Einführung zu 8.1.

Die Korrespondenz des Orientalisten und Kulturpolitikers Carl Heinrich Becker zwischen 1900 und 1933

Das Denken in diesem Teil der Korrespondenz Beckers schwankt hier zwischen zwei Polen: als Orientalist denkt er immer auch politisch, wie in seiner Privatkorrespondenz des gleichen Zeitraumes deutlich wird, vor allem in der Hamburger Zeit, als er sich vergebens bemühte, aus dem Kolonialinstitut eine Universität zu machen und damit an den „Pfeffersäcken“, wie er sagte, scheitert. Und als Politiker stützt er sich immer auch zugleich auf die Wissenschaft, die ihm ein Leben lang Halt und letzte Sicherheit vor den politischen Imponderabilien verschaffte. Sein Wissen vom Orient, seine Kenntnis der Religionen durch sein Studium der Religionswissenschaften bewahrten ihn vor eurozentrischem Denken

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird Becker von der allgemeinen Euphorie mitgerissen, doch gelingt es ihm bald, sich davon zu lösen. Als Fachmann, nunmehr Professor der Orientalistik in Bonn seit 1913, wird er jetzt gefordert und wirft seine ganze Persönlichkeit, sein ganzes Wissen über den Orient in die Aufklärungsarbeit in Deutschland. Zahllose Vorträge über die moderne Türkei hält er nicht nur in Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main oder Dresden, sondern auch in Hamburg oder Köln und wird durch Artikel in der Frankfurter Zeitung, der Vossischen Zeitung und anderen großen Zeitungen überregional bekannt und, da er wohl ein begnadeter Redner war, auch geschätzt. In Berlin bekommt er Kontakt mit der Politik, besonders mit dem Auswärtigen Amt, aber auch mit dem Preußischen Kultusministerium, das ihn dann schließlich als Hochschulreferenten 1916 dorthin beruft.

Die Türkei 1914 umfaßte nicht nur das uns heute bekannte Gebiet, sondern im Rahmen des Osmanischen Reiches praktisch den ganzen Mittelmeerraum, wo sich einige westeuropäische Staaten ihre „Protektorate“ herausgeschnitten hatten, den ganzen arabischen Raum bis zur russisch-persischen Grenze, das Zweistromland, die Küste des Roten Meeres bis Aden (britisch), Ägypten mit dem britisch-ägyptischen Kondominium über den Sudan. Die ganzen arabischen Staaten entstanden praktisch erst im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg und auf Kosten der Türkei!

1918 von der Revolution überrollt in Berlin, geht er doch seinen Geschäften im Ministerium nach, trotz Spartakusaufstand und Kapp-Putsch. Hervorzuheben ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß er sich keiner anderen Partei als der „Partei der Bildung“ anschließt und auch nicht von heute auf morgen vom Monarchisten zum Republikaner wird. Dennoch steht er in der Folge zur Republik, wird zu einem Republikaner der Vernunft und zu einem Anhänger der Demokratischen Partei. Die Weimarer Republik bzw. in ihr der preußische Staat wird zu seinem Bildungslabor, in dem er seine Ideen umzusetzen versucht. Preußen war seiner Zeit ein Hort der Stabilität unter der Regierung Braun, der Becker entweder als Staatssekretär (unter Haenisch und Boelitz) oder als Minister diente. Er verstand es mit seiner ihm eigenen Überzeugungskraft sich auf die junge Generation zu stützen, wenn es um neue Ideen ging (Jugendbewegung, Musik- und Kunstunterricht, Sportunterricht, Koedukation, akademische Ausbildung der Volksschullehrer, Landerziehungsheime) ohne dabei auf die Verwaltungsroutine der „alten Hasen“ zu verzichten. Preußen setzte allein durch seine Größe Maßstäbe bei der Entwicklung von Volksschule, höherer und Berufsschule und der Universität; denn was heute die KMK in der Bundesrepublik leistet, organisierte Becker in zwei Dritteln des Reiches, das ja damals noch von Ostpreußen und Schlesien über Brandenburg bis ins Rheinland und von Flensburg bis zur Mainlinie reichte, praktisch allein. Zwar hatten die Provinzen Preußens eine gewisse Selbständigkeit, aber die Kontrolle der Zentrale in Berlin bestand weiterhin. So konnte es passieren, daß Becker von einer Veranstaltung in Aachen oder Kiel direkt nach Breslau reiste; die Schlafwagenrouten der Reichsbahn waren ihm in jedem Fall vertraut. Manchmal reichte es nicht zum Wäschewechseln auf dem Steglitzer Fichtenberg …

Auch in der Zeit als Minister/Staatssekretär widmet er sich orientalistischen Themen bei Vorträgen über die Entwicklung der Türkei und den arabischen Nachfolgestaaten nach dem Kriege, insbesondere im Rahmen der Attaché-Ausbildung des Auswärtigen Amtes, aber auch durch das moderne Medium des Rundfunks, besonders der Deutschen Welle. Immer wenn es ihm möglich war, besuchte er die Orientalistenkongresse und versuchte auch, die gestörten wissenschaftlichen Beziehungen zur Internationale der Orientalisten wieder herzustellen.

Am Herzen lag ihm der Kontakt zu seinen alten Lehrern Bezold und Barth. Doch auch mit jüngeren Kollegen pflegte er eine eifrige Korrespondenz z. B. mit dem Orientalisten Franz Babinger. Der lag völlig auf der Linie Beckers, der eine Abwendung von der rein philologischen Orientalistik erstrebte und in seiner Zeitschrift Der Islam propagierte. So lauten die Vorschläge Babingers für seine Antrittsvorlesung 1919:

  1. Sozialismus und Islam
  2. Die Schi’a im osmanischen Reich.
  3. Die Anfänge des Sefewidenreiches.
  4. Die Staatsidee des Islam.1

Wir erinnern uns: Beckers Antrittsvorlesung 1902 lautete: Die Frau im Islam.

Als Hochschulpolitiker pflegte er auch Kontakte mit fachfremden Professoren, die aber seine Ideen teilten. So z. B. die sehr interessante Korrespondenz mit dem Romanisten Ernst-Robert Curtius oder dem französischen Philosophen Raymond Aron oder dem gleichfalls französischen Germanisten Pierre Bertaux, mit dem ihm eine enge Freundschaft verband. So geht aus dem letzten Brief Bertaux’ (Nr. 438 vom 6.1.1933) hervor, daß Becker eine Reise nach Nordafrika plante, das ja fest in französischer Hand war, wozu Bertaux ihm den Diplomaten Roland de Margerie in Berlin als Helfer empfahl. Bei alledem war er nicht unbedingt frankophil sondern eher anglophil; auch Amerika lernte er, wenn auch erst nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst 1930, kennen und schätzen. Während seiner Studienzeit bereiste er England und knüpfte vielfältige Kontakte, die er in den zwanziger Jahren dann auch seinen Kindern zugute kommen ließ. Gegenüber Frankreich bestand eine gewisse innere Abwehr in der Generation nach den Einigungskriegen. So studierte er zwar in Lausanne, aber nicht in Paris. Das hinderte ihn aber nicht, begeistert von der Pariser Weltausstellung 1900 zu sein, die er auf dem Wege nach Spanien und Ägypten „mitnahm“.2

Die Auswahl der Briefe ist zweifellos subjektiv; allerdings nur, was die Dossiers angeht: innerhalb derselben habe ich keine Selektion geübt. So kann dieser Band auch nur einen Bruchteil bringen. Noch dazu, wo ich die Dossiers der reinen Privatkorrespondenz parallel in einem Extra-Band bearbeite. Denn diese Entscheidung kann ich immer erst nach Kenntnisnahme der Texte fällen. Aus der Fülle der Einzelbriefe ragt jener der Dichterin MdR Dr. Bäumer aus dem Jahre 1929 hervor, aber auch jener Gundolfs aus dem Jahre 1931, den ich als Epilog dieses Bandes einfügte. Dort heißt es (in Nr. 572 vom 7.4.1931).

„… noch dankbarer bin ich Ihnen für die Besinnung des heutigen Humanismus auf sein reges Erbe aus „Dreitausend Jahren“, für die Rechenschaft die ein Führer wie Sie von dem steten Grunde gibt, gleich frei vom romantischen Traditionalismus wie von übergangstrunkenem Fortschrittstaumel… (den beiden Untergangskrankheiten unserer Bildung)… den alten Ehrfurchten woraus die ewigen hellenischen Bilder und römischen Taten sich verdichtet und verbreitet hatten noch nah genug und doch mit dem Vertrauen in die Wissenschaft, mit dem guten Gewissen dazu, das immer rascher schwindet unter dem Druck der vordersten Not und dem Ungenügen der selbstzwecklichen Methoden, dem jugendlichen Verlangen nach billigen Absolutismen handfester Dummheit oder fixer Geheimnisse. Wenigstens spüre ich mit einer Art Grauen das Erlöschen des Forschmutes und – Zeichen dafür – der Gedächtnisstärke in der heraufkommen-den Jugend. Was man nicht mehr glaubt behält man schwer.“

Gertrud Bäumer war führend in der deutschen Frauenbewegung. Sie unterstreicht in ihrem Brief (Nr. 316) den Ausdruck neuer Humanismus, den sie ebenfalls in ihrem Vortrag in Genf verwendet und der auf Becker zurückgeführt wird.

Einige Jahre später reist Becker zum Internationalen Pädagogen-Kongreß in Nizza (Nr. 314), wo er Bericht erstattet über seine Völkerbundsmission in China. Die China-Briefe sind an anderer Stelle veröffentlicht; nur soviel: auch hier verband Becker das Dienstliche mit dem Privaten, denn auf der Rückfahrt nimmt er nicht etwa den Weg der Herfahrt nach China über zwei Ozeane, sondern bereist die islamischen Staaten bzw. Kolonien Asiens3 und Persien. Aus Bagdad berichtet er im 17. Rundbrief vom 19.-24.2.1932 von seinem ersten Flug mit einem Junkers-Flugzeug:

„Meine Reise hierher war eine große Sensation für mich, denn zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich mich zu einer Luftfahrt entschlossen. Statt drei Tage ganz allein durch die verschneite Einöde Persiens im Auto zu fahren, wobei es zweifelhaft blieb, ob ich überhaupt durchkommen würde, flog ich mit dem Postflugzeug der Junkers Luftfahrt Gesellschaft von 7 bis 1 Uhr mit einer Zwischenlandung in Teheran nach Bagdad. Es war ein unerhörtes Erlebnis. Nicht nur weil es mein erster Flug war und zwar in einem ganz kleinen Flugzeug D 1197 genannt Bulbul (Persisch: Nachtigall), das im Jahre 1927 den Dauerflugweltrecord verbessert hatte. Die Cabine ist nicht größer als ein kleines Auto, die Wände sind Asbest resp. Aluminium; vier Personen können mitfahren, wir waren aber nur zu zweit, ein Engländer und ich. So hatten wir es sehr gemütlich und konnten sogar die kleinen Fenster öffnen und herausphotographieren. , (…) Das Wetter war blendend; sobald das Flugzeug den Boden verlassen hat, fühlt man sich vollständig sicher, der Lärm ist wie in der Untergrundbahn, man kann sich nur schwer verständigen. Absacken und Wackeln war sehr selten, ich hatte nicht die leiseste Unbehaglichkeit; wir flogen meist in 2800 m Höhe.“4

Ich würde sagen: typisch Carl Heinrich! Unternehmungslustig wie immer, genauso wie einst, als er auf dem Esel von Jerusalem nach Damaskus ritt 1902, um dort das Schiff nach Europa zu nehmen …

Fast eine Chronologie verdanken wir den Briefen Beckers an Erich Wende 1918 bis 1926, die letzterer in gekürzter Form Beckers Witwe nach dem Zweiten Weltkrieg zusandte. Aus diesen Briefen (Nr. 439-566) lernen wir viele Interna aus dem Ministerium, ehe Becker selbst Minister wurde und Wende sein enger Mitarbeiter. Praktisch alle dienstlichen Probleme, Gedanken, Beschlüsse breitet Becker in diesen Briefen aus, auch Urteile über Persönlichkeiten aus der Politik und speziell dem Kultusministerium. Deswegen ist die Diskretion Wendes auch verständlich. Inzwischen sind die Betroffenen alle verstorben und wir können uns nunmehr selbst ein Bild von den Verhältnissen machen. So schreibt er in seinem Brief vom 11.5.1925 (Nr. 537) über seine Reise nach München:

„Politisch bemerkenswert war das Fehlen der Reichsfarben im Stadtbild. Bayern ist eben bayerisch und gehört zum Reich nur insoweit es zahlt. In bezug auf das Deutsche Museum wurde die Reichsregierung sehr gefeiert, das große Preußen, das doch aus seiner Steuerkraft 2/3 der Reichszahlung aufbringt, wurde überhaupt nicht erwähnt, wozu die Redefaulheit von Braun, der von dem vergnügungssüchtigen Weismann dirigiert wurde, nicht wenig beitrug. Bayern, Reichsregierung und Reichstag hieß das Trio. Daß es daneben noch einen Reichsrat gibt, davon spricht man nur, wenn bayerische Belange bedroht sind. Dann ist Preußen gut genug zu helfen, aber daß Preußen zum guten Teil das Deutsche Museum bezahlt hat, davon dürfen die Bayern nichts hören.“

Irgendwie kommt einem das bekannt vor, denn Bayern erhielt bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts immer wieder Subventionen vom Bund – heute aber, wo andere die Hand aufhalten, leistet man dort aus gern Widerstand. Das Problem des Föderalismus ist bis heute nicht recht gelöst, war aber auch in der Weimarer Republik durch das Übergewicht Preußens problematisch; so wandte sich Becker durchaus gegen eine Stärkung der preußischen Provinzen, weil er die Zentrifugalkraft dieser Entwicklung fürchtete. Die radikale Lösung, die durch den Papen-Putsch eingeleitet wurde, ist aber gewiß nicht im Sinne Beckers gewesen. Schon gar nicht aber der Superzentralismus (sprich Gleichschaltung der Länder) des Dritten Reiches mit Göring als Ministerpräsidenten Preußens und Rust als Kultusminister … Gegenüber den Nazis, aber auch Hindenburg und Ludendorff äußert er sich mehrfach kritisch. Ich bin mir ziemlich sicher, daß Becker emigriert wäre, wenn ihm nicht die Politik der Nazis zuvor das Herz gebrochen hätte. Da er aber ein Kämpfer für die Demokratie geworden ist, hätte das nahe gelegen. Sein früher Tod hat ihm diese Entscheidung abgenommen.

Wie bahnbrechend die Ideen Carl Heinrich Beckers sowohl auf wissenschaftlichem als auch auf kulturpolitischem Gebiet waren, erhellt vielleicht aus der Tatsache, daß die Lehrerbildung für die Volksschullehrer von Rust in der NS-Zeit wieder an die Seminare verbannt wurde, aber nach dem Untergang des Dritten Reiches genau bei Becker und Wende anknüpfte – denn Wende wurde unter Minister Grimme nach 1945 Staatssekretär im Niedersächsischen Kultusministerium, seine wie Beckers Schriften über die Pädagogischen Akademien hatten ihre Frische bewahrt. Bis sich die Koedukation an den Schulen durchsetzte, dauerte es noch mal 20 Jahre, und körperliche Strafen für Schüler gab es noch bis in die 70er Jahre hinein.

Was die Orientalistik an geht, so versackte sie wieder in rein philologischen oder unverfänglichen Studien weit entfernter Geschichte. Als Beispiel sei nur die Festgabe der deutschen Iranisten zur 2500 Jahrfeier Irans genannt, herausgegeben von Professor Eilers von der Universität Würzburg, Stuttgart 1971. Ich habe die Dame und die Herren selbst erlebt – da kam kein kritisches Wort von ihrer Seite über die Herrschaft des Schahs. Immerhin verweigerte Bundespräsident Heinemann die Teilnahme bei dem Auftrieb in Persepolis, statt dessen schickte man den Bundestagspräsidenten Carlo Schmid …

Berlin, im Januar 2010


1 Nr.327 vom 8.10.1919 aus Würzburg

2 Vgl. die Privatbriefe Teil IA 1900-1917, ebenfalls von mir herausgegeben.

3 Carl Heinrich Becker in China. Reisebriefe des ehemaligen preußischen Kultusministers 1931/32. Berliner China-Studien. LIT Verlag Münster 2004. Hg. Von Susanne Kuß- 357 Seiten + Anhang

4 Kuß, s.o. S.269/70

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