Ernst Eisenlohr (1920-1935)

HA.VI. Nr. 327 (Ernst Eisenlohr 1910-35)

52. C.H.B. an Konsul Ernst Eisenlohr, Heidelberg. Berlin, 1.4.1920

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Dieser Tage erhielt ich den anliegenden umfangreichen Brief von Meyberg. Ich habe natürlich keine Ahnung, worum es sich handelt und im Augenblick wirklich nicht die Zeit, mich darum zu kümmern. Daß die La Plata Post einen Artikel von mir gebracht hat, ist mir völlig neu. Vermutlich ist irgendein Auszug aus einem meiner Bücher oder meiner sonstigen Äußerungen dort zum Abdruck gelangt. Ich habe nicht einmal ein Belegexemplar davon gesehen. Ich möchte Dich nun, da Du im Augenblick noch freier bist als ich, darum bitten, Deinerseits die Sache einmal zu untersuchen, da Du ja vermutlich viel besser im Bilde bist als ich. Ich habe Meyberg1 ein paar freundliche Worte geschrieben, von denen ich Dir einen Durchschlag beilege.

Im übrigen alle guten Wünsche für Ostern. Es wird jetzt wirklich höchste Zeit, daß wir uns wiedersehen. (C.H.B.)

 

53. Ernst Eisenlohr, Auswärtiges Amt an C.H.B. Berlin, 2.2.1931

(Maschinenmanuskript)

Lieber Carl!

In der Anlage findest Du die politische Aufzeichnung, über die ich Dir gestern sprach. Ich darf bitten, sie mir möglichst bald zurückzugeben, da ich sie hier verwerten will. Die Darstellung enthält eine nüchterne Durchdenkung unserer gegenwärtigen außenpolitischen Situation und stammt von einem Sachkenner hohen Grades2. Ihr schwächster Punkt ist der optimis-tische Ausblick auf die Möglichkeit einer Revision des Youngplans. Dieser Gegenstand lag dem Tätigkeitsgebiet des Verfassers fern. Er konnte ihn nur allgemein psychologisch betrachten, ohne auf die einzelnen Elemente des Tatbestandes einzugehen.

Mit herzlichem Gruß gez. Ernst

*

54. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Gesandter in Athen. Berlin, 12.11.1932

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Heute ist Dein Geburtstag. Da ich nicht rechtzeitig schreiben konnte, möchte ich wenigstens die Anregung dieses Tages benutzen, Dir mit meinen besten Wünschen in der Form eines kurzen Berichts ein kleines Geburtstagsgeschenk zu übermitteln. Es tat mir sehr leid, daß ich Dich diesen Sommer nicht gesehen habe, aber ich freue mich, daß Du so intensiven Anteil an den Erlebnissen Deines Patenkindes genommen hast. Sie (Hertha) studiert zur Zeit in Göttingen und schreibt dort eigentlich recht befriedigt aus einem großen Kreis von Bekannten. Hellmut schreibt ebenso glücklich aus Freiburg, und Walter und Irmgard leben zur zeit mit uns. Ich hatte sehr inhaltsvolle Wochen in England und kam ich jeder Hinsicht befriedigt von dort zurück. Ich hatte in London und Cardiff gesprochen, viele alte Beziehungen aufgenommen und neue geknüpft.

Mehr als das individuelle Schicksal interessiert allerdings im Augenblick das unseres Volkes und Staates. In Deinem Brief an Hedwig äußerst Du den Wunsch, einmal meine Ansichten über die Dinge zu hören. Was ich über mein spezielles Gebiet denke, die Kulturpolitik, habe ich in einer Rede für Solf niedergelegt, deren Abdruck ich beifüge. Für mich stand zweifellos fest, daß der Parteienmechanismus sich endgültig festgefahren hatte, und ich begrüßte deshalb den Einbruch der Gewalt in der Form des Papen-Schleicher’schen Experiments. Mein Gedanke war dabei, daß die auf die Dauer nicht zu entbehrenden Parteien und Parlamente durch diesen Schreckschuß zu größerer Selbstdisziplin veranlaßt werden würden. Ein Präsidialkabinett war so lange zu begrüßen, als es wirklich über den Parteien stand und erste zweckmäßige Maßnahmen vollzog. Die große Enttäuschung aber war, daß ein deutsch-nationales Parteikabinett reaktionärster Observanz zur Herrschaft gekommen war. Erster großer Fehler: der Her-auswurf aller Sozialisten, die irgend entbehrt werden konnten. Im Kultusministerium z.B. hat man fünf Ministerialräte abgebaut, und zwar nur Sozialisten; einige davon mit Recht, andere zu Unrecht. Die Personalpolitik wäre immer noch zu ertragen gewesen, wenn die Neubesetzungen erstklassig gewesen wären. Daß man zur Repräsentation des deutschen Geistes auf den Stuhl des Kultusministers einen guten alten Papa, eine Greifswalder Lokalgröße, wenn auch nur interimistisch berufen hat, zeugt von einer Respektlosigkeit vor dem Geistigen oder von einem Mangel an Judizium, die beide nicht zu überbieten sind. Nun höre ich, daß zum Nachfolger eines Mannes wie Richter der abgelebteste der Kuratoren, ein zwar ganz fein gebildeter, aber absolut initiativloser Mann, der frühere Ministerialrat Vallentiner, berufen worden ist., der zwei Jahre vor der Altersgrenze steht und unmöglich der Schwierigkeit der gegenwärtigen Aufgabe gewachsen sein kann. Männer, die derartige Stellenbesetzungen vornehmen, kann man nicht ernst nehmen. Leider ist es so auf der ganzen Linie, und einsichtsreiche Rechtsleute rücken ebenso entsetzt von dem Kabinett Papen ab, wie ich. Der Mangel an Psychologie ist grenzen los3. Außerdem wirkt sich jetzt bei allen Ämtern die Herrschaft der Zunft gegen Outsiders, d.h. sehr häufig, wenigstens im K.M., gegen die Sachverständigen aus. Typisch dafür der Abbau der Kunstabteilung, den man wieder heimlich nicht Wort haben will.

In Deinem (Auswärtigen) Amt ist auch nicht alles, was geschieht, erfreulich. Ich mißbillige z.B. den Kampf gegen Terdenge, denn obwohl dieser Mann sehr zu Unrecht in das Amt gekommen ist, hat er seine Sache gut gemacht und jedenfalls mehr geleistet als die ephemeren Gesandten und Generalkonsuln, die es doch immer als eine Degradation empfunden haben, die Kulturabteilung zu leiten und immer so schnell wie möglich wieder fortgestrebt haben. Die ganze Abteilung wird ja doch so bald als möglich anders wohin überführt werden müssen, und dann wäre ein Sachverständiger wie Terdenge zur Überführung immerhin geeigneter als ein abgedienter Generalkonsul oder ein Gesandter für Frühstücke und Dîners.

Aber all das sind Kleinigkeiten gegenüber der unpsychologischen und ungeschickten Haltung Papens gegenüber dem Leipziger Urteil. Noch einmal hatte er die Chance, den verfahrenen Karren aus dem Dreck zu ziehen und mit einer großzügigen Geste die Regierung Braun zu versöhnen. Das Lächerliche ist nämlich, daß in der wichtigen Frage der Reichsreform das

ganze Kabinett Braun mit Papen und Genossen einer Meinung ist, daß man also mit einer Geste der Versöhnung eine sachliche Kooperation großen Stiles hätte erreichen können, die vielleicht gar zu einer Versöhnung des Zentrums geführt hätte. Die forschen, neuen Männer haben das allerdings offenbar für unvereinbar mit ihrer Kavalleristenehre gehalten. Dieser Kampf um das Prestige wird, wenn es so weiter geht, in absehbarer Zeit sogar zur Abnutzung des bisher unerschütterten Felsblocks Hindenburg führen. Ein frühzeitiger Tod dieses Mannes würde ein Chaos schaffen. Außerdem werden über der innenpolitischen Reiberei ganz die großen Fragen der Außenpolitik vergessen4, wenigstens in der breiten Öffentlichkeit. Ich kann nicht finden, daß Herr Schleicher die Politik des Auswärtigen Amtes tatkräftig unterstützt hat, aber der Mann soll krank sein an Anämie leiden und daher einen Tag poltern und den nächsten deprimiert sein. Auch der junge Marcks, auf den ich so viel gebaut hatte, soll leider auch die Forschheit für das einzig Notwendige halten. All das treibt zum Verfassungsbruch unter ungeeigneten Führern. Einen Verfassungsbruch kann sich ein Bismarck leisten, aber kein Papen.5

Die natürliche Folge dieser Unfähigkeit an der Spitze ist die Initiative politisch-bewegter Geister in der Tiefenschicht. Die zwei Millionen Stimmverlust bei Hitler sind nicht wegzudiskutieren, der Schwung der Bewegung ist erloschen, es bleibt die Radikalisierung und der Selbsterhaltungstrieb der in dieser Partei besonders zahlreichen Funktionäre. Hitler wird vom General zum Feldwebel, und es zeugt für den alten Hindenburg, daß er nach dem Empfang Hitlers das beglaubigte Wort gesprochen haben soll: Der Gefreite aus Mähren gefällt mir nicht. Unterirdisch bereitet sich eine Fühlungnahme der Sozialisten aller Parteien vor: Sozialisten aller Parteien vereinigt Euch. Mein früherer Pressechef und Freund, Professor Reichwein, ein sehr gescheiter und aufgeklärter junger Sozialist, spricht nur noch von Links- und Rechtssozialisten, und es ist unzweifelhaft eine Bewegung in Vorbereitung, die die Arbeitnehmerschicht aller Parteien politisch zusammenfassen will. Man hat sehr abenteuerliche Gedanken, will z.B. die alten Parteifunktionäre in einem Senat vereinen, während die Jugend die Führung übernehmen will. Wenn aus all dem etwas wird, kann es sich nicht in friedlicher Weise entwickeln, sondern dann würden wir wohl schweren Zeiten entgegen gehen, was ich Dir nicht weiter begründen brauche.

Einer meiner vielen Darmdoktoren hat mir einmal gesagt: „Füllen Sie den Darm, wenn er nicht arbeitet, beschäftigt er sich mit sich selber und Ihr ganzer Organismus wird krank.“ Ich brauche die Parallele nicht zu ziehen. Arbeit ist alles. Kommt wirklich wieder von Amerika eine bessere Weltkonjunktur, wird vielleicht Herr Papen mit seinen Ankurbelungsversuchen einmal als der große Mann dastehen, kommt sie nicht, wird er an allem schuld sein. Fatum und Fortuna sind zwei Gottheiten. Mit dem amor fati muß man das corriger la fortune verbinden. Manches Vernünftige geschieht ja jetzt, wo man die Parteien los ist, was die Kabinette schon zu meinen Zeiten beredet und beschlossen hatten, aber dank der Parteien-Herrschaft nie Wirklichkeit werden konnte. Ich persönlich stelle mich auf den Standpunkt, gelegentlich einmal meine Meinung sagen, wie in dem einliegenden Aufsatz6, mich aber sonst aus der Politik vollkommen herauszuhalten und lieber die internationalen Beziehungen zu pflegen und dadurch indirekt der Nation zu dienen.

Mich beschäftigt eines der wichtigsten zeitgeschichtlichen Probleme, das des Zusammenstoßes zwischen Asien und Europa/Amerika. Drei Vorträge von mir werden demnächst in Englisch erscheinen, ich habe sie in London gehalten. Zur Zeit lese ich ein Publikum über das

Thema, um später einmal ein Buch darüber herauszubringen. Inzwischen ist der zweite Band meiner Islamstudien erschienen. Ich habe ihn Dir nicht geschickt, da Du jetzt andere Dinge zu tun hast, und ich auch gar nicht einmal weiß, ob Du den ersten besitzt. Dafür schicke ich Dir mit gleicher Post die französische Ausgabe meines China-Berichts, der namentlich wegen des von mir geschriebenen Kapitels „Traditions nationales et influences étrangères“ die Öffentlichkeit in Amerika sehr beschäftigt. Ich bin gerade dabei, einen großen Artikel für die New York Times zu schreiben, die mich darum ersucht hat. Neben meiner hiesigen sehr intensiven akademischen Tätigkeit brauche ich jeden Tag mehrere Stunden, um Bitt- und Vermittlungsgesuche aller Art zu erledigen, und dann halte ich Vorträge wie kürzlich in Hamburg oder im Februar in Kopenhagen und im März vielleicht in Madrid. Ich will versuchen, mit dieser Spanien-Reise, wenn sie wirklich zustande kommt, einen Besuch in Marokko zu verbinden, um mein Bild von der Europäisierung der orientalischen Welt auch nach dem äußersten Westen hin abzurunden.

Mit allen guten Grüßen von Haus zu Haus, wie stets Dein getreuer (C.H.B.)

 

55. Gesandter Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker, Kreßbronn. Athen-Ekele, 24.6.1935

Liebe Hedwig,

es regnet ausnahmsweise mitten im Juni, und ich benütze den kühlen Tag, um Dir zu zur antworten. Sonst war’s so heiß, daß alles klebte und jede Tätigkeit aufhörte, die nicht zur amtlichen Pflicht gehört.

Wir gehen Mitte Juli in Urlaub, und zwar zunächst auf etwa eine Woche nach Berlin, um das gleich abgemacht zu haben. Dann kommen Ende Juli und Anfang August Heidelberg, Oberkirch, Baden-Baden (Zahnarzt), Badenweiler. In Badenweiler oder auf dem Feldberg bleiben wir ca. 14 Tage. Alles weitere ist ungewiß und richtet sich nach vielerlei Umständen. Wenn’s geht, will ich den Urlaub bis Ende September ausdehnen und mir irgendwo ein völliges Ausruhen schaffen. Letztes Jahr war’s nichts damit, und nun spüre ich den Verschleiß. Ich werde Dir von Badenweiler aus schreiben, um zu versuchen, mit Dir zusammenzutreffen. In Berlin möchte ich diesmal unbedingt Walter und seine Frau sehen, und Hertha, wenn sie dort ist. Von Helmuth habe ich keinen Brief über Examen 7und sonstiges; vielleicht treffe ich ihn bei Dir. Mit Muttern sollte man über ihre Söhne nicht sprechen, auch wenn sie einen fragen. Aber die Jugend braucht beides gleich dringend, freundliches Verstehenwollen und Kritik.

Der kleine Walter Groß war zu Beginn dieses Frühjahrs hier mein Gast im Archäologischen Institut. Er sieht seinem Vater bis in kleinste Einzelheiten schmerzlich ähnlich; aber auch die Mutter ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Wo er jetzt steckt, weiß ich nicht, vermutlich in Leipzig.

Meiner Frau geht’s etwas wechselnd, aber im Ganzen viel besser als im vergangenen Jahr. Wir sind wieder nach Ekele ins gleiche Häuschen gezogen; in der Stadt war’s nicht mehr auszuhalten vor Hitze und Trubel. Athen scheint ein sehr bevorzugtes Reiseziel geworden zu sein; es reißt nicht ab. Ich bin das ganze Jahr über nicht einmal auf der Akropolis gewesen, weil ich mir die stille Morgenstunde, die ich suchte, nie habe erübrigen können.

Ich hoffe sehr aufs Wiedersehen, leb wohl und sei herzlich gegrüßt, Ernst.

 

56. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker, Kreßbronn Feldberghotel, 14.8.1935

Liebe Hedwig,

die ersten Berliner Etappe ( es kommt vielleicht noch ein zweite) liegt hinter mir, ebenso der Besuch in Heidelberg, der in Oberkirch, zwei andere in Badenweiler und Freiburg und der erste Teil der Behandlung meiner Zähne in Baden-Baden. Nun sind wir bis Ende des Monats hier oben und ich merke mit der beginnenden Kräftigung eigentlich erst jetzt, wie sehr ich vorher herunter war. Der Feldberg hat allerdings vom ersten Tage ab gewirkt. Ab 1.9. muß ich nochmals wegen meiner Zähne, und meine Frau aus anderen Gründen – der Mensch wird langsam mangelhaft – nach Baden-Baden, vom 10. oder wahrscheinlich vom 14.9. habe ich uns im Walsertal angesagt, dann (einen Tag) München und etwa am 1.10. Abfahrt nach dem Süden. Das ist der Rahmen, soweit sich überhaupt Bestimmtes sagen läßt, denn vom Walsertal (Alpenkurhaus) habe ich noch keine Antwort, der Staatsekretär verlangt von mir, ich solle nochmals nach Berlin kommen und andere raten mir zum Besuch des Parteitags.

Falls Du unter den gegebenen Umständen die Möglichkeit eines Zusammentreffens siehst, gib mir bitte Nachricht. Wenn man ein Auto hat, ist alles recht einfach, aber der Mangel dieses Instruments macht die Dinge kompliziert und zeitraubend.

Alles Liebe Dir und wer von den Kindern dort ist. Dein Ernst

 

57. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker, Kreßbronn. Baden-Baden, 4.9.1935

Liebe Hedwig,

sei herzlich bedankt für den vergeblichen Anruf nach dem Feldberg, den wir nach drei wundervollen Wochen gerade verlassen hatten, und für Deinen Brief vom 30.8. Ich habe von hier nicht angerufen, weil bis gestern Abend in der Schwebe war, ob ich auf den Parteitag gehe, wohin mich das Amt vorgeschlagen und der Führer eingeladen hatte, oder nicht. Nun ist entschieden, daß ich am 9, hinfahre, und daß der Zahnarzt vorher mit mir fertig wird (er läßt nicht viel von mir übrig). Vorher kommen noch Mannesmanns hierher, mein Schwager Hans Hentig mit seiner Frau und mein Bruder. Vor dem Parteitag können wir uns also nicht treffen. Und nun schreibst Du: reise nicht plötzlich wieder für ein Jahr nach Griechenland. Ganz so plötzlich wird es nicht sein. Nach Berlin will ich nicht mehr, wenn ich nicht muß oder sonst was passiert. Ilse fährt von hier nach dem Alpenkurhaus in Mittelberg im Walsertal bei Oberstdorf und ich gehe nach Nürnberg ebenfalls dorthin. Wir könnten uns also in München treffen, oder, was für Dich näher und für uns alle so viel hübscher wäre, in Oberstdorf oder Mittelberg, wo wir bis Ende September sein werden und wo es wunderschön ist. Eine Nürnberger Adresse habe ich noch nicht. Doch könnten mich Nachrichten erreichen hier bis Sonntag einschließlich, dann am besten über Ilse (Adresse Baden-Baden, Hotel Kaiserin Elisabeth). Ich bin in einem seltsamen Zwischenstadium, irgend einen Übergang zu etwas Neuem, das ich noch nicht greifen kann, gut oder böse, ich weiß es nicht.

Sei herzlich gegrüßt und komm nach Mittelberg. Dein Ernst.

 

58. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker, Kreßbronn. Baden-Baden, 8.9.1935

Liebe Hedwig,

Dein Vorschlag lockt mich sehr. Wenn ich ihn ausführen kann, telegraphiere ich von Nürnberg aus meine Ankunft in Friedrichshafen. Vielleicht kann ich mich, um Zeit zu sparen, in Nürnberg etwas früher frei machen. Es scheint zwei gute Züge zu geben: der eine verläßt Nürnberg um 10 (Uhr) Vormittags und ist 16.36 (Uhr) in Friedrichshafen. Kann ich mit diesem fahren, so erwarte ich Euch am Bahnhof Friedrichshafen. Der andere fährt von Nürnberg um 16.20 (Uhr) ab und ist Abends um 20.56 (Uhr) in Friedrichshafen, wo ich dann im großen Hotel übernachten und Euch am nächsten Morgen erwarten würde.

Du datierst von Kreßbronn ohne nähere Angabe. Die alte Adresse genügt aber wohl für die Post.

Hoffentlich gelingt der Plan, bestellt aber auch gutes Wetter für Euren See.

Herzliche Grüße, Ernst.

 

59. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker, Kreßbronn. Nürnberg, Amt für Ehrengäste, Grand Hotel, 11.9.1935

Liebe Hedwig,

ich gedenke,, wenn nichts Unvorhersehbares dazwischen tritt, am Dienstag, dem 17. September morgens um 10 Uhr hier abzufahren und würde dann um 16.36 Uhr in Friedrichshafen eintreffen, wo ich mich abzuholen bitte. Kommt niemand, sich meiner anzunehmen, so gehe ich nach einer halben Stunde ins Hotel.

Also hoffentlich bald auf ein frohes Wiedersehen, Ernst.

P.S. Gepäck: 1 große und 1 kleine Handtasche)

 

60. Telegramm von Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker, Ottenberg/Kreßbronn. Nürnberg, 15.9.1935

Abreise wegen Erkältung. Dort eintreffe schon heute halb fünf nachmittags. Ernst

 

61. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker. Alpenkurhaus Walsertal, Mittelberg, 19.9.1935

Liebe Hedwig,

meine Frau und ein früherer Mitarbeiter, G(efreiter?) Aichmann (?), haben braungebrannt, frisch und wohl mich in Oberstdorf empfangen und hierher gebracht in dies eigenartige und reizvolle Gasthaus. Die Natur ist groß und schön und die Luft herrlich trotz des einsetzenden Herbstwetters. Die Erkältung schwindet zusehends.

Von Lindau trafen mit ungeahnter Schnelligkeit erst Dein Schlafmittel und bald darauf auch schon die Brille – tadellos repariert – ein. Habe für beide Besorgungen herzlichen Dank und gib mir bitte den betrag Deiner Auslagen an.

Vor allem aber laß Dir danken für Deine Gastfreundschaft. Ich finde nicht die richtigen Worte um das auszudrücken, wie gut und schön und wie wertvoll für mich die zwei Tage gewesen sind. Ich habe auch so viel Freude an Hertha und den Eindruck gehabt, sie habe mich ein wenig lieb behalten.

Ilse ist sehr damit einverstanden, daß ich mir ein Grundstück in Eurer Gegend kaufe. Sie neigt zum Württembergischen und zu etwas Schönem und Großen, nicht zu nahe an anderen Häusern gelegenen. Wird es zu rauh sein dort oben?

Sei herzlich gegrüßt, Dein Ernst.

 

62. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker. Heidelberg, 1.10.1935

Liebe Hedwig,

ich bin in Mittelberg nicht mehr dazu gekommen, Dir für den letzten Brief und die Mitteilung über die neue Venenbehandlung zu danken. Es geht mit meiner Mutter zu Ende; wir sind hierher gerufen worden. Als wir heut morgen zu ihr kamen, hat sie mich gleich erkannt. Nun schlummert sie unter der Wirkung eines Beruhigungsmittels und wir warten.

Frau Mannesmann, die noch 2 Tage in Mittelberg bleibt, schickt Dir die Taschentücher zurück, die Du mir geliehen hast. Zwei davon aber, die erst im Augenblick der Wäsche kamen, gerieten wieder in meinen Koffer; ich schicke sie Dir von hier, wenn ich dazu komme.

Sei herzlich gegrüßt, Ernst.

 

63. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker. Heidelberg, Neuenheimer Landstr.2, 1.10.1935

(Trauerbrief)

Liebe Hedwig,

heute ist meine Mutter gestorben. Das Ringen mit dem Tod war lang. Sie hat mich noch erkannt: „Du bist mein Sohn!“ In den schweigenden Stunden, als ich ihre Hand hielt, war mir und vielleicht auch ihr, obwohl sie dahindämmernd allmählich erlosch, die Verwandtheit und Verbundenheit mit ihr tiefer bewußt geworden als je seit den Tagen der Kindheit.

Ilse ist hier bei mir, Fritz kommt morgen. Die Schwestern waren aufopfernd und rührend gut. Am 8.10. sind wir wieder in Athen.

Sei herzlich gegrüßt und grüße die Kinder von mir. Dein Ernst.

 

64. Ernst Eisenlohr an Hedwig Becker. Heidelberg, 2.10.1935

Liebe Hedwig,

Dein heller Brief hat sich mit meinem dunklen gekreuzt. Wir haben uns herzlich gefreut über die schöne Nachricht. Wenn ich kann, schreibe ich an Walter; ich glaube seine Adresse im Hotel irgendwo in meinem Gepäck zu haben. Aber ich bitte Dich auf alle Fälle ihm und Irmgard unsere Glückwünsche zu bestellen und unsere Freude, daß es der kleinen Frau gut geht.

Alle Gute und Liebe, Dein Ernst.8

 

65. Zeitungsartikel über Ernst Eisenlohr in der BZ vom 12.12.1935

Der neue deutsche Gesandte in Prag

WJ. Wien, 12. Dez. Für den Posten des Prager deutschen Gesandten, der durch das Ausscheiden des in den Ruhestand getretenen Gesandten Dr. Walter Koch einige Monate lang verwaist war, wird der bisherige deutsche Gesandte in Athen, Ernst Eisenlohr, ernannt werden. Die tschechoslowakische Regierung hat Eisenlohr bereits das Agrément erteilt. Der neue Gesandte in Prag gehört dem deutschen Auswärtigen Dienst seit dem Jahre 1911 an. Zuerst Vizekonsul in London, dann in Sao-Paolo, geriet er 1915 zuerst in Gibraltar vorübergehend in englische, später an der Westfront in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er erst nach Kriegsende zurückkehrte. 1923 bis 1925 war er als Gesandtschaftsrat in Belgrad, dann bis 1931 im Auswärtigen Amt in Berlin tätig. Seit 1931 vertrat Gesandter Eisenlohr Deutschland in Athen.

 

66. Ernst Eisenlohr, z.Z. Partenkirchen, bei Frau von Hentig, O.D. Dezember 1935 (?)

ab 2.2.(1936) Prag II, Deutsche Gesandtschaft, Thunovska 16

Liebe Hedwig,

wir sind über eine Woche lang in Berlin gewesen, und ich habe Deine Kinder nicht gesehen, nicht nur weil ich Walters neue Adresse nicht besitze, sondern vor allem deshalb, weil dieser Aufenthalt so angefüllt war mit amtlichen Besuchen und Einrichtungssorgen, daß keine Minute des Tages frei blieb. Ich hatte die Sorgen und Wünsche von zwei Gesandtschaften, der früheren und er künftigen, zu vertreten und hoffe alles Wesentliche durchgesetzt zu haben, z.B. die völlige personelle, bauliche und geldliche Neuordnung für Prag. Dazu kam dann noch das sudetendeutsche Problem mit seinen Verästelungen. Ich war nachträglich sehr froh, daß ich nicht der ersten Weisung gefolgt war, direkt nach Prag überzusiedeln, sondern um die Erlaubnis gebeten hatte, erst besuchsweise nach Prag zu gehen, um mit eigenen Augen zu sehen, dann meinen Vorgänger, Exzellenz Koch, in Dresden zu besuchen und endlich mich in Berlin gründlich zu informieren.

