Raymund Aron, 1932

HA VI. Rep.92 A. Nr.69

293. Raymund Aron an C.H.B. Berlin-Wilmersdorf, Landhausstr.14 (o.D.)

A mesure qu’on a plus d’esprit, on trouve qu’il y a plus d’hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes.

294. C.H.B. an Raymund Aron. Berlin, 19.11.1932

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Aron!

Ich danke Ihnen freundlich für das Zitat. Es ist allerdings so pointiert, daß ich es leider nicht zitieren kann, ohne die Amerikaner zu beleidigen, und liegt mir fern.

Ich denke gern an unsere Unterhaltung zurück und sende Ihnen anbei zwei Aufsätze, von denen Sie den italienischen behalten wollen, während ich Sie leider bitten muß, mir den deutschen zurück zu schicken, da es mein letztes Exemplar ist. Ich glaube aber, daß es eine schöne Basis für eine Diskussion zwischen uns werden wird.

Mit verbindlichen Grüßen Ihr sehr ergebener (C.H.B.)

 

295. Raymund Aron an C.H.B. Berlin, den 12.12 1932

Sehr geehrter Herr Minister!

Ich schicke Ihnen Ihren Aufsatz zurück und bitte um Entschuldigung für die

Verspätung.

Natürlich bin ich im großen und ganzen mit Ihrem neuen historischen Bewußtsein einverstanden. Und ich würde gern Ihre These als Anfangspunkt für eine Diskussion hinnehmen. Wenn man die Laizität des Positivismus überwunden hat, bleibt noch eine schwierige Aufgabe zu erfüllen: eine neue Methode, die neue Philosophie der Geschichte aufzubauen. Die Verhältnisse unserer Geschichte und dem Geschehen sind ja lange nicht so einfach, wie der frohe Positivismus sich vorgestellt hat. Aber desto notwendiger wird die Reflexion, die uns die Grenzen und den Wert der historischen Kenntnisse klar macht. Ohne diese positive Lösung des Problems bleibt die Überwindung des Positivismus ein Ende des Skeptizismus und nicht ein Fortschritt des philosophischen Bewußtsein.

Die heutige Krisis ist nicht nur die Befreiung von einer toten Materialsammlung und des unmöglichen Wie einer Abbildung der Realität, sondern auch die Unfähigkeit an ihren alten Glauben zu verzichten, weil man keinen anderen hat und weil das Absterben der Götter langsam vor sich geht.

Dazu kommt, daß wir selbst zu viel Geschichte erlebt haben, um nicht auf einer Seite das Bedürfnis zu empfinden, auf die Vergangenheit zurückzugreifen und wir nicht auf der anderen Seite die Problematik der geschichtlichen Rekonstruktion wir am Leibe gespürt zu haben – und diese Rekonstruktion brauchen wir doch! Weil wir mitten in der tragischen Wirklichkeit stehen, wo alles wieder in Frage gestellt wird, verlangen wir nach einer Wieder-eroberung der Vergangenheit um zur Zukunft vorwärts zu gehen und die Kontinuität wieder-herzustellen. Wir wollen, daß die Historie der Gegenwart dient und doch kann die Wissen-schaft dem Leben wirklich helfen, wenn sie wahr ist. Doch diese Spannung zwischen dem Lebensbedürfnis und dem Wahrheitsideal, zwischen dem geschichtlichen Erleben und dem Vertrauen ist die Historie.

Aber diese Spannung ist nun die Gegebenheit. Es ist Pflicht und Ziel, in der Tat und der Philosophie den Gegensatz auf einer höheren Stufe des Denkens und der Lebenseinstellung aufzuheben

Entschuldigen Sie diese vagen und kurzen Bemerkungen, die Ihnen zeigen werden, mit welchem Interesse ich Ihren Aufsatz gelesen habe, und wie gern ich mit Ihnen über diesen Fragenkomplex diskutieren würde.

Mit dem Ausdruck aufrichtiger Sympathie und vorzüglicher Hochachtung verbleibe ich

Raymund Aron

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