Staatssekretär Hänisch, 1921

Rep.92. Nr.7986 Verschiedene Korrespondenzen 1921-32

114. C.H.B., Staatsekretär, an Minister (Hänisch?). (Berlin), 30.3.1921 (Kopie)

Hochverehrter Herr Minister.

(Auszug)

So habe ich (vor Ostern) einige Sachen erledigen müssen, die ich sonst unter allen Umständen Ihnen vorbehalten hätte, wie z.B. die Koblenzer Hilda-Schul-Angelegenheit. Nach langer Beratung mit Hess und Kaas ist verabredet, daß die Hilda-Schule und ein zweites katholisches Lyzeum verstaatlicht und damit paritätisch werden, daß aber in der Praxis an dem bestehenden konfessionellen Charakter nichts geändert werden soll. Es war der einzige Ausweg.

Und dann habe ich die Disziplinaruntersuchung gegen den Studienrat Wagner in Velbert niedergeschlagen, da er sein Pensionsgesuch eingeeicht hatte und Landé dazu riet. So gab es noch eine ganze Reihe anderer Dinge, die keinen Aufschub vertrugen.

Für Ihren freundlichen Brief besten Dank. Schon vor Ihrem Brief hatten wir hier beschlossen, ein Exemplar der Geschichtstabelle an Ludo Hartmann zum Votum zu schicken. Ich glaube, das Urteil von Meineke und Delbrück hat mit Sozialismus und Nichtsozialismus nichts zu tun, sondern es ist eine Frage des Verhältnisses zum Stoff und zur Stoffmasse. Übrigens braucht die Tabelle gar nicht unbrauchbar zu sein, wenn sie auch für Schulzwecke ungeeignet sein sollte.

Ich habe übrigens mit Interesse die Verhandlungen auf Ihrem Kulturtag im Vorwärts gelesen und besonders ad notam genommen, daß der Vorsitzende des Kulturbeirats beim Parteivorstand wichtiger sein soll als der preußische Kultusminister. Merkwürdig ist doch, wie sehr Ihre Partei immer noch in Utopien lebt.1 Finanzen und Menschen scheinen im luftleeren Raum des Idealismus keine Rolle zu spielen. Ich bin oft als Schwärmer und Fantast verschrien worden; aber ich komme mir entsetzlich maître au fait vor, wenn ich das so hohe Lied der Bildung und Kultur lese, das auf Ihrem Parteitag angestimmt wurde.

Hoffentlich haben Sie einige geruhsame Tage und kommen erfrischt zurück. Ich darf ehrlich von mir sagen, daß ich etwas aufgebraucht bin, obwohl ich gestern im Troubadour war und mich an der Onegin erbaut habe. Nach all dem modernen Zeug von Wagner bis Schrecker tut einem ein Verdi doch wirklich gut, wo die Leute noch richtig singen und alle Leidenschaft und Tragik doch immer so hübsch distanziert bleiben, daß man nie vergißt, in der Loge zu sitzen.

In bekannter Gesinnung Ihr Ihnen aufrichtig ergebener (CHB)


1 Hervorhebung vom Herausgeber.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *