Vossische Zeitung, 1920-33

VI.HA. Rep.92 Becker V Nr. 2663

11. C. H. Becker an die Vossische Zeitung1, Berlin Berlin, 7.5.1920

(Maschinenkopie)

Anliegend erlaube ich mir, Ihnen einen Artikel über das neue preußische Studentenrecht zu schicken. Ich wäre dankbar, wenn er möglichst bald erscheinen könnte, da die Beratung des Deutschen Studententages bevorsteht und er, wie ich hoffe, zur Beruhigung der aufgeregten Gemüter beitragen wird. Ich habe ihn deshalb auch der deutschen Studentenschaft Göttingen zur Verfügung gestellt, die ihn als Flugschrift drucken lassen will, doch wird das noch einige Zeit dauern, bis dies Flugblatt herauskommt.

Hochachtungsvoll ergebenst (CHB)

 

12. Vossische Zeitung, Dr. Edwards, an C. H. B. Berlin, Kochstr. 23/4, 21.6.1921

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister,

da sich der Landtag jetzt vertagt hat, gestatte ich mir im Auftrage von Herrn Bernhard Sie an Ihre freundliche Zusage zu erinnern, uns nach Annahme des Ultimatums für die Vossische Zeitung einen Aufsatz über „Die Erhaltung der geistigen Produktivität“ zu schreiben, in dem Sie die Bedeutung des geistigen Arbeiters für Deutschlands Wiederaufbau würdigen wollten.

Die Redaktion der Vossischen Zeitung wäre Ihnen zu großem Dank verpflichtet, wenn Sie uns mitteilen könnten, ob wir zur nächsten Sonntagsnummer auf diesen Aufsatz von Ihnen rechnen können.

Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener (gez.) Dr.W. H. Edwards

Randbemerkung Duwes vom 22.6.: telefonisch mitgeteilt, daß der Herr Minister verreist ist.

 

13. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 7.12.1922

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Staatssekretär,

in der Weihnachtsausgabe unserer Zeitung möchten wir einem sehr kleinen Kreise ausge-wählter Mitarbeiter zu einem gemeinsamen Thema das Wort geben, nämlich zum Führerproblem. Es bedarf Ihnen gegenüber keine Auseinandersetzung, wie schwer Deutschland im Augenblick auf jedem Gebiet den Mangel an Persönlichkeiten empfindet, die sich dem Blick aufdrängen, wenn nach einem Führer gesucht wird. Bei jeder Berufung stellt sich die gleiche Verlegenheit heraus, mag nun ein Platz an der Spitze der Regierung oder irgendeiner anderen Körperschaft von entscheidender Bedeutung frei werden.

Es erscheint uns von großem Interesse, wenn gerade Sie Ihre Ansicht darüber äußern, wie dieser Not zu steuern sei, ob Erziehung oder Auslese irgendwie versagen und wie nach Ihrer Meinung die Gewalten, die den Glücksfall einer Führernatur am rechten Platz bedingen, zu beeinflussen wären.

Seien Sie im voraus verbindlichsten Dankes versichert, wenn Sie so freundlich sein wollen, uns baldigst mitzuteilen, ob Sie einen Beitrag über dieses Thema im Umfange eines kurzen Tageszeitungsartikels für uns schreiben könnten. Bis zum 18. Dezember müßten wir im Besitze des Manuskriptes sein.

In vorzüglicher Hochachtung ganz ergeben (gez.) Dr. Monty-Jacobs

 

14. C. H. Becker an Vossische Zeitung Berlin, 22.12.1922

Glossen zum Führerproblem

Von C. H. Becker

I

Das Führerproblem ist ein Geführtenproblem. Selbst der genialste Führer ist ein Raffael ohne Arme, wenn die Massen nicht bereit sind, sich führen zu lassen. Dabei kommt es weniger auf die Masse selbst als auf die Unterführerschicht an. Denn die Massen sind überall und besonders bei uns leicht führbar. Auch an zur Führung berufenen Männern fehlt es nicht. Was versagt, ist die unentbehrliche Mittelschicht. Das hängt zum Teil mit unserem Volkscharakter zusammen. Wir denken von Haus aus nicht staatlich oder völkisch, sondern genossenschaftlich. Selbst völkische Bewegungen führen bei uns leicht zur Klüngelei. Der Deutsche kennt zwischen Individuum und Menschheit nur die Genossenschaft, die sich in den Formen der Landsmannschaft, der Partei, des Verbandes oder anderer soziologischen Gruppen kleidet und von jeher jede große Aktion im Partikularismus, Vereinsmeierei oder konfessionellen Hader hat untergehen lassen.

Noch sind wir keine Nation; wir sind erst auf dem Wege dazu. Deshalb fehlt uns die politi-sche Disziplin alter Staatsnationen. Der Egoismus der Unterführer, ihr Besserwissen, ihre Herrschsucht, ihr Stammtischehrgeiz machen jede große Wirkung auf die Massen unmöglich. Dazu kommt Überschätzung der Privatansicht und des Privatinteresses. Der Erfolg ist der Tod des Gemeinschaftsgefühls und der nationalen Solidarität. Erhebungen wie 1813, 1870, 1914 zeigen, daß in großen Zeiten der Wille zur Nation über alle Egoismen der Unterführer hinweg sich Bahn bricht. Die Nation liegt noch vor uns. Die Erziehung zu ihr schafft gleichzeitig Führer.

II

Natürlich gehört ein Kerl dazu, aber kein Halbgott. Kerle haben wir genug; Halbgötter haben auch die anderen nicht. Die schlechthin entscheidende Ursache eines Führererfolgs liegt nicht in intellektueller Überlegenheit, sondern in einem physisch-seelischen, rein irrationalen Kraftzentrum. Die Führerwirkung ist immer bedingt durch einen Kontakt. Je nach der zu beeinflus-senden Schicht kann es die Ballonmütze oder ein eleganter Anzug sein, der zum Symbol des charismatischen Wirkung wird. Mussolini erscheint immer im Gehrock. Das Gutaussehen spielt eine entscheidende Rolle. Die körperliche Haltung, die Suggestion der Kraft, das Selbstvertrauen – es sind entsetzlich primitive Momente, die dem Führer den Weg bereiten. Die Masse will den Helden, gleichviel in welcher Gestalt. Seit Carlyle haben sich die Typen der Heldenverehrung unendlich differenziert – aber die Sehnsucht lebt. Es geht mit den Helden wie mit den lyrischen Themen. Die mythenbildende Phantasie des Volkes muß Spielraum haben. Uns aber fehlt der Glaube und – die Distanz. Wir sind zu gebildet und glauben ehrlich an die Allmacht der Wissenschaft. Zum Geführtwerden gehört die Fähigkeit zum Hingerissenwerden, wir aber machen in Aufklärungsskepsis; der Prophet im Vaterlande und der Fürst vor seinem Kammerdiener, der Dramatiker vor der Presse und der Politiker vor dem Forum der provinziellen Parteigröße. Wo soll da noch Symbol und Führer herkommen?

III

Es gibt zwei Typen von Führern, einen aristokratischen und einen demokratischen. Der aristokratische oder patriarchalische Typ ist der Führer von Gottes Gnaden. Er kommt nicht von unten, sondern von oben. Ein Armeeführer, den bisher nur Eingeweihte schätzten, wird durch einen unerwarteten Sieg populär; ein in der Bürokratie hochgedienter Minister leitet eine große Reform ein oder hat diplomatisch Erfolg. In beiden Fällen autoritatives Selektionsprinzip. Für die Masse tritt er als Führer erst in Aktion, nachdem er schon Erfolg gehabt hat. Ein Fürst, ein Gott hat ihn an leitende Stelle gesetzt, und dann hat er geführt. Dieser Führertyp schwebt unserer ganzen Bildungsschicht noch heute als der Idealtyp vor. Der Führertyp des demokratischen Zeitalters kommt von unten. Er riecht nach Schweiß, er ist nicht von einem Gott an leitende Stelle gesetzt. Er hat sich mit den Ellenbogen hochgekämpft. Er kommt durch seine Führerqualitäten hoch. Er erscheint symbolisch im Arbeiterkittel, der andere Typ dagegen in strahlender Uniform. Ein Hauptgrund für das Versagen der Geführten ist, daß wir uns in einem Übergangszustand befinden. Die Dynamik der Demokratie kennt personelle Machtquellen nur auf Grund der demokratischen Führerauslese, während die Romantik unserer Bildungsschicht immer noch dem aristokratischen Führertyp vergangener Zeiten nachtrauert und nur ihn als echten Führer anerkennt. Wir brauchen ein einheitliches Führerideal.

IV

Führerschaft ist die Frucht einer wechselseitigen Hingabe. Ein mystischer Glaube schweißt Führer und Geführte zusammen. Die Identifizierung mit dem Chef war das Wahrzeichen der deutschen Beamtenschaft. Der Chef war aus ihr hervorgegangen und führte sie, wohin der wollte, oder wurde von ihr geführt, wohin die wollten, ohne daß man sich darüber klar war, wer eigentlich entschied. Treue um Treue. Man kann diesen patriarchalischen Zustand mit Recht kritisieren. Er war aber für die Führung ein schlechthin ideales Instrument, technisch vollkommen durchrationalisiert, im Grunde aber doch eine irrationale Kraftquelle. Heute in der Zeit des Übergangs kann Mißtrauen in die nachgeordnete Stelle zur Pflicht werden. Man kann sich als Führer nur halten, wenn man durch sorgfältige Beobachtung der parteipolitischen Meteorologie die Wetterprognose beherrscht. Und doch tötet nichts die Mystik des Führertums schneller als Lavieren und als Mißtrauen in nachgeordnete Stellen.

V

Die alte Zeit erzog zur Autorität. Militär und Bürokratie stellten ein wohldiszipliniertes Unterführertum. Die Zeit der Autorität ist vorüber, aber die Sehnsucht nach einer neuen Bindung bereitet dem kommenden Führer den Weg. Dieser Naturtrieb muß bewußt einge-fangen werden für die Erziehung zur Selbstverantwortung.

  • Nicht intellektuelle, sondern voluntaristische Erziehung.
  • Nicht nur um zu herrschen, sondern um sich willig unterzuordnen.
  • Glaube, Vertrauen!

Die Autorität macht nicht gläubig, sondern desinteressiert. Geht’s schief, kann man um so besser schimpfen. Daher die vielen Objektiven, die weder warm noch kalt sind, die weder Ja noch Nein sagen können. Die Erziehung zum Führer muß unten anfangen.

  • Verantwortlichkeit als Erziehungsprinzip;
  • Freude zur Übername von Verantwortung;
  • Abgabe von Verantwortung;
  • Interesse am Ganzen bis zur Leidenschaft.
  • Aber Glaube an den, der in voller Selbstverantwortung die Verantwortung für das Ganze übernimmt, oder, wie Kerschensteiner sagt: Demokratische Staatsverfassungen haben aristokratische Seelenverfassungen zur Voraussetzung.

VI

Wir suchen nach dem Führer. Im Mittelalter suchte man nach dem Stein der Weisen. Im Grunde ist es das gleiche Problem.2

(Hier endet das Manuskript)

 

15. C. H. B. an Vossische Zeitung, Herrn Monty Jacobs Berlin, 31 1.1924

Privatsekretariat

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor!

Es ist mir sehr schwer gefallen, Ihnen im Drang meiner Dienstgeschäfte heute noch einen Auszug aus meinem Vortrage herzustellen. Natürlich gibt es nur den ersten Teil wieder, aber ich glaube, er bietet doch ein Ganzes. Ich wäre aber dankbar, wenn Sie in einer Vorbemer-kung oder Anmerkung sagen wollten, daß dieses kleine Feuilleton eine Wiedergabe des ersten Teiles meines bei Cassirer im Interesse des Zentralinstituts gehaltenen Vortrags darstellt.

In ausgezeichneter Hochachtung Ihr ergebenster B/31.

Westöstliche Kulturkritik

Von C. H. Becker

Die Zeit dünkelhaften Europäertums in der Beurteilung des Orients ist vorüber. Westöstliche Kulturkritik bedeutet deshalb nichts anderes als eine kritische Beurteilung der orientalischen Kultur, so wie Troeltsch, Max Weber, Scheler, Spengler oder Kayserling die abendländische betrachtet haben. Nun hat in einer seiner letzten Arbeiten der unvergeßliche Ernst Troeltsch ausgeführt, daß die Menschheit als einheitlicher historischer Gegenstand für die moderne Wissenschaft nicht mehr besteht, daß wir mit der kulturphilosophischen Betrachtung uns an einen der vorhandenen geschlossenen Kulturkreise halten müssen; und zwar unterscheidet Troeltsch den vorderasiatisch-islamischen, den ägyptischen, den hinduistischen, den chinesischen und den mittelmeerisch-europäisch-amerikanischen, welch letzterem er seine eigentliche Arbeit widmet. Er läßt diesen Kulturkreis von vier Urgewalten bestimmt sein, dem hebräischen Prophetismus, dem klassischen Griechentum, dem antiken, später kirchlichen Imperialismus und dem germanisch-nordischen Mittelalter. Die Troeltsch’schen, wie übrigens auch die anders gearteten Spengler’schen Kulturkreise, sind demnach nicht an ein bestimmtes Ethnos gebunden. Es wäre deshalb richtiger, von Zivilisationskritik3 statt von Kulturkritik zu reden. Aber der Sprachgebrauch ist in der Verwendung des Wortes „Kultur“ nun einmal inkonsequent. Das in einem Kulturkreis zusammengefaßte Zivilisationsganze ist natürlich auch von Rasse und Blut mitbestimmt. Aber ebenso bestimmend ist die geographische Lage, politische Entwicklung, historisches Erbe, und was sonst zusammenfließt, um einem solchen Kulturkreis einen eigenen Stil und besonderes Lebensgefühl zu geben; nur ist dieses Lebens-gefühl nach der kausalen Geschichtsauffassung nicht Voraussetzung wie bei Spengler, sondern Resultat der Entwicklung. Wenn nun hier von „westöstlicher“ Kulturkritik die Rede sein soll, so ist die Formulierung mit Absicht an den Vorgang Goethes angelehnt, nicht nur was den Standpunkt des Westländers gegenüber dem Osten betrifft, sondern auch auf den Umfang des Begriffes Osten, der auch im Westöstlichen Diwan sich auf die islamische Welt beschränkt. Es soll hier der Versuch gemacht werden, die islamische Kulturwelt vom Stand-punkte moderner europäischer Kulturkritik aus zu betrachten.

Als Graf Kayserling seine philosophische Asienfahrt antrat, entdeckte er, was dem kultur-philosophisch denkenden Orientalisten lange bekannt war, daß der Islam nicht zu Asien sondern zu Europa gehört. Schon Harnack hatte bei seiner Promotion die These verfochten, daß der Islam eine christlich-jüdische Sekte sei. Die Forschung des letzten Jahrzehnts hat diesen Gedanken nicht nur auf dem Gebiet der Religion, sondern auf allen Teilgebieten der islamischen Kultur geschichtlich erwiesen.

Warum und inwieweit gehört nun der Islam zum europäischen Kulturkreis?

Gibt es vielleicht bestimmte Kriterien, die unser Urteil bestimmen können? Denn kulturelle Einflüsse und historische Beziehungen begründen nicht ohne weiteres die Zusammen-schweißung in einen historischen Ring. Japan ist stärker europäisiert als die Türkei und gehört trotzdem ebenso sicher zum asiatischen wie die Türkei zum europäischen Kulturkreis. Auch die geographische Lage ist nicht entscheidend. So wirken z. B. auf indischem Boden Männer wie Amir Ali und Rabindranath Thakur (Tagore) mit der gleichen nationalen Begeisterung an der Regeneration Indiens, und doch gehört die geistige Struktur des ersteren ebenso sicher nach Europa wie die Tagores nach Asien. Andererseits bilden trotz des Atlantischen Ozeans Amerika und Europa einen einheitlichen Kulturkreis. Eine Kulturkreis-Zusammengehörigkeit entsteht in ethnisch gemischten, geographisch gesonderten Gebieten durch gemeinsame oder verwandte kulturelle Grundlagen. Entscheidend ist meines Erachtens das historische Erbe, die Urgewalten, wie Troeltsch sie nennt. Den Kulturkreis in unserem Sinne schafft im wesent-lichen das Bildungsgut. Welches sind nun die Urgewalten des Islam?

  • Der alte Orient mit seinem semitischen Prophetismus, seiner jüdischen Gesetzes-religion, seinem iranischen Dualismus und Eschatologie, seinem babylonisch-magischen Weltbild und seiner bürokratisch-absolutistischen Staatsform.
  • Die klassische Antike in der Form des Hellenismus, besonders im täglichen Leben, in Wissenschaft und Kunst, wobei Hellenismus im Sinne einer Mischung von Antike und Iran gebraucht ist.
  • Das Christentum in seiner dogmatischen, kultischen und mystischen Ausprägung; denn das islamische Dogma ist im Kampfe gegen die christliche Polemik erwachsen und hat ihre Fragestellung übernommen. Der islamische Kult hat sich nach dem Vorbild des christlichen entwickelt, und die mystische Welt ist hier wie dort die gleiche.

Die kulturbildenden Faktoren sind also im Islam die gleichen wie in Europa. Darin unter-scheidet sich der islamische Kulturkreis grundsätzlich von allen anderen asiatischen. Gewiß hat der Hellenismus und das Nestorianertum bis nach Zentralasien hinein gewirkt, aber nicht anders, als chinesische Bronze und Porzellan die europäische Kunst beeinflußt haben. Gewiß gibt es auch indische Ideen im Islam, aber sie stehen nicht als Urgewalten sondern als beach-tenswerte Kräfte in der islamischen Gedankenwelt wie etwa Tolstoi’sche oder Dostojewski’ sche Stimmungsgehalte in der unsrigen. Ist die Gleichheit der Grundlagen zwischen der islamischen und christlichen Welt nun einmal anerkannt, so gewinnen nunmehr die histori-schen Beziehungen eine konstitutionelle Bedeutung. Sie sind bekannt:

  • Der Vorstoß des Islam bis nach Tours, Konstantinopel, Rom und Wien,
  • Der Austausch der Kreuzzüge,
  • Das Wandern der ritterlichen Formen von Ost nach West bis zur Heraldik und zum Minnedienst,
  • Die Gemeinsamkeit der Scholastik, wobei jüdische Philosophen wie Maimonides eine entscheidende Vermittlerrolle gespielt haben,
  • Die Übermittlung des echten Aristoteles und der griechischen Medizin, –
  • Von wirtschaftlichen Beziehungen, der Gemeinsamkeit des Schauplatzes und der Verwandtschaft der Mittelmeerrasse ganz zu schweigen.

Zwischen dem Islam und Europa handelt es sich also nicht nur um Übernahme fremder, lang-sam assimilierender Kulturgüter, sondern um Berührungen verschiedenartig weitergebildeter Auswirkungen des gleichen kulturellen Mutterboden, und diese Berührungen fanden, wenn auch verschieden stark, kontinuierlich durch über ein Jahrtausend statt, und sind in der Gegen-wart, wenn auch in anderer Stromrichtung, wieder besonders lebendig.

Eine wirkliche Kulturkritik der islamischen Welt ist aber nur möglich, wenn man bei aller Anerkennung der nahen Verwandtschaft der Grundlagen auch die Unterschiede der Entwick-lung betont; denn das historisch Bedeutsame ist die schöpferische Energie der verschiedenen Kulturträger. Es sei nur ein Problem herausgegriffen.

Wie verarbeiten Ost und West das antike Erbe? Da stellt sich nun heraus, daß hier allerdings ein tiefgreifender Unterschied vorliegt. Der Orient lebt die Antike einfach weiter, d.h. in seiner Bildung ist noch heute der geistige Besitz vorhanden, den das Ende der Antike ent-scheidend bewertet hat, während das Abendland mit antiken Bildungsgütern stärker gebro-chen, sie aber mit dem Humanismus ganz neu und zwar den Idealen der klassischen Antike entsprechend einverleibt hat. Das unterscheidende Erlebnis zwischen Abendland und Morgen-land in Bezug auf das historische Erbe ist also der Humanismus. Daß das möglich war, ergibt sich wohl im Grunde aus einer anderen Einstellung zu Mensch und Leben, die sich auf allen Kulturgebieten nachweisen läßt. Den freien Bürger der griechischen Polis hat der Orient nie besessen. Zwar ist auch der Orient urdemokratisch, aber etwas der antiken Demokratie Ver-gleichbares kennt er nicht. Das abendländisch-demokratische Denken hat den Humanismus und Individualismus zu seiner Voraussetzung. Die orientalische Demokratie war bis zur Schwelle der Neuzeit Kollektivismus, was um so überraschender ist, als der Orient Vertiefungen des rein Menschlichen kennt, die uns fremd sind, Vielleicht liegt die Lösung des Rätsels darin, daß Europa das Verhältnis von Mensch zu Mensch vom Ich aus, der Orientale vom Wir oder vom Du aus betrachtet.

(Vossische Zeitung vom 1.2.1924, Nr. 55. Artikel liegt bei)

 

16. C. H. B. an Dr. W. Mahrholz, Berlin Berlin, 12.3.1925

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Doktor.

Sie hatten die Freundlichkeit, mir unter dem 6. März d. Js. den offenen Brief zu übersenden, den Sie in der Vossischen Zeitung veröffentlicht haben. Ich danke Ihnen verbindlichst für die mir damit erwiesene Aufmerksamkeit, möchte aber nicht verfehlen, hinzuzufügen, daß ich in den von Ihnen berührten Fragen eine eigene Auffassung habe, über die ich mich gern einmal mit Ihnen unterhalten würde. Vielleicht sind Sie so freundlich, im Laufe der nächsten Woche dieserhalb einmal bei mir (handschriftlich) telefonisch anzurufen.

Mit verbindlichen Grüßen Ihr ergebenster (gez.) B.

Anlage:

Offener Brief an den preußischen Kultusminister,

Hochverehrter Herr Minister!

Es ist nicht Lust an der Kritik noch übersteigerte Sorge, es ist das einfach menschliche Gefühl für Haltung und Würde bei einem wichtigen Begebnis des Staatsganzen, das mich zwingt, Ihnen in einem offenen Brief einige Fragen vorzulegen, deren einfache Antwort – Taten sind.

Sie haben in Ihrer Gedenkrede auf den verstorbenen Reichspräsidenten vor den Schülern Groß-Berlins bemerkenswerte Worte über den Mut zur Unpopularität und die Notwendigkeit staatsbürgerlicher Gesinnung gesprochen. Man darf also, nach diesem Bekenntnis, des guten Glaubens sein, daß Ihr Ohr den Fragen die hier zu stellen sind, offen sein wird, mehr noch, daß Ihre Energie schon am Werk ist, um den mancherlei Peinlichkeiten, Taktlosigkeiten, Würdelosigkeiten, die in den letzten Tagen in der Reichshauptstadt – und wohl nicht nur in ihr – an Schulen aller Art sich ereignet haben, das Nachspiel zu bereiten, das sie verdienen.

Zunächst einige Tatsachen: Der Bericht über die unerhörte „Trauerfeier“, welche ein so altes und repräsentatives Institut, wie die Charlottenburger Technische Hochschule, veranstaltet hat, darf bei Ihnen, hochverehrter Herr Minister, als bekannt vorausgesetzt werden. Vielleicht ist es aber Ihrer Aufmerksamkeit entgangen, daß die Feier der Universität Berlin sich nur wenig davon unterschied. Nach sehr glaubwürdigen Berichten ist schon die Einladung zu dieser Feier in einer provozierend geringschätzigen Form4 ergangen: auf einem kleinen Blatt Papier, das im Vestibül angebracht war, wurde zu einer „erweiterten Senatssitzung“ eingeladen. Der Besuch entsprach der Ankündigung. Von dem etwa sechshundert Personen umfassenden Lehrkörper der Universität erschienen etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Professoren und Dozenten. Der Prorektor der Universität, der in diesem Fall ein öffentliches Amt zu repräsentieren, keine private Meinung zu vertreten hat, Herr Professor Gustav Noethe, erschien nicht. Der Rektor, Herr Professor Holl, wußte von den Verdiensten des verstorbenen Reichspräsidenten, von denen Sie selbst in Ihrer Gedenkrede eine hohe Meinung bekundeten, nichts zu sagen, als daß er dem deutschen Volke das Deutschlandlied als Nationalhymne gegeben habe und daß er von ausländischen Diplomaten geschätzt worden sei.

Nicht viel anders, als an diesen höchsten Bildungsanstalten, scheint das Ideal von staats-bürgerlicher Verantwortlichkeit und das Gefühl für die der Nation und ihrer staatlichen Form unter allen Umständen geschuldeten Würde an vielen höheren Bildungsanstalten zu sein. Zwei Fälle seien, zur Illustration, erwähnt.

  • Auf einem Gymnasium der inneren Stadt zogen Schüler der beiden obersten Klassen, junge Menschen von 16 bis 18 Jahren, die unmittelbar vor der sogenannten Reife-prüfung stehen, als die Kunde vom Tode des Reichspräsidenten bekannt wurde – ich bitte nach dem Ergebnis der bisherigen Untersuchung dies als temporal, nicht kausal zu verstehen – ein schmutziges Taschentuch auf Halbmast.
  • In einem anderen Gymnasium der westlichen Vororte erschienen Schüler der obersten Klassen zu der vom Ministerium – Ihrem Ministerium – angeordneten Trauerfeier in heller Kleidung mit schwarz-weiß-rotem Abzeichen.

Pädagogen und vernünftige Laien werden hier entgegnen: Dumme-Jungen-Streiche. Ich teile diese Meinung. Aber viel geringerer Dumme-Jungen-Streiche wegen hat der monarchistische Staat barbarische, zukunfts- und existenzvernichtende Strafen verhängt. Und vor allem – ich bitte Sie, sich in Ihrer Erinnerung zwanzig Jahre zurückversetzen zu wollen – was wäre dem verantwortlichen Leiter und dem Lehrkörper einer Schule, auf der sich solche DummeJungenStreiche bei solchem Anlaß zugetragen hätten, widerfahren?

Ich bin überzeugt, daß Sie, sehr geehrter Herr Minister, diese Vorkommnisse nicht nur mißbilligen, sondern den „Geist“, der aus ihnen spricht, verachten und bekämpfen. Nicht allein aus staatsmännischen Erwägungen, sondern aus pädagogischen Grundverpflichtungen heraus, muß hier Abhilfe geschaffen werden. Der nationale Gedanke, der Staatsgedanke, droht in dem heranwachsenden Geschlecht in wilde und dabei platte Anarchie zu entarten. Die Affekte des Hasses, der Verachtung, des Hochmuts werden planmäßig in jungen Menschen hochgezüchtet, die berufen sind, an der werdenden Volksgemeinschaft in leitender Stellung mitzubauen.

Sie werden ja, Herr Minister, ja schon selber die nötigen Schritte unternommen, eine Unter-suchung der bekanntgewordenen Fälle eingeleitet, eine generelle objektive Berichterstattung über den Ablauf der Feier in Ihrem Verwaltungsbereich durch die Provinzialschulkollegien eingefordert haben. Sie werden auch sicher in sich die verantwortliche Notwendigkeit zur nachhaltigen und rücksichtslosen Bestrafung der Schuldigen fühlen. Davon also kein Wort mehr. Eine Bitte aber am Schluß: die republikanische Öffentlichkeit und darüber hinaus die Öffentlichkeit der anständig Gesinnten aus allen politischen Lagern dürfen erwarten, daß sehr bald das Ergebnis dieser drakonischen Untersuchung und die daraus gezogenen Konsequenzen bekannt werden. Es ist an der Zeit, ernsthaft diesen pädagogisch wie staatlich bedenklichen Dingen entgegenzutreten, darüber herrscht Einmütigkeit aller Vernünftigen, aller Verantwortlichen an Geist, Seele und Staat der Nation.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Minister, den Ausdruck der größten Hochachtung!

Dr. Werner Mahrholz5

 

17. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 29.7.1925

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister,

haben Sie verbindlichen Dank für die Übersendung des ausgezeichneten Aufsatzes, der zum 31. nun erscheinen wird. Besonders dankbar bin ich Ihnen natürlich für die so freundliche Erwähnung meiner bescheidenen Verdienste. Ich glaube, daß auch der Aufsatz ein schwieriges Problem klärt und Resonanz bei dem besten Teil der Studentenschaft finden wird.

Die Tagung der studentischen Internationale hat ja nun auch begonnen. Sollten Sie, wie Sie mir seinerzeit andeuteten, hinfahren, so wäre ich Ihnen, sehr verehrter Herr Minister, dankbar, wenn Sie nach Ihrer Rückkehr mit Gelegenheit geben wollten, hierüber von Ihnen Näheres zu erfahren.

Mit den besten Wünschen für eine weitere gute Erholung bin ich Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz.

 

18. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 4.1.1926

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister,

indem ich Ihnen zum neuen Jahre meine besten Wünsche ausspreche, möchte ich gleichzeitig eine Angelegenheit richtigstellen, die mir durch Zufall dieser Tage zu Ohren kam: Sie seien, so erfuhr ich, von einem Artikel über die Schließung des Chemischen Instituts der Universität Berlin nicht eben angenehm berührt. Ich möchte darauf hinweisen, daß der besagte Artikel im Berliner Tageblatt gestanden hat und daß es meiner Initiative und meinen Recher-chen zu verdanken ist, wenn die Vossische Zeitung hierüber nichts brachte.

Ich ließ Ihnen, sehr geehrter Herr Minister, durch Ihr Büro schon vor längerer Zeit meinen Wunsch aussprechen, wieder einmal von Ihnen empfangen zu werden, da ich mich über eine ganze Reihe von Dingen, zu denen insbesondere die kulturelle Behandlung der Minderheiten in Deutschland gehört, gern mit Ihnen verständigt hätte; so wäre ich Ihnen verbunden, wollten Sie mir eine Zeit angeben, zu der Ihnen mein Besuch gelegen ist.6

Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr sehr ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz.

Randbemerkung Duwes vom 6.1.: Herrn Dr. Mahrholz ist telephonisch mitgeteilt worden, daß der Herr Minister bis gegen 20.1. verreist sei

 

19. Vossische Zeitung an C. H. B. Berlin, 15.2.1926

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister,

anliegend erlaube ich mir Ihnen einen Aufsatz zu senden, der Sie wahrscheinlich interessieren wird.

Gleichzeitig möchte ich mir die Frage erlauben, wenn Sie mich in der nächsten Zeit wieder einmal empfangen können: es hat sich, wie ich glaube, mancherlei Stoff angehäuft.

Indem ich Ihrer freundlichen Antwort entgegensehe, bin ich mit bester Empfehlung Ihr sehr ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz7

Anlage

Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz
Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz
Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz
Vossische Zeitung, Quelle: Preußisches Staatsarchivs Preußischer Kulturbesitz

 

20. C. H. B. an Vossische Zeitung Berlin, 10.5.1926

(Maschinenkopie und handschriftlich)

Artikel für die Pfingstbeilage der Vossischen Zeitung:

Wie ich mein Wochenende verbringe?

Ich bin ein begeisterter Freund des Wochenendgedankens, weil ich eine „Pause“ in der zermürbenden Kleinarbeit der Woche wirklich für „schöpferisch“ halte.

  • Wer an überwiegend mechanische Arbeit gebunden ist, braucht innere Sammlung, um den äußeren Mechanismus ertragen zu können;
  • wessen Lebensaufgabe aber in der geistigen Sphäre liegt, braucht wie der frucht-bringende Acker eine Brachzeit oder künstlichen Kräfteersatz, der nicht aus Eigenem kommen kann.
  • Ich glaube, daß es nicht einen Verlust, sondern eine Intensivierung unserer nationalen Arbeitskraft bedeuten würde, wenn wir wirklich Sonnabends um 1 oder 2 (Uhr) alle Büros und Läden schlössen, aber bis wir einmal wirklich dazu übergehen können, wird noch ein gut Stück Erziehungsarbeit zur richtigen Ausnutzung der „schöpferi-schen Pause“ geleistet werden müssen.
  • Das Wochenende dürfte jedenfalls nicht in Alkohol untergehen, es darf auch nicht zur körperlichen Überanstrengung führen, aber zur Erhaltung eines gesunden Körpers und zur Aufnahme geistiger Bildungswerte ist es geradezu unentbehrlich.

Minister werden allerdings bei der herrschenden Überlastung nicht als erste, sondern als letzte an ein Wochenende denken dürfen. Ich für meine Person halte allerdings darauf, daß wenig-stens der Sonntag von allen Dienstgeschäften frei bleibt. Die ganze Woche stehe ich für Dienst und Repräsentation bis in die Nachtstunden zur Verfügung, aber am Sonntag gehöre ich meiner Familie und mir selber.

D.Dr. C. H. Becker

Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung

 

21. C. H. B. an Vossische Zeitung Berlin, 7.1.1926

(Maschinenkopie)
Privatsekretariat

Sehr geehrte Herren!

Für die mir durch die Übersendung der Bücher:

  • Oblomow von Gontscharow
  • Max Liebermann von Max J. Friedländer

erwiesene Aufmerksamkeit sage ich Ihnen meinen verbindlichsten Dank

Mit vorzüglicher Hochachtung (CHB)

 

22. Werner Mahrholz an C. H. B. Berlin, 20.5.1927

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister,

haben Sie sehr herzlichen Dank für das Widmungsexemplar des „Unruh-Buchs“. Ich habe es erst lesen wollen, ehe ich Ihnen schrieb, und muß sagen, daß mir die Gestalt dieses Dichters entschieden klarer geworden ist. Also noch einmal meinen verbindlichsten Dank.

Gleichzeitig möchte ich eine Bitte aussprechen: Würden Sie mir durch Ihr Büro mitteilen lassen, wann ich bei Ihnen vorsprechen dürfte? Ich nehme an, daß auch bei Ihnen, sehr verehrter Herr Minister, sich einiger Stoff für eine Rücksprache aufgesammelt haben wird. Ich habe jedenfalls einige Fragen auf dem Herzen.

Mit den besten Empfehlungen bin ich Ihr aufrichtig ergebener (gez.) Dr. Werner Mahrholz.

 

23. Kultusminister Dr. Carl Heinrich Becker

Ansprache
zur Eröffnung der Pädagogischen Akademie Breslau am 15. Mai 1929

Hochansehnliche Versammlung, meine hochverehrten lieben Professoren und lieben Studierenden der Pädagogischen Akademie Breslau!

An geweihter Stätte haben wir unseren Geist für die feierliche Handlung bereitet, die wir nun hier an historischer Stätte, als Gäste der altehrwürdigen Universität vornehmen wollen. Ich begrüße es als ein glücksverheißendes Symbol, daß unsere Einweihungsfeier in der Univer-sität stattfindet, daß etwas von dem Geiste der Wissenschaft auch durch die neue Akademie wehe, und ich begrüße es weiter als ein gutes Zeichen, daß es der Gesangsverein der Lehrer-schaft Breslau ist, der uns hier den künstlerischen Willkommensgruß entbietet. Auch von dem Geiste, von dem guten Geiste der jetzigen aktiven Lehrerschaft möge etwas in den Hallen der neuen Pädagogischen Akademie wehen, auf daß er sich mit dem Geiste verbinde, der von der Universität herkommt. Und dann begrüße ich unser liebes Breslau. Mit großen Opfern ist die Stadt bereit gewesen, gemeinsam mit dem Staate hier eine neue, eine vierte Hochschule in ihren Mauern zu errichten. Breslau ist ja, so lange seine Geschichte dauert, immer das geistige Bollwerk des Deutschtums im Südosten gewesen. So war es wohl selbstverständlich, daß hier auch eine Pädagogische Akademie errichtet wurde.. Wenn die Pädagogische Akademie als ein ganz neuer Typus von Hochschule zu den alten bewährten Formen unserer Hochschulen ins Leben tritt, so beweist sich damit, wie mannigfach die Formen und die Formgebungen des deutschen Geistes sind.

  • Die Universität ist in erster Linie der Forschung und der Ausbildung der akademischen Stände gewidmet.
  • Die Technische Hochschule, auch sie einst ein vielumstrittenes junges akademisches Lebewesen, hat erst langsam, im Laufe der Entwicklung dann immer stärker ihre Ebenbürtigkeit neben und mit der Universität erringen können. Wenn auch in ihrer geistigen Struktur der Universität verwandt, hat sie doch mit ihrer Einstellung auf eine praktische Aufgabe, auf die Technik, in manchem einen eigenen Geist gegenüber der Universität entwickelt.
  • Und dann als dritte im Bunde der alten Hochschule die Kunsthochschule, die Akade-mie. Die Kunsthochschule stellt ein ganz anderes Feld unseres geistig-seelischen Lebens in den Mittelpunkt auch des Unterrichts und der Bildung. Doch auch sie beschreitet dabei, wohl mit anderen Methoden in ihrer ästhetischen, theoretischen und praktischen Anwendung ein künstlerisches Können verbindend, dabei neue selbstän-dige Wege.
  • Und nun eröffnen wir heute die Pädagogische Akademie. Sie hat nicht minder theoretische wie praktische Ziele. Das entscheidende praktische Ziel: die Ausbildung der Volksschullehrer, das große theoretische Ziel: die allgemeine Menschenbildung, Menschenbildung als ein neues Prinzip und doch ein uraltes.

Man wird sagen, bilden denn die älteren Formen der Hochschulen keine Menschen? Gewiß, aber während Menschenbildung dort nur Nebenzweck, Hauptzweck hingegen die Wissen-schaft oder die Technik oder die Kunst ist, ist Menschenbildung hier auf unseren Pädago-gischen Akademien der wesentliche Zweck. Daß man mit den Mitteln ästhetischen Fühlens und Denkens, mit der Ausbildung im Dienst am Werkgedanken, daß man mit diesen Zweigen der Wissenschaft auch Menschen bilden kann, ist selbstverständlich. Aber es ist eine Verschiebung des Akzents und zwar eine entscheidende Verschiebung, wenn wir der neuen Hochschule, der Pädagogischen Akademie, die Aufgabe zuweisen, in erster Linie Menschen zu bilden, nicht Fachmenschen, die doch mehr oder weniger die anderen Hochschulen bilden müssen, sondern eben Menschen.

Meine hochverehrten Damen und Herren, Spranger hat einmal gesagt, wir Deutsche seien das Volk, dessen eine Hälfte immer damit beschäftigt sei, die andere Hälfte zu unterrichten. Das ist ein ernstes Wort, so scherzhaft es vielleicht klingt. Es ist eine Gefahr für uns Deutsche, vor lauter Schulmeistern und Gelehrten den eigentlichen Menschen zu vergessen, und doch ist es gerade unsere deutsche Klassik gewesen, die das stolze Wort von dem Deutschein heißt Mensch sein geprägt hat. Aber wenn wir uns fragen, wie wir in der Welt wirken mit unserer rationalen Kultur, mit unserer intellektuellen Bildung, wenn wir uns etwa mit den Augen von Amerikanern sehen, so werden wir merken, daß unsere Wirkung eine ganz andere ist, als jene klassische Formulierung nahelegte. Wir stehen in unserem Wesen dem Amerikaner vielleicht von allen europäischen Völkern am nächsten, wir laufen aber Gefahr, auf das Ausland wie Amerikaner zu wirken, denen die ethische Seite, die besonders humane Seite des Amerikanertums fehlt. Wir bemühen uns, und der gewaltige Strom unserer wirtschaftlichen und technischen Entwicklung treibt uns immer mehr dazu, uns dem Amerikanertum anzupassen. Vergessen wir dabei nicht, daß Schlagfertigkeit, Bereitsein, wirtschaftliche Tüchtigkeit, das, was der Amerikaner „efficiency“ nennt, das all dies ein seelisches und ethisches Gegengewicht haben muß, das die amerikanische Kultur – auf die historischen Zusammenhänge kann ich hier nicht eingehen – durch die eigentümliche geschichtliche Entwicklung bei sich erzeugt hat. Bei uns trägt nicht zuletzt gerade unser Idealismus, auf den wir mit Recht so stolze sind, schuld daran, daß im Laufe der Entwicklung das Theoretische, das Rationale stärker herausgebildet und herausgestellt worden ist wie das eigentlich Humane. Aber nirgends ist dieses Humane notwendiger als im praktischen Leben8. Darum sollen die Männer, die berufen sind, die deutsche Jugend aller Stände zu betreuen, für viele sogar Wegweiser im Leben zu sein, nicht nur von intellektualistischer Schulung durchdrungen sein, sondern auch von diesem Geist der Humanität, von diesem Geiste , ja, lassen Sie es mich christlich ausdrücken, der Nächstenliebe: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst! Wie Dich selbst, nicht mehr, aber wie Dich selbst, d.h. man soll niemandem etwas zufügen, das man nicht selber zu tragen bereit ist, und man soll jeden anderen so behandeln, wie man selbst behandelt zu sein wünscht. Hierin liegt ein Geheimnis der eigentlichen Ethik des Amerikanertums. Ich habe in der letzten Zeit eine Fülle von Briefen gelesen, die uns junge Studierende aus Amerika geschrieben haben, die dort das Leben auf sich wirken ließen, und aus allen spricht jene Erfahrung, daß man den Nächsten drüben zunächst einmal freundlich, human behandeln soll, daß man zwar Ellbogen gebraucht – das tut der Amerikaner auch – aber daß sich mit diesem Ellbogengebrauch ein freundliches Lächeln verbindet, das nicht das Lächeln einer Lebensform sei, sondern Zeichen eines Herzensbedürfnisses, das den Menschen als Mensch wertet, ihn als gleich zu Gleichgestellten behandelt. Dieses „Keep smiling“, die lächelnde Freundlichkeit in jeder Lebenslage, gehört geradezu zum Typus des Amerikaners.

Ich gebe dies nur als Beispiel dafür, daß wir neben der Schulung des Geistes, neben der Ausbildung des ästhetischen Gefühls, neben der Übung unseres Körpers eine soziale, das ist hier eine humane Einstellung brauchen. Ich möchte sagen, daß in diesem Sinne die Pädagogik vielleicht die modernste aller Wissenschaften ist, die doch nichts anderes darstellt, als die große Wissenschaft vom Menschen, vom individuellen und sozialen Menschen, insbesondere angewandt auf das Verhältnis von Erwachsenen zum Jugendlichen. Und mit tiefer Verantwortung müssen wir gerade in einer Zeit, die auf Amerikanismus im äußeren Sinne, auf Technisierung und Mechanisierung eingestellt ist, dafür sorgen, daß diese seelischen und geistigen Kräfte in unserem Volke lebendig bleiben, daß sie zu einer Synthese zusammengefaßt werden und daraus eine neue Humanität entsteht. Das ist zugleich die große theore-tische Aufgabe der Pädagogischen Akademie, wie der gesamten Volkserziehung, denn die Pädagogische Akademie soll nicht nur Volksschullehrer bilden, sie soll auch im Rahmen und im Wettkampfe der verschiedenen Hochschulen das spezifisch Humane, das besonders Menschliche, das spezifisch Pädagogische in die werdende neue Kultur hineinverwirklichen. Dahinter steht das große Ideal der Volksbildung …

 

24. Preußisches Kultusministerium an die VZ. Berlin, Unter den Linden 4, 17.5.1929

(Maschinenkopie) Dr. Reichwein an Herrn Redakteur Philipp

Sehr verehrter Herr Redakteur!

Ich nehme an, daß Sie inzwischen von dem Telefonat, das ich mit Ihrer politischen Redaktion geführt habe, unterrichtet sind und das meine Bitte betraf, in Ihrer Zeitung eine Auseinander-setzung mit gewissen entstellenden Veröffentlichungen über die Breslauer Rede des Herrn Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, die in der Deutschen Zeitung vom 17.d.Mts (Nr. 114a) und in der Berliner Börsenzeitung vom 16. d. Mts. (Nr. 123) erschienen sind, vorzunehmen. Ich hätte gern Herrn Dr. Mahrholz gebeten, wenn er nicht nach Kiel gereist wäre. Als geeignete Schlagzeile könnte ich mir denken: Deutschnationale Berichterstattung. Als Unterlagen stünden Ihnen zur Verfügung die beiden angegebenen Artikel und die Abschrift des Stenogramms des in Frage kommenden Teils der Breslauer Rede des Herrn Ministers, die ich in der Anlage beizufügen mir erlaube9. Es wäre in dem Artikel besonders darauf einzugehen, daß die Bemerkung zu der fraglichen Rede, neben dem bloß Rationalen das Humane 10stärker zu betonen zu der etwas grotesken Entstellung geführt hat: Mehr humanweniger national! Man hört eben das heraus, was man zum Zwecke seiner Propaganda heraushören möchte. Obwohl wir von hier aus auf solche Entstellungen nicht einzugehen pflegen, scheint es in diesem Falle doch am Platze, daß an einer geeigneten Stelle darauf eine gehörige Antwort gegeben wird. Falls Herr Dr. Mahrholz längere Zeit von Berlin abwesend sein sollte, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie selbst eine geeignete Replik schreiben oder veranlassen würden. In vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebener (gez.) Reichwein

 

25. Vossische Zeitung, Prof. Dr. Hildebrandt, an C. H. B. Berlin, 11.9.1929

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister!

Namens und im Auftrage der Vossischen Zeitung darf ich Ihnen eine Bitte vortragen:

Der Erlaß des Provinzialschulkollegiums Berlin über die pflichtmäßige Teilname der Schüler und Schülerinnen an den Republikfeiern hat bei uns den Wunsch ausgelöst, Vorschläge für eine Gestaltung der Feier zu veröffentlichen, die bei den Kindern wirklich Interesse und Freude auslöst. Wir gehen dabei von der Überzeugung aus, daß der Widerstand gewisser Elternkreise sich nur dann überwinden läßt, wenn die Kinder wirklich mit Lust und Liebe zur Feier kommen.

Wir wären Ihnen deshalb außerordentlich dankbar, hochgeehrter Herr Minister, wenn Sie uns Ihre Wünsche und Ideen über eine solche Feiern entwickeln würden. Wir wenden uns ebenfalls an eine Reihe fortschrittlicher Schulmänner und interessierter Frauen, um auch von ihnen Vorschläge zu erhalten. Deshalb und auch Ihrer Überbürdung mit Geschäften wegen, auf die mich heute bei telefonischem Anruf Herr Ministerialrat Duve noch besonders aufmerksam machte, würde uns bei dem allseitigen Interesse, das die Angelegenheit sicher im Publikum erregen wird, eine kurze Darlegung – wir dachten an 40-50 Druckzeilen – schon mit großer Freude erfüllen. Nur dürfen wir vielleicht bitten, daß wir möglichst bis zum 21.September Ihren Ausführungen entgegensehen können.

Darf ich noch persönlich hinzufügen, daß ich es auch für mich ein besonders freundliches Entgegenkommen auffassen würde, wenn Sie unserem Wunsche willfahrten?

Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst (gez.) Prof.Dr. Hildebrandt

Anmerkung Duves: Herrn MR Landé (allein)

 

26. MR Duve(?) an VZ, Prof. Hildebrandt Berlin, 2.10.1929

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Hildebrandt,

Sie werden sich gewundert haben, daß Sie auf Ihr Schreiben vom 11.September an Herrn Minister Dr. Becker (Vorschläge und Ideen über die Gestaltung der Verfassungsfeiern) noch keine Antwort erhalten haben. Ich sagte Ihnen wohl schon, daß der Herr Minister den Wunsch hatte, die Sache zunächst mit mir zu besprechen (dieses für Sie vertraulich). Nun ist der Herr Minister ungefähr eine Woche lang krank gewesen, war dann nur einen Tag im Dienst, ohne daß ich ihn hätte sprechen können, und eben wird mir gesagt, daß er wieder erkrankt ist und einige Zeit zu Hause bleiben muß, so daß ich meine Absicht, mit ihm morgen über die Behandlung der Sache zu sprechen, nicht ausführen kann. Es lag mir daran, Sie über den Grund der Verzögerung zu unterrichten: sobald ich den Herrn Minister sprechen kann, erhalten Sie Antwort.

Die besten Grüße von Ihrem ergebenen (Duve?)

 

27. C. H. B. an VZ, Prof. Hildebrandt Berlin,14.10.1929

(Maschinenkopie)

Sehr verehrter Herr Professor!

Es tut mir leid, daß ich Ihre freundliche Aufforderung vom 11. September, zu Ihrer Umfrage über die Gestaltung der Schulverfassungsfeiern einen Beitrag zu liefern, erst heute beant-worten kann. So gern ich an sich von Ihrem freundlichen Anerbieten Gebrauch machen würde, glaube ich doch auf die politisch-parlamentarische Lage insofern Rücksicht nehmen zu müssen, als die Frage der Gestaltung der Schulverfassungsfeiern voraussichtlich in kurzem den Landtag beschäftigen wird und ich mit einem Beitrag der gewünschten Art, soll er nicht ganz inhaltlos sein, diesen Verhandlungen notwendig vorgreifen würde.

Ich hoffe, bei Ihnen für diese Erwägung Verständnis zu finde und bin mit freundlichen Empfehlungen Ihr sehr ergebener (CHB).

 

28. VZ, Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 11.5.1930

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister,

ich weiß, daß Sie kein Theologe von Fach sind, aber ich weiß auch, daß niemand einen schöneren Gedenkartikel nach Harnacks Tode schreiben kann als Sie. Erlauben Sie mir deshalb die Bitte, uns einen solchen Aufsatz möglichst bald zu senden. Je persönlicher gefaßt, desto angenehmer. Einen Nekrolog haben wir, wie aus der Beilage ersichtlich, bereits heute früh gebracht. Ich wäre Ihnen außerordentlich dankbar, wenn Sie uns freundlichst auf der beiliegenden Postkarte, oder noch lieber telefonisch Bescheid geben könnten, ob wir auf die Erfüllung eines Wunsches rechnen können, der mir sehr am Herzen liegt und mit dessen Erfüllung Sie eine besondere Freude bereiten würden

Ihrem stets verehrungsvoll ergebenen (gez.) Dr. Monty Jacobs

Feuilleton-Redaktion der Vossischen Zeitung.

Anlage 1: Telefonisch durch Frau Minister Becker beantwortet.

Anlage 2: Vossische Zeitung vom 11.6.1930

Anlage: Vossische Zeitung vom 11.6.1930

Vossische Zeitung
Vossische Zeitung
Vossische Zeitung
Vossische Zeitung

29. VZ, Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 29.1.1931

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister,

der beiliegende Aufsatz von Alfred Döblin wird Ihnen nicht entgangen sein. Der Autor fordert im letzten Satz zu einer Debatte über das Problem auf, die auch schon in Gang kommt. Erlauben Sie mir nun die ergebene Bitte, daß Sie sich als Begründer der Dichter-Sektion an dieser Aussprache gütigst beteiligen. Selbstverständlich braucht der Aufsatz keineswegs an Länge mit Döblins Ausführungen zu wetteifern. Aber ich hoffe, daß es Ihnen erwünscht sein wird, wenn auch Ihre Meinung über das Thema Dichter-Akademie bei dieser Gelegenheit zur Geltung kommt.

Daß unsere Leser außerordentlich erfreut sein werden, Sie zu vernehmen, dafür verbürgt sich mit verbindlichster Empfehlung

Ihr verehrungsvoll ergebener (gez.) Dr. Monty Jacobs,

Feuilleton-Redaktion der Vossischen Zeitung.

 

30. C. H. B. an VZ, Dr. Monty Jacobs Berlin, 6.2. 1931

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Doktor,

ich bitte um Entschuldigung, daß ich auf Ihre Anfrage in Sachen Dichterakademie noch nicht geantwortet habe. Aber ich kann mich nicht so recht zu einer öffentlichen Stellungnahme entschließen. Jedenfalls möchte ich in dieser Angelegenheit nichts tun, ohne mich mit Herrn Minister Grimme und seinen Herren darüber verständigt zu haben. Nun schweben derzeit Verhandlungen und in der kommenden Woche finden Beratungen im Landtag statt. Unter diesen Umständen möchte ich, wenn überhaupt – doch noch etwas mit einer Meinungsäußerung zurückhalten, und ich bitte Sie, dafür freundlichst Verständnis haben zu wollen.

In ausgezeichneter Hochachtung Ihr sehr ergebener (CHB).

 

31. VZ Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 10.2.1931

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Professor,

nehmen Sie meinen verbindlichsten Dank für Ihre freundliche Auskunft. Leider hat auch Herr Minister Grimme mich wissen lassen, daß er augenblicklich nicht zu dem Thema Dichter-Akademie Stellung nehmen möchte. Unter diesen Umständen werde ich mich damit begnügen, die Meinung Heinrich Manns zu veröffentlichen.

Mit verbindlichster Empfehlung und in der Hoffnung, daß ich bald einmal auf anderem Gebiet Glück habe bin ich Ihr verehrungsvoll ergebener (gez.) Dr. Monty Jacobs.

 

32. Telegramm Vossische Zeitung, Elbau, an C. H. B., Davos Berlin26.3.1931

Erbitten Leitartikel für Osternummer. Schlagen als Thema vor: Humanität gegen Gewaltgeist. Vosszeitung Elbau.

 

33. C. H. B. an VZ, Chefredakteur Elbau. Berlin 7.7.1931

(Maschinenkopie)

Persönlich!

Hochverehrter Herr Elbau,

Die Stellungnahme Ihres geschätzten Blattes zu der Verfassungsfeier der Berliner Hochschulen im gestrigen Abendblatt und in der heutigen Morgennummer gibt mir Veranlassung, mich einmal ganz persönlich und privat an Sie zu wenden, da ich die Haltung der Vossischen Zeitung in dieser Frage im Interesse der Sache wie auch der Republik für verhängnisvoll11 halte. Seit Jahren bemühe ich mich, in der demokratischen Presse dafür Verständnis zu gewinnen, daß man mit Tadeln und Mäkeln in dieser Feierfrage nichts anderes erreicht, als daß man die wenigen republikanisch Gesinnten auch noch verprellt und verärgert. Gute Ratschläge sind ungeheuer billig. Die Freude am heutigen Staat wird doch nicht durch Verfassungsfeiern herbeigeführt, sondern Verfassungsfeiern sind der Ausdruck der Freude am Staat. Es ist dasselbe Problem wie das Verhältnis von Schule und Gesellschaft. Nicht die Schule schafft die Gesellschaft, sondern jede Gesellschaft hat die ihr eigentümliche Schule.12 Nun hat die Institution der akademischen Verfassungsfeiern ja ihre Geschichte, an der ich, wie Sie wissen, nicht gerade unbeteiligt bin. Der Verfassungstag fällt nun einmal in die akademischen Ferien, und Vorfeiern haben immer etwas Gekünsteltes. Daß man nicht gerade einen Sonntag dafür nehmen sollte, darin stimme ich Ihnen vollkommen zu. Man tut das aber auch für andere akademische Feiern sehr zum Schaden ihres Besuches. Daß diesmal nach den voran gegangenen Kämpfen in der Universität, von denen man ja bei der Festsetzung des Termins nichts wissen konnte, mit besonderen Vorsichtsmaßnahmen vorgegangen werden mußte, und auch viele die Lust verloren hatten, ist schließlich keine Schuld der Veranstalter. Daß die paar demokratischen Korporationen nicht mit 5 Fahnen aufzogen, während die vereinigten Studentenschaften etwa 500 haben, fand ich durchaus richtig. Ich bin kein Freund dieses studentischen Firlefanzes, der nicht mehr in unsere Zeit paßt. Aber wenn man ihn schon einsetzt, dann soll er die Geschlossenheit der Studentenschaft repräsentieren und nicht den an sich falschen Eindruck erwecken, als ob nur ein halbes Dutzend Korporationen sich zum heutigen Staate bekennen.13

Ich habe die Verfassungsfeiern im vorigen Jahr und diesmal mitgemacht. Die Rede Schumachers wahrte die Vorkriegs-Tradition an Kaisers Geburtstagsfeiern. Ich habe selbst einmal eine solche Rede gehalten über das türkische Bildungsproblem. Wenn man die Stellung Schumachers kennt, war sein Bekenntnis zur Verfassung ein großer Schritt vorwärts und ein Zeichen des besten Willens. Gewiß hätte ich mir persönlich in der heutigen Zeit manches anders gewünscht. Aber man kann solche alten Herren nicht mehr umstellen, und immerhin war die Tatsache, daß Schumacher diese Aufgabe übernahm, von sehr viel größerer politischer Wirkung als die Kritik der demokratischen Presse an dem Inhalt seiner Rede. Damit werden dem neuen Staat keine Freunde gewonnen. Hier liegt ein psychologischer Fehler, der einen so leidenschaftlichen Freund der Republik wie mich manchmal geradezu zur Verzweiflung bringt. Und nun gar die Rede Deismanns. Ich habe nach der Feier zu ihm gesagt:

Endlich einmal eine Rede, wie sie vom Rektor der größten deutschen Universität bei der Verfassungsfeier gehalten werden mußte. Man sollte diese Rede drucken und allen Universitäten zur Nachachtung schicken.“

Das war mein Eindruck. Auch Ihr Berichterstatter hat ihr die Anerkennung nicht ganz versagen können, aber schließlich die Kritik an den Nebenumständen so überwiegen lassen, daß – ich verhehle es nicht – selbst ich mich darüber geärgert habe. Mit solchen Kritiken wird m. E. nichts erreicht; ganz bestimmt keine Änderung sondern eine Versteifung wird die Folge sein. Gerade wenn Sie für den neuen Staat werben sollen, so muß das den akademischen Kreisen gegenüber mit psychologischeren Mitteln geschehen. Die Verhältnisse haben sich im letzten Jahrzehnt sehr zum Besseren gewandt, und eine freudige Bestätigung und Anerken-nung dieser Besserung führt dem neuen Staat mehr Freunde zu als eine unfreundliche Kritik,14 weil die Universität ihre Feier nicht nach dem Ihrem Berichterstatter als wünschenswert erscheinenden Schema gestaltet hat. Wo soll denn in dieser Zeit der Not der Schwung zu solchen Feiern herkommen? Sie deshalb ganz zu unterlassen, geht auch nicht. Also pflege man wenigstens die Institution solcher Feiern, bis mit mehr Freude am Staat sich auch ganz automatisch mehr Schwung bei diesen Feiern einstellen wird. Inzwischen verärgere man aber nicht die, die hier wirklich dem neuen Staat selbstlos dienen wollen, sondern helfe ihnen. Und darum wollte ich Sie mit diesen Zeilen bitten. Es ist der oberste Grundsatz der Pädagogik, daß man mit Glauben und Loben weiter kommt als mit Mißtrauen und Tadel.15

Indem ich hoffe, daß Sie diese Zeilen, die auch meinem persönlichen Interesse an Ihrem Blatte entstammen, richtig aufnehmen, bin ich

in bekannter hoher Verehrung Ihr ergebenster (CHB)

 

34. VZ, Chefredakteur Elbau an C. H. B. Berlin, 21.7.1931

(Maschinenmanuskript)

Sehr verehrter Herr Minister!

Nach meiner Rückkehr von einer Auslandsreise erhalte ich verspätet Ihr liebenswürdiges Schreiben vom 7. d. Mts., für das ich Ihnen außerordentlich dankbar bin. Ihr Zeugnis ist mir überaus wertvoll, um im Sinne Ihrer Ausführungen auf meine Kollegen einzuwirken. Auch ich bin der Meinung, daß man lieber etwas freigebig mit Anerkennung sein soll als mit Kritik.

Ganz besonders würde ich mich freuen, wenn Sie zum kommenden Verfassungstag in der Vossischen Zeitung das Verhältnis zwischen Hochschulen und Staat in positivem Sinn beleuchten würden. Ich verspreche mir davon eine sehr gute Wirkung auch auf die studentischen Kreise, die zögernd und ablehnend beiseite stehen, aber doch die innere Bereitschaft zeigen, sich mit anderem Denken und Wollen auseinanderzusetzen. Wir wissen, daß die Vossische Zeitung auch von politischen Gegnern aufmerksam und nicht ohne nachhaltige Wirkung gelesen wird. Durch einen zusagenden Bescheid würden Sie mich ganz besonders verpflichten.

In aufrichtiger Verehrung und mit nochmaligem herzlichen Dank

Ihr sehr ergebener (gez.) Elbau.

 

35. C. H. B. an VZ, Chefredakteur Elbau Berlin, 23.7.1931

(Maschinenkopie)

Hochverehrter Herr Elbau,

Ich stehe im Augenblick mitten in den Vorbereitungen für meine große Chinareise, kann Ihnen leider im Augenblick Ihre Bitte nicht erfüllen, für die Nr. des 11. August einen Artikel über das Verhältnis zwischen Hochschule und Staat zu liefern. In der Hoffnung, daß Sie meine Gründe würdigen werden und mit freundlichen Grüßen

Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (CHB)

 

36. VZ, Dr. Monty Jacobs an C. H. B. Berlin, 22.11.1932

(Maschinenmanuskript)

Hochverehrter Herr Minister,

erlauben Sie , Ihnen einen verbindlichsten Dank für die Freundlichkeit und Schnelligkeit auszudrücken, mit der Sie meinen Wunsch erfüllt haben. Indem ich die Ankunft Ihres Manuskripts16 bestätige, gestatte ich mir gleichzeitig die Bitte um ein wenig Geduld. Wir haben augenblicklich Hochsaison, und deshalb können wir nicht so schnell, wie wir es wünschen, alle andrängenden Geschäfte erledigen.

In vorzüglicher Hochschätzung Ihr stets ergebener (gez.) Dr. Monty Jacobs17

 

37. C. H. B. an Chefredakteur Meyer-My, VZ, Zeitspiegel Berlin, 26.1.1933

(Maschinenkopie)

Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

Durch Herrn Ballin erhielt ich die Nachricht, daß Sie bis Ende dieser Woche einen kleinen Begleittext für meine Persepolis-Fotos zu erhalten wünschen. Ich glaube in der beiliegenden Notiz alles Wesentliche zusammengefaßt zu haben. Ich wäre sehr dankbar, wenn mir etwa 20 Belegexemplare zugehen könnten. Ihre eigenen Notizen füge ich wieder bei; ich bemerke nur, daß Herr Krefter kein Amerikaner, sondern ein Berliner Architekt ist.

Mit verbindlicher Empfehlung Ihr sehr ergebener (CHB)

 

38. VZ, Krämer an C. H. B. Berlin, 31.1.1933

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister!

Im Verlag Ullstein erscheint in den nächsten Tagen ein Buch des früheren demokratischen Parteiführers Georg Koch-Weser, mit dem Titel „Und dennoch aufwärts“.

Wir möchten Sie bitten, das Referat über dieses Buch für die Vossische Zeitung zu übernehmen, und gestatten uns, Ihnen bereits jetzt die Druckbogen des Werkes einzusenden, denen wir so bald es möglich ist ein gebundenes Exemplar folgen lassen werden. Wir hoffen sehr, daß Sie unserer Bitte entsprechen werden.

Mit vorzüglicher Hochachtung (gez.) Krämer, Redaktion, Vossische Zeitung

 

39. C. H. B. an VZ (Krämer) Berlin, 2. 2.1933

(Maschinenkopie)

Ich bin gern bereit, die Besprechung des Koch-Weser’schen Buches „Und dennoch aufwärts“ zu übernehmen und werde das Manuskript in den allernächsten Tagen einsenden.

Hochachtungsvoll ergebenst (CHB)


1 Vossische Zeitung, Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen. Begründet 1704. Im Verlag Ullstein, Berlin, Kochstraße 23/24, erschienen. 1934 erlosch die Zeitung.

2 Alle Hervorhebungen vom Herausgeber.

3 Vom Verfasser unterstrichen. Der Herausgeber.

4 Hervorhebung des Verfassers.

5 Aus dem Dossier geht hervor, daß der Verfasser Redakteur der Vossischen Zeitung ist. Der Herausgeber.

6 Vom Empfänger rot unterstrichen. Der Herausgeber.

7 Ich möchte die Aufmerksamkeit des geneigten Lesers besonders auf den Leitartikel von Mahrholz lenken. Die Vossische Zeitung gehörte in der Weimarer Republik zu deren Unterstützer. BB

8 Hervorhebungen vom Herausgeber.

9 Vgl. vorangehenden Text Nr.23. Der Herausgeber

10 Unterstreichung Reichweins.

11 Hervorhebungen des Herausgebers.

12 Hervorhebung des Herausgebers.

13 Hervorhebung des Herausgebers.

14 Hervorhebung des Herausgebers.

15 Hervorhebung des Herausgebers.

16 Wohl ein Bericht über die Chinareise Beckers im Auftrag des Völkerbundes. Der Herausgeber.

17 Jacobs fragt in einem weiteren Brief nach Fotos, die er dann am 26.11. erhält. Das Gros der Bilder befindet sich in der Hand von Herrn Ballin von der Illustrirten Zeitung. Der Aufsatz erschien dann in der Weihnachtsnummer 1932 Becker erhält 100 kostenlose Separata. Der Herausgeber.

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