Ernst Eisenlohr (1916-1919)

HA.VI. Nr. 327 (Ernst Eisenlohr 1910-35)

45. C.H.B an Oberleutnant Ernst Eisenlohr. Bonn, 9.2.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Du hast ewig nichts von mir gehört; aber Du weißt ja, daß es mir nicht möglich war. Seit einigen Tagen kann ich wieder aufatmen, und da will ich Dir wieder einmal gründlich von uns berichten. Zunächst einiges Persönliches: Die Kinder liegen mal wieder mit einem kleinen Schnupfenfieber zu Bett; es ist aber so bedeutungslos, daß Hedwig nach wie vor ihre morgendliche Pflege im benachbarte Stift weiterführt. Sie ist jetzt ganz dorthin übergesiedelt und vormittags auf der Babystation tätig und wacht dafür nachts nicht mehr. Ich bin sehr erfreut über diese glückliche Lösung. Es muß jetzt jeder während des Krieges irgend etwas zu tun haben, was außerhalb seiner gewöhnlichen Arbeit liegt, und dort im Stift fehlt es an Arbeitskräften, und Hedwig füllt einen wirklichen Platz aus. Dabei bereitet sie sich jetzt auf das Examen vor, wenn sie bei ihrer etwas unregelmäßigen Vorbildung zugelassen wird: doch ist ein Gesuch dafür unterwegs. Du kennst ja die ganze wunderbare Weibergeschichte, und hat sich jetzt alles in Wohlgefallen aufgelöst. Gesundheitlich geht es Hedwig vortrefflich. Mit persönlich geht es unverändert. Ich kämpfe noch immer den alten Kampf mit meiner Verdauung, bin aber recht arbeitsfähig und habe den anstrengenden Januar gut überwunden. Es war schon eine rechte Arbeit. Von Berlin hatte ich nicht viel, da ich mich gleich den ersten Abend so erkältete, daß ich den Rest der Zeit wie eine Primadonna leben mußte, das Haus nicht verließ und meine Stimme schonte, um abends sprechen zu können. Diese unfreiwillige Muße ist dafür der Vorbereitung meiner Vorträge zugute gekommen. Ich hatte die Empfindung, daß auch das Publikum mit mir zufrieden war und habe ziemlich frei von der Leber weg gesprochen, wenn auch der türkische Generalkonsul in der ersten Reihe saß. Es war aber ein verständiger Mann, wenn er sich auch bei meinem Vorredner, Philippson, gegen den Gebrauch des Wortes Armenien an Stelle von Türkisch-Kurdistan energisch zur Wehr gesetzt hat. Als ich über Verwaltung und Steuerwesen sprach, fehlte er glücklicherweise. Auch in Dresden konnte ich mich nur im Hotel und Vortragslokal aufhalten, wurde aber sehr herzlich von den Veranstaltern aufgenommen und hatte alle Satisfaktion von dieser Extratour. Ich versuchte, telefonisch etwas über Stübel zu ermitteln, doch war bei dem einzigen Stübel, dem Gesandten a.D., kein Anschluß zu erreichen.

In Dresden sprach ich vor 1000 Männern; Damen waren nicht zugelassen, und der Bruder des Königs war anwesend. Ich sprach über den türkischen Staatsgedanken: Du erhältst den Vortrag nächstens gedruckt. Es war mir eine kleine Satisfaktion, daß die Herren des Vorstandes, darunter ein ehemaliger Unterrichtsminister, sich lebhaft darüber unterhielten, welche Ausbildung ich eigentlich besitze, ob ich Philologe oder Jurist sei. Bitte nicht grinsen! Nach meiner Rückkehr mußte ich hier Hals über Kopf die Kaiserrede fertig machen, die dann programmgemäß stieg. Auf Deine Anfrage sub a und c wird Dir Hedwig antworten: sub b kann ich es wohl selber tun und Dir als Wegweiser für die Dir demnächst bevorstehende Lektüre folgende Winke geben:

Ich halte den ersten Teil für den wichtigsten, weil in ihm eine starke gedankliche Durcharbeitung bekannter Tatsachen liegt. Das Neue erkennt aber nur, wer wirklich Freude an reiner Gedankenarbeit hat. Abgesehen von einigen kleinen Lichtern ist materiell in dem ganzen Vortrag nicht viel Neues, wohl aber in der Konstruktion. In dem zweiten, sehr praktischen Teil habe ich manche Lieblingsgedanken von mir hineingelegt, doch bin ich hier zuweilen stark von dem Junge’schen Buch Die Europäisierung orientalischer Wirtschaft beeinflußt. Es ist oft schwer festzustellen, was von junge und was von mir ist, da wir uns in der Entstehungszeit seines Buches sehr oft gesprochen und gegenseitig beeinflußt haben. Der kaiserliche Rahmen bemüht sich, die unvermeidliche Banalität zu vergeistigen und ist mit Absicht auf einen ernsten Ton gestimmt. Zu Hurra-Stimmung ist es nicht die rechte Zeit.

Das ergibt auch die ganze politische Lage. Wir scheinen doch mit Amerika in einer sehr ernsten Krisis zu stehen, wenn auch die neuesten Nachrichten wieder besser lauten. Es gibt wohl überhaupt keine schlimmere Diskreditierung des republikanischen Systems als diese Verquickung von Weltkrieg und innerer amerikanischer Politik. Ich bin unbedingt dafür, daß wir bis an die Grenze des Möglichen gehen; denn ein Eingreifen Amerikas in den Krieg würde, abgesehen von der finanziellen Stärkung Englands und dem ungeheuren moralischen Eindruck, uns nicht nur drei Viertel unserer Handelsflotte kosten, sondern auch, und das scheint mir das Wichtigste, alle diese Schiffe sofort frei machen und damit die Welttonnage so erhöhen, daß die Lebensmittelpreise in England stark fallen würden. In höheren Marinekreisen ist man bei uns allerdings der Ansicht, daß ein Bruch mit Amerika nicht das Schlimmste wäre, da wir die Unterseebootwaffe jetzt so ausgebildet hätten, daß wir England wirklich von aller Zufuhr abschneiden könnten, wenn wir, ungebunden durch Amerika, torpedieren könnten. Die Unterseeboote brauchen neuerdings nicht mehr aufzutauchen um zu torpedieren. Ich halte diesen Marineoptimismus für höchst gefährlich, da sich England natürlich längst darauf eingestellt hat und mit Lebensmitteln für längere Zeit versorgt ist. Außerdem würde diese Absperrungspolitik Dänemark und Holland in die Arme Englands treiben; kurz und gut, wir hätten dann die ganze Welt gegen uns, und unsere östlichen Bundesgenossen würden zweifellos wackelig.

Sonst war in Berlin nicht viel zu hören. Der Generalstab verbreitet geflissentlich, daß im Westen und Osten mit keiner Offensive unsererseits zu rechnen ist, auch gegen Saloniki sei keine Offensive beabsichtigt. Unser Interesse liegt darin, daß Griechenland sich weiter piesacken läßt ohne loszuschlagen; denn auf welche Seite es auch treten möge, für uns bringt es immer Schaden. Man schein in Berlin mit einem Angriff von französisch-englischer Seite zu rechnen. Truppen kommen hier nach wie vor in großen Mengen durch. Unsere Westfront muß z.Z. unüberwältigbar sein. Ich höre aus sicherer Quelle, daß man einen starken militärischen Druck auf Rumänien ausübt, und daß Rumänien vollständig von unsern Bundesgenossen Truppen umstellt ist.

Über die Türkei könnte ich Dir noch mancherlei erzählen. Die Verhältnisse sind schwierig; namentlich bildet die Verproviantierungsfrage eine große Sorge. Darüber will ich Dir später einmalausführlich schreiben. Heute schicke ich Dir nur einen Brief meines bekannten Konstantinopeler Korrespondenten, der Dir ein gutes Bild von der Lage gibt. Ich bitte natürlich um sofortige Rücksendung. (C.H.B.)

 

46. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, im Felde. Bonn, 24.2.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Es freut mich sehr, daß Brieftasche, Tabak und der türkische Roman schnell in Deine Hände gelangt sind. Ich habe sie selbst besorgt und bitte Dich wirklich herzlich, mir die Freude zu machen, in diesem Falle die Dinge als Geschenk anzunehmen. Ich habe Dir genau die gleiche Brieftasche geschickt, die ich täglich trage, und es würde ich freuen, sie Dir geschenkt zu haben. Der Tabak war leider der letzte, der zu erlangen war. Ich schicke an so viele Leute rauchbare Dinge, daß es mir doch wirklich auch einmal erlaubt sein muß, Dir etwas zu schicken. Da ich Dich nicht mit überflüssigen Paketen bombardieren mag, warte ich ab, bis Du schreibst, was Du brauchst. Das ist entschieden brüderlich gemeint. Wenn es größere Objekte sind, wie neulich die Pistole, so lassen wir sie Dich schon bezahlen. Also geniere Dich wirklich nicht zu fordern, was Du brauchst….Teure und unpoetische Gegenstände kannst Du selber bezahlen.

Bei uns ist endlich wieder die allgemeine Gesundheit eingekehrt. Hedwig, die recht von ihrer Influenza gequält war, tut wieder regelmäßig Dienst und ist eigentlich den ganzen tag außer Haus. Sie kann es sich z.Zt. auch ruhig leisten, da alles Übrige glatt läuft. Die Kinder gehen wieder zur Schule. Ich selbst erledige allerlei Semesterschlußarbeiten und halte nächstens noch einen auswärtigen Vortrag. Am 3. März ist Semesterende, und wenn ich dann nicht eingezogen werde, so habe ich zwei Monate stiller Arbeit vor mir. Während dieser Zeit bin ich sogar frei von Vorträgen und Terminarbeiten wie seit vielen Jahren nicht. Ich möchte dann die zeit wieder einmal zu intensiver Arbeit benutzen und endlich einmal das schon so lange projektierte Handbuch der Islamkunde schreiben. Es besteht ein großes Bedürfnis danach. Die politische Arbeit, so vor allem den Druck meiner Berliner Vorträge, habe ich aus mehreren Gründen herausgeschoben:

  1. kommen eben in der Türkei so viele neue Gesetze heraus, daß in wenigen Monaten doch alles anders ist, und über vieles ist jetzt einfach keine Information erhältlich.
  2. würde die Zensur einen Abdruck meiner Vorträge so wie sie gehalten wurden und so wie sie einzig nützlich werden können doch zweifellos verhindern.

Mein Dresdener Vortrag über den türkischen Staatsgedanken ist nämlich von einem Leipziger Zensor bei der Drucklegung um ein Drittel gekürzt worden, und zwar so unsagbar töricht, daß mir alle Lust vergangen ist, so lange diese Verhältnisse bestehen, noch etwas über die Türkei zu schreiben. Ich hebe diese Blüte der Zensur sorgfältig auf, ums sie später einmal als politische Bildzeitung verwenden zu können; aber im Augenblick war es mir natürlich sehr ärgerlich, diese streng wissenschaftliche staatsrechtliche Abhandlung von irgendeinem Übertürken verschandelt zu sehen. Ich habe natürlich mein Imprimatur zurückgezogen und versuche jetzt zunächst einmal hinten herum die Sache frei zu bekommen. Es geschehen schon merkwürdige Dinge in dieser Hinsicht in Deutschland. Auch die heutigen Verhandlungen des Abgeordnetenhauses lassen tief blicken. Die Behandlung der öffentlichen Meinung ist offenbar ein Talent, das den Deutschen für alle Zeiten versagt ist.