Das Ergebnis ist in sofern etwas niederdrückend, als ich mich überzeugen mußte, daß für eine positive diplomatische Betätigung in Prag eigentlich gar kein Raum bleibt. Die Stadt selbst – ich weiß nicht, ob Du sie kennst – ist wunderschön, der Hradschin mit dem Veitsdom wohl die großartigste Baugruppe, die ich außerhalb Griechenlands je gesehen habe (trotz dem Kapitol), die Atmosphäre aber, die über all dem schwebt, ist düster, nicht nur bildlich gesprochen.

Die Gesandtschaft ist ein alter ziemlich bescheidener Adelspalast mit einem Innenhof und einem Gärtchen, auf der Kleinseite unterhalb des Hradschin gelegen, vollgestopft mit Woh-ungen und Büros, stets bewacht von einem halben Dutzend schnauzbärtiger Schutzleute. Unsere Wohnung ist sehr bescheiden, die Flucht der Repräsentationsräume schön, aber jetzt gerade sehr unerfreulich eingerichtet. Der heftige Kampf, den ich darüber entfacht habe, wird wohl mit einem leidlichen Kompromiß ausgehen. Die Luft in Prag riecht nach Spionage-.

In Berlin habe ich den Führer, Neurath, Göring, R(udolf) Heß und Kerrl gesprochen, dazu eine Anzahl von dii minores. Ich bin überall, besonders beim Führer, sehr freundlich auf-genommen worden und habe viel gelernt in den paar Tagen.

Im A.A. sieht’s noch immer so unfreundlich aus, wie in den letzten drei Jahren. In Prag hoffe ich einigermaßen freizügig machen zu können, um das Land kennen zu lernen und um die Nachbarpotentaten zu besuchen und unsere Probleme auch von da aus zu sehen. Da die Entfernung kurz ist, werde ich wohl nun häufiger nach Berlin kommen und bitte Dich deshalb um Herthas und Walters Anschriften.

Hier ist Ruhe, soweit dies bei dem Temperament meiner hierher übergesiedelten Schwieger-mutter, bei der wir ja zu Gast sind, überhaupt möglich ist. Die Ruhe tut gut als Wechsel nach dem Athener Abschiedstrubel – wo die Leute sehr nett mit uns waren –der Berliner Hetze und als Vorbereitung auf die kommende Ungemütlichkeit. Seit langer Zeit komme ich hier wieder zum Briefeschreiben und zum politischen Nachdenken. Denn bisher mußte ich mir das Politische immer aus dem Ärmel ziehen, weil zuviel Kleinkram dringlicher Art zu erledigen war. Das haus hier liegt an der alten Straße nach Mittenwald gerade außerhalb von Parten-kirchen am Hang gegenüber den großen Bergen und ist von Bäumen umgeben und abgeschlossen. Meine Schwiegermutter hat gut gewählt und wirtschaftlich gehandelt; ich folge ihrem Beispiel und lasse in Badenweiler Wiesenstreifen nach Wiesenstreifen kaufen, bis ich an der Vogelschutzhecke bin und einen Bauplatz von 1.2 Hektar habe.

Ich glaube, mein Vorgefühl war richtig, dies Prag bedeutet eine Lebenswende für mich, für die es Zeit war. Mögen die Götter mich zum Guten führen.

Wann ziehst Du um? Alles Liebe und Gute wünscht Dir Ernst


 

1 Beide Briefe liegen nicht in der Akte.

2 Randbemerkung Beckers: Rauscher

3 Hervorhebung vom Herausgeber.

4 Hervorhebung vom Herausgeber.

5 Hervorhebung vom Herausgeber.

6 Liegt nicht bei.

7 Am Rande rot markiert von der Empfängerin. Unten erbittet sie den Brief wohl von Hellmut zurück.

8 Anmerkung Hedwig Beckers auf der Rückseite: Der dunkle Brief bezog sich auf den Tod seiner Mutter. Bitte gelegentlich zurück.

Ein Gedanke zu „Ernst Eisenlohr (1920-1935)

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