Fritz Sell, 1915-1933

Aus dem Privatarchiv von Michael Becker, Berlin

35. C.H.Becker an Fritz Sell Berlin, Continental Hotel, 4.1.1915

Mein lieber Fritz!

Ich darf wohl diese familiäre Anrede gebrauchen, wenn ich Ihnen zum ersten Male zum Geburtstag schreibe. Selbst in der Fülle meines Reisedaseins mit den stündlich wechselnden bunten Eindrücken will ich mir ein par Minuten ersparen, um an den 6.ten zu denken und Ihnen im Geiste herzlich die Hand zu drücken. Das alte Jahr hat für Sie so schwer und traurig abgeschlossen, daß man von dem für Sie so wichtigen neuen Lebensjahr einen sonnigen Einschlag erhoffen möchte. Das Jahr wird Ihnen den Abschluß Ihrer Studien bringen. Damit hört eine der schönsten Lebensperioden auf. Aber Sie werden Ihre jugendliche Frische mit hinübernehmen. Möge Sie Ihnen so lange erhalten bleiben wie Ihrem Vater. Ich habe noch manch andere Wünsche für Sie auf dem Herzen, Sie kennen diese ja. Wir werden ja noch oft davon reden, nach dem der Bann einmal gebrochen ist und nachdem wir uns persönlich nahe getreten sind. Haben Sie nur immer Vertrauen zu mir. Ich setze es in Sie. Und möge unserer Freundschaft alles Konventionelle fern bleiben. Das Schönste ist dabei doch immer die innere Selbstverständlichkeit, die das Gehen lassen ebenso erleichtert wie die ausgesprochene Wahrheit. Und damit alles Gute und einen festen Händedruck!

Meine Reise hat sich bisher sehr gelohnt. Man hört hier doch recht viel, das nicht in den Zeitungen steht, freilich nicht nur Erfreuliches. Einiges werde ich Ihnen mündlich erzählen oder andeuten können. Auch wissenschaftlich war mein hiesiger Aufenthalt nicht ohne Ertrag. Denken Sie, daß ich einen Vertrag aus Nubien in die Hände bekam vom (Jahr) 1320, also gerade aus den Jahren seiner Eroberung durch die Araber und der Vertrag spiegelt deutlich die Verhältnisse wider, die ich Ihnen aus literarischen Quellen im Colleg dargelegt habe. Ein merkwürdiger Zufall. Es gibt sonst gar keine Urkunden aus dieser Zeit.

Morgen gehe ich nach Hamburg, wo es auch wieder viel Neues geben wird.

Empfehlen Sie mich Ihrer verehrten Mutter und grüßen Sie unseren Freund Rohde, den ich leider nicht mehr sah.

In herzlicher Zuneigung Ihr getreuer CHBecker

 

36. C.H.Becker an Fritz Sell. Frankfurt am Main, 10.9.1915

(Vorangestellt ist eine Collage aus einer Zeitung:

Möbl. Wohnung

4 Zimmer und Küche zu mieten gesucht.
F. Sell, Drachenfelsstr.12)1
Fritz, mein Fritz, wie soll ich deuten
Die Annonce von den Leuten?—
Hält Dich meine Frau zu knapp?
Hält sie Dich zu sehr in Trab?
Ist das Essen Dir zu minder?
Chikanieren Dich die Kinder,
Mädchennot und Hauspalaver?
Oder – sticht Dich bloß der Hafer?—
Oder ist es gar die Wohnung,
Die zu ihrer Nerven Schonung
Meiner Gattin dar sich bot
Von der Domestikennot?
Fritz, ich denke Spielmannslieder
Treibst in Bonn Du, schlicht und bieder.
Spielmannssitten, Styl Bohème
Wäre mir weniger bequem.
Muß ich Dir die Freundschaft künd’gen,
Gar gerichtlich Dich entmünd’gen?
Soll die Kur ich unterbrechen,
Meines Hauses Ehre rächen?—-
Oder gibt es einer alten
Tante oder Anverwandten?
Der mit Pietät und Rührung
Du geliehen kund’ge Führung,
Daß sie, wenn schon einmal da,
Eurem Haus nicht allzu nah?
Oder gibt’s, sie zu erreichen
Und ein wenig erbzuschleichen?—
Doch ich rege mich nicht auf,
Laß den Dingen ihren Lauf.
Werde lieber fett und fetter
Und genieß das schöne Wetter.
Und ich sag wie Wallenstein:
Max, laß diese Possen sein!
Sei’, wie auch sei, sei’s Ernst sei’s Witz:
Bleib bei mir, geh’ nicht von mir, Fritz!

CHB

 

37. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin, 9.8.1916

Lieber Fritz!

11 Uhr Abends. Zwei Kondolenzbriefe gerade beendigt, der prachtvolle junge meines Hamburger Freundes und Collegen Franke und der treffliche Diener meiner Mutter, der mit seiner Frau im Haus bei uns wohnte. Etwas Furchtbares ist doch dieser Krieg! Ich mag so nicht den Tag beschließen. So wende ich mich in Gedanken zu Dir, der Du mir ja in Person so oft wohlgetan hast, wenn, nun ja, wenn ich es eben gebraucht habe. Dein Brief hat mich gefreut. Ich hoffe fast, daß Du mich hie und da einmal vermißt hast. Gelitten wirst Du nicht darunter haben. (Randbemerkung Beckers: Logikschreck!) Um so mehr freut mich, daß es sich mit Curtius gut gemacht hat. Auch aus seinen Briefen sprach das. Er ist mir überhaupt in seinen schriftlichen Äußerungen sehr sympathisch gewesen. Ein erlebtes Interesse wirkt oft stärker als eine herbe Kritik. Smend ist dagegen vor meinen Blicken verschwunden. Ich bat ihn schriftlich um etwas, doch hat er sich vor Beantwortung offenbar auf seine Jagd zurück-gezogen.

Von unserem Wohnungsprozeß hast Du gehört. Es ist trostlos. Dabei habe ich einfach keine Zeit, mich darum zu kümmern. Ich habe enorm zu tun. Eigentlich alles ist interessant. Umschalten muß man allerdings lernen. Nimm nur mal einen Normaltag wie heute:

  • Vor ½ 10 Uhr im Amt, ein Stoß Briefe,
  • Diktieren von Antworten,
  • 5 Telefongespräche
  • auch eines privat, Ordinarius aus dem Feld,
  • Vorbereitung einiger Vorträge beim Minister usw.
  • Dann kombinierter Vortrag beim Minister mit Fritz Trendelenburg im Beisein des Unterstaatssekretärs und des Ministerialdirektors über Ethnologisches Institut,
  • Deutscher Kunstbesitz im feindlichen Ausland,
  • Auslandstudien – ich soll Denkschrift für den Landtag machen.
  • Um 1 Uhr fertig, Unterschriften.
  • Besuch eines juristischen Ordinarius. Der sich mit seiner Fakultät verkracht hat und beinahe in Thränen ausbricht.
  • Um 2 Uhr entschlüpfe ich mühsam zum Essen, treffe dort Ernst Trendelenburg, mit dem sehr interessante politische Unterhaltung.
  • Um ½ 4 Uhr empfange ich einen Abgesandten der bulgarischen Gesandtschaft, Sondierung wegen Semesteranrechnung; etwa eine Stunde französische Darlegung unserer Prüfungsverhältnisse;
  • Besuch eines durchreisenden Ordinarius der Chemie mit allerlei Anträgen und Wünschen.
  • Empfang eines Pressevertreters über die neuen Berufungen.
  • Zwei Aktenberge mit ca. 50 Unterschriften.
  • Langes Telefon über die neuen klimatolog(ischen) Stationen in der Türkei. (Morgen Abend bin ich mit dem Türkischen Landwirtschaftsminister im kleinsten Kreise eingeladen.)
  • Abendessen mit drei auswärtigen Orientalisten, Gang durch den Tiergarten,
  • Telefon mit Bonn und dann wie eingangs.

So geht es alle Tage. Gestern kam ich erst um 12 Uhr nachts nach Hause. Der August ist besonders schlimm. Im September wird es besser. Ich wachse mich in mein Amt ein und ich glaube, man ist ganz zufrieden mit mir. Im Amt, aber auch draußen. Ich habe schon zahlreiche Dankbriefe erhalten. In Bonn habe ich in das Chaos der jurist(ischen) Fakultät ziemlich ener-gisch eingegriffen. Ich hoffe, daß man allseits zufrieden war. Persönlich bleibt alles liegen. Jetzt drängt das Nachwort auf meinen Freund Mestsack (?recht unleserlich. BB). Aber ich habe einfach keine Sammlung dazu. Morgen gehen die Meinen nach Rothenfelde. Hoffentlich geht das Experiment nach Wunsch.—

Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß solche Briefe nur für Dich sind.

Die Raben der Trennung krächzen. Gute Nacht! Von Herzen Dein Carl.

P.S. Grüße Deine Mutter herzlich. Ich überlasse es Dir, was Du ihr von mir erzählen willst.

 

38. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, Schillerstr. 2, 4.1.1918

Mein lieber Fritz!

In Anbetracht Deines bevorstehenden Geburtstages habe ich Dir nicht mehr zum Jahreswechsel geschrieben. Nimm heute Dank für Dein treues Gedenken und zugleich unsere besten Wünsche zu dem Beginn Deines bürgerlichen und menschlichen Jahres. Wir denken Dein in herzlicher, brüderlicher Freundschaft. Du wirst uns auch als Studienreferendar nicht lieber als bisher, aber es wird Dir gewiß eine hohe Genugtuung bereiten, Dich demnächst mit diesem schönen Titel schmücken zu dürfen. So legt Dir das Kultusministerium eine prunkende Gabe in die Wiege Deiner Lehrtätigkeit. Es war mir neulich leid, daß ich nicht einmal ausführlich mit Dir über Eure Seminarverhältnisse sprechen konnte. Erst nach Deinem Besuch kam ich hinter die etwas bedenkliche Geschäftsführung, die Wünsche immer gleich für genehmigte Etatposten hält. So mußte ich Deinem Chef etwas gegen den Wagen fahren, ungern gewiß, aber aus einfachem Pflichtgefühl heraus. Natürlich blieb dann auch die Chose an mir hängen, obwohl sie leider nicht zu meinem Referat gehört. Es bleiben leider in letzter Zeit immer mehr Dinge bei mir hängen, die mich nichts angehen, aber mich packt manchmal die sogenannte Initiative, wenn die Dinge im Schlick des Verwaltungsapparates zu versinken drohen. Und dann bleiben meine eigenen großen Sachen liegen. Es ist zum Verzweifeln. Aber ich irre ab. Kehre zum Ausgangspunkt zurück: Möge Dein Leben nicht verschlicken, sondern sich nach Deinem und unseren Wünschen entwickeln. Vor allem wünsche ich Dir die Kraft zu einem schönen Doctor.

Wir hatten ein schönes, stilles Fest. Helli war bezaubern und süß, die Großen schon bewußt und gedämpft. Ich trauerte den akadem(ischen) Weihnachtsferien nach und mußte die liebsten Leute brieflos ausgehen lassen, auch Deine verehrte Mutter, der ich erst heute schreiben werde.

Politisch bin ich mit Kühlmann einverstanden. Es spucken ihm aber so viel Leute in den Brei, daß er sicher verdorben wird. Ludendorff verlangt jetzt die Narewlinie. Es ist schwer möglich, damit den Reichstag zu versöhnen und künftige russische Politik zu machen. Eine Beteiligung Englands an den Verhandlungen würde ich begrüßen. Wie groß Englands Prestige noch ist, sieht man an der Angst unserer Rechtsradikalen. England muß sich ja doch mit uns auseinandersetzen und diese Auseinandersetzung scheint mir nicht schwer. Jedenfalls ist die Annexionslosigkeitsformel politisch richtig. Man muß nur an Kiautschou, Südwest, Bagdad usw. denken, um zu begreifen, wie weit wir auf diesem Wege kommen können. Kühlmann will England mit englischen Waffen schlagen, aber unsere Machtthematiker verderben ihm das Konzept. Auch England hat nie annektiert ohne zu sagen, es sei nur vorübergehend oder im Interesse des anderen usw. usw. Bei Verhandlungen mit Slaven werden Verhandlungen doch immer 2-3 Mal abgebrochen. Siehe Bulgarien. Doch genug davon.

Einen guten Händedruck Dein alter Carl.

 

39. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 6./7.1.1919

Lieber Fritz!

Du sollst zu Deinem Geburtstag einen guten Gruß haben; denn Du hast das wirklich verdient. Immer wieder hast Du geschrieben und nie eine Antwort erhalten, aber Du mußt uns mit Revolutionsmaßstab messen. Zum Neuen Jahr im doppelten Sinn ein brüderliches Glückauf!

Wer die jetzige Zeit in Berlin als Gebildeter und Outsider erlebt, kommt aus dem Lachen über diese Harlekinade nicht heraus. Als Deutscher kann man sich verzehren vor Scham und Schmerz. Im Ministerium ist die Episode Hoffmann erledigt; es sei denn, daß er bei einem Spartakussieg wiederkommt. Das Possenspiel war toll, gottlob hatte er nur Kirche und Volksschule, während Haenisch alles andere hat. Haenisch ist gut und gibt sich alle Mühe, verständig zu regieren. In den ersten Wochen gab es einen tägl(ichen) Ministerrat unter Zuziehung der pädagog(ischen) Parteigenossen und unter Ausschaltung des Ministeriums. Daher all der Mist. Langsam wurde Haenisch mutiger, er hat zwar von Anfang an nur mitgemacht um Schlimmeres zu verhüten, aber auch er strebte anfangs aus politi(ischen) Gründen nach weithin sichtbaren Taten. Dabei mußte immer alles sofort heraus, noch am Abend in die Presse. Ich selbst fand aber schnell eine gute Position zu Haenisch und darf mich wohl als seinen Vertrauensmann für Hochschulsachen, aber auch für allgem(eine) Ministerialfragen bezeichnen. Ich habe öfters den Vermittler und Berater gespielt. Ich bin ihm gegenüber völlig loyal, aber von rücksichtsloser Kritik und Offenheit. Das ist der einzig mögliche Standpunkt für mich und ihn. All die Herren, soweit sie gebildet sind, sehen jetzt ein, daß man mit Volksversammlungsreden nicht regieren kann und sie seufzen alle unter den ihnen jetzt präsentierten Wechseln. Nur ein köstliches Bespiel: H(aenisch) hatte einem Petenten geschrieben: Wenn ich Kultusminister wäre, sollten Sie gewiß zugelassen werden, aber …; 14 Tage danach war er Kultusminister und nun mußte der Wechsel sofort eingelöst werden.

Viel Arbeit hatte ich bei meinen Bemühungen, die Collegen zu einem Protest gegen Hoffm(ann) zu bekommen. Es waren die kläglichsten Eindrücke von Männerwürde, die ich je erhielt. Ich will das später alles einmal aufschreiben. Ein Satyriker hätte ein Musterstück schaffen können. Bürgerl(iche) oder auch nur kollegiale Solidarität ist eine Chimäre. Schließlich gingen einige mutige Männer mit mir zum Zentralamtsvorsitzenden als „Staatsbürger“, beileibe nicht als „Deputation“. Dort dachte man genauso wie wir.

Nun haben wir seit gestern die 2. Revolution. Sie ist schlimmer als die erste. Man hat die Inszenierung gelernt. Dabei kommen Rudimente längst vergangener primitiver Zeiten zum Durchbruch. Der halbreligiöse Kampf der Quartiere, noch heute in Afrika bekannt, auch in der deutschen Volkskunde abgeklappt nachweisbar, lebt wieder auf. Eine Gruppe schreit: „Liebknecht hoch, hoch, hoch“, die andere antwortet taktmäßig „nieder, nieder, nieder“. Alles ist in Bewegung und demonstriert, meist ohne recht zu wissen, warum. Dabei wird viel geschossen. Ich war heute nach Tisch in der D(eutschen) Gesellschaft eingeschlossen und sah vom Erker zu, wie vor uns Maschinengewehre tackten. Es war scheußlich. Gottlob ging alles in die Luft und die Massen zerstoben. Die Regierungstruppen sind von Offizieren in Civil geführt, was einen ganz guten Eindruck macht. Den ganzen Nachmittag krachte es ununter-brochen vor meinen Fenstern, doch taten wir unsere Arbeit wie immer, schlichen dann zu einer Hintertür hinaus und auf Umwegen zum Wannseebahnhof.—

Minister-Jubiläum 11.11.1919 Greve’s Hof<br /> o. v.l.n.r. Geh.Reg.Rat Gürich, Strafanstaltsdir. Hülsberg, Kommerzienrat Max Pasch<br /> u. v.l.n.r. Geh. OberRegRat Prof. Dr. Pallat, Unterstaatssekretär Prof. Dr. Becker, Minister Haenisch, Wirkl.Geh.OberRegRat Klotzsch
Minister-Jubiläum 11.11.1919 Greve’s Hof
o. v.l.n.r. Geh.Reg.Rat Gürich, Strafanstaltsdir. Hülsberg, Kommerzienrat Max Pasch
u. v.l.n.r. Geh. OberRegRat Prof. Dr. Pallat, Unterstaatssekretär Prof. Dr. Becker, Minister Haenisch, Wirkl.Geh.OberRegRat Klotzsch

Zu Hause geht es noch gut. Wir hatten ein stilles und doch freudiges Fest mit gr(oßem) Christbaum und viel Liedern und sogar mit gutem Essen. Von irgendwoher war uns etwa Mehl zugekommen und es gab weißen Napfkuchen, Du, richtige braune Kuchen nach Hamburger Muster. Vorgestern machten die Kinder sogar eine kl(eine) Aufführung und Laterna magica, kurz, hier draußen leben wir noch wie auf einer Insel. Gelegentlich schlägt dann eine Welle hinein, wie am Weihn(achts)abend unser Leutnant, der das Schloß mitgestürmt hatte, dann gefangen wurde und zerfetzt und degradiert in moralischer Auflösung hereinkam. Wir hatten lange 3 Mann, zwar lästig, aber ordentliche Leute.