Mit ungeheurer Spannung verfolgen wir natürlich alle die offenbar jetzt beginnende Ent-scheidung an der Westfront. Der gestern gemeldete Erfolg bei Verdun scheint doch eine ganz große Sache zu sein. Hat es überhaupt im Stellungskriege schon einmal so viele Gefangene an der Westfront gegeben? Auch auf die Erfolge des U-Bootkrieges ist man natürlich sehr gespannt. Ob nun doch noch ein Konflikt mit Amerika kommt? Kein Mensch kann es wissen. Vielleicht hält Wilson den Konflikt für wünschenswert, um wiedergewählt zu werden. Was man bisher hört, läßt vermuten, daß Amerika seine Hilfestellung neben England nicht aufzu-geben beabsichtigt. Aber die Pressverfälschung geht ja jetzt so weit, daß man eben überhaupt nicht mehr glauben kann.

Hoffentlich begünstigt das Wetter die Aktionen an der Westfront. Bisher war es ja denkbar ungünstig. Bei uns ist heute alles tief verschneit, während schon seit Wochen vieles grün ist und manches geblüht hat. Die Landwirtschaft scheint allerdings noch keinen Schaden gehabt zu haben; das ist schließlich die Hauptsache.

Von meinem Schüler Ritter hatte ich einen interessanten Bericht aus Bagdad. Er war mit von der Goltz, dessen Dolmetscher und Dechiffrierer er ist, in Kermanschah in Persien, offenbar nur auf Inspektion. Dann ist der ganze Stab nach Kut-el-Amara abgereist. Leider darf er natürlich nichts Näheres schreiben, und seine Briefe sind mehr allgemeine Reisebeschreibungen als gerade Kriegsbriefe.

Endlich geschieht in Berlin jetzt etwas Energisches in Sachen türkischer Ackerbestellung und unserer künftigen gemeinsamen Wirtschaftspolitik. Junge reist unter der nominellen Führung von Jäckh dieser Tage in amtlichem Auftrage nach Konstantinopel, um mit Talaat das Wirtschaftsproblem durchzusprechen. Hoffentlich merken die Türken, wie sehr wir die Absicht haben, sie zu stärken.

Der Fall von Erzurum, so bedauerlich er an sich ist, wird von vielen Seiten als für uns nicht so ungünstig angesehen, da er den Größenwahn der Türken zu dämpfen geeignet ist. Mit jedem Schritt, den die Russen weiter machen, erschwert sich ihre Lage, und die der Türken wird günstiger. Ich fürchte allerdings, daß die Unordnung der Truppen den Kanalplan beeinflussen wird. Was die Irakfront betrifft, so sah Ritter mit einiger Sorge die Engländer von Gallipoli abziehen. Sonst ist vorerst nichts Neues zu melden. (C.H.B.)

 

47. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Genesungslazarett (?) Balau bei Sedan. Bonn, 28.3.1916

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Freundlichen Dank für Deine Zeilen. Ich hoffe, Du beruhigst uns nicht nur, sondern es geht Dir auch wirklich gut. Du solltest Dir doch einmal ernstlich überlegen, ob Deine Gesundheit nach all den Strapazen der Tropen einen dauernden Frontdienst gestattet, oder ob es nicht im vaterländischen Interesse läge, daß Du Dich jetzt im diplomatischen Dienst statt beim Militär betätigtest. Du bist nicht so robust wie manch anderer, der äußerlich weniger kräftig ist, und es wäre doch unverantwortlich, wenn Du nur aus Eigensinn oder aus einer Überspannung des Begriffes Kameradschaft Dir einen Knacks fürs Leben holtest und nachher, wenn man Dich sehr nötig haben wird, wenn das große Reinemachen im A.A. losgeht, nicht mehr dienstfähig wärest. Mich beschäftigen diese Gedanken sehr, und ich fürchte, daß Du sie mit einem Lächeln bei Seite schiebst; aber Du solltest sie doch wirklich einmal durchdenken. Ich appelliere nicht an Deinen Egoismus – das wäre ein verlorenes Unternehmen -, sondern an Deinen nüchternen Verstand. Der Staat muß eben mit seinen besten Kräften ökonomisch vorgehen.

Von uns ist nicht viel Neues zu berichten. Ich bin ruhig bei der Arbeit und schicke Dir heute einmal eine kleine streng wissenschaftliche Arbeit, in der aber alles übersetzt ist, die Du vielleicht trotz ihrer Gelehrsamkeit in Deiner Rekonvaleszenz einen Augenblick beschäftigt. Auch ein Artikel liegt bei, der ziemlich viel abgedruckt worden ist und weite Kreise interessiert hat.

Aus der Türkei lauten die Nachrichten günstiger. Ein Brief von Ritter aus Bagdad von Mitte Februar klang sehr erfreulich, wenn auch ohne politische Details. Die Engländer sind fest eingeschlossen und können nur nicht genommen werden, weil Munition fehlt. Enver ist inzwischen in C(onstantinopel) zurück, und die Mission Mackensens ist ja wohl auch nicht ganz zwecklos. Die wirtschaftlichen Verhandlungen gehen sehr langsam voran. Zimmermann sieht die Dinge optimistisch an, wie ich über das Kultusministerium höre. Die Berlin zurück-gehaltenen Missionen reisen ab. Ein allzu starker Pessimismus ist also nicht am Platze. Man rechnet aber in Berlin mit einem eventuellen Regimewechsel in C(onstantinopel). Jedenfalls hat die Zensur die Instruktion, auch die Alttürken zu schonen. Infolgedessen kann man poli-tisch jetzt überhaupt nichts mehr über die Türkei drucken lassen. In meiner Sache hat die Oberzensur die untere Instanz gedeckt. Da Du jetzt Zeit hast, schicke ich Dir einmal diese Blüte des Militarismus . Du schickst mir vielleicht das Exemplar gelegentlich zurück; interes-sieren wird es Dich sicher. Ich versuche, es jetzt als Manuskript drucken zu lassen, um es an Interessenten zu verschicken.

Innerpolitisch scheint die Stimmung ziemlich gespannt. Wie man hier glaubt, sind die Parteien hauptsächlich so nervös und erbost wegen der Handhabung der Zensur, die weit über alles Notwendige hinausgeht. Das Vertrauen in den Reichskanzler ist in weiten Kreisen erschüttert. Ich halte zwar den Rücktritt von Tirpitz für einen Disziplinbruch schlimmster Sorte; aber man kann das Mißtrauen in den Reichskanzler seinen Kritikern doch nicht so sehr verdenken, wenn man nur die Proben seines staatsmännischen Ungeschicks, die er selber in letzter Zeit zur Bekräftigung seiner Friedensliebe vorgelegt hat, einmal näher untersucht. Er hat eben auswärtige Politik getrieben, wie ein preußischer Regierungsrat sich mit seinem Nachbarn unterhält. Trotzdem mißbillige ich die jetzige Hetze aufs Äußerste, da ein Kanzler-wechsel geradezu verhängnisvoll wäre und keiner der Scharfmacher die Verhältnisse wirklich beurteilen kann. Bei Dietrich Schäfer soll man sogar Haussuchung gehalten haben. Daß von der ganzen deutschen Presse die beiden Judenblätter Frankfurter Zeitung und Berliner Tagblatt jetzt die Hoforgane des Reichskanzlers geworden sind, ist doch nicht gerade sehr erfreulich. Dabei höre ich von einer sehr gut eingeweihten Stelle, daß man auf die Dauer zwar nicht mit einem direkten Krieg mit Amerika rechnet, aber doch annimmt, daß die Tonnagenot Amerika unter dem Druck Englands doch zwingen wird, unsere Schiffe in Beschlag zu nehmen. Die Gegner des Kanzlers sagen, daß er jetzt die gleiche Schonungspolitik betreibe wie einst in der belgischen Frage, um England zu ködern, wie dann gegen Italien und nun gegen Amerika. Der Mißerfolg des Nachgebens und Versprechens ist überall der gleiche, und kostbare Zeit geht verloren. Namentlich kommt in den nächsten Wochen die argentinische Ernte zur Versendung, die England wieder lange Zeit von der Zufuhr unabhängig machen würde. Die andere Partei ist der Meinung, daß der scharfe Unterseebootskrieg auch Holland und Dänemark unter unsere Gegner treiben würde., und das hält man wohl mit Recht für bedenklicher als eine Kriegserklärung Amerikas. Beide Standpunkte lassen sich hören: aber ich merke es an mir selber, wie schwer es ist, ohne genaue Kenntnis der Sachlage ein Urteil abzugeben. Deshalb habe ich es auch abgelehnt, mich an der Agitation zu beteiligen. Man muß nun eben einmal das Vertrauen in die leitenden Männer haben; aber gerade deshalb war der Rücktritt von Tirpitz ein so großer politischer Fehler, weil damit der Mann des Vertrauens für weite Kreise die Politik des Kanzlers offen desavouierte.

