger wirklicher Kenner der persisch-türkischen Grenzdistrikte, Oberleutnant d.R. Dr. Herzfeld6, der drei orientalische Sprachen spricht, wird zur Leitung des Küchentrains vor Laon verwandt! – daß ich wirklich für mich nichts Besonderes beanspruchen mag noch kann.-

Sagen Sie bitte Herrn Dr. Jäckh meinen besten Dank für das Angebot, mich gelegentlich einmal Akten über die jungtürkische Revolution einsehen lassen zu wollen. Ich werde mit großer Freude von seiner Freundlichkeit Gebrauch machen.

Lassen Sie mich bitte wissen, wann Sie abreisen und ob der Kursus diesmal wirklich definitiv ist. Ich mußte Ihnen meine Reklamierung für Januar überlassen, weil ich nicht zum zweiten Male in Sachen dieses Kursus von mir aus das Generalkommando in Koblenz um Rückstellung angehen kann. An das Kultusministerium schreibe ich selbst, wenn alles perfekt ist; doch dürfte es ja wohl keine Schwierigkeiten machen.

Dr. Böker ist übrigens z.Zt. in Berlin oder auf Reisen.

Mit freundlichen Grüßen von Haus zu Haus Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (C.H.B.)

 

70. C.H.B. an Herrn Reinhard Junge, DTV. Bonn, 23.11.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge,

Meine gestrige Unterhaltung mit Herrn Dr. Böker veranlaßt mich, Ihnen heute doch noch einmal in Sachen der Vorträge zu schreiben. Böker erzählte mir von der bevorstehenden Einführung einer schärferen Zensur in Sachen Türkei. In einer derartigen Behörde würde ich übrigens persönlich wohl besser am Platze sein, als irgendein verwundeter Offizier; so aber muß ich damit rechnen, daß ich nur Schwierigkeiten haben werde. Böker meint, man wolle im Auswärtigen Amt nur rosa Berichte über die Türkei haben. Unter diesen Umständen werden die Vorträge einen ganz anderen Charakter haben müssen, als wie er von uns seiner Zeit beabsichtigt war. Schreiben Sie mir bitte überhaupt, wie sich in den Köpfen des A.A. die Vortragsserie spiegelt. Ich hatte gedacht, bei dieser Gelegenheit einmal aus dem Rahmen der populären Vorträge herausgehen zu dürfen und den Orient und seine Wirtschaft schildern zu können, wie sie wirklich sind; da kann man natürlich nicht sehr rosa färben, sonst richtet man nur Unglück mit diesen Vorträgen an7.

Ich dachte mir ein Auditorium von etwa 50 wirklich ernstlich interessierten, vorurteilsfreien Leuten, nicht etwa einen Saal mit Hunderten, die amüsiert und unterhalten sein wollen, also kurz gesagt, mehr ernste Kollegform, als hübsch zurechtgemachte Vortragsform. Natürlich kann ich auch Letzteres; dann würde ich aber mehr auch auf die politischen Verhältnisse, namentlich der letzten Jahre, eingehen, aber das wäre natürlich etwas ganz anderes, als was wir uns ursprünglich gedacht haben. Ich bedauere es überhaupt sehr, daß man amtlicherseits das Interesse der türkischen Empfindlichkeit höher stellt, als das Zukunftsinteresse der deutschen Wirtschaft; denn nichts kann uns jetzt mehr schaden, als bei den schon sowieso viel zu großen Hoffnungen, die das große Publikum auf die Türkei setzt, auch noch amtlicherseits alles Graue rosa zu färben. Die Türken sind viel zu schlau, darin etwas anderes als deutsche Schwäche und deutsche Angst vor türkischer Sonderpolitik zu erblicken, und die naturnotwendige Folge ist dann, daß die Türken immer unverschämter werden und die deutschen

Diplomaten immer größere Schwierigkeiten haben. Wenn man auch in der Presse die Türkei schont, so sollte man wenigstens die Kreise, die ihr Leben und ihr Geld riskieren wollen sorgfältig informieren. Man hat fast den Eindruck, als ob im A.A. vor der persönlichen Bequemlichkeit der Referenten alle anderen Interessen zurückzutreten haben. Sie machen ja vielleicht auch manchmal jetzt ähnliche Erfahrungen. Aber jedenfalls bitte ich Sie, mich darüber aufzuklären, auf welchen Standard ich mich bei den Vorträgen einrichten soll, und vor allem, ob man die Wahrheit sagen darf oder sie verschweigen muß. Ich bin ja, wie Sie wissen, im allgemeinen sehr vorsichtig, auch wenn ich kritisiere; aber wenn die deutschen Orient-Interessenten den Orient nur in den Farben sehen sollen, wie er sich in den Köpfen jungtürkischer Politiker als Zukunftsideal spiegelt, dann allerdings hätten meine Vorträge keinen Zweck.

Dr. Böker kommt ja Ende der Woche wieder nach Berlin und wird dann die Sache auch nochmals mit Ihnen besprechen. Philippson hat es viel leichter als ich, da er die natürlichen, unveränderlichen Grundlagen und nicht die politisch-wirtschaftlichen Verhältnisse zu besprechen hat. Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus und mit einem freundlichen Gruß an Dr. Jäckh Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (C.H.B.)

 

Deutsch-Türkische Wirtschaftszentrale,

71. Dr. R. Junge an C.H.B. Berlin, 25.11.1915

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Professor!

Ich freue mich, daß ich Ihre Bedenken hinsichtlich des Kursus vollkommen zerstreuen kann. Der Kursus wird deswegen vor geladenem Publikum abgehalten werden, weil ein ganz besonderer Wert darauf gelegt wird, diesmal die volle Wahrheit zu hören. Daß diese Wahrheit freilich nicht einen feindseligen Ton annehmen darf, wie wir es auch so manches Mal erlebt haben, ist ja selbstverständlich und gerade bei Ihnen am allerwenigsten zu befürchten.

Ob ich selbst werde an dem Kursus teilnehmen können, ist immer noch gar nicht abzusehen.

Was Ihre Äußerung über die Zensurfrage angeht, so kann ich Ihnen vertraulich mitteilen, daß entsprechende Verhandlungen zwischen uns und dem Kriegspresseamt im Gange sind, und daß ich die große Hoffnung habe, daß gerade Sie, wenn Sie einmal militärisch eingezogen sind, zu uns abkommandiert werden. Es ist nämlich nicht unwahrscheinlich, daß wir, falls die Zensur eingeführt wird, einen erheblichen Teil der Zensurarbeit bei uns ausführen werden.

Ich hoffe, daß Ihre Gesundheit sich weiter gebessert hat. Mit besten Empfehlungen und vielen Grüßen Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Reinhard Junge.

 

72. DTW. Anfang Dezember 1915

Ankündigung des Kursus im orientalischen Seminar, Universität Berlin.

Kursus über die Grundlagen deutsch-türkischer Wirtschaftsgestaltung

  • Einleitung: Deutschlands Interessen an einem starken türkischen Wirtschaftsleben (Dr. E. Jäckh, Berlin) Wirtschaftliche Interessen – Politische Interessen.
  • Erster Vortrag: Die Verhältnisse der Natur in der Türkei und ihre Bedeutung für die Wirtschaft (Prof. A. Philippson-Bonn

Weltlage und Oberflächengestaltung – Klima und Gewässer – Pflanzen- und Tierwelt – Mineralvorkommen – Die geographischen Grundlagen der Siedlungsweise.

  • Zweiter Vortrag: Die im Menschen liegenden oder vom Menschen gesetzten Wirtschaftsgrundlagen der Türkei (Prof. C. H. Becker-Bonn); Prof E. Mittwoch-Berlin; R. Junge-Berlin

Die Volksstämme der Türkei – Die religiösen Organisationen und ihre Bedeutung für die Wirtschaft – Die allgemeine Gesellschaftsorganisation – Die Zahl der Menschen – Zusammenfassung über die Bedeutung der Wirtschaftsbedingungen in der Türkei.

  • Dritter Vortrag: Zur Vorgeschichte und Geschichte der rein orientalischen Wirtschaft (Prof. C.H.Becker-Bonn; R. Junge-Berlin)

Byzantinische Einflüsse – Die altarabische Wirtschaft – Der Typ einer alten türkischen Wirtschaft – Nomadenwirtschaft – Modifikation des alttürkischen Wirtschaftstyps in der Türkei.

  • Vierter Vortrag: Die bisherigen typischen Entwicklungsgänge orientalischer Wirtschaft überhaupt unter europäischen Einflüssen (R. Junge-Berlin)

Die rein händlerische Beeinflussung des Orients durch Europa und ihre grundlegenden Fehler – Die Einschmelzung des Orients in die europäische Wirtschaftsgemeinschaft und die beste Form der Europäisierung auf einer orientalischen Basis.

  • Fünfter Vortrag: Die heutige türkische Wirtschaft als Mischung der drei Entwicklungstypen (Dr. Schäfer-Berlin, R. Junge-Berlin)

Die heutige türkische Volkswirtschaft – Die türkische Finanzwirtschaft – Bisherige deutsch-türkische Wirtschaftsbeziehungen – Über das deutsch-türkische Wirtschaftsprogramm.

 

73. Deutschland und die Türkei (o.D.) Dezember 1915

Vortragskonzept von C.H.B. (?)

(Maschinenkopie)

Deutschlands Zusammengehen mit der Türkei fußt auf der Parallelität unserer Interessen.

Worin besteht das Interesse der Türkei an Deutschland?

Die Politik Rußlands, Englands und Frankreichs zielt auf eine Auflösung der Türkei, die Deutschlands auf ihre Erstarkung. Trotz aller Versicherungen unserer Gegner haben die

Ereignisse die Türkei zu dieser Erkenntnis gebracht. Dadurch wird die Türkei in unsere Arme getrieben.

Welches Interesse hat nun aber Deutschland an dem Erhaltenbleiben, an der Reform der Türkei?

Unsere Interessen sind vor allem wirtschaftlich (Bahnbauten, Absatzgebiet usw.), dann aber auch politisch (Bundesgenosse).

Der Vortrag wird hauptsächlich auch die Voraussetzungen behandeln, unter denen eine ersprießliche deutsch-türkische Zusammenarbeit möglich ist.

Unsere hiesigen Arbeiten nehmen einen immer mehr wachsenden Umfang an, so daß selbst Herrn Bökers Arbeitskraft bei weitem nicht mehr ausreicht, und wir bereits noch einen weiteren Herrn einstellen mußten, dem wahrscheinlich demnächst noch andere folgen werden.

Ist eine Reklamation für Sie für den Kursus notwendig?

Ich hoffe, daß Ihre Gesundheit weiter recht gute Fortschritte macht und bin mit herzlichen Empfehlungen und Grüßen Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Reinhard Junge.

 

74. C.H.B. an DTV. Bonn, 9.12.1915

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr!

Für die Vorträge, die ich im Januar in Berlin halten soll, wäre es mir sehr erwünscht, das neue türkische Gesetz über Rechtsstreitigkeiten zwischen Fremden und Osmanen kennen zu lernen, das nach Zeitungsmitteilungen z.Z. in Konstantinopel debattiert wird oder gar schon erlassen ist. Könnten Sie mir dasselbe vielleicht beschaffen?

Ich benutze diese Gelegenheit, um die Deutsch-Türkische Vereinigung darauf hinzuweisen, wie wichtig es gerade für unsere Wirtschaftsinteressenten wäre, die in der nächsten Zeit zu erwartenden zahlreichen neuen türkischen Gesetze möglichst bald nach ihrer Publizierung in autoritativer deutscher Übersetzung kennen zu lernen. Vermutlich würden sich sehr weite Kreise dafür interessieren, und ließe sich da vielleicht ein alle paar Monate erscheinender Recueil8 schaffen, der diese Gesetze enthielte. Vielleicht nehmen Sie die Anregung in das Programm der Deutsch-Türkischen Vereinigung auf und könnte Herr Professor Giese von der neuen Konstantinopler Universität die Sache in die Hand nehmen.

In vorzüglicher Hochachtung ergebenst (C.H.B.)

 

75. C.H.B. an Reinhard Junge (DTV) Bonn, 9.12.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge!

Ich empfing gestern Ihr Buch und möchte Ihnen sofort meinen wärmsten Glückwunsch aussprechen, daß es ihnen geglückt ist, wenigstens den ersten Teil Ihrer mit so viel Liebe vorbereiteten Arbeit herauszubringen. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie gelegen mir Ihre Arbeit kommt. Ich will Ihnen aber verraten, daß ich hier die Kaisers-Geburtstagsrede halten soll und den Anlaß benutzen werde, ganz allgemein über das Thema ‚Die Europäisierung des Orients’ zu sprechen. Das wird mir eine Gelegenheit sein, mich intensiv mit Ihren Gedanken auseinanderzusetzen, und ich werde mit Freude daran auch eine Besprechung im Islam knüpfen.

Ich danke Ihnen auch besonders für Ihren freundschaftlichen Brief. Ich danke Ihrer Anregung so Vieles, daß Sie wirklich keinen Anlaß haben, sich bei mir zu bedanken. Ich hoffe sehr, daß unsere persönlichen Beziehungen und unsere sachliche Zusammenarbeit in dem Sinne sich weiter entwickeln möchte, in dem sie so vielversprechende Anfänge zeigte.

Fasen Sie bitte diese kurzen Zeilen nicht als eine vorläufige Abspeisung auf: aber ich schreibe mit Absicht heute noch nichts über den Inhalt Ihres Buches; ich will es erst in Ruhe durchdenken. Aber es widerstrebte mir, Ihnen nicht gleich ein Wort freudiger Teilnahme und herzlichen Dankes zukommen zu lassen.

Bis hierhin war der Brief diktiert, als Ihr Eilbrief (?) eintrifft. Ich bin bereit, die Besprechung für die Frankfurter Zeitung zu übernehmen. Es wird wohl keiner besonderen Empfehlung bedürfen, obwohl mir die Frankfurter Zeitung neulich meinen Armenieraufsatz zurück-geschickt hat. Wenn sie das Buch natürlich schon vergeben hat, kann ich nichts daran ändern.

Stuhlmann wird Ihr Buch gewiß (?unleserlich) gern besprechen, und können Sie sich bei ihm, wie bei Direktor Krauss, ruhig auf mich berufen.

Was meine Reklamierung betrifft, so möchte ich doch schon dringend bitten, daß Sie etwas Derartiges veranlassen, wie ich schon in meinem ersten Brief geschrieben habe, da es uns sonst blühen kann, daß ich die ganze Arbeit umsonst mache, oder daß ich sogar mitten in den Vorlesungen abbrechen muß. Ich hatte gedacht, diesbezügliche Schritte wären längst eingeleitet.

Ihnen, Dr. Böker und Herrn Dr. Jäckh freundliche Grüße. An Jäckh schreibe ich nächstens in Beziehung auf meinen sogenannten ’Pessimismus’. Schumacher hat mir Jäckhs Botschaft ausgerichtet.

Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (C.H.B.)

 

76. DTV. Reinhard Junge an C.H.B., Bonn Berlin, 10.12.1915

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Professor!

Soeben geht mir von der Frankfurter Zeitung das beiliegende Schreiben zu. Ich habe der Frankfurter Zeitung mitgeteilt, daß ich Sie um die Liebenswürdigkeit einer Besprechung bereits ersucht habe9, und betont, daß es mir geeigneter erscheinen würde, wenn Sie, und nicht ich, die Besprechung ausführen wollten. Ich habe jedoch gesagt, daß ich zur Selbstbesprechung gern bereit sein würde für den Fall, daß Sie, sehr verehrter Herr Professor, nicht gewillt wären, mit der Beschleunigung, welche die Frankfurter Zeitung augenscheinlich wünscht, den Aufsatz zu schreiben.

Ich bitte Sie ergebenst, der Frankfurter Zeitung gütigst mitteilen zu wollen, wie Sie sich zur Übernahme der Besprechung stellen und die Frankfurter Zeitung zu veranlassen, mir das endgültige Resultat mitzuteilen.

Verzeihen Sie, sehr verehrter Herr Professor, daß Ihre Zeit mit solchen unbescheidenen Bitten in Anspruch nehme und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrem aufrichtig ergebenen (gez.) Reinhard Junge.

Handschriftliches P.S. Bitte wollen Sie, falls Sie den Aufsatz selbst zu schreiben die Güte haben, nicht bloß das Schlußwort zum 1. Band, sondern ganz besonders10 auch den §26, der gesperrt gedruckt das eigentlich Grundlegende enthält, berücksichtigen.

