Heinz Knab: Zum Inquisitionsprozess Ferdinand Beckers 1798

Heinz Knab

Zum Inquisitionsprozess Ferdinand Beckers 1798. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Fürstbistums Paderborn,Weilburg 1951

Prüfungsarbeit am Pädagogischen Institut Weilburg * Sommersemester 1951

 

Einleitende Bemerkung des Herausgebers Dr. Bert Böhmer * Berlin, Juli 2003

Ein begleitender Brief von Heinz Knab vom 26.Juli 2003 veranlasste mich, den Namen in Ferdinand Becker zu ändern und den von ihm seinerzeit vorangestellten Karl wegzulassen.

Die Anmerkungen Knabs nummeriere ich durch und nicht seitenweise. Sollte ich eigene ergänzende Bemerkungen hinzufügen, so mache ich das kenntlich.

*

Bemerkungen zur Familie

Der Domvikar Ferdinand Becker, 1740-1814, Schulkommissar im Fürstbistum Paderborn, ist ein Ur-ur-ur-Großonkel des Herausgebers.

Sein Neffe Carl Ferdinand Becker, 1782-1838, war zeitweilig „Professor“ am Gymnasium Josephinum in Hildesheim. Ich fragte mich immer, warum die Beckers lt. Stammbuch auf einmal protestantisch wurden – nach der Lektüre der Studie von Heinz Knab wurde mir das allerdings sehr schnell deutlich. Carl Ferdinand, eigentlich zum Priester bestimmt  und entsprechend von seinem Onkel erzogen, studierte deshalb Medizin, war unter Napoleon I. Salinendirektor in Kassel, pflegte die Verletzten in den Freiheitskriegen in Frankfurt am Main und wurde ein begnadeter Sprachforscher und Pädagoge mit eigenem Institut in Offenbach. Er hatte 8 Kinder, von denen drei Pädagogen wurden.

Sein Sohn Carl Wilhelm, 1821-97, war Bankier bei Rothschild in Amsterdam, transferierte für Napoleon III. viel Geld nach Paris, erlebte die Wirren der Einigungskriege mit seiner Frau Julie, Tochter des Kaffeemillionärs Schöffer in Amsterdam, wurde Landtagsabgeordneter In Berlin nachdem er sich mit 50 Jahren in  Frankfurt und Gelnhausen zur Ruhe gesetzt hatte. Er hatte 6 Kinder, die alle Karriere machten.

Ferdinand Becker, der Großvater des Herausgebers, war Jurist, Landrat in Osterholz-Scharmbeck bis 1933.

Sein Bruder Carl wurde Orientalist und Staatssekretär im Preußischen Kultusministerium, später dann in der Weimarer Republik Kultusminister. Er starb 1933. Ein einziger Sohn wurde auf Wunsch der Mutter wieder Kaufmann: Alexander, er starb 1939 in Frankfurt/M.

Ein Sohn des Orientalisten war Hellmuth Becker, Jurist und Verteidiger von Weizsäckers in den Nürnberger Prozessen 1945/46, aber mit pädagogischen Interessen: er begründete unter Willy Brandt das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

 

Zum  Inquisitionsprozess Ferdinand Beckers 1798. Ein Beitrag zur Kulturgeschichte des Fürstbistums Paderborn

 

Inhaltsverzeichnis

                         

Vorwort von Heinz Knab Sommersemester 1951

I.  Paderborn um 1800

Zustand der geistlichen Fürstentümer – Reformbestrebungen der

katholischen Kirche – Struktur und Verfassung des Fürstbistums Paderborn

II. Jugend und Studium

Jugend in Grevenstein – Jesuitengymnasium in Paderborn – Hauslehrer in

Arnsberg – Universität in Köln – Ordination zum Diakon

III. Pfarrer in Hörste

Zustand der Pfarrei – Volkscharakter der Paderborner – Streit mit den

Franziskanern – Kampf mit dem Aberglauben – Zölibatsgesetz

Karte: Paderborn um die Mitte des 18. Jahrhunderts

IV. Domvikar in Paderborn

Neuer Wirkungskreis – Beckers theologische Anschauungen – Pädagogische

Tätigkeit – Menschliche und gesellschaftliche Stellung

V. Archidiakonalkommissar

Schulverhältnisse – Schulordnung von 1783 – Verhältnis zu den Juden –

Wahl des Fürstbischofs Franz Egon – Entlassung als Kommissar

VI.  Fürstlicher Schulkommissar

Schriftstellerische Tätigkeit – Schulordnung von 1788 – Normalschule und

Normallehrer – Beckers politische Anschauung

VII. Verfahren gegen Becker

Denunziation und Klage – Verhaftung – Im Gefängnis – Die Nonne von

Warschowitz – Befreiung aus dem Gefängnis

VIII. Prozess gegen den Fürstbischof

Becker in Brilon und Arolsen – excommunicatio major – Klage beim

Reichskammergericht – „Pasquillenliteratur“ – Paderborn wird preußisch –

Urteil Friedrich Wilhelms III. – Schwierigkeiten der Urteilsvollstreckung

IX. Erneute Verfolgung und Tod

Die Franzosen in Paderborn – Eingreifen des französischen General-

Gouverneurs _ Neue Verfolgungen – Aufforderung zur Unterwerfung –

Becker geht nach Höxter – Vorstellung am Hofe Jérômes – Tod

X. Schlusswort

Anhang

Zeittafel

Dokumente

  1. Abschaffung der lateinischen Gesänge im Bistum Paderborn 52
  2. Urteil des Reichskammergerichts vom 7. August 1799 53

3./4. Briefe des Generalgouverneurs Gobert an den Präsidenten v. Coninx.

5.-10. Die Kopien wurden hier nicht eingefügt

  1. Stammtafel der Familie Becker 54

Quellen und Darstellungen

Handschriftliche Quellen

Gedruckte Quellen

Darstellungen

 

Vorwort von Heinz Knab

Im Herbst 1950 stieß ich in Marburg auf das Archiv der Familie Becker. Bei der Durchsicht des Materials zog mich besonders die Person des Paderborner Domvikars und Schulkommissars Ferdinand Becker, des Bruders einer meiner Vorfahren, an. Dieser Mann verdient nicht nur wegen der Eigentümlichkeit seines Lebensschicksals – am Ende des 18. Jahrhunderts wurde ihm ein Inquisitionsprozess gemacht –  ein über den Rahmen des Familiengeschichtlichen hinausgehendes Interesse, sondern seine Aufzeichnungen, die zum großen Teil erhalten sind, stellen darüber hinaus ein kulturgeschichtliches Dokument von besonderem Wert dar. Ferdinand Becker hat uns in seinen Tagebüchern und Briefen eine lebendige, anschauliche und oft amüsante Schilderung der Menschen und der Zeitkultur in einem der geistlichen Fürstentümer Deutschlands um 1800 hinterlassen. Das Leben und Treiben im Fürstbistum Paderborn gewinnt beim Lesen seiner Aufzeichnungen auch heute noch deutlich Gestalt.

Das Inquisitionsverfahren gegen Becker erregte zu seiner Zeit in Deutschland erhebliches Aufsehen. Eine größere Anzahl von Streitschriften und Pasquillen[1] ergriff leidenschaftlich für oder gegen Becker Partei. Am genauesten wurde das Verfahren in der 1802 erschienenen „Aktenmäßigen Darstellung des wider …Ferdinand Becker geführten Inquisitionsprozesses“ behandelt. Unter zahlreichen polemischen Ausfällen gegen die katholische Kirche finden sich dort verschiedene Prozessakten. Doch behandeln alle diese Schriften nur den ersten Teil des Verfahrens gegen Becker. Nachdem sein Fall während der preußischen und französischen bzw. königlich-westfälischen Zeit Paderborns allmählich in Vergessenheit geraten war, finden sich nur noch wenige spärliche Notizen. Einige spätere Autoren – Rosenkranz 1852, Schücking 1855 und Richter 1904 – haben den Fall Becker erwähnt, die beiden letzteren allerdings nur im Rahmen sehr summarischer und ungenauer Darstellung. Rosenkranz, der sich eingehender damit befasst hat, sieht den Fall einseitig vom katholischen Standpunkt aus.

Hier soll nun der Versuch gemacht werden, aus Beckers eigenen Aufzeichnungen – aus seinen Tagebüchern, Briefen und Notizen – ein Bild jener Vorgänge zu entwerfen. Damit ist zugleich der Vorzug und die Beschränkung dieser Arbeit gekennzeichnet: Sie erhebt nicht den Anspruch unbedingter Objektivität und kann ihn nicht erheben. Doch habe ich mich bemüht, unter beson-derer Berücksichtigung der nicht von Beckers Hand stammenden Quellen dort nichts zu beschö-nigen, wo Becker seine Aufzeichnungen aus persönlichen Gründen, besonders zum Zweck der eigenen Verteidigung, offensichtlich in einen für sich positiven Sinn gefärbt hat.

Hatte ich mir zunächst die Untersuchung der verschiedenen Prozesse zur Aufgabe gestellt, so ergab sich doch bald, dass der Rahmen weiter gefasst werden musste. Man würde Becker sicherlich Unrecht tun, wenn man mit der Fülle des Prozessmaterials seine lebendige Persön-lichkeit verdecken würde. Wesen und Wert einer geschichtlichen Gestalt zu erfassen gelingt uns nur, wenn wir ihren Weg kennen. Der Schwerpunkt der Arbeit verschob sich so; es galt, die Motive für Beckers Handeln, seine religiösen und politischen Grundanschauungen aufzuzeigen, um dadurch die Ursachen, die zu seiner Verfolgung geführt hatten, erkennen zu können. Eine bisweilen ins Detail gehende Schilderung seines Wirkens und des Milieus wurde dadurch notwendig.

Selbstverständlich konnte im Rahmen dieser Arbeit keine Vollständigkeit erreicht werden. Das gilt insbesondere für die weit über  den verhältnismäßig engen Wirkungskreis hinausgehende pädagogische Bedeutung dieses Mannes, die ihn würdig erscheinen lässt, in einer Reihe mit den bedeutenden Erziehern dieser pädagogischen Zeit genannt zu werden. Auch seine theologische Wirksamkeit, die zwar weniger weit über das Niveau des Mittelmäßigen hinaus ging, aber in besonderer Weise zeittypisch war, kann hier nur gestreift werden. Einer späteren Arbeit bleiben diese Aufgaben vorbehalten.

Ein allgemeiner Abschnitt über Zustände und Verfassung des Fürstentums Paderborn am Ende des 18. Jahrhunderts erschien zur Orientierung notwendig. Eine genealogische Tafel der Familie Becker, auf der nur die in der Arbeit erwähnten Personen und ihre nächsten Angehörigen aufgenommen wurden, sowie eine Karte der territorialen Gliederung Westfalens sollen die Darstellung vervollständigen.

Die Aufzeichnungen Ferdinand Beckers bestehen aus seinen sehr  umfangreichen Tagebüchern (allein das sog. Große Tagebuch umfasst 1086 Seiten), sonstigen Notizen, geschäftlichen Papieren, Rechnungen, Schadenersatzforderungen und einer Anzahl von Briefen, z.T. im Original, zum größeren Teil in Abschrift. Eine große, zweiteilige Schrift mit dem Titel „Über die katholische Kirche“ macht wichtige Aussagen über Beckers theologische und politische Anschauungen. Die von Anderen an Becker gerichteten Briefe wurden von ihm zum Teil mit Randbemerkungen versehen.

Während des Zweiten Weltkrieges war das Beckerarchiv wegen der Bombengefahr nach Marburg gebracht worden. Beim Einrücken der Alliierten wurde es von amerikanischen Soldaten gefunden und aus dem Fenster geworfen. Erst nach einigen Tagen konnte das Material im Garten zum größten Teil wieder sichergestellt werden. Leider sind dabei eine Reihe von Schriftstücken verloren gegangen, darunter zwei Verteidigungsschriften Ferdinand Beckers.

***

I. Paderborn um 1800

Die vorliegende Arbeit führt uns in das Fürstbistum Paderborn. Sie gibt einen Einblick in die inneren Verhältnisse eines dieser Staatswesen zur Aufklärungszeit. Die deutschen geistlichen Fürstentümer waren mit der zunehmenden Schwäche des Reiches immer bedeutungsloser geworden. In den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts waren sie im Grunde schon ein Anachronismus. Sie trugen die Symptome ihrer Auflösung bereits in sich. Alles Leben war in einer Fülle von Formen und Traditionen erstarrt.

Dass das Zeitalter der Aufklärung, dessen hier interessierende Spätphase von etwa 1770-1800 begrenzt werden soll, in breiten Schichten lange nicht so aufgeklärt war, wie es nach dem damals publizierten Schrifttum den Anschein haben kann, werden wir im Folgenden erkennen. In Preußen unter Friedrich dem Großen, in Österreich unter Joseph II. und in vielen kleineren weltlichen Staaten hatte sich die neue Zeit allmählich durchgesetzt. Die geistlichen Gebiete des Reiches waren dagegen weit zurückgeblieben. Wir glauben uns in die Zeit des Mittelalters zurück versetzt, wenn wir jene Missstände näher betrachten:

  • der Schacher mit Reliquien,
  • der Aberglaube,
  • die Hexen- und Gespensterfurcht
  • das Vagieren der Mönche,
  • ihr Handel mit Ablass und Amuletten,
  • die Ketzermacherei und Inquisition,
  • die Ignoranz und der unsittliche Wandel der Geistlichen,
  • die vielen Feiertage,
  • die Wallfahrten

– und daneben das unter drückenden Lasten darbende Volk, das in tiefer Armut, ohne Schulen und Unterricht in dumpfer Unwissenheit dahinlebte, in derben sinnlichen Genüssen und im Alkohol Vergessen des Elends suchend.

Der Klerus stellte einen relativ viel zu großen Anteil der Bevölkerung. Er war gespalten in Welt- und Klostergeistlichkeit, innerhalb der letzteren rivalisierten die verschiedenen Orden miteinander. In Paderborn waren besonders die Franziskaner, Kapuziner, Minoriten und Jesuiten tätig. Einig war man sich jedoch in dem Bestreben, den gegenwärtigen Zustand möglichst lange aufrecht zu erhalten. Gegen jeden Reformversuch erhoben sich wütende Proteste, bei denen die Jesuiten und die adligen Domherren die Avantgarde bildeten.

Bei all dem soll aber nicht verkannt werden, dass innerhalb der katholischen Kirche selbst Bestrebungen zur Besserung dieser Verhältnisse bestanden haben. Besonders unter den geistlichen Fürsten und in der unteren Weltgeistlichkeit fanden sich gelehrte, mutige und aufgeklärte Männer, die all ihre Kraft einsetzten, um eine Änderung herbeizuführen. Zu den ersteren gehörte der Kurfürst von Mainz, Emmerich von Breitenbach, der Würzburger Fürstbischof von Erthal und in Paderborn der Fürstbischof Wilhelm Anton[2], zu den letzteren, in seinem beschränkten Kreise wirkend, Ferdinand Becker. Zahlreiche katholische Schriftsteller und Universitätsprofessoren traten in theologischen und pädagogischen Werken für eine Reform ein.[3] Die Losung war überall: Weg mit den Missbräuchen der Religion, setzt an ihre stelle Vernunft und Aufklärung!

Es war nur eine zwangsläufige Entwicklung, dass diese Bewegung sich schließlich gegen den römisch-hierarchischen Klerikalismus insgesamt richten musste. Der Papst, in klarer Erkenntnis der damit dem Katholizismus als solchem drohenden Gefahr, opferte eine seiner stärksten stützen, den Jesuitenorden, um dadurch die Organisation der Kirche zu retten. 1773 wurde der Orden durch päpstliches Dekret aufgelöst. Die Exjesuiten, wie die Ordensmitglieder nun genannt wurden, spielten allerdings weiterhin eine bedeutende Rolle, besonders in den geistlichen Gebieten.[4]

In Deutschland nahmen diese Reformbestrebungen der Aufklärungszeit eine besondere Form dadurch an, dass sie durch die deutschen Erzbischöfe aufgegriffen wurden. Die Durchführung aller Reformen setzte aber eine größere Unabhängigkeit von Rom voraus. So entstand der Gedanke einer deutschen Nationalkirche. 1786 trafen die Erzbischöfe von Mainz, Köln, Trier und Salzburg auf dem Emser Kongress zusammen. Die dort ausgearbeitete Punktation  sah eine wesentliche Beschränkung der päpstlichen Befugnisse in Deutschland, Abschaffung der finanziellen Ausbeutung durch Rom sowie innerkirchliche Reformen vor. Der ganzen Bewegung fehlte aber der große religiöse Impuls – sie scheiterte daher bald an der schwachen Unterstützung durch den Kaiser, der ultramontanen Haltung des bayerischen Kurfürsten und nicht zuletzt am Widerstand der deutschen Bischöfe, die einer Machtvergrößerung der Erzbischöfe die päpstliche Herrschaft vorzogen.

Paderborn hatte an diesen Zeitströmungen verhältnismäßig geringen Anteil. Infolge der Rückständigkeit und Armut der Bevölkerung, der rein landwirtschaftlichen Struktur der Wirtschaft, der ungünstigen geographischen Lage abseits von den großen geistigen Zentren und des übergroßen Einflusses des orthodoxen Klerus wirkten sie sich hier weniger aus als in anderen geistlichen Territorien.

Zum Verständnis des Folgenden sei ein kurzer geschichtlicher Überblick des interessierenden Zeitraums, soweit er Paderborn betrifft, gestattet. Auf den Bischof Clemens August von Bayern[5], der durch die Vereinigung vieler geistlicher Fürstentümer in seiner Hand einer der mächtigsten Fürsten seiner Zeit war, folgte 1763 Wilhelm Anton von Asseburg[6]. Gehörte Clemens August, der traditionellen Wittelsbacher Konzeption folgend, der konservativ-ultramontanen Richtung an, so stand Wilhelm Anton einer gemäßigten Aufklärung nahe. Er wird uns von seinen Zeitgenossen als frommer Mann, als offener, deutscher Charakter geschildert.[7] Wilhelm Anton führte eine Reihe von Verbesserungen, die jedoch keinen grundsätzlichen Wandel der Zustände schaffen konnten, ja eigentlich kaum praktische Auswirkungen hatten. Die Schuld dafür lag nicht so sehr am Fürsten als an der Ungunst der Verhältnisse. Auf Wilhelm Anton folgte Friedrich Wilhelm von Westphalen[8], der die Bistümer Paderborn und Hildesheim in Personalunion vereinigte. Sein Nachfolger in beiden Fürstentümern wurde Franz Egon von Fürstenberg,[9] der bereits 1786 wegen Kränklichkeit Friedrich Wilhelms zum Koadjutor gewählt worden war.

1802 wurde das Fürstbistum gemäß den Bestimmungen de Lunéviller Friedens von Preußen besetzt; durch den Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurde die Säkularisierung des Landes endgültig. Nach der Niederlage Preußens 1806 rückten französische Truppen ein, ein französi-scher General nahm das Gebiet in die Verwaltung der Grande Armée. Von 1807 bis 1813 gehörte Paderborn zum Königreich Westphalen, um dann endgültig an Preußen zu fallen. – Diese knappen geschichtlichen Daten sollen hier genügen. Im Verlauf der Arbeit wird manche Einzelheit ergänzt werden.

Der besondere Charakter des Landes und seiner Bewohner und die eigentümliche Verfassung Paderborns lassen es notwendig erscheinen, kurz geschildert zu werden. Mit 54 Quadratmeilen hatte das Bistum etwa die Größe der ehem. Hessischen Provinz Starkenburg. 96 000 Einwohner stellten eine sehr schwache Besiedlung dar, die auf den rein landwirtschaftlichen Charakter des Landes zurückzuführen ist. Nur etwa die Hälfte der genutzten Fläche war fruchtbar. Der größte Teil des Bodens gehörte den privilegierten Ständen, dem Adel und der Geistlichkeit. Die Bauern befanden sich in verschiedenem Abhängigkeitsverhältnis. Am Ende des 18. Jahrhunderts gab es hier noch viele Leibeigene, die weniger dem Adel, als dem Domkapitel hörig waren. Ohne Zweifel war die soziale Struktur der Bevölkerung in Paderborn ungesund. Bei einigen wenigen überreichen Familien gab es so gut wie keinen wohlhabenden Mittelstand. Das ist um so bemerkenswerter, als zu dieser Zeit im sozialen Gefüge der begüterte Mittelstand in anderen deutschen Ländern anfing, ein bedeutender Faktor zu werden.

Die vier Hauptstädte (Paderborn, Warburg, Brakel, Borgentreich) waren eigentlich nur große Dörfer. Paderborn selbst machte einen „unsauberen und leeren Eindruck[10], seine 4700 Einwohner lebten in der Hauptsache von der Landwirtschaft; die Schweineställe und Misthaufen lagen an der Straße. Die in anderen Teilen Westfalens aufstrebende Weberei fehlte völlig. Der Handel war fast ausschließlich in den Händen der Juden. Die Verkehrsverhältnisse befanden sich in kläglichem Zustand. Viele Straßen konnten bei schlechtem Wetter nicht befahren werden. Die 23 Städte und 150 Dörfer des Bistums waren in 99 Pfarreien eingeteilt. Die Kirche besaß 22 Klöster und Stifte mit mehreren hundert Mönchen und Nonnen. Es bestanden 99 adlige Häuser.[11] Das ganze Gebiet war in 8 – 10 Archidiakonalkreise eingeteilt, die von je einem Domherrn beaufsichtigt wurden. Ihm zur Seite stand ein Archidiakonalkommissar, in dessen Händen die Verwaltung des Bezirkes lag.

Charakteristisch für die Verfassung des Fürstbistums war der ständische Aufbau des Staates. Der Landtag hatte schon eine Jahrhunderte lange Tradition. Er stellte eine Art Verbindung von Legislative und Exekutive dar, alle „wichtigen Angelegenheiten des Landes“ sollten nach der Verfassung von ihm entschieden werden.[12] Vertreten waren drei Stände: Domkapitel, Ritterschaft und die Bürgermeister der 23 Städte. Die Landgemeinden besaßen überhaupt keine Vertretung, die Inter-essen der Bauern sollten durch diejenigen Adligen, zu denen sie sich in einem Abhängig-keitsverhältnis befanden, wahrgenommen werden. Jeder Stand stimmte für sich ab. Da die beiden adligen Stände automatisch immer die Mehrheit hatten, wurde der Landtag zu einem Instrument des Adels. Die Einberufung des Landtages erfolgte durch den Fürsten; traten keine besonderen Ereignisse ein, so trat er einmal im Jahr zusammen. Den Vorsitz führte der Domdechant.[13]

Bei dieser Zusammensetzung der obersten staatlichen Institution nimmt es nicht wunder, dass die Lasten entsprechend verteilt waren. Während der Adel und die Geistlichkeit weitgehend Steuerfreiheit genossen, war der Großteil der Abgaben dem dritten Stande aufgebürdet. Die politischen Auswirkungen der Französischen Revolution waren in Paderborn viel geringer, als man wohl annehmen möchte. Die Bedeutung der Vorgänge von 1789 in Frankreich wurde von der Mehrzahl der Paderborner Zeitgenossen nicht richtig erkannt. Die unmittelbaren Wirkungen auf die Paderborner gipfelte in zwei Forderungen:

  1. Das Domkapitel und die Ritterschaft sollen den 3. Stand nicht überstimmen können.
  2. Die Steuerfreiheit des Adels und der Geistlichkeit muss aufhören, damit sich die Lasten des 3. Standes verringern.[14]

An der Spitze des Staates stand der Fürstbischof. Er wurde vom Domkapitel entweder aus den Reihen des geistlichen Adels des Landes oder aus den jüngeren Söhnen eines der großen regierenden Häuser  auf Lebenszeit gewählt. Seine Residenz war das Schloss Neuhaus, nordwestlich von Paderborn gelegen. Seine Hofhaltung muss sich in bescheidenem Rahmen gehalten haben, was schon daraus ersichtlich ist, dass seine jährlichen Nettoeinnahmen sich nur auf  57 000 Reichstaler beliefen.[15] Am Hofe bestanden fünf Erbämter, die sich in der Hand von alten adligen Geschlechtern befanden.[16] Der Absolutismus hatte sich nie recht durchsetzen können. Vielleicht liegt eine der Ursachen dafür in dem Umstand, dass ein gewählter Fürst im allgemeinen nach anderen Maximen handelt als ein im Interesse seiner Familiendynastie denkender Herrscher. Noch ausschlaggebender dafür dürfte aber die Stellung der mächtigen Oligarchie der Domherren im Staat gewesen sein.

Das Domkapitel war beinahe gleich einflussreich wie die fürstliche Macht, da ja der Fürstbischof  sogar weitgehend von ihm abhängig war. Das Domkapitel war die „eigentliche Quelle der Souveränität“.[17] Das Kollegium der Domherren oder Kanoniker bestand aus 24 Mitgliedern. Die beiden vornehmsten Prälaten waren der Dompropst und der Domdechant. Außer ihnen gab es 5 andere Würdenträger: den Domkämmerer, Domkantor, Domkellner, Domscholaster und den Domküster. Mit den Domherrnstellen versorgte der katholische reiche Adel seine jüngeren Söhne. Vorbedingung zur Erlangung einer Domherrnpfründe war seit dem 15. Jahrhundert ritterbürtiger Adel. Jeder Bewerber musste vor seiner Aufnahme einen Stammbaum von 16 Ahnen nachweisen. Selbstverständlich musste er in den geistlichen Stand eintreten, es kam aber in Paderborn vor, dass ein Bewerber vor seiner Aufnahme verheiratet gewesen war.[18] Außerdem musste eine Art Prüfung durchgemacht werden, der Bewerber durfte 6 Wochen lang den „Bering“ des Domes nicht verlassen, musste nachts in einer dunklen Zelle schlafen und durfte bei keiner Andacht fehlen.

Die Domherren hatten viele Rechte, aber fast keine Pflichten. Die meisten hatten außer ihren Pfründen in Paderborn noch weitere Präbenden in Münster, Hildesheim oder Osnabrück, viele lebten auf auswärtigen Besitzungen und trugen das Geld außer Landes. Die Einkünfte des Paderborner Domkapitels aus den ihm gehörenden Liegenschaften betrugen etwa 52 000 Taler im Jahr. Dazu kamen die Einnahmen aus Stiftungen und Benefizien, diese letzteren Gelder wurden an den fünf Kirchenfesten des Jahres unter die Domherren verteilt. Es erhielten aber nur diejenigen Kanoniker einen Anteil, die an den betreffenden Tagen am Gottesdienst teilgenommen hatten. Die Anteile der Fehlenden und der zu spät Erscheinenden wurde auf die Anwesenden aufgeteilt.

Die übrige Domgeistlichkeit, der clerus secondarius, bestand aus 6 Domvikaren, 6 Chorälen und 3 Küstern.[19] Außerdem gab es etwa 40 Benefiziaten, die ihre Pfründe bezogen, ohne dafür besondere Pflichten erfüllen zu müssen.

Die übrigen Pfarreien, die meist eine Reihe von Ortschaften umfassten, waren mit einem oder mehreren Weltgeistlichen, Pfarrern oder Kaplänen, besetzt. Während die Domherren reiche Einkünfte hatten – Pfründen von 3-4000 Talern im Jahr waren keine Seltenheit – ,waren die Pfarreien im allgemeinen schlecht dotiert; eine Pfarre mit einer jährlichen Geld- und Naturaleinnahme von 300 Reichstalern galt schon als gut.[20]

Die „Gesellschaft“ Paderborns bestand zu zwei Dritteln aus Geistlichen. Man führte ein ruhiges und beschauliches Leben. In diesen geistlichen Kreisen herrschte heitere und ungezwungene Geselligkeit, bei der Wein und gutes Essen nicht fehlen durften, Man traf sich an der Tafel des Fürstbischofs oder des Dompropstes, man besprach die neuesten Weltereignisse, oder man las des „Intelligenzblatt“, das 1772 in Paderborn zum erstenmal erschienen war. Trotz der allgemeinen Trägheit des Klerus und seiner weitgehenden Befangenheit in engstirniger Orthodoxie gab es weite Kreise, in denen ein freier und aufgeklärter Ton herrschte und mit wissenschaftlichem Interesse gearbeitet wurde. Man nahm am geistigen Leben Deutschlands teil und rechnete es sich in diesen geistlichen Kreisen zur Ehre an, ein Philosoph zu sein.

Die Rechtspflege war nach den meisten zeitgenössischen Urteilen in sehr schlechtem Zustand. Ganz besonders galt das für die Patrimonialgerichtsbarkeit, die in den Händen des Adels lag. Die Richter waren käuflich, bei Prozessen zogen Bürger und Bauern meistens den kürzeren, Winkeladvokaten und Notare bereicherten sich an den Bauern, die meistens nicht lesen konnten, auf schamlose Weise. Ein besonderer bischöflicher Beamter fungierte als Stellvertreter des Bischofs in Sachen Jurisdiktion: der Offizial. Er stand an der Spitze des Offizialatsgerichtes. In den Archidiakonalbezirken lag die geistliche Jurisdiktion den Kommissaren ob.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass neben der Unterdrückung der Bauern und Bürger die Käuflichkeit der Verwaltung und Rechtspflege, die Willkürlichkeit in der Handhabung der Verfassung und die große Macht der Domherren die Hauptfehler in der Verfassung des Fürstbistums waren. Wir werden das in Folgendem immer wieder erkennen.

Aus der zeitgenössischen Literatur ist es nicht leicht, sich ein einigermaßen objektives Bild über die damaligen Verhältnisse in Paderborn zu machen. Die meisten Schriftsteller sind nicht ganz unbefangen. Sie ergreifen entweder für die streng klerikale oder für die aufgeklärte Richtung Partei. Soweit sie aus Paderborn selbst stammen, dürfte wohl auch ein bestimmter Lokalpatriotismus mitspielen. So läuft besonders Bessens Geschichte Paderborns im wesentlichen auf eine Verherrlichung der Fürstbischöfe hinaus. Auch Schücking sah die Verhältnisse recht positiv, wenn er schreibt: „So mangelhaft das ganze jetzt erscheinen mag, die Verhältnisse waren immer noch besser, als in sehr vielen der kleinen weltlichen Staaten ringsum…“[21]

Stellt man andere Urteile gegenüber, so möchte man Schückings Feststellung, dass „unter dem Krummstab gut leben war“ nicht unbedingt recht geben.

Nach der preußischen Besitzergreifung urteilte der Freiherr vom Stein folgendermaßen über Paderborn:
„Die Menschen dieses Landes sind an intellektueller und sittlicher Bildung sehr zurück. Unwissenheit, grobe Schwelgerei ist hier herrschend, das Ganze wird durch den Einfluss einer verderbten adligen und bureaukratischen Oligarchie regiert.“[22]

Und die Meinung des preußischen Regierungspräsidenten von Kessler war nicht viel besser:

„Im Schoße Westfalens haben wir ein deutsches Irland, allein durch das Übermaß an gutsherrlichen Lasten, welche neben den Staats- und Gemeindeabgaben unerschwinglich sind, und so den Belasteten in dumpfer, bestialischer Indolenz erhalten.“[23]

Damit möchte ich die Schilderung der allgemeinen Verhältnisse in Paderborn, die mir zur Einführung in das Folgende notwendig erschienen, abschließen. Da die Darstellung sich auf das Notwendigste beschränken musste, erhebt sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

II. Jugend und Studium

Der Mensch wird entscheidend in seiner Jugend geprägt. Frühe Eindrücke und Erfahrungen bleiben das ganze Leben lang haften. Sie bestimmen den Lebensweg des Jünglings und Mannes. So ist es auch hier. Beckers Tagebücher und Briefe, die Aufzeichnungen von Verwandten und Freunden geben hiervon Zeugnis.

Ferdinand Becker wurde am 12.November 1740 in Grevenstein in Westfalen geboren. Eine lange Reihe seiner Vorfahren waren dort Bürgermeister[24], sein Vater bekleidete dazu noch  das Amt des Schulmeisters. Die Mutter erzog ihre fünf Söhne streng im katholischen Glauben. Mindestens dreimal am Tage betete sie mit ihren Söhnen den Rosenkranz. Becker schreibt darüber:

„Sie betete mit uns und fluchte auch dann und wann zwischendurch, wenn wir nicht andächtig genug dabei aussahen, oder unsere Arbeit dabei nicht nach ihrem Willen gut machten…“[25]

Ein Minoritenmönch, Buchardus mit Namen, erteilte dem Kinde in Grevenstein den ersten Unterricht. Seinen Vater, der doch Schulmeister war, erwähnt Becker eigentümlicherweise nie. Er scheint großes Zutrauen zu der Erziehungskunst des Mönches gehabt  und sich selber um die Ausbildung seiner Söhne nicht gekümmert zu haben. Bei dem Unterricht des Buchardus hatte Becker eines der ersten entscheidenden Erlebnisse: Er musste zusehen, wie der Mönch einen jungen Menschen auspeitschte, der später nach häufigen Misshandlungen starb.[26]

Das Schicksal fasste das Kind bald hart an. Seine Eltern verloren ihr Vermögen, der kleine Ferdinand musste das Elternhaus verlassen. Da man seine hervorragenden geistigen Anlagen bald erkannt hatte, wurde er zum geistlichen Stand bestimmt. Bei diesem Entschluss wird der Umstand mitgesprochen haben, dass die Drostin von Schilder, die den Jungen nach dem Brand seines elterlichen Hauses eine Zeitlang erzogen hatte, ein Benefizium in Paderborn fundiert[27] und für ihn bestimmt hatte, falls er einmal Geistlicher werden sollte.[28]

In den untersten drei Klassen des Prämonstratenser-Gymnasiums in Weddinghausen erhielt der Junge seinen ersten, sehr mäßigen lateinischen Unterricht. Die Klassiker lernte er überhaupt nicht kennen. Ein Bruder seiner Mutter, der Paderborner Dombenefiziat Ferdinand Tilmann, Erzieher bei dem Herrn von Landsberg, nahm den Knaben mit nach Paderborn und schickte ihn auf das Jesuitengymnasium. Bei den Jesuiten wurde damals das beste Latein gelehrt. Der Magister Unkraut, nach Beckers Urteil ein „bedeutender Schulmann und Erzieher“, führte ihn in die Welt der Klassiker ein, er lernte Ovid, Virgil und Cicero kennen. Die „unverständliche Grammatik und unsinnige Syntax“, die er bei den Prämonstratensern gelernt hatte, musste er jetzt vergessen. Außer

der lateinischen Sprache lernten sie aber bei den Jesuiten nichts, denn „deutsch zu lernen war vor Gottscheds Zeiten eine Schande“.[29]

Weit wichtiger als die Schule war für die geistige Entwicklung des jungen Ferdinand die Begegnung mit einem bedeutenden Menschen. Der Herr von Landsberg nahm den begabten Knaben in seinem Hause auf und unterrichtete ihn selber in der lateinischen Sprache und Prosodie. „Auf jeden auffallenden Naturgegenstand musste ich einen lateinischen Vers machen“, berichtet Becker. Seine große Bibliothek stellte Landsberg dem Jungen zur Verfügung, der wissbegierig alles las.[30] Später denkt Becker oft in Dankbarkeit an seinen Gönner und war bemüht, sich ihn zum Vorbild zu nehmen.

In den Unruhen des Siebenjährigen Krieges musste Becker Paderborn verlassen. Er ging nach Arnsberg, wo er im dortigen Gymnasium wegen seiner inzwischen erworbenen Kenntnisse zum Präzeptor der vierten Klasse angestellt wurde. In den höheren Klassen studierte er zugleich Philosophie und Logik. Bei dem Hofrat von Arndts, einem „gelehrten Staatsmann[31], nahm er eine Hauslehrerstelle für dessen Sohn Engelbert an. Der Hofrat fand Gefallen an dem jungen Mann und nahm sich seiner verständnisvoll an. An seiner Tafel, zu der Becker oft geladen wurde, lernte er sich in der Welt des Adels bewegen. Durch den Umgang mit dem Hausherrn weitete sich Beckers Horizont. Arndts ließ ihm viel Freiheit, sich das Fehlende auf geistigem und wissen-schaftlichem Gebiet anzueignen. In der reichhaltigen Bibliothek lernte er die großen deutschen Gelehrten und Dichter kennen. In den zwei Jahren im Hause Arndts entwickelte sich sein Geist frei aus der orthodoxen Enge der Klosterschule heraus.

In der Erziehungskunst machte Becker in Arnsberg seine ersten Versuche. Bei der Erziehung seines Zöglings verwandte er eine „leichte und angenehme Methode“, besonders kam ihm die Musik zustatten.[32] Diese Tätigkeit als Hauslehrer war von großem Einfluss auf seine Entwicklung, die Grundlagen seiner pädagogischen Neigung scheinen hier gelegt worden zu sein.  Er erwarb sich später notwendige Erfahrungen. Seine didaktischen und methodischen Gedanken erinnern an die Badesows, Salzmanns, Campes und anderer Philanthropen, deren Wirken jedoch zeitlich wesentlich später liegt.[33] Becker hatte eigene Gedanken und verfolgte eigene Wege. Entgegen der ihm ungünstigen Darstellungen[34] war er nicht nur Eklektiker, sondern schöpferisch begabt und tätig. Aber auch schon jener Leitgedanke, der dann einmal sein ganzes Leben beherrschen sollte, der Gedanke einer allgemeinen Volksbildung, klingt hier an. Er suchte „jedem Bettelkinde, Hirten, Tagelöhner einen angemessenen Unterricht, so gut er’s vermochte“ zu geben.[35]

Als Becker die Stelle als Hauslehrer aufgeben musste, hatte er sich eine umfassende Bildung angeeignet. „Notiere alles, was du hörst und siehst. Und verwirf nichts, weil man nicht weiß, wozu man es noch einmal brauchen kann“, war sein Wahlspruch in dieser Periode. Der enzyklopädistischen Tendenz der Zeit entsprechend, zu der sein vielseitiges, weitgespanntes Interesse kam, entwickelte sich seine Bildung sehr in die Breite. Diese Vielseitigkeit bleibt auch später charakteristisch für ihn. Neben der Theologie, besonders der Exegese und Kirchengeschichte, brachte er es auf dem Gebiet der Pädagogik, der Musik, der Mathematik, der Astronomie, der Physik und der Philosophie zu einigen Kenntnissen und beachtlichen Leistungen. Doch soll nicht verkannt werden, dass diese Breite der Bildung auf manchen Gebieten einen Mangel an Nachhaltigkeit und Tiefe mit sich gebracht hat. Auf dem Jesuitenkollegium in Köln schloss Becker seine Studien  ab. Die Vorlesungen bewegten sich dort in der Enge scholastischer Dogmatik.[36] Becker hatte aber insofern Glück, als er auf der Universität in das Seminar des Kanonikus Rensing aus Düsseldorf eintreten konnte, eines theologisch, juristisch und medizinisch gebildeten Jesuiten von großer Weltkenntnis. Dieser Mann, der inmitten der in Köln herrschenden „inquisitorischen Atmosphäre“ einer gemäßigten Aufklärung zuneigte, machte seine Studenten nicht nur mit den scholastischen Wissenschaften, sondern auch mit der Praxis des katholischen geistlichen bekannt. An viele seiner Ratschläge hat sich Becker später dankbar erinnert.[37] Durch diesen bedeutenden Lehrer, der an der Kölner Universität eine Ausnahme darstellte, bekam Becker zum erstenmal eine Vorstellung von der Stellung des katholischen Geistlichen in der Gemeinde. Er blieb frei von allem „Pastoratsdünkel“ und lernte „einfach und bescheiden seine Würde als Geistlicher“ zu erkennen.[38]

Im übrigen benutzte Becker die Studienzeit in Köln, um die verschiedensten abergläubischen Bräuche, die dort in hoher Blüte standen, kennen zu lernen. Der Aberglauben hatte sich in den geistlichen Gebieten im Volk in fast mittelalterlichen Formen erhalten. Becker nahm sich mit einem Studienfreund täglich eine Straße in Köln vor, um die ausgestellten Reliquien, die verschiedenen Ablasshändel, die „mirakulösen Bilder“ und dergl. zu untersuchen.[39] Becker wurde durch diese Missbräuche, die nicht im einzelnen geschildert werden können, derart abgeschreckt, dass er später ein erbitterter Feind jeder Art von Aberglauben geworden ist.

Zum Abschlussexamen lernte er die Moraltheologie des Minoritenpaters Sasserath auswendig, „weil ich wusste, dass man damit in jedem Examen gut bestehen konnte, denn er und sein Anhang fragten bloß aus diesem Buche.“[40] 1763 ordinierte er titulo patrimonii zum Diakon.[41]

III. Pfarrer in Hörste

Becker war 24 Jahre alt, als er seine erste Pfarrstelle antrat. Durch Vermittlung seines Onkels Tilmann erhielt er die Pfarrei Hörste im Fürstbistum Paderborn. In Paderborn wurde er zunächst noch einmal examiniert und erhielt auf sein Verlangen „facultatem legendi libros prohibitos“, d.h. die Erlaubnis, verbotene und ketzerische Bücher zu lesen.[42] In Hörste stellten sich ihm große Schwierigkeiten entgegen. Der Siebenjährige Krieg, der dem Lande ungeheuren Schaden zugefügt hatte, war gerade zu Ende gegangen. Durch einen gleichgültigen Vorgänger, der die Pfarrei 21 Jahre lang inne gehabt hatte, war alles in einen Zustand völliger Verwahrlosung geraten. Das Pfarrhaus war verfallen und leer, kein Stuhl befand sich darin. Überall regnete es durch. Ähnlich sah die Kirche aus: das Dach war abgedeckt, die Altäre verfault.[43] Die Pfarrei war eine der beschwerlichsten im ganzen Bistum. Sie bestand aus sieben Dörfern, die beiderseits der Lippe lagen. Im Frühjahr trat der Fluss über die Ufer und überschwemmte das Land. Die Dörfer ragten wie Inseln aus dem Wasser heraus.[44] Häufig blieben die Pferde im Sumpf stecken, der Pfarrer war dann gezwungen, zu Fuß durch das Wasser zu waten. Im Winter war stundenlanges Kriechen auf über Pfähle und auf  Eis gelegte Bretter notwendig.  Die Aufgabe war nur unter Einsatz der ganzen physischen Kraft zu erfüllen. Meist wurde der Pfarrer nachts zu den Kranken gerufen, weil die Bauern wegen der hohen Stolgebühren[45] immer bis zum letzten Augenblick warteten, bis sie den Pfarrer riefen. Manchmal wurde Becker auch zum Narren gehalten.[46]

Der Kulturzustand seiner Pfarrkinder, wie der Paderborner  Landbevölkerung überhaupt, kann als fast mittelalterlich angesehen werden. Viele Bauern befanden sich in Leibeigenschaft. Der Paderborner Volkscharakter, der im Gegensatz zu dem kühlen und bedächtigen Münsterländer, heftig und lebhaft ist, äußerte sich einerseits in Hingabe an die Triebe und Leidenschaften, andererseits in Neigung zu Aberglauben und Bigotterie. Die allgemeine Armut des Volkes war groß. Die Männer und Frauen flüchteten sich aus dem Alltagselend zum Alkohol. Schon die Jugendlichen ergaben sich dem Branntweintrinken. Durch die schlechte Amtsführung von Beckers Vorgänger war die Bevölkerung verwildert. Becker entwirft in seinem Tagebuch ein sehr treffendes Bild dieser Zustände.[47]

Durch alle diese Schwierigkeiten ließ sich der junge Pfarrer aber nicht entmutigen. Mit großem Eifer und starkem Selbstvertrauen ging er an die Arbeit. Die Quelle seiner Kraft war die Idee der Volksbildung, die Verbreitung der Aufklärung, die ihn zutiefst erfasst hatte. So sah er seine seelsorgerische Aufgabe vor allem im Kampf gegen die Auswüchse des Aberglaubens, gegen die Hexen- und Gespensterfurcht.

Genährt wurde dieser Aberglaube durch die zahlreichen Mönche, die im Lande und auch in Beckers Pfarrei umherzogen und von der Wohltätigkeit der Bauern lebten. Sie suchten auf allerlei Weise, Kapital aus dem Aberglauben zu schlagen.

Beckers an sich nicht sehr starker Körper war den körperlichen Strapazen bei der Erfüllung seines Dienstes auf die Dauer nicht gewachsen. Er war aus gesundheitlichen Gründen häufig gezwungen, sich einen Franziskaner aus dem nahen Kloster Gesecke als Vertreter rufen zu lassen. Obwohl Becker ihm pro Tag einen halben Gulden zahlen musste, machten ihm die Mönche nur Schwierigkeiten, indem sie, anstatt Seelsorge zu treiben, bei den Bauern bettelten. Als sich Beckers materielle Lage etwas gefestigt hatte, nahm er sich einen jungen Weltgeistlichen als Gehilfen und verbot den Franziskanern kurzerhand das Betreten der Pfarrei. Er berief sich dabei auf eine alte Verordnung, derzufolge kein auswärtiger Mönch ohne Erlaubnis des Ortspfarrers betteln durfte.[48] Durch diese Maßnahme, zu der noch weitere Streitigkeiten mit dem Orden kamen, zog sich Becker den bitteren Hass des Franziskanerordens zu. In dem Konflikt mit dem Franziskanerorden hatte Becker an dem Fürstbischof Wilhelm Anton, der ihn besonders schätzte, einen starken Rückhalt. Die Franziskaner aber verfolgten Becker, wie wir sehen werden, zeitlebens und waren schließlich an seinem Sturz maßgeblich beteiligt.

Besser war das Verhältnis zu seinen benachbarten Pfarrbrüdern. Er fand unter ihnen einige, die ihm in Art und Gesinnung nahe standen. Mit einer Reihe von ihnen hatte sich Becker verabredet, den Mönchen die Kanzeln zu versagen.[49] Bei anderen fand Becker aber nur wenig Verständnis und Unterstützung. Der Bildungsstand war teilweise erschreckend niedrig. Da mit den Pfarreien vielfach landwirtschaftliche Güter zu bewirtschaften waren, fielen manche Pfarrer ganz in das Bauernleben zurück, aus dem sie meistens auch entstammten. Einer von Beckers Nachbarn besaß nicht einmal eine Bibel; er kam jedes Mal zu Becker nach Hörste, wenn er einen Text nachschlagen musste. Dabei zeigten sich gerade diese Pfarrer oft hochmütig und ignorant. Becker sagt darüber:

„Alle Geistlichen, die nicht mehr als Mönchstheologie gelernt haben, bleiben im Herzen stolz auf ihr königliches Priestertum, auf den vermeintlich unauslöschlichen Charakter, der ihrer Seele bei der Ordination eingedrückt sein soll, ebenso stolz, wenn nicht stolzer, als ein Edelmann von Geburt auf sein veredelt sein sollendes Geblüte groß tut.“[50]

Der Gegensatz innerhalb des katholischen Klerus zwischen Welt- und Klostergeistlichkeit, beides in einem weitesten Sinne verstanden, spiegelte gegen Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur in Paderborn, sondern in allen katholischen Ländern eine Rolle. Wenn dieser Gegensatz schon seit langer Zeit latent vorhanden war und nur bisweilen dann offen zutage trat, wenn er sich an irgendwelchen äußeren Anlässen manifestierte, so darf das nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Gegensatz über die äußeren Dinge viel tiefer geht. Im Grunde stehen sich hier zwei Welten gegenüber: Die scholastisch-mittelalterlich-kirchliche Ordnung der Welt auf der einen, und die neue, aufgeklärte Welt des menschlichen Geistes und der Wissenschaft auf der anderen Seite. Die gewaltige Zeitenwende bleibt auch auf die äußere Ordnung der Kirche nicht ohne Einfluss. Kein Zweifel, die besten und fortschrittlichsten Teile des Weltklerus hatten erkannt, dass es nur gelingen konnte, die katholische Kirche den Zeitverhältnissen entsprechend zu reformieren, wenn es zur Elimination aller mittelalterlichen Residuen kommen würde. Das Gebäude der Kirche schwankte unter dem Ansturm der neuen Ideen. Frankreich bot ein warnendes Beispiel. Noch war es in Deutschland vielleicht Zeit, durch Reformen von innen heraus dem drohenden Unheil zu entgehen. Becker gehörte zu denjenigen, die diese Entwicklung erkannt hatten, die fühlten, dass sie an der Schwelle einer neuen Zeit standen. Mit Wort und Tat wirkte er in seinem beschränkten Kreise im Sinne dieser Erkenntnis. „Wenn es zu Gewaltmaßnahmen der weltlichen Staaten kommt, wird man das Kind mit dem Bade ausschütten“, schrieb er 1798.[51]

In Paderborn trat der Streit zwischen dem Mönchstum und der fortschrittlichen Weltgeistlichkeit häufig bei geringfügigen Anlässen zutage. So hatten die Mönche z.B. Veränderungen der Gottesdienstordnung in ihren Kirchen vorgenommen. Dagegen wandte sich Becker und schrieb, dass „die Mönche den Pfarrgottesdienst zerstört und die Pfarrer selbst um ihre Gerechtsame gebracht haben.“[52]

Wenn Becker die Mönchsorden auch immer wieder angriff, so war es doch  keineswegs so ungerecht, nicht auch ihre unbestreitbaren Verdienste anzuerkennen. Von den Franziskanern in Geseke sagte er, dass ihre Magister und Lektoren recht gut seien,[53] und über die wissenschaftlichen Leistungen gelehrter Jesuiten urteilte er immer voller Hochachtung. Doch entwickelte Becker sich im Laufe seines Lebens mehr und mehr zu einem grundsätzlichen Gegner der Idee des Mönchtums in seiner Zeit. Die historische Berechtigung und Bedeutung der Mönchsorden ließ er dagegen gelten.

Durch seine leutselige Art gelang es Becker bald, das Vertrauen seiner Gemeinde zu erwerben. Durch Ausschaltung der Mönche, durch Abschaffung unnützer Zeremonien und Prozessionen im Gottesdienst und stärkeres Einschalten der Predigt, durch Sorge für die Volksbildung, Anschaffen von Büchern auf eigene Kosten und andere Verbesserungen wurden die schlimmsten abergläubischen Bräuche allmählich abgestellt.  Bei allen diesen Veränderungen holte Becker aber zuvor das Einverständnis des Fürstbischofs ein.[54] Allerdings musste Becker dem Volksgeschmack auch Zugeständnisse machen. In seiner Pfarrkirche in Hörste baute er einmal ein „Heiliges Grab“, um damit zu verhindern, dass „das Volk in der Karwoche in die Kirchen der Franziskaner läuft“. Es musste also ein Grab sein, wie „es die Mönche zur Schau stellten“, d.h. mit funkelnden Glaskugeln, bunten Lampen usw. Alle diese Gegenstände stellte Becker selbst her. Aber – „es war nicht weit davon, dass die Figur des Lammes meine ernsthaften Anstalten nicht lächerlich gemacht hätte“, man hielt es nämlich für einen Esel.[55] Dazu verfasste Becker passende deutsche Lieder, die mit Orgelbegleitung gesungen wurden, „vermischt mit Betrachtungen und Vorbereitungen zum Osterfest.“ Der Erfolg war entsprechend, der Hass der Mönche, die die Gefährlichkeit der „Konkurrenz“ erkannten, wurde noch größer.

Als Becker glaubte, seine Pfarrkinder fest in der Hand zu haben, konnte er es wagen, das öffentliche Branntweintrinken zu verbieten. Das war um so schwieriger, als sein Vorgänger immer mit den Bauern gespielt und getrunken hatte. Bei den Prozessionen, die von Haus zu Haus gingen, war es üblich, sich in jedem Hause mit einem Glas Branntwein zu stärken. Nur den Chorsängern wurde fortan das Branntweintrinken gestattet, jedoch nur vor dem Singen in der Kirche, damit sie „ihre Stimmen geschmeidig machten“.[56] Die Sittenlosigkeit mancher Geistlicher erfüllte Becker mit Empörung. Auch ihm selbst  als jungem Mann blieben Konflikte mit dem Zölibatsgesetz nicht erspart. Er spricht offen darüber:

„… denn mit den jungen Frauenzimmern an der Lippe, die die Natur als ein Meisterstück ihrer Kunst mit allem dem, was nur Reiz heißen kann, in vollem Maße ausgerüstet hat, in Freundschaft zu treten, ist für einen jungen Geistlichen eben nicht schwer. Ich kann es auch nicht leugnen, dass mir, der ich nicht zu den evangelischen Eunuchen gehöre, die vom Mutterleibe her verschnitten sind, das Zölibatsgesetz oft einen schweren Kampf verursacht hat.“[57]

Seine seelsorgerische Aufgabe, seine Arbeit und die mit ihr verbundenen körperlichen Anstreng-ungen, und nicht zuletzt das Studium der Wissenschaften, das er eifrig fortgesetzt hat, gaben ihm die Kraft, diese Sturm- und Drangperiode durchzustehen. Bisweilen wurde er  in eines der umliegenden adligen Häuser eingeladen, wo er als angenehmer und unterhaltender Gesellschafter geschätzt wurde. Besonders beliebt machte ihn sein Harfenspiel, in dem er es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte.

Nach siebenjähriger Tätigkeit in Hörste war Becker den Anstrengungen des Dienstes nicht mehr gewachsen. Seine Gesundheit war zerrüttet. Er vertauschte seine Pfarrei mit einer Domvikarie in Paderborn. Der Fürstbischof Wilhelm Anton willigte nur ungern in diesen Tausch, denn er hatte Beckers Tüchtigkeit als Seelsorger und Volkslehrer erkannt und hätte ihn gerne auf  der schwierigen Pfarrei Hörste gewusst. Die Pfarrkinder der Gemeinde bewiesen Becker ihre Dankbarkeit und Anhänglichkeit dadurch, dass  sie ihn noch nach vielen Jahren in Paderborn besuchten, auch dann noch, als man ihn schon verfolgte.

Paderborn um die Mitte des 18. Jahrhunderts
Paderborn um die Mitte des 18. Jahrhunderts

IV. Domvikar in Paderborn

Niemand hätte etwas dabei gefunden, wenn Becker nun, dem Beispiel vieler Kollegen folgend, in Paderborn ein beschauliches und ruhiges Leben geführt hätte. Seine Einkünfte waren relativ hoch, aus seinen beiden Pfründen bezog er etwa 330 Reichstaler im Jahr,[58] ungerechnet die Einnahmen beim Lesen besonderer Messen, Andachten usw. Seine Pflichten  waren als Domvikar, verglichen mit seinem Dienst in Hörste, minimal. Sie bestanden in der Hauptsache darin, dass er morgens in der Messe anwesend sein musste, um im Chor mitzusingen. Doch eine solche Sphäre des Müßiggangs war nichts für Becker. Sein reger Geist brauchte die Möglichkeit einer Betätigung. Wenn seine Gegner behaupteten, er habe seine Pfarre in Hörste verlassen, weil er keine Lust zur Seelsorge mehr gehabt habe,[59] so dürfte diese Behauptung schon durch seine Tätigkeit in Paderborn widerlegt sein. Nicht ganz unrecht hat vielleicht Rosenkranz,[60] wenn er meint, dass Becker „das bewegte Stadtleben mehr angezogen hat, als die Einsamkeit auf dem Lande.“ Er war kein Mann, der sich auf die Dauer mit einem so beengten Wirkungskreis zufrieden gegeben hätte. Er war auch kein Mann der Studierstube, sondern ihn verlangte danach, seine Erkenntnisse und sein Wissen anderen nutzbar zu machen. Insofern war er ein echter Sohn der Aufklärung, ein „Mitarbeiter an der Entwicklung der Menschheit zur Glückseligkeit.“

Die ihm jetzt reichlich zur Verfügung stehende freie Zeit benutzte Becker besonders zum Studium theologischer Schriftsteller. Er beschränkte sich dabei nicht auf die katholische Konfession, sondern las ebenso die Werke protestantischer Theologen und beschäftigte sich sogar, wie seine Aufzeichnungen erkennen lassen, mit chinesischen und indischen Religions-lehren, besonders mit der Gestalt des Konfutse. Die herrschenden theologischen Anschauungen der katholischen Kirche unterzog er einer strengen, bisweilen radikalen Kritik. Es würde hier zu weit führen, Beckers theologische Anschauungen, die er in seinen Schriften verstreut nieder-geschrieben hat, im einzelnen zu untersuchen. Es sei nur das Wichtigste herausgehoben.

Mit der ganzen seiner Zeit eigenen rationalistischen Gründlichkeit und Umständlichkeit ging er daran, alle religiösen Fragen vor das Forum seines Verstandes zitieren. Nur das erkannte er als wahr an, was ihm die Natur bestätigte. Einziges Formalprinzip war für ihn die eigene Vernunft und Erfahrung. Sein Geist hatte sich aus der Enge der Scholastik frei gemacht, die alte Welt der kirchlichen Ordnung war in ihm zusammengebrochen: kann man es Becker verdenken, dass er in das andere Extrem verfiel, im Rationalismus ebenso einseitig wurde und unvollkommen blieb?

Was verstand Becker nun unter Religion? Er sagt es uns:

„Der Glaube an die moralische Welt, an Gott und an die Unsterblichkeit, das ist die einzig wahre Religion, die es gibt. Der Grund ihrer Wahrheit und unserer Gewissheit ist nicht, wie bei der Erkenntnis der Natur, die Anschauung der Dinge oder die auf anschauliche Erkenntnis der Gegenstände gebauten Schlüsse, sondern das moralische Gesetz in uns und der ernstliche Wille, ihm zu folgen.“[61]

In diesen Worten, die Becker in sein Tagebuch schrieb, spiegelt sich auch seine religiöse Grundanschauung. Auf einen einfachen Nenner gebracht, wird das Generalprinzip Tugend mit den beiden anderen Abstraktionen Gott und Unsterblichkeit in Verbindung gebracht. Damit sagt Becker im Grunde nichts anderes als Schiller, der mit seinem Glaube – Liebe –Hoffnung den Extrakt der Vernunft- und Naturreligion der Aufklärung schlechthin gibt.

Besonders kam es ihm auf die reine Lehre Jesu Christi an. Er versuchte, das Christentum in seiner ursprünglichen Gestalt zu erkennen, ohne alle menschlichen Zutaten und Verzerrungen. So ging er daran, das „mystisch-scholastisch-dogmatische Gestrüpp“ zu durchdringen, um zu der einen Offenbarung Gottes zu gelangen. Auf welchem Wege konnte das aber geschehen?

„Wenn wir also wahre Christen sein wollen, so müssen wir vorerst untersuchen, was Christus eigentlich gelehrt habe, und wie die ersten Christen seine Lehre verstanden haben. Dies können wir aber nicht anders erfahren, als durch eine unparteilisch geschriebene Kirchengeschichte und durch gelehrte Exegese der heiligen Bücher.“[62]

Kirchengeschichte und Exegese wurden  seine theologischen Spezialgebiete. Wenn es darum ging, die „ursprüngliche Reinheit der Religion im Gegensatz zu den missgestalteten scholastischen Schuldogmen wiederherzustellen“,[63] zitierte er besonders gern Johannes und Paulus, seine beiden Lieblingsapostel.

Die Gestalt Christi sah er ohne große Problematik. Christus war ganz einfach ein hervorragender Mensch, der nach einem vorbildlichen und guten Leben aus Liebe zu den Menschen in den Tod ging. „Er starb freimütig für die Wahrheit seiner beglückenden Lehre.“[64] Gelegentlich sah er Christus sogar als eine Art „Aufklärer“ an, dessen „aufhellende Lehren ihn ums Leben brachten“.[65] In späterer Zeit fühlte sich Becker ihm dadurch, dass man ihn verfolgte, weil er die reine Lehre Jesu vertrat, in besonderer Weise verbunden.

Im Hinblick auf die Offenbarung durch die Auerstehung Christi behalf er sich freilich mit einem Kompromiss, indem er die These aufstellte: „Die göttliche Offenbarung kann nie der Vernunft zuwider sein.“[66] Die Religion stammt von Gott, er hat sie den Menschen als vernünftigen Geschöpfen ins Herz gelegt. Niemals kann die Religion von Menschen geschaffen werden, sie können sie höchstens entsprechend der Eigenartigkeit ihres Verstandes, Charakters und ihrer Fähigkeiten verändern. Es scheint eine gewisse Inkonsequenz in Beckers denken zu liegen, wenn er nun weiter schließt: Also rührt auch Christus von Gott her, – ist er Gottes Sohn. In diesem Sinne erkannte er die Gottheit Christi an und wandte sich in Konsequenz dessen gegen den Vorwurf, ein Sozinianer zu sein.[67] Er bekannte sich ausdrücklich zu der Auffassung von Brentanos, der einer der „eifrigsten Verteidiger der Gottheit Christi unter den neueren Exegeten“ sei. Die von Brentano’sche Bibelübersetzung hatte Becker bearbeitet und ein Realregister darüber herausgegeben für alle diejenigen, die sich keine eigene Bibel anschaffen konnten.

In der Kirchengeschichte setzte sich Becker ausführlich mit dem Anspruch des Papsttums auf die Vorherrschaft innerhalb der christlichen Kirche auseinander. In scharfen Formulierungen wandte er sich gegen die katholische Kirchenhierarchie und stellte ihr das Urchristentum gegenüber. In welchem Widerspruch manche kirchlichen Praktiken zur Lehre Christi standen, wies er u.a. am Beispiel der Heiligenverehrung nach:

„…denn es ist gegen meine Grundsätze, einen verstorbenen Menschen für heilig, d.h. für vollkommen zu halten. Gott allein ist heilig.“[68]

Ausführlich setzte sich Becker mit den Stiftern der Mönchsorden auseinander, vor allem mit Franz von Assisi. Auf Einzelheiten  kann hier nicht eingegangen werden, doch gipfelt seine Untersuchung in der Feststellung, dass sowohl Franz als auch die anderen Ordensstifter die Lehre Jesu nicht richtig verstanden haben. Bei allen geschichtlichen Untersuchungen Beckers machte sich aber deutlich ein Mangel an historischem Verständnis bemerkbar. Es fehlt ihm das Einfühlungsvermögen in andere geschichtliche Epochen. Mit einer gewissen Oberflächlichkeit legte er meistens die Maßstäbe seiner eigenen Zeit an.

Es ist auffällig, dass Beckers Anschauungen in vielem dem Protestantismus sehr nahe kamen. Und tatsächlich hat Becker mehrfach ausgesprochen, dass er Luther und Calvin nicht verdammen würde, dass sie die „Religion Christi nicht verdarben, sondern wieder auf den ursprünglichen alten Fuß setzen wollten.“[69] Huss bezeichnete er an der Tafel des Dompropstes öffentlich als einen „frommen, echten und eifrigen Katholiken.“[70] Becker lehnte sich auch an protestantische Theologen, wie Semmler, Henke, Badesow u.a. an, und doch spürt man immer eine trennende Kluft zwischen ihm und dem Protestantismus, bis zum Ende seines Lebens legte er trotz aller Gegensätze zu der Lehre der Kirche Wert darauf, Katholik zu sein:

„Die wahre katholische Religion, die da lehrt, man solle keinen beleidigen, sondern jedem Gutes tun, wo man kann, verehre ich und wünsche als ein würdiges Mitglied derselben zu sterben.“[71]

Und damit kommen wir zu dem, was in Beckers religiöser Überzeugung die zentrale Stellung einnimmt: Gutes tun! Die tätige Liebe, das praktische Christentum ist der Kern seines Wesens, ist die Kraft, die sein Leben beherrschte, und nach der er handelte. Auch in der Gestalt Jesu stellte er diese tätige Liebe für den Nächsten über alles:

„…denn in Christus gibt es nichts, als den Glauben, der durch die Liebe tätig ist.“[72]

Bei aller menschlichen und durch die Zeit bedingten Unzulänglichkeit und Beschränktheit erreicht Beckers Lehre hier zeitlose Bedeutung. In seiner praktischen Religionsausübung wird echte menschliche Größe offenbar. Zahlreiche Äußerungen zeugen von dieser Haltung:

„Ich betrachte die Religion nicht anders als eine Herzenssache, welche ich aus der sittlichen Handlungsweise eines Menschen erkenne.“[73]

„Lebe heilig, dann stirbst du selig!“[74]

„Ich habe auf  das scholastische Christentum nichts, auf das dogmatische wenig, und auf das praktische alles gehalten.“[75]

In  diesen Jahren war Becker auch als pädagogischer Schriftsteller tätig.[76] Es entstanden folgende drei Schriften:

  1. Sammlungen merkwürdiger Meinungen und Handlungen aus der Religionsgeschichte, mit dem Motto: Prüfet alles, das Gute behaltet![77]
  2. Über Gregor VII. und Franz von Assisi, zwei Beiträge zur Würdigung dieser Männer.[78]
  3. Vorschrift für Seelsorger über die anständige Verwaltung der Sakramente, in specie der Beichte und des Abendmahls. Paderborn, Junfermann o.J.

Ferner übersetzte er mehrere Bücher, deren Titel allerdings nirgendwo angegeben sind, ins Deutsche, um dem Mangel an Büchern in der katholischen Bevölkerung beheben zu helfen.

Becker scheute sich nicht, seine religiösen Überzeugungen öffentlich bei allen möglichen Gelegenheiten zum Ausdruck zu bringen. Auch in der Praxis ging er gegen eklatante Missbräuche, z.B. im Gottesdienst, vor: Nach Beendigung der Messe wurde von einem der Seitenaltäre des Paderborner Domes der Segen erteilt, wobei der Priester mit der Monstranz die Figur des Kreuzes beschrieb. Beim Zurückbringen der Monstranz zum Hochaltar musste der Segen wiederholt werden, wenn sich ein Domherr im Dom befand. Anderenfalls unterblieb die Wiederholung. „Da muss also der liebe Gott vor einem Paderborner Domherrn sein Kompliment machen“, stellte Becker fest und ließ nicht locker, bis der Domdechant diesen Missbrauch der Monstranz untersagte.[79] Dass sich Becker durch solches Verhalten unter der orthodoxen Geistlichkeit Paderborns viele Feinde machte, sollte sich bald herausstellen.

Schon während seines Studiums hatte die Pädagogik große Anziehungskraft auf Becker ausgeübt. Als Hauslehrer hatte er seine ersten Erfahrungen auf diesem Gebiet gemacht. In seinem ersten Paderborner Jahrzehnt zwischen 1770 und 1780 stürmte nun eine pädagogische Welle über Deutschland hin. Sie wurde ausgelöst durch das Auftreten Basedows, Campes, Salzmanns u.a.[80], nachdem sie schon durch Rousseaus „Emile (ou de l´Education)“ vorbereitet worden war. Becker wurde von dieser neuen Bewegung tief erfasst. Durch die nun in schneller Folge erscheinenden erzieherischen Werke wurde er in eine wahre Begeisterung versetzt, hatte er doch in seinen pädagogischen Gedanken selbst schon ähnliche Wege eingeschlagen. Es lag an und für sich schon im Wesen der Aufklärung, alle Welt zur Glückseligkeit und Tugendhaftigkeit führen zu wollen. Einer der charakteristischen Züge des Jahrzehnt war der Glaube an die Universalkraft des Erziehens.

Becker erprobte die Grundsätze Basedows in seiner Umgebung. Er modifizierte sie den lokalen Verhältnissen und seiner eigenen Erfahrung entsprechend. Einen Teil seiner Einkünfte verwandte er darauf, Bücher zu beschaffen. Viele Eltern schickten ihm ihre Kinder, deren Erziehung er sich mit großer Uneigennützigkeit widmete.[81] Oft sah man ihn in seiner Wohnung oder auf Spaziergängen in der Natur, in Begleitung von Kindern und Studenten.

Durch seine Bemühungen erwarb er sich bald die Liebe und Dankbarkeit der Eltern und die Anerkennung eines großen Teils der Paderborner Öffentlichkeit. Der Benefiziat Becker wurde eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt. Auch der ihm sonst nicht wohlgesinnte Rosenkranz kann nicht umhin, das festzustellen:

„Er gefiel durch seine gemütliche und feine Umgangsweise, worin der Priester gewöhnlich hinter dem Menschen zurücktrat, und die Ansichten von höherer Aufklärung, welche er mit einer gewissen Vorliebe in gesellschaftlichen Zirkeln geltend zu machen suchte, verschafften ihm ein Ansehen, wie es wenige seiner geistlichen Kollegen genossen.“[82]

Mit der Zeit bildete sich um ihn ein Kreis gleichgesinnter Geistlicher, Juristen, Ärzte und Offiziere. Mittags aß man im Weinhaus Allard, nachmittags traf man sich im Kaffeehaus am Wiesenteich. Dieses Lokal, in dem immer „vornehme, gelehrte und aufgeklärte Männer versammelt waren“, nannte man in Paderborn die „Freiheitsinsel“. Bei den Franziskanern war sie „wie Sodom und Gomorra verschrieen“.[83] Beckers Verhältnis zu den Franziskanern war durch die Vorgänge in Hörste ohnehin noch gespannt. Unter dem Schutze des ihm wohlwollenden Fürsten Wilhelm Anton lebte er aber unangefochten.

V. Archidiakonalkommissar

Es war nur eine Frage der Zeit, dass ein so über dem Durchschnitt der Geistlichen stehender Mann auch eine seinen Fähigkeiten entsprechende Wirkungsmöglichkeit erhielt. Der Dompropst Freiherr von Weichs, ein kluger, aufgeklärter, aber schon alter Prälat, ernannte den Vierzigjährigen zu seinem Archidiakonalkommissar.[84] Der Distrikt des Dompropstes umfasste außer der Stadt Paderborn die Pfarreien Hörste, Büren u.a. mit insgesamt rund 30 000 Menschen. Zu Beckers Aufgaben gehörte die Aufsicht über die Geistlichkeit und über das Vermögen der Kirchen und Pfarreien, die Leitung des Volksunterrichts und die geistliche Jurisdiktion.

Für Becker öffnete sich damit ein Wirkungskreis, der ganz seinen Neigungen entsprach. Eine seiner ersten Maßnahmen war die Abschaffung der lateinischen und die Einführung deutscher Messgesänge. Diese Neuerung wurde auch in den Paderborner Stadtkirchen mit Beifall aufgenommen.[85] Becker selbst gab eine Sammlung deutscher Messgesänge heraus, die in Paderborn gedruckt und mehrfach aufgelegt wurden.

Auf dem Gebiet des Erziehungswesens hatte er jetzt viel größeren Spielraum. Er bemühte sich vor allem um die Landschulen, die sich in einem trostlosen Zustand befanden. Häufig unterrichtete er selbst, um den Lehrern ein Beispiel zu geben. Durch Unterricht der Lehrer versuchte er, ihnen die Grundzüge seiner neuen Methode beizubringen. Mit welcher Art von Lehrern er es in seinem Bezirk zu tun hatte, geht aus seinem Visitationsbericht hervor. Da heißt es:

„…alt, kann nicht schreiben und rechnen; … eine alte Witwe, kann nicht schreiben; …alt, trinkt, hat alle Achtung verloren, scheint zum Unterrichten nicht besonders fähig;…Vater und Sohn, beide trinken, wer von beiden zum Schullehrer bestimmt ist, unbekannt… usw.[86]

Da Bücher fast völlig fehlten, verfasste Becker ein Lesebuch für die Landjugend, ein Elementarbüchlein und eine Geschichtstabelle.[87] Anschauungsmaterial war unbekannt, die einzige Methode bestand im Vorsprechen des Lehrers und nachsprechen und Auswendiglernen der Kinder. Becker ließ Wandtafeln anfertigen, zeichnete Landkarten und sorgte für weitere Verbesserungen, die im einzelnen nicht aufgeführt werden sollen. Von seiner Wirksamkeit in dieser Zeit zeugt eine Schulverordnung, die Becker am 3.Dezember 1783 in seinem Bezirk erließ, um seinen pädago-gischen Maßnahmen den nötigen Nachdruck zu verleihen. Wir finden diese Verordnung in Weddingens Neuem Westfälischen Magazin von 1789 abgedruckt. Sie wurde beispielhaft für das ganze Bistum. Den recht lakonischen Inhalt kann man in drei Punkten zusammenfassen:

  1. Alle Erwachsenen, die noch nicht lesen können, haben durch die Pfarrer und Schulmeister sofort Lesen und die wichtigsten Religionslehren zu lernen.
  2. Vor der Heirat sind die Brautleute zu prüfen, ob sie fähig sind, Kinder zu erziehen.
  3. Den Schulmeistern wird mit der Drohung der Entlassung (sub poena cassationis) befohlen, sofort Lesen, Schreiben und Rechnen in den vier Species zu lernen. Innerhalb von vier Wochen haben sie sich darin zu qualifizieren.

Die Verordnung  schließt: „… solches zu jedermanns Wissenschaft gelange, soll gegenwärtiges in kleineren Ortschaften in der Früh- und Hochmesse, in großen Kirchspielen aber dreimal von der Kanzel publizieret werden.“

Unterschrift: Ferd.Becker. Com.arch.Praep.maj.

Dass Beckers Wirken auch über die Grenzen Paderborns hinaus bekannt wurde, beweist eine Zuschrift an das Westfälische Magazin über die „geistigen Strömungen und Persönlichkeiten in Paderborn.“[88] Darin wird nur eines einzigen guten Pädagogen „mit Ruhm“ gedacht: Ferdinand Becker. Weiter heißt es dann:

„Gedachter Commissarius Becker ist nicht nur ein Mann von vielen pädagogischen Kenntnissen, sondern auch von einem wirklich edlen Herzen;  wendet erstere auf die uneigennützigste, beste Art zum Wohl seiner Mitbrüder an, und verbindet mit diesen vortrefflichen Eigenschaften des Geistes und des Herzens den ordentlichen Lebenswandel.“

In den weiteren  Ausführungen wird darauf hingewiesen, dass Becker Lesebücher verfasst hat, dass er die Landschulmeister selbst unterrichtet und vor allem eine „den  besonderen Bedürfnissen der Paderborner Landschulen entsprechende Lehrart“ habe, und dass er sich schließlich auch von Wider-stand und Undank nicht in seinen Bemühungen abschrecken lasse.

Alles dies“, so schließt der Verfasser, „hat ihm nicht nur die Achtung und Liebe von Paderborns gut denkenden, einsichtsvollen Einwohnern zugezogen, sondern auch im Hochstift Münster und im Herzogtum Westphalen bey manchen rechtschaffenen Pfarrern, die ich selbst bei meiner Reise durch die Provinzen gesprochen habe, und die den Wunsch äußerten, dass sie Beckers Erziehungsart in ihrer Gemeinde einführen dürften, den größten Beyfall gefunden.“

Beckers tolerante Einstellung kam sehr deutlich in seinem Verhalten gegenüber den Juden zum Ausdruck. Die sehr starke jüdische Gemeinde in Paderborn lebte noch unter strengen Gesetzen. Kein Jude durfte mit einem Christen unter einem Dach wohnen, über einen Kirchhof gehen, freundschaftlichen Umgang mit Christen haben usw. Becker ließ alle diese Gesetze außer acht. Er ging in ihren Häusern aus und ein, aß und trank mit ihnen und unterrichtete die jüdischen Kinder genau so wie die christlichen.[89] Er macht dabei nie Versuche, sie zu bekehren, wie das „auf billige Art in Paderborn zu geschehen pflegte.“ Den jüdischen Vorstehern lieh Becker Bücher „zum nützlichen Gebrauch in der Synagoge.“ Damit wollte er „die Toleranz der Religionen auch von dieser Seite her befördern.“[90]

Das völlige Einvernehmen, das zwischen Becker und dem Dompropst bestand, gab auch nach dem Tode des Fürsten Wilhelm Anton den zahlreichen Feinden Becker keine Möglichkeit, etwas gegen ihn zu unternehmen. 1786 kam er durch einen anderen Vorgang zu vielen Domherren in ein äußerst gespanntes Verhältnis, das später eine der Hauptursachen seiner Verfolgung werden sollte. Es handelt sich um die Wahl eines Koadjutors, der dem kränklichen Fürsten Friedrich Wilhelm beigegeben werden sollte. Dabei bildeten sich zwei Parteien. Ein Teil der Domherren war für den Kurfürsten Max Franz von Köln, sie bildeten die Maxpartei. Die „Fürstenbergische Partei“ bevorzugte den anderen Bewerber, den Domherrn Franz Egon von Fürstenberg.[91] Der Dompropst von Weichs und der Domdechant von Forstmeister gehörten der „Maxpartei“ an. Die Mehrzahl der Domherren stand auf der anderen Seite. Keine der beiden Parteien ließ es an Eifer und Intrigen fehlen, die andere zu sich herüber zu ziehen. Diese Bemühungen hatten insofern Erfolg, als  der Domdechant zur Fürstenbergischen Partei überschwenkte. Der Dompropst dagegen blieb unbeirrbar bei seiner Meinung. Er äußerte Becker gegenüber einmal über den Domherrn und späteren Bischof  von Fürstenberg: „… er ist ein gleichgültiges Faultier, welches sich um nichts bekümmert, es mag gehen, wie’s geht.“[92] Becker geriet in den Verdacht, dem Dompropst, auf den er bekanntermaßen großen Einfluss besaß, zu seiner Meinung gebracht oder ihn zum mindesten darin bestärkt zu haben, was ihm die Feindschaft vieler Domherren, besonders aber des Domdechanten einbrachte. Die beiden ersten Prälaten, die bis dahin Freunde gewesen waren, entzweiten sich durch diese Wahl auf Lebenszeit. Becker aber hatte von nun an unter den kleinlichen Schikanen des Domdechanten zu leiden, gegen die ihn wegen der eigentümlichen Kompetenzverhältnisse im Klerus der Dompropst nicht schützen konnte. Becker unterstand ihm nämlich nur in seiner Eigenschaft als Archidiakonalkommissar, während der Domdechant als Stellvertreter des Bischofs in den priesterlichen Funktionen in der Domkirche sein Vorgesetzter als Domvikar war.

Einmal belegte ihn Forstmeister mit 8 Reichstalern Strafe, weil er wegen der Visitation seines Bezirkes 8 Tage lang nicht an der Frühmesse teilgenommen hatte.[93] Das geschah zu Unrecht, denn den Archidiakonalkommissaren war vom Domkapitel „Chorfreiheit“ zugestanden worden, wenn sie in ihrem Amte beschäftigt waren. Der „notari chori“ hatte sie in solchen Fällen im Chornotaturbuch als in der Kirche anwesend zu notieren. Forstmeister, dem das Buch vorgelegt werden musste, strich Beckers Namen immer wieder aus. Becker rief daraufhin das Domkapitel an und erreichte, dass der Domdechant die Strafgelder zurückerstatten musste. Becker musste sich dagegen wegen „ungebührlicher Ausdrücke“ in seiner Klageschrift bei ihm entschuldigen, wobei „Se. Hochwürdige Excellenz furiös wie ein Puterhahn kollerte.“[94]

Wie schon erwähnt, mussten die Domherren an den fünf Kirchenfesten im Dom erscheinen, wenn sie die dafür ausgesetzte Stiftung erhalten wollten. Im Dom war eine besondere Uhr angebracht, auf der eine kleine Figur Trompete blies und eine Glocke schlug. Diese Uhr war 10 Minuten vorgestellt worden, damit die Domherren sich danach richten konnten, um bei der „Präsenz“, d.h. der Augenblick, an dem der Segen erteilt worden war und die Prozession begann, anwesend zu sein. Kamen sie nur eine Minute zu spät, so erhielten sie kein Geld, ihr Anteil wurde aufgeteilt. Um das zu verhindern, hatte Forstmeister nun befohlen, dass die Prozession nicht eher eröffnet werden durfte, bis der letzte Domherr aus seinem Hause herbeigerufen war. Die ganze Gemeinde und der Vikar, der mit der Monstranz in der Hand nach erteiltem Segen vor dem Altar stand, musste also warten, damit den Domherren ihr Verdienst nicht entging. Diese empörende Anordnung traf auf heftigen Widerstand des clerus secundarius, bei dem sich Becker zum Sprecher machte. Die Folge war, dass Forstmeister sie zurücknehmen musste.

Seiner Kuriosität wegen sei noch ein anderer Fall erwähnt, der die Feindschaft zwischen beiden Männern vertiefte. Im Hause des Domdechanten hatte ein junges Mädchen aus vornehmem Hause das Kochen gelernt. Anscheinend lernte sie aber auch noch anderes, denn eines Tages war sie schwanger. Der Fall wurde Stadtgespräch in Paderborn, so dass Becker als Kommissar des Domkirchspiels sie auf Anordnung des Dompropstes mit 40 Reichstalern Strafe belegte. Darüber war der Vater der „Exjungfer“[95], dessen Name nicht genannt wird, sehr erbost. Der Domdechant nahm sich darauf der Sache an und schickte aus seiner Tasche die 40 Taler mit einem beleidigenden Brief an den Dompropst, der darüber außer sich geriet. Auf Beckers Anraten revanchierte er sich dadurch, dass er durch seinen Schreiber dem Domdechanten eine Quittung über „richtig bezahlte H…strafe“ ausstellen ließ. „Dieser Gedanke munterte den alten und kränklichen Dompropst wieder auf und ward vollzogen. So paradierte also der Herr Domdechant nun im Bücherregister.“[96]

Dieser sann natürlich seinerseits auf Rache. Er versuchte, Becker zum Niederlegen des Kommissariats zu bringen, um den Dompropst damit zu treffen. Doch sollte es nicht dazu kommen, denn im Jahre 1788 starb der Dompropst von Weichs, Beckers Gönner. Sein Nachfolger Franz Arnold von Asseburg[97] entließ Becker und machte zu seinem Nachfolger im Kommissariat den Exjesuiten Hannemann, der in kurzer Zeit alle Maßnahmen Beckers in seinem Bezirk wieder rückgängig machte oder einschlafen ließ.

VI. Fürstlicher Schulkommissar

Durch seine Entlassung als Archidiakonalkommissar war Becker nun wieder auf seinen ursprünglichen kleinen Wirkungskreis beschränkt. Er nahm vermehrt seine Studien und seine schriftstellerische Tätigkeit auf. Ganz besonders beschäftigte er sich mit der Pädagogik.

In Paderborn bestand seit dem Mittelalter eine Domschule, einst die wichtigste Stätte mittelalterlicher Erziehung am Bischofssitz. Jetzt war sie völlig vernachlässigt und verfallen, von über 100 schulpflichtigen Kindern nahmen nur neun am Unterricht teil. Weil ihn diese Zustände besonders empörten, hatte Becker schon als Kommissar des Domkirchspiels versucht, auf diese Schule Einfluss zu nehmen. Sie unterstand jedoch der ausschließlichen Aufsicht des Domscholasters, der sich zwar nicht um sie kümmerte, aber auch nicht duldete, dass sich ein anderer ihrer annahm. Nach dem Tode dieses Domscholasters forderte sein Nachfolger, der Freiherr von Elverfeld, Becker auf, die Schule zu reformieren. Becker nahm an, in seinem Tagebuch beschrieb er diese etwa ein halbes Jahr dauernde Reformtätigkeit in allen Einzelheiten.[98] Seine Schilderung ist methodisch und didaktisch äußerst interessant, doch kann sie hier nicht ausführlich wiedergegeben werden.

Nachdem er den Dommagister, der sein Amt einst für 100 Dukaten erkauft hatte, aber außer Katechisieren und etwas Jesuitenlatein nichts gelernt hatte, abgesetzt hatte, unterrichtete er selbst. Es kam ihm darauf an, Lust und Liebe für die Schule bei den Kindern zu erwecken. Er vermied alle körperlichen Strafen. Ohne Anwendung von Zwang erreichte er es, dass sich die Anzahl der zum Unterricht erscheinenden Kinder von 9 auf über 90 erhöhte. Nach einiger Zeit verzichteten die Kinder freiwillig auf ihre nachmittäglichen Freistunden und kamen, anstatt auf den Spielplatz zu gehen, in seinen Unterricht. Sogar die Kleinen, die noch nicht schulpflichtig waren, kamen mit.

Mit seiner „leichten und spielenden Methode“ hatte Becker ausgezeichnete Erfolge. Doch scheint er, wie viele Pädagogen dieser Zeit, nicht ganz frei von der Überbewertung der Methode gewesen zu sein. In seinem Glauben an die Allmacht der Methode schrieb er utopische Bemerkungen wie diese in sein Tagebuch:

„Nach meiner Lehrmethode brauchen die Kinder kaum 5 Minuten täglich im Buchstabenlernen geübt zu werden.“[99]

Nach sechs Monaten hielt Becker ein öffentliches Examen der Domschule ab, zu dem alle einflussreichen Persönlichkeiten des Fürstbistums eingeladen wurden.[100] Das allgemeine Urteil über das Ergebnis der Prüfung war derart günstig, dass „alle, sogar die auf alles Neue in diesem Fache eifersüchtigen Exjesuiten, öffentlich oder gezwungen bekannten, ich habe meine Meisterstück gemacht.“[101]

Im Anschluss an das Examen führte Becker ein interessantes und bezeichnendes Experiment durch: Er legte dieselben „genealogischen, chronologischen, historischen und geographischen Fragen“, die er seinen Schülern in der Prüfung gestellt hatte, einigen Kandidaten der Theologie vor, mit dem Ergebnis, dass kein einziger imstande war, sie zu lösen.[102]

Selbstverständlich hatte Becker auch den Religionsunterricht nach seinen eigenen Ideen umgestaltet. Er schaffte das geistlose Katechisieren ab und stellte Erzählungen aus dem Leben Jesu in den Mittelpunkt des Unterrichts.[103] Das gab seinen Feinden die Möglichkeit, ihn zu verdächtigen. Man behauptete, dass er die Trinität leugne, die Gottheit Christi nicht anerkenne, – kurz, dass er den Kindern ketzerische Lehren beibringe. Der Domscholaster wurde schließlich gegen ihn eingenommen und verklagte Becker als Ketzer bei Domkapitel. Die Klage wurde zwar abgewiesen, doch war Beckers Tätigkeit an der Domschule damit zu Ende.

Auf ähnliche Weise nahm sich Becker später der Armen-Mädchenschule und der Schule der Französischen Nonnen[104] an. Der Erziehung der jungen Mädchen, die damals sehr vernachlässigt wurde, legte Becker überhaupt  große Bedeutung bei. „Von der  Erziehung der jungen Mädchen hängt das Wohl und Wehe der Menschheit ab,“ schrieb er einmal.[105]  Er dachte sich die Mädchenschulen als sog. Industrieschulen, der Unterricht sollte in ihnen mit handwerklichen Tätigkeiten verbunden werden. Ob Becker von Pestalozzis ähnlichen Bestrebungen etwas gehört hatte, lässt sich nicht feststellen, er erwähnt ich nie.[106]  Wahrscheinlicher ist, dass Becker durch die in den österreich-ischen Ländern von Ferdinand Kindermann eingeführten Industrieschulen beeinflusst worden ist.  In diesen Jahrzehnten lässt sich überhaupt manche Verbindung in pädagogischer Hinsicht zwischen Österreich, Bayern und Westfalen als den katholischen Hauptgebieten des Reiches feststellen.

Durch Sammlungen in der Stadt wurde das erforderliche Nähmaterial, Wolle, Spinngarn usw. beschafft. In einem „Industriegarten“ sollten die Mädchen die Kunst des Gartenbaus erlernen. Wenn Becker  auch seine Vorhaben nicht alle durchsetzen konnte – dazu waren die Nonnen zu konservativ und unbeweglich – so erreichte er doch wesentliche Verbesserungen in der Art des Unterrichts. Bisher hatten sich über 100 Kinder in einem großen Raum befunden. Einzeln mussten sie vor einer der drei Nonnen, von denen jede in einem ringsum geschlossenen Stuhl saß, niederknien und ihre Lektion vorlesen. Währenddessen lasen und sprachen die anderen Mädchen laut, so dass das an der Reihe befindliche Kind kaum von der Lehrerin verstanden werden konnte.

Becker trennte den Raum in drei kleinere Abteilungen und bildete Klassen nach dem Alter der Kinder. Dann zeigte er den Nonnen, dass man nicht nur ein Kind, sondern 20 bis 30 gleichzeitig unterrichten kann.

Mit besonderer Sorgfalt nahm sich Becker der Erziehung seiner beiden Neffen an. Sein Neffe Carl Ferdinand Becker, später selbst ein bedeutender Erzieher und Schriftsteller,[107] hat in seiner Selbstbiographie[108] über den Unterricht bei dem Onkel berichtet. Zusammen mit seinem jüngeren Vetter Ferdinand Gottschalk Becker[109] ging er täglich zum Hause seines Onkels, der sie in allen Fächern unterrichtete: Die Erziehung durch den Onkel musste um so stärker auf die Knaben wirken, als der Unterricht, den sie auf dem Gymnasium genossen, ganz anderer Art war. Dort mussten sie den Katechismus des Canisius auswendig lernen, man stopfte ihr Gedächtnis mit Dingen voll, die sie nicht verstehen konnten. Stellten sie Fragen, so beantworteten sie die Lehrer – meist Exjesuiten oder in den niederen Klassen unter ihrem Einfluss stehende Weltgeistliche – entweder überhaupt nicht,  oder machten leere Ausflüchte. Kritik und selbständiges Denken wurde nicht geduldet.

Wie verstand es Becker, die Knaben psychologisch richtig zu behandeln:

„Dann stieg der gute Alte in unsere Kinderwelt herab, redete unsere Sprache, reihete neue Kenntnisse an die schon vorhandenen, setzte durch eine reizende Darstellung die Phantasie in Schwung… Ohne mühsame Anstrengungen erweiterte sich das Gebiet unserer Kenntnisse. Ehrfurcht und kindliche Liebe fesselten uns an unseren Onkel. Was aus seinem Munde ausging, hatte für uns den Stempel der Wahrheit und der Heiligkeit. An unseren Spielen nahm er gern teil: er verstand es, auch in diesen unsere Kräfte zu entwickeln… Es war die Allgewalt der Wahrheit, die ihm zur Seite stand und die unwiderstehlich den Jüngling anzieht.“[110]

Ein neuer, starker Impuls zur Verbesserung des Schulwesens ging von der Tätigkeit des Ministers Franz von Fürstenberg in Münster aus. Dort war unter Overberg eine „Normalschule“ errichtet worden. Man verstand darunter eine Art Lehrerbildungsanstalt, in der Lehrer unter der Leitung eines Normallehrers ausgebildet bzw. fortgebildet wurden. Franz Egon  war für diese pädagogischen Bestrebungen durch seinen Bruder, den Minister interessiert worden. 1797 beschloss der Paderborner Landtag eine Normalschule einzurichten. Der Minister von Fürstenberg schlug als Normallehrer einen Franziskaner aus Münster vor, den sowohl die Landstände, als auch der Fürstbischof aber ablehnten.[111] Seibertz behauptet, dass sie Becker für diesen Posten wegen seiner Verdienste um das Schulwesen und die Erziehung in Paderborn vorgeschlagen hätten. Nach der „Aktenmäßigen Darstellung[112]  ist Becker von einigen Domherren als Direktor für das Schulwesen in Vorschlag gebracht worden. Der Minister von Fürstenberg soll damit zufrieden gewesen sein und Becker in einer Unterredung versichert haben, dass sein Bruder (Franz Egon) ihn „von einer guten Seite kenne und ihm wohlgewogen sei.“[113]

Am 31. August 1788 wurde in Paderborn die „Verordnung für das Landschulwesen“ erlassen. Diese neue Schulordnung, die eine Weiterentwicklung von Beckers Schulverordnung von 1783 darstellte, hatte trotz ihres großen Umfangs manche Mängel. Besonders nachteilig war die zeitweilige Befreiung der Kinder vom Unterricht. Die Landjugend konnte sowohl im Sommer und Herbst bei der Ernte, als auch im Winter wegen Kälte der Schule fernbleiben. Becker stellte fest, dass die Kinder, dem Wortlaut der Verordnung nach, 10 bis 11 Monate im Jahr zu Hause bleiben konnten.[114]

Zum Normallehrer wurde vom Fürsten wider alles Erwarten nicht Becker, sondern der Franziskaner P. Felix Enshoff bestellt. Zur Überwachung der gesamten Schulreform wurde nach den Bestimmungen der Verordnung eine vierköpfige fürstliche Schulkommission eingesetzt. Zu ihren Mitgliedern wurden ernannt:

  1. Der Generalvikar Dierna,
  2. der Offizial Glesecker,
  3. der Propst Wennecker und
  4. Ferdinand

Zum Aufgabenbereich der Kommission sollten Visitationen und Prüfungen der Schulen, Einführung entsprechender Lehrbücher und die Überwachung des Normallehrers gehören.

Schon die erste Sitzung der Schulkommission, in der über die einzuführenden Schulbücher verhandelt wurde, ergab erhebliche Auseinandersetzungen. Enshoff wollte veraltete und unzweckmäßige Bücher einführen, die z.T. von Franziskanern verfassten Bücher wurden von Becker als „ein unsinniges Geschmiere, aus dem die Schulmeister keine fassliche Methode lernen können“ bezeichnet. Er schlug an ihrer Stelle als Lesebuch Rochows „Kinderfreund“ vor,[115] doch wurde dieses Werk von Enshoff als sozinianisch und ketzerisch verworfen. Becker bemerkt dazu in seinem Tagebuch:

„Gewiss hätten hundert Schulmeister darin eine herrliche Anleitung, aber kein einziger von denselben einen Sozianismus gefunden.“[116]

Becker stand mit seinen Widersprüchen gegen den Normallehrer nicht allein, doch setzte der Franziskaner jedem Einspruch der Kommissare entgegen: „Der Fürst will es so haben!“ Da jeder wusste, welch großen Einfluss dieser Mann beim Fürsten hatte – er hatte ohne Anmeldung jederzeit Zutritt zu ihm – schwiegen Beckers Kollegen aus Furcht, sich unbeliebt zu machen.[117]

Die Schulkommission hatte Prüfungen an den Schulen durchzuführen. Auch der Fürstbischof fand sich häufig dazu ein. Enshoff stellte bei derartigen Prüfungen so spitzfindige theologische Fragen an die Kinder, dass sogar der Fürst häufig unwillig eingriff und die Fragen erklärte.[118] Franz Egon scheinen gewisse Zweifel an den Fähigkeiten seines Normallehrers gekommen zu sein, denn als Becker einmal bei ihm zur Tafel geladen war, zog ihn der Fürst in ein Seitenkabinett, wo er eine längere Unterredung mit ihm hatte. Auf die Frage, wie es mit der Erfüllung des Schulreglements stehe, legte Becker ausführlich die Vernachlässigung und Nicht-ausführung der Verordnung dar. Franz Egon hörte ihn ruhig an, warf nur ab und zu „Ja, ja, der Enshoff“, oder „Ja, ja, der Propst Wennecker“ dazwischen – irgendein Ergebnis hatte diese Aussprache aber nicht.[119]

Das Grundübel des Lehrerstandes war schon damals die völlig unzureichende Bezahlung.[120] Um dem abzuhelfen und zugleich für die Lehrer einen Anreiz zu höherer Leistung zu bieten, sollten alle Schulmeister, welche die Normalschule mit Erfolg besucht hatten, eine Zulage erhalten. Bei der Bewerbung zum Normalschullehrgang hatten die Lehrer eine Art Führungszeugnis ihres Ortspfarrers über ihren Charakter und Lebenswandel, ihre Fähigkeiten und Leistungen vor-zulegen. Nach diesem Zeugnis entschied die Schulkommission über die Zulassung. Nach einiger Zeit legte Enshoff die Zeugnisse nicht mehr der Kommission vor, sondern nahm einfach alle Lehrer, die sich bewarben, auf. Das hatte seinen Grund darin, dass der Normallehrer außer seinem Gehalt für jeden Teilnehmer 2 Reichstaler erhielt. Sein Verdienst wurde also mit jedem, der eventuell abgewiesen wurde, geringer. Die Kommission bekam die Zeugnisse der Pfarrer daher erst beim Abgang der Lehrer aus der Normalschule zu sehen. Becker deckte dabei offensichtlichen Fälschungen der Führungszeugnisse durch Enshoff auf, der damit die Aufnahme völlig ungeeigneter Lehrer nachträglich rechtfertigen wollte. Aber auch diese Tatsache genügte nicht, den Normallehrer zu entfernen.[121]

Die Arbeit in der Schulkommission wurde mit der Zeit immer unerfreulicher für Becker. Er erkannte seine Überflüssigkeit als Kommissar und zog sich allmählich von dieser Tätigkeit zurück. Statt dessen erteilte er denjenigen Lehrern, die mit dem Unterricht des P.Enshoff nicht zufrieden waren und sich weiterbilden wollten, in seinem Hause privaten Unterricht.. Er stellte ihnen auch seine private Bibliothek zur Verfügung, aus der sie besonders gern die Texte von Basedow, Campe, Sailer und die von Brentano’sche Bibelübersetzung entliehen. Das Ausleihen dieser Bücher musste allerdings heimlich  geschehen, weil sie als ketzerisch in Paderborn verworfen waren.[122]

Der Ruf Beckers als Pädagoge war zu dieser Zeit bereits weit über die Grenzen Paderborns hinaus gedrungen. So finden wir in den „Anmerkungen auf einer Reise von Straßburg an die Ostsee im Sommer 1791“  (von Schreiber, Leipzig 1793/94) folgende Bemerkung:

„In den hiesigen Bürgerschulen scheint es etwas lichter zu werden, indem einige der hiesigen Geistlichen, unter denen sich besonders der Domvikar Becker durch hellen Kopf und redliche Tätigkeit sehr auszeichnet, richtige Begriffe und nützlichere Lehren in Umlauf zu bringen, und eine zweckmäßigere Methode als die bisherige einzuführen suchen. Der Segen des Himmels komme über deine Bemühungen, verkannter Edler! Und wenn du deine Hände an dem Dornengesträuche, welches du zu entwurzeln bemüht bist, wund ritzest! Von deinem Blute gedüngt wird der Boden schönere Früchte tragen.“[123]

Auch von Campe soll nach derselben Nummer der Nationalzeitung die Verdienste Beckers gewürdigt haben.[124] Doch scheint hier der Zeitung ein Irrtum unterlaufen zu sein. Campe hatte während eines Aufenthaltes in Paderborn einen sehr polemisch gehaltenen Artikel über die Stadt und ihre Bewohner geschrieben, der in Weddingens Magazin veröffentlicht worden war.[125] U.a. hatte er der Geistlichkeit Müßiggang und Ignoranz vorgeworfen. Darauf erschien eine Apologie in derselben Zeitschrift, in der Becker und drei andere Geistliche als Beweis des Gegenteils angeführt werden. Es heißt da:

„Herr Vicarius Becker ist zuverlässig ein Mann von vielen Kenntnissen, der für den Staat mehr tut, als beten und singen…“[126]

Wenn der Zustand der Paderborner Schulen nach Einführung der Normalschule und der fürstlichen Schulkommission genau so schlecht blieb wie vorher, so war das nicht die Schuld Beckers. Er hatte in der Schulkommission getan, was er tun konnte. Erst als er die Unmöglichkeit eingesehen hatte, sich bei der Lethargie seiner Kollegen gegen Enshoff durchsetzen zu können, hatte er sich zurückgezogen. Wenn er auch an den Sitzungen und Visitationen nicht mehr teilnahm, so arbeitete er doch weiter – immer von dem Gedanken an die Hebung der Volksbildung geleitet. So war es mit sein Verdienst, wenn sich die Landstände 1799 noch einmal der Schulreform annahmen und verlangten, dass der Normallehrer kein Ordensgeistlicher sein dürfe und dass er sich die modernen Methoden aneignen müsse.[127] Becker selbst hatte zu diesem Zeitpunkt Paderborn jedoch bereits verlassen müssen.

In Beckers letzte Periode fiel die Französische Revolution. Wie viele seiner Zeitgenossen hatte er sie als erstes Anzeichen einer neuen Zeit zunächst begrüßt. Doch trifft die Ansicht späterer Darstellungen[128] keineswegs zu, dass er erst unter dem Eindruck der Französischen Revolution eine kritische und ablehnende Haltung gegenüber den Zuständen seiner Umgebung einge-nommen habe. So schreibt Schücking, dass Becker „durch die Französische Revolution mit antiklerikalen und antichristlichen Ideen infiziert“ worden sei und legt ihm Aussprüche, wie „Bonaparte sei der Messias“ und „Rom sei der Sitz des Aberglaubens und Luzifers“ in den Mund.[129] Und Rosenkranz führt aus:

„Becker wurde von ihren Ideen (Französische Revolution)aufs lebhafteste ergriffen. War er schon früher ein Anhänger der falschen Philosophie seines Jahrhunderts und dem Skeptizismus ergeben gewesen, so öffnete er jetzt, vom Geist der Zeit getrieben, kühner den Mund und sprach sich leider mit zu unbedachter Freimütigkeit über seine von den herkömmlichen Ansichten abweichenden Grundsätze…aus.“

Lesen wir in Beckers Aufzeichnungen nach, so ergibt sich ein anderes Bild. Er war keineswegs ein Freund der Revolution. Gewiss, er hatte die Zeichen der Zeit erkannt. Er lernte aus den Ereignissen der Französischen Revolution, dass der Zusammenbruch der geistlichen Höfe und das Ende der Priesterherrschaft nicht mehr fern sein konnte. Er sah, dass das politische System, in dem er lebte, ein Anachronismus war, dass an seine Stelle etwas Neues treten musste. Es wurde ihm klar, dass eine entschiedene Verbesserung der unhaltbar gewordenen Verhältnisse des Volkes nun dann eintreten konnte, wenn die Unterdrückung durch den Adel und die geistliche Hierarchie ein Ende nehmen würde. So war Becker im Grunde seiner politischen Anschauungen Demokrat. Er war damit seiner Zeit weit voraus. Durchaus Idealist, verlor er doch nicht den Blick für die politischen Gegebenheiten und war auch keineswegs einseitig:

„Ich kenne die Mängel der demokratischen Verfassung ebenso wohl, als jene der aristokratischen und monarchischen. Ich wünsche nur, dass die Vorgesetzen in allen diesen Verfassungen rechtschaffene Männer seien und ihren Pflichten nachkommen möchten, so bin ich versichert, dass das Volk in allen diesen Verfassungen glücklich leben wird.“[130]

Im Zentrum seiner politischen Anschauung stand nicht das System, sondern immer der Mensch. Er hatte sich innerlich frei gemacht von dem Wust der Vorurteile seiner Zeit, von Devotion und Speichelleckerei. Nicht nach Stand und Herkunft, nicht nach äußerem Glanz beurteilte er die Menschen, sondern allein nach ihrer Gesinnung und nach ihrem inneren Wert.

Durch den weiteren Verlauf der revolutionären Ereignisse in Frankreich wurde Becker – hier ging es ihm wieder wie vielen seiner Zeitgenossen – tief enttäuscht. Er betrachtete die Vorgänge als Theologe vor allem von der religiösen Seite her und versuchte, sie von hier aus zu deuten. In den Auswüchsen der Französischen Revolution glaubte er, einen Beweis mangelnden Christen-tums sehen zu können. Wie könnten solche Grausamkeiten sonst unter Christenmenschen verübt werden? Haben nicht Jahrhunderte falsch angewandter christlicher Lehre im französischen Volk einen ungeheuren Hass gegen den Klerus angestaut? War nicht letzten Endes der Klerus schuld am Tode von Hunderttausenden in den blutigen Albigenser- und Hugenottenkriegen? Mit welcher Bitterkeit wandte sich Becker gegen die französische Geistlichkeit:

„Die Geistlichkeit hat ihre Pflicht nicht getan, sonst hätte sie dem Volk bessere Begriffe vom Christentum beigebracht.“[131]

Und welche Konsequenzen ergaben sich aus dieser Erkenntnis? Becker zog sie klar für das Gebiet der Politik:

  • Nicht durch Anwendung von Gewalt, sondern durch Einsicht und Liebe zum Mitmenschen musste es im politischen Leben besser werden.

Und damit kam er nun auch von politischen Erwägungen und Betrachtungen zu demselben Resultat, das seine theologischen Untersuchungen ergeben hatten: zum praktischen Christentum.

Allen Auswirkungen der Revolution auf das Paderborner Volk, die allerdings nie ernsthafte Formen angenommen haben, trat er energisch entgegen.

„Den Pöbel, der gegen alles, was nur Adel und Geistlichkeit heißt, vorgehen wollte, habe ich mehr als einmal zur Räson gebracht…“[132]

Beckers politische Anschauungen, deren kurze Charakteristik hier eingefügt werden sollte, waren also alles andere, als umstürzlerisch und allgemeingefährlich. Für einen Geistlichen in einem Kirchenstaat mussten sie aber schließlich zum Konflikt mit dem herrschenden System führen.

VII. Verfahren gegen Becker

In diesen Jahren erschienen in der Nationalzeitung der Teutschen und in anderen Zeitschriften anonyme Beiträge, in denen die Zustände im Fürstbistum Paderborn, insbesondere auf dem Gebiet des Erziehungswesens, gegeißelt wurden. Man hielt Becker für den Verfasser dieser Zuschriften, weil man wusste, dass er einen Briefwechsel mit auswärtigen Gelehrten unterhielt, sich schriftstellerisch betätigte und zudem nie ein Hehl aus seiner aufgeklärten Einstellung gemacht hatte. Da in den Zeitungsnachrichten viele einflussreiche Domherren und sogar der Fürstbischof Franz Egon heftig angegriffen oder lächerlich gemacht wurden, richtete sich ihre Rachsucht gegen Becker. Doch verhinderte teils das Fehlen offener Handhaben, teils Furcht vor Beckers bedeutendem Anhang ein offenes Vorgehen. Becker hat später übrigens nachweisen können, dass er nicht der Verfasser dieser Zuschriften gewesen ist, er hat mehrfach Angebote, für auswärtige Zeitungen zu schreiben, abgelehnt.[133]

So hatte sich der Konfliktstoff seit Jahren angehäuft, es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis, durch eine scheinbar belanglose  Kleinigkeit verursacht, ein offenes Vorgehen gegen ihn stattfinden würde. 1796 verklagte ihn der Kanonikus und spätere Offizial Schnur beim Fürsten, weil er den Schulmeistern „ketzerische und schädliche Bücher“ geliehen habe. Es handelt sich um Seilers Religion der Unmündigen und die Abendgespräche von Pastor Huber.[134]  Schnur war wegen eines Streites um die Verzinsung einer Obligation auf Beckers Pfründe an der Kollegiatkirche im Bustorf schon seit langem Beckers Feind. Der Fürstbischof  beauftragte auf diese Klage hin den Domdechanten von Forstmeister, Becker zur Rede zu stellen und, falls notwendig, einen Verweis zu erteilen.[135] Becker gelang es aber unschwer nachzuweisen, dass es sich bei den angeführten Büchern nicht um solche ketzerischen Inhalts gehandelt hatte, und die Sache war damit abgetan.

Becker fühlte sich noch immer sicher. In dem Bewusstsein, an der Schwelle einer neuen Zeit zustehen und in dem Gefühl der Verbundenheit mit Gleichgesinnten in Paderborn und darüber hinaus in ganz Deutschland unterschätzte er die Möglichkeiten seiner Gegner. Er vergaß, dass er als Geistlicher in einem kirchlichen Staate lebte. Zwei Jahre nach der ersten Anklage schritten sie zur Gewalt. Am 8. Juni 1798 gegen 22 Uhr erschien Assessor Hölscher in Begleitung eines Trupps Soldaten vor seinem Hause. Als auf wiederholtes Klopfen nicht gleich geöffnet wurde, erbrachen sie die Haustür und drangen in die Wohnung ein. Becker, der zunächst an einen Raubüberfall dachte, wollte sich mit einem Messer zur Wehr setzen, doch erkannte er hinter den Soldaten rechtzeitig den ihm bekannten Assessor. Er wurde verhaftet und von einem Unteroffizier und vier Mann in das Franziskanerkloster abgeführt. Seine Wohnung wurde versiegelt.[136] Man sperrte ihn in eine Zelle, nachdem ihm Hölscher vorher erklärt hatte, dass er auf Befehl des Fürsten ad exercitia geschickt würde.[137]

Der Verhaftung war, allerdings ohne dass Becker davon erfahren hatte, eine Klage des Exjesuiten Hannemann, Beckers Nachfolger im Amt  des Archidiakonalkommissars, an den Domdechanten vorausgegangen. Als procurator sacri officii beschuldigte Hannemann Becker, in Gesellschaft von Domgeistlichen beim Kirchweihfest im Kloster Abdinghof ketzerische Reden geführt zu haben. Einige dieser Ketzereien wurden in der Klageschrift angeführt:

  • Jesus sei eines Zimmermanns Sohn gewesen,
  • Die Mönchsorden seien Ausgeburten der Schwärmerei und dergl. mehr. Außerdem wurden allgemeine Anschuldigungen gegen Becker erhoben:
  • Er lehre den Kindern, dass es keine Hölle gäbe,
  • Er lese nie Seelenmesse usw.[138]

Als Zeugen für diese Behauptungen wurden mehrere Geistliche angeführt, die alle Beckers Feinde waren.

Der Domdechant hatte aufgrund dieser Anklageschrift einige der angegebenen Zeugen summarisch vernommen und daraufhin die Klage dem Fürstbischof übergeben. Forstmeister hatte seinerseits die Bitte angefügt, der Fürst möchte das Religionsvergehen Beckers durch eine Kommission untersuchen lassen. Franz Egon setzte am 3. Juli eine Spezialkommission ein, die aus dem Offizial Schnur als Vorsitzenden und dem Assessor am Offizialgericht Hölscher und dem Lizentiaten Gronefeld als Beisitzern bestand. Schnur war Geistlicher, Hölscher und Gronefeld Laien. Diese Kommission war am 4. Juli zusammengetreten und hatte die Zeugen unter Eid vernommen, wobei sich nach ihrer Ansicht hinreichend belastendes Material ergeben hatte, um Becker verhaften zu lassen.

Becker war es bei der Verhaftung durch einen Zufall gelungen, unbemerkt einen Bleistift, sein Brevier und einige, meist schon beschriebene Blätter Papier zu sich zu stecken. Damit schrieb er in den nächsten Wochen seiner Gefangenschaft mit winzig kleinen Buchstaben, oft zwischen die Zeilen, sein Tagebuch. Diese Blätter sind im Original erhalten und liegen dem Folgenden zugrunde.[139]

Beckers Zelle lag im ersten Stock des Klosters in unmittelbarer Nähe der Uhr, die ihn durch ihr dröhnendes Schlagwerk immer wieder aufschreckte. Das Fenster ging auf den Klosterhof hinaus, der durch eine hohe Mauer von der Straße abgeschlossen war. Die Zelle lag so im inneren Winkel des Gebäudes, dass kein Windzug hereindringen konnte. Bei der großen Julihitze herrschte tagsüber Treibhaustemperatur darin. Die Zelle war möbliert mit einem Bett, das „halb verfault“ war, einem Tisch, zwei Stühlen, einem Pult und dem Nachtstuhl. Dieser war notwendig, weil Becker die Zelle nicht verlassen durfte. Da er nur selten geleert wurde, verbreitete er einen unerträglichen Geruch. Alles war derart verschmutzt, dass Becker, wie er schreibt, sein Nachtgeschirr mit aufgefangenem Regenwasser reinigen musste, was er aber erst konnte, als ihm die Fingernägel lang genug gewachsen waren. Die Zelle wurde nie gereinigt. Am 12. Juli vermerkte Becker, dass er sich freut, weil er zwei Gläser Wasser erhielt, um sich einmal „über her“ waschen zu können.

Sein Gesundheitszustand war stark geschwächt, er litt an Krämpfen und Koliken,  besonders aber an Hämorrhoiden. Nach vier Wochen gab man ihm neue Beinkleider, weil die alten ihm „am Leibe verfault“ waren. Seine von der Nacht durchschwitzte Wäsche trocknete er im offenen Fenster. Ab und zu wusch er sein einziges Paar Strümpfe im Nachtgeschirr, in dem er Regen-wasser aufgefangen hatte. Um sich etwas Bewegung zu machen, versuchte Becker, „den Holzhacker und allerlei Sprünge und Tänze in Pantoffeln“. „Dies müsste Demoiselle Allard[140] sehen, dachte ich dabei, sie würde die pas besser machen, als ich.“ Um sich etwas aufzumuntern, pfiff oder summte er das Lied „Freut euch des Lebens.“

Aus der Klosterküche erhielt er lieblos zubereitetes, sehr fettes Essen, das seinem schwachen Magen nicht zuträglich war. Da er das Fleisch nicht beißen konnte, bewahrte er es unter seinem Bett solange auf, bis es durch Fäulnis mürbe geworden war. Dagegen fehlte ihm selten sein tägliches Glas „Schnapps“ oder Wein, das er sich auf eigene Kosten aus der Stadt holen ließ.

Während der ganzen Gefangenschaft wurde er nie verhört. Man hat ihm nicht einmal den Grund seines Arrestes bekannt gemacht. Es war Becker klar, dass es sich hier nicht um exercitia spiritualia handeln konnte, denn es wurde ihm weder ein Pater spiritualis beigegeben, noch entsprechende Bücher zur Erbauung und Belehrung zur Verfügung gestellt. Auch ging den geistlichen Übungen keine Verhaftung durch Soldaten, sondern eine mündliche oder schriftliche Aufforderung des Vorgesetzten voran. Die geistlichen Übungen sollten keine Strafe, sondern ein Besserungsmittel sein. Es musste also mit seiner Haft eine andere Bewandtnis haben.

Nach einiger Zeit forderte man von ihm den Schlüssel zu seiner Wohnung und zu seinen Schränken. Kurz darauf wurde sein Haus vermietet, seine Sachen weggeschafft und seine Einkünfte gesperrt. Schließlich drangen Gerüchte zu ihm, dass man in Hildesheim in einem Kloster ein Gefängnis vorbereite, in das er überführt werden solle.[141] Aus allen diesen Anzeichen kam Becker zu dem Schluss, dass man entweder beabsichtige, ihn lebenslänglich einzukerkern oder seine Angelegenheit so lange verschleppen zu wollen, bis er unter den Entbehrungen der Gefangenschaft vor Entkräftung gestorben wäre. Inwieweit er mit dieser Vermutung recht gehabt hat, lässt sich nicht feststellen. Eine Unterredung mit dem Franziskaner-Provinzial Molkenbuhr,[142] dem einzigen Besuch, den er während seiner Gefangenschaft hatte, war jedenfalls geeignet, seinen Verdacht zu verstärken. Molkenbuhr war ein alter Bekannter Beckers, als Lektor im Kloster Gesecke war er Nachbar des Pfarrers von Hörste gewesen. Becker hat diese Unterredung wörtlich festgehalten, sie sei wegen ihres bezeichnendes Inhalts in den wichtigsten Teilen wiedergegeben:

 

Molkenbuhr:

Ich bedaure sehr, dass ich sie hier antreffe. Wie geht’s ihnen?

Becker:

Wie sie sehen, schlecht…. Was hat man gegen mich?

Molkenbuhr:

Ich kann es eigentlich nicht sagen, es werden doch Ursachen vorhanden sein. Man hat manchmal errares vircibiles.

Becker:

Ich weiß wohl, dass alle Menschen dem Irrtum unterworfen sind. Indessen glaube ich doch nicht, dass ich in grobe Irrtümer verwickelt sein sollte.

 

Molkenbuhr:

Wenn es aber doch plures dafür halten?

Becker:

Es kommt auf die Qualität der plures an. Wenn ich aber noch mehr gelehrte und rechtschaffene Männer dagegen stelle? – Warum behandelt man mich ärger, als einen Mörder und Straßenräuber, dem man doch zu sagen pflegt, warum er eingesperrt sei? Man behandelt mich gegen die Menschenrechte.

Molkenbuhr:

Ha, Menschenrechte! Man muss sich in den Willen Gottes fügen.

Becker:

Es kann der Wille Gottes nicht sein, dass Schurken und Ignoranten aus Bosheit einen ehrlichen Mann misshandeln. Der Domdechant handelt offenbar aus Passion gegen mich, und Hannemann aus Dummheit und Bosheit.

Molkenbuhr:

Von dem Herrn Domdechanten sollte ich das doch nicht vermuten. Was Hannemann anbetrifft – nun ja, er ist so ein Hannemann…

Becker:

Der Fürst hat mich ohne alle Ordnung durch Soldaten arretieren und ins Gefängnis werfen lassen.

Molkenbuhr:

Das ist eben nichts ungewöhnliches. Solches geschieht oft bei großen Herrn, ohne vorher eines  Verbrechens überführt zu sein.

Sie treten ans Fenster, so dass sie das große Kruzifix im Hof vor sich sehen.

Becker:

Sagen sie mir, warum hat man den Herrn Jesus ans Kreuz genagelt?

Molkenbuhr:

Sie können sich doch nicht mit Christo vergleichen!

Becker:

Was die Ursache der Verfolgung betrifft, so findet sich doch viel ähnliches in meinem Schicksal. Er ward von der Hohen und Niederen Priesterschaft bis zum Tod verfolgt, weil er durch seine Wohltätigkeit ihre Habsucht beschämte und durch seine Lehre ihre Heuchelei bloßstellte. Ich habe nichts anderes gelehrt, als die reine Lehre Jesu. Dadurch habe ich es bei der Hohen und Niederen Priesterschaft verdorben. Die christlichen Pharisäer denken und handeln um kein Haar besser, als vormals die jüdischen. – Warum verhört man mich nicht?

Molkenbuhr:

Das wird noch geschehen.

Becker:

Wenn ich tot bin! Mein Leben kann bei diesem barbarischen Verfahren nicht mehr lange währen.

 Molkenbuhr:

Was liegt daran? Ob sie etwas früher oder später sterben? Die Schuhmacher, Matrosen, Soldaten und Tagelöhner verkürzen sich auch ihr Leben durch Arbeit und Strapazen. Man muss sich nichts daraus machen, wenn es Gottes Wille ist.[143]

 

Becker glaubte nach dieser Unterredung, das Schlimmste befürchten zu müssen. Unter diesen Umständen war es verständlich, dass er an Flucht dachte. Er knüpfte versuchsweise die Betttücher aneinander, sie reichten aber nicht bis zum Boden. Auch musste er sich sagen, dass ihm die Kräfte fehlen würden, die Klostermauer zu übersteigen. So blieb ihm nur die Hoffnung auf Rettung von außen.. Um für alle Fälle gerüstet zu sein, blieb er oft  bis gegen Morgen wach und angekleidet. Das Fenster ließ er nachts auf und stellte einen Stuhl davor. Doch es geschah nichts.

Mit zunehmendem Schwinden der Körperkräfte fiel er immer häufiger in Depressionen. Gelegentlich auftauchende Selbstmordgedanken wurden ebenso schnell wieder verworfen, da er sie nicht mit seiner religiösen und ethischen Einstellung in Einklang bringen konnte. Häufiger kamen Tage, an denen ihn seine Selbstbeherrschung verließ, an denen er „seiner Sinne nicht mehr mächtig“ war. Wenn er in solchen Augenblicken einen Menschen sah, und wenn es der

  1. Guardian des Klosters war, so stieß er wilde Flüche aus, nannte den Domdechanten einen Schurken und rief alle Donnerwetter an, die „ganze Mönchstyrannei zu zerschmettern.“[144] Ja, er drohte, allen seinen Peinigern „das Messer in den Leib zu bohren.“ Becker hat seine Flüche alle sauber notiert und bemerkt dazu, dass er das Fluchen nicht „nach den Regeln gelernt“, sondern sich erst im Kerker „darauf geworfen“ habe.[145]

Währenddessen hatte man Becker in Paderborn nicht vergessen. Bereits am 28.Juni 1798 war in der „Nationalzeitung der Teutschen“[146] eine längere Notiz über seine Verhaftung erschienen, in der es abschließend hieß:

  • „Also wäre es möglich, dass man in Paderborn noch jetzt blos wegen Verschiedenheit der Meinungen einkerkerte?“

In einer weiteren Zeitungsnachricht[147] wurde an Franz Egon als Bischof und Reichsfürst appelliert, „offen zu Werke zu gehen, das Verfahren einer strengen Prüfung zu unterziehen und ein heimlich vorbereitetes Autodafé nicht zu dulden. Seine bekannte helle Denkungsart und der ihm eigene Scharfblick lässt das mit Sicherheit erwarten!“ Durch Freunde waren Becker diese Notizen in seine Zelle geschmuggelt worden. Er schöpfte aus ihnen wieder neue Hoffnung.

Beckers Bruder, der Kaufmann und Weinhändler Joseph Anton Becker, legte wenige Tage nach der Verhaftung Beckers Protest gegen das Inquisitionsverfahren und gegen die Personen der zur Untersuchung eingesetzten Kommissare beim Fürsten ein. Er erhielt keine Antwort und erhob daraufhin eine „Provokationsklage“ gegen den Domdechanten von Forstmeister beim Offizialgericht, die zum Zweck hatte, diesen zu veranlassen, den Denunzianten und die erhobenen Beschuldi-gungen gegen Becker anzugeben.[148] Das Offizialgericht, zu dessen Jurisdiktion der Fall Becker eigentlich gehört hätte, erließ an Forstmeister die Aufforderung, einen Bericht zu erstatten. Der Domdechant weigerte sich aber nicht nur, diesem Dekret nachzukommen, sondern beschwerte sich auch beim Fürstbischof über den Gerichtsbeschluss. Franz Egon erteilte darauf dem Offizialgericht einen Verweis und erklärte unter Hinweis auf ein Landesgesetz von 1779, dass die Berufung gegen die Entscheidung einer vom Fürsten eingesetzten Sonderbehörde nur an den Fürsten selbst, nicht aber an die ordentliche richterliche Instanz gerichtet werden könne.[149]

In einer Art von Sippenhaft ging der Fürstbischof gegen Beckers jüngeren Neffen Ferdinand Gottschalk Becker vor, der auf dem Seminar in Paderborn Theologie und Pädagogik studierte. Er wurde im Zusammenhang mit dem Fall seines Onkels verdächtigt und durch fürstliches Reskript vom 13.Oktober 1798 aus dem Seminar entlassen. Eine Entlassung ohne vorhergehende Warnung und ohne Angabe von Gründen widersprach den Statuten des Seminars. Um seine Handlungsweise nachträglich zu legalisieren, erließ Franz Egon später in einer neuen Seminarordnung einen besonderen Artikel:

  • „Art. 8. Von dem Gutbefinden des Bischofs soll es ebenfalls abhangen, ob er einen Seminaristen sine ulla forma juris, salvo tamen ipsius honore aus dem Seminarium entlassen will.“[150]

Der andere Neffe Beckers, Carl Ferdinand Becker, der inzwischen Professor am katholischen Gymnasium in Hildesheim geworden war, wandte sich ebenfalls  mit einer Fürbitte für seinen Onkel an den Fürstbischof.[151] Als Antwort ließ man ihn wissen, dass er sich den Fall seines Onkels zur Warnung dienen lassen solle und dass es besser gewesen wäre, wenn ihn der Onkel nicht in seinem aufklärerischen Sinne erzogen hätte.

Während Becker im Gefängnis saß, versuchte man, seinen Fall gegen die aufgeklärten Kreise in Paderborn auszunutzen. Am Liboriusfest, einem der höchsten Kirchenfeste im Dom, an dem das Volk von weither nach Paderborn kam, hielt ein Franziskaner eine Predigt gegen den Verfall der Religion durch Aufklärung und Bücherlesen und rief:

„Ihr Freigeister, euer Apostel und Erbketzer sitzt da, (auf das Kloster, in dem Becker gefangen saß, deutend) und wird seinen verdienten Lohn erhalten. Ihr werdet ihn nicht mehr wiedersehen…“[152]

Durch solche Angriffe erreichte man aber das Gegenteil, Beckers Anhänger wurden erst recht auf den Plan gerufen. Anscheinend hatte man schon Anfang Juli seine Befreiung geplant. Am 6. Juli erhielt er einen Zettel von unbekannter Hand, in dem er von naher Hilfe benachrichtigt wurde.[153]

Becker bewahrte diesen Brief in seinen Beinkleidern auf, mit Bleistift hat er seine Antwort auf die Rückseite geschrieben:

„…keiner wird mich einer bösen Handlung überführen. Meine Seelen- und Körperkräfte nehmen täglich ab. …ich werde also dem Pharisäismus bald ein erwünschtes Opfer werden…“

Am 12.Juli erreichte ihn ein zweiter Brief. Das eng beschriebene, vergilbte Blatt trägt außen den Vermerk:

Dem bewussten Freunde einzuhändigen.

Es heißt darin:[154]

„…ohne Maske erscheine ich jetzt vor Ihnen. Ich bin Nonne und muss durch andere wirken… Sie sollen, Sie müssen gerettet werden, selbst meine eigene Freiheit soll mir nicht zu teuer sein… Für kurze Zeit noch ertragen Sie Ihre traurige Lage. Mir ist noch keine Handlung misslungen, und so bauen Sie fest auf die Versicherung einer Nonne, die Ihnen schwört: Despotie und Pfaffenwuth sollen ihren Zweck nicht erreichen, solange noch ein Funken Kraft glüht in Ihrer Freundin

Constantie von Warschowitz.[155]

Am Rande des Papiers findet sich von Beckers Hand folgende Bemerkung:

 „13.Juli erhalten, mit Thränen benetzt!“

Ähnliche Eintragungen finden sich auch an den folgenden Tagen in seinem Tagebuch:

„…bei Berührung des Warschowitz’schen Briefes fließen Thränen…“[156]

„Wieviel Gutes würde sie Christus erwiesen haben, wenn sie ihn gekannt hätte, wo sie so edel gegen mich Unbekannten gesinnt ist. Hier ergoss sich mein wehmutsvolles Herz in Thränen…“[157]

Wollte man von diesen Sentimentalitäten auf eine besondere Charaktereigenschaft Beckers schließen, so würde man wahrscheinlich fehlgehen. Extremer Rationalismus auf der einen Seite – übersteigerte Sentimentalität auf der anderen kennzeichnen in ihrer Gegensätzlichkeit diese Übergangsperiode, die bei aller Betonung der „Natur“ etwas durchaus Unnatürliches, ja fast Krankhaftes hat. Die einseitige Verstandesherrschaft kompensierte sich in einem bisweilen konvulsiv hervorbrechenden Gefühl, in bewusster und gewollter Rührseligkeit. Die Korrespondenz der Baronin von Warschowitz mit Becker, die sich noch jahrelang fortsetzte, ist ein typisches Beispiel eines solchen schwärmerischen Verhältnisses mit Personen, die man niemals persönlich kennen gelernt hatte.[158] Man weinte über jeden Brief, den man erhielt, man brachte endlose Ergüsse zu Papier, ja, man verliebte sich sogar brieflich.

Becker sah nach diesen Mitteilungen zuversichtlich seiner Befreiung entgegen. Er wurde ruhiger und begann, das Markusevangelium auswendig zu lernen. Schon vor seiner Gefangenschaft hatte Becker eine Arbeit über dieses Evangelium begonnen, in der er den Versuch machen wollte, aus diesem Urevangelium die „Grundlehren des christlichen Glaubens“ zu formulieren.[159] Gelegentliche Äußerungen seines Wärters Joseph, wie: „Es wird wohl bald ein Ende haben!“ und dergl. bestärkten Becker in seiner Hoffnung. Mehr war aus Joseph aber nicht herauszubringen, obwohl sich Becker stundenlang mit diesem einzigen Menschen, mit dem er sprechen konnte, abgab. Er belehrte ihn über Napoleons Zug nach Ägypten; um eine Karte zeichnen zu können, besorgte Joseph Feder und Papier.

In der Nacht vom 25. auf den 26.Juli 1798 wurde Becker aus dem Gefängnis befreit. Über die Befreiung selbst liegen nur wenige Unterlagen vor. Es ist weder etwas über die Personen der Befreier, noch über ihre Gründe überliefert. Becker selber hat die Namen seiner Befreier nicht genannt, vermutlich, um sie nicht der Verfolgung auszusetzen. Er nennt sie „edeldenkende Menschenfreunde“. Den Verfassern der anderen Darstellungen der Befreiung werden sie nicht bekannt gewesen sein. Schücking spricht von „einer Anzahl junger Leute gleicher Sinnesart“,[160] Archenholz, Seibertz, Richter sprechen lediglich von „guten Freunden“.[161] Die Nonne von Warschowitz scheint jedenfalls führenden Anteil an der Befreiung gehabt zu haben, wahrscheinlich war die Initiative dazu von ihr ausgegangen.[162]

Über die Durchführung der Befreiung erschienen bald nachher phantastische und verzerrte Berichte, der unsachlichste findet sich wohl bei Henke,[163] der Becker auch noch einen Abschiedsbrief zuschreibt, den dieser nie geschrieben hat. Schücking beschreibt die Flucht folgendermaßen:

„…Sie (die Freunde) veranstalteten in dem Franziskanerkloster ein Gastmahl und sorgten dabei, dass die guten Brüder samt und sonders so voll süßen Weines waren, dass man von ihrer nächtlichen Wachsamkeit nichts weiter zu befürchten hatte. Um Mitternacht wurde Becker auf einer hohen Leiter aus dem Bett geholt.“[164]

Becker selbst erzählt über den Hergang  der Flucht nur, dass er so geschwächt war, dass ein starker Mann ihn beim Abstieg auf der Leiter halten und stützen musste. Nach dem Übersteigen der Klostermauer war er frei, doch galt es, möglichst schnell das Gebiet des Fürstbischofs von Paderborn zu verlassen. Die Flucht gelang unbemerkt. Noch in derselben Nacht überschritt Becker, von seinen Freunden geleitet, die Grenze und begab sich nach Brilon im kurkölnischen Herzogtum Westfalen. Im Hause des Peter Ulrich wurde er gastfreundlich aufgenommen.

VIII. Prozess gegen den Fürstbischof

In Brilon sollte Becker bald merken, dass er sich noch auf geistlichem Territorium befand. Man warnte ihn, vor die Stadttore zu gehen, weil die Mönche unter der Bevölkerung ausgestreut hatten, Gott würde die Stadt untergehen lassen, wenn der Magistrat den Ketzer nicht wegschaffe.[165] Auch bestand die Gefahr einer Auslieferung an Paderborn. Um dem zu entgehen, begab sich Becker unter den Schutz des aufgeklärten und menschenfreundlichen Fürsten von Waldeck, in dessen Residenz Arolsen er fast sieben Jahre bleiben sollte.

Bereits von Brilon aus hatte Becker dem Domdechanten als seinem unmittelbaren Vorgesetzten geschrieben, die Gründe seiner Flucht und seinen Aufenthaltsort mitgeteilt und um eine gesetzliche Untersuchung der gegen ihn erhobenen Klage gebeten. Er erhielt keine Antwort. Im September 1798 wandte er sich daraufhin an den Fürsten selbst. Er bat ihn ebenfalls um Durchführung einer ordnungsgemäßen Untersuchung und erbot sich, unter der Bedingung frei in Paderborn wohnen zu können, nach dort zurückzukehren. Seine in ehrerbietigem Ton gehaltene Bittschrift endigte folgendermaßen:

„…Ich habe das Vorurteil allemal mehr für als wider mich, denn drei Landesfürsten waren mit mir zufrieden, das Publikum liebt mich – und, was die Hauptsache ist, ich tat meine Pflicht!“[166]

Beckers Bitte wurde durch ein fürstliches Reskript vom 19. Oktober 1798 abgelehnt und ihm befohlen, sich binnen 14 Tagen im Franziskanerkloster in Paderborn zu stellen, widrigenfalls eine öffentliche Ladung gegen ihn erfolge. Bei Nichterscheinen würde in contumaciam gegen den Beklagten verfahren. Die öffentliche Vorladung erfolgte wenige Wochen später im Arnsberger und Paderborner Intelligenzblatt. Becker erschien nicht, sondern wandte sich im Januar 1799 direkt an die gegen ihn eingesetzte Untersuchungskommission, von deren Existenz er erst durch das fürstliche Reskript erfahren hatte, und erbot sich erneut, sich unter Gewährung eines Freibriefs in Paderborn zu stellen. Vor allem wollte er von der Kommission die ihm zur Last gelegten Vergehen erfahren, um sich dagegen verteidigen zu können. In seinem Schreiben findet sich der Satz: „Bedenken sie, dass sie einen Geistlichen im Jahre 1799 richten!“[167] Die Antwort der Kommission, von Gronefeld unterzeichnet, war selbstverständlich ablehnend.

Am 1.Juni 1799 wurde in contumaciam der „größere Kirchenbann“ (excommunicatio major) gegen Becker verhängt. Das bedeutete Ausstoßung aus der kirchlichen Gemeinschaft, Verlust der geistlichen Würde und aller kirchlichen Ämter und Pfründen. Das Exkommunizierungsdekret wurde an den Türen des Doms und der Kollegiatkirche in Bustorf öffentlich angeschlagen. Man sollte annehmen, dass der Bann am Ende des 18.Jahrhunderts seine Wirkung verloren gehabt hätte, doch zeigte sich bald, dass das nicht einmal in dem überwiegend protestantischen Waldeck der Fall war. Eine Anzahl von Katholiken in Arolsen, das zum geistlichen Sprengel des Bischofs von Paderborn gehörte, begann Becker zu verfolgen. Unter Führung eines Kapuzinermönches, Marcellinus Rüde, der in Arolsen die Stelle des katholischen Geistlichen bekleidete, fassten sie den Plan, den Exkommunizierten zu misshandeln, wenn er die Kirche betreten sollte. An der kurkölnischen Grenze stellten sie Aufpasser auf, die Becker ergreifen und nach Paderborn abtransportieren sollten.[168]

Mit der Verhängung des Kirchenbanns musste Becker die Hoffnung, seine Angelegenheit in Paderborn regeln zu können, aufgeben. Er erhob infolgedessen schon im Juli 1799 die Klage beim Reichskammergericht in Wetzlar. Anfang Juli hatte er sich für einige Wochen nach Kassel begeben, vermutlich, um mit Hilfe erfahrener Juristen seine umfangreiche Klageschrift fertig zu stellen.

In einer für das damals schon in den letzten Zügen  liegende Reichskammergericht unglaublich schnellen Zeit von nur 9 Tagen erfolgte ein vorläufiges Urteil,[169] dessen wesentlicher Inhalt war, dass der Fürst zur Abgabe eines „umständlichen Berichts“ aufgefordert wurde. Insbesondere sollte er darüber Rechenschaft ablegen, warum er den Fall Becker einer von ihm eingesetzten Spezialkommission und nicht der ordnungsgemäßen Gerichtsbarkeit des Offizialgerichts in Paderborn übertragen habe. Alle Maßnahmen gegen Becker, die einer Entscheidung des Reichskammergerichts vorgreifen würden, wurden dem Fürsten verboten. – Diese vorläufige Entscheidung wurde als durchaus günstig für Becker angesehen, der Fürst von Waldeck, der regen Anteil an seiner Sache nahm, gratulierte Becker am 16.August1799 zu seinem Erfolg.[170]

Am 14. September 1799 legte Franz Anton seinen Bericht über das gegen Becker geführte Verfahren beim Reichskammergericht vor.[171] Der sehr umfangreiche Bericht bestand aus 35 Paragraphen, als Anhang war ihm das Inquisitionsprotokoll beigefügt. Im wesentlichen ging es bei dem Bericht darum nachzuweisen, dass Becker ein gefährlicher und aufrührerischer Ketzer und der Fürstbischof daher befugt gewesen sei, gegen ihn wie gegen einen kriminellen Verbrecher einzuschreiten. Um diesen Beweis zu führen, hatte man alles gegen Becker irgendwie zu verwendende Material zusammengetragen. In § 18 der Anklageschrift hieß es:

„Unter den geistlichen Verbrechen ist doch wohl eins der größten, wenn ein katholischer Geistlicher und Priester

  • sich zur Rotte der jüdischen Pharisäer schlägt,
  • die Gottheit Christi in öffentlicher Gesellschaft leugnet,
  • ihn zum Zimmermanns Sohn machet,
  • die französische Religion anrühmt
  • und den Buonaparte für den Messias hält,
  • und somit sich den gegründeten Verdacht zuzieht, dass er sich zu der Klasse jener Menschen gesellet habe, welche die christliche Religion untergraben und eine bloße natürliche Religion einführen und nach ihrer Vernunft modeln wollen.“[172]

Im übrigen werden ihm die schon bekannten Vorwürfe gemacht, dass er mit Protestanten und Freigeistern im Briefwechsel stehe, protestantische Bücher (Herder, Campe, Henke u.a.) ausgeliehen, die Ordensstifter als Schwärmer bezeichnet habe usw. Im Inquisitionsprotokoll waren 19 Zeugen aufgeführt, die ihre Angaben unter Eid bestätigt hatten. Wie sich aus dem Bericht ergab, waren Beckers Bücher, Manuskripte, seine Korrespondenz von der Kommission nach der Beschlagnahme den Franziskanern übergeben worden, die darüber ein Gutachten ausgestellt hatten.[173] Damit hatte die Kommission unrechtmäßigen Gebrauch von dem beschlagnahmten Material gemacht. Später erwies sich diese Tatsache erneut, als der Franziskaner-Provinzial Molkenbuhr in seinen Streitschriften sich auf  Einzelheiten in Beckers Schriften bezog.

Franz Egon erkannte in seinem Bericht die Kompetenz des Reichskammergerichtes als der höchsten weltlichen Instanz nicht an, sondern machte geltend, dass der Fall Becker als „geistliche Kriminalsache“ ausschließlich der kirchlichen Jurisdiktion unterliege. Er reichte daher seinen Bericht „unter feyerlichster Verwahrung von Meinen Bischöflichen und Meiner Kirche Gerechtsamen nicht im mindesten abzuweichen oder darin etwas zu vergeben…“[174] an das  Reichskammergericht ein. Damit wurde freilich der Kern des ganzen Falles berührt, doch soll darauf unten näher eingegangen werden.

Dem Bericht waren als Anlagen die Aussagen des P. Guardians des Franziskanerklosters in Paderborn und des Becker im Gefängnis behandelnden Arztes Dr. Schmidt beigefügt, die besagten, dass Becker gut behandelt worden und nicht ernsthaft erkrankt sei.[175] Schließlich stellte Franz Egon fest:

„Wo sind nun die Nullitäten, deren sich mein Unterthan, ein räudiges Schaaf meiner christlichen Heerde, bey diesem Hochpreißlichen Kayserlichen Kammergerichte zu beschuldigen, sich erfrechet hat?“[176]

Becker erhielt die bischöfliche Anklageschrift und das Inquisitionsprotokoll zur Beantwortung zugestellt. Hierdurch erfuhr er, welche Vergehen ihm zur Last gelegt wurden und konnte sich entsprechend verteidigen. Er ließ durch seinen Anwalt, den Lizentiaten Flach, in einer ebenso umfangreichen, 16 Paragraphen enthaltenden Verteidigungsschrift auf die Anklagepunkte antworten.[177]

Die Zeugen betreffend machte er geltend, dass die Kommission grundsätzlich nur diejenigen vernommen habe, deren feindselige Einstellung Becker gegenüber von vorn herein bekannt war. Positive Aussagen seien bewusst nicht aufgenommen worden, und auch die übrigen seien aus dem Zusammenhang herausgerissen und verstümmelt. Die Glaubwürdigkeit der Zeugen wurde bestritten, insbesondere die des Kronzeugen, eines in ganz Paderborn berüchtigten entlaufenen Mönches namens Spanke. Nach den kanonischen Gesetzen, so führte Beckers Anwalt aus, seien bei Beschuldigungen in Religionssachen immer zwei „unverwerfliche Zeugen“ notwendig. Die gegen Becker erhobenen Anwürfe waren aber nur von jeweils einem, noch dazu nicht immer einwandfreiem Zeugen bestätigt worden. Die 19 angeführten Zeugen hätten nämlich alle über verschiedene Tatbestände ausgesagt. – Die Kommissare Schnur und Hölscher perhorreszierte[178] Becker erneut, weil sie seine persönlichen Feinde seien.[179]

Außer dieser juristischen Verteidigung durch seinen Anwalt antwortete Becker selbst in zwei großen Verteidigungsschriften, die leider nicht mehr vorhanden sind,[180] vom theologischen Standpunkt aus auf die Vorwürfe in religiösen Dingen. Auch seine Schrift „Über die katholische Kirche“ hatte ursprünglich diesen Zweck. Er machte, seiner religiösen Einstellung entsprechen, kein Hehl aus seinen, von der orthodoxen Richtung abweichenden Ansichten, belegte seine Ausführungen aber immer aus der Bibel. Besonders hob er aber hervor, dass theologische Meinungsverschiedenheiten kein Grund für eine kriminelle Verfolgung sein könnten.

Mit der Anfechtung der Kompetenz des Reichskammergerichts durch den Fürstbischof war das Kernproblem des Verfahrens angeschnitten worden. Franz Egon hatte den Fall als eine rein kirchliche Rechtssache hingestellt, die unter die Jurisdiktion des Bischofs, bzw. im Berufungsfall des geistlichen Gerichts des Metropoliten in Mainz zu fallen hätte. Er führte für diese Ansicht an, dass die Anklagepunkte – Unglauben, Verbreitung falscher Lehren, Ketzerei –  rein theologischer Art seien. Das Verfahren gegen Becker sei also völlig ordnungsgemäß durchgeführt worden und könne nur in Paderborn weitergeführt werden. Dagegen argumentierten Becker und sein Anwalt, dass die gewaltsame Inhaftierung, die menschenunwürdige Behandlung im Gefängnis, die unrechtmäßige Enteignung des Eigentums und die Forderung der Genugtuung für das erlittene Unrecht und den Schaden rein weltliche Streitpunkte, aber keine theologischen seien. Dafür sprach auch der Umstand, dass der Fürst eine Untersuchungskommission über Becker eingesetzt hatte, die aus zwei Laien und nur einem Geistlichen bestand. Nach Beckers Ansicht konnte also allein das Reichskammergericht für die Entscheidung seines Falles zuständig sein.

In diesem Sinne  überreichte Beckers Anwalt am 16.September 1800 eine Vorstellung an das Reichskammergericht, die den Nachweis der alleinigen Zuständigkeit dieses Forums erbringen sollte. Beckers Forderungen wurden noch einmal zusammengefasst: Rückkehr nach Paderborn vor einem unparteiischen Gericht, Rückgabe seines Eigentums und seiner Einkünfte.

Noch während das Verfahren am Reichskammergericht lief, richtete Becker eine direkte Bittschrift an den Fürstbischof, in der er einen gütlichen Ausgleich anbot. Unter Bewilligung der oben angeführten Bedingungen sei er bereit, „die Hand zu einer gütlichen Aussöhnung zu bieten und sich seinem gnädigsten Landesherrn in die Arme zu werfen.“[181] Es ist anzunehmen, dass Becker, als er sich zu diesem Schritt entschloss, bereits von dem wenig aussichtsreichen Stand seines Prozesses überzeugt war. Wie zu erwarten, wurde diese Bittschrift nicht beantwortet.

Der Fürstbischof von Paderborn hatte aber nicht nur die Zuständigkeit des Reichskammer- gerichtes bestritten, sondern darüber hinaus – wohl um sicher zu gehen – den Sachbearbeiter des Becker’schen Falles perhorresziert.[182] Dieser Referent, der Freiherr von Schmidts, hatte das Dekret vom 7. August 1799 erlassen, woraus der Fürst wohl auf ein gewisses Wohlwollen Becker gegenüber schließen zu können glaubte. Das Wort eines Bischofs und Reichsfürsten wog anscheinend in Wetzlar so schwer, dass der Fall einem anderen Referenten übergeben wurde. Am 18. Januar 1801 erfolgte die endgültige Entscheidung des Reichskammergerichtes. Becker wurde abgewiesen und ihm anheim gestellt, sich mit seiner Klage an den Metropoliten von Mainz zu wenden. Das Gericht hatte sich auf den Standpunkt gestellt, dass seine Sache als rein theologischer Art anzusehen sei. Beckers Anspruch auf das von den Benefizien unabhängige Eigentum wurde aber ausdrücklich anerkannt. Falls der Fürstbischof es ihm nicht freiwillig überlassen würde, sollte „dem Implorenten der Recurs an das Reichskammergericht unbenommen“ bleiben.[183]

Mainz war schon im Ersten Koalitionskrieg von den Franzosen besetzt worden. Das erzbischöfliche Gericht hatte daher keinen festen Sitz. Abgesehen davon besaß Becker keine Mittel mehr, um seine Sache weiter zu verfolgen. Wenn er seinen Prozess beim Metropolitan-gericht nicht anhängig machte, so mag dabei wohl auch die geringe Aussicht, die für seine Sache dort bestand, mitgewirkt haben. Die Person des Erzbischofs Karl Joseph von Erthal, der als einer der zügellosesten dieser letzten geistlichen Fürsten geschildert wird,[184] ließ Becker wohl wenig Vertrauen zu seiner Entscheidung fassen. Sein in Paderborn beschlagnahmtes Eigentum wurde ihm trotz mehrfacher Aufforderung nicht zurückerstattet.[185] Becker musste seine Sache infolge völligen Fehlens finanzieller Mittel vorläufig auf sich beruhen lassen.

Beckers Lebensverhältnisse in Arolsen gestalteten sich inzwischen immer schwieriger. Sein Tagebuch gibt darüber Aufschluss. In der ersten Zeit waren ihm viele Spenden, oft von unbekannter Seite, zugegangen.[186] So finden wir am 10. Mai 1800 den Eintrag: „Coupon von 10 Gulden erhalten, von Wem?“ Becker erhielt viel Besuch, der oft von außerhalb kam. Durchreisende unterbrachen ihre Fahrt, um ihn kennen zu lernen.[187] Häufig wurde er in der Stadt zum Essen geladen, auch vom Fürsten von Waldeck und von der Fürstin. Liest man Beckers Aufzeichnungen, so ist man erstaunt, welches Interesse ein Vorgang von relativ geringer allgemeiner Bedeutung wie dieser fand, während sich zur selben Zeit größte politische Umwälzungen vollzogen, während sich der Krieg am Rhein abspielte. Das Leben floss für breite Schichten des deutschen Bürger-tums beschaulich im steten Gleichmaß dahin. Wie gering war die Teilnahme dieser Kreise an den großen politischen Ereignissen! Man fühlte sich nicht als Teilnehmer, sondern gleichsam als „Beschauer des Welttheaters“. Die Auffassung Friedrichs des Großen, dass der Bürger nicht merken soll, wenn der König Krieg führt, hatte sich im 18. Jahrhundert durchgesetzt und wirkte bis zu den Befreiungskriegen nach. Becker kommentierte das Weltgeschehen gelegentlich, ganz in diesem Sinne, in seinem Tagebuch zwischen persönlichen Notizen. So schrieb er im November 1800: „Révolution francaise – un corce la finira!“[188]

Allmählich wurde  das allgemeine Interesse für seinen Fall aber geringer. Es finden folgende Eintragungen.

„Kein Feuer im Ofen… muss frieren wie ein Hund…bekam einen Schweinsknochen zu nagen und die zusammengesuchten Brocken von Schellfisch, während er und sie (seine Wirtsleute) noch einmal so große Portionen hatten.[189]

Der Kredit, den Becker in Erwartung einer großen Entschädigung durch den Fürstbischof bereitwillig bei allen Geschäftsleuten fand, wurde ihm nach dem verlorenen Prozess nicht mehr gewährt.

Das Aufsehen, das dieses Inquisitionsverfahren am Ende des 18. Jahrhunderts nicht nur in Westfalen, sondern in weiten Teilen Deutschlands machte, lässt sich aus der großen Zahl zeitgenössischer Schriften, die sich damit beschäftigten, ersehen. Man ergriff teils für, teils gegen Becker Partei. Diese Pasquillen-Literatur war natürlich sehr polemisch. Vieles davon ist verloren gegangen, bzw. war mir nicht zugänglich, doch lässt sich der Inhalt oft durch Bezugnahme an anderer Stelle rekonstruieren. Richter[190] gibt eine Zusammenstellung dieser Literatur, die hier folgen soll:

  • Mönchstyrannei in Paderborn, dem Friedenskongress in Rastatt vorgelegt. Frankfurt und Leipzig 1798. (Anonym)
  • Marcellin Molkenbuhr, Erste Antwort auf die vorgebliche Mönchstyrannei. Münster und Paderborn 1799
  • Erste Beantwortung der ersten Antwort des Paters M. Molkenstein, vor dem Richterstuhl der gesunden Vernunft gebracht von Bruder Bonizius… Von einem Wahrheitsfreunde. Münster und Paderborn 1800[191]
  • Gründliche Verteidigung der vom Benefiziaten Becker in seiner Druckschrift „Geschichte meiner Gefangenschaft“ angegriffenen und offenbar beleidigten Herren… von Hermannus N.N., Paderborn 1800
  • Vorläufige Zurechtweisung des Franziskanerprovinzials M.Molkenbuhr in betreff der von ihm verfassten Schrift „Antwort auf die vorgebliche Mönchstyrannei in Paderborn, von einem Wahrheitsfreunde. 1800
  • Marcellin Molkenbuhr, Zweite Antwort auf die vorgebliche Mönchstyrannei in Paderborn, Münster und Paderborn 1801
  • Gespräch zwischen einem Leutnant und einem Geistlichen in Paderborn über die gewaltsame Arretierung des Kommissärs und Benefiziaten Becker, von einem die Publizität und Wahrheit liebenden Domherrn. 1801
  • Marcellin Molkenbuhr, Dritte Antwort auf die vorgebliche Mönchstyrannei in Paderborn, 1802
  • Aktenmäßige Darstellung des wider Ferdinand Becker geführten Inquisitionsprozesses…, von einem Paderbornischen Rechtsgelehrten, Mengeringshausen 1802, 2 Bände[192]

Becker hatte 1799 die „Geschichte meiner Gefangenschaft“ geschrieben, die in Rudolstadt im selben Jahr erschien. Zu den verschiedenen Veröffentlichungen über seinen Fall hatte er in dem 136 Quartseiten umfassenden „Berichtigungen und Erläuterungen über die eingesandten Nachrichten“[193] Stellung genommen. Diese Schrift ist anscheinend nicht veröffentlicht worden, sie ist auch im Archiv nicht handschriftlich vorhanden. An der „Aktenmäßigen Darstellung…“ hatte Becker wahrscheinlich persönlichen Anteil, zumindest hat er seine Aufzeichnungen teilweise zur Verfügung gestellt. Unter seinen Papieren finden sich Abrechnungen des Verlegers F.C. Weigel aus Mengeringshausen bei Arolsen, sowie Subskriptionsverzeichnisse dieses Werkes. Er hat es auch in einigen Fällen an einflussreiche Persönlichkeiten verschenkt, von denen er sich Unterstützung erhoffte.

Beckers Sache sah noch völlig aussichtslos aus, als große politische Ereignisse eintraten, die seinem Fall eine plötzliche Wendung geben konnten. 1802 wurde Paderborn von Preußen besetzt. Der Reichsdeputationshauptschluss von 1803 machte den meisten geistlichen Fürstenhäusern ein Ende. Außer Paderborn kam noch Münster an Preußen, während das kurkölnische Herzogtum Westfalen (Brilon, Arnsberg) an Hessen-Darmstadt fiel. Durch die Säkularisation war die Kirche arm geworden. Franz Egon wurde vom König von Preußen mit einer jährlichen Pension von 50 000 Reichstalern abgefunden. Die Eingliederung und Übernahme der neuen Gebiete wurde von Friedrich Wilhelm III. dem Minister von der Schulenburg übertragen, dem der Freiherr vom Stein beigegeben wurde. Schulenburg nahm seinen  Sitz in Hildesheim. In Paderborn wurde eine Königlich-Preußische Zivilkommission eingesetzt, die preußische Regierung erhielt das Recht zur Säkularisierung aller geistlichen Güter. Doch blieb in der inneren Verwaltung vorerst alles beim alten.[194]

Becker hatte unter diesen neuen Verhältnissen wieder Hoffnung geschöpft. Er wandte sich an den Grafen von der Schulenburg, der ihn an die preußische Zivilkommission verwies. Durch seinen Rechtsanwalt, den Lizentiaten Stamm, machte Becker im Oktober 1802 eine Eingabe an die Kommission und bat um Revision seines Falles. Doch Becker wurde auch hier abgewiesen. Die Kommission schloss sich im wesentlichen dem Urteil des Reichskammergerichts von 1801 an. Da der Fall rein kirchendisziplinarischen Charakter trage, lehnte sie jede Einmischung ab. Becker wurde nahe gelegt, sich nach Paderborn zu begeben und sich dem Bischof zur Verurteilung zu stellen. Mit dieser Entscheidung gab sich Becker aber nicht zufrieden. Er erhob als letzten Versuch am 1. Januar 1805 Beschwerde gegen das gegen ihn geführte Verfahren beim König von Preußen. Warum er mit diesem Schritt solange gezögert hat, lässt sich aus seinen Aufzeichnungen nicht feststellen – vermutlich fehlten ihm die Geldmittel, die zu einer derartigen Rechtssache notwendig waren.

Durch den Großkanzler von Goldbeck wurde die Beschwerde dem König vorgetragen. Friedrich Wilhelm befahl daraufhin durch Kabinettsordre vom 8. Mai 1805 die Wiederaufnahme des Verfahrens und beauftragte mit der Durchführung der Untersuchung das Regierungskollegium in Paderborn.[195] Es erschien den preußischen Behörden notwendig, dass Becker selbst bei der Untersuchung anwesend war. Es wurde ihm von der Regierung freies Geleit zugesagt. Am 30.Juni 1805 fuhr Becker nach Paderborn. Die preußischen Behörden waren korrekt und liebenswürdig gegen ihn, Becker stand unter ihrem Schutz, die kirchlichen Stellen konnten es nicht wagen, gegen ihn vorzugehen. Am 13. Juli wurde Becker dem preußischen Kammerpräsidenten von Vincke vorgestellt und hatte Gelegenheit, ihm seinen Fall ausführlich darstellen zu können.[196] Der Oberst von Quitzow und andere preußische Offiziere luden ihn zur Tafel.

Das Interesse, dass Becker bei der preußischen Regierung fand, erweckte auf der Gegenseite die Befürchtung, dass seine Sache eine überraschende Wendung nehmen könnte. Man suchte ihn daher durch List zum Verzicht auf seine Ansprüche zu bringen. Durch Mittelsmänner wurde Becker im Auftrag eines gewissen Fuxius gewarnt, den preußischen Versprechungen zu trauen und ihm geraten, sich freiwillig dem Bischof zu unterwerfen. Wenn er sich jetzt als wahrer Christ zeige, würde er alles wiedererhalten. Man ließ auch durchblicken, dass „bereits alles vom Offizial eingerichtet sei“ und fügte die Drohung an, dass die Paderborner ihm sonst feind sein würden.[197] Becker ließ sich aber nicht auf eine Unterwerfung ein, durch die er alle Rechtsansprüche aufgegeben hätte, sondern war entschlossen, seine Sache auf dem Rechtswege durchzufechten.

Am 4. September wurde der Fall Becker dem Dezernenten Regierungsrat Schwarz übertragen.[198] Das Urteil erfolgte am 22. September 1805 durch das Paderborner Regierungskollegium im Namen Friedrich Wilhelms III.  Die Untersuchung scheint ohne eine mündliche Verhandlung durchgeführt worden zu sein. Ohne eine ordentliche Gerichtsverhandlung wurde allein auf dem Verordnungsweg nach Prozessakten entschieden. Rosenkranz, der dieses Urteil „ein Beispiel einer auffallender Verletzung aller Rechtsformen“ nennt,[199] hat damit, was die Art seines Zustandekommens anbetrifft, recht. Das Urteil hatte folgenden Wortlaut:

„In Sachen des Domvicarius Ferdinand Becker zu Paderborn, Kläger wider den fiscus ecclesiasticus Beklagten,

erkennen Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König von Preußen den Akten gemäß für Recht:

dass das unterm 8ten Junii 1798 wider den Kläger wegen angeblicher Ketzerei und Vorbereitung irriger Religions-Grundsätze eingeleitete peinliche Verfahren, sowie das am 1ten Juni 1799 eröffnete wider den Kläger den größeren Kirchenbann verhängende Contumacial Erkenntniß als null und nichtig aufzuheben, der Kläger in Gefolge dessen in den Besitz seiner geistlichen Pfründe, und ungestörten Genuß aller davon abhangenden Rechte wieder einzusetzen, auch Fiscus ecclesiasticus in alle dem Kläger seit dem 8ten Junii 1798 verursachte gerichtliche und außergerichtliche Kosten und sonstige Schäden mit Einschluß der Gerichtskosten dieser Instanz zu verurtheilen.

Von Rechts Wegen.

Königlich Preußische Paderbornische Regierung

 

Das Urteil löste in den aufgeklärten und mit Becker sympathisierenden Teilen der Paderborner Öffentlichkeit Befriedigung aus. Becker schreibt in seinem Tagebuch, dass er von allen Seiten beglückwünscht wurde, alte Frauen „küssten und herzten“ ihn, weil sie ihn vor ihrem Ableben noch einmal sahen.[200] Ebenso groß war die Enttäuschung auf der anderen Seite. Schücking urteilte 1855:

„Welchen Eindruck eine solche unbegreifliche Sentenz der Herren von der neuen Regierung machen musste, braucht nicht geschildert zu werden.“[201]

Mit der Entscheidung der preußischen Regierung war zwar eine eindeutige Rechtslage geschaffen, doch stellten sich der Vollstreckung des Urteils erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Die Problematik lag darin, dass es fraglich erschien, ob durch die Entscheidung einer weltlichen Institution ein Beschluss der kirchlichen Behörde, in diesem Fall die Exkommunizierung Beckers, aufgehoben werden konnte. Konnte die Kirche einen aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgestoßenen Geistlichen wieder in seine kirchlichen Ämter einsetzen? Beckers Pfründe war anderweitig vergeben, besaß er einen Rechtsanspruch darauf? Und wenn er ihn besaß, was sollte mit den neuen Inhabern der Pfründe geschehen, die doch auch einen rechtlichen Anspruch erhoben? Und schließlich: der fiscus ecclesiasticus bestand nach der Säkularisierung nicht mehr, wer sollte also Becker die Entschädigung zahlen?

Becker beantragte nachdrücklich die Vollstreckung des Urteils bei der preußischen Regierung. Diese sah Franz Egon als den in diesem Fall entstandenen Schaden Schuldigen an. Das Urteil wurde daher dem pensionierten Fürstbischof zugestellt und die Ausführung von ihm gefordert. Franz Egon weigerte sich jedoch, als geistlicher Fiskus zu gelten. In einem Immediatschreiben an den preußischen König vom 19.Oktober 1805 wies er das Urteil als inkompetent zurück und verwahrte sich dagegen, für den Becker zugefügten Schaden haftbar gemacht zu werden.[202] Beyme, der als Kabinettsrat eine Zwischenstellung zwischen dem König und den Ministern einnahm, machte zu diesem Schreiben folgende Randverfügung:[203]

„31.Okt.1805. Da die Verfügung des Großkanzlers auf Sr. Majestät unmittelbaren Befehl, der sich auf das landesherrliche jus circa sacra gründet, erlassen ist, so  muß derselben Folge gegeben werden.“

Nach der Weigerung des pensionierten Fürstbischofs sah sich die preußische Regierung vor die Wahl gestellt, entweder zu weiteren Maßnahmen gegen ihn zu greifen, oder aber selber als Rechtsnachfolger des fiscus ecclesiasticus aufzutreten. Preußen legte Wert darauf, in den säkularisierten Gebieten durch Milde die öffentliche Meinung allmählich für sich zu gewinnen, insbesondere den Bischof, der doch erheblichen Einfluss auf die Volksmeinung besaß, nicht zu verletzen. So wollte man auf der einen Seite nicht zu drastischen Maßregeln gegen Franz Egon greifen, sah sich aber andererseits auch nicht verantwortlich für dessen Verpflichtungen an. Die Vollstreckung wurde immer wieder hinausgeschoben, bis man schon im nächsten Jahr – 1806 – durch den Ausbruch des Krieges mit Frankreich einer Entscheidung enthoben wurde. Preußen verlor das Bistum Paderborn, und damit schwand für Becker auf unbestimmte Zeit die Hoffnung auf Entschädigung.

Becker musste sich – inzwischen 65 Jahre alt – in ärmlichen Verhältnissen durchschlagen. 1805 finden wir diese Eintragungen in seinem Tagebuch: „…die meisten Freunde haben mich verlassen…keine warme Bekleidung.“[204] Etwas später: „…weil ich nicht ordentlich gekleidet bin, um bei honetten Leuten zu erscheinen,…ließ den letzten Laubthaler wechseln, wobei ich dachte: Gott wird mir wohl wieder einen bescheren. Um 12 Uhr fand ich einen, nebst 6 Hemden zugeschickt.“[205] Von der preußischen Regierung hatte Becker gelegentlich kleinere Zahlungen erhalten. Dabei handelte es sich vermutlich um teilweise Rückzahlungen seines früheren Eigentums, soweit es von den Pfründen unabhängig war. Doch reichten diese Summen in keiner Weise, um den Lebensunterhalt davon zu bestreiten. Becker war gezwungen, Unterricht in Galvanismus, Astronomie und Elektrizität zu erteilen, um leben zu können. Außerdem unterrichte er Kinder in Lesen und gab sogar den bischöflichen Reitknechten private Bibelstunden.[206] Auf der Straße begegnete Becker mehrfach dem Bischof. Franz Egon sah ihn jedes Mal starr an und ging, ohne seinen Gruß zu erwidern, an ihm vorüber.

IX. Erneute Verfolgung und Tod

Nach dem Abzug der preußischen Truppen[207] wurde Paderborn von den Franzosen besetzt. Das Gebiet kam zunächst unter die Verwaltung der Grande Armée, Kommandant des Fürstentums wurde der Oberst Ducasse.[208] Im Frieden von Tilsit hatte Preußen Paderborn abtreten müssen. Das „Erbfürstentum“ kam zu dem neugebildeten Königreich Westfalen unter Jérôme. Es bildete einen Teil des Gouvernements Minden mit dem Generalgouverneur Gobert. In Paderborn selbst wurde unter Übernahme fast aller preußischen Beamten eine Paderborn’sche Landesregierung für den Bereich des Fürstentums gebildet, deren Vorsitz der Präsident von Coninx führte. Obwohl sich die preußische Verwaltung einer toleranten und vorsichtigen Eingliederungspolitik befleißigt hatte, war ein Teil des Klerus und von ihm beeinflusste Kreise der Bevölkerung aus einem gewissen Ressentiment gegen Preußen heraus bestrebt, die zurückgebliebenen preußischen Beamten entgelten zu lassen, was ihnen durch die „Annexion“ durch Preußen an vermeintlichem Unrecht geschehen war. Becker kommentierte die antipreußische Tendenz dieser Tage so:

„…die Nationalpreußen sind vom Pöbel auf alle Art insultiert worden… Die Preußen sind genug gezüchtigt worden. Ich halte es für unchristlich, ihnen noch mehr Leid zuzufügen. Ich glaube, dass an der Verstimmung der Bürger die Exmönche schuld sind…“[209]

Becker betrieb trotz des politischen Umschwungs seine Sache mit allem Eifer weiter. Zu Beginn des Jahres 1807 ließ er mit  kaiserlicher Erlaubnis Napoleons seine „Ehrenrettung“, d.h. das Urteil des Königs von Preußen von 1805 in den französisch besetzten Gebieten Westfalens veröffentlichen.[210] Zu der selben Zeit ordnete der Präsident der Paderborn’schen Regierung, von Coninx, erneut die umgehende Vollstreckung des Urteils vom 22.September 1805 an. Das bedeutete die Wiedereinsetzung Beckers in seine Rechte und Zahlung einer Entschädigung für alle erlittenen Schäden. Aus einem Briefe des Gouverneurs Gobert an den Präsidenten von Coninx[211] vom 12. März 1807 geht hervor, dass zu diesem Zeitpunkt der Fall Becker bereits dem Kaiser Napoleon zur Entscheidung vorgelegt worden war. Gobert tadelt den Präsidenten, weil er seine Vollstreckungsanordnung getroffen hat, ohne diese Entscheidung abzuwarten und schreibt dann:

„…Ich beabsichtige nicht, mich in die jurisdiktionellen Angelegenheiten einzumischen, deren freien Verlauf ich achten muss. Da aber die Vollstreckung Ihres Urteils die Aufrechterhaltung der Sicherheit und öffentlichen Ordnung in Frage stellt, und ich unterrichtet bin, dass die Wiedereinsetzung Beckers in seine Funktionen Unruhen in der Kirche von Paderborn verursachen kann, würden Sie, Herr Präsident, besser daran tun, jenen Teil des Urteils, der ihn in seiner Kirche wieder einsetzt, gar nicht vollstrecken zu lassen.“

Gobert drückte dann sein Erstaunen aus, ein im Namen des Königs von Preußen erlassenes Urteil zu lesen und forderte vom Präsidenten Rechenschaft, „par quelle raison on se sert encore d’un pareil protocol dans les actes de la Régence de Paderborn.“

Dieser Brief  war auf die Bemühungen des Klerus und des Bischofs zurückzuführen, den Wechsel des Regimes dazu auszunutzen, die Vollstreckung des Urteils zu verhindern. In einem anonymen Brief wurde Becker mitgeteilt, dass es dem Generalvikar Langen gelungen sei, den französischen Kommandanten Ducasse gegen ihn „in Bewegung zu setzen.“[212] Über diesen Ducasse hatte der Klerus Einfluss auf den Gouverneur Gobert gewonnen. Ein weiterer Brief des Generalgouverneurs an den Präsidenten von Coninx vom 29. April 1807[213] gibt Aufschluss darüber, dass es dem Klerus durch Intervention des Erzbischofs gelungen war, die Vollstreckung des Urteils zunächst einmal aufzuschieben. Die (ehemals preußische) Paderborn’sche Landesregierung mit dem Präsidenten von Coninx stand auf Beckers Seite, sie war aber bei ihrer Abhängigkeit von der Besatzungsmacht, deren Gouverneur und Kommandant eindeutig den Bischof unterstützten, bei aller Sympathie für Becker unfähig, etwas für ihn zu unternehmen. In diesem zweiten Brief heißt es u.a.:

 «Le Prince Evêque d’ Hildesheim m’a communiqué, Monsieur, une nouvelle note du Prince Primat à Sa Majesté l´Empereur et Roi relativement à l’affaire du Sieur Becker. J’ai moi-mêmes écrit conformément à cette note à Son Altesse le Prince Ministre de la Guerre en lui faisant observer, que je n’avois crû devoir suspendre l’exécution de votre sentence que relativement à l’installation de Becker, mais qu’aujourd’hui je pensois par respect pour Sa Majesté devant laquelle l’affaire a été portée, devoir arrêter toute l’exécution jusqu’á Sa décision, que je demandois d’autant plus prompte qu’il s’agissait des droits d’un particulier que vous croyiez juste… »

Wenn Gobert in seinem ersten Brief nur von der Aussetzung eines Teiles des Urteils, nämlich von der Wiedereinsetzung Beckers in seine alten Rechte gesprochen hatte, so forderte er hier bereits die Aussetzung aller Bestimmungen des Urteils. Leider lässt sich über die Entscheidung Napoleons in dem mir zur Verfügung stehenden Material nichts in Erfahrung bringen. Der weitere Verlauf des Verfahrens unter der französischen Herrschaft lässt jedoch erkennen, dass sie, wenn sie überhaupt gefällt worden ist, negativ für Becker gewesen sein muss. Eine seltsame Fügung des Schicksals, dass gerade der Mann ein Verfahren entschieden haben soll, in welchem dem Beklagten – wenn auch zu Unrecht – zu einem der Hauptanklagepunkte gemacht worden war, ihn als Messias bezeichnet zu haben.

Wo mögen die Ursachen dieser Haltung der Franzosen zu suchen sein? Man braucht nicht so weit zu gehen, wie Joseph Anton Becker in einem Brief an seinen Bruder Ferdinand[214], in dem er von Bestechung Goberts durch die bischöfliche Partei spricht – eine Behauptung, die nicht mehr bewiesen werden kann -, sondern hat die Ursache der Tendenz der französischen Verwaltung, mit dem Klerus gute Beziehungen zu unterhalten, darin zu sehen, dass sie sich damit die Unterstützung der Geistlichkeit auf anderen Gebieten sichern wollte. So arbeitete die orthodoxe Geistlichkeit mit den durchweg antiklerikal eingestellten Franzosen Hand in Hand. – und nicht nur in Beckers Fall… Wir finden in Beckers Tagebuch eine Reihe von Hinweisen darauf, dass Geistliche, besonders Exjesuiten, das Volk in Paderborn gegen Preußen und für die Franzosen beeinflussten.[215]

Schwieriger wird die Frage zu beantworten sein, was die Geistlichkeit zu der ausgesprochen pro-französischen Haltung veranlasst hat. Setzte der Bischof von Paderborn damit eine gewisse traditionelle Linie in der Politik westdeutscher Kirchenfürsten des 18. Jahrhunderts Frankreich gegenüber fort? War die Abneigung gegen das protestantische Preußen so groß, dass alle Gegensätze zu dem revolutionären Frankreich vergessen werden konnten? Es ist anzunehmen, dass man für die Säkularisation weniger Frankreich als Preußen verantwortlich gemacht hat. Wahrscheinlich haben aber weniger grundsätzliche Überlegungen die Geistlichkeit zu dieser Haltung veranlasst, als vielmehr die utilitaristische Erwägung, wie sie durch geschickte Ausnutzung der französischen Besatzungsmacht von Fall zu Fall eigene Ziele erreichen könne.

Um in Beckers Fall ganz sicher zu gehen, begannen seine alten Feinde Schnur und Hannemann in der Stadt eine erneute Verfolgung Beckers durchzuführen. Sie ließen Becker überwachen und stellten unter der Bevölkerung Verhöre an, um auf diese Weise neues belastendes Material zu sammeln.[216] Becker wurde von Freunden mehrfach vor solchen „Spionen“ gewarnt.  Man warf ihm vor, dass er auf den Fürstbischof geschimpft und ihn „einen schlechten Kerl“ genannt habe und dergleichen mehr.[217]

Wenn man die Verbitterung über das ihm zugefügte Unrecht und den Hass gegen seine Feinde berücksichtigt, erscheinen bei seiner temperamentvollen und unvorsichtigen Art die ihm zur Last gelegten Aussprüche glaubhaft. Durch Beeinflussung der Geschäftsleute wurde ihm aller Kredit genommen, so dass er bei seiner Mittellosigkeit keine Lebensmittel mehr erhalten konnte. Beckers Wirtin kündigte ihm auf Betreiben seiner Gegner die Wohnung. Sein Bruder, der Kaufmann und Weinhändler Joseph Anton, unterstützte ihn zwar, so weit es in seinen Kräften stand,[218] doch hatte auch er unter den Machenschaften von Beckers Feinden zu leiden. Durch eine Art Boykott seines Geschäftes suchte man ihn zu bewegen, sich von seinem Bruder loszusagen. Zur selben Zeit wurde Becker wieder von verschiedenen Seiten geraten, zu „submittieren“. Man ließ ihn wissen, dass der Fürst, wenn er selbst zu ihm ginge und sich unterwerfe, zu vergeben geneigt sei.

Die ganze Aktion hatte nur den Zweck, ihn durch Not und Versprechungen zum Verzicht auf seine Ansprüche zu bringen. Von der Gerechtigkeit seiner Sache überzeugt, schrieb Becker am 15.Juli 1807 in sein Tagebuch:

„…dies sind Handlungen, die mich nicht mehr von meinem Grundsatz abbringen können. Meine Tage sind bald zu Ende, aber die tyrannische Ungerechtigkeit meiner Gegner wird denselben noch lange zur Schande dienen.“[219]

Um allen weiteren Unannehmlichkeiten aus dem Wege zu gehen, vor allem auch aus Rücksicht auf die Familie seines Bruders, verließ Becker am 15.September 1807 Paderborn. Er hat es nie wieder betreten.

Bei seinem Neffen, dem Arzt Dr. Carl Ferdinand Becker in Höxter fand er Aufnahme.[220] Wie wenig im übrigen Beckers sonstige Verwandtschaft zu seiner Unterstützung getan hat, mag das Verhalten seines dritten Bruders, des Kaplans Johann Franz Becker,[221] zeigen, der öffentlich erklärte, dass sein Bruder wegen seiner Lehre verdient hätte, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden.

Der 64jährige war zu oft enttäuscht worden, als dass ihn diese letzten Vorgänge gebrochen hätten. Mit großer Liebe nahm er sich der Erziehung seines kleinen Großneffen Ferdinand an,[222] verfasste ein großes Lehrbuch für ihn in der Art der damals üblichen Elementarbücher, in dem er mehr oder weniger alle Stoffgebiete behandelte. 1811 verzog Carl Ferdinand  mit seiner Familie nach Karlshafen und später nach Göttingen, Becker blieb allein in Höxter zurück. Rührende Kinderbriefe des 6-8jährigen Ferdinand an seinen Großonkel,[223] z.T. in lateinischer Sprache, zeugen von der Anhänglichkeit des Kindes. Als Hinweis auf die Notlage Beckers finden wir in einem dieser Briefe: „…Du brauchst die Briefe nicht zu frankieren.“ Auf der Rückseite dieses Briefes steht, von der Hand des Großonkels geschrieben:

„…schenkte mir bei der Abreise einen Loisdor. Sollte ich mit meinen Forderungen reüssieren, so schenke ich dem Ferdinand von meiner Hinterlassenschaft 100 Pistolen, ohne dass er dadurch in seinem Anteil verkürzt werden soll.“[224]

Seinen Prozess konnte Becker als Untertan des Königreiches Westfalen jetzt nur noch bei der einzigen dafür zuständigen Instanz betreiben: am Hofe in KasselCarl Ferdinand, der eine Anstellung als sous-directeur der Salpeterbereitung in Göttingen bekommen hatte, hielt sich eine Zeit lang am Hofe Jérômes auf, um Beckers Sache dort zu betreiben. Der Briefwechsel, den er in dieser Zeit mit seinem Onkel in Höxter führte, gibt Aufschluss über diese Bemühungen. Er hatte die Bekanntschaft mehrerer einflussreicher Personen am Hofe gemacht, darunter die eines Prinzen zu Salm, der eine Nichte Napoleons zur Frau gehabt haben soll. Durch ihre Unterstützung wollte er die Sache Beckers befördern. Becker hat die Absicht gehabt, die Hälfte seines Schadensersatzes[225] dem König anzubieten, der ja bekanntlich immer sehr viel Geld gebrauchen konnte. Davon rieten aber die Bekannten ab, weil „Jerome es übel nehmen würde, wenn man ihm ein Geschenk auf solche Weise anbieten wollte.“ Man versprach sich in Kassel überhaupt von einer direkten Eingabe an den König wenig, weil „dieser dergleichen Vorstellungen meistens nicht lese.“[226] Ferner wurde empfohlen, dass das Ministerium des Inneren zunächst feststellen sollte, wer nach dem Urteil von 1805 als fiscus ecclastiacus anzusehen sei. Becker solle die Schadensersatzforderung nicht über-trieben hoch stellen, wenn er seiner Sache von vornherein schaden wolle. – Alle Versuche und Vorstellungen am Kasseler Hofe  scheinen aber letzten Endes erfolglos gewesen zu sein. Becker lebte weiter in bitterer Notlage in Höxter.

Mit dem Zusammenbruch des Königreichs Westfalen und dem Einrücken der Preußen im Oktober 1813 lebten Beckers Hoffnungen wieder auf. Sie waren nicht unbegründet, denn die preußischen Behörden zahlten ihm alsbald eine Pension, die nun wenigstens seinen Lebens-unterhalt sicherstellte.[227]

Um seine Sache, die inzwischen in der Öffentlichkeit mehr oder weniger in Vergessenheit geraten war, wieder zu aktualisieren, wollte er die „Aktenmäßige Darstellung“ neu auflegen lassen. Da ihm die Mittel dazu fehlten, bat er einen Bekannten, den Domänenreceptor Bohn in Höxter, ihm dabei mit Geld zu helfen.[228] Er fügte in seinem Brief hinzu, dass er die Absicht habe, die Verlagskosten zu ersetzen, und, falls seine Schadenseratzforderungen genehmigt würden, den Gewinn aus dem Verkauf des Buches für die Anschaffung „allgemeinnütziger Lesebücher für die arme Schuljugend (ausgenommen Katechismen) zu verwenden.“ Es ist anzunehmen, dass die preußische Regierung dem 74jährigen durch eine – wenigstens teilweise – Vollstreckung des 1805  von Friedrich Wilhelm III. ergangenen Urteil zu seinem Recht verholfen haben würde. Doch setzte da der Tod seinem Leben ein Ende.

Sein letzter uns erhaltener Brief, einige Wochen vor seinem Tode geschrieben, war an seine Nichte Amalie[229], die Frau Carl Ferdinands gerichtet. Aus ihm geht hervor, dass sich seine Lebensverhältnisse durch die Zahlung der Pension etwas gebessert hatten. Die lange Zeit der Entbehrungen hatte ihn aber stark entkräftet, „alle Nahrungsmittel konnten den durch viele Jahre hindurch ausgehungerten Magen nicht wieder in Tätigkeit setzen.“ Den nahen Tod sah er voraus:

„Weil ich voraussehe, dass ich irgendwo wegen Entkräftung in einen Todesschlaf geraten werde, so habe ich den Müller Pammel ersucht, falls er mich in dieser Lage in seiner Gartenlaube antreffen sollte, mich darin einzuscharren und meine Kleidungsstücke an arme Leute zu verschenken.“

Einsam, wie er die letzten Jahre gelebt hatte, starb er am 14. Dezember 1814.

Schlusswort

Der äußere Ablauf der Ereignisse, die das Leben Ferdinand Beckers bestimmten, lässt eine innere Entwicklung erkennen. Fassen wir noch einmal zusammen und sehen wir, welche Ursachen das Leben Beckers in diese Richtung gelenkt haben.

Das Milieu, in welches ihn sein Schicksal hineingestellt hatte, erlaubte seinen Anlagen nur, sich in einer bestimmten Weise zu realisieren. In dem Spannungsfeld, das sich zwischen seinen spezifischen Anlagen und der Umwelt entwickelte, wurde seine Persönlichkeit geformt. Becker war Westfale mit allen charakteristischen Eigenschaften seines Stammes. Eigenwillig bis zur Starrköpfigkeit ging er seinen Weg, wenn er eine Möglichkeit sah, die festgefahrene Schein-bildung und pharisäische Selbstgerechtigkeit seiner Zeitgenossen durch eine aufgeklärte, fortschrittliche Geisteshaltung zu verdrängen. Die Spannungen waren vielfältig: Wo er Wahrheit und den ernsten Willen zum Guten suchte, fand er Heuchelei und Verstellung. Seiner Offenheit und Klarheit setzte seine Umgebung Intrigen, Niederträchtigkeiten und glatte Diplomatie entgegen. Es gab nur eine Alternative: Entweder sich diesen Verhältnissen zu fügen, im Gefühl eigener Ohnmacht zu resignieren, oder aber sich kämpfend mit ihnen auseinander zu setzen – und dabei vielleicht zu zerbrechen. Eine dritte Möglichkeit, den Weg des ausgleichenden Kompromisses, schloss sein offener und gerader Charakter, dem alle Umwege verhasst waren, von vorneherein aus.

Becker wählte den Weg des Kampfes. Er versuchte, seine Pläne auszuführen, ohne dabei die Folgen zu bedenken. Dass er es nicht verstanden hat, seine weitgestreckten Pläne in kluger Beschränkung den Verhältnissen von Zeit und Umwelt anzupassen, liegt in seiner Unkompliziertheit und seinem großen Optimismus sich selbst und der Welt gegenüber begründet, die ihn glauben ließen, dass sich die Wahrheit auch ohne Kompromisse durchsetzen müsste. Darin lag seine Tragik, an der alle seine Pläne, die gegen die zahlreichen Missstände seiner Umgebung gerichtet waren, schließlich scheitern mussten.

Durch diese Diskrepanz zwischen seinen Vorstellungen und den Realitäten des Lebensraumes, in den er gestellt war, musste sich Becker in dem Beruf des Geistlichen, zu dem ihn mehr äußere Umstände als innere Berufung geführt hatten, eingeengt und unbefriedigt fühlen. Daher nahm die Beschäftigung mit politischen Ideen einen breiten Raum in seinem Leben ein. Er suchte den scheinbaren Gegensatz zwischen Politik und Moral zu überwinden, indem er von den Machthabern in allen politischen Systemen ein Handeln nach moralischen und ethischen Gesetzen forderte. Allein die Pflege der Gerechtigkeit und die Sorge für das Wohlergehen der Staatsbürger hielt er für das Kriterium bei der Beurteilung von Wert und Unwert eines Staatswesens. Verfassung und politisches System spielten daneben nur eine untergeordnete Rolle. Zu sehr hatte er selbst erlebt, wie das Recht in Paderborn nach dem Willen und den Bedürfnissen des Souveräns oder der Adelsclique gebeugt worden war, als dass er an ein Fortbestehen seines so korrupten Staatswesens glauben konnte.

Um seine politischen Ideen in der Praxis durchführen zu können, fehlten Becker die entsprechenden Möglichkeiten. Doch suchte er in seinem kleinen Bereich, vor allem, als er an verantwortlicher Stelle stand, nach diesen Maximen zu handeln. Altruistisch griff er bei allen Notständen ein, als Geistlicher und als Mensch wirkte er im Sinne eines praktischen Christentums unter seinen Mitmenschen.

Die Geistlichkeit in seiner Umgebung war von einer solchen Haltung weit entfernt. Sie er-schöpfte sich in theologischen und dogmatischen Spitzfindigkeiten. Aberglauben und menschliche Schwächen hatten das Gute und Ursprüngliche der kirchlichen Lehre überwuchert. Indem sich Becker gegen diese Auswüchse wandte, rief er nicht nur einen tiefen Gegensatz zu den damals herrschenden theologischen Auffassungen hervor, sondern schließlich auch einen offenen Konflikt mit der Kirche selbst. Damit aber geriet er im Laufe der Zeit nicht nur zu einer äußeren, sondern auch zu einer inneren Loslösung von der überkommenen transzendenten Wertwelt. Die rationalistische Philosophie konnte Becker diese Gebundenheit nicht ersetzen. So kam es zwangsläufig zu einer gewissen Bindungslosigkeit. Das scheint ihm – wenn auch undeutlich – bewusst gewesen zu sein, denn er suchte seinen Ausgleich, einen Halt in einem anthropo-zentrischen Weltbild zu finden. Fehlte ihm so die letzte Verwurzelung und eigentliche Geborgenheit als Quelle seines Schaffens, so mussten die andauernden Reibereien und Kämpfe seine Kraft vorzeitig verbrauchen. In den letzten Jahrzehnten seines Lebens, auch schon vor seiner Verhaftung, gelang es Becker nicht mehr, produktiv tätig zu sein.

Überschauen wir das Leben Ferdinand Beckers unter dem Gesichtspunkt der Spannungen zwischen Anlagen und Umwelt, zwischen aufgeklärter Philosophie und überkommener religiöser Wertwelt, zwischen Aktivität in christlicher Nächstenliebe und theologisch-dogmatischer Enge, so erkennen wir – wie mir scheint -, dass dieses Leben, einer inneren Gesetzmäßigkeit folgend, schließlich zum Bruch mit der katholischen Kirche mit allen seinen Folgen führen musste.

Zeittafel

12. November 1740 Geburt Ferdinand Beckers in Grevenstein
1763 Ordination zum Diakon
1763-1770 Pfarrer in Hörste
1770-1798 Domvikar in Paderborn
1780-1788 Archidiakonalkommissar
8. Juni 1798 Verhaftung, Beginn der Gefangenschaft im Franziskanerkloster zu Paderborn
25. Juli 1798 Befreiung aus dem Gefängnis
1799-1805 Becker in Arolsen
September 1798 Vorstellung an den Fürstbischof, Bitte um gerechte Untersuchung
19. Oktober 1798 Antwort des Fürstbischofs, Aufforderung an Becker, sich in Paderborn zu stellen
1. Juni 1799 Verhängung des „Größeren Kirchenbanns“ gegen Becker
25. Juli 1799 Klage Beckers gegen den Fürstbischof beim Reichskammergericht in Wetzlar
7. August 1799 Vorläufiges Urteil des RKG
18. Januar 1801 Endgültiges Urteil der RKG, Abweisung Beckers
1802 Paderborn von Preußen besetzt
1803 Klage Beckers bei der königlich-preußischen Zivilkommission, Abweisung
1. Januar 1805 Beschwerde an Friedrich Wilhelm III.
4. September 1805 Urteil des Königs von Preußen, Einsetzung Beckers in alle seine Rechte
19. Oktober 1805 Immediatschreiben Franz Egons an den König von Preußen,  Zurückweisung des Urteils vom 4. September 1805
1806 Besetzung Paderborns durch die Franzosen
15. September 1807 Becker verlässt Paderborn
1807-1814 Becker in Höxter
14. Dezember 1814 Tod Beckers in Höxter

Dokumente (Anhang)

  1. Abschaffung der lateinischen Gesänge im Bistum Paderborn

(Verordnung Ferdinand Beckers, abgedruckt in „Neues Westfälisches Magazin“ von 1790, 2.Band, S.252 ff., hg. von P.F. Weddigen)

Das Singen beym öffentlichen Gottesdienste ist ein wichtiger Theil der Anbetung, weil es das laute Gebet der Gemeinde ist, welches sie mit mehr Lebhaftigkeit bewegt, und zu längerem Anhalten erhebt; als das still nachgesprochene oder nur gedachte Gebet.

Daher hat die katholische Kirche für gut befunden, auch bey dem heiligen Meßopfer, als dem vorzüglichsten Theile aller gottesdienstlichen Handlungen den Gesang einzuführen; damit das Volk gleichsam mit einem Munde des Priesters Gebet einstimmig begleite, und mit demselben Gott ein gefälliges Opfer bringe.

Der Gesang ist zwar so, wie die ganze Einrichtung des heiligen Messopfers, in lateinischer Sprache abgefasset, und in selbiger zu Uns Deutschen sowol, als übrigen europäischen Nationen gekommen, weil Wir dieselbe von den Römern (Bey welchen damals das Latein eine Muttersprache war, und auch jetzt von anderen Nationen allgemeiner verstanden ward, als jetzt) erhalten haben; allein, da jetzt die lateinische Sprache so allgemein  nicht mehr im Gebrauch ist, als ehemals, und auch die Kirche in keinem Gesetze die Vorschrift gemacht hat, dass die Gemeine nur in lateinischer Sprache ihre Andacht verrichten solle; so haben schon längst gelehrte und einsichtsvolle Männer sich Mühe gegeben, die Meßgebete sowol, als Psalmen und Hymnen in andere Sprachen zu übersetzen, und deren Gebrauch statt der lateinischen anzurathen; weil durch ein verständliches Gebet das Herz und wahre Andacht mehr gewinnet, als durch ein unverständliches. Auch der Ausspruch Christi bei Matthäus am 18. Cap.. v. 19 uns so leicht nicht trifft: Dieses Volk ehret mich mit seinen Lefzen, aber ihr Herz ist weit von mir. Aus gleicher Ansicht sind bereits im verflossenen Jahre den sämtlichen Pfarreren des Dompropsteylichen Archidiaconats-Bezirks, die Messelieder und Gebete in deutscher Sprache zugestellet, und auch von ein und andern eifrigen Seelsorgern schon eingeführtet; hingegen von andern bis hieher theils vernachlässigt, theils auch, wo sie schon eingeführet waren, von blödsinnigen Fanatikern hinwieder zerstöret, und gänzlich unterlassen worden.

Da nun aber des Domprobsten und Archidiaconi Freyherrn von Weichs hochwürdigen Gnaden ernstliche Willensmeinung ist, daß belobte deutsche Lieder in Hochdere Archidiaconats-District statt der lateinischen gesungen werden sollen;

Also wird Namens Hochdesselben allen Pfarreren und Seelsorgern anbefohlen, sofort besagte Lieder einzuführen; die in einigen Orten noch gebräuchliche lateinische Metten und Vespern abzustellen, und an deren statt dem gemeinen Mann verständliche und auf Zeit und Andacht passende Lieder zu gebrauchen. Zu diesem Ende wird die Lesung des gelehrten Ludewig Anton Muratori wahre Andacht sämmtlichen Seelsorgern bestens anempfohlen.

Urkundlich beygedruckten Domprobsteylichen Archidiaconat-Gerichts-Insiegels.

Sign. Paderborn den 4.Juni 1785

 

(LS)                                                                               Vt. Fer. Becker

Com.Arch.Praep.maj.mpr.

 

A.J. Alberti, Act. Mpr.

 

  1. Urteil des Reichskammergerichtes vom 7.August 1799

Urkund

am Kayserl. Kammer-Gerichte

übergebener Supplic und darauf ertheilten

Decrets

in Sachen des

Paderbornischen Dom-Vicarii

Ferdinands Becker

wider Franz Egon, Bischof und Fürsten zu

Paderborn und dessen nachgestellte Commission

Wir Franz von Gottes Gnaden erwählter Römischer Kayser etc. Bekennen und thuen kund mit diesem Unserm Kayserl Briefe bezeugend, dass an unserem Kayserl. Kammer-Gerichte, desselben Advocat und Procurator der Ehrsame gelehrte Unser und des Reichs lieber getreuer Jacob Rasor der Rechten Doctor in außen bemerkter Sache am 31. d.M. eine untertänigste Supplic übergeben habe, und darauf  nachstehendes Decret ertheilt worden sey.

Tenor Decreti

N.Z.Z. abgeschlagen, sondern solle beklagtem Herrn Fürsten aus Paderborn, um über der Sache Beschaffenheit seinen umständlichen Bericht, zugleich aber auch insbesondere seine standhafte Verantwortung darüber, wie er in gegenwärtigem Falle dazu gekommen sey, gegen die ausdrückliche und  motivierte Behauptung seines eigenen Offizialat-Gerichtes eines zu der letzteren Gerichtsbarkeit gehörige Sache an eine Special-Kommission zur Entscheidung in via juris zu verweisen, und wie er sogar in Rescipto sub Nr.4 dieses Verfahren sowohl nach gemeinen Rechten als der dortigen Landes-Verfassung in geist- und weltlichen Sachen in Thesi gegründet ansehen möge, mit Beyfügung des vorgeblichen Landesgesetzes vom 17.März 1799 in passu concernente an dieses Kayserl. K.G. binnen 4 Wochen von Zeit der Insinuation und zwar ohentgeldlich einzuschicken, zugeschrieben werden, damit es in Entstehung desselben nicht der Exitation des Kayserl. Fiscal und anderer zur Handhabung unverrückter Justizpflege im Reiche vorgeschriebenen offenkundigen Gesetze nöthigen Verfügungen bedörffe.

Dann wird beklagtem Herrn Fürsten inzwischen und bis zur erfolgenden näheren dieses  Kayserl. Kammer-Gerichts Entscheidung mit allen präjudicirlichen Verfahren gegen des Supplicanten Prinzipal Person an sich zu halten, allen Ernstes befohlen.

Schließlich ist dieses Kayserl. K.G. Canzley  gegenwärtige Expedition einstweilen gratis erga annotationem verabfolgen zu lassen, angegeben. In Consilio 7ten August 1799.

Zu Urkund dessen haben Wir gegenwärtigen mit Unserem Kaiser. Insiegel bekräftigten Schein ausfertigen  und mittheilen lassen. Gegeben in Unserer und des heil. H.R. Stadt Wetzlar am achten Tage des Monats August nach Christi unsers lieben Herrn Geburt im siebenzehnhundert neun und neunzigsten Jahre.

Ad Mandatum Domini Electi

Imperatoris proprium

 

(L.S.)                                                                                    Herrmann Theodor Moritz Hoscher

Kayserl. K.G. Canzley-Verwalter.

 

Gotthart Eder

Kayserl. K.G. Protonotar.

 

  1. Brief von Generalgouverneur Gobert an den Präsidenten der Regierung von Paderborn, Herrn von Coninx

Grande Armée                                                                               Minden le 12 Mars 1807

Gouvernement de Minden

 

A M. de Coninx

Président de la Régence de Paderborn

 

J’apprends, Monsieur le Président, que quoique vous soyez instruit, qu´on a appelé de votre sentence pour le bénéficié Becker à sa Majesté l’Empereur des Français, vous avez ordonné qu’on exécutât de suite cette ordre.

Quoique je ne veuille pas me mêler des affaires judiciaires, dont je dois respecter le libre cours, cependant comme l’exécution de votre sentence tient au maintien de la police et de l’ordre public et que je suis instruit que l´installation de Sieur Becker dans ses fonctions peut occasionner des troubles dans l’église de Paderborn, vous voudrez bien ne point faire exécuter la partie de la sentence, que l’installe dans cette église. J´ai vu avec surprise le nom du Roi de Prusse à la tête de cette sentence. Je ne veux pas juger sans entendre le crime d’un homme, qui se permet une pareille violation de mes ordres et des volontés de l’Empereur. Rendez-moi compte, Monsieur le Président, par quelle raison on se sert encore d´un pareil protocol dans les actes de la Régence de Paderborn.

Je vous salue avec une considération très distinguée

 

Le Gouverneur Général

Gobert

 

  1. Brief von Generalgouverneur Gobert an den Präsidenten der Regierung von Paderborn, Herrn von Coninx

Grande Armée                                                                              Minden le 29 avril 1807

Gouvernement de Minden

 

A M. de Coninx

Président de la Régence de Paderborn

 

Le Prince Evêque d’Hildesheim m’a communiqué, Monsieur, une nouvelle note du Prince Primat à sa Majesté l’Empereur et Roi relativement à l’affaire du Sieur Becker. J’ai moi-même écrit conformément à cette note à son Altesse, le Prince Ministre de la guerre en lui faisant observer, que je n’avois crû devoir suspendre l’exécution de votre sentence que relativement à l’installation de Becker, mais aujourd’hui je pensois par respect pour sa  Majesté devant laquelle l’affaire a été portée, devoir arrêter toute l’exécution jusqu’à sa décision que je demandois d’autant plus prompte qu’il s’agissait des droits d’un particulier que vous croyez justes.

Je vous invite en conséquence à suspendre toute démarche ultérieure entre le chapitre et le Sieur Becker jusqu’à une décision, qui ne peut se faire attendre encore longtemps.

 

Je vous salue, Monsieur le Président

Avec une considération distinguée

 

Le Gouverneur Général

 Gobert 

  1. Kopie des sog. „Kleinen Tagebuchs aus dem Gefängnis“. (Originalgröße) Becker schrieb seine Notizen mit Bleistift zwischen die Zeilen schon beschriebener Blätter, die er bei seiner Verhaftung unbemerkt hatte zu sich stecken können.
  2. Seite 640 des „Großen Tagebuchs“ Ferdinand Beckers (Originalgröße). Dieses umfasst insgesamt 1086 Seiten. Geschrieben im Jahre 1799.
  3. Erster Brief der Baronin von Warschowitz an Becker. Der Brief ist nicht von ihrer Hand geschrieben, er wurde diktiert. Becker erhielt den Brief am 6. Juli 1798 im Gefängnis, am unteren Rand skizzierte er seine Antwort. Er trug diesen Brief während seiner Gefangenschaft und Flucht in seiner Hose verborgen bei sich.
  4. Brief des 8jährigen Ferdinand Becker (1805-1834) an seinen Großonkel Ferdinand Becker (den Älteren). Originalgröße)
  5. Brief Ferdinand Beckers an seinen Großneffen Ferdinand Becker vom 31. Dezember 1811.
  6. Letzter Brief Ferdinand Beckers an Amalie Becker geb. Schmincke vom 11. September 1814 (Erste und letzte Seite. Originalgröße)

 

Die Kopien 5-10 habe ich nicht reproduziert um das Original zu schonen. BB

 

Stammtafel der Familie Becker (ergänzt von Bert Böhmer, 9.2003)

Jodokus Joseph Becker oo Maria Antonetta Tilmann
Bürgermeister und Schulmeister
*1710 *1710

 

Franz Anton Ferdinand Joseph Anton Johannes Franz Franz Matthias
Bergmeister Domvikar

Schulkommissar

Kaufmann

Weinhändler

Kaplan Stiftsamtmann
1739-97 1740-1814 1744-1809 1747-1819 1750-1829
oo
Maria Anna Sartorius
1772-1836

 

Carl Ferdinand Ferdinand Gottschalk
Dr. med., Sprachforscher Dr. med., Hofarzt
oo
Amalie Schmincke
1782-1838

 

Ferdinand Sophie Minna Ferdinande Friedrich Bernhard Carl Wilhelm  Theodor
Dr.med. Schuldir. Gymn.Lehr. Kaufmann Schulrat
oo oo oo oo oo oo oo
v.Roedlich Helmsdörfer Pansch Trendelenburg Nietzsch Schöffer Maurer
Zilliaris Dr.Georg Dr.Christian Prof.Adolf Clara Julie Marie
1815-73 1803-56 1802-72 1822-1902 1839-1917 *1822

 

Quellen und Darstellungen

Handschriftliche Quellen

  1. Tagebücher Ferdinand Beckers
    1. Das kleine Tagebuch aus dem Gefängnis (Kl.Tgb.)
    2. Das große Tagebuch aus dem Gefängnis (Gr.Tgb.) 2 Teile
    3. Tagebuch 2, von 1799 – September 1800
    4. Tagebuch 3, von November 1800-Dezember 1802
    5. Tagebuch 4, von Dezember 1802-Dezember 1805
    6. Tagebuch 5, von Mai – August 1807
  2. Ferdinand Becker, Über die katholische Kirche, 2 Teile Große Verteidigungsschrift
  3. Briefe
    1. Briefe Ferdinand Beckers
    2. Briefe Carl Ferdinand an seinen Onkel Ferdinand 1811-1814
    3. Briefe Ferdinand Beckers an seinen Großonkel Ferdinand 1811-1814
    4. Briefe Joseph Anton Beckers an seinen Bruder Ferdinand 1806 – 1809
    5. Briefe Ferdinand Gottschalk Beckers an seinen Onkel Ferdinand Becker 1809-1810
    6. Briefe der Baronin von Warschowitz an Ferdinand Becker 1798 – 1803
    7. Briefe von Aug. Bernstein, Alanus Neukirch und Wachenfeld an Ferdinand Becker
    8. Briefe des französischen Generalgouverneurs Gobert an den Präsidenten von Coninx, 1807
  4. Geschäftliche Briefe, Rechnungen, Notizen, Schadensersatzforderungen,

Haushaltskalender Ferdinand Beckers

  1. Selbstbiographie Carl Ferdinand Beckers1798 (Bruchstück)
  2. Erinnerungen der Minna Pansch, geb. Becker (ca. 1864)

Gedruckte Quellen

  1. Greuel der Mönchsherrschaft in Paderborn, in: Archiv für die neueste Kirchengeschichte, hg. von Hrch.Phil. Conrad Henke, 6 Bände, Weimar 1798
  2. Der Vikar Becker, eine Inquisitionsgeschichte im Anfang des 19ten Jahrhunderts, in: Minerva, Journal historischen und politischen Inhalts, hg.v. J.W.Archenholz, Hamburg, 4. Band 1803, S. 418 ff.; 1. Band 1804, S. 42
  3. Aktenmäßige Darstellung des wider den Fürstlichen Schulkommissarius und Benefiziaten am Dom …Ferdinand Becker geführten Inquisitionsprozesses bis zudem Reichskammergerichte in seiner Sache gefällten Endurtheile. Bearbeitet von einem Paderborner Rechtsgelehrten, 2 Teile, Mengerichshausen 1802
  4. Ferdinand Becker, Geschichte meiner Gefangenschaft im Franziskanerkloster in Paderborn, Rudolstadt 1799
  5. Marcellin Molkenbuhr, Erste Antwort auf die vorgebliche Mönchstyrannei in Paderborn, Münster & Paderborn 1799
  6. Vorläufige Zurechtweisung des Franziskanerprovinzials M. Molkenbuhr, von einem Wahrheitsfreunde, Paderborn 1800
  7. Paderborn’sche Schulverordnung vom Jahre 1783, erlassen von Ferdinand Becker (neues Westfälisches Magazin, hg. von P. F. Weddigen, Bückeburg, 1. Band 1789, S. 164 ff.
  8. Verordnung die Landschulen betreffend, vom 31.8.1788. (Neues Westfälisches Magazin, Bückeburg, 1. Band 1789, S. 192 ff.)
  9. Abschaffung des lateinischen Gesanges im Fürstbistum Paderborn. Verordnung erlassen von Ferdinand Becker (Neues Westfälisches Magazin, 2. Band 1790, S.252 ff)
  10. Schreiben eines Ungenannten an den Herausgeber des Westfälischen Magazins über Paderborn (Neues Westfälisches Magazin, 1. Band 1789, S. 175 ff.)
  11. Etwas über Paderborn, von Educationsrat von Campe (Neues Westfälisches Magazin, 2. Band 1790, S. 137 ff.)
  12. An den Erziehungsrat von Campe in Braunschweig. (Antwort auf Nr. 11) (neues Westfälisches Magazin, 2. Band 1790, S.248 ff.)
  13. von Campe, Antwort auf das Schreiben eines Ungenannten aus Paderborn an den Schulrat Campe (Neues Westfälisches Magazin, 2. Band 1790, S. 334 ff.
  14. Nationalzeitung der Teutschen, Jahrgang 1798, S. 533 ff.; 552 f.; 578 ff.; 637 ff.; 603 ff.; 877
  15. Paderbornsches Intelligenzblatt vom 31. Januar 1807
  16. Waldeck’sches Intelligenzblatt vom 28.Oktober 1806
  17. Arnsbergisches Intelligenzblatt vom 24.Februar 1807
  18. Frankfurter Journal vom 5.September 1803
  19. Nachrichten aus dem Publikum über den Plan zur Errichtung einer Freischule für die Armen in Paderborn
  20. Intelligenzblatt der Allgemeinen Literaturzeitung, Nr. 110 vom 30.Juli 1800, S.950

Darstellungen

  1. Joseph Ahlhaus, Civitas und Diözese, in „Aus Politik und Geschichte, Gedächtnisschrift für Georg von Below, Berlin 1928, S.1ff.
  2. Georg Joseph Bessen, Geschichte des Bistums Paderborn, 2 Bände, Paderborn 1820
  3. Georg Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit, 2 Bände, Berlin 1928
  4. Joseph Hartmann, Geschichte der Provinz Westfalen, Berlin 1912
  5. Fritz Hartung, Deutsche Verfassungsgeschichte vom 15. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Leipzig & Berlin 1928
  6. C. von Moser, Über die Regierung der geistlichen Staaten in Deutschland, Frankfurt & Leipzig 1787
  7. Richter, Der Übergang des Hochstifts Paderborn an Preußen, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde, hg. vom Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, 62. Band, Münster 1904
  8. J. Rosenkranz, Eine Inquisitionsgeschichte, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde Westfalens, hg. vom Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, 13. Band, Münster 1852
  9. Johannes Schäfers, Geschichte des Bischöflichen Priesterseminars zu Paderborn vom Jahre der Gründung 1777 bis zum Jahre 1902, Paderborn 1902
  10. Johannes Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, Stuttgart1948
  11. Levin Schücking, Eine Eisenbahnfahrt durch Westfalen, Leipzig 1855
  12. Johann Suibert Seibertz, Westfälische Beiträge zur Deutschen Geschichte, 2 Bände, Darmstadt 1819-1823
  13. Heinrich von Treitschke, Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert, Leipzig 1879 ff.

 

[1] Pasquill, das (ital.) veraltet für: Schmäh-, Streitschrift

[2] Emmerich von Breitenbach, Kurfürst von Mainz 1763-1774; Franz Ludwig von Erthal, Fürstbischof von Würzburg und Bamberg 1779-1795; Wilhelm Anton Freiherr von Asseburg, Fürstbischof von Paderborn und Hildesheim 1763-1782

[3] Sailer, von Brentano, Overberg, Fellinger u.a.

[4] In Paderborn wurde das Auflösungsdekret zwar formell durchgeführt, entgegen seinen Bestimmungen führten die Exjesuiten aber auf Kosten ihres früheren Eigentums, das in einen „Exjesuitenfonds“ umgewandelt worden war, ein gemeinsames Leben und behielten ihre Stellungen als Professoren bei. (Schäfers, Geschichte des bischöflichen Priesterseminars zu Paderborn. Paderborn 1902. S.31 f.)

[5] Clemens August von Bayern (1719-1761) war der Bruder Kaiser Karls VII. Er war Erzbischof von Köln, Bischof von Münster, Osnabrück, Paderborn und Hildesheim, Großmeister des Deutschen Ordens.

[6] Nach einem zweijährigen Interregnum (1761-63) auf Verlangen Friedrichs des Großen, der während des Siebenjährigen Krieges keine Neuwahl wünschte.

[7] Bessen, Geschichte des Bistums Paderborn. Paderborn 1820. S. 353.- Auch Becker äußert sich in seinen Aufzeichnungen in ähnlichem Sinne.

[8] Friedrich Wilhelm Freiherr von Westphalen (1782-89)

[9] Franz Egon Freiherr von Fürstenberg (1789-1802), Bruder des  bedeutenderen Ministers Franz von Fürstenberg in Münster. Die Fürstenberger hatten in Paderborn schon eine Reihe von Bischöfen gestellt.

[10] Richter, Der Übergang des Hochstiftes Paderborn an Preußen, in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde, 62. Band. Münster 1904, S.182

[11] Angaben nach Richter, a.a.O., S.163 ff.

[12] Bessen, a.a.O., S.392 f.

[13] Lewin Schücking, Eine Eisenbahnfahrt durch Westfalen, Leipzig 1855, S.38 f.; Bessen, a.a.O. S.393f.

[14] 1792 veröffentliche der Bürgermeister von Paderborn, Dr. Neukirch, eine Schrift, in der diese Forderungen gestellt wurden. (Hartmann, Geschichte der Provinz Westfalen, Berlin 1912, S.240)

[15] Richter, a.a.O., S.109

[16] Hofmeister, Marschall, Mundschenk, Truchsess und Küchenmeister, Torwärter

[17] Schücking, a.a.O., S. 38

[18] ebenda, S.38

[19] Nach einer der preußischen Zivilkommission 1802 überreichten Aufstellung. (Schäfers, a.a.O., S.9 Anm.)

[20] Richter, a.a.O., S.177, zitiert nach von Haxthausen, Über die Agrarverfassung in Nordwestdeutschland, Berlin 1929, S.67

[21] Richter, a.a.O., S.193, zit. Nach Lehmann, Freiherr vom Stein I, S.243

[22] Hartmann, Geschichte der Provinz Westfalen, Berlin 1912, S.238

[23] Schücking, a.a.O., S 38

[24] Aufzeichnungen der Minna Pansch, einer Großnichte  Ferdinand Beckers, (aus dem Jahre 1864)

[25] Großes Tagebuch, S.264

[26] ebenda, S.475

[27] Benefizium = geistliche Pfründe, die von wohlhabenden Leuten gestiftet  (fundiert) wurde.

[28] Großes Tagebuch, S.169

[29] ebenda, S.254

[30] ebenda, S.250

[31] Joh. Suibert Seibertz, Westfälische Beiträge zur deutschen Geschichte, Darmstadt 1819-23, 1.Bd.S.26

[32] Großes Tagebuch, S.259

[33] Basedows Elementarwerk und Methodenbuch erschien 1774/76

[34] Bei Rosenkranz, Schücking u.a.

[35] Großes Tagebuch, S.256

[36] „Hier hörten wir nur die scholastischen Meinungen eines Tamburin, Gobat, Busenbaum – und nichts über Jesus, Paulus, Petrus.“ (Großes Tagebuch S.262)

[37] Seibertz, a.a.O., S.227

[38] ebenda, S.27

[39] Becker, Über die katholische Kirche, S.506. Becker besaß später eine ganze Sammlung von Reliquien, die z.T. schon aus seiner Kölner Zeit stammten. In einer Kapelle in Köln wurden z.B. Rosenkränze besonders gesegnet und mit kleinen Zetteln versehen, um ihnen größere Wirkungskraft zu verleihen.

[40] Großes Tagebuch, S.262

[41] Titulo patrimonii = auf Kosten der Eltern

[42] Vorläufige Zurechtweisung des Franziskaner-Provinzials M.Molkenbuhr, Paderborn 1800, S.13

[43] Großes Tagebuch, S. 230 ff.

[44] Seibertz, a.a.O., S.28f.

[45] „wovon der Pfarrer meistens leben muss…“ (Großes Tagebuch S.231)

[46] „… bin ich zu Kranken gerufen worden, die weniger krank waren als ich selbst, die nach abgelegter Beichte, ohne die Absolution abzuwarten, um Almosen begehrten. Dies geschah sehr oft um Mitternacht von Sonnabend auf den Sonntag, wo ich nach katholischem Gebrauch nüchtern bleiben musste, bis ich um 12 Uhr das Hochamt und Predigt zu halten anfangen konnte…“ (Großes Tagebuch, S.232 f.)

[47] Großes Tagebuch, S.240 ff

[48] Über die katholische Kirche, S.90

[49] Großes Tagebuch, S.370

[50] ebenda, S.82

[51] Über die katholische Kirche, S.428 Anmerkung

[52] Beckers Lehrer in Köln, Prof. Hillesheim, hatte deswegen die Minnoriten scharf angegriffen. Großes Tagebuch S.359

[53] Über die katholische Kirche, S.83

[54] Seibertz, a.a.O., S.30

[55] Großes Tagebuch, S.234

[56] ebenda, S.234

[57] Großes Tagebuch, S.310

[58] Becker besaß ein Benefizium am Dom, das er von seinem Onkel Tilmann geerbt hatte, und eines an der Kollegiatkirche in Bustorf in Paderborn, das von der Drostin von Schilder für ihn fundiert worden war.

[59] P. Marcellin Molkenbuhr, Erste Antwort auf die vorgebliche Mönchtyrannei in Paderborn, Paderborn 1799

[60] G. J.Rosenkranz, Eine Inquisitionsgeschichte, enthalten in: Zeitschrift für vaterländische Geschichte und Altertumskunde Westfalens, 13. Band, Münster 1852

[61] Großes Tagebuch, S.165. Der Einfluss Kants scheint hier erkennbar. Becker erwähnt ihn allerdings nur einmal, aber zu einem späteren Zeitpunkt.

[62] Über die katholische Kirche, S.215

[63] ebenda, S.570

[64] Großes Tagebuch, S.74

[65] Über die katholische Kirche, S.563

[66] ebenda, S.570

[67] Die Sozinianer waren eine in der Reformationszeit in der katholischen Kirche entstandene Geistesströmung, die die Gottheit Christi nicht anerkannten, sondern in ihm einen übernatürlich gezeugten, vorbildlichen Menschen sahen. Becker setzte die Sozinianer den Arianern gleich, die im 4. Jahrhundert auf dem Konzil von Nicäa der Gottheit Christi widersprachen

[68] Über die katholische Kirche, S.98

[69] Über die katholische Kirche, S.100

[70] Großes Tagebuch, S.64

[71] Über die katholische Kirche, S.50

[72] ebenda, S.226

[73] Großes Tagebuch, S.164

[74] Über die katholische Kirche, S.99

[75] ebenda, S.38

[76] Sollte bei Varrentrop in Frankfurt verlegt werden, verfiel aber bei der Verhaftung Beckers im Manuskript der Beschlagnahme.

[77] Bei Seibertz, a.a.O., 1. Band, S.47 ff. findet sich eine Aufstellung von Beckers Schriften.

[78] Nähere Angaben über diese Schrift, die verloren gegangen ist, finden sich weder bei Seibertz, noch in Beckers Aufzeichnungen.

[79] Großes Tagebuch, S.24 f.

[80] Basedows Methodenbuch und Elementarbuch erschien 1774/76

[81] Seibertz I, a.a.O.,S.32

[82] Rosenkranz, a.a.O.

[83] Über die katholische Kirche, S.540

[84] Im Jahre 1780

[85] Seibertz I, a.a.O.,S.35

[86] Visitationsbericht des P.Himmelhaus, Richter, a.a.O., S.179 ff.

[87] Erste Leseübungen für Kinder. (nach Villaume) Paderborn, Junfermann, o.J.

Synchronistische Geschichtstafel von der Urwelt bis aufs Christentum, Junfermann 1792

[88] Neues Westfälisches Magazin, Bückeburg 1789, 1.Bd. S.164 ff.

[89] Über die katholische Kirche, S.496 ff.

[90] ebenda, S. 567

[91] Großes Tagebuch, S.43 ff.

 

[92] Über die katholische Kirche, S.188

[93] Großes Tagebuch, S.32 ff.

[94] ebenda, S. 34

[95] Großes Tagebuch, S. 46

[96] ebenda, S. 47

[97] Becker charakterisiert ihn folgendermaßen: „…bigotter Sonderling, der sich dreimal in den Kapuzinerorden hatte aufnehmen lassen und jedes Mal vor Beendigung des Prüfungsjahres die Kuttr wieder ausgezogen hatte.“ Becker hielt jede Zusammenarbeit mit ihm für unmöglich. Später erfuhr er, dass der Fürst befohlen hatte, ihm das Kommissariat zu belassen.

[98] Großes Tagebuch, S.88 ff.

[99] ebenda, S. 105

[100] ebenda, S. 92

[101] ebenda, S. 93

[102] ebenda, S. 94

[103] Becker scheint hier von Salzmann, Über die wirksamsten Mittel, den Kindern Religion beizubringen (1780) beeinflusst.

[104] Jungfrauen von der Gesellschaft der seligen Jungfrau. Seit1658 in Paderborn. Sie besaßen in ihrem Kloster eine Erziehungsanstalt für Mädchen.

[105] Großes Tagebuch, S. 557

[106] Pestalozzi hatte von 1775-1780 in Neuhof eine Armenanstalt in der Art einer Industrieschule betrieben.

[107] Carl Ferdinand Becker (1775-1849) war der Sohn des älteren Bruders Beckers. Er wurde nach Theologiestudium Professor in Hildesheim. Später Dr.med. und Arzt in Höxter. Gründete eine Erziehungsanstalt in Offenbach (Main). Als Sprachforscher wurde er durch eine Reihe von Werken bekannt: Deutsche Sprachlehre (1827-19), Ausführliche deutsche Grammatik (1836-39), Der deutsche Stil (1848)

[108] Selbstbiographie Carl Ferdinand Beckers, im Original (handschriftlich) im Becker-Archiv vorhanden (Fragment).

[109] Ferdinand Gottschalk Becker, Dr. med. und Hofarzt. Sohn eines jüngeren Bruders Beckers, der Weinhändler und Kaufmann in Paderborn war.

[110] Selbstbiographie Carl Ferdinand Beckers ,S.13

[111] Seibertz, a.a.O., 1. Bd., S.38

[112] Aktenmäßge Darstellung des wider den Fürstlichen Schulkommissar und Benefiziaten am Dom und der Kollegiatkirche zum Bustorf Ferdinand Becker geführten Inquisitionsprozesses…, Mengeringshausen 1802

[113] Seibertz, a.a.O.,, 1. Bd., S. 39. Becker erwähnt diese Unterredung nicht, es scheint mir daher zweifelhaft, ob sie stattgefunden hat.

[114] Die Schulverordnung ist enthalten im Neuen Westfälischen Magazin von 1789, 1. Bd., S. 192 ff.

[115] Friedrich Eberhard von Rochow, Der Kinderfreund, 1776/79

[116] Über die katholische Kirche, S. 207

[117] ebenda, S. 19

[118] ebenda, S. 20

[119] Über die katholische Kirche, S. 14

[120] Nach Richter, a.a.O.,, S.178, erhielten die Schullehrer jährlich 10 – 40 Reichstaler!

[121] Über die katholische Kirche, S. 22

[122] ebenda, S.30

[123] zitiert in: Nationalzeitung der Teutschen, 1798, 26. Stück, S.533

[124] ebenda, S.533

[125] Neues Westfälisches Magazin von 1790, 2.Bd., S.137 ff.

[126] Der Educationsrat von Campe hatte darauf in derselben Zeitschrift ausführlich erwidert (ebenda, S.334 ff.) und  Beckers Verdienst durchaus anerkannt.

[127] Richter, a.a.O., S.178

[128] Schücking, Rosenkranz a.a.O.

[129] Schücking,a.a.O., S.43

[130] Großes Tagebuch, S.161

[131] Über die katholische Kirche, S. 553

[132] ebenda, S. 577

[133] Nach dem Großen Tagebuch, S. 68, lehnte Becker ein Angebot Weddingens ab, für das Westfälische Magazin zu schreiben. Auch Carl Ferdinand Becker berichtet von Ablehnungen seines Onkels.

[134] Aktenmäßige Darstellung, a.a.O., S. 81

[135] Becker, Geschichte meiner Gefangenschaft, Rudolstadt 1799, S. 25

[136] Becker, Geschichte meiner Gefangenschaft, S.33ff; Richter, a.a.O., S. 207 ff; Henke a.a.O., S. 325 ff.

[137] exercitia spiritualis, geistliche Übungen. Sie haben den Zweck, bei Fehltritten und kleineren Vergehen von Geistlichen diese zum Erkennen und Bereuen zu bringen.

[138] Archenholz, Minerva, Jahrgang 1803, 4.Bd, S.424 f.; Aktenmäßige Darstellung, a.a.O., S.89

[139] Bezeichnet als „Kleines Tagebuch aus dem Gefängnis“. Becker-Archiv, Nr.2

[140] Die Tochter seines Hauswirts, eine Schülerin Beckers.

[141] Nach Henke, a.a.O., S.349, soll es sich um das Kloster Ringelheim gehandelt haben, und zwar um eine Zelle, die sich „oben in der Kirche mit nur einem Fenster zum Altar hin“ befunden haben soll.

[142] Der Provinzial (magister provincialis) ist das Oberhaupt des Ordens innerhalb einer Ordensprovinz. Er untersteht dem Ordensgeneral. Molkenbuhr unterstanden zahlreiche Klöster mit 700 bis 800 Mönchen.

[143] Großes Tagebuch, S. 644 ff.

[144] Großes Tagebuch, S. 634

[145] ebenda, S. 403

[146] National-Zeitung der Teutschen von 1798, 26. Stück, S. 533 f.

[147] Außer diesen Notizen finden sich in demselben Jahrgang der Nationalzeitung Notizen und Aufsätze über Beckers Fall auf den Seiten 552, 578, 693, 877. Obige Nachricht S. 637

[148] Wortlaut der Provokationsklage bei Henke, a.a.O., S. 328 ff.

[149] Minerva, a.a.O., S.58 f; Henke, a.a.O., S. 333 f.

[150] Schäfers, Geschichte des Bischöflichen Priesterseminars zu Paderborn von 1777 bis 1902, Paderborn 1902, S.229

[151] Henke, a.a.O., S.347

[152] Großes Tagebuch, S. 531

[153] Dieser Brief ist im Archiv vorhanden (11/1).

[154] Becker-Archiv, 11/3

[155] Die Nonne Constantie (oder Caroline) von Warschowitz aus dem Kloster Gehrden.

[156] Großes Tagebuch, S. 642

[157] ebenda, S. 697

[158] Eine größere Anzahl von Briefen der Baronin von Warschowitz an Becker aus den Jahren 1798 – 1803 sind im Archiv vorhanden. C.v.W trat später aus dem Kloster aus, verliebte sich vorübergehend in Beckers Neffen, nahm den lutherischen Glauben an und heiratete 1803 den Arzt Dr. Werne in Osnabrück.

[159] Großes Tagebuch, S. 406

[160] Schücking, a.a.O., S. 44

[161] Archenholz, Minerva 1803, a.a.O., S.429; Seibertz, 1.Bd., a.a.O., S.44; Richter, a.a.O., S.208

[162] Auch Minna Pansch-Becker spricht in ihren Erinnerungen von der „Nonne, die bei der Befreiung des Onkels mitgewirkt hatte.“. (Erinnerungen der Minna Pansch-Becker, S. 10 meiner Bearbeitung. BB)

[163] Henke, a.a.O., S.349 f.

[164] Schücking, a.a.O., S.44 f.

[165] Über die katholische Kirche, S. 44

[166] Archenholz, Minerva 1803, a.a.O., S.431

[167]ders., Minerva 1804, a.a.O. S. 45 ff.

[168] Über die katholische Kirche, S. 221; Ahrenholz, Minerva 1804, S.56 f.

[169] enthalten in: Archenholz, Minerva 1804, S.58; Aktenmäßige Darstellung, a.a.O., S.261 ff. : Abschrift im Anhang.

[170] Großes Tagebuch, S. 35

[171] in: Aktenmäßige Darstellung…, a.a.O., S.333 ff

[172] ebenda, S.363

[173] Über die katholische Kirche, S. 152 f.

[174] Aktenmäßige Darstellung, a.a.O., S. 355 (??nicht lesbar)

[175] ebenda, S. 413 und 415

[176] ebenda, S. 384

[177] Aktenmäßige Darstellung, S.432

[178] perhorreszieren (lat.) verabscheuen, zurückschrecken

[179] Ihre Perhorreszierung, von Beckers Bruder Joseph Anton gefordert, war seinerzeit durch den Fürsten verworfen worden.

[180] Sie gingen bei der amerikanischen Besetzung Marburgs 1945 verloren.

[181] Richter, a.a.O., S. 210; Archenholz, Minerva 1804, a.a.O., S.239

[182] Archenholz, Minerva 1804, a.a.O., S. 242

[183] ebenda, S. 243

[184] Joh. Scherr, Deutsche Kultur- und Sittengeschichte, Stuttgart 1948, S. 514

[185] Seibertz, 1.Bd, a.a.O., S.46

[186] Unter den Papieren findet sich eine Liste von 124 „Benefactores“, unter ihnen Namen von katholischen Pfarrern, Domherren, Beamten, Offizieren. (Becker-Archiv Nr. 9)

[187] Großes Tagebuch, S.29

[188] Tagebuch, S.4 (auf deutsch: Französische Revolution – ein Korse wird sie vollenden!)

[189] Tagebuch 4, S. 60, 1802

[190] Richter, a.a.O., S. 209 f.

[191] Nach Seibertz, 1.Bd., a.a.O. S.410 ist diese Schrift ebenso wie die nächste Friedrich Wilhelm Cosmann aus Paderborn zuzuschreiben.

[192] Auch an dieser Schrift soll nach Seibertz, a.a.O., S. 410, Cosmannn Anteil haben.

[193] Über diese Schrift geben nur Beckers eigene Angaben Aufschluss. Über die katholische Kirche, S.173

[194] Nach Richter, a.a.O., S. 224 ff.

[195] Richter, a.a.O., S.210

[196] Tagebuch 4, S. 133

[197] ebenda, S.134

[198] ebenda, S. 135  Schwarz hat in seinen Erinnerungen (Denkwürdigkeiten aus dem Leben eines Geschäftsmannes, Dichters und Humoristen, Leipzig 1828, S.366 ff) den Fall Becker geschildert. Nach Richter, a.a.O., S.207 Anmerkung. Die Denkwürdigkeiten waren mir leider nicht zugänglich.

[199] Rosenkranz, a.a.O., S. 381

[200] Tagebuch 4, S. 136

[201] Schücking, a.a.O. S.46

[202] Richter, a.a.O., S.211

[203] Karl Friedrich von Beyme (1765-1838), späterer preußischer Justizminister. Nach Richter, a.a.O., S.211 ist das Immediatschreiben abgedruckt bei: Granier, Preußen und die katholische Kirche, Nr. 874

[204] Tagebuch4, S. 79

[205] ebenda, S. 102

[206] Tagebuch 5, S. 12

[207] Eintrag in Beckers Tagebuch vom 27.Oktober 1806: „Die preußischen Adler weggeschafft“.

[208] Schäfers, a.a.O., S.83 f.; Richter, a.a.O., S. 227

[209] Tagebuch 5, S. 11

[210] Arnsberger Intelligenzblatt vom 24.2.1807; Paderborn’sches Intelligenzblatt vom 31 1.1807

[211] In Abschrift vorhanden. Wortlaut siehe Anhang.(nur im Original bei Knab, von mir nicht kopiert. B.B.)

[212] Tagebuch 5, S. 16

[213] Im Archiv in Abschrift vorhanden. Wortlaut siehe Anhang.

[214] Becker-Archiv, 5/1

[215] Tagebuch 5, S. 11 ff.

[216] Tagebuch 5, S.2

[217] ebenda, S. 3

[218] Unter Beckers Papieren findet sich eine Rechnung der Witwe Joseph Antons über 778 Reichstaler für die Auslagen in den Jahren 1798 bis 1808.

[219] Tagebuch 5, S. 13

[220] vgl. S. 34 (im MS.S.62) Er war seinerzeit „Professor“ am Josephinum Hildesheim und studierte dann aus gegebenem Anlass Medizin in Göttingen, obwohl von seinem Onkel dem geistlichen Stand bestimmt! (Anmerkung des Herausgebers Bert Böhmer)

[221] Über die katholische Kirche, S. 534. Johann Franz Becker (1747-1819) war Kaplan in Stukenbrok in der Senne. Laut Westfälischem Volksblatt vom 27.11.1913 hat er sich besondere Verdienste um das Schulwesen in diesem ärmsten Teil der Senne erworben.

[222] Ferdinand Becker, Dr. med. (1805-1834)

[223] Ferdinand hatte mit 7 Jahren schon Cornelius Nepos und Julius Caesar gelesen.

[224] Becker-Archiv 4/3

[225] Unter seinen Papieren findet sich eine Aufstellung der erlittenen Schäden. Er hatte sie mit rund 100 000 Reichstalern beziffert.

[226] Becker-Archiv, Brief 4/2

[227] Wann und durch wen die Pension zugesprochen worden ist, geht aus dem Material nicht hervor. Becker erwähnt sie in einem Brief von 1814 ; er fürchtet danach, dass er „nach dem neuen Tarif jährlich 28 Taler verliere.“

[228] Brief Beckers an Bohn vom 15.November 1813. 4/1

[229] Brief Beckers an Amalie Becker vom 11.September 1814

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