Harry Becker

HA.VI. Nr. 6290 (Harry Becker, auch Vater Ferdinand)

70. C.H.B. an Harry Becker. O.O. (Bonn), 2.7.1915

(Maschinenkopie)

Mein lieber Harry!

Dein lieber und langer Brief kam gestern Nachmittag in meine Hände. Ich hatte es eigentlich nie anders erwartet und mich immer darüber gewundert, daß Du so zuversichtlich für alle Fälle mit einer Rückkehr nach Bonn rechnetest. Jedenfalls bist Du noch gerade vor Toresschluß angenommen worden, denn inzwischen hat Deine Hausfrau mir den Stellungsbefehl für Dich zum 3. Juli zugeschickt, den ich sofort an Deinen Vater weitergehen ließ. Das Regiment, dem Du jetzt angehörst, ist ja ein mecklenburgisch-feudales, und Du wirst Dich da schon wohl fühlen. Daß Du auch Schulkameraden da hast, ist ja famos. Der kleine Klebe war sehr betrübt, daß Du nicht wiederkehrst, und auch ich bedauere es lebhaft, da die Erweiterung unseres Familienkreises, die Du darstelltest, uns doch sehr willkommen war. Zukunftspläne lassen sich ja jetzt noch nicht machen; jedenfalls kannst Du sicher sein, daß wir Dich jederzeit wieder mit der gleichen Herzlichkeit aufnehmen werden, und wenn Dein Bonner Aufenthalt nur eine Episode bleiben sollte, so freue ich mich, daß er mir Gelegenheit gegeben hat, Dich etwas näher kennen zu lernen und freundschaftliche Beziehungen mit Dir zu knüpfen, die hoffentlich fürs Lebens sein werden. Wenn Du neben Deinen Eltern einmal einen Onkel brauchst, der Verständnis für Dich hat, so wirst Du nicht lange zu suchen brauchen. Meine Frau wird ja nun wohl in Frankreich von Deinen Schicksalen erfahren; aber die anderen Freunde und Verwandten, die ich sprach, lassen Dich alle vielmals grüßen: die Meinigen, Fritz Sell, der dieser Tage während seines Umzuges bei uns wohnt, Schreuers und auch Ritschel, dessen Sohn in Bruchsal leider nicht genommen worden ist. Er scheint gänzlich militär-untauglich zu sein.

Deine hiesigen Geschäfte werde ich heute nach Wunsch abzuwickeln versuchen. Gestern konnte nichts mehr geschehen; doch werde ich jetzt gleich mit Fräulein Ida und Hertha nach Deiner Wohnung gehen, um aufgrund Deiner äußerst sorgfältigen Darstellungen zu handeln. Ich habe vielleicht noch Gelegenheit, an das Ende dieses Briefes über das Resultat meiner Verhandlungen zu berichten.

Und nun wünsche ich Dir alles Gute für die Zeit Deiner Ausbildung und vor allem für später. Es muß für Dich doch einerfreuliches Gefühl sein, für gesund erachtet zu werden. Ich verstehe ja sehr wohl dieses gewisse Gefühl der körperlichen Unsicherheit, das Du nach den Sorgen der letzten Jahre noch hast, und ich bin ja in mancher Hinsicht auch in ähnlicher Lage, wie Du, nur daß ich es mit meinen 40 Jahren wohl kaum aushalten würde. Jedenfalls werde ich, wenn ich militärisch frei bleibe, in den großen Ferien wieder einmal ein Sanatorium aufsuchen, um meinen wenig erfreulichen Zustand zu kurieren. Bei einer kürzlichen Untersuchung wurde wieder Zucker gefunden, und damit ist nicht zu spaßen.

Laß uns gelegentlich mal was von Dir hören. Wir werden Deiner oft in Treue gedenken.

Mit herzlichen Grüßen vom ganzen Hause Dein alter Onkel (CHB)

s.a. dtv-Atlas Weltgeschichte Band 2, S.402

 

71. C.H.B. (ohne Anrede, wohl an Bruder Ferdinand Becker), o.O., o.Datum (1915/16)

(Maschinenkopie, Fragment)

(Lieber Ferdi!)

…Was den „Landratsjungen“ betrifft, so habe ich die größte Vorliebe für wohlerzogene norddeutsche junge Leute. Aber wenn einer einmal in ein anderes Milieu kommt, soll er sich dem nicht verschließen; ich glaube auch jetzt, daß das Harry nie tun wird.

Ich stehe heute Morgen ganz unter dem Eindruck der Torpedierung der Lusitania1. Das ist ein Bombenerfolg, der beweist, daß die in letzter Zeit viel bespöttelte Unterseebootwaffe ein furchtbares Instrument ist. Hoffentlich ist recht viel amerikanisches Kriegsgerät mit unter-gegangen. Es war von deutscher Seite genug gewarnt worden, und zweifellos hat man den großen Personendampfer bisher geschont. Auch die englische Kriegsflotte wird sich jetzt wohl noch mehr verstecken.

Mit Italien sieht es dagegen böse aus.; man weiß allerdings nicht, wieviel daran Pressemache ist. Auch von deutscher Seite wird damit stark gearbeitet. Die Kölnische Volkszeitung brachte einen offenbar von oben gebilligten Leitartikel, der mit der Wiederherstellung des Kirchen-staates drohte. Ich sage mir immer, die Italiener sind im Grunde feige; sie haben kein Geld und keine Kohlen; die Kriegspartei hat die Sozialisten und die katholische Kirche gegen sich. Das ist etwas viel. Allerdings ist die Dynastie gefährdet, und die öffentliche Meinung bedeutet in Italien mehr als bei uns. Ich kenne kein Beispielt in der Geschichte, daß ein Volk so voll-ständig seine natürliche politische Orientierung aus dem Auge verliert, wie jetzt Italien. Es wird sich gewiß nicht den Kopf am Trentino2 einrennen, was ziemlich uneinnehmbar ist, aber es wird wohl in der Türkei eingreifen und die französische Front verstärken. Demgegenüber sollen wir beabsichtigen, mit großen deutschen Truppenmassen aus dem Trentino herauszubrechen und die Lombardei zu besetzen. Wie es allerdings mit der Neutralität der Schweiz wird ist eine schwierige Frage. Ohne ein Eingreifen Italiens dürfte der Krieg wohl bald zu Ende sein.

Was den Munitionskauf in Amerika betrifft, so stammt meine Nachricht aus dem Hauptquartier. Alex war aber auch bereits darüber orientiert. Der Gedanke ist seit Kriegsbeginn erwogen worden, und man hat z.Zt. geplant, Munition zu kaufen und dann die Fabriken zu veranlassen, einem Ausfuhrverbot sich nicht länger zu widersetzen; ihr privatwirtschaftliches Interesse war ja dann gedeckt. Das scheint nicht gegangen zu sein. So hat man jetzt nicht

direkt Munition, sondern wenn ich recht berichtet bin, einen zur Pulvererzeugung nötigen Bestandteil (Salpeter??) aufgekauft. Das große Munitionsgeschrei in England ist doch auch nicht durch einen Zufall von heute auf morgen entstanden.

Wie ich in Berlin hörte, empfindet man auf Seiten der Entente vor allem den Krieg mit der Türkei als eine ungemeine Erschwerung. Man hat der Türkei sehr glänzende Bedingungen gemacht, wenn sie einen Separatfrieden schlösse; aber davon ist keine Rede. Verhandlungen bestehen bisher tatsächlich nach keiner Seite, doch glaube ich, daß trotz der Frankfurter Zeitung, die einer Verständigung mit England das Wort redet, z.Zt. ein Hand-in-Hand-gehen

mit Rußland in Aussicht steht. Ein Vortastverfahren über eine Verständigung in der Dardanellenfrage scheint sich anzubahnen, Grundsätzlich aber steht der Kanzler auf dem Standpunkt, daß die gegenwärtige Kriegslage eine politische Zukunftsorientierung nicht zulasse.

Mit großem Interesse las ich einen Teil von Elses Brief. Grüße sie bitte herzlich, sowie auch Ully (und) Deinen Sohn Harry …

Ende des Fragments, aus dem sich aber immerhin der Schreiber erschließen ließ

 

72. C.H.B. an Harry Becker o.O. (Bonn), 17.3.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Harry!

Ich möchte Dir wieder einmal einen herzlichen Gruß von uns allen schicken und Dir Dank sagen für Deine freundlichen Karten. An Deinen Briefen habe ich herzlichen Anteil genommen und mich Deiner lebendigen Darstellung sehr gefreut. In den letzten Wochenhabe ich allerdings nichts mehr bekommen; ich weiß nicht, aus welchem Grunde.

Es wird Dich interessieren, daß das kleine Jüdchen, mit dem wir Dich immer so aufzogen, und der wegen seiner schrecklichen Jugend immer nicht ankommen konnte, dieser Tage vor Lille gefallen ist. Er war eigentlich noch ein Kind, dieser rote Levinson; aber ich habe ihn eigentlich doch ganz gern gemocht, und jedenfalls hat mich sein Schicksal, das er nach nur vierwöchigem Aufenthalt an der Front, von einem Schrapnell getroffen und sofort getötet wurde, recht erschüttert. So findet diese kleine Episode Deiner Bonner Zeit einen tragischen Abschluß. Der Onkel des kleinen Jüdchens, Professor Levinson, ist übrigens vor mehreren Monaten in seinem Studierzimmer von einer Leiter heruntergefallen und hat sich den rechten Arm derartig verletzt, daß er jetzt immer noch nicht Arm und Hand gebrauchen kann, und es zweifelhaft ist, ob sie je wieder die alte Bewegungsfähigkeit erhalten. Sonst kann ich Dir von Deinem hiesigen Bekanntenkreis nicht viel berichten. Der älteste Ritschel wird wegen zu kleinen Herzens nirgends genommen. Der zweite ist in Freiburg als Fähnrich eingetreten.

Uns geht es nach wie vor gut. Ich bin noch immer nicht eingezogen, habe aber neulich in den Sprachen, die ich verdolmetschen soll, auf dem Bezirkskommando eine Klausur schreiben müssen. Inzwischen schreibe ich unzählige kleinere und größere Artikel und halte Vorträge, z. Zt. aber genieße ich die Ruhe der Ferien, um mal bei einer ernsten wissenschaftlichen Arbeit zu bleiben.

Meine Frau pflegt jetzt vormittags in dem neuen Stift bei uns draußen. Den Kindern geht es gut. Hellmut ist ein ganzer Jüngling geworden von ungeheurer geistiger Beweglichkeit; Du würdest Deine helle Freude an ihm haben. Das Semester über war Carola3 bei uns, die mit großer Selbständigkeit durchs Leben segelt. Leider wohnte sie sehr unglücklich und war telephonisch nicht zu erreichen, was den Verkehr etwas erschwerte. Dafür hörte sie meine Vorlesung über die islamische Religion, und kam sie auch einmal die Woche zu uns zu Tisch. Was wäre es witzig gewesen, wenn Ihr beide zusammen hier studiert hättet!

Daß ich Deine Eltern in Gelnhausen traf, wirst Du gehört haben. Es war mir eine besondere Freude, und haben wir viel zusammen geklönt. Großmutter ging und geht es glänzend. Ich war dieser Tage wieder bei ihr und zwar mit Fritz Sell, der inzwischen als Krankenwärter auf dem Venusberg eingezogen ist. Es ist das ein wenig beneidenswerter Posten, da er nicht avancieren kann. Er trägt Soldatenuniform, wird aber nicht weiter ausgebildet und geht im Lazarett den Schwestern zur Hand. Da er bei Einberufung nur noch wenige Wochen vor dem Staatsexamen stand, hat man ihm große Erleichterungen gewährt und sogar 14 Tage Voll-Urlaub, und er hat dann auch sein Staatsexamen mit gut, in Geschichte sogar mit Eins bestanden. Dann hat man ihm 10 Tage Erholungsurlaub gewährt, und jetzt tut er wieder seinen übrigens nicht allzu anstrengenden Dienst und ist eigentlich jeden zweiten Tag bei uns.

Aus der Türkei hört man in letzter Zeit weniger Erfreuliches. Die Hungersnot ist dort sehr groß; aber eine Hungersnot bedeutet im Orient nicht dasselbe wie bei uns. Man ist mehr daran gewöhnt. Der Vormarsch der Russen auf Bagdad ist nicht unbedenklich; aber es scheint nicht so schlimm zu sein, wie man es anfangs befürchtet hat. Jedenfalls warnt die Times ihre Leser vor Überschätzung dieses Ereignisses.

Der Rücktritt von Tirpitz4 dürfte tatsächlich mit der U-Bootfrage zusammenhängen, und, so sehr ich sein Scheiden bedauere, bin ich doch froh, daß die nüchterne Erwägung der politi-schen Lage über das blinde Scharfmachertum der Marinekreise gesiegt hat. Seit über einem Jahr hatte die Marine Zeit zu zeigen,, was sie mit den U-Booten kann; aber sie hat es nicht einmal erreicht, die regelmäßigen Militärtransporte von England nach Frankreich zu verhindern, und da soll man ihr Glauben schenken, sie könne bei rücksichtsloser Torpedierung England in drei Monaten aushungern, eine Hypothese, die uns auf der anderen Seite die Feindschaft sämtlicher Neutralen auf den Hals gehetzt hätte. Leider zeigt sich noch nirgends eine Möglichkeit, den Krieg zu beenden. Wir müssen uns eben gedulden. Unserer draußen stehenden Lieben aber gedenken wir mit Dankbarkeit.

Gute Grüße vom ganzen Hause Dein getreuer Onkel (CHB).

 

73. Feldpostkarte von Harry Becker an C.H.B. 1. Escadron, 4. Mecklenburgische Kavalleriedivision, Regiment 17, 26.3.1916

Lieber Onkel Carl!

Für Deinen langen Brief vielen herzlichen Dank. Für Tante Hedwigs Sendung habe ich mich neulich schon bedankt. Ihr werdet das inzwischen erhalten haben. Ich bin bei den Hand-pferden, habe sehr viel zu arbeiten, daher nicht die rechte Ruhe und Zeit zum Schreiben. Daher nur dieser kurze Dank. Sowie ich wieder kann, werde ich Euch schreiben. Mir geht es ausgezeichnet; auch habe ich genug zu essen. Hier ist starkes Tauwetter; alles ist ein Patsch.

Viele herzliche Grüße, auch an Tante Hedwig und die Kinder

von Deinem tr(euen) Neffen Harry

 

74. Feldpostkarte von Harry Becker an C.H.B. 16.5.1916

Lieber Onkel Carl!

Aus dem fernen Osten sende ich Euch einen kurzen Gruß. Oft muß ich an die schönen Stunden denken, die ich vor einem Jahre bei Euch verleben durfte. Mir geht es hier sehr gut. Die Obstbäume blühen alle wunderschön. Augenblicklich ist kaltes regnerisches Wetter.

Der Russe ist ruhig. Sonst nix Neues.

Viele Grüße an Alle.

Dein treuer Neffe Harry

 

75. Feldpostkarte von Harry Becker an C.H.B. 22.5.1916

Lieber Onkel Carl!

Ich habe eine große Bitte an Dich. Wärest Du wohl so freundlich, das Buch über die Universität zu schicken.

Es ist schlechtes regnerisches Wetter. Der Russe ist ruhig. Oft muß ich an das vorjährige Frühjahr denken. Wie viele nette Erinnerungen kann ich damit verknüpfen. Wann werden diese Zeiten wiederkehren?

Hoffentlich geht es Euch allen gut! Was macht eigentlich die kleine Herta? Ihr hattet doch damals große Sorgen. Sicher ist es jetzt bei Euch herrlich mit all den blühenden Obstbäumen.

Seid alle herzlichst gegrüßt … Dein treuer Neffe Harry.

 

76. Feldpostkarte des Kriegsfreiwilligen Harry Becker an seinen Onkel C.H.B. 27.3.1916

Feldpostkarte des Kriegsfreiwilligen Harry Becker an seinen Onkel C.H.B. 27.3.1916

77. C.H.B. an Harry Becker. O.O. (Bonn), 27.5.1916

(Maschinenkopie)

Mein lieber Harry!

Deine beiden Karten haben uns sehr erfreut, und die ganze Familie sendet Dir gute Grüße. Den Ostergruß der Universität, an dem auch ich mitgearbeitet habe, hast Du wohl nur deshalb nicht erhalten, weil Du dem Sekretariat Deine Adresse nicht eingeschickt hattest. Auf Deine Mahnung hin habe ich es veranlaßt und wird das Buch wohl ungefähr gleichzeitig in Deine Hände kommen. Du wirst auch einen hübschen Aufsatz von Schreuer darin finden.

Von Deiner Mutter wirst Du inzwischen gehört haben, daß ich als Personalreferent für sämt-liche preußischen Universitäten ins Kultusministerium berufen bin. Es war ein schwerer Kampf, bis ich mich entschloß, das Angebot des Ministers anzunehmen, und habe ich dreimal lange Konferenzen mit Trott deswegen gehabt. Dann aber hielt ich es für meine Pflicht ja zu sagen, und nachdem einmal die Würfel gefallen sind, fühle ich mich glücklich in dem Gedan-ken an meine neue Aufgabe. Ich gehe zunächst allein und, wie das so üblich ist, kommis-sarisch noch als Professor für einige Monate nach Berlin. Erst im Herbst werde ich dann zum Vortragenden Rat ernannt werden, und dann wird auch meine Familie folgen. Bis dahin bleibt mir der Rückweg offen, wenn es mir gar nicht gefallen sollte. Ich zweifle aber nicht daran, daß ich mich schnell einlebe, zumal die persönlichen Verhältnisse in meiner nächsten Arbeits-gemeinschaft günstig sind. Ich habe mit einem alten sachkundigen und wohlwollenden Ministerialdirektor und auch sehr viel mit dem Minister selber zu tun, der zwar ein Junker, aber ein entscheidungsfreudiger und ideenreicher Mann ist; auch scheint er Anregungen zugänglich.. So schließe denn auch ich das Bonner Kapitel, in dem die kurzen Monate mit Dir uns immer eine liebe Erinnerung bleiben werden.

Herthas Beingestell ist immer noch nicht wieder ganz tadellos; aber es geht ihr doch besser, und sie wirkt äußerlich wie ein Ausbund von Gesundheit. Sie wiegt 10-20 Pfund mehr als Walther; auch ist sie in der Schule ausgezeichnet. Walther hatte gestern das beste Zeugnis seiner Klasse mit einer Eins in Deutsch und Latein. Er ist ein recht frischer Bub geworden. Das Entzücken der Familie ist der Jüngste, der sich ganz goldig entwickelt hat und mit seinem kleinen regen Geist und seiner körperlichen Tadellosigkeit die ganze Familie ergötzt.

An all die Friedensgerüchte5, die namentlich Rußland betreffen, glaube ich nicht. Es ist zwar merkwürdig, daß Rußland sich so still verhält, während die Italiener und Franzosen immer mehr in die Klemme geraten. Mir scheint, daß wir den Russen in Persien Konzessionen machen; denn es muß doch unser Ziel sein, einen Keil zwischen England und Rußland zu treiben. Die Schnelligkeit, mit der Grey’s ungeheure Heuchelei durch die Veröffentlichung der bosnischen Dokumente Lügen gestraft worden ist, hat etwas Herzerquickendes.

Wir würden Dir gern manchmal etwas schicken; aber es ist jetzt hier sehr knapp geworden, und man freut sich, wenn man sich selber durchschlägt. Ich tue es auch aus Prinzip nicht, weil ich ja in Osterholz gesehen habe, wie glänzend Du durch mütterliche Liebe versorgt wirst.

Hoffentlich geht es Dir dauernd gut und läßt Du uns recht bald mal wieder was hören. Meine Adresse ist vom 16. Juni an: Kultusministerium, Berlin, Unter den Linden. (CHB)

 

78. Kriegsfreiwilliger Harry Becker an C.H.B. Im Felde (im Osten?), 3.6.1916

Lieber Onkel Carl!

Schon gestern wollte ich Dir schreiben; durch einen glücklichen Zufall kam ich nicht dazu. Das paßte glänzend, denn heute kam Dein langer netter Brief. Also zuerst mal meinen herzlichsten Glückwunsch zu Deiner Berufung. Ich kann mir sehr gut denken, daß Dir die Entscheidung recht schwer gefallen ist. Denn an dem schönen Bonn hängt Ihr doch alle sehr. Auch wirst Du wohl viel von Deiner Arbeitsfreiheit aufgeben müssen. Aber dafür winken wieder viele andere Vorteile. Allerdings bin ich gespannt, ob Ihr wieder eine so schöne Wohnung finden werdet. Denn die Eurige ist doch einfach ideal, besonders wenn ich an die dort verlebten Stunden zurückdenke. Was war das eine schöne Zeit! Man kann sich gar nicht denken, daß die noch mal wieder kommt. Aber das wollen wir doch hoffen. Na, einstweilen läßt es sich hier ja auch aushalten, trotzdem wir ein Ende herbei wünschen. Von Mama werde

ich rührend versorgt, und ich bitte Euch daher, nur nichts zu schicken, besonders da ich jetzt weiß, daß bei Euch alles knapp ist. Über eine gelegentliche Nachricht von Euch hingegen freue ich mich immer sehr.

Daß es Deinen Kindern so gut geht, ist ja ausgezeichnet. Ihr habt doch sicher viel Freude an ihnen. Jetzt ist es wohl auch ausgeschlossen, daß Du noch als Schipper eingezogen wirst. Das hätte ich Dir auch wirklich nicht gewünscht. Denn die haben doch ein recht trostloses Dasein. Wir haben auch eine Kompagnie bei uns. Immer bloß für andere Truppen zu arbeiten, ist doch keine Kleinigkeit.

Der Russe ist im allgemeinen ruhig. Seit ein paar Tagen schießt er mit Maschinengewehren. Das ist recht unangenehm. Das Schlimmste ist aber doch die Artillerie.

Die Obstblüte ist fast vorbei. Ich bin gespannt, wie die Ernte ausfallen wird. Denn Bäume und Sträucher haben wir genug, sie haben zum Teil auch gut angesetzt. Für den Ostergruß der Universität vielen Dank. Er wird wohl in den nächsten Tagen kommen. Die Feldpost funktio-niert recht gut die letzte Zeit. Hingegen ist die Verpflegung oft sehr mäßig, und Tage, an denen man überhaupt nicht satt wird, sind nicht selten geworden. Trotzdem geht es mir aber hier ganz gut. Man gewöhnt sich an alles. Viele Grüße an Tante Hedwig und die Kinder!

Dein treuer Neffe Harry.


1 Die Lusitania wurde am 7.5.1915 von einem deutschen U-Boot versenkt. Sie hatte Kriegsmaterial im Frachtraum geladen für England, obwohl sie ein Passagierdampfer war.

2 Trentino ist die Gegend um Trient, Italien. Heute eine autonome Region Trentino-Südtirol

3 Carola von Blumenstein

4 Alfred von Tirpitz *1849 +1930, Großadmiral seit 1911, entwickelte die Torpedowaffe seit 1877

5 Ein Gesandter Wilsons sondierte in Paris, London und Berlin 1914-1916. Ein deutsches Friedensangebot nach dem Sieg über Rumänien wurde im Dezember 1916 von der Entente abgelehnt. Die exzessiven Bedingungen der Entente führen zur Erklärung Wilsons vom Januar 1917 eines Friedens ohne Sieg. Nur Deutschland antwortete übrigens auf die Bemühungen Wilsons; die österreichischen Bemühungen bleiben erfolglos. Im April 1917 treten dann die USA in den Krieg ein.

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