Ich schreibe Artikel auf Artikel, Sonntags und Nachts. Kämpfe mit schwerer Erkältung und habe unsagbar viel zu tun, namentlich weil ich schnell mitreden soll. Man erlebt sehr, sehr viel Interessantes. Werdet übrigens in Bonn nicht irre an mir, wenn Ihr nächstens von einer Regierungshandlung lesen werdet, die auch Bonn betrifft. Ich glaube, das Schlimmste verhindert zu haben. Du bist ja diskret, so frag einmal Smend. Er darf Dir’s sagen. Mein Votum für das Staatsministerium hätte Zitelmann nicht besser machen können. Bonn wird allerdings gehörig aus seinem bequemen Schlummer geweckt werden. Gut so; da wird auch Smend zustimmen. Grüße Curtius, für dessen Brief ich herzlich danke. Er ist ebenso rührend wie Du im Schreiben. Er soll bald von mir hören. Ebenso Smend.

Wärmste Grüße Deiner Mutter und Dir von uns allen. Dein Carl.

 

40. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 19.10.1919

Mein lieber Fritz!

Vorgestern erreichte mich die große, uns alle lebhaft bewegende Nachricht. Ich habe bis zum Sonntag mit meinem Glückwunsch gewartet, weil ich Dir in Ruhe schreiben wollte und die letzten Tage mit Staatshaushaltsausschuß von Morgens bis Abends und gestern einer 40 Personen Soirée bei uns im Hause mehr als voll und verhetzt waren. Heute aber herrscht Windstille vor dem Morgen mit den Vorbesprechungen zur Reichsschulkonferenz neu einsetzenden Sturm, und diese Ruhe laß mich benutzen, Dir beim Schein meiner grünen Lampe einige Worte treuer Teilnahme und freundschaftlichen Miterlebens zu senden.

Überrascht waren wir alle ganz außerordentlich, nicht grade, daß Du Dich verlobst hast; denn Du warst reif dazu und innerlich darauf eingestellt. Du brauchtest die Gesellung auch zur letzten Überführung Deiner Persönlichkeit in das geistige Mannsein. Man spricht so viel von Menschwerdung und so selten von der Mannwerdung. Sie vollendet aber erst die Jugendentwicklung des männlichen Individuums, und sie wird neu erzeugt durch Weib und Kinder. Vielleicht stellen die letzteren noch eine weitere Phase dar, wie überhaupt – Gott sei’s gedankt – der entwicklungsfähige Typ Mensch als Mann noch eine Reihe weiterer Stufen, auch in den Vierzigern noch, aufweist, wie ich in diesen Jahren mit Freuden an mir selber erlebe. Dann beginnt jetzt diese neue Entwicklungsreihe, während Du zugleich die bisherige im Bann des Elternhauses, männlichen und viellieben Freundeskreises sich abspielende beschließest. Überrascht war ich also über die Tatsache nicht, um so mehr aber, daß es ein neuer Mensch ist, der in Dein Leben tritt. Vielleicht wäre Deine Braut auch mir kein in jeder Hinsicht neuer Mensch, wenn unser geistiger Austausch nicht durch die räumliche Trennung so sehr behindert wäre. So habe ich für meine eigene innere Stellungnahme nur Deinen Brief und die aus ihm sprechende fest und starke Liebe, die wie jede echte Liebe nicht blind sondern sehend macht., Deine klare Entschlossenheit, die alle „Aber’s“ durchgedacht hat, und die echt Fritz’sche Mischung von Sentiment und Nüchternheit, von langsamem Abwägen und gefühlsmäßiger Abruptheit, um mir ein Bild von den Vorgängen und der Sachlage zu machen. Aber das genügt vollauf, um Deine künftige Ehe im Zeichen eines günstigen Sternes zu sehen und Dir in alter Treue innigst die hand zu drücken.

Soll man zu einem solchen Bunde mit Glückwünschen kommen? Daß man dem Freunde und seiner Lebensgenossin das Beste wünscht, ist eigentlich zu selbstverständlich, um es zu formulieren. Jeder ist der Schmied seines Glückes, das gilt auch der Ehe. Die Grundlage muß auch hier die geistige Gemeinschaft sein. Die Selbstverständlichkeit der Zusammengehörigkeit. Schwierigkeiten bleiben ja wohl in keiner Ehe aus., und die Ehen sind vielleicht die bestfundierten, vor deren Eingang schon der Kampf stand, und bei denen deshalb nicht nur das Gefühl, sondern der Verstand von Anfang mitgewirkt hat. So sehe ich freudig Deiner Zukunft entgegen. Deine Braut soll uns als Deine Lebensgenossin von Herzen auch in unserem Kreise willkommen sein.

Da wir sie nicht kennen, wohl aber Dich, können wir ihr sachkundiger gratulieren als Dir. Wenn sie Dich richtig zu fassen versteht – und daran zweifle ich nicht -, wird sie in Dir einmal einen mustergültigen Gatten haben; denn Du bringst Deinerseits alle Eigenschaften mit, die eine glückliche und harmonische Familie garantieren. Möge sie umgekehrt Dir immer ein Sporn und ein Stachel sein, den brauchst Du; möge sie Dir stets – wie die Araber es nennen – eine „Tadlerin“ sein.

(Schluß fehlt)

 

41. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 4.1.1920

Mein lieber Fritz!

Du weißt, meine Zeit erlaubt mir keine langen Briefe, aber zum 6. Januar will ich Dir doch einen persönl(ichen) Gruß senden. Dies neue Lebensjahr wird ja für Dich so bedeutungsvoll, daß man nichts anderes zu wünschen braucht, als daß die Saat aufgehen möge, die hoffnungsfreudig in ihm gepflanzt wird. Ein lieber Besuch hat uns sehr erfreut, und wir danken Dir für Deinen Brief. Dein Jean Paul Buch habe ich gelesen, mit Spannung und Interesse. Mir geht die Konstruktion etwas zu weit, aber ich anerkenne gern den Versuch – den geglückten Versuch -, Dich über das Normalmaß einer Dissertation zu erheben. Meinen besten Glückwunsch und eine gute Presse!

Wir hatten stille Weihnachten, etwas behindert durch fortwährende Krankheit oben und unten außer am H(eiligen) Abend selbst, der sehr harmonisch verlief. Grippe, dann Hellmut Masern, schließlich Mittelohrentzündung, die einen Augenblick bös aussah, aber hoffentlich gut verläuft. Er liegt noch zu Bett. Dazu mancherlei häusliche Schwierigkeiten, so daß meine Frau das neue Jahr nicht gerade rosig begann.—

Mitte des Monats reise ich zur Hochschulkonferenz, dann Frankfurt/Main, Marburg und Gelnhausen, wo ich 8 Tage mit Wende bleibe. Danach sind wir dann hoffentl(ich) hier so weit, daß auch meine Frau mal ausspannen kann.

Alle besten Wünsche Deiner Mutter, Deiner Braut und Dir.

Von Herzen Dein Carl.

 

42. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 22.3.1920

Randbemerkung Sells(?): Kapp-Putsch

Mein lieber Fritz!

Man ist sich merkwürdig ferngerückt in dem neuen Deutschland mit seinen Putschen und Streiks, mit seinem Verbot von Glückwunschtelegrammen und seinen Verkehrshindernissen. Ebenso wenig wie über den Raum ist man über die Zeit mehr Herr, nachdem gerade Zeitsetzung zum Zeitvertreib für Optimisten geworden ist. Also muß ich schon heute zur Feder greifen, wenn ich überhaupt einigermaßen damit rechnen will, daß Dich an dem entscheidenden Tag Deiner vita nuova wenigstens ein Gruß von mir erreicht. Gern hätte ich, hätten wir, Deinen Hochzeitstag mitgefeiert. Zu normalen Zeiten wäre es ja auch wohl so gekommen, aber das schon an sich jetzt schwer Mögliche ist durch die jüngsten Ereignisse völlig ausge-schlossen worden. So laß Dir wenigstens im Geiste die Hand reichen. Ich denke Dein in herz-licher Liebe und mit sonnigen Wünschen. Wer Dich kennt, wird Dir und Deinem Schicksal vertrauen. Glückauf zu einer restlosen, bewußt genommenen Lebensgemeinschaft!

Die äußere Lösung Deines nächsten Daseins scheint mir erfreulich. Berlin ist jetzt wirklich kein Pflaster für Flitterwochen und –monde. Augenblicklich ist’s hier übler als je. Immerhin wird es sich schon wieder einpendeln, nur sind wir um ein Jahr zurückgeworfen. Links ist wieder Trumpf. Daß eine vernünftige Zeitung wie Kölnische tatsächlich an eine Beteiligung der Rechten an der Regierung – als Folge des Kapp-Putsches glaubt, zeigt, wie wenig klar selbst politisch geschulten Köpfen die ganze Situation ist. Gerade das Mitwirken der Rechtsparteien, die Parole der Fachminister und ähnliche Forderungen Kapps sind durch den Putsch heillos diskreditiert. Das Rechtsbewußtsein der Arbeiter ist enorm gestiegen und die langsam wieder Kraft gewinnende Rechtsidee erschüttert. Es ist zum Heulen. Ich war am kritischen Tage in Bamberg, Hedwig in Gelnhausen. Immerhin gelang es mir noch am Revolutionstag selbst Abends in Berlin zu sein., da ich 30 Minuten nach Empfang der ersten Nachricht schon im Zug saß. Hier habe ich dann alles aus nächster Nähe miterlebt. Die Unterstaatssekretäre haben ja diesmal eine recht erhebliche Rolle gespielt und Herrn Kapp zu Fall gebracht., eigentlich ehe der Generalstreik richtig einsetzte. Das Schlimmste war aber der trotz der glänzenden Stellung der hohen Beamtenschaft unvermeidliche Rückschlag nach links.2 Ich wurde übrigens von den Kappleuten in Schutzhaft genommen, aber nur 2 Stunden, wurde dann von Oberst Bauer in die Reichskanzler geführt, wo ich die Gelegenheit benutzte, sowohl Bauer, wie dem anwesenden Traub – er muß aber auch immer danebenhauen! – sehr gründlich die Meinung zu sagen. Im gleichen Augenblick wurde Ludendorff gemeldet, der also natürlich dahintersteckte. Grundsätzlich stand das Fehlschlagen des Unternehmens aber sehr bald fest, schwierig war nur aus der Situation herauszukommen, ohne entweder die Mehr-heitssozialdemokratie oder unseren letzten militär(ischen) Schutz oder beide einzigen Stützen gegen den Bolschewismus rettungslos zu zerschlagen. Gut ist nur das Eine, daß das Märchen vom „starken Mann“ ausgeträumt ist.—3

Eisenlohr ist zurück, aber noch in Heidelberg, er wird nach Ostern zunächst dauernd nach Berlin kommen.

Und nun nochmals alles Gute, mein lieber Fritz. Überlege Dir bitte mal, womit wir Dir eine Freude zur Hochzeit machen können. Überflüssiges darf man in diesen Zeiten seinen nächsten Freunden nicht schicken. Nach der Hochzeit könnt Ihr es auch besser übersehen. Vielleicht weiß auch Deine liebe Mutter einen Rat. Ihr gilt mein herzlich mitfühlender Gruß! Wir werden am 30.ten Deiner und Deiner Frau in geschwisterlicher Treue gedenke. Dein Carl

 

43. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 18.6.1920


Zum Tode von Frau Prof. Sell


Mein lieber Fritz!

In stillen Nachtstunden eilen meine Gedanken zu Dir – etwas mehr gesammelt, als es der Drang dieser Tage erlaubt hatte. Still und friedlich ist dies Lebenslicht verlöscht, das nicht nur geleuchtet, das auch erwärmt hat. Wir waren wirklich tief bewegt. Zunächst überwog der Schreck, die Überraschung. Ich bin so daran gewöhnt, daß Herzleidende, die sich schonen, oft sehr alt werden, daß ich nie an einen so plötzlichen Ausgang dachte. Auch hatten wir gerade korrespondiert, und es war eigentlich ein Zufall, daß meine Frau nicht bei ihr war; denn sie hatte sie gerade jetzt aufsuchen wollen. Deine Mutter war uns – ganz abgesehen von Dir und den alten Familienbeziehungen – als Mensch so teuer und lieb geworden, daß wir sie als zu uns gehörig betrachteten. Ich konnte mir für meine Frau keine bessere Vertraute, keine treuere Beraterin und kein vollkommenderes Vorbild wünschen. Aber auch ich selbst war ihr in schlichter, fast kindlicher Anhänglichkeit und Verehrung verbunden. Du weißt das ja alles, Du hast es ja miterlebt, aber was Du nicht wissen kannst, ist, daß diese Beziehungen nach der Trennung sich vertieft haben, daß wir oft und mit Liebe ihrer gedachten und hier keinen Ersatz für diese intensivste Bonner Beziehung gefunden haben.

So trauern wir wirklich von Herzen mit Dir und Deinem Bruder. Ihr habt unendlich viel verloren und seid mit jungen Jahren in die „andere Riege“ getreten. Auch für Deine Frau ist dieser Tod doch unendlich schmerzlich. Wie viel hätte ihr diese herrliche Frau noch sein können! Sie ist dahin gegangen, wie sie seit dem Tode ihres Mannes gelebt hatte, still und unauffällig, ohne irgend jemand zu behelligen und doch in harmonischer Form, wie ein Hauch, der aber noch fühlbar, erquickend und belebend – unmerklich versucht. Wir werden zeitlebens ihrer in Dankbarkeit und Treue verbunden sein und die persönlich geweihte Liebe auf Dich und Deine Frau übertragen. Das liegt sicher in ihrem Sinn, und schon der Gedanke würde sie freuen. So reiche ich Dir zu einem brüderlichen Händedruck die Hand.—

In alter Freundschaft Dein Carl.

 

44. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin W 8, Unter den Linden 4, 26.8.1924

Privatsekretariat (Maschinenmanuskript)

Lieber Fritz!

Ich nehme an, daß Du in diesen Tagen nach Godesberg zurückkehrst, und so brauche ich mir nicht zu große Vorwürfe darüber zu machen, daß ich die Beantwortung Deines freundlichen Briefes vom 1.8. solange hinausschob. Es war gut, daß ich es tat, denn ein Empfang war ich fest entschlossen abzulehnen. Ich kann mir eine größere auswärtige Vortragstätigkeit neben meiner sonstigen Inanspruchnahme nicht leisten. Nun habe ich mich aber bereit erklärt, am 16. November in Düsseldorf die dortige Vortragssaison im Theater mit einem Vortrag über „Staat und Kultur“ zu eröffnen. Vielleicht könnte ich Montag, den 17. oder Dienstag den 18. November (nicht später) diesen Vortrag bei Euch wiederholen. Einen zweiten großen Vortrag in dieser Zeit neu zu machen, trage ich Bedenken. Eine Plauderei über den heutigen Orient und seine politische Lage kannst Du natürlich jederzeit haben, namentlich, wenn ich jetzt das Schlußkapitel meines zweiten Bandes vollendet habe, wobei ich gerade bin. Also grundsätz-lich bin ich bereits. Vielleicht teilst Du mir mit, wie groß ungefähr das Auditorium sein wird., vor dem ich zu sprechen habe. In Bezug auf Honorar bitte ich mich genau so zu behandeln wie andere Redner. Die Reisespesen fallen ja sowieso weg, da ich vermutlich eine dienstliche Besichtigung mit der Fahrt verbinden werde. und, falls das die Verhältnisse verbieten, ja bis Düsseldorf die Reise von der dortigen Organisation bezahlt erhalte.

Hoffentlich habt Ihr erfreulichere Ferien gehabt wie wir. Sie fingen bei uns mit einer Angina unseres Pflegesohnes an, führten über eine Blinddarmentzündung von Hellmut zu einer Darmgrippe meiner Frau und schlossen mit einem verknaxten Fuß der letzteren, so daß der an sich so wundervolle Ostseeaufenthalt schließlich doch mit einem gewissen Minus geendet hat. Ich persönlich war nur drei Tage dort, wo gerade mal Wetter und Gesundheit sich von der besten Seite zeigten. Ich habe noch nicht ganz 14 Tage Ferien gehabt, bin aber doch drei Wochen weggewesen, da ich an eine genußreiche Woche in Gelnhausen mit meinem Freunde Gragger den Besuch der Akademischen Olympia in Marburg und dann den Besuch der Tagung der Europäischen Studentenhilfe in Elmau anschloß, der mich mal wieder tief in die internationalen Beziehungen hineinführte und in jeder Hinsicht erfreute. Ich hielt einen großen Vortrag über „Das Wesen der deutschen Universität“, der jetzt gedruckt wird.

Seit wenigen Tagen ist die ganze Familie, außer Walter, wieder zusammen, und zurzeit ist alles wohl. Hertha soll noch recht viel Opern und Theater gezeigt bekommen, ehe sie in ihre Salemer Einsamkeit zurückkehrt. Von Walter haben wir glänzende Nachrichten. Er hat ein Mordsglück mit seinem englischen Aufenthalt. Er ist nach beendetem term etwas in Mittel- und Nordengland herumgereist und ist jetzt tutor in einem Wald-Cottage in Dorset, unweit der Südküste. Zum Schluß soll er dann nach London, den Winter aber in Deutschland studieren.

Meine Pläne für die nächste Zeit sind die folgenden: Ich werde am 15. September die Veran-staltung „Jugend und Bühne“ in Frankfurt eröffnen, am 1.-4. Oktober den Orientalisten-Kongreß in München mitmachen und am 25. Oktober die goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern in Augsburg feiern. Vielleicht führt uns unser Stern irgendwo wieder einmal zusammen.

Mit guten Grüßen und Wünschen von Haus zu Haus, in alter Freundschaft

Dein getreuer (gez.) CHBecker

 

45. Preußisches Ministerium für Wissenschaft etc. Berlin, 10.11.1924

MR Duwe an Dr. Fritz Sell, Godesberg (Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Doktor.

Im Anschluß an mein heutiges Telegramm teile ich Ihnen im Auftrage des Herrn Staatssekretärs D Dr. Becker, der an einer Bronchitis erkrankt ist und einige Tage das Bett hüten muß, ergebenst mit, daß er zu seinem großen Bedauern sein Vorhaben, am 17. November nach Godesberg zu kommen, aufgeben muß. Es finden an diesem Tage mit dem Präsidenten der Gemischten Kommission in Oberschlesien Herrn Calonder Besprechungen in Schulan-gelegenheiten im Ministerium statt, an denen der Herr Staatssekretär als Vertreter des in diesen Tagen verreisten Herrn Ministers unter allen Umständen teilnehmen muß. Herr Staatssekretär Becker muß deshalb in der Nacht von Sonntag zu Montag von Düsseldorf direkt nach Berlin zurückkehren. Er bedauert diese Absage außerordentlich, da der Abstecher nach Godesberg ihm besondere Freude bereitet hätte. Er bittet, den zugesagten Vortrag hiermit aber nicht als ganz abgesagt zu betrachten; er wird ihn gern bei der nächsten geeigneten Gelegen-heit nachholen.

Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor von Herrn Staatssekretär Becker auftragsgemäß herzlichste Grüße übermittelnd, bin ich mit besten Empfehlungen Ihr sehr ergebener (gez.) Duwe

 

46. C. H. Becker an Dr. Sell. Berlin-Steglitz, 3.12.1924

Mein lieber Fritz!

Du hättest schon lange ein persönliches Wort von mir erhalten, wenn ich nicht die letzten acht Tage mit einer verschleppten Bronchitis alias Grippe zu Bett gelegen hätte. Es tat mit aber sehr leid Dir absagen zu müssen, aber wir konnten ja nicht voraussehen, daß unser Plan gerade in die Wahlzeit fallen würde. DerMinister immer fort, ich mich mit besagter Grippe herumschlagend, der Besuch Calonders, dem ich am Tag meines Godesberger Vortrages einen großen Empfang im Ministerium geben mußte, tags zuvor der Vortrag in Düsseldorf, der sehr gut lief, aber schließlich nach acht Tagen lag ich fest und mußte die Sache aus-schwitzen. Morgen will ich wieder Dienst tun, vorher aber doch noch sagen, wie leid mir das alles tut.—

Wann soll denn nun mein Vortrag dort steigen? Wollen wir nicht aufs Frühjahr warten? Gleich nach Neujahr fahre ich vielleicht nach Holland, am 15. Januar spreche ich in Leipzig vor der Studentenschaft, im Februar will ich nach Zürich und Arosa, am 6. März spreche ich in Basel ebenfalls vor der Studentenschaft. Wie wär’s mit Ende März, Anfang April?

Wir sehen übrigens die Schulreform durchaus nicht als zusammengebrochen an. Warte nur mal auf die neuen Lehrpläne. Es kommt eben auch nach unserer Ansicht nicht so sehr darauf an als auf die neuen Lehrer. Ich kämpfe zur Zeit einen stillen Kampf um die Volkschullehrer-bildung. Die Oberlehrerbildng folgt nach. Doch darüber muß man einmal gemütlich reden. Brieflich können wir das beide nicht.

Die guten Nachrichten von Euch freuten uns herzlich. Meiner Frau geht es nicht ganz prima, sie hat noch mit Nachwehen ihrer Ostseegrippe zu tu, ohne dadurch in ihrer Arbeit direkt gehindert zu sein, aber sie hat leider mancherlei (namentlich nachts) an Schmerzen auszuhalten. Den Kindern geht es gut. Walter ist aus England zurück und studiert jetzt hier Jura. In Bälde erwarten wir Hertha, die immer noch sehr glücklich in Salem ist, von dort zu den Weihnachtsferien zurück.

Mit guten Grüßen von Haus zu Haus und herzlichen Wünschen für ein schönes Weihnachts-fest Dein getreuer Carl.

 

47. Der Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung. Berlin, 29.6.1928

(Maschinenmanuskript)

Lieber Fritz!

Seit langem bedrückt es mich, daß ich Dir auf Deinen freundlichen Brief und auf Deine Frage in Sachen Italienreise noch nicht geantwortet habe. Aber ich wollte Dir immer gern einmal behaglich schreiben und kam und komme nicht dazu. Ich möchte aber doch Dich nicht länger in Ungewißheit lassen, wie ich über die berührte Frage denke. Es tut mir von Herzen leid, daß irgendeine Äußerung von mir mißverstanden und von Dir als Vorwurf gedeutet werden konnte. Bei der Bemessung von Reisestipendien liegen natürlich gewisse allgemeine Normen zugrunde, wenn man auch ein Stipendium einmal etwas reichlicher und das andere Mal etwas weniger reichlich bemißt, je nach der finanziellen Situation des Stipendiaten. Deshalb konnte das Stipendium nicht in der Höhe bewilligt werden, wie Du es erst aber beantragt hattest; daß Du aber nachher im Rahmen des einmal Bewilligten Deine Frau mitgenommen hast, das ist Deine ganz persönliche Privatangelegenheit, die zu kritisieren mir vollkommen fern gelegen hat. Manche Menschen lernen mehr, wenn sie mit Frau reisen, manche nur dann, wenn sie ohne Frau reisen. Nur bei der Berechnung des Stipendiums selbst muß wenigstens offiziell die Frau ausscheiden. Das Stipendium war bei Dir so berechnet, daß es für eine Person eine sehr anständige und behagliche Reise ermöglichte. Wenn Du Dich dann lieber einschränkst, außerdem noch etwas Privates zusteuerst und Deine Frau mitnimmst, ist das doch das Natürlichste von der Welt und niemand wird Euch Beiden ein solches Zusammensein herzlicher gönnen als ich. Ich wundere mich eigentlich, daß Du bei Deiner doch ziemlich genauen Kenntnis von mir irgendeine Mißbilligung meinerseits auch nur für möglich gehalten hast. Ich pflege meinen Freunden gegenüber doch ziemlich offen und klar meine Meinung zu sagen. Bei Äußerungen, die durch mehrere Münder gegangen sind, empfiehlt es sich mehr an das eigene Wissen als an die Formulierung einer solchen Nachricht zu halten.

Du weißt, daß ich mich seit langem bemühe, für Dich mal einen entsprechenden Platz zu finden, aber es ist, wie ich Dir gleich sagte, nicht leicht. Ich bitte Dich nur, mir immer gleich vertrauensvoll zu schreiben, wenn Du irgendeine Möglichkeit siehst, wo ein Fürspruch von mir Dir helfen kann. Für Deine ganze geistige Entwicklung glaube ich allerdings, daß auch Dir bald einmal irgend ein Wechsel not tut. Den Bericht von Deiner Reise habe ich übrigens mit Interesse gelesen und daraus entnommen, daß Du Sizilien mit ähnlichen Augen gesehen hast wie ich.

Als ich neulich in Koblenz war zur Görres-Feier habe ich Euch einen stillen Gruß hinübergesandt, auch in Köln habe ich Euer gedacht. Ich werde in den 20iger Tagen des August zum Orientalisten-Kongreß nach Bonn kommen, aber Euch dann wohl kaum antreffen. Ich selbst beabsichtige vom 12. Juli ab für vier Wochen nach Marienbad zu gehen. Meine Frau mit Hertha und Hellmut geht schon nächste Woche an den Bodensee, während Walter allein hier in Berlin seine Examensarbeit fertig macht.

Mit guten Grüßen von Haus zu Haus

In alter herzlicher Freundschaft Dein getreuer (gez.) Carl

 

48. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 6.1.1929

Lieber Fritz!

Ich gedenke herzlichst Deines heutigen Geburtstages. Meine Frau hat Dir ja wohl das Familiäre geschrieben. Daß Du zum Studienrat ernannt bist, hast Du ja wohl inzwischen erfahren. Mit den Pädagogischen Akademien sind wir immer noch nicht im Reinen. Von den Driesch meint, es würde dieses Frühjahr mit Dir noch nichts werden, aber Du bleibst bestimmt in Aussicht. Etwas Fühlungnahme mit der Volksschule wäre vorher erwünscht. Wir werden wohl nach Begründung der diesjährigen Serie für die Anwärter des kommenden Jahres irgendeinen Vorbereitungsdienst einrichten, aber Näheres steht noch nicht fest. Die Arbeit ist für das Nächste schon übergroß. Jedenfalls denke ich an Dich, aber es schadet nie einmal nachzufragen.

Jedenfalls wollte ich Dir und Deiner Frau gerne persönlich alles Gute zum Neuen Jahr und insbesondere Dir noch zu Deinem Geburtstag wünschen.

Von Herzen Dein alter Carl.

 

49. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin W 8, 12.2.1929

(Maschinenmanuskript)

Lieber Fritz!

Du hast inzwischen durch von den Driesch Nachricht bekommen, daß wir Dich – wenn möglich noch im Frühjahr – auf einer Pädagogischen Akademie verwenden möchten. Die Sache hat allerdings zwei Nachteile für Dich, die ich Dir in aller Freundschaft darlegen möchte.

Erstens könntest Du jetzt nicht für Geschichte, sondern nur für Deutsch Verwendung finden, und zwar entweder in Hannover oder in Breslau, was wieder von dem Ausscheiden eines Ministerialrats im Ministerium abhängt, der den einen Posten übernehmen wird und natürlich die Wahl behalten muß.

Zweitens könntest Du jetzt nur als Studienrat und noch nicht in die Professorenklasse übernommen werden, weil das eine große Ungerechtigkeit für andere Leute Deines Jahrgangs bedeuten würde.

Unter diesen Umständen bin ich eigentlich der Meinung, daß Du lieber noch ein Jahr in Godesberg bleiben solltest, um dann bestimmt an irgendeiner westlichen Akademie, und zwar in Deinem eigentlichen Fach und dann auch in der Professorenklasse Verwendung zu finden. Wenn man ein Jahr Zeit hat, das vorzubereiten, wird es wohl möglich sein, ohne natürlich eine absolut sichere Bindung übernehmen zu können. Du hättest dann auch in Ruhe Zeit, Dich etwa näher mit den Volksschulfragen zu beschäftigen. Ich kann Dir das nur in aller Kürze schreiben, da ich heute nach Genf fahre, wo ich einen Vortrag halte. Ich bin erst am 19. Februar zurück. Bitte schreibe Du deshalb direkt an von den Driesch, der natürlich nun seine letzten Dispositionen treffen muß und dem ich gesagt habe, daß ich Dir in dem obigen Sinn schreiben würde.

In Eile mit innigen Grüßen von Haus zu Haus Dein getreuer (gez.) Carl.

 

50. C. H. Becker an Professor Dr. Fritz Sell, Kassel. Berlin-Steglitz, 27.5.1930

Staatsminister d. D. Prof. D Dr.

(Maschinenmanuskript)

Lieber Fritz,

Ich danke Dir herzlich für Deinen Brief und den Artikel, den ich mit wirklichem Genuß ge-lesen habe. Ich habe es immer gewußt, daß Du einer von denjenigen bist, die meine Absich-ten am besten verstanden haben, und deshalb hätte ich Dich so gern auch weiterhin im Ministerium gesehen. Ich sprach gestern bei einem gemütlichen Mittagessen unter vier Augen im Ministerium ausführlich mit Grimme auch über Dich und erzählte ihm von diesem Deinen Artikel. Ich sagte ihm deutlich, daß ich Dein Ausscheiden bedauerte, und daß ich ihm nahe legte, Dich für eine spätere andersartige Verwendung im Auge zu behalten. Natürlich mußt Du jetzt erst einmal ein paar Jahre gründlich in Deine jetzige Aufgabe hineinsteigen. Er hat jedenfalls Dein Ausscheiden nicht veranlaßt. Die Urheber sind Wende und Kaestner gewesen, die Dich eben anders beurteilen, als ich es tue. Von den Driesch war nur schwach auch hierbei wie immer. Wende seufzt jetzt etwas unter dem neuen Personal, aber es geschieht ihm ganz recht. Kaestner ist leider sofort nach seiner Rückkehr wieder erneut krank geworden.

Daß man Raederscheidt zum Oberbürgermeister von Neuß gewählt hat, wird Dich auch überraschen. Wie ich höre, will er aber bleiben, wenn man ihn zum Honorarprofessor in Köln macht. Aber das bitte nur für Dich.

Es freut mich herzlich, daß Du Dich wohl fühlst. Es geht Dir darin wie mir, der ich die Freiheit vom Ministerium täglich mehr genieße. Ich habe mir übrigens einen Aufenthalt in Kassel auch immer als etwas sehr Erfreuliches gedacht. Mein Schwager Blumenstein stand dort einmal in Garnison, und da habe ich ein bißchen in die dortigen Verhältnisse hinein-geschaut. Jedesmal, wenn ich hinkomme, freue ich mich erneut über die Landschaft.

Ich habe nach wie vor schrecklich viel zu tun. Aber es ist nicht mehr so verantwortungsvoll, und das entspannt. Wir haben noch sehr viel offizielle Einladungen und machen auch viel von den Berliner Kunstwochen mit. Gestern Abend „Aida“ mit Lauri Volpi und hinterher noch ein großer Empfang bei Curtius, heute Abend Toscanini-Konzert und hinterher großer Empfang im Schloß bei Grimme. Sonnabend bin ich in Leipzig. Montag fahre ich nach Budapest. Nach Pfingsten bin ich auf dem Orientalistenkongreß in Wien. Kurz, ein geruhsames Leben kann man das gerade nicht nennen. Das Kollegmacht mir Spaß, aber zur eigentlichen schöpferischen Arbeit komme ich natürlich noch nicht. Damit wird es wohl auch nichts werden, bis ich aus Amerika zurück bin, was kaum vor Anfang Dezember der Fall sein wird.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus wie stets Dein getreuer (gez.) Carl

 

51. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 6.1.1931

(Maschinenmanuskript)

Lieber Fritz,

Nun komme ich nicht nur zum neuen Jahre sondern auch zu Deinem Geburtstag zu spät. Aber ich brauche wohl nicht zu versichern, daß wir an beiden Tagen Deiner in alter, herzlicher Freundschaft und mit innigen Wünschen gedacht haben. Jedenfalls danke ich Dir sehr für Deinen lieben Brief vom 28. Dezember. Du hast ganz recht: es liegt eine gewisse Parallelität in unser beider Schicksal. Da kann ich Dir eigentlich nur wünschen, daß Du mit der Wendung Deines Schicksals ebenso zufrieden bist wie ich mit der des meinen. Wenn ich vielleicht noch als halber Minister nach Amerika gefahren bin, so bin ich jedenfalls als ganzer Professor zurückgekommen. Die Erlebnisse dieser Reise waren ungeheuer, und ich bin bis in meine Grundfesten durchgeschüttelt worden. Ich habe jetzt das Gefühl, als ob ich eine schwere Karlsbader Kur durchgemacht hätte und fühle eine sehr segensreiche Wirkung dieser Auf-rüttelung. Außerdem nimmt mich das Leben hier ziemlich stark in Anspruch und zwar nicht nur der Lehrbetrieb, obwohl ich hier völlig von der Hand in den Mund leben muß, sondern auch die riesige Klientel, die sich aus der Fülle meiner persönlichen Beziehungen ja ohne weiteres ergibt. Gesellschaftlich halte ich mich sehr zurück, ebenso publizistisch, doch hast Du vielleicht meinen Weihnachts-Artikel im „Berliner Tageblatt“ gelesen, wo ich mich zum erstenmal auch etwas außenpolitisch geäußert habe.

Den Meinigen geht es gut. Wir hatten ein ganz stilles und behagliches Weihnachtsfest und haben das neue Jahr gut angetreten. Im weiteren Rahmen der Familie war es ein bedeutendes Ereignis, daß die alte Firma meines Schwiegervaters in Augsburg sich glücklicherweise rechtzeitig von der Bayerischen Hypothekenbank aufsaugen ließ. Der Übergang ist zum 1. Januar erfolgt. Mein Schwager ist Direktor der Hypothekenbank geworden.

Es hat mich sehr interessiert, lieber Fritz, was Du über die Pädagogischen Akademien schreibst. Es scheint ja doch so, als ob die verschiedenen Pädagogischen Akademien ein ziemlich verschiedenes Gesicht bekommen sollten. Ich habe ja fast überall einen oder den anderen Freund sitzen und bin ganz gut im Bilde. Immerhin ist es doch eine entzückende Arbeit. Ich habe mit meinen Vorträgen über die neue Lehrerbildung in Amerika einen sehr großen Eindruck gemacht. Meine Vorträge werden in Buchform erscheinen. Dann sollst Du sie auch erhalten. Ich würde am liebsten einmal eine Rundreise bei allen Pädagogischen Akademien antreten und mich ins Bild setzen. Aber dann müßte man ungefähr mindestens acht Tage an jedem Orte bleiben. Leider kann ich eine soviel Zeit kostende Unternehmung nicht einmal anregen, da ich dann in einen heillosen Konflikt mit meinen orientalistischen Pflichten kommen würde. In Amerika litt ich etwas darunter, daß ich überall als Educator frisiert wurde und in erster Linie mit den Educational Departments in Verbindung trat. Als Berliner Professor muß ich diese opera supererogata völlig in den Hintergrund treten lassen. Jedenfalls freue ich mich sehr, daß Du an einer Pädagogischen Akademie wirkst, und ich glaube, daß es Dir auf die Dauer immer besser gefallen wird. Es begleiten Dich meine innig-sten Wünsche in das neue Kalender – wie Lebensjahr, und alle Meinigen grüßen herzlich mit mir Dich, Deine Frau und Töchter.

In alter Freundschaft Dein getreuer (gez.) Carl.

 

52. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 26.8.1931

(Maschinenmanuskript)

Mein lieber Fritz,

Ich hatte gerade Deinen Namen auf die Liste der Empfänger meiner chinesischen Rundbriefe gesetzt, als Dein ausführlicher und gemütlicher Brief eintraf und mich wieder einmal so schön ins Bild setzte über Dich und Deine Arbeit. Ich danke Dir herzlich dafür wie auch für den schönen Artikel. Du hättest eigentlich verdient, daß ich in einer ausführlichen Antwort auf einen Brief einginge. Aber ich stehe unmittelbar vor meiner Abfahrt nach Ostasien, und da wirst Du verstehen, daß ich zu einem langen Brief nicht mehr kommen kann. Ich sehe aus dem Deinigen, daß Du von dieser meiner Ostasienfahrt noch gar nichts weißt. So will ich Dir schnell berichten, daß ich mit einer internationalen Kommission im Auftrage des Völkerbundes schon kommenden Sonnabend über Amerika und den Stillen Ozean nach China fahre, um ein Gutachten über den Stand des chinesischen Unterrichtswesens zu machen. Wir reisen mit der „Bremen“ von Bremerhaven am 30. ab, treffen am 5. September in New York ein, und dann geht es durch ganz Canada nach Vancouver und von dort ab 12. September mit der “Empress of Canada“ über Honolulu (17. September), Yokohama (27. September), Kobe (28. September) nach Shanghai (29. September). Von dort geht es weiter nach Nanking, dann etwa 14 Tage später nach Peking. Der weitere Plan ist unbestimmt. Eventuelle Briefe erreichen mich an beiliegender Adresse, die bis Ende November (Zusatz unleserlich) maßgebend ist. Wir bleiben 2 ½ Monate in China selbst, und dann gedenke ich den Rückweg über Vorderasien zu nehmen und vielleicht Niederländisch-Indien, mit großer Wahrscheinlichkeit aber den Irak und vielleicht Persien zu besuchen. Wenn Gesundheit, Geld und Politik es erlauben, werde ich erst Ende Februar oder Anfang März zurück sein. Ich mache mir natürlich kein X für ein U vor, daß man in dieser Zeit China reformieren könne; aber vielleicht können wir doch einen oder den anderen Rat geben, und jedenfalls ist die ganze Reise ein unerhörtes Erlebnis, das mir eigentlich zur Abrundung meines doch sonst nicht gerade erlebnisarmen Lebens noch gefehlt hat.

Meine Frau bleibt natürlich nicht allein in dem großen Haus, sondern wird aller Wahrscheinlichkeit nach ähnlich wie schon im Sommer in Salem helfen. Hertha ist im Krankenhaus tätig. Hellmut studiert in Freiburg und Walter nimmt sich hier in der Stadt irgendwo ein Zimmer, und wir schließen das Haus zu, was auch aus Ersparnisgründen sehr angenehm ist. Im Augenblick ist Hellmut in England, und Hertha rüstet sich darauf, ebenfalls hinzufahren. Ich selbst schließe noch Band II meiner „Islamstudien“ ab, nachdem ich in den letzten Tagen neben all meiner Vorbereitung noch einen großen Nachruf auf Nöldecke und eine literarische Analyse des 70jährigen Georg Jacob geschrieben habe. Ich bin auch froh, wenn ich erst an Bord bin. Amüsant ist, daß ich wieder durch ganz Canada fahre und durch die Rocky Mountains. Als ich voriges Jahr durchkam, sagte ich zu Walter: „Ich muß mir alles sehr genau ansehen, denn bei meinem Alter ist doch nicht zu erwarten, daß ich hier noch einmal herkomme.“

Auf der Reise nach China 1931/1932 mit der Völkerbundskommission
Auf der Reise nach China 1931/1932 mit der Völkerbundskommission

Und nun fahre ich das Jahr danach dieselbe Strecke. Man kann wirklich sagen: Der Mensch denkt, Gott lenkt, und aus einem vollen amor fati habe ich auch diese Reise unternommen, die doch natürlich auch manches Risiko einschließt. Ich habe mich gegen vier verschiedene Seuchen impfen lassen, was nicht nur angenehm war, und baue im übrigen darauf, daß das Leben ja doch auch Führung besteht. Es muß schon etwas Schicksalhaftes in dieser China-Aufgabe liegen, da ich kurz vor dem Ruf des Völkerbundes den gleichen Ruf von amerikanischer Seite bekommen hatte.

Nun muß ich aber unbedingt Schluß machen. Alles Nähere wirst Du aus meinen Reisebriefen erfahren, die Du in einem Durchschlag erhalten wirst.

In Eile grüßt Dich von Herzen Dein getreuer (gez.) CarlHB.

 

53. C. H. Becker an Fritz Sell. Berlin-Steglitz, 9.5.1932

(Maschinenmanuskript)

Mein lieber Fritz!

Du hast mir so treu geschrieben, daß ich Dir trotz der Überfülle meiner ersten Wochen nach der Heimkehr einen herzlichen Gruß schicken möchte. Ich bin wirklich glücklich, daß es Dir gelungen ist, aus dem allgemeinen Zusammenbruch doch noch eine befriedigende Tätigkeit zu retten, aber ich kann Dir die Bitterkeit im allgemeinen und im speziellen vollkommen nachfühlen. Ich habe inzwischen Unterhaltungen mit Wende und Grimme gehabt und mich auch sonst vielseitig umgehört. In den nächsten Tagen kommt auch Weniger, mit dem ich nicht nur über den Nizzaer Kongreß sondern auch über das Schicksal der Akademien sprechen möchte. Es wird nie wieder gut zu machen sein, was an spontanem Idealismus zerbrochen ist. Auch mit Reichwein hatte ich eine Aussprache, der wirklich vieles geleistet hat. Gestern Abend traf ich im Theater – übrigens in der Bursleke von Wedekind „Der Liebestrank“ – meinen Vorgänger Boelitz, der natürlich auch sehr scharf urteilte, aber mehr über das höhere Schulwesen klagte, wo man auch die Reform zerstört hat. Grimme ist ein charmanter Mensch, aber er hat eben leider keine Kraft. Das mit den Akademien hätte so nicht passieren dürfen.

Aber auch die Zukunft sieht nicht rosig aus. Wenn die Nazis wirklich national sind, müssen sie jetzt in die Regierung mit dem Zentrum eintreten. Wenn sie das aus parteipolitischem Interesse ablehnen, sind sie meines Erachtens vor der Geschichte gerichtet und hoffentlich auch bei ihren Anhängern. Was man so an Äußerungen von Führern der Nazis hört und was man vor allem von ihrem Unverstand bereits erlebt hat, ist nicht gerade sehr ermutigend. Wie ich höre, ist aber Braun fest entschlossen, kein dauerndes Geschäftsministerium zu führen. Die Schwierigkeit liegt beim Reich, denn die Sozialdemokratie denkt nicht daran und kein Mensch kann es ihr zumuten, im Reich Brüning zu stützen, wenn in Preußen die Nazis regieren.4

Ich hatte noch schöne Tage in Paris und war auf der Hochzeit von Götsch in Northumberland. Jetzt warte ich auf den Beitrag meines Kollegen Langevin, im übrigen ist der Bericht fertig.

In der Hoffnung, daß es bei Euch allen recht gut geht und mit herzlichen Grüßen von den Meinen

Dein getreuer (gez.) Carl.

 

54. C.H.B. an Fritz Sell. Berlin, 9.9.1932

(Maschinenmanuskript)

Mein lieber Fritz!

Was Du tun willst, tue bald. Soeben erhielt ich Deinen lieben Brief. Ich danke Dir herzlich für das ausführliche Stimmungsbild, das er mir vermittelt. Ich sprach kürzlich den Präsidenten Sonntag in Frankfurt und war sehr nett mit ihm, dankte ihm auch für sein Eintreten für Dich, da mir das auch für die Zukunft wichtig erscheint. Deine Klagen über den Apparat sind gewiß berechtigt, aber Du kennst ja auch einigermaßen die Schwierigkeiten und Hemmungen. Auch Wende ist jetzt sehr bedrückt, daß er die nachfolge von Richter bei U I annehmen soll, aber er wehrt sich bisher energisch, besonders da er die Verantwortung für die Akademien spürt. Der Bau der preußischen Verwaltung muß ungeheuer stark sein, wenn er erst die sozialistische Umgestaltung und jetzt das neue Revirement ohne Schaden überstehen soll. Immerhin habe ich noch die Hoffnung, daß doch wirklich etwas geschieht. Die jetzt begonnene Verwaltungsreform war doch von uns seit einem Jahrzehnt vorbereitet, konnte nur nie durchgeführt werden, weil die lokalen Interessen zu stark im Parlament waren. Gewiß gibt es jetzt Härten und Schönheitsfehler, aber daß eine Verwaltungseinteilung aus der Zeit der Postkutsche in einem Zeitalter des Verkehrs antiquiert ist, versteht sich doch von selbst, und auf die Dauer tritt unbedingt eine Ersparung ein, wenn auch natürlich nicht im Augenblick. Wie in England die grundsätzliche Umgestaltung der Außenpolitik, die auch den Konservativen unvermeidbar schien, mit deren Einverständnis durch den Büttel der Labour Party durchgeführt wurde, so sollten auch wir die derzeitige Diktatur die Neugestaltung unserer innerpolitischen Verhältnisse durchführen lassen, zu der eine Regierung, die auf dem sog. Volksvertrauen, d.h. auf der Abhängigkeit von lokalen Wünschen besteht, niemals fähig sein würde. Ich bin kein Freund des Herrn von Papen und finde vor allem das Säbelgerassel des Herrn von Schleicher höchst unzweckmäßig. Trotzdem mußte dies Experiment gemacht werden, um dem Parteiklüngel einmal zu zeigen, daß es schließlich auch ohne ihn geht. Ob Nazi, ob Sozi, ob Zentrum oder Deutschnational, überall stand das Parteiinteresse über dem Gemeinschaftsinteresse, und es mußte darüber stehen, sonst wären auch diese Parteien zerrieben worden, wie die anderen. Im Grunde ist unsere Verfassung ganz gut. Ich glaube nicht, daß wir auf dem Wege zur amerikanischen Präsidialherrschaft sind, aber daß einmal die Allmacht der Parteien etwas erschüttert wurde, begrüße ich unbedingt.

Was im Kultusministerium wird, wissen die Götter. Ich habe stark geraten, in irgendeiner Form die Dualität zwischen Reich und Preußen aus der Welt zu schaffen. Nun wird, wenn ein Ministerium bestehen bleibt, gewiß das Kultusministerium erhalten werden, da die Länder nur auf Grund ihrer historisch-kulturellen Eigenart eine Existenzberechtigung besitzen. Auf der anderen Seite ist eine entschiedene Kulturpolitik des Reiches nur möglich, wenn es irgendwo die Sachkunde der Einzelarbeit besitzt, und vor allem müßte die Wissenschaftsverwaltung mit dem Reichsinnenministerium und dem Auswärtigen Amt zu einer organischen Zusammenarbeit gebracht werden. Jedenfalls ist noch alles im Fluß, und auch die Neubesetzung von U I ist ungeheuer schwierig. Hülsen wird für den Ministerposten genannt, ist aber doch wenig wahrscheinlich.

Von mir selbst kann ich nur berichten, daß es mir, auch abgesehen von der höchst erfreulichen Verlobung, sehr gut geht. Als ich Irmgard Schroeder gleichzeitig mit Walter vor nunmehr zwei Jahren zum ersten Mal sah, wünschte ich sie mir vom ersten Tage an als Schwiegertochter. Sie wird den ganzen Winter bei uns bleiben und dann während Walters Assessorexamen noch einmal nach Amerika zurückkehren. Dann aber hoffen sie zu heiraten. Der Aufschub ist nicht so schlimm, da sie erst 19 Jahre alt ist. Sie hat sich sehr schnell auch das Herz meiner Frau und der übrigen Familie erobert. Der Vater ist Direktor beim Norddeutschen Lloyd in New York, deutscher Herkunft, die Mutter ist Engländerin, Irmgard spricht beide Sprachen nebeneinander und ist eine erfreuliche Mischung aus deutscher Innerlichkeit und amerikanischer Smartness.

Ich selbst habe seit meiner Rückkehr von China meinen Reisebericht fertiggestellt, den ich Ende Juli in Genf überreichen konnte. Dann war ich auf dem Kongreß der New Education Fellowship, über den ich vorgestern im Radio im Pädagogischen Rundfunk berichtet habe. Ich werde diesen Bericht jetzt drucken lassen. Nach Nizza, das ich als einen vollen Erfolg empfand, war ich 8 Tage am Bodensee und habe dann die Goethe-Tage in Frankfurt mitgemacht, wo mir nicht weniger als drei Goethe-Medaillen verliehen wurden, die von Hindenburg, von der Stadt Frankfurt und vom Hochstift. Jetzt sitze ich in Ruhe in Berlin und bereite mein Winter-Semester und einige Vorträge in London und Cardiff vor, die ich im Oktober zu halten beabsichtige. Ich habe mich jetzt nach den Erfahrungen der Reise ganz auf das Thema konzentriert: Berührung Asiens mit Europa und Amerika, das ich einmal systematisch untersuche, da ich hierzu glaube nicht nur durch meine zwei Berufe, sondern auch durch meinen äußeren Lebensgang gut qualifiziert zu sein, und außerdem handelt es sich dabei um eine der entscheidenden weltgeschichtlichen Gegenwartsprobleme.5

Es tut mir leid, lieber Fritz, daß Du noch in einem so unerfreulichen Übergangszustand bis, aber ich kann mir nicht helfen, ich sehe trotz allem den Gang der Dinge optimistisch an und bin überzeugt, daß auch Du noch eine Dich voll befriedigende Tätigkeit finden wirst. Jedenfalls gehen meine Wünsche in dieser Richtung. Es wäre nett, wenn wir uns bald einmal wiedersehen würden.

Da ich glaube, daß Du ein inneres Interesse daran nimmst, sende ich Dir mit gleicher Post meinen soeben erschienenen Chinabericht; vielleicht reizt er Dich, irgendwo etwas darüber zu schreiben, das würde mich natürlich freuen. Ganz von mir allein geschrieben ist das entscheidende Kapitel über National Education and Foreign Influences. Ferner wirst Du natürlich meine Klaue erkennen bei der Secondary Education und vor allem bei dem Teacher Training. Die Universitäten sind ganz von Tawney geschrieben, aber alles ist so stark gemeinsame Arbeit, daß es sich schwer sagen läßt, welcher Gedanke von welchem stammt. Nur die Idee über die Fremdeinflüsse sind ausschließlich von mir, aber das darf natürlich niemand wissen.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus und nochmaligem Dank für Eure freundlichen Glückwünsche Dein getreuer (gez.) CarlHB.

 

55. C.H.B. an Fritz Sell. Berlin, 5.1.1933

(Maschinenmanuskript)

Lieber Fritz!

Zu Deinem morgigen Geburtstag möchte ich Dir vom ganzen Hause die herzlichsten Glückwünsche schicken. Ich benutze diesen Anlaß, Dir für Deinen lieben ruß zu danken. Auch sende ich Dir einen kleinen Aufsatz aus der Voss(ischen Zeitung), der Dich vielleicht interessiert. Wir haben ein sehr schönes und stilles Weihnachtsfest mit der Schwiegertochter verbracht. Das Brautpaar war jetzt in Augsburg, und langsam rüsten sich Hertha und Hellmut wieder zur Abreise. Ich bin von der Flut der Briefe, die dieses Jahr zu Weihnachten vor der ganzen Welt her herbeigeströmt ist, einfach ertränkt worden. Ich muß deshalb sehr an die Nachsicht meiner Freunde appellieren, wenn ich nur kurz und selten schreibe, aber ich hoffe, daß das unsere Freundschaft nicht beeinträchtigt, denn im allgemeinen kann man meiner Gesinnung sicher sein.

Es hat mich auch in Deinem Interesse gefreut, daß Sondag in Kassel geblieben ist, und ich höre von den verschiedensten Seiten, daß man in der Wirtschaft dem beginnenden Wiederaufstieg sehr optimistisch entgegen sieht. Das dürfte ja dann auch auf den Staat sich auswirken, und damit auch auf unser Schulwesen und die Möglichkeiten erhöhen, auch Dir einen neuen definitiven Wirkungskreis zu verschaffen. Jedenfalls gehen meine besten Wünsche nach dieser Richtung, und Du weiß, daß ich jederzeit von Herzen gern helfe, wenn Du irgendwo glaubst, mich als Hilfskraft benutzen zu können. Vor allem aber alles Gute in Deinem engsten Familienkreis! All die Meinigen grüßen mit mir herzlich. Wir wünschen vor allem Dir im doppelten Sinn ein gutes neues Jahr.

Von Herzen Dein getreuer (gez.) Carl.

Ende des Dossiers Fritz Sell aus dem Privatarchiv von Michael Becker, Berlin.

1 Wohnsitz der Familie Becker seit 1913 …

2 Hervorhebung des Herausgebers.

3 Hervorhebung des Herausgebers.

4 Deutsche Innenpolitik 1930-32. Die letzte parlamentarische Regierung Müller trat 1930 zurück und wurde von Hindenburg durch die Präsidialkabinette Brüning-Papen-Schleicher ersetzt. RK Brüning *1885 +1970 regierte mit Hilfe des §48 WV gegen linke und rechte Radikale. Versuch, die Wirtschaftskrise seit 1929 durch deflationistische Politik, Senkung von Löhnen und Gehältern sowie der Arbeitslosenentschädigung, – aber auch der Preise. Die RT-Wahlen September 1930 stärken die Radikalen. 1931 Bildung der Harzburger Front zwischen NSDAP, DNVP und Stahlhelm; aber auch der Eisernen Front zwischen SPD, Gewerkschaften und dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold (einer Schutzformation gegen die gewalt der SA). 1932 erfolgte die Wiederwahl Hindenburgs (Gegenkandidat Thälmann, KPD). 30.5.32: Sturz der Regierung Brüning. Der Radikalisierung der NSDAP wird durch Verbot von SA und SS begegnet durch RK von Papen *1897 +1969. Doch nach Auf-lösung des RT am 4.5.32 wird deren Verbot zurückgenommen. Hitler toleriert die Regierung Papen. Die bürger-kriegsähnlichen Zustände liefern Reg.Papen den Vorwand für den Staatsstreich gegen Preußen im Juli 1932 und Absetzung der Regierung Braun! Bei den RT-Wahlen im Juli erhält die NSDAP die meisten Stimmen; Papenplan zum Aufschwung der Wirtschaft wird niedergestimmt … November 1932 erleidet die NSDAP große Stimmenverluste,Gewinne der KPD. 28.1. RK General von Schleicher versucht NSDAP zu spalten (Strasser); Verhandlungen mit SPD, Gewerkschaften und Mittelparteien zur Tolerierung seiner Politik scheitern. Nach dem Wahlsieg der nazis in Lippe tritt v. Schleicher zurück. Hitler hatte inzwischen Hindenburg durch Vermittlung Papens von sich überzeugt: am 30.1.1933 wird Hitler RK …

5 Hervorhebung vom Herausgeber.

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