Über Fischler möge Dich einliegender Brief von ihm orientieren.1

Herzliche Grüße von uns allen. Wir wollen am 7. April auf 12 Tage nach Gelnhausen gehen, Ostern aber wieder in Bonn sein. (C.H.B.)

 

48. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, im Felde. Bonn, 5.5.1916

(Maschinenkopie)

Mein lieber Ernst!

Es ist wirklich schade, daß Du brieflich so wenig ausgiebig bist. Die Mannigfaltigkeit der Briefe, die man aus dem Felde bekommt, ist wirklich erstaunlich. Um so mehr sehnt man sich nach einer mündlichen Aussprache mit Dir. Wann bekommst Du eigentlich endlich Deinen ersten Urlaub? Bisher bist Du doch nur krankheitswegen in Deutschland gewesen und hast niemals einen richtigen Urlaub gehabt. Ich habe Dir so mancherlei geschickt, über das ich gern ein Urteil von Dir gehabt hätte; aber ich habe überhaupt nichts gehört. Ich will Dich das aber nicht entgelten lassen, sondern Dir heute wieder einmal ganz allgemein von uns berichten.

Ich habe sehr anregende Tage hinter mir in Berlin, Hamburg und Bremen. In Berlin hatte man mich telegraphisch ins Kultusministerium berufen, um die Neugestaltung des Auslandsunter-richtes an den preußischen Universitäten mit dem Ministerialdirektor durchzusprechen. Zu meiner Überraschung wünschte mich dann auch der Kultusminister zu sehen, und ich konnte ihm etwa ½ Stunde meine Gedanken entwickeln, eine glatte, gewandte Persönlichkeit, die nicht unbedeutend wirkt. Ich bin ganz entschieden nicht für eine Auslandshochschule, sondern für eine Durchsäuerung des ganzen akademischen Unterrichtes mit Aufklärung über das Ausland. Es handelt sich, um mich eines Troeltsch’en Ausdruckes zu bedienen, um die sozial-ethische Struktur der fremden Völker, die wir, sehr zu unserem Schaden, bisher zu studieren unterlassen haben. In Berlin war ich dann lange mit Junge zusammen, der gerade aus Konstantinopel zurückkam und viel Interessantes zu berichten wußte. Es sind doch von deutscher Seite recht viele Fehler gemacht worden; aber man scheint langsam auf den richtigen Weg zu kommen. Junge hat nun die Sisyphosarbeit auf sich genