Minna Pansch, geb. Becker: Leben in bewegter Zeit

Minna Pansch geb. Becker

Leben in bewegter Zeit 1800-1815

Erinnerungen an ihre Eltern Carl Ferdinand Becker und Amalie geb. Schmincke, etwa aus dem Jahre 1864

Bearbeitet von Bert Böhmer im Jahre 2003

 

Familienübersicht

Carl Ferdinand Becker 1775-1849(Arzt und Sprachforscher) & 1804 Amalie Schmincke 1782-1838

Ihre Kinder:

  1. Ferdinand 1805-34 Arzt & Zilli von Roedlich
  2. Sophie 1807-71 & Dr. Georg Helmsdörfer
  3. Minna 1809-84 & Dr. Christian Pansch
  4. Ferdinande 1811-95 & Adolf Trendelenburg 1802-72 Prof. der Archäologie
  5. Friedrich Schuldirektor 1815-87
  6. Bernhard 1817-46 Gymnasiallehrer & Clara Nietzsch 1822-1903
  7. Carl Wilhelm 1821-97 Kaufmann und Konsul  & 1856 Julie Schöffer 1839-1917 
  8. Theodor 1822-95 Schulrat & Marie Maurer * 1822

Die Verfasserin ist also das 3. , Bert Böhmers Urgroßvater das 7. Kind.

Quelle. Handgeschriebene Erinnerungen Minna Pansch-Beckers. Becker-Archiv Offenbach

 

Carl Ferdinand Becker *1775 zu Lieser an der Mosel, +1849 zu Offenbach Gemälde des Offenbacher Malers G.W.Bode, etwa 1840. Foto einer Kopie von 1919
Carl Ferdinand Becker *1775 zu Lieser an der Mosel, +1849 zu Offenbach
Gemälde des Offenbacher Malers G.W.Bode, etwa 1840. Foto einer Kopie von 1919

Leben in bewegter Zeit

Unsere Eltern waren bedeutende Persönlichkeiten, und es musste ihr Einfluss auf unsere Kinderjahre deshalb ein mehr als gewöhnlicher sein; besonders bei den vier ältesten Geschwistern, deren Unterricht ganz ausschließlich von den Eltern geleitet wurde. Außer diesem Vorteile haben sie  auch den vor den jüngeren Brüdern, dass bei äußerer Not und Beschränkung der geistige Reichtum, den unsere Eltern entfalteten, weit glänzender hervortrat, als in den späteren Jahren, wo die äußeren Verhältnisse sich günstiger gestalteten.

Ich werde versuchen für die Brüder niederzuschreiben, was in meinem Gedächtnisse als Erlebtes oder aus der Eltern Munde Vernommenes ruht.

Um Ostern 1830 begleitete ich den Vater auf einer Reise in die alte Heimat. Bei Lippstadt [1]verließen wir die Chaussee quer über die Heide nach Delbrück[2]. Die Gegend war öde, Sandhügel und Morast wechselten ab, zu hören war nichts als der Sturmwind und das Geschrei des Kiebitzes. Da zeigte mir der Vater in der Ferne die Nachtigall, den väter-lichen Hof, auf dem er seine erste Kindheit verlebt hatte.

Später habe ich viele solcher Höfe gesehen, wie in der armen Heidegegend das alte Volk der Sachsen sie bewohnt, oft seit tausend Jahren,  vielleicht dieselbe Familie auf demselben Boden, auf dem sich die Menschen und die Sitten erhalten haben, dass man glaubt, tausend Jahre Geschichte zurück zu blicken.

Auf diesem einsamen, von Bäumen umringten Hofe, in den einfachsten, natürlichsten Verhältnissen und im innigen Verkehr mit den Höfen wuchs unser Vater bis zu seinem siebten Jahre heran, und Besonderes weiß ich darüber nichts zu berichten, als das er der Mutter von einem großen Kranich erzählt hat, dessen Tod wohl der erste Schmerz, aber ein nachhaltiger, in des Kindes Leben war.

Dass unser Vater an der Mosel[3] geboren ist, war fast Zufall, die Großeltern hielten sich dort eine Zeitlang auf, ich  meine, der Großvater hatte dort irgendeine Stellung bei einer Fabrik, dem Fürstbischof von Paderborn[4] gehörig. Vielleicht sollten damit die Vermögens-umstände gehoben werden, die in Folge von verfehlten Experimenten – Spinnmaschinen perpetuum mobile und dergleichen – sehr schlecht waren. Seine Vorfahren mögen sich besser gestanden haben, eine lange Reihe von ihnen waren Bürgermeister in Gravenstein. Auch lebt in all den Familiengliedern, die ich kennen lernte, ein gewisses Selbstgefühl, wie es sich in alten Familien immer ausbildet.

Unser Großvater starb sehr früh. Sein Bruder, ein Geistlicher an dem Dom zu Paderborn, nahm den 7jährigen Ferdinand zu sich, der auch zum geistlichen Stande bestimmt war. Er trat damit aus dem Kreise der Familie, und die Geschwister redeten ihn mit Sie an. Hierin allein haben wir den Grund zu sehen, warum später der Vater nicht in dem Maße in und mit der Familie lebte, wie es sein Charakter und auch seine Veranlagung sonst wohl hätten mit sich gebracht, und wie seine Kinder – glaube ich – alle es jetzt tun.

Vater zeigte mir in Paderborn das Haus, wo er und ein Vetter gleichen Alters bei dem guten Onkel wohnten; dicht davor fließt ein Arm der Pader, die in die Stadt aus mehreren reichen Quellen hervorströmt; und er erzählte mir, wie sie in dem munteren Wasser sich Mühlen gebaut haben. Über der Hauptquelle der Pader ist eine Kirche gebaut – ich meine von Kaiser Karl – der wunderschöne Dom erhebt sich über der alten Kirche. Zu jener Zeit hielt der Fürstbischof einen glänzenden Hof in Paderborn, und es mochten sich viele vom alten Adel Westfalens dort sammeln. Vater führte mich zu Herrn von Brandes. Wir schritten durch ein Tor, unter alten Linden hindurch, durch den Hof nach dem Hause zu, wo die hohen Bäume, in den einige alte Zweige sich bewegten, einen beruhigenden Eindruck auf mich machten. Am besten gefielen mir aber die Bewohner, ein alter freundlicher Herr, und eine hohe, noch schöne Matrone. Das ganze Bild ist mir unvergesslich, es war die Erklärung des Rätsels, warum unser Vater, der mehr geistige Freiheit besaß als die meisten Menschen, mit denen er in Berührung kam, warum gerade ihn das echt Vornehme, besonders bei Frauen, so sehr imponierte.

Aus des Vaters Knabenzeit haben wir wenig erfahren, wahrscheinlich hat der Onkel selbst ihn unterrichtet, der mit großer Vorliebe sein Amt als Kanonikus für die Laufbahn verwaltete, und später unseren Bruder Friedrich noch zum Schüler hatte. Doch hat Vater auch die Schule besucht, denn er erzählte uns viel von den feierlichen Umzügen am Hl. Liboriusfeste[5], wo der Sarg des Heiligen mit gar mancherlei Zubehör in Prozession um die Noot getragen wurde. Die Schüler folgten mit Gesang; in den Pausen belustigte man sich damit, die Juden in den Straßen mit Knütteln zu verfolgen…[6] Auch wusste Vater manche Anekdoten über die Passionsspiele zu erzählen, bei deren Aufführung er als Schüler tätig sein musste (glaube ich). Das frische Knabenleben, in welchem Gesundheit, Körperkraft und physischer Mut frei und kräftig sich entwickelte, scheint unserem Vater ganz vorenthalten zu sein –  er erzählte wohl, wie er ganz heimlich aufs Eis gegangen wäre, sich auf ein loses Stück Eis gestellt, den Mantel als Segel ausgespannt, sich vom Winde über die glatte Fläche habe treiben lassen. Das ist aber auch der einzige Knabenstreich, von dem ich jemals gehört habe. Geistliche Übungen in Kirche und Schule, sehr strenge Zucht und fleißiges Studium sollten ihn wohl am besten zu seinem Berufe befähigen. Doch ist bestimmt schon damals der Keim zu dem körperlichen Übel gelegt, das dem Vater selbst und allen, die ihn lieb hatten, so manche schwere Stunde gemacht hat.

Im 18ten Jahre wurde Vater als Lehrer des Lateinischen und der Mathematik am Jesuitenseminar in Hildesheim[7] angestellt. Es scheint ein sehr inniges Verhältnis zwischen dem Direktor der Anstalt (Lütgens?) und Vater bestanden zu haben, das noch in späteren Jahren fortgedauert hat. Beide Eltern haben einmal den 70jährigen Greis besucht, und Mutter wunderte sich über seine Wohnung; eine einfache Zelle mit zwei tannenen Stühlen und einem gleichen Tisch. Er muss seinen Zöglingen ein Vorbild gewesen sein in der Strenge und Enthaltsamkeit, die von ihm verlangt wurde.

*

Wir haben Grund zu glauben, dass unser Vater mit Freude und Erfolg sein Amt verwaltet hat, in dem er ohne äußeren Anstoß vielleicht fest auf dieser Bahn geblieben wäre. Es lag in Vaters Charakter nicht allein eine völlige, ausschließliche Hingebung an das, was seine Seele einmal mit Liebe erfasste; er besaß neben dieser kindlichen Begeisterung auch die ganze ausdauernde Treue, ohne welche jene Begeisterung nichts Großes, Tüchtiges bewirken kann. Schon wie nun trotz dieser Beharrlichkeit, des Vaters Lebensweg über sehr verschiedene Felder des Forschens und Wirkens einen – scheinbaren – Umweg machen, so müssen wir dabei fest ins Auge fassen, dass nicht Wankelmut und Überdruss, sondern jederzeit ein äußerer Zwang, oft eigentliche Not ihn auf eine neue Bahn führten. Und so sehen wir in beider Eltern Leben ungewöhnlich klar, wie eine höhere Hand sie zu ihrer Bestimmung leitet, während beide geistig frei sich bewegend in einem Maße, wie die Mehrzahl der Menschen es nicht erreicht, und mit geistiger Kraft sich immer über die drückenden Verhältnisse erhebend; der Vater in das Reich der Wissenschaft, der Wahrheit und der Gesetzlichkeit der Lebenserschei-nungen mehr und mehr zu erforschen; die Mutter unermüdlich in warmer, tätiger Liebe, Behaglichkeit und allen Freudigkeit verbreitend in ihrem Wirkungskreis, der ihr nie groß genug zu sein schien für ihr reiches warmes Herz.

Meine Mutter ist in Karlshafen[8] an der Weser geboren. Die kleine Stadt ist von französischen Refugiés gebaut, welche der Landgraf von Hessen gastlich aufnahm. Noch zu der Mutter Zeit hatten sie ihren französischen Gottesdienst abwechselnd mit den Deutschen und den Katholiken in derselben Kirche. Hohe Berge schließen die Weser hier ein,  verfallene Burgen in der Nähe und steile Klippen geben der Gegend etwas Romantisches, während der Handelsverkehr nach Bremen hier früh schon Fleiß und Wohlfahrt beförderte.

Mein Großvater (Schmincke) verlor früh seine Eltern; er sollte das Malerhandwerk lernen. Wohlwollende Menschen halfen ihm später auf den Weg, Kaufmann zu werden. Mutter erzählte von ihm als von einem stattlichen, wohlhabenden Manne. Er verschiffte viel Korn nach Bremen, die ältesten Töchter gewannen ein schönes Taschengeld aus den Groschen, die er ihnen für das Nähen der Kornsäcke gab. Zugleich hatte er einen Kolonial-Laden, in welchem die Invaliden (der nach Amerika und Kapland geschickten Truppen)[9] viel aus- und eingingen und gewiss dem lebhaften kleinen Malchen oft erzählen mussten. Großvater war Bürgermeister, er hatte für sieben Wochentage sieben vollfrisierte Perücken im Schranke stehen; und für jedes Kind – das zehnte wurde nach seinem Tode geboren – schaffte er gleich nach der Geburt eine Uhr an. Wenn er Sonntags zur Kirche ging, folgten die Kinder ihm paarweise. Mittags kam jeden Sonntag eine Flasche Lunel auf den Tisch, und alle mussten (auf) des Landgrafen Gesundheit trinken –  derselbe, der seine Landeskinder verkaufte – aus Dankbarkeit, dass er das französische Theater in Kassel abgeschafft hatte. Meine Mutter erinnerte sehr gern daran, wie sie unter seinem Arbeitstisch an der Erde saß und im Gesangbuch las. Sie war acht Jahre alt, als ihr Vater starb.

Meine Großmutter war aus Uslar[10] gebürtig, wo die Schuhmanns noch in mehreren Familien wohnen. Sie heiratete mit 16 Jahren, wurde mit 34 Jahren Witwe, Mutter von 10 Kindern und Vorsteherin eines bedeutenden Handelsgeschäftes. Heiter, lebhaft und unerschöpflich wohlwollend und nachsichtig, war sie dieser Aufgabe nicht gewachsen. Es war die Zeit, als allerorten nicht nur dem Zwange, sondern auch der strengen Sitte der Krieg erklärt wurde. Aber auch ohne solchen Einfluss hätte sie schwerlich das Herz gehabt, den heranwachsenden Kindern einen Lebensgenuss zu versagen. Nicht die Töchter, wohl aber der Sohn haben darunter gelitten. In ihren Händen ging das Geschäft rasch zurück. Die Großmutter hat endlosen Kummer und Sorgen gehabt, hat sich dabei aber ihr freundliches Gemüt bewahrt, und ist hoch in den Neunzigern gestorben, nur die letzten Jahre leidend. Sie war etwa 60 Jahre alt, als sie uns in Offenbach besuchte, rüstig und bereit zu jeder Arbeit und empfänglich für jede Freude, am meisten für das Suchen und Finden der jugendlichen Welt – eine reine, warme Menschenseele.

Nach dem Tode des Großvaters Schmincke kam Mutter mit ihrem jüngsten Bruder nach Uslar zu ihrer Großmutter Schuhmann. Diese war schon lange Witwe, stand sorglich ihrem größeren Haushalt und einem Laden vor,  in welchem namentlich die reichen Bäuerinnen gern die Aussteuer kauften, da sie in allen Dingen guten Rat in den Kauf bekamen. Meine Urgroßmutter mag etwas mährig[11] gewesen sein. Sie saß im Unterrock an ihrem Spinnrad, und jedes Mal, wenn ein Kunde in den Laden kam, zog sie erst ihr Kleid an. Das Haus stand am Markte, wo die schönsten Kirschen feil waren, die Kinder bekamen aber keine anderen, als die spätreifenden aus dem eigenen Garten. Der Knabe klagte oft der Schwester seinen Hunger, welche ihm dann getrocknetes Obst mitbrachte, welches in großen Mengen dort hing.

Der pädagogische Sinn findet leicht in diesen, nur auf heimlichen Wegen gestillten Begierden, den ersten Schritt zu einer Laufbahn, die durch Leichtsinn und Genusssucht gelenkt, sich in die Jura (?unleserlich) verlor. Aufmerksamer als das Seelenheil der Enkel beobachtete  die gute Frau das irdische Wohlergehen ihres Nachbarn des Bäckers. Sie sah kein Brot mehr auf dem Laden und hörte, dass ihm das Geld fehle, Mehl zu kaufen. Sogleich war sie bereit ihm vorzuschießen, ließ sich aber jeden Sonnabend das Geliehene wiederbringen, um es ihm wieder auf 8 Tage anzuvertrauen, bis der Mann gut im Gange war.

Sie selbst mag ein schönes Vermögen gesammelt gaben, denn obwohl der Großmutter Geschäft in Karlshafen bankrott war, und sie später noch vielfache Verluste erlitt, hat sie doch nach ihrem Tode noch so viel hinterlassen, dass ihre vielen Enkel eine Kleinig-keit erhielten. Auch scheinen andere Glieder der Familie weder der Eleganz noch dem Luxus fremd geblieben zu sein. Meine Mutter pflegte in ihrem 14ten Jahre eine Tante, welche sich die Schwindsucht dabei geholt hatte, dass sie sechs Stunden weit nach Kassel auf einen Ball geritten war. Eine andere Tante war an einen Major  verheiratet, und eine elegante Dame. Es war eine Jugendliebe, aber durch der Eltern Machtwort getrennt, die sie anderswie verheirateten. Lange nachher wurde der Geliebte schwer verwundet (bei Hohenlinden[12]) und verlangte, bei ihr zu sterben, die unterdessen Witwe geworden war. Er starb nicht, sondern genas, und wurde der versammelten Familie feierlichst als Bräutigam vorgestellt. Aus der Urgroßmutter Nachlass kamen zwei schwerbrokatene Seidenkleider in unser Haus, von einer Façon, wie sie jetzt ganz modern wäre. Auch sie starb mit 96 Jahren, ich weiß, dass ich sie noch gesehen habe.

*

Mit 14 Jahren kam Mutter zu ihrer ältesten Schwester, die dem Inspektor Bernstein auf der Färbermühle verheiratet war. Sie war sehr schön, so weich und nachgiebig, dass ihr Mann sie oft flehentlich bat, ihm doch einmal zu widersprechen. Bernstein war ein großartiger, genialer, leidenschaftlicher Charakter, wie jene Zeit wohl viele aufgezogen hat. Er hat jedenfalls großen Einfluss auf die geistige Entwicklung des jungen, empfind-samen Mädchens gehabt. Mutter sprach allzeit mit großer Liebe und Dankbarkeit von ihm, erzählte aber auch viele einzelne Züge, dass uns klar wurde, wie sie mit der Schwester oft unter seinen Schwächen gelitten hat.

Es war ein geselliges, gastliches Leben auf der Färbermühle, davon erzählte noch mein Vater, als wir 1830 an dem Garten mit seinen Lauben vorbeikamen. Es verkehrten dort aber auch solche, welche den Hausherrn zu Spiel und Trunk verleiteten. Ein paar solcher Freunde fanden einst in seiner Abwesenheit das Haus geschlossen, und erhielten auch an den Fenstern keine Antwort. Die beiden Schwestern hatten sich glatt auf die Erde gelegt, um nicht gesehen zu werden, und erreichten es, dass die unwillkommenen Gäste wieder abzogen. Bei einer anderen Gelegenheit hängte sich die junge Schwägerin dem Hausherrn von hinten um den Hals, und ließ sich so lange von ihm herum-schleppen, bis er ihr die Erfüllung eines Wunsches versprach, der sicher nichts mit dem eigenen Behagen zu tun hatte, sondern sich auf die Tränen der jungen Frau bezog.

Außer der Arbeit in Haus, Garten und Küche, die bei den häufig improvisierten Festmahlen nicht gering war, hatte Mutter großen Teil an der Kinderpflege. Linchen (nachher an Katenhusen verheiratet) ist voll mit auf ihrem Arm groß geworden. Oft ging sie mit dem Kinde und einem Buch nach der Ruine (an der Diemel?) und machte sich dort heimisch. Oder sie setzte sich in die Rumpelkammer, wo ein altes Klavier stand, mit nur wenigen Saiten, und versuchte mit der einen freien Hand sich Melodien herauszufinden. Bernstein, der unerwartet nach Hause kam, überraschte sie dabei, hatte aber so große Freude daran, dass er sie die Noten lehrte und ein besseres Klavier anschaffte. Er selbst spielte sehr schön Violine, und hatte oft Quartette im Hause. Warme Freundschaft hielt sie auch mit dem 7jährigen Sohn der ersten Frau, um den die Eltern bei dem sehr geselligen Leben sich nicht viel kümmern konnten.  Im Sommer 1834 hat Mutter ihn noch besucht, und aus seiner Messinghütte[13] brachte sie einiges Hausgerät zu meiner Aussteuer mit. Die Tante selbst hatte drei Kinder, von welchen die beiden Jüngsten den ganzen Unsegen der nahen Verwandtschaft beider Eltern geerbt.

Linchen war 1814 bei uns in Göttingen, wo sie ihren späteren Mann kennen lernte. Dorthin kam dann auch ihre Mutter, krank schon, und starb bei meiner Mutter.

Über eigentliche Erziehung unserer Mutter ist also wenig zu sagen, sie ging in die Kantorschule, wo Bibellesen die Hauptsache war, die Kinder aber auf ihren Tafeln ziemlich nach Gefallen zeichnen und schreiben durften. Das Weitere tat das Leben. Zum Beispiel: eine Tante zeigte ihr zwei moderne Strohhüte, um den schönsten daraus für die Tante zu wählen, den anderen sollte dann Mutters Schwester haben – da aber diese dem Kinde viel lieber war,  bezeichnete sie den falschen Hut als den schönsten und bekam ihn dann selbst geschenkt. Diese kleine Begebenheit machte tiefen Eindruck.

So umsichtig nun unsere Großmutter war, so lebhaft, vielleicht sogar keck ihre kleine Amalie, so erlaubte doch die damalige Sitte nicht die Vertrautheit zwischen Eltern und Kindern. Die Großmutter wurde von den eigenen Kindern immer mit Sie angeredet, während wir Enkel Du zu ihr sagten. Auch erinnert sich Mutter, wie sie als Kind oft so sehnsüchtig zu ihrer Mutter schönem Gesichte aufgeblickt habe, und gar zu gerne sie geküsst hätte, nie aber gewagt, es zu tun.

Das Gerichtsgebäude wurde 1945 bei einem Angriff zerstört. So ist keines der Gebäude des Reichskammer-gerichtes übrig geblieben, nur die Alte Kammer am Fischmarkt 13 beherbergte nach 1756 dessen Kanzlei.
Das Gerichtsgebäude wurde 1945 bei einem Angriff zerstört. So ist keines der Gebäude des Reichskammer-gerichtes übrig geblieben, nur die Alte Kammer am Fischmarkt 13 beherbergte nach 1756 dessen Kanzlei.

Unser Großonkel in Paderborn hatte seine beiden Neffen siebenjährig[14] zu sich genommen, unterrichtet und erzogen. Es mögen damals die meisten denkenden Menschen erkannt haben, auf welchen Irrwegen die Menschheit sich verloren hatte, und dass es erst einer anderen Generation gelingen werde, wieder einzulenken auf die geraden Wege. Außerdem mag der alte Herr persönlich die pädagogische Anlage schon besessen haben, die in unserer Familie ziemlich erblich ist. Er hatte die Dorfschulen zu inspizieren; in seinem Bestreben, die tiefe Finsternis etwas zu lichten, erregte er den Unwillen seines Vorgesetzten, und es kam so weit, dass der Fürstbischof von Paderborn ihn als Ketzer anklagen und festnehmen ließ. Mein Vater zeigte mir den Turm, wo der 70jährige, kränkliche Mann Monate lang gefangen saß. Da es seinem Freunde nicht gelang, auf gesetzlichem Wege sein Los zu lindern, so erschienen eines Nachts verlarvte Männer[15] an seinem Fenster, holten ihn auf einer Leiter herab und brachten ihn über die Grenze in Sicherheit. Von hier aus wandte er sich klagend an das Reichskammergericht[16] zu Wetzlar, und seine Sache musste gut und einfach sein, denn es kam schon bald das Urteil, welches dem Fürstbischof auferlegte, ihn für die erlittene Unbill Schmerzensgelder zu bezahlen, so dass der Onkel selbst die Summe zu bestimmen habe. Die Summe, die er verlangte, war aber so hoch, dass sein Landesherr in Wetzlar Protest einlegte – und darüber kamen die Franzosen und warfen die Akten in Wetzlar mitsamt dem ganzen Reich über den Haufen.

Die Hoffnung, reich zu werden, gab er nicht auf. Er wohnte einige Jahre bei meinen Eltern in Höxter[17], wo er sich namentlich viel mit dem 3-5jährigen Ferdinand beschäftigte. Sie machten zusammen eine Erdkugel, auf der das Meer vertieft, die Berge erhöht waren; an dieser und einigen Quartbüchern, in welche er Betrachtungen und Auszüge für ihn niedergeschrieben – habe ich meine erste Weltkunde gelernt. Die Entdeckungsreisen waren damals – durch Campe[18] – eines der Hauptinteressen aller Gebildeten.

Das Schicksal ihres Onkels und Erziehers gab den beiden jungen Männern eine andere Lebensrichtung[19]. Beide haben darauf Medizin studiert. Dazwischen fällt vielleicht des Vaters Reise nach Holland als Hauslehrer in einer adligen Familie, und auch ein kühner Plan beider Vettern, nach Mainz zugehen und sich dort den Freiheitshelden (Clubbisten)[20] anzuschließen. Es hatte sie dazu begeistert eine Nonne, die bei der Befreiung des Onkels mitgewirkt hatte, und welcher die jungen Männer persönlich dafür dankten. Es scheint, dass die Nonne Wohlgefallen an ihnen fand, und ihr junges Herz gern zwischen dem schwarzen und dem blonden geteilt hätte, jedenfalls ernstlich vorhatte, mit ihnen in Mainz die Freiheit zu leben. Mutter deutete dergleichen an, und Vater mag aus jenen Erlebnissen wohl sein Grauen vor phantastischen, exaltierten Frauen sich angeeignet haben. Wenn später in seiner Gegenwart das Klosterwesen gerühmt wurde, dann tauchten jedenfalls Erinnerungen in ihm auf, welche ihn zu einem sehr harten Urteil darüber berechtigte. Auf der Universität dagegen ist Vater wohl das eigentliche Geistesleben erst auf-gegangen, als er 24 Jahr alt war[21], sich frei in der Wissenschaft, der Natur und in jugendlichen Kreisen bewegen durfte. Auch die jüngeren Brüder werden sich seiner leuchtenden Augen erinnern, wenn er von der Zeit sprach, und das tat er oft und gern. Blumenbach, Richter und Andrä nannte er oft, und ein schöner Kreis von Freunden schloss sich ihm an, unter welchen auch Hausmann  wohl der bedeutendste war. Eine Preis-schrift: Über den Einfluss der Kälte und Wärme auf den menschlichen Körper gewann er damals, Adolf hat sie als Eigentum. Nach drei Jahren promovierte er als Doktor der Medizin und wurde in Höxter angestellt.

*

Unsere Mutter war unterdessen mannigfach angeregt und beschäftigt. Ihr Bruder Wilhelm studierte Medizin und brachte oft andere Studenten und Freunde in die gastlichen Häuser der Mutter und des Schwagers. Unter ihnen Brede, der sich mit der zweiten Schwester verlobte, und später in Uslar Bürgermeister war. Die ganze Jugend war in jener Zeit gehoben und erregt, und der Freiheit Hauch mochte viele Schranken niedergeworfen haben, die vorher wie nachher das gesellige Treiben beengten. Was Mutter von ihren Mädchenjahren erzählte, wie neben und nach tüchtigem Arbeiten in Haus und Garten die jugendlichen Scharen Feld, Wald und Gebirge durchwanderten, in Scherz und Spiel nicht nur, sondern in anregenden Gesprächen über die höchsten und heiligsten Interessen – das hörten wir allzeit gar zu gern mit an. Da war ein Herrnhuter[22] aus Kurland (ein von UngernSternberg[23]), der sie für seine Religion begeisterte und von der Missionierung in Grönland erzählte. Dann wurde eine Art Tugendbund unter mehreren geschlossen, dessen Symbol die Lorenzodose war. Es war die Zeit, wo jede neue Erscheinung in der Literatur ein lebhaftes Echo in allen jungen Herzen fand und ewig neuen Stoff zu Gesprächen gab.

Bürgermeister Brede lud zu seiner Hochzeit auch seinen Freund, unseren Vater, ein, und es fanden sich die beiden lebhaft erregten, nach dem Lichte strebenden Seelen schnell zusammen. Das Brautpaar mag manche schöne Stunde im Garten der Färbermühle oder oben auf den Klippen zugebracht haben. Der Anblick beider machte meinen Vater wehmütig, es lag nicht nur in dem Charakter beider Brautleute, sondern auch in der ganzen Zeit, die Liebe so ideal zu empfinden, sich ihr so ganz hinzugeben, dass es zur Unmöglichkeit geriet, sie durchs ganze Leben auf dieser Höhe zu erhalten. Der Brief-wechsel beider aus jener Zeit, den ich noch nicht gelesen, wird dies sicherlich belegen.

*

Am 2ten April 1804 war die Hochzeit unserer Eltern. Onkel Bernstein fehlte dabei; obwohl er Vormund war, denn er konnte sich nicht drein finden, einen Katholiken zum Schwager zu haben. Doch besuchte er sie einige Monate später in Höxter, wo völlige Versöhnung war. Mutter, die eine sehr gute Aussteuer an Leinen bekommen hatte, trug als Brautkleid einen schwarz und gelb geblümten Kattun mit gelbseidenen Ärmeln. Vaters Hauptstück waren die schwarzseidenen Doktor-Strümpfe, deren Anschaffung ihn gewiss sehr schwergeworden war. So fuhren sie auf der Weser nach ihrem neuen Wohnort.

In Höxter bildete sich zunächst eine intime Freundschaft mit dem jungen Pastoren-Ehepaar Sasse. Sie kamen, wenn ihr Ofen rauchte abends zu den Eltern und aßen mit ihnen Pellkartoffeln. Bei entgegengesetztem Wind rauchte hier der Ofen und die Eltern zogen dann zu Sasses. Vater bekam 200 (Reichstaler) Gehalt, hatte dafür aber die Apotheke für die Armen zu bezahlen. Da nun Vater sehr gewissenhaft war, und zudem ein eifriger Anhänger Browns war, der sehr für stärkende – sehr teure – Arzneien schwärmte (?), so wanderte mitunter die ganze Besoldung in die Apotheke… Die übrige Praxis war viel auf dem Lande, weshalb ein Pferd gehalten wurde, aber ein recht frommes, welches von dem Dienstmädchen besorgt wurde.

Die Eltern mögen in jener Zeit sehr gesellig gelebt haben, schon die Stellung als Arzt bringt es mit sich, zudem wurde in jener Zeit, wo die strenge Form sich gelöst hatte, wo aber die allgemeinen menschlichen Interessen sich geltend machten – mächtig bis zu gewaltsamen Ausbrüchen – es wurde in jener Zeit eine Art Kultus  getrieben mit der Freundschaft. Für Freundschaft aber wurde gar oft schon ein gefälliges Anklingen der Seelen gehalten, in welches äußere Verhältnisse oder innere Gesinnung nur zu bald einen Missklang brachten.

Die Familie von Haxthausen scheint in dieser Hinsicht für beide Eltern bedeutend gewesen zu sein. Es waren gegen 12 Geschwister. Eines der ältesten war die Mutter der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Einer der Jüngsten – August – ist als Schriftsteller bekannt, vermutlich durch seine Studien der russischen Verhältnisse. Sie gehörten zu dem alten, streng-katholischen  westfälischen Adel, waren wohl alle geistig bedeutend und den neuen Ideen zugänglich. So kam es, dass der Älteste eine Protestantin heiratete; dafür wurde dann ein Jüngerer – Werner – zum Chef der Familie bestimmt, der auf den Erbsitz Bökenburg wohnte. Dort habe ich mit meinem Vater Ostern 1831 einige Tage zugebracht. Die beiden Männer vertieften sich immer aufs neue in tiefe philosophische Gespräche, denen ich horchte, natürlich nicht folgen konnte, nur soviel daraus ersah, dass diese Art Philosophie meinem Vater zu unklar und phantastisch war. Der Burgherr war übrigens zur französischen Zeit entflohen und hatte sich in England in die Deutsche Legion[24] aufnehmen lassen, die so ruhmreiche Kämpfe bestanden. Eine ritterliche Erscheinung war er, und seine sanfte, liebliche Frau gefiel mir besonders. Ein einziges Töchterlein wurde von derselben Kinderfrau gepflegt, die mich vor Zeiten gewartet hatte (neben Vaters Pferd natürlich).

Zu den Persönlichkeiten auf Bökenburg passte aber nun gar nicht das Gut selbst. Der sehr fette Boden hinderte uns bei Regen an allem Wandern, hat aber seinen Besitzern jetzt nach 40 Jahren die Kassen gefüllt, und bei sorgsamem Pflügen – zu welchem auch damals schon der beste Wille war – hat das unscheinbare Haus mit seiner Umgebung auch wohl ein freundlicheres Ansehen gewonnen. Damals war es nicht lockend für junge Gemüter, die vom Main und Rhein kamen: Wir fuhren erst durch das Dorf, d.h. einzelnen Lehmhütten, an deren seltenen trüben Fenstern keine Blume, kein Blatt, aber auch kein Menschenantlitz zu sehen war. Statt der Gärten mit Obst, Gemüse und Blumen, wie ich sie immer auf den Dörfern gesehen, erstreckte sich vor jeder Hütte nur ein großer Mistpfuhl. Endlich erreichten wir das Herrenhaus, klein, alt, uninteressant, ein kleines Gebüsch dahinter, sonst nur Wiesen und Felder. Die Waldungen sind – wie Vater erzählte – nicht sowohl dem Kriege zur Beute gefallen, als vielmehr zur Aussteuer der jüngeren Söhne und Töchter nach den verschiedenen Stiften und Klöstern[25].

So mag damals manches alt-adlige Gut ausgesehen haben, dessen Besitzer an den kleinen Höfen oder in Garnison die Einkünfte verschwendet hatten, ohne sich um Land und Leute zu kümmern, die immer tiefer verfielen. Doch war damals schon der Anfang zur besseren Verwaltung gemacht: die Frau des Landrats von Metternich zu Verden[26] an der Weser war auch eine geborene Haxthausen. Diese hatte eine heiße Liebe zu meiner Mutter gefasst, und wollte durchaus den engsten Freundschaftsbund mit ihr schließen, wozu auch das Du gehörte. Das war aber der Schwiegermutter nicht recht, denn die Metternichs waren stolz darauf, dass aus ihrer Familie schon Fürstbischöfe von Paderborn gewählt waren Ich habe in Verden noch selbst das Zimmer gesehen, mit goldverzierter Pergamenttapete, wo der Bischof in blau-damastenem Himmelbett ruhte; und dann seine Toilette aus silbernem Waschgeschirr machte. Meine Mutter sollte also unter vier Augen mit Frau Metternich auf Du stehen, vor der Welt den Abstand zwischen Adel und Bürgertum beachten. Diese Zumutung war aber zu stark für die offene Natur und den freien Sinn meiner Mutter, welche sich dadurch Achtung und Liebe auch nicht verscherzt hat. Metternich war nicht nur ein guter, sorgsamer Landwirt, sondern auch als Landrat der preußischen Regierung und den neuen Einrichtungen derselben treu ergeben. Das wurde ihm sehr verübelt von einem großen Teile des Adels, der nicht nur aus Treue für die Kirche und alte Sitte widerspenstig sich zeigte, sondern auch wegen der Befreiung der Bauern und Hörigen, wie ich mich erinnere aus manchen Gesprächen (1831).

*

Wenn nun in den katholisch-aristokratischen Kreisen der Familie Haxthausen die geistreiche, romantische Richtung jener Zeit vorzugsweise hervortrat, so herrschte auf der altertümlichen Burg der Freifrau von Oeynhausen ein ganz anderer Geist, jedenfalls in reinerem Einklang mit dem was beide Eltern liebten und ehrten. Von drei Brüdern von Oeynhausen, die als Junggesellen auf der alten Burg ihrer Väter lebten, war der Jüngste – das Kind benannt – 60 Jahre alt, als im Familienrate beschlossen wurde, dass er sich verheiraten müsse. Zu der Zeit, da mein Vater als Arzt hinberufen wurde, war die Erwählte schon lange Witwe, und lebte für ihre beiden Knaben – Zwillinge. Als Hauslehrer unterstützte sie Klaiber, früher Karlsschüler[27], später Konsistorialrat in Stuttgart. Die Knaben gediehen frisch und fröhlich, es war ihr besonderer Spaß, wenn mein Vater kam, ihn zu fassen an jedem seiner Beine, und ihn so herumzutragen. Im Jahre 1814 sah ich sie in Göttingen auf dem Wege zum Kampfe fürs Vaterland – mir eine teure Erinnerung an jene Zeit. Sie hatten beide als Bergleute studiert, der eine vertiefte sich später in Studien über Dante. Er besuchte uns öfters in Offenbach, und sein schlichtes Wesen zu den zarten Versen und der sanften innigen Stimme imponierte mir auch damals. Der andere blieb seiner Mutter Erde treu. Mit dem Ränzel auf dem Rücken, den Hammer in der Hand, durchwanderte er die Gebirge; so sah ich ihn bei Somervilles auf seinem Wege  nach dem schottischen Hochland. Es ist derselbe, der später bei Rehme den Brunnen gebohrt hat, zu dem aus Nah und Fern die Kranken und Lahmen ziehen und Heilung suchen. Von dieser Familie also erzählte unsere Mutter oft und gern. Der echte evangelische Geist lebte tatkräftig in dieser Frau zu einer Zeit, wo den meisten Gemütern die guten Regungen in anderer Gestalt erschienen. Man schwärmte für Freiheit, für Natürlichkeit, für den Nutzen; ruhigere Gemüter zogen sich in das stille Reich ihrer Empfindungen zurück, und die große Menge der Frauen hatte ein weiches Herz und offene Hand, wo Not oder Leid an sie heran trat – wie das gottlob! auch jetzt ist und wohl zu allen Zeiten war. Den richtig gebildeten Frauen der Gegenwart erscheint es  als einfache Christenpflicht, die Brüderlichkeit auch in weiterem Kreise zu üben, nur immer vom engeren ausgehend; und so muss der Sinn der Frau von Oeynhausen gewesen sein, so fasste unsere Mutter ihn auf und wirkte darin als eine der Vorläuferinnen in der Arbeit, die wir alle jetzt vorzugsweise wollen, wenn auch das Tun nicht gleichen Schritt hält.

Die Burgfrau erbarmte sich der Kinder, die damals auf den Dörfern noch roh und wild aufwuchsen, wenigstens in ihrer Nähe. Sie hatte keine Mittel, eine Schule zu gründen, verkaufte zu dem Zweck einen kostbaren Ring, der ihr zweimal wiedergebracht wurde. Als er zum dritten Male verkauft war, konnte sie ihre Schule anfangen. Dergleichen geschieht jetzt alle Tage, damals gehörten seltene Geistesgaben zu solchen Schritten. Sie scheint viel von beiden Eltern gehalten zu haben. Nach einer schweren Krankheit gab sie ein großes Genesungsfest, wo Vater viel Ehre erwiesen wurde.

Zu einer anderen Zeit wurde er spät abends auf die Burg geholt, und ihm nach ärztlicher Beratung eine Schlafstätte in einem anderen Flügel des Gebäudes angewiesen. Dort wurde er aus dem tiefen Schlaf geweckt durch Kettengerassel und schlagende Türen, immer näher und näher, bis die Tür aufging, eine abenteuerliche Gestalt mit großer Laterne eintrat und vor seinem Bette kräftig ins Horn stieß. Es war der Nachtwächter, dessen Amt es war, die leeren Gänge und Zimmer zu besuchen, und der nichts vom Besuch erfahren hatte. Frau von Oeynhausen hat Gevatter gestanden zu Schwester Sophie; sie nahm dieses Amt sehr ernst, und versprach unserer Mutter, auch nach ihrem Tode werde ihr Geist noch um ihren Paten sein mit Hülfe und Segen. Mutter erzählte dies später in Gegenwart von Frau Nieß, welche darauf sich erbot, die Stellvertreterin dieses Paten zu sein.

In Höxter selbst mag auch vieler und munterer geselliger Verkehr gewesen sein. Sonntags nachmittags ging man nach Corvey – sonst das alte Kloster -, wo lustig getanzt wurde. Die Frauen nahmen ihre kleinen Kinder mit dorthin. Die hannöverschen und braunschweigischen Domänenpächter, Amtmann genannt, verkehrten auch dort. So war ich mit Vater bei einem alten Bekannten in der großen Porzellanfabrik Fürstenberg zu Besuch, wo die Familie den Eindruck soliden Wohlstands machte. Solide waren auch die Tassen etc. mit den Eichenkränzchen aus dieser Fabrik, von denen noch lange einige existierten. In gleicher Form und Masse sind aus dem Trendelburg’schen Hausstande mehrere Kannen etc. in den unseren übergegangen, auch fest und dauerhaft. Aus diesen Amtshäusern liefen willkommene Geschenke an Lebensmitteln für den Hausarzt ein, und Vater scheint damals eine sehr gute Praxis gehabt zu haben. Namentlich als 1809 der Typhus epidemisch auftrat, soll er mit sicherem Blick und gutem Glück siegreich dagegen gekämpft zu haben. Während des Sommers machte er sich daran, die Erfahrungen mehrerer Monate dieser Krankheit schriftlich zu behandeln; und mitten in dieser Arbeit wurde auch er davon ergriffen, und lag viele Wochen schwer krank. Ferdinand  war vier, Sophie zwei Jahre alt, und ich wurde im November darauf geboren. Die Mutter durfte kaum das Krankenbett verlassen, meistens ruhte Vaters Kopf auf ihrem Arm. Die Genesung kam spät  und langsam, namentlich scheint Vater ängstlich und Hypochonder gewesen zu sein, den alten Lebensmut nicht mehr findend. Wie ihm durch den Doktor Faust in Bückeburg dieser wieder angeregt wurde, das erzählte Vater selbst oft und gern, und hat treulich anderen denselben Liebesdienst erwiesen, wo es galt, die mutige Freudigkeit zu Hilfe zu rufen gegen den lähmenden Druck trüber Gedanken.

 Faust war ein Vorkämpfer unter den tief denkenden und warm fühlenden Männern jener Zeit, die sich das Ziel setzten, die Menschheit zu befreien von den Fesseln der Weich-lichkeit und Unnatur. Dies gelang selten bei denen, welche darin aufgewachsen waren. Um so wärmer nahmen sie sich der Kindheit an; und wenn in den Zeiten der Freiheits-kriege, wenn in unserer Zeit Tausende junger Männer mit rüstiger Kraft durchführen konnten, was die Seele mit Begeisterung ersehnte – so gebühret ein großer Teil des Dankes dafür Männern wie Heim, Hufeland, Faust und ähnlichen Strebenden. Nicht gewaltsam brachen sie die abgestorbenen leeren Formen, aber sie traten ein für das Recht freier Begegnung und naturgemäßer Entwicklung jedes Menschen von seinem ersten Atemzuge an. Sie lehrten die Mütter, nicht nach reichlichen Genüssen die Begierde ihrer Kleinen zu lenken, sondern im Umgang mit der Natur und in der freien Übung ihrer Kräfte die Freude zu suchen, welche jedem Menschenkinde ein Bedürfnis ist. In diesem Sinne sind auch wir Geschwister aufgezogen worden von unseren Eltern, denen wir es überdies zu danken haben, dass sie uns bewahrt haben vor den Aus-schreitungen, zu denen mancher sich verleiten lässt, dem die Freiheit oder Ähnliches zum Götzen wurde. Wir alle haben gesehen, wie einige die Abhärtung ihres Körpers so weit trieben, dass diese nicht mehr Mittel, sondern Zweck wurden, und die so gestärkte Körperkraft zuletzt nur der eigenen Eitelkeit dienste. Andere wuchsen in der unbe-dingten Freiheit des eigenen Willens auf, und wie sie niemals lernten, sich einer Autorität unterzuordnen, so gehorchte auch später der ungezügelte Eigenwille nicht mehr der eigenen Vernunft.

Das Nervenfieber und seine Folgen muss große Störung in Vaters ärztlicher Praxis bewirkt haben. Er war allzeit ein denkender, philosophischer Arzt; und es wurde ihm der sichere Blick nachgerühmt, der eine Gabe von oben ist, und oft dem Fleißigen und Gewissenhaften versagt bleibt. Bei ernstlichen Krankheiten, und da, wo es galt durch seine Persönlichkeit zu imponieren, muss Vater – soweit ich mich erinnere – meistens sehr viel Glück gehabt zu haben. Es war rührend, wie noch in den 30er Jahren die Bauern aus Dietzenbach in schweren Fällen seine Hilfe nachsuchten. In anderer Hinsicht passte hingegen seine Eigentümlichkeit nicht zum ärztlichen Beruf: Einmal hatte er so gar keine Geduld mit den kleinen Plagen und Leiden, wie müßiges und üppiges Leben sie hervorruft gerade in den Kreisen, aus welchem dem Arzte die beste Einnahme zufließt. Außerdem war feste Ordnung und regelmäßiges Leben seiner Natur geradezu ein Bedürfnis, er ließ sich von vielen kleinen Gewohnheiten beherrschen sogar – und so denke ich mir, dass auch in früheren Jahren gestörte Nachtruhe, unterbroch-ene Mahlzeiten und wirklich unbescheidene Ansprüche ohne Not ihn oft mögen verstimmt haben, so dass die Patienten bei der nächsten Veranlassung zu einem anderen Arzte schickten, der vielleicht geduldiger und geschmeidiger war. Gewiss ist, dass Vaters Einnahme in Höxter sehr gering war, und als er dann auch die Besoldung verlor, war unseres Bleibens nicht mehr dort. Das kleine Land war nämlich nacheinander unter mehrere Herren gekommen. Ferdinand wurde unter preußischer Herrschaft geboren, wir Schwestern haben aber nicht erfahren können, welchem Fürsten unser erster Gehorsam gebührte – Oranien, Frankreich? Wir hatten also doppelt Grund, zum großen Vaterlande zu halten.

Am 22ten November 1811 wurde Schwester Ferdinande geboren. 14 Tage später wurde Auktion gehalten über einen Teil des Hausrats; dann brachte Vater Frau und Kinder zur Großmutter nach Karlshafen, und ging nach Kassel. Vaters treuer Freund Hausmann galt viel bei Johannes von Müller, der damals von großem Einfluss war in Kassel (als Minister?) Die Wochen oder Monate, welche Vater in der Hauptstadt des damaligen Königreichs Westfalen zubrachte, haben genügt, ihm aufs ganze Leben einen Widerwillen gegen das französische Regiment in Deutschland zu erregen. Ich erinnere mich mancher Andeutungen darüber. Damals schloss er wohl  auch Freundschaft mit Schomburg, einem entfernten Verwandten unserer Mutter, der später, 1830, für die Rechte des Landes gegen den Kurfürsten auftrat, und nachher so unter dem Hasse desselben zu leiden hatte. Hausmann wurden brillante Stellen in der Residenz angeboten, er aber blieb in Göttingen, treu der Wissenschaft und begeistert für die Pflege derselben bei der deutschen Jugend. Vater aber wurde Pulver- und Salpeterdirektor in mehreren Departe-ments des Königreichs Westfalen, und Göttingen ihm als Wohnsitz zugewiesen.

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Der dreijährige Aufenthalt in Göttingen muss für die Eltern von großer Bedeutung gewesen sein, da dort so vielfache geistige Anregung zu teil wurde. Vater scheint sich zunächst ganz in die Chemie vertieft zu haben. Was seines Amtes war, das ergriff er immer ganz und tief. Noch lange Jahre später hatte er einen offenen Blick für jede Salpeterbildung in alten Gemäuern, wie auch für die Baumarten, welche auf Napoleons Befehl gepflegt wurden zur Kohlenbereitung. Die großen Körbe voller Bücher, die zwischen der ehrwürdigen Bibliothek und seinem Hause hin- und herwanderten, beschäftigten oft der Mutter Erinnerung. Uns erzählte Vater gern von seinen Inspektionsreisen nach den Pulvermühlen, besonders von einer, wo er den ganz verstümmelten Müller vor seiner Haustür antraf, der ihm dann erzählte, wie er schon mehrmals mit seiner Mühle aufgeflogen sei – nächstens werde es wieder losgehen, er höre schon immer das Gerumpel wieder, das jedes Mal vorhergehe. Vater hatte viel Interesse und viel Verständnis für Leute aus dem Volke, obgleich er sich meist zurückhielt vom Verkehr mit denselben. Er war sanft und freundlich gegen sie, was den Kindern um so mehr auffallen musste, da er uns meist nur die ernste, strenge Seite seines Charakters zeigte.

Die Mutter ging wohl im geselligen Verkehr mit vielen bedeutenden Männern ein reiches Leben auf. Indessen ließ sie sich weder durch Gelehrsamkeit noch durch Genialität über den wahren Wert eines Menschen täuschen. Sie erzählte uns oft, wie auch in diesen Kreisen die kleinen Leidenschaften sich breit machen, und wie namentlich der Gelehrtenstolz unerträglich werden könne. Die nächsten Freunde blieben doch Hausmanns, dessen mutiger Frau ich erinnere ich mich von späteren Besuchen, es waren aber auch mehrfach seine Schwestern im Hause, später verheiratet mit Brandis in Bonn und Wedekind in Hannover. So waren auch zeitweise zwei Freundin-nenrunden bei Hausmanns, deren eine sich lebhaft interessierte für die Weise, wie unsere Eltern die Kinder behandelten, und das Gesehene später verwendete in einer Erziehungsanstalt vorzüglich an der eigenen Nichte. Diese Nichte ist die Mutter unserer lieben Amalie geb. Schloifer, an der die Großtante Christiane Runde noch ihre große Freude hatte.

Die erste Einrichtung in der Göttinger Wohnung bekam einen reichlicheren Zuschnitt als das bescheidene Doktorhaus in Höxter. Aus ihm stammen die hübschen Möbel aus Birkenmaserung, der Nähtisch, an dem wir unsere Studien getrieben haben. Bruder Ferdinand bekam außer dem elterlichen Unterricht noch Privatstunden in Englisch und Zeichnen, und zwar mit der Mutter zugleich, die damit einen heißen Wunsch ihrer Kinderjahre erfüllte. Die dritte Schülerin dabei war Louise Hübner, die Tochter von Vaters Universitätsfreund, der von seiner Frau geschieden lebte, und sein Kind ganz den Eltern anvertraut hatte. Sie kam später mit nach Offenbach, und lebt wohl noch als Frau Fentiner in Goslar.

Eines schönen Weihnachtsfestes bei Hausmanns erinnere ich mich, wo die ganze Stube aus Kindern verwandelt schien in einen Garten – einer von den Eindrücken, wie sie später oft in Träumen wieder aufleben. Ein andermal waren wir nachts zu den Freunden geflüchtet, als uns gegenüber drei Häuser abbrannten. Ich weiß noch, wie ich auf dem Arm der Magd jauchzte, als ich all die hellen Sterne zum Himmel hinauffliegen sah. Die Studenten hatten treulich unser ganzes Haus geleert, den Schlüsselkorb zuerst gerettet.. Morgens kam aber alles wieder, auch Louisens kleiner Reisekasten, in den ein halber Kalbsbraten und ein Laubfrosch gepackt war, der sein Gefängnis gesprengt hatte.

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Mit den Studenten waren wir Kinder sehr befreundet, sie holten uns oft auf ihre Stuben oder nahmen uns mit. Einmal – weiß ich – wurden wir in Ulrichs Garten mit Himbeeren traktiert. Die eigenen Erinnerungen aus jener Zeit sind kleine Bilder ohne Bedeutung, desto entscheidender waren die Erlebnisse der Eltern im Jahre 1814.

Im Jahre vorher waren über den kriegerischen Ereignissen die Besoldungen der Angestellten ausgeblieben, und nach der Schlacht von Leipzig hatten die Kosaken die Kasse mitgenommen. Im Januar 1814 wurde uns ein Brüderchen geboren, es war weder Holz noch Geld im Hause, und es war das fünfte Kind. 14 Tage später erklärte Vater, dass er entschlossen sei, nach Frankfurt zu gehen an die Lazarette, wo der Typhus schon mehrere Ärzte hingerafft hatte. Der schwere Entschluss mochte wohl die einzige Möglichkeit bieten, herauszukommen aus der Not, die nur durch aufopfernde Freundeshilfe erträglich sein konnte. Diese Freunde standen dann auch der Mutter treu bei in der Zeit, wo sie allein mit fünf Kindern in Göttingen blieb. Es waren aber schwere Tage. Das Knäblein starb bald darauf, und Krankheit aller Art kehrte ins Haus ein. Der Mutter älteste und liebste Schwester Caroline Bernstein kam, um die Ärzte zu konsultieren und starb nach längerem Leiden. Auch die Kinder kränkelten, vielleicht in Folge der engen ungesunden Wohnung. Schwester Ferdinande hatte Monate lang die Augen gegen das Licht verbunden. In jener schweren Zeit aber sind die Keime gelegt zu der mannigfaltigen Blüte und (den) Früchten, die der Eltern und unser Leben schmückten.

 Ferdinand ging nun zur öffentlichen Schule und wurde – neunjährig – in die Sekunda[28] gesetzt, weil nur nach dem Lateinischen geurteilt wurde. Von größerem Einfluss als die Schule wurde für ihn aber die Bekanntschaft mit Fritz Rosen, den früh verstorbenen Orientalisten. Sein Vater, damals noch Ballhorn (er gab den Namen auf und nahm den seiner Frau oder Mutter an), begleitete als Lehrer den Prinzen von Lippe-Detmold  zur Universität, und unterrichtete zugleich den eigenen sehr begabten Sohn, den ältesten von Vieren, deren einer auch Orientalist wurde und deutscher Konsul – jetzt wohl in Belgrad ist. Fritz Rosen las mit 8 Jahren den Homer, beide Knaben passten schon wegen des früh angeregten Wissensdurstes, und den eifrigen selbstständigen Arbeiten zueinander. Die Freundschaft ist später in Berlin erneuert.

Die beiden Knaben wurden mächtig erfasst von den Eindrücken jener großen Jahre. Sie lernten exerzieren, und wir Schwestern sangen mit ihnen schon damals viele der schönen Lieder, die später so wunderbar wirken sollten: Vater, ich rufe dich; Leb wohl, mein Bräutchen schön; Mit dem Pfeil dem Bogen; Auf, auf ihr Brüder und seid stark – dazu freilich auch noch viele andere Lieder. Denn Mutter fand bei aller Arbeit und viel Geselligkeit doch immer eine Dämmerungsstunde, wo sie uns singen, wohl auch tanzen ließ. Sie weihte uns früh ein in die reiche Welt der Dichtung, aus welcher das Beste den Kindern meist am besten gefällt. Goethe, Schiller, Herder, dazu Rückert und Hebel wurden uns in einzelnen Gedichten vertraut, zunächst wohl für Ferdinands regen Geist bestimmt, aber von den kleinen Schwestern in treuem Gedächtnis aufgefasst, so dass sich einzelne derselben mit bestimmten Orten verbinden, die auf Göttingen hinweisen. Die Aufsicht über Ferdi-nands Erziehung hatte Vater einem jungen Freunde übertragen, Lücke, später Professor in Bonn, dann Abt in Göttingen. In der Biographie von Bunsen sowie in gedruckten Briefen Brandes ist vielfach die Rede von dem bedeutenden Kreise wissenschaftlicher und strebsamer Männer, die sich namentlich um Bunsen sammelten. Es war eine große, schöne Zeit, wo im ganzen Deutschland eine Anzahl tüchtiger Männer ans Licht trat. Die Erniedrigung des Vaterlandes hatte sie an die Wissenschaft gewiesen, hier fanden sie Anfangs Trost, dann aber die Kraft und die Begeisterung zum Großen, zum Glauben, zum Handeln. Lücke zog unseren Ferdinand öfters in den Freundeskreis hinein, unter diese Männer, welche das Vaterland, die Wissenschaft und die Religion mit einer starken Liebe umfassten. Ihnen war es klar, dass Preußen dazu berufen sei, Deutschland wieder zu Ehren zu bringen. Als sie im Jahre 1814 des Königs von Preußen Geburtstag feierten, da hat unser Ferdinand mit ihnen feiern dürfen, und ist diesem Eindruck nie untreu geworden. Aber auch Mutter und Töchter hatten Gewinn von diesem Freunde, der noch gar manches Mal in späteren Jahren im Elternhause einkehrte, an dessen gastlichem Tisch ich 1827 in Bonn noch war. Die Eltern hielten es für einfache Pflicht, die Kinder so weit als möglich selbst zu unterrichten, und haben es mit den vier ältesten durchgeführt. Es trat aber eine große Schwierigkeit hervor, da wir nach dem Vater katholisch werden sollten, Vater selbst aber – wie die meisten Männer – nicht über Religion sprach. Ich erinnere mich nur des einen Wortes von ihm in dieser Beziehung: sei fromm! Vaters sittliche Strenge und der Mutter unerschöpfliche Herzens-güte waren sicherlich gute Lehrer. Außerdem wird es wohl Lücke gewesen sein, der unserer Kindheit so manche liebe Freude ins Haus brachte, d.h. Bücher, deren Wert wir später noch an den eigenen Kindern erprobten. Das von Krummacher mit seinen Parabeln und dem Festbüchlein[29]; Kohlrausch mit seiner biblischen Geschichte, die wir wieder und wieder bei der Mutter durchlasen, bis die kräftige Sprache der Bibel uns unentbehrlich war – dann lasen wir auch den erklärenden Teil dazu, meist Auszüge aus Reisebeschreibungen, die erst das Leben der Patriarchen, der Könige und Apostel lebendig und verständlich machten. Grimms Hausmärchen (eben erst erschienen) und Hebels Alemannische Gedichte, beides ein guter Anfang zu Sprachstudien, und dazu Robinson und Raffs Naturgeschichte nebst einem recht prosaischen Liederbuch. Diese alle hatten und lasen wir schon in Göttingen oder hörten sie dort lesen.

Sonnabends kam Lücke oft, und ich erinnere mich noch der feierlichen Stimmung, in der wir Kinder, eben gebadet, stille horchten auf Namen und Dinge, die später als sehr bedeutend mir wieder ins Gedächtnis kamen. In den drei Jahren in Göttingen hatte die lebenskräftige Seele unserer Mutter mehr durchzumachen, als wohl sonst ein ganzes Frauenleben ausfüllt. Da war neben der schweren Sorge ums tägliche Brot ein unge-wöhnlicher Reichtum an geistigen Gütern, der ihr von lieben Menschen entgegen-gebracht wurde. Im Hause die Sorge um den fernen Vater, der großer Gefahr ausgesetzt war, um die oft kränkelnden Kinder nicht nur, auch der Tod der Schwester, und daneben sammelte sich täglich eine Anzahl Kinder um sie, die den ersten Unterricht von ihr erhielten. Viele Namen klingen mir noch aus der Zeit.

Dazwischen wurde eine Fußreise nach Uslar unternommen, Mutter und Sohn gingen, daneben ein Esel mit zwei Körben beladen, in einem Schwester Sophie, im anderen wir zwei Jüngsten. Einzelne Bilder aus dieser Reise sind mir noch lebendig, nicht die Urgroßmutter selbst, aber unsere drei Cousinen Brede, deren eine ein Gedicht aufsagte, das ich noch weiß. Tante Louise Brede starb bald nachher. Der Onkel war von der französischen Regierung (als maire?)[30] angestellt. Als die Kosaken die kleine Stadt überfielen, fragten sie gleich nach ihm. Während er durch den Garten flüchtete, empfing seine Frau die wilden Reiter, bewirtete sie und holte die Kinder, das sicherste Mittel, die bärtigen Männer zu begütigen. Sie war eine begabte, entschlossene Frau; aber die Angst damals mag wohl den Grund gelegt haben zu dem Nervenfieber, das ihrem Leben bald ein Ende machte.

*

Vater war im Frühjahr 1814 nach Frankfurt gegangen, von wo damals die Verpflegung der Armee und wohl noch vieles andere geleitet wurde. Es waren bedeutende Männer, mit denen er alsbald in Beziehung trat, und seine Briefe aus jener Zeit, die ich freilich nie gelesen habe, müssten interessant sein. Stein[31] und Arndt[32] waren damals in Frankfurt. Unter den Ärzten waren Soemering, Wedekind, Neuburg, die sicherlich auch zu dem Kreise gehörten, welcher im Geiste ein Vaterland aufbauten, wie jetzt nach einem halben Jahr-hundert[33], nach schweren Prüfungen und blutigen Kämpfen die Enkel dieser Männer es vor Augen und im Herzen haben.

Vater sprach allezeit gern von dieser großen Zeit, und  hat im Jahre 1848 im Verkehr mit Arndt und Uhland[34] wieder daran angeknüpft. Dies frische Geistesleben mag ihm auch der beste Schutz gewesen sein gegen die Ansteckung. Das Lazarett war im Deutsch-Herrenhaus an der Mainbrücke, und enthielt Kranke aus wohl allen europäischen Völkern, auch aus dem asiatischen Russland. Mit Hilfe von Dolmetschern konnte Vater sich mit allen verständigen, nur nicht mit einem Baschkiren, dessen Sprache nur ein Brüllen war. Die vielen Russen hatten sämtlich ein kupfernes Heiligenbild auf der Brust hängen, an das sie ihre Gebete richteten. Vater, der in allen Stücken viel Sinn für systematische Ordnung hatte, waltete seines Amtes mit großer Treue, was namentlich bei der Beköstigung der Kranken oft schwierig war. Die allgemeine Sitte war, dass jeder aus dem öffentlichen Gute sich selbst gut bedachte, und darin auch Nachsicht übte. Das konnte Vater seiner Natur nach nicht, den Wein, der für die Kranken gekauft wurde, sollte nur ihnen zugute kommen. Der Mann, gegen welchen er so strenge Aufsicht zu üben hatte, wurde nach Auflösung des Lazaretts mit mehreren Orden bedacht, von denen sich keiner zu Vater verirrte. Das erzählte uns Mutter mehrmals, es war für meinen Kopf das erste, was ich von Orden hörte, wohl infolge davon haben dieselben nie in allzu hoher Verehrung gestanden bei Vaters Kindern.

Im Jahre 1815 wurde das Lazarett nach Heusenstamm verlegt, einem Dorfe mit einem großen Schlosse, dem Grafen Schönborn gehörig, welche bei den letzten Kaiserwahlen den Gewählten auf seinem Wege nach Frankfurt zu bewirten hatte. Etwa ein Jahr noch fuhr Vater täglich hinaus, bis auch die letzten geheilt entlassen werden konnten. Da führte er die kleine Schar in die Dorfkirche zum Dankgottesdienst. Wir Kinder durften oft mitfahren nach Heusenstamm, blieben dann im Walde, und sahen von ferne die Kranken im Schlossgarten gehen. Wir gingen auch wohl in die Kirche, wo eine sehr schöne Orgel war. Am 17. August 1815 waren wir auch mit der Mutter hinaus gefahren, saßen an dem stillen Weiher und pflückten Heideblumen, die die Mutter zum Kranze wand, wie später möglichst jedes Jahr Sophie ihn zum Geburtstag bekam.

Am 15. März 1815 waren Mutter und vier Kinder nach Offenbach[35] gekommen, wo Vater kurz vorher als Arzt angestellt war. Vater kam uns bis Friedberg entgegen und brachte uns Offenbacher Pfeffernüsse mit, deren ich mich deutlich erinnere. Die Eltern traten in ein heiteres, geselliges Leben ein, beider bedeutende Persönlichkeit imponierte und zog an, wie es aus tausend kleinen Erinnerungen mir jetzt klar wird. Als Arzt hatte er anfangs nur einen Rivalen, den grünen Doktor, einen unstudierten Juden mit viel Geschick und Erfahrung, aber sonst eine lächerliche Erscheinung.

*

Offenbach[36] hatte damals etwa 8000 Einwohner, war die Residenz des Fürsten von Isenburg[37], der als Günstling von Napoleon aus der Reihe der Souveräne ausgestrichen wurde auf dem Wiener Kongresse. Den Kern der Bevölkerung bildeten die meist reformierten Landbauern, fleißige, solide Leute, von denen später einer als religiöser Schwärmer von sich reden machte. Es hatten sich aber schon viele andere Elemente dort gesammelt, da in Frankfurt strenger Zunftzwang herrschte, und keinerlei Fabriken aufkommen ließ. So war 10-20 Jahre früher die Kutschenfabrik entstanden, zwei Sattlergesellen aus Frankfurt, Dick und Kischten, die in London gearbeitet hatten, waren ihre Gründer. Der Dritte im Bunde, Ackermann, gründete in London den ersten Stationers Shop. Die Portefeuillefabrik von Mönch haben wir entstehen sehen, unser Ferdinand hat sich von ihm, dem einfachen Buchbinder, manches Stück Pappe geholt, manchen Kunstgriff zeigen lassen. Die bedeutendste Unternehmung vor Ort war aber die große Schnupftabakfabrik von Bernard. Dieser und die verschwägerte Familie Dorville gehörten zu den Refugiés, die nach Aufhebung des Edikts von Nantes in großer Zahl sich in Frankfurt angesiedelt hatten, und die bedeutende Mittel an Geld und Kenntnissen dem neuen Vaterlande wie dem eigenen Behagen zu Gute kommen ließen. Die meisten ließen ihren Adel ruhen und wendeten sich dem Handel und der Industrie  zu. Die anerzogene feine Sitte sowie die ernste Körperlichkeit machten einen sehr gewinnenden Eindruck. Es ist der Kreis, in welchem Goethe oft verkehrte und wo er seine Lili fand. Der Komponist André gehörte auch zu dieser französischen Gemeinde und für viele derselben war Offenbach ein beliebter Sommeraufenthalt, so wird eine Sophie Laroche genannt und Bettina Brentano. Bernard hatte viele der Musiker um sich gesammelt, die sonst an den kleinen Höfen Geld verdienten, und nun durch den Krieg brotlos geworden waren. In seinem schlossähnlichen Hause wurden Konzerte und Festlichkeiten aller Art aufgeführt, wo alle Künste beschäftigt waren.

Als wir nach Offenbach kamen, lebte Bernard selbst nicht mehr, seine Witwe aber stand noch wie eine gefeierte Fürstin, und der Glanz des Hauses ging mit über auf die ganze Familie Dorville.

 

Verfasst etwa 1864, d.h. 20 Jahre vor dem Tode von Minna Becker-Pansch.

 

Nachwort des Bearbeiters Dr. Bert Böhmer

Die Erinnerungen Minna Becker-Panschs sind eine fesselnde Lektüre und in eine Linie zu stellen mit jenen Julie Becker-Schöffers. Bei Beiden fühlt man sich veranlasst zu sagen: Schade, dass diese Erinnerungen nicht weitergeführt wurden!

Minna hatte echt eine literarische Begabung; mit scharfem Blick vermag sie die Menschen zu beschreiben, ohne sie zu verletzen. Es gelingt ihr, ein fesselndes Bild jener Zeit des Umbruchs zwischen 1800 und 1815 zu entwerfen, die geistigen Strömungen Göttingens aufzugreifen. Gewiss war es ein Glücksfall, gerade in jener Zeit tiefer „deutscher“ Erniedrigung durch Napoleon I. in Göttingen zu leben. Sie war eine äußerst gebildete Frau, man nannte sie in der Familie „die Gelehrte“ (Heinz Knab) – obwohl sie nur ein Mädchen war. Carl Ferdinand wie seine Frau Amalie haben allen ihren Kindern eine gute Erziehung und Bildung zukommen lassen, entweder selbst oder durch Freunde oder auch durch Hochschulstudien – natürlich nur  vier der fünf Jungen. Es sollte noch fast 100 Jahre dauern, bis in Deutschland Frauen studieren durften, was in der Schweiz und vor allem in den USA und in Frankreich schon möglich war. Da sollte der arme Vater wohl immer finanzielle Sorgen haben! Urgroßvater Carl musste auf ausdrücklichen Wunsch der Mutter Kaufmann werden. Dessen Geschichte kennen wir aus den Erinnerungen von Julie Becker.

In sofern hat Karl Schöffer natürlich mit seiner Bemerkung recht, die nachfolgenden Beckers hätten es nicht soweit gebracht wie der Vater. Aber es kann eben nicht jeder Kaufmann und Millionär werden – weder Ärzte noch Lehrer oder Juristen haben in den meisten Fällen die Gabe, alles in Gold zu verwandeln. Obwohl – es gibt auch Ausnahmen…

Außerdem muss man wohl berücksichtigen, dass wir seit dem Tode des Urgroßvaters Carl Becker 1897 zwei Weltkriege und zwei Inflationen überstehen mussten. Das einzige, was man oft aus dieser Epoche hinüberretten konnte, waren geistige und moralische Werte, die schließlich auch nicht zu verachten sind, wie wir bereits an der Pädagogik Carl Ferdinands bemerken können. Damals, 1815, waren die Verhältnisse in Deutschland in ähnlicher Weise katastrophal wie nach 1945. Millionen von Menschen mussten ihr Leben wieder ganz neu aufbauen. Damals ging der Krieg mehrmals über die deutschen Staaten hinweg, im Zweiten Weltkrieg kam zu den jahrelangen Bomben-angriffen dann noch die direkte Eroberung.

Wie oft musste Carl Ferdinand von vorne beginnen: Höxter, Göttingen, Frankfurt, Offenbach. Arzt, Salinendirektor, Militärarzt – und Schulleiter seiner eigenen Schule.

Was musste seine Frau Amalie durchmachen in den Jahren des Alleinseins – das sind alles Erfahrungen, die unsere Eltern ebenfalls durchstehen mussten. So findet man immer wieder erstaunliche Parallelen zwischen den Jahren 1815 und 1945, weswegen ich die Lektüre der Erinnerungen Minnas so fesselnd fand.

Es geht doch nichts über die Überlieferung auf Papier! Unsere Nachkommen in 200 Jahren (ja, so lange ist es bald her, dass sich Deutschland mit Hilfe Russlands und Großbritanniens von der Hegemonie Frankreichs befreite!) werden ihre Probleme mit uns haben. Die Filme werden zerfallen sein; die Tonbänder der 60er Jahre werden keine Geräte mehr vorfinden außer vielleicht im Museum, die Kassetten sind ebenfalls schon Vergangenheit, und mit unseren CD-Playern sehen wir auch bald alt aus!  Und die CD-ROM, wie werden sie halten, auf denen ich für meine Kinder meine Erinnerungen kopierte?? Die Disketten kann man ohnehin vergessen, weil da kaum etwas draufpasst – vielleicht würden sie sogar länger halten…Jetzt gibt es bereits DVD – und so wird es weitergehen. Und was ist mit unseren Texten, die wir mühsam in den PC tippen? Wie lange hält so eine Festplatte? Die Entwicklung überschlägt sich: als ich vor fast drei Jahren den meinen kaufte, waren 700 Megahertz fast das beste, es gab schon 800er. Heute im Jahre 2003 sind wir bereits bei zwei Gigabyte angelangt! A quoi bon?

Mit den Büchern gibt es ebenfalls Probleme. Gut hält sich nach wie vor Pergament. Aber wer hat schon eine Handschrift auf Pergament?? Das Papier aus Lumpen bot über Jahrhunderte einen guten Ersatz. Aber seit 150 Jahren benutzen wir Papier aus Holzfasermasse. Lasst einmal eure neueste Zeitung eine Woche auf dem Rückablage eures Autos liegen, dann werdet ihr sehen, was ich meine! Die großen Bibliotheken kämpfen heute schon verzweifelt um die Erhaltung alter Buchbestände, d.h. jener aus dem 19.Jahrhundert.

Und wer kann die alten Bücher lesen? Ich spreche von deutschen, in Fraktur gedruckten? Ich musste diese Schrift noch von 1939-41 lesen und schreiben lernen, doch 1941 entschied die Reichsregierung, wir müssten nun alle die lateinische Schrift lernen, alle Schulbücher wurden umgestellt. Nur gut, dass die Bücherschränke noch voll mit alten Büchern waren – nur sorgte der britische Luftmarschall Harris dafür, dass viele verbrannten.

Putzger, Historischer Weltatlas, 102.Auflage 1993
Putzger, Historischer Weltatlas, 102.Auflage 1993

Ich kopierte hier einmal eine Geschichtskarte, die die Zerrissenheit Deutschlands vor der Französischen Revolution 1789 zeigt. Leider liegt mir keine Karte von Hessen vor, das wiederum in sich zerrissen war in verschiedene Herrschaften und eifersüchtig gehütete Souveränitäten (Hessen-Kassel, Großherzogtum Hessen-Darmstadt, Herzogtum Nassau, Freie Reichsstadt Frankfurt).

Wenn Georges W. Busch, US-Präsident im Jahre 2003, gerne eine Telefonnummer möchte, um mit Europa zu sprechen, so ist das heute genauso unmöglich, wie im damaligen Deutschland, das mit vielen Zungen sprach und vor allem schrieb..

Auch der Wiener Kongress[38] schuf da keinen grundlegenden Wandel. Erst die Gründung des Deutschen Reiches 1871 brachte entscheidende Veränderungen, denn nun waren Militär und vor allem Außenpolitik Domänen des Reiches.

Wahrscheinlich werden unsere Urenkel darüber lachen, wie eifersüchtig noch Anfang des 21. Jahrhunderts die einzelnen europäischen Staaten auf ihre Souveränität achten…

 

 

[1] Lippstadt, Stadt im Landkreis Soest, heute NRW, an der Lippe. 66 600 Einw. (2001)

[2]  Delbrück, Stadt im Landkreis Paderborn, NRW, im SO der Westfälischen Bucht, 28 000 Einw. (2001)

[3] Liesen an der Mosel 1775

[4] Paderborn, Kreis im Reg.Bezirk Detmold, NRW, auf halbem Wege zwischen Göttingen und Münster, an der Lippe und am Rand des Teutoburger Waldes. Erzbistum, bis 1803 Fürstbistum *806 von Karl dem Großen, gehörte zur Kirchenprovinz Mainz. 1803 an Preußen. Sitz von Nixdorf Computers, heute zu Siemens seit 1990

[5] Liborius, Bischof von Le Mans 308, Freund Martin von Tours, Heiliger, Patron des Erzbistums Paderborn. Die Stadt feierte das achttägige Liborifest

[6] Der kirchliche Antisemitismus entstand bereits im Mittelalter, zur Zeit der verheerenden Pest im 14.Jh. Juden wohnten zumeist in Ghettos, trugen oft „gelbe Flecken“, – durften aber Zins nehmen und waren deshalb recht verhasst. Andererseits hatten sie durchaus auch einen Mauerabschnitt zu verteidigen und eine hohe Kopfsteuer zu zahlen. Variation von Stadt zu Stadt.

[7] Hildesheim, Kreisstadt in Niedersachsen, an der Innerste, etwa 104 000 Einw. (2001) Sitz des katholischen Bischofs für Norddeutschland, bereits 815 Fürstbistum bis 1803, zeitweilig, nach der Hildesheimer Stiftfehde 1519-23, kam das Territorium an das Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, dann 1643 zurück an den Fürstbischof; 1803 kam das Hochstift an Preußen, 1813 an Hannover und 1866 wieder an Preußen, einschl. Hannover… Berühmt ist der Dom Sankt Maria 1054-1079 mit den Bronzetüren des Bischofs Bernward 1015 und der Bernwardssäule von 1020. In der Krypta befindet sich der Godehardschrein. St. Michael stammt aus dem Jahre 1010 und sticht durch seine hölzerne Mittelschiffsdecke hervor. Die spätgotische Andreaskirche schließlich stammt aus dem Jahre 1389. Hildesheim ist einer der Schwerpunkte der sog. Ottonischen Kunst, der Frühromanik, deren Spuren wir von der Reichenau über Regensburg, Trier, Köln nach Essen, Hildesheim und Magdeburg verfolgen können. Buchmalerei!

Die Stadt erhielt 1000 das Marktrecht, 1217 das Stadtrecht und wurde 1367 Mitglied der Hanse.

Das genannte Jesuitenseminar ist heute noch ein Gymnasium in kirchl.-kathol. Trägerschaft, das Josephinum. In Himmelsthür am Gymnasium hatte ich einmal einen Kollegen, der musste diese fromme Anstalt wegen seiner Scheidung verlassen, seine Tochter wohnt  benachbart zum Münchhausenweg 19

[8] Karlshafen, Stadt im Landkreis Kassel, an der Diemel, aus dem Hochsauerland kommend, wo sie in die Weser mündet. Gegründet 1699 vom Landgrafen Karl von Hessen, der einen Weserhafen wollte und dort Hugenotten ansiedelte, die dort eine moderne (Barock-)Stadt errichteten. Die Rolle der Weser wird heute etwas unterschätzt – doch viele Handels- und Gewerbestädte folgten dem Strom von Hannoversch Münden nach Karlshafen, Höxter, Holzminden, Bodenwerder und Hameln bis zur Porta Westfalica, den Rest vernachlässige ich hier bis auf Bremen!

[9] Der Verkauf der Landeskinder an die Briten zum Kampf gegen die Amerikaner ist ein trauriges Thema, jedoch nicht das unsere. Hessen war ein armes Land und versilberte seine Soldaten, von denen viele in den späteren USA, aber auch in Kanada blieben, viele Kranke kamen jedoch zurück.

[10] Uslar, Stadt im Landkreis Northeim, 17 000 Einw. (2001), Stadtrecht seit 1269

[11] soll wohl heißen langweilig, betulich

[12] Die Schlacht von Hohenlinden war am 3.12.1800; der französische General Moreau besiegte damals die Österreicher unter Erzherzog Johann. (Heinz Knab)

[13] Den gut leserlichen Ausdruck konnte ich bei bestem Willen mir nicht erklären, noch dazu im Original mit einem S. Doch von Vetter Heinz Knab kam Hilfe: In der Messinghütte wurden wohl Messinggegenstände produziert, von denen auch Minna einige Stücke zur Aussteuer erhielt.

[14] d.h. 1782

[15] Die Befreiung des Paderborner Domherrn Ferdinand Becker erfolgte durch „verlarvte“ Männer, d.h. eine Gruppe junger Adliger, zu denen auch eine Nonne gehörte, die B. aus dem Kloster befreite und noch in der Nacht über die Grenze nach Arolsen unter den Schutz des Fürsten von Waldeck brachten. in Sicherheit brachte und wo er fast 7 Jahre blieb. (Heinz Knab 2.2003) „1798 erreicht Becker ein Zettel. Auf dem eng beschriebenen, vergilbten Blatt heißt es: >…ohne Maske erscheine ich jetzt vor Ihnen. Ich bin Nonne und muß durch andere wirken… Sie sollen gerettet werden. Selbst meine eigene Freiheit soll mir nicht zu teuer sein… Für kurze Zeit noch ertragen Sie ihre traurige Lage. Mir ist noch keine Handlung misslingen, und so bauen Sie fest auf die Versicherung einer Nonne, die Ihnen schwört: Despotie und Pfaffenwuth sollen ihren Zweck nicht erreichen, solange noch ein Funken Kraft glüht in Ihrer Freundin  Constantie von Warschowitz.“ Dieser und zahlreiche weitere Briefe der lebhaften Nonne liegen im Becker-Archiv Offenbach. Die Dame verliebte sich in Beckers Neffen, nahm den lutherischen Glauben an und heiratete 1803 den Arzt Dr. Werne in Osnabrück. Vgl. S.69 Heinz Knab, Inquisitionsprozeß Ferdinand Becker, Weilburg 1951 (Diss,)

[16] Das Reichskammergericht bestand zwischen 1495 und 1806; es war Oberstes Berufungsgericht, zuständig für Landfriedensbruch, Reichsacht, fiskalische Klagen, Besitzstreitigkeiten zwischen Reichsunmittelbaren

[17] Höxter, Reg.Bezirk Detmold, NRW, 155 000 Einw.(2001), an der Weser, östlich von Paderborn. Stadtrecht seit 1235. In der Nähe liegt das Kloster Corvey, von Luwig dem Frommen 822 von Corbie hierher verlegt

[18] Johann Heinrich Campe *1746, Pädagoge, Sprachforscher und Verleger, lehrte am Dessauer Philanthropinum, Hauslehrer der Gebrüder Humboldt, Reformer des Schulwesens in Braunschweig, Herausgeber von Daniel Defoes Robinson Crusoe.

Der Philanthropismus war eine pädagogische Reformbewegung mit Basedow, Campe, Salzmann, Trapp, die die natürlichen Kräfte des Kindes und die Ausbildung der Vernunft sowie eine praktische Weltorientierung zum Ziel hatte. Der Einfluss auf Wilhelm von Humboldt, aber auch auf Becker ist eklatant.

[19] Sie sollten natürlich den Wünschen des Onkels Kanonikus entsprechend Theologie studieren

[20] In Mainz ergriffen 1792/3 die Jakobiner die Macht und riefen mit der Mainzer Republik den 1. deutschen Freistaat (unter franz. Schutz) aus. Noch 1793 verhandelte Georg Forster als Mainzer Beauftragter mit dem Pariser Konvent über den Anschluss an Frankreich – da wurde Mainz von preußischen Truppen zurück erobert. – Mainz, heute die Hauptstadt von Rheinland-Pfalz, liegt am linken Rheinufer an der Einmündung des Mains. Seit dem 4. Jh. ist es Bischofssitz, der Erzbischof wurde schon unter Bonifatius und Lullus zum Primus Germaniae, Hofbischof des Kaisers, seit dem 12. Jh. auch Kurfürst und herrschte über die „größte Provinz der Christenheit“ mit 15 Suffragan-Bistümern von Konstanz bis Brandenburg, von Worms bis Prag und Olmütz. Auch Erfurt und das Eichsfeld gehörten dazu. Rückgang der Macht durch die Reformation, 1803 säkularisiert.

[21] D.h. also 1799

[22] Die Herrnhuter Brüdergemeine ist eine aus dem Pietismus hervorgegangene Evangelische Brüderunität, beeinflusst von den exilierten Böhmischen Brüdern, die seit 1772 auf dem Gut des Grafen Zinzendorf (1700-1760) in der Oberlausitz Zuflucht fanden. Grundlage Bibellesen und tägliche Losungen. Starker Einfluss auf den Theologen und Philosophen Schleichermacher (1768-1834)

[23] Die von Ungern-Sternberg sind ein baltisches Adelgeschlecht. (Anmerkung von Heinz Knab 2.2003)

[24] Deutsche Legion bestand weitgehend aus Hannoveranern, die sich dem preußischen wie dem französischen Zugriff entzogen hatten. Das Kurfürstentum Hannover wurde bis 1837 weitgehend von Großbritannien aus regiert, wenn auch in Hannover ein Vizekönig residierte. Nach dem Machtantritt Queen Victorias 1837 wurde Hannover selbstständig bis 1866, denn in Deutschland durfte keine Frau die Krone erben…

[25] Als Adlige(r) hatte man eine gehörige Mitgift ins Kloster mitzubringen.

[26] Im Manuskript mit h (Vehrden) geschrieben, das es aber wohl nicht gibt. Verden, Kreisstadt im Bezirk Lüneburg (Niedersachsen),131 000 Einw. (2001), an der Mündung der Aller in die Weser. Nachweisbar seit 810(Ferdi=Furt), 849 Bischofssitz, 985 Marktrecht, 1292 Stadtrecht, 1566 reformiert, 1648 säkularisiert und Schweden,1712 an Hannover, 1866 an Preußen

[27] Die Karlsschule *1770 von Herzog Eugen von Württemberg auf Lustschloss Solitude als Militärwaisenhaus gegründet, 1773 Militärakademie, jedoch 1775 nach Stuttgart. 1781 wird die Anstalt zur Hohen Karlsschule durch Kaiser Joseph II. erhoben (bis 1794).Friedrich Schillers Vater wurde nach dem Militärdienst Hofgärtner auf Solitude und musste auf Druck des Herzogs seinen Sohn auf die Militärschule schicken, wo Friedrich Jura studieren sollte, doch konnte er 1775 zur Medizin wechseln. 1780 wurde Friedrich Schiller Regimentsmedikus in Stuttgart. 1781 erschienen Die Räuber,  1782 im Ausland (!), in Mannheim, uraufgeführt.  Nach Arrest und Verbot nichtmedizinischer Tätigkeit Flucht nach Mannheim, Frankfurt, Oggersheim. Misere. Rettung durch Karoline Freifrau von Wohlzogen, Mutter eines Stuttgarter Kameraden und späteren Schwagers nach Meiningen. 1789 Uni Jena. 1790 Heirat mit Charlotte von Lengefeld. Leipzig. Weimar. Fruchtbare Zusammenarbeit mit Goethe. Klassik. Viel krank, Tod 1805

[28] Die Zählung folgte auf die Grundschuljahre: Sexta, Quinta, Quarta, Untertertia, Obertertia, Untersekunda, Obersekunda, Unterprima, Oberprima. Man zählte also gewissermaßen rückwärts. Ein Neunjähriger hätte also vom Alter her eher in eine „Septima“ gehört…

[29] Nach Ansicht von Heinz Knab wohl „eine beliebte Lektüre bei der Erziehung von Kindern und Jugendlichen.; das gilt dann wohl auch für das Werk von Kohlrausch.

[30] frz. Bürgermeister

[31] Karl Reichsfreiherr vom und zum Stein 1757-1831, preußischer Minister und Reformer, aus nassauischem Reichsrittergeschlecht, Karriere im preußischen Staatsdienst, 1807 leitender Minister, Einleitung der Reformen, deswegen Sturz durch Napoleon. Exil in Österreich, dann Russland. Für kompromisslosen Kampf gegen Napoleon. 1815 auf dem Wiener Kongress für Stärkung des Deutschen Bundes, aber gegen Burschenschaften und Liberalismus

[32] Ernst Moritz Arndt 1769-1860, deutscher Dichter und Publizist, nach Aufruf zum Kampf gegen Napoleon 1805 Flucht nach Schweden, 1812 Privatsekretär  Steins in Russland („Der Gott der Eisen wachsen ließ…“), gegen schwachen Deutschen Bund; 1815 Prof. in Bonn, 1819  nach Karlsbader Beschlüssen suspendiert, von Friedrich Wilhelm IV.1840 rehabilitiert; 1848 in Paulskirche

[33] Hierauf beruht meine Schätzung der Entstehung der vorliegenden Erinnerungen im Jahre 1864.

[34] Ludwig J. Uhland 1787-1862, aus Tübinger Gelehrtenfamilie, 1811 Anwalt, 1812 Justizminister in Stuttgart, 1819-26 liberaler Abgeordneter im Württembergischen Landtag, 1830 Professor für deutsche Literatur, 1833 Niederlegung des Amtes, da Abgeordnetenurlaub verweigert wurde, 1848 in Nationalversammlung, 1850 Privatgelehrter. Bedeutendster Dichter der schwäbischen Romantik, Gedichte von 1815 in 42 Auflagen!. Patriotische Gedichte, Sagenforschungen 1836. Kritik am Despotismus. Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder 1844/5

[35] Interessant die Bemerkungen der Verfasserin zu dem Zunftzwang in Frankfurt und der industriellen Blüte Offenbachs, wo es diesen nicht gab.. Im Verlauf der Stein-Hardenberg’schen Reformen wurde dieser Zunftzwang aufgehoben. Im Königreich Hannover indessen wollte man in der Hauptstadt auch kein „Manchester“, deswegen siedelte sich die Industrie in Linden an – das man sich später einverleibte…

[36] Offenbach am Main, Kreisfreie Stadt, Sitz des Landkreises Offenbach, nach W und N mit Frankfurt zusammenwachsend, 116 000 Einw. (2001), Zentrale des Deutschen Wetterdienstes, Bundesmonopolverwaltung für Branntweinproduktion, Internationales Leder- und Schuhmuseum, früher auch Schriftgießereien (ich besichtige als junger Schriftsetzer eine solche  1953), Internationale Ledermessen; Renaissance-Schloss 1570-78.977 zuerst genannt, 1486 an den Grafen Isenburg, Residenz der Grafen von Isenburg-Birstein 1741-1816, Ende des 17. Jh. Aufnahme von Waldensern und Hugenotten, erst 2. Hälfte 18..Jh. Stadt

[37] Die Grafen von Isenburg, auch Ysenburg, rheinisch-hessisches Fürsten- und Grafengeschlecht; Burgruine Isenburg noch bei Neuwied; seit 963 belegt, 1442 Reichsgrafen.  Linie Isenburg-Birstein 1744 Reichsfürsten, 1806 zum Rheinbund, 1815 mediatisiert. Linie Isenburg-Büdingen 1865 in hessischen Fürstenstand erhoben.

Toleranzedikt von 1712 garantiert religiös Verfolgten eine Zuflucht (Anmerkung 33).

Neu-Isenburg im Landkreis Offenbach, südlich von Frankfurt, 35 000 Einw. (2001), seit 1699 Hugenottensiedlung, erst 1894 Stadtrecht.

[38] Vgl. meine Studie Hannoversche Außenpolitik 1815-66, Olms Verlag, Hildesheim (erscheint Herbst 2003)

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