Max Clauß, 1925

HA VI. Nachl.C.H. Becker. Rep.92 Becker 111

241. Max Clauß, Offenburg, 15.10.1925

(Maschinenmanuskript)

Sehr geehrter Herr Minister!

Als Studierender der Heidelberger Ruperto-Carola, der ältesten Hochschule der deutschen Westmark, und inaktiver Bursch der Verbindung Rupertia gestatte ich mir, Ihnen, unserem hochverehrten Alten Herrn, zu dem Zwischenfall in Paris mit Dr. Krüger einige, vielleicht nicht ganz uninteressante Mitteilungen aus meinen eigenen Erfahrungen drüben zu machen.

Es ist unbegreiflich, daß Herr de Monzie seinen wohlgemeinten Verständigungsversuch einem solchen, bei der Haltung der Pariser Großbourgeoisie leicht vorauszusehenden Mißerfolg aussetzen konnte. Trotzdem wäre es bei aller berechtigter Empörung und Verwahrung von unserer Seite falsch, den Fall ohne weiteres zu verallgemeinern. Einige Gegenbeispiele mögen das beweisen.

Im Auftrag des Heidelberger Instituts für Sozial- und Staatswissenschaften hielt ich mich dieses Frühjahr zusammen mit Herrn Dr. Arnold Bergsträsser, den Sie soviel ich weiß kennen, drei Monate in Paris auf, um Informationen für eine soziologische Arbeit über die französische Demokratie zu sammeln. Man hat mich in den verschiedensten Kreisen der Rechten und Linken nie die geringste Feindseligkeit fühlen lassen, sondern ist meinen oft recht anspruchsvollen Wünschen über jedes Erwarten entgegengekommen, ohne das berühmte „pazifistische“ Bekenntnis als Gegenleistung zu verlangen. Erlauben Sie mir, drei Fälle von offiziöser Bedeutung dem offiziellen Rückschlag an die Seite zu stellen.

  • Herr Prof. André Siegfried von der konservativen Ecole des Sciences politiques, Sohn des bekannten Senators und Freundes von Gambetta, selbst noch bei den letzten Wahlen Kandidat des Bloc national in Le Havre, hat Dr. Bergsträsser und mich in seiner Familie aufs freundlichste empfangen. Er hat uns beide zu einer Fest-Conférence über „Außenhandel und Diplomatie“ (einer geschlossenen Veranstaltung der Schule) eingeladen. Ich persönlich habe ihn noch zweimal während meines Aufent-haltes besucht und in stundenlangen Gesprächen die wertvollsten Auskünfte über französische politische Zustände von ihm erhalten.
  • Herr Lucien Herr, Bibliothekar der berühmten Ecole Normale Supérieure, ein Altelsässer, der für Frankreich optiert hatte, hat mir die Bibliothek der Schule zur uneingeschränkten Benützung geöffnet und mich in meiner Arbeit außerordentlich unter-stützt. Er hat mir, als ich zur Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis ins Innen-ministerium bestellt wurde, einen Brief an den Minister mitgegeben, der mir auch auf der Präfektur alle Schwierigkeiten aus dem Wege räumte. Einen anderen Brief, den er mir nach meiner Rückkehr schrieb, lege ich ihnen bei. Ich weiß, daß ich ihm jederzeit Bekannte schicken kann.
  • Herr Prof. Charles Seignobos, der bekannte Historiker der Sorbonne, hat mich in seiner Wohnung empfangen und ebenfalls über eine Stunde lang in zuvorkommend-ster Weise meine Fragen beantwortet.
  • In der Bibliothèque Nationale habe ich dauernd gearbeitet.- Dr. Bergsträsser wird übrigens die angeführten Beispiele noch beträchtlich vermehren können.

Der Fall Krüger zeigt, daß die französische Nation ihre häßlichste Kriegskrankheit, den blinden Haß auf den Gegner, noch lange nicht überwunden hat. Doch brauchen wir deshalb, außer der selbstverständlich gebotenen offiziellen Zurückhaltung, keine Gesinnungssanktionen zu ergreifen. Frankreichs eigene Zukunft hängt davon ab, ob es im Kampf mit den Schatten seiner Vergangenheit endlich Sieger bleibt oder nicht. Wir können ruhig warten.

In Erinnerung an Ihre wundervolle Rede zum 50. Stiftungsfest 1923, zu dem ich aus dem besetzten Gebiet gekommen war,

Mit Rupertengruß Max Clauß.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *