van Aubel, 1920

A VI Rep.92 Becker A. Nr.74

291. C.H.Becker an van Aubel1, Vorsitzender der deutschen Studentenschaft. Berlin, 24.8.1920

Der Staatssekretär (Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr van Aubel.

Sie bitten mich um Auskunft darüber, woher das Gerücht über den Abbau der Universitäten entstanden ist. Ich will Ihnen das gern vertraulich mitteilen. Dabei glaube ich kaum, eine Indiskretion zu begehen, nachdem an verschiedenen Stellen bereits die Veranlassung bekannt geworden ist. Die Debatte über einen Abbau der Universitäten setzte ein, als Frankfurt genötigt war, um staatliche Hilfe zu bitten. Im Finanzministerium glaubte man schon unter Südekum, die nötigen Summen nicht aufbringen zu können, ja, man liebäugelte mit dem Gedanken, an den Universitäten zu sparen. Dabei ging man von dem richtigen Gedanken aus, daß Deutschland z.Zt. zu viel Akademiker erzeugt, und daß eine weitsichtige Finanzpolitik eine Überflutung mit Beamtenanwärtern hintanhalten muß. Damals suchte ich in einem Privatbrief, den Minister Südekum davon abzubringen, Frankfurt eingehen zu lassen und brauchte dabei die unvorsichtige Wendung, daß ich wohl bereit sei, mit mir reden zu lassen, wenn die absolute finanzielle Notlage uns dazu zwänge, eine oder die andere Universität zu reduzieren, daß aber die Universität Frankfurt als kultureller Vorposten gegen Frankreich eine nationale Notwendigkeit sei, und daß es eine politische Dummheit ersten Ranges sei, gerade Frankfurt eingehen zu lassen2. Dieser Privatbrief ist dann irgend einem geschäftigen Referenten in die Hand gefallen, und der hat darauf sofort in einem amtlichen Schreiben zu äußern gewagt, daß das Kultusministerium den Abbau von Universitäten auch für nötig hielte. Bei der Aussprache im Staatsministerium anläßlich der Subvention für Frankfurt habe ich ausdrücklich erklärt, daß nur ein völliger Zusammenbruch unserer Finanzen eine solche Maßnahme rechtfertige, und daß selbst dann eine Zusammenlegung nur auf Grund der Verabredung zwischen verschiedenen Ländern erfolgen könne. All das waren für mich aber nur taktische Äußerungen, da ich wußte, daß eine solche Vereinbarung nie zu erzielen sein wird, und ich hoffte, durch ein solches Vorgehen den sehr gefährdeten Bestand Frankfurts zu retten. Letzteres ist ja nun auch tatsächlich gelungen, und damit wäre die Sache erledigt gewesen, wenn nicht durch den inzwischen ins Amt getretenen neuen Finanzminister Lüdemann das Abbauproblem ein vollkommen neues Gesicht erhalten hätte.