 

77. C.H.B. an DTV, Reinhard Junge. Bonn, 11.12.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge!

Auf Ihr heutiges Telegramm teile ich Ihnen schleunigst mit, daß m.E. die Reklamation 11ein-gereicht werden muß bei dem stellvertretenden Generalkommando des VIII. Armeekorps in Koblenz. Ich habe seinerzeit meinen ersten Antrag beim hiesigen Bezirkskommando einge-reicht; das kann aber nicht entscheiden und schickte mir dann den Bescheid des Generalkommandos. Wenn Sie nun amtlicherseits vorgehen, ist es wohl das Richtige, daß Sie sich direkt an das Generalkommando wenden. Ich mag es nicht tun, weil ich in der gleichen Angelegenheit ja schon einmal vorstellig geworden bin und der Kursus ja nachher nicht stattfand. Ich glaube übrigens, daß es keinerlei Schwierigkeiten machen wird, da ich dieser Tage auf dem Bezirkskommando hier erfuhr, daß meine Einberufung für die nächste Zeit nicht zu erwarten sei; aber bis Januar ist lange, und sie könnte uns doch plötzlich störend dazwischen fahren.

In Eile mit herzlichen Grüßen Ihr ergebener (C.H.B.)

 

78. C.H.B. an DTV, Herrn Reinhard Junge. Bonn, 13.12.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge!

Die Frankfurter Zeitung hat mir inzwischen geschrieben, daß sie sich mit Ihnen in Verbindung gesetzt und erst das mir ja schon bekannte Resultat Ihrer Antwort abwarten wolle. Ich habe nun den gestrigen Sonntag benutzt und mich etwas näher mit Ihrem Buche beschäftigt. Es ist nicht ganz leicht, aus einem so umfangreichen Werke ein Feuilleton von 250 Zeilen zu machen. Es kommt natürlich darauf a, dem großen Publikum die Grundgedanken darzustellen. Ich habe gestern mit meiner Skizze begonnen und hoffe heute oder morgen fertig zu werden. Wenn Sie nichts mehr hören, geht mein Manuskript morgen an die Frankfurter Zeitung ab. Ich opfere Ihnen gerne diese zwei Tage, und zwar nicht nur aus persönlichen Gründen, sondern vor allem auch der Sache wegen. Wenn ich auch kein Nationalökonom von Fach bin, ist es für Sie doch jedenfalls nützlicher, wenn Sie in der Frankfurter Zeitung von fremder Seite eingeführt werden; eine Selbstanzeige ist doch immer nur ein Notbehelf. Es war mir übrigens sehr lieb, daß Sie mich noch auf bestimmte Stellen hingewiesen; ich hätte sie ja wohl selber gefunden, aber da die Sache so schnell gehen soll, war es jedenfalls besser so.

Mit herzlichen Grüßen Ihr Ihnen freundschaftlich ergebener (C.H.B.)

 

79. C.H.B. an DTV, Herrn Reinhard Junge. Bonn, 15.12.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge!

Ihrem Wunsche entsprechend hatte ich alles stehen und liegen gelassen und einen Artikel über Ihr Buch geschrieben. Nachdem ich ihren Briefwechsel mit der Frankfurter Zeitung von Ihnen erhalten hatte und mein Artikel schon fertig war, nahm ich an, daß ich ohne weitere Aufforderung meinen Artikel an die Frankfurter Zeitung schicken könnte. Das ist gestern geschehen. Leider kreuzt sich nun damit ein Brief der Frankfurter Zeitung an mich, in dem sie mir schreibt:

Da uns Herr Reinhard Junge zugesagt hat, einen Aufsatz über die in seinem Werke erörterten Probleme zu schreiben, möchten wir doch lieber ihm selber das Wort geben. Wir danken Ihnen nochmals für Ihr freundliches Anerbieten.“

Ich habe nun natürlich nun sofort mein Manuskript zurückgefordert und werde es der Köln-ischen Zeitung anbieten, wenn Sie nicht dort vielleicht auch schon irgend ein Arrangement getroffen haben. Da ich mich nicht einer zweiten Abweisung aussetzen möchte, bitte ich Sie, die Sache zu arrangieren. Ich weiß wohl, warum ich mich trotz vielen Drängens immer wieder der Mitarbeit an der Tagespresse enthalte; man hat nur Ärger und Unannehmlichkeiten davon, wenn man nicht als berufsmäßiger Journalist in festen Beziehungen steht.

Ich darf Sie vielleicht bitten, Herrn Dr. Schäfer auf seine Anfrage vom 13. Dezember zu antworten, daß ich zu der Arbeit für die Leipziger Illustrierte Zeitung bereit bin. Ich habe zwar die Absicht, die ganzen Vorträge bei Kiepenheuer drucken zu lassen; aber ein kleines Feuilleton wird vielleicht doch herausspringen.

Mit herzlichen Grüßen ihr getreuer (C.H.B.)

 

80. DTV, Reinhard Junge an C.H.B. Berlin, 21.12.1915

Maschinenmanuskript

Sehr verehrter lieber Herr Professor!

Ich fürchte, daß Sie infolge der Unannehmlichkeiten mit der Frankfurter Zeitung und infolge meines bisherigen Schweigens etwas erzürnt sind. Ich wollte Ihnen jedoch erst schreiben, nachdem die Angelegenheit mit der Frankfurter Zeitung endgültig nach der einen oder anderen Richtung geregelt war. Nach mehrfachem Brief- oder Telegrammwechsel beharrte leider die Zeitung weiter auf ihrem Wunsche, und ich muß – so unangenehm mir das in mehrfacher Hinsicht ist – die Besprechung selbst vornehmen.

Ich bedauere es aufrichtig, daß Sie in Ihrer so großen Liebenswürdigkeit und Freundschaft-lichkeit mehrere Tage geopfert haben und dann derartige Unannehmlichkeiten hatten. Durch das mehrfache Überkreuzen von Briefen war leider eine besondere Verwirrung entstanden. Ich möchte Ihnen jedenfalls dafür von Herzen danken, daß Sie mit solcher Zuvorkommenheit sich der Arbeit gewidmet haben. Ich möchte nunmehr folgendes vorschlagen: Entweder würde es sich empfehlen, wenn Sie selbst sich an die Kölnische Zeitung wenden wollten. Soviel ich weiß, macht aber gerade die Kölnische Zeitung in solchen Fällen immer besondere Schwierigkeiten. Es bliebe aber der zweite Weg, daß ich im Falle Ihres Einverständnisses Professor Ludwig Stein auffordern könnte, Ihren Artikel für die Vossische Zeitung zu erbitten.

Ich möchte Ihnen nochmals versichern, wie sehr leid es mir tut, daß gerade Sie, der Sie mir auch neuerdings wieder, wie stets, mit einer so liebevollen Freundschaftlichkeit entgegen-traten, eine solche Erfahrung mit der Frankfurter Zeitung machten. Ich selbst habe alles versucht, um zu einem anderen Resultat zu kommen, aber die Zeitungen sind ja manchmal vollkommen unberechenbar. Ich möchte auch noch besonders darauf hinweisen, daß der Brief, welchen ihnen die Frankfurter Zeitung zuerst schickte, ganz mißverständlich ist. Ich habe durchaus nicht etwa von mir aus mit der Zeitung ein besonderes Arrangement getroffen, sondern wie aus der Abschrift meines Briefes, die ich Ihnen mitschickte, hervorgeht, nur zugesagt, daß ich zur Selbstbesprechung bereit sein würde, falls Sie oder die Zeitung nicht auf das andere Arrangement eingingen.

Heute ist es mir möglich, Ihnen auch das gebundene Exemplar meines Buches mit nochmaligem herzlichen Dank zu überreichen.

Näheres von meiner jetzigen Arbeit wird Ihnen Herr Dr. Böker erzählen.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen und eine eingehende Aussprache mit ihnen in Berlin. Selbst wenn ich auf etwa einige Wochen inzwischen vereisen müßte, so werde ich doch zum wenigsten bei dem letzten Teil Ihrer Vorträge wieder anwesend sein.

Ich wünsche Ihnen und den Ihren ein recht gesundes und frohes Fest und bitte Sie nochmals herzlich, die Unannehmlichkeiten mit der Frankfurter Zeitung mir nicht verübeln zu wollen.

In alter Anhänglichkeit und aufrichtiger Verehrung Ihr stets ergebener (gez.) R. Junge.

 

81. C.H.B. an DTV, Reinhard Junge. Bonn, 22.12.1915

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge!

Herzlichen Dank für Ihren Eilbrief. Sie wissen, aß ich nicht so empfindlich bin und daß ich ganz genau weiß, daß Sie an der Affäre mit der Frankfurter Zeitung völlig unschuldig sind. Manchmal hängt die Widerhaarigkeit der Zeitungen bloß an der Tatsache, daß der betreffende Referent gern das Buch behalten möchte. Jedenfalls ist die Sache für mich erledigt. Ich habe der Kölnischen Zeitung schon vorgestern geschrieben und warte deren Bescheid ab. Wenn sie ablehnt, schicke ich mein Manuskript an Sie resp. an Jäckh, und dann kann der es irgendwo anbringen. Natürlich ist mir die Vossische Zeitung sehr angenehm; sonst kann es auch im Größeren Deutschland oder in dem neuen Jäckh’schen Organ placiert werden. Ich habe mich allerdings im Wesentlichen auf ein gebildetes Publikum eingestellt.

Herrn Böker sprach ich erst kurz, doch hoffe ich, ihn heute noch zu sehen.- Ich freue mich, daß Sie so viel zu tun haben und daß der Kursus amtlicherseits so gute Aufnahme gefunden hat. Ich habe mir inzwischen das Programm genau durchgesehen und die einzelnen Vorträge, die auf je 1 Stunde berechnet sind, auf einliegendem Blatt skizziert. Seinerzeit hatten wir etwa 8 Stunden ausgemacht; neulich schrieben Sie mir, ich möchte mich auf 10 einrichten. Ich glaube, daß mir 9 genügen werden. Ich habe das zwischen uns verabredete Programm innerhalb der zweiten Vortragsreihe etwas geändert. Natürlich bleiben jeweils unsere Verabredungen für mich maßgebend, doch ist eine speziellere Angabe des Inhalts jeder einzelnen Vorlesung wohl nicht nötig. Ich bemerke, daß ich die Familien- und Schulfrage, die ja nur gestreift werden soll, mit in dem einleitenden Vortrag behandeln werde. Wenn Sie irgend etwas anderes wünschen, schreiben Sie mir bitte sofort; sonst richte ich mich jetzt auf das beiliegend gegebene Programm. Ich werde die Vorträge so ausarbeiten, daß ich sie nachher bei Kiepenheuer drucken lassen kann.

Ich rechne also damit, daß ich am 11. Januar anfange und 14 Tage in Berlin bleibe. Vorher kann ich nicht kommen, da ich hier noch am 8. (1.1916) Kolleg lese, und am 24. will ich dann hier wieder anfangen. Jedenfalls aber sehen wir uns dazwischen. Es täte mir leid, wenn Sie nicht da wären, da ich mir gerade von Ihren Zusammenfassungen einen großen Nutzen für die Hörer versprochen habe.

Zu Weihnachten sende ich Ihnen herzliche Grüße. Möge Ihre wichtige Arbeit im neuen Jahre Deutschland und Ihnen zum Segen gereichen!

Mit freundschaftlichen Grüßen Ihr ergebener (C.H.B.

Anlage

Übersicht

über die auf je 1 Stunde berechneten Vorträge von

Professor Dr. C. H. Becker

2. Vortragsreihe

  • Ethnographische Verhältnisse und Aufbau der Gesellschaft
  • Religion und Wirtschaft (Der Islam und das Wirtschaftsleben; die Milletverfassung der fremden Religionen)
  • Das außenpolitische Problem und die Kapitlulationen
  • Das innerpolitische Problem (Parteien und Nationalitäten)
  • Staatsverwaltung und Selbstverwaltung
  • Jurisdiktion
  • Steuerwesen
  • Staatsfinanzen und Staatsschuldenverwaltung.

3. Vortragsreihe

Nachwirkungen byzantinischer und arabischer Wirtschaft.

 

82. C.H.B. an DTV, Reinhard Junge. Bonn, 3.1.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Herr Junge!

Auch heute komme ich wieder nur zu ein paar kurzen Worten, die ich meinem Artikel noch nachsenden möchte. Sie werden gesehen haben, was Sie ja schon wußten, daß ich weitgehendst mit Ihnen übereinstimme, und daß ich eigentlich nur in Bezug auf die Liebe, die Sie immer fordern, sachlich anderer Meinung bin. Liebe im Handel ist Utopie. Ich freue mich zu hören, daß mein Artikel eine ganze Reihe von Leuten veranlaßt hat, sich Ihr Buch anzuschaffen, und daß Ihre Grundgedanken allgemeine Zustimmung finden. Das Problem mußte nur einmal gestellt und ausgesprochen werden; das bleibt für immer Ihr großes Verdienst. Ich fand, daß die Kölnische Zeitung sich sehr anständig benahm, daß sie den Artikel an so hervorragender Stelle abdruckte. Ich hatte allerdings verlangt, daß er als Artikel und nicht als Besprechung erschien. Da die Kölnische Zeitung mich schon lange gern als gelegentlichen Mitarbeiter hätte, hat sie mir offenbar damit einen Gefallen tun wollen.

Ihre Bitte um empfehlenswerte Literatur ist nicht ganz leicht zu erfüllen, da die Liste zu groß werden würde, und ich bin noch so in meine Arbeit vertieft, daß ich Ihnen die Liste wohl erst in einigen Tagen werde schicken können. Es ist ja auch nicht nötig, daß sie zu Anfang meiner Vorträge bekannt wird; es genügt, wenn die Hörer sie am Ende bekommen. Dabei kommt mir der Gedanke, ob es nicht praktisch wäre, die wichtigste Literatur über die Türkei im Orientalischen Seminar aufzulegen. Eine Buchhandlung wie Asher oder Meyer & Müller würden diese Gelegenheit doch gern benutzen und dabei ein gutes Geschäft machen. Was nicht im Buchhandel zu haben ist, könnte ja aus den Beständen der Bibliothek des Orientalischen Seminars ausgestellt werden. Besprechen Sie aber die Sache erst mit Mittwoch, ehe Sie sich an Moritz wenden; denn Moritz ist sehr empfindlich und gewiß gekränkt, daß er in dem Kursus nicht auch zu Wort kommt.

Der eigentliche Zweck dieses Briefes aber ist, lieber Herr Junge, Ihnen nochmals für das zweite Exemplar des Buches mit seiner für mich geradezu beschämenden Widmung zu danken. Ich freue mich sehr Ihrer hier zum Ausdruck kommenden freundschaftlichen Gefühle und erwidere dieselben, wie Sie ja wissen, aufrichtig. Daß Sie vielleicht auch einiges von mir gelernt habe, ist mir eine Beruhigung, da ich mir nur zu sehr bewußt bin, wie viel ich umgekehrt Ihrer Anregung verdanke.

Ich freue mich sehr auf unsere Zusammenarbeiten in Berlin; ich werde allerdings noch mit meinen Vorträgen zu tun haben und halte, um es Ihnen gleich zu annoncieren, am 14. und 15 Vorträge in Dresden, am 21. spreche ich in der Asiatischen Gesellschaft in Berlin. Zu einem gemütlichen Beisammensein wird sich also voraussichtlich am besten Sonntag, der 16. oder Montag der 17. eignen.

Ich hoffe, Sie haben das neue Jahr gut angetreten und wünsche Ihnen auch weiterhin den besten Erfolg. Hoffentlich bekommt auch Ihre Gattin etwas mehr von Ihnen zu sehen, als bisher.

In bekannter Gesinnung Ihr getreuer (C.H.B..

 

83. DTV, Dr. Jäckh, an C.H.B. Leipzig, 20.1.191612

Anlage von Wagner & Debes, Leipzig (Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor!

Das Leipziger Kunstgewerbemuseum war so freundlich, mir Ihre Adresse zu geben, und ich nehme mir die Freiheit, Sie um einige Auskunft und einige Anhaltspunkte zu bitten.

Wie jedenfalls wissen, leidet durch den Krieg die Druckbranche und darunter besonders die Steindruckereien, die im Frieden ¾ ihrer Erzeugnisse in Ausland und hauptsächlich nach England und Amerika geschickt haben, mit am meisten. Da nun durch eifrige Polemik immer auf den Orient als zukünftiges Wirtschaftsgebiet hingewiesen wird, liegt es auch für die Steindruckereien Deutschlands nahe, einen Ersatz in dem ausfallenden Export im Orient und hauptsächlich in der Türkei zu suchen.

Ich möchte nun im Fachorgan der Steindruckereibesitzer Deutschlands, dessen Redaktion ich in Kriegszeiten übernommen habe, da der eigentliche Redakteur im Felde steht, einen Artikel bringen, der auf die besonderen Verhältnisse des Islam näher eingeht. Man muß sich doch vorstellen, daß der größte Prozentsatz der verschiedenen Geschäftsinhaber der Steindruckbranche dem Gefühlsleben der Mohammedaner und seiner Geschmacksrichtung vollkommen fremd, vollkommen als Neuling gegenübersteht und selbst beim besten Willen nicht wüßte, wie die Druckerzeugnisse ausgestattet werden müßten, damit sie dort Abnehmer finden. Deswegen fände ich es gut schon jetzt durch Schrift, am besten noch durch Ausstellen orientalischer Druckartikel selbst, die bis jetzt wohl meistens aus Frankreich und England gekommen sind und Absatz gefunden haben, den Leuten zu Hilfe kommen und ihnen die richtigen Wege zu weisen. Schon jetzt könnten sich unsere Lithographen in orientalischen Ornamenten üben, die für Karten, Briefköpfe, Packungen und dergleichen mehr zu verwenden wären. Das Ornament des Islam ist doch fein gegliedert und geästelt, mehr an Laubsägearbeit erinnernd, daß ein deutsches Ornament neuester Richtung meiner Meinung nach dem mohammedanischen Betrachter brutal vorkommen muß und ihn nicht zum Kauf reizen dürfte. Ich selbst habe ja keine Erfahrung über die Geschmacksrichtung des heutigen Türken und beurteile ihn vielleicht an der Hand der köstlichen Kunsterzeugnisse in alten Koranhandschriften, Keramiken, Teppichen, Webereien und dergleichen mehr, falsch und zu hoch.

Ich bitte Sie deswegen freundlichst, als vorzüglicher Kenner des Orients, mir zu sagen, ob es für einen Export in der graphischen Branche von Wert ist, sich in die orientalische Kunst zu vertiefen und Motive aus dieser Kunst für irgendwelche Druckerzeugnisse anzuwenden, oder ob der mohammedanischen Welt mit abendländischen Motiven, die auf unser Gefühlsleben eingestellt sind, gedient ist? Wenn Sie eine gewisse Kenntnis der Kunst des Islam für erforderlich halten, könnten Sie mir vielleicht einige Bücher nennen, die man den Leuten empfehlen könnte und aus denen sie material zum Verarbeiten finden würden.

Es wäre auch gut, wenn die verschiedenen Kunstgewerbemuseen der deutschen Städte durch Ausstellungen mohammedanischer Buchkunst unseren Druckereien und auch unseren buchgewerblichen Akademien und Fachschulen unterstützen würden. Herr Professor Craul vom Leipziger Kunstgewerbemuseum ist leider verreist, und ich konnte mit ihm noch nicht Rücksprache nehmen. Um aber keine Zeit zu verlieren, wende ich mich gleich an Sie, da Sie mir ja doch am besten mit Rat und tat zur Seite stehen können.

Für eine freundliche Unterstützung schon im Voraus bestens dankend, verbleibe ich mit größter Hochachtung Ihr sehr ergebener gez. Carl Wagner.

 

84. DTV an C.H.B. Berlin, 21.1.1916

Herrn Professor Dr. Becker, z.Zt. Berlin

Wir erlauben uns, Ihnen hiermit das vereinbarte Honorar von Mark 400 für Ihre Vorträge über die

Grundfragen deutscher und deutsch-türkischer Wirtschaft

einschließlich Reisevergütung zu überreichen.

Mit vorzüglicher Hochachtung. Auskunftsstelle für Deutsch-Türkische Wirtschaftsfragen.

(gez.) Seiler

 

85. C.H.B. an DTV, Berlin. Bonn 10.2.1916

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr!

In Beantwortung Ihrer Anfrage vom 9.2.1916 bin auch ich der Ansicht, daß sich die Anfrage der Firma Wagner & Debes in Leipzig mit einem sehr wichtigen Gegenstand beschäftigt. Der Orient hat allerdings seine einheimische Kunst fast ganz verloren, zumal die Ausübung, namentlich des Buchschmuckes, wohl meistens in Händen von Levantinern liegen dürfte. Wie primitiv und geschmacklos derartige Dinge sind, möge Ihnen einliegendes Kriegsprodukt beweisen, das vollkommen unter pseudo-europäischer Geschmacksrichtung steht. Das einige wirklich künstlerische Empfinden der Muhammedaner liegt heutigen Tages in der künstle-rischen Handhabung ihrer Schrift, was man schon aus den Köpfen jeder orientalischen Zeitung oder jeder Flugschrift entnehmen kann. Immerhin geht das Bestreben der führenden türkischen Kreise auf eine Wiederbelebung der künstlerischen orientalischen Tradition, wie sie in Konstantinopel besonders durch Halil Bey, den Direktor des Museums, gepflegt wird. Dem halb gebildeten Orientalen imponiert heutigen Tages der Schund Europas derartig, daß er ihn seiner heimischen Ware vorzieht. Die nationalistische Richtung in der Türkei wird zweifellos das Rückgreifen auf die künstlerische Arabeske mit Freuden begrüßen, und künstlerisch ausgestattete lithographierte Korane, die von dem deutschen Verlag, natürlich ohne Verlagsangabe, in der Türkei verbreitet worden sind, haben massenhaften Absatz gefunden.. Man muß nur möglichst die europäische Herkunft verhüllen. Das deutsche Kunstgewerbe könnte auf diese Weise stark auf die Veredelung des nationalen Geschmacks der Türkei einwirken.

Um Sie über orientalische Ornamentik zu informieren, empfehle ich vor allem das noch immer klassische

  • Tafelwerk von Prisse d’Arvennes, L’Art arabe. Gutes Illustrationsmaterial hat weiter
  • der Manuel d’Art Musulman, Ravaisse und Migeon, 2 Bände, Paris 1907, besonders Band 2. In diesem Werke ist auch eine ziemlich erschöpfende Zusammenstellung der Literatur zu finden.
  • Neueren Datums ist Herzfelds Artikel „Arabesken“ in der Enzyklopädie des Islam, wo auch Tafeln beigegeben sind, die vielleicht gerade für den Zeichner von Bedeutung sind.
  • Über das Wesen der arabischen Arabeske hat vom rein zeichnerischen Standpunkt der bekannte Museumsdirektor Lichtwark einen hübschen Aufsatz geschrieben im Handbuch der Gesellschaft Hamburgischer Kunstfreunde, Band 18, 1912, S.83 (Der Palmettenfries).
  • Reiches Material bieten natürlich auch alle kunstgewerblichen Museen und die von der Firma Wagner & Debes geforderten Spezialausstellungen sind eigentlich überall schon vorhanden, wo überhaupt islamische kunstgewerbliche Gegenstände existieren.

Als Berater kämen also in erster Linie die Direktoren der kunstgewerblichen Museen in Frage, die auch die nötigen zeichnerischen Vorlagen haben dürften. Exportware, die besonders für die Türkei gearbeitet wird, sollte sich der figürlichen Darstellung möglichst enthalten, obwohl sich auch der Orient jetzt langsam daran gewöhnt, wie einliegendes Blatt beweist. In schiitischen Ländern oder richtiger gesagt in Ländern mit alter Kunsttradition hat man auch in islamischer Zeit niemals auf figürliche Darstellungen verzichtet. So sind sie in den arabischen Gebieten immer beliebter gewesen als in semitischen.

Endlich möchte ich noch darauf hinweisen, daß die Nachrichtenstelle für den Orient seit über einem Jahr systematisch den Orient mit Flugschriften überschüttet. Sie hat dabei m.E. im buchhändlerischen Geschmack den richtigen Weg betreten, d.h. sich ausschließlich auf Zierschrift und einfache gute alt-orientalische Arabesken beschränkt. Es wird Ihnen ein Kleines sein, sich einige charakteristische Beispiele aus der Tauentzienstraße kommen zu lassen.

Hoffentlich genügen Ihnen diese Angaben. Auf spezielle Fragen bin ich gern zu weiterer Auskunft bereit.

In vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener (C.H.B.

 

86. DTV, Hugo Tillmann an C.H.B. Berlin, 2.3.1916

(Maschinenmanuskript)

Hochgeehrter Herr Professor!

Nunmehr scheint der Versuch der Veröffentlichung türkischer Gesetze seiner Verwirklichung einen Schritt näher gekommen zu sein. Denn einmal wird Herr Junge bei seiner Anwesenheit in Konstantinopel – er ist gestern früh abgereist – versuchen, für uns die türkischen Texte zu beschaffen. Sodann aber hat sich in Herrn Kammergerichtsreferendar Keichel ein bereitwilliger Mitarbeiter für die Übersetzungen gefunden. Herr Keichel übersetzt zur Zeit, wenn ich recht unterrichtet bin, türkische Strafgesetze. Er hat sich auch uns zur ehrenamtlichen Mitarbeit angeboten. In der Zwischenzeit aber, bis wir die Gesetzestexte in Händen haben, will er sich durch Mitarbeit an der Bibliographie, soweit es Dienst ihm erlaubt, beschäftigen. Hierbei möchte er Ihre gütige Unterstützung in der Weise in Anspruch nehmen dürfen, daß er Sie mit Rat anginge, welche Veröffentlichungen für seine bibliographische Arbeit wohl am ehesten in Frage kämen. Bei einer morgigen Rücksprache werde ich Herrn Referendar Keichel noch nahelegen, wenn er an Sie sich zu wenden erlaubt, doch schon gleich anzugeben, welche Zeitschriften und andere Veröffentlichungen er schon durchgesehen hat.

Wir haben uns diese Zeilen erlaubt, um Sie vor Herrn Keichel’s Schreiben von den zugrunde liegenden Zusammenhängen zu unterrichten.

Sehr langsam schreitet nu ja auch die Herausgabe des ersten Archivheftes fort. Wir hoffen, daß Ihnen die erste Korrektur Ihrer Arbeit schon zugegangen ist. Kiepenheuer hatte versprochen, am 1. März mit der Zeitschrift herauszukommen und vertröstet uns jetzt auf Mitte des Monats. Wir werden drängen, daß dieser Termin nun endgültig aber auch erfüllt wird.

Wir danken Ihnen schon jetzt für Ihre liebenswürdigen Bemühungen und verbleiben mit größter Hochachtung ergebenst

Auskunftsstelle für Deutsch-Türkische Wirtschaftsfragen. (Gez.) Hugo Tillmann.

 

87. DTV, Herr Börer (?) an C.H.B. Berlin, 4.3.1916

(Maschinenmanuskript)

Herrn Professor Dr. C.H. Becker, Bonn

Im Anschluß an Ihre Bemerkungen über die neue türkische Sprachverordnung13 sende ich Ihnen einliegend Abschrift einer Mitteilung des Hilal, woraus allerdings hervorzugehen scheint, daß auch für die fremden Gesellschaften in der Türkei die türkische Sprache in ihrem Handelsbetrieb obligatorisch wird. Als Begründung wird angeführt, daß es dadurch den osmanischen Staatsangehörigen, welche nur türkisch beherrschen, erleichtert werden soll, sich am kaufmännischen Leben zu beteiligen.

Ob dieser Zweck dadurch erreicht wird, erscheint mir zweifelhaft, denn würde es den Geschäftsbetrieb dieser Gesellschaften außerordentlich erschweren, wenn nicht weitgehende Ausnahmen bewilligt würden, andererseits stellte es gewissermaßen für die Türkei eine Prämie dar auf die Lässigkeit, fremde Sprachen zu lernen.

Den Originaltext des Gesetzes habe ich noch nicht gesehen und wird man bis zu dessen Kenntnis mit dem Urteile an sich wohl noch zurückhalten müssen.

Daß Herr Professor Jäckh und Herr Junge am 1. d.M. abgereist sind, habe Sie ja bereits gehört.

Inzwischen erhielt ich Ihre Kaisers-Geburtstags-Rede, die mich sehr interessiert, und für die ich Ihnen herzlichst danke. Hoffentlich gibt sie dem Zensor keinen Anlaß zum Eingreifen.

Mit herzlichen Grüßen, auch an Ihre Frau Gemahlin, Ihr sehr ergebener (gez.) G. Börer

 

88. C.H.B. an DTV. Bonn, Evtl. 20.3.1916

(Maschinenkopie, dessen 1. Blatt betr. Edition türkischer Gesetze wohl lt. Archiv als verloren gelten muß.(vgl. 2.3. und 17.3.1916)

… daß die Redaktion ihren Sitz in Konstantinopel habe und im Wesentlichen aus Männern der Praxis (Dolmetschern) besteht. Gelehrte sollten hier nur beratend mitwirken. Unter allen Umständen bin ich dafür, keine kleine Privatunternehmung zu beginnen, sondern nur die maßgebenden Leute darauf zu stoßen, daß hier von Reichswegen irgend etwas geschehen muß. Wenn im Übrigen auch mehrere Hände daran zusammenarbeiten, empfiehlt es sich doch zweifellos im Einzelfall wie bei der mustergültigen Gesetzessammlung von Biliotti und Ahmed Sedad das Zusammenarbeiten eines orientalisch wie juristisch ausgebildeten Europäers mit einem Türken. Ich bewundere die Unternehmungslust von Professor Kampffmeyer; aber ich würde bei der skizzierten Sachlage es doch nicht für richtig halten, daß er, Tschudi und ich eine Sache vorbereiteten, die doch keinesfalls von uns ausgeführt werden könnte. Es handelt sich um ein Unternehmen von erheblicher Größe, da nicht nur die täglich in Massenproduktion erscheinenden neuen Gesetze durchgearbeitet (unleserlich ) ersetzt werden müßten, sondern da das gesamte Gesetzesmaterial früherer Zeit immer dabei zu berücksichtigen wäre; denn nur auf diesem Hintergrund kann man die Entscheidung treffen, welche modernen Gesetze wichtig für unseren Recueil werden könnten

Wenn das Reich und die Botschaft in Konstantinopel nicht einsehen, um welch’ unerläßliche Aufgabe es sich hier handelt, dann sollten wir lieber die ganze Orientpolitik gleich aufgeben; denn dann würden auch alle Bemühungen der deutschen Gelehrtenwelt vergeblich gegen diesen Eisberg von Unverstand anrennen. Ich glaube sogar, daß es nicht einmal der richtige Weg ist, wenn Gelehrte die Sache anregen, da es dann gleich wieder als aschgraue Theorie gilt. Es sollten einige führende Leute des Wirtschaftslebens auf die Unerläßlichkeit hinweisen. Hier läge eine schöne und wichtige Aufgabe für die Deutsch-Türkische Vereinigung.

Mit verbindlichen Grüßen Ihr sehr ergebener (C.H.B.)

 

89. DTV, Dr. Schäfer an C.H.B. Berlin, 17.3.1916

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Professor!

Herr Prof. Dr. Kampffmeyer regt an, in gemeinschaftlicher Arbeit mit Ihnen und Professor Tschudi, zunächst einmal provisorisch über die im Türkischen Reichsanzeiger (Taqwim-i-waqai) erscheinenden Gesetze usw. ein knappes Register anzufertigen und abzudrucken mit regelmäßiger Weiterführung. Diejenigen Gesetze, die besonders wichtig sind, sollen dann je nach Bedarf übersetzt werden. Wie stellen Sie sich zu diesem Vorschlag, und in wessen Händen soll die Redaktion dieser Gesetzesregistratur liegen? Was die Übersetzung der Gesetze betrifft, so steht uns Herr Referendar Keichel zur Verfügung, jedoch dürfen wir ihn nicht zu sehr behelligen. Es müßten daher weitere Mitarbeiter zur Übersetzung herangezogen werden. Mit aufrichtigen Grüßen Ihr ganz ergebener (gez.) Dr. Schäfer.

 

90. DTV, Dr. Schäfer an C.H.B. Berlin, 28.3.1916

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Professor!

Empfangen Sie meinen aufrichtigen Dank für Ihr sehr geschätztes Schreiben vom 20.d.M., mit dessen Grundgedanken ich durchaus übereinstimme Inzwischen ist uns ein Bericht von Herrn Junge eingelaufen, worin er Folgendes mitteilt, was ganz mit Ihren Vorschlägen übereinstimmt:

Nach dem Kriege soll ein Archiv für Recht und Gesetzgebung in der Türkei ins Auge gefaßt werden, das Herr Professor Nord, Dragonan der Deutschen Botschaft in Konstantinopel, und Herr Junge gemeinsam herausgeben sollen. Herr Professor Voigt will bei der Übersetzung der Gesetze ebenfalls mitarbeiten. Voraussetzung hierzu ist jedoch, daß Herr Professor Nord als Staatsbeamter vom Auswärtigen Amt die Erlaubnis erhält. Ich habe dieserhalb beim Auswärtigen Amt eine Eingabe gemacht. Vorläufig will (Herr)Junge durch Professor Nord und Voigt zusammen die wichtigsten Wirtschaftsgesetze aus dem Urtext übersetzen lassen und sie als Außerordentliche Veröffentlichungen seines Archivs herausgeben. Hierzu ist jedoch ein Zuschuß seitens kapitalkräftiger Persönlichkeiten oder Firmen notwendig. Ich habe mich deswegen mit Herrn Direktor Schacht ins Benehmen gesetzt. Ich glaube, daß auch die Schwerindustrie, die ja unter den deutschen Industrien das stärkste Interesse an der Türkei hat, an dieser Gesetzessammlung besonders interessiert sein wird und deshalb zu Zuschüssen herangezogen werden muß.

Ich werde Sie über das weitere Ergebnis dieser sehr wichtigen Angelegenheit auf dem laufen-den halten und verbleibe inzwischen mit aufrichtigen Grüßen

Ihr ganz ergebener (gez.) Dr. Schäfer

(Handschriftlicher Zusatz unleserlich und irrelevant für das Thema.)

 

91. DTV, Dr. Schäfer an C.H.B. Berlin, 4.4.1916

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Professor!

Herr Junge bittet uns, Sie von folgender Unterredung zwischen ihm und Herrn Professor Dr. Nord, betreffend verschiedene Fragen des türkischen Zivilrechts14, zu benachrichtigen:

Herr Professor Nord vertritt den Standpunkt, daß zwar das Seerecht und Strafrecht französische Einflüsse besitzt, daß aber das Zivilrecht (Medschelle) davon durchaus frei ist. Es ist lediglich kodifiziertes Scheriatrecht. Die sämtlichen wirklich maßgebenden türkischen Rechtslehrer der Universität Konstantinopel erklären entschieden, daß die in Europa bestehende Auffassung von den französischen Einflüssen absolut falsch sei. Zu Ihrer Ansicht, daß Genossenschaftsfragen vor die Scheriatgerichte gehören, erklärt Professor Nord, daß praktisch alle wirtschaftlich wichtigen Streitfragen mit landwirtschaftlichen Kreditgenossenschaften vor die Zivil-, ja teilweise sogar Handelsgerichte kämen, da bei der Kompetenzfrage nicht nach Eigenart des Klägers oder Beklagten, sondern nach dem Inhalt des Rechtsgeschäfts unterschieden werde; daher würden seiner Ansicht nach, obwohl Genossenschaften unter die Scheriatgerichte fallen, Klagen mit ihnen anderen Gerichten unterliegen.

Was die Herausgabe und Übersetzung der türkischen Gesetze betrifft, so ist Herr Direktor Schacht der Ansicht, daß hier eine dankenswerte Aufgabe für die Deutsch-Türkische Vereinigung bestünde, und er ist bereit, eine finanzielle Unterstützung seitens der Deutsch-Türkischen Vereinigung in dem Vorstand vertreten.

Bezüglich des neuen Sprachgesetzes ist Herr Junge der Ansicht, daß seine praktischen Wirkungen nicht eine umwälzende Bedeutung haben werden. Da es erst 1919 in Kraft tritt, so besteht die Hoffnung, daß es auch bis heute noch nicht durch ein Irade bestätigt worden. Immerhin war das Gesetz notwendig, um dem türkischen Nationalismus entgegenzukommen, der als Grundlage für den Aufschwung der Türkei zu pflegen ist. Auswüchse werden sich mit der Zeit wohl beschneiden lassen.

Ich verbleibe mit aufrichtigen Grüßen Ihr ganz ergebener Dr. Schäfer.

 

92. Anlage zum Brief15 der DTV an C.H.B. Berlin, 5.4.1916

Deutsch-Türkisches Handbuch (Entwurf der Gliederung)

  • Geographischer Überblick: Prof. Philippson
  • Sprache und Schrift, Prof. Mittwoch
  • Geschichte: Prof. Hartmann
  • Politik: Prof. Jäckh
  • Verfassung (Kaiserliches Haus, Fremde Gesandtschaften & Konsulate, Kapitulationen: Prof. Becker
  • Heer und Flotte: Major Prigge, Exz. Imhoff Pascha
  • Religion: Prof. Becker
  • Missionen: Reichstagsabgeordneter Erzberger
  • Schulwesen: Geheimrat Schmidt, Konstantinopel
  • Fremde Schulen: Geheimrat Schmidt, Konstantinopel
  • Medizinalwesen (Krankenhäuser, Apotheken). NN.
  • Landwirtschaft: Dr. Bücher, H. Tillmann
  • Bergbau. Petroleum: Dr. Schäfer; andere Mineralien : Bergassessor Dr. Scheffer
  • Handel I (Statistik, Ein- und Ausfuhr):Dr. Schäfer
  • Handel II: Wichtigste Handelplätze und –artikel: G.Kayser
  • Handel III: Regel und Winke für den Geschäftsverkehr mit der Levante; (gegliedert nach einzelnen Landesteilen, Reklame)
  • Handelspolitik: Handelsgesetze; Zolltarif: Dr. Paddel, Dr. Nord, Dr. Schäfer
  • Gewerbe und Industrie: R.Junge
  • Verkehrswesen: Verkehrswege nach der Türkei (Eisenbahnen: Dr. Böker; Donau: Dr. Zimmermann); Eisenbahnen in der Türkei: H.Hecker; Schiffahrt und Häfen: G. Kayser; Post, Telegraphie: Postrat Andersch
  • Finanzwesen (Staatsanleihen): Dr. Schäfer
  • Bankwesen: Dr. Schäfer
  • Währung: NN
  • Buchhandel: B. Sutter
  • Presse: Redakteur Tekin Alp, Konstantinopel
  • Vereine:: Dr. Schairer
  • Anhang: Münz-Maß-Gewichtstabellen; Paßvorschriften; Verzeichnis der deutschen Firmen; Verzeichnis der wichtigsten ausländischen Firmen; Gesetze.

 

93. DTV, Prof. Jäckh an Geheimen Regierungsrat C.H.B. Berlin, 12.7.1918

Mit Empfehlung der Anlage von Dr. Carl Seyffert, Deutsche Feldpost 46. Abschrift

Dr. Seyffert an Prof. Jäckh E.H.O., 30.6.1918

Sehr verehrter Herr Professor!

Erst heute ist es mir möglich, Ihnen zu antworten und zu danken für die so liebenswürdige Weitergabe meines Briefes an Herrn Geheimrat Schmidt in Konstantinopel. Ich habe Herrn Geheimrat auf sein Antwortschreiben ausführlicher geschrieben und ihm auseinandergesetzt, was ich mir gedacht hatte. Um das vorweg zu nehmen, es ist mir im wesentlichen darum zu tun, möglichst ganz in türkischen Dienst zu kommen, nicht nur während des Krieges etwa. Ich habe mir gedacht, daß es wohl an der Zeit wäre, um an eine systematische Erforschung des türkischen Volkes und seiner Kultur zu denken. Dazu wäre einmal eine Art Forschungsinstitut nötig, wie es z. B. die Archäologen schon lange haben, – in dem in ganz systematischer Weise das Volkstum studiert würde, anthropologisch und kulturell, z. B. die Ernährung, Kleidung, Wohnung, um nur anzudeuten, was ich meine, natürlich spezialisiert bis in alle Einzelheiten, und das müßte einmal wissenschaftlich in Publikationen niedergelegt werden, und dann, was ebenfalls wichtig ist, es müßten systematische Sammlungen angelegt werden, aus denen einmal ein, ich will sagen Nationalmuseum hervorgehen könnte, das die ganze kulturelle Entwicklung des Landes und Volkes darstellte. Als langjähriger Museumsbeamter kenne ich die Mängel unserer gänzlich unsystematischen Sammlungen, die meist von Laien angelegt sind, zur Genüge, und ich habe mich (seit Jahren) mit dem Gedanken befaßt, wie man ein Museum, das neu (errichtet? in der Abschrift verstümmelt) würde, von Anfang an gestalten könnte. (?Nicht rekonstruierbare Passage:)…..wiederholt in Vorträgen bei Kongressen usw. an die Öffentlichkeit gekommen, leider sind aber überall schon uralte Sammlungen vorhanden, deren Ergänzung kaum mehr möglich ist. Es handelt sich auch immer um ethnologische Sammlungen von sehr schwer zu ergänzenden Beständen. Bei einem räumlich beschränkten Gebiete wie die Türkei, ließen sich diese Schwierigkeiten leichter überwinden, und es ist heute ja auch noch nicht zu spät, um die späteren Kulturschichten der türkischen Bevölkerung zu studieren. Ich würde mir nicht nur eine riesig interessante Arbeit, sondern vor allen Dingen auch einen äußerst wertvollen Beitrag für die Wissenschaft versprechen, und das kann ich etwas beurteilen, weil mir das ägyptische und nordafrikanische ehemalige türkische Reich aus eigenen Studien bekannt ist.

Freilich fragt es sich nun, ob die türkische Regierung an der Errichtung eines solchen Landes- und Volksmuseums Interesse hat, und ob sie die Mittel dazu aufbringen will. Ich würde Ihnen jedenfalls zu größtem Danke verpflichtet sein, Herr Professor, wenn es Ihnen möglich wäre, meine Pläne zu unterstützen und mir behilflich sein, sie an der rechten Stelle zu Gehör zu bringen. Wie gesagt habe ich in demselben Sinne schon vor längerer Zeit auch an Herrn Geheimrat Schmidt geschrieben und ihm klar gelegt, was ich mir für eine Tätigkeit vorstelle. Leider fehlen mir persönliche Beziehungen zur Türkei ganz, ich habe wohl Herrn Professor Wieting einmal kennen gelernt, doch weiß ich nicht, ob er noch in Konstantinopel ist und ob er mich überhaupt noch kennt. Jedenfalls bin ich aber der Meinung, daß es wohl im Interesse der Regierung sein dürfte, das Volkstum festzulegen in seinen Grundzügen, in einem Augenblicke, wo sich eine vollständige Wandlung vollziehe wird. Ich würde Ihnen zu etwaigem Rat und Unterstützung sehr verbunden sein und bin mit vorzüglichster Hochachtung ganz ergebenst (gez.) Dr. Carl Seyffert.

 

94. DTV, Herr Russack, an Staatssekretär C.H.B. 22.6.1922

Übersendung seiner Denkschrift

Denkschrift

(Durch die Niederlage der Mittelmächte ergaben sich eine Reihe von Problemen für die DTV, die noch durch die Geldentwertung verstärkt wurde. Die Finanzen wurden besonders strapaziert durch die Schließung der Deutschen Schule in Adana, der Rückreise der Lehrer nach Deutschland, der Bezahlung der Gehälter usw.

Die Mitteilungen werden weiter herausgegeben, wobei man anstrebt, sie völlig durch Aufnahme von Anzeigen zu finanzieren. Die wirtschaftlichen Interessen sollten im Vordergrund stehen – politisch müsse man sehr vorsichtig sein.

Interessant im weiteren ein Hinweis auf die Deutsch-Persische Gesellschaft Seite 5-6:)

Die Verhältnisse bei der Deutsch-Persischen Gesellschaft liegen nebenbei bemerkt so, daß der Herausgeber der dortigen, vorzüglich gemachten Mitteilungen, Konsul Wasmuss, den Geschäftsführer der DTV vor 8 Wochen aufforderte, diese eben entwickelten Gedanken in einer Denkschrift für den Vorstand der Deutsch-Persischen Gesellschaft niederzulegen. Er selbst erklärt sich mit dem Gedanken der Zusammenlegung der beiderseitigen Mitteilungen einverstanden und forderte den Geschäftsführer der DTV, als er mit dem Plan bei dem Vorstand der Deutsch-Persischen Gesellschaft nicht durchdrang, auf, die Herausgabe der Mitteilungen der DPG, sowie die Geschäftsführung der DPG mit dem ausgesprochenen Zweck, die Durchführung dieses Programms durch persönliche Verbindung zu erreichen, mitzuübernehmen – ein Plan, der lediglich durch das Dazwischenkommen des früheren Leiters der Deutschen Schule in Teheran von Konsul Wasmuss nach einer halben Stunde zurückgenommen wurde. Eine neue Nummer der Mitteilungen der DPG, die sonst regelmäßig monat-lich erschienen, ist bisher nicht herausgekommen.

(Der Rest der Denkschrift befaßt sich mit den Finanzen der DTV.)

 

95. DTV, Herr Kayser an Staatsminister C.H.B. Berlin, 24.1.1927

(Maschinenmanuskript)

Hochgeehrter Herr Minister!

In der mir kürzlich in so freundlicher Weise gewährten Unterredung über die nächste Entwicklung der DTV hatte ich mir erlaubt darauf hinzuweisen, daß eine Erweiterung des Berichtsgebietes unserer Mitteilungen auf die Türkei in ihren alten politischen Grenzen aus verschiedenen Gründen zweckmäßig sein würde. Es gibt heute keine Zeitschrift, die über Palästina, Syrien, Arabien usw., kulturelle und wirtschaftliche Dinge zusammenfassend, wie wir es jetzt für die Türkei tun, berichtet. Vom Standpunkt des deutschen Exporteurs aus bildet der ganze vordere Orient aber eine wirtschaftliche Einheit. Durch die Erweiterung unseres Berichtsgebietes hoffe ich, auch die Finanzierung der Mitteilungen durch einen entsprechenden Zuwachs an Beziehern zu erleichtern. Politische oder sonstige Bedenken dürften einer Erweiterung unserer Mitteilungen in dem angedeuteten Sinne nicht im Wege stehen. Ich habe deswegen Herrn Geheimrat von Richthofen im Auswärtigen Amt, dem deutschen Botschafter in Konstantinopel, Herrn Nadolny, und auch der hiesigen türkischen Botschaft Rücksprache genommen.

Nun ist kürzlich das Komitee Pro Palästina gegründet worden. Ich habe mich daraufhin vor einigen Tagen mit Herrn Professor Sobernheim im Auswärtigen Amt, der diesem Komitee ebenfalls angehört, in Verbindung gesetzt und ihn darauf aufmerksam gemacht, daß es mir sehr erwünscht wäre, wenn das Komitee unsere Mitteilungen als eines der Organe benutzt, durch die es seine Nachrichten der Öffentlichkeit zugehen läßt. Herr Professor Sobernheim hielt diesen Gedanken für sehr glücklich und versprach mir, ihn aufzunehmen und gegebenenfalls in der nächsten Präsidialsitzung am 3.3.(1927) zur Sprache zu bringen. Da ich gelesen habe, daß auch Sie, Herr Minister, dem Ehrenausschuß des Komitees angehören, wollte ich, angesichts des lebhaften Interesses, das von Ihrer Seite unseren Bestrebungen stets entgegengebracht worden ist, und das mir in der kürzlichen Besprechung in so nachdrücklicher Weise wieder in Erscheinung trat, nicht verfehlen, hiervon Kenntnis zu geben. Ich möchte daher die Bitte aussprechen, falls auch Sie, hochgeehrter Herr Minister, meinem Vorschlage zustim-men, Ihren großen Einfluß bei dieser Gelegenheit zu unseren Gunsten im Komitee Pro Palästina geltend zu machen.

Mit ausgezeichneter Hochachtung ergebenst (gez.) Kayser


1 Zum Grundstock gehört 1917 eine Bücherei von 1100 Bänden, ein Denkschriften- und Spezialfragenarchiv, ein Zeitungsarchiv mit monatlich 6-700 Zugängen.

2 Z.B mit dem Deutschen Überseedienst

3 Typische Vereinssatzung, von mir nicht abgedruckt. Blatt 10-14 des Dossiers.

4 Schriftführer war der Syndikus Dr. Ernst Jäckh, Berlin

5 Hervorhebung des Herausgebers.

6 Herzfeld, Ernst Emil *1879 Celle +1948 Basel. Professor in Basel/Princeton N.J.. Mitbegründer der islami-schen Archäologie, Architektur und Kunstgeschichte. Sein Mitarbeiter Krefter entdeckte 1933 in Persepolis die berühmten Schrifttafeln in Gold und Silber, auf denen Darius in Alt-Persisch, Elamisch, Babylonisch den Umfang seines Königreiches beschrieb – und legt sie als Grundstein für die Persepolisbauten

7 Hervorhebungen vom Herausgeber

8 Sammlung von Texten, meist Gesetzestexten (Französisch)

9 Der inhaltsgleiche Brief Junges wurde von mir nicht eingefügt Der Herausgeber.

10 Unterstreichungen von Reinhard Junge.

11 Reklamation im öffentlichen Interesse statt Einberufung zur Armee.

12 Der Brief der DTV vom 9.2.1916 folgt als Blatt 64 im Dossier und wurde von mir nicht abgedruckt.

13 Hervorhebung vom Herausgeber.

14 Alle Hervorhebungen durch den Herausgeber.

15 Von mir nicht abgedruckt.

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