Lüdemann ist Techniker, hat wohl auch einmal auf der Technischen Hochschule studiert, schwört aber auf die sogenannte mittlere technische Erziehung3. Auf der gleichen Linie liegen seine Pläne über volkswirtschaftliche Mittelschulen. Nun muß man wissen, daß weite kreise der Sozialdemokratie mit großem Mißtrauen gegen das reaktionäre Beamtentum erfüllt sind. Man lehnt die Akademikerwelt als fortschrittsfeindlich überhaupt ab und sucht, im angeblichen Interesse des neuen Staates die Reservoire zu unterbinden, aus denen sich die Akademikerwelt rekrutiert: Universitäten und höhere Schulen. Nach den schlechten Erfahrungen, die man mit manchen neuen Männern in amtlichen Stellen gemacht hat, sieht man ein, daß man die Arbeitersekretäre vor ihrer Verwendung auf wichtigen Posten akademisch bilden muß. Auch erfordert die tägliche Mitarbeit der Arbeiterschaft an allen möglichen Stellen akademische Funktionäre. Daher der Gedanke, der, wenn er richtig ausgeführt wird, auch meiner Überzeugung nach zweifellos zum Nutzen des Vaterlandes dienen wird. Von seinen Urhebern wird er allerdings manchmal mißverstanden. Jedenfalls entspringt er bei vielen von diesen einem Gefühl des Mißtrauens und der Feindschaft gegenüber der alten Akademikerwelt. Diese Arbeiterakademien kosten natürlich Geld. Dieses Geld möchte man bei den Universitäten durch einen bisher sehr unklar vorgestellten Abbau ersparen. Damit hofft man zugleich die Zahl der Studierenden herabzusetzen, was natürlich völlig falsch ist. Dabei fordert man auf der anderen Seite die Zulassung der Volksschullehrer zu den Universitäten. Sie sehen also schon daraus, wie wenig durchgedacht der ganze Plan ist. Trotzdem hat Herr Lüdemann es für richtig gehalten, gleich nach seinem Amtsantritt ein großes Rundschreiben nicht nur an sämtliche preußische, sondern auch an die Reichsressorts gehen zu lassen, in dem er den Abbaugedanken im Zusammenhang mit der Begründung von Arbeiterakademien einer grundsätzlichen Aussprache zu unterziehen empfiehlt. Gegen alle bisherige Übung ging dieses Schreiben ohne vorherige Fühlungnahme mit dem Kultusministerium heraus, und dieses Schreiben ist es, daß die große Beunruhigung hervorrief, da es ganz naturgemäß nicht geheim bleiben konnte. Wir waren darin ersucht, kommissarische Besprechungen einzuleiten.

Wir haben daraufhin erklärt, daß die Fürsorge für die Universitäten Sache der Länder und nicht des Reiches sei, und haben in Aussicht genommen, auf der bevorstehenden Hochschul-konferenz der Länder in Bad Elster die Möglichkeit einer Rationalisierung des Betriebes zur Debatte zu stellen. Die kommissarischen Besprechungen haben wir abgelehnt. Es ist übrigens sehr interessant gewesen zu beobachten, daß sich Herr Lüdemann auf der ganzen Linie eine Abfuhr holte. Manche Ressorts haben sogar sehr deutlich geantwortet4. Ich beabsichtige nun, zum kommenden Etat eine kleine Denkschrift dem Landtage vorzulegen, in der diese Frage erörtert werden soll. Wir müssen natürlich mit Rücksicht auf die Finanzziele eine behutsame Universitätspolitik treiben und können nicht mehr so aus dem Vollen wirtschaften wie vor dem Kriege. Aber von Schließung einzelner Universitäten darf m.E. überhaupt keine Rede sein. Ich denke mir Einsparmöglichkeiten nach der Richtung, daß wir z.B. nicht mehr an jeder Universität 3 Professuren für klassische Philologie haben, daß man aber beim Freiwerden einer dieser Stellen den Posten nicht streicht, dafür aber ihn durch einen Nationalökonomen oder den Vertreter einer neu aufkommenden Disziplin besetzt. Weiter sollen bestimmte Universitäten besondere Aufgaben bekommen, wie Göttingen Mathematik und Physik. An diesen Orten sollten dann mehrere Professoren des betroffenen Faches nebeneinander wirken, während an anderen Universitäten nur ein Normalbetrieb aufrecht erhalten bleiben soll. Wer sich auf einem Gebiet wirklich wissenschaftlich spezialisieren will, muß dann die Universität aufsuchen, an der gerade sein Fach eine besondere wissenschaftliche Vertiefung und einen reichen Ausbau erfährt. Es werden ja dann doch immer noch zwei Hauptstätten für jedes Fach in Preußen bleiben, da die Sonderstellung Berlins5 unter allen Umständen gehalten werden soll. Als meine Hauptaufgabe für die nächsten Monate betrachte ich es, der Öffentlichkeit klar zu machen, daß die Ausgaben für die Universitäten geradezu eine Lappalie darstellen in un-serem Gesamthaushalt, wenn man bedenkt, daß sie doch die letzten geistigen Produktionsstätten und Kraftquellen darstellen.6

Das wäre leicht, wenn nicht die unverantwortliche Verhetzung von rechts und links den Riß zwischen der Arbeiterwelt und der Akademikerschaft noch immer vergrößerte. Ich habe in diesen Tagen einen Aufsatz über die Unterrichtspolitik der französischen Revolutionszeit7 gelesen, und da war es mir dann doch sehr amüsant zu sehen, daß damals auch die Universität Paris die Führerin der Reaktion gewesen ist. Sie mußte schließlich sogar geschlossen werden und wurde erst unter Napoleon wieder eröffnet. Hoffentlich kommt es bei uns nicht so weit. Dabei habe ich die feste Überzeugung, daß die Universitäten gar nicht so reaktionär sind, wie sie meist gemacht werden. Leider werden nur die Entgleisungen einzelner Professoren und Studenten und die Torheiten einzelner Korporationen oder Verbände verallgemeinert. Von dem Bewußtsein der vaterländischen Verantwortlichkeit ihres politischen Auftretens sind die meisten Deutschen doch leider noch sehr weit entfernt. In dieser Hinsicht erhoffe ich mir eine große Erziehungsarbeit von der deutschen Studentenschaft. Wenn sie nur die Professoren gleich mitziehen könnte!

Damit hoffe ich, Ihren Wunsch erfüllt zu haben, und wiederhole die Bitte, diesen Brief im Wesentlichen zur persönlichen Information für Sie und Herrn Benecke, den ich freundlich grüßen lasse, zu benutzen.

In aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebenster gez. Becker.

 

292. C.H.B. an van Aubel, Göttingen. Berlin, 20.6.1920

Privatsekretariat (Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr van Aubel!

Durch ein Versehen im Geschäftsgang ist das Protokoll der Hanstein-Tagung erst nach Eintreffen Ihres Telegramms wieder in meine Hände gelangt, und ich habe erst gestern Abend Gelegenheit gehabt, mich genauer über den Inhalt zu informieren. Ich kann Ihnen nur sagen, daß mich die Lektüre ganz ungemein befriedigt hat. Die Hanstein-Tragung hat offenbar auf einer erstaunlichen geistigen Höhe gestanden. Ich freue mich sehr, daß dies Protokoll gedruckt wird, und wünsche den Gedanken allen Erfolg. Ich trage aber doch Bedenken, meinerseits ein Vorwort dazu zu schreiben. Bei der Umstrittenheit des Problems müßte dieses Geleitwort außerordentlich vorsichtig abgefaßt sein und könnte sich nur in allgemeinen Gedanken bewegen. Es würde dann voraussichtlich überall citiert und eine Festlegung des Ministeriums daraus gefolgert werden, während ich es im Interesse der Sache liegend erachte, wenn das Ministerium in keiner Weise mit dem Gedanken einer humanistischen Fakultät verknüpft wir. Die Idee ist nun einmal aus der Studentenschaft heraus geboren, und die Idee wird sich in ihrem berechtigten Kern umso leichter durchsetzen, je weniger es danach aussieht, als ob das Ministerium die Sache unter seine Fittiche nähme.

Persönlich glaube ich, daß die Verwirklichung des Gedankens der Arbeitsgemeinschaften – eine in sich geschlossene Fakultät kommt ja wohl nicht in Frage – ausschließlich von den zur Verfügung stehenden Persönlichkeiten abhängen wird. Hoffentlich glücken die praktischen Versuche in Göttingen, wo der Boden ja besonders geeignet ist. Ich werde es mir angelegen sein lassen, den Gedanken auch sonst zu fördern, wo die persönlichen Bedingungen gegeben sind. Ich darf Sie wohl bitten, diesen Brief als Privatbrief zu betrachten.

Mit verbindlichen Grüßen Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (C.H.B.)


1 Herr cand.jur. van Aubel war Student in Göttingen und lebte Jüdenstr.21

2 Hervorhebung vom Herausgeber

3 Hervorhebung vom Herausgeber

4 Hervorhebung vom Herausgeber.

5 Hervorhebung vom Herausgeber.

6 Hervorhebung vom Herausgeber.

7 Hervorhebung vom Herausgeber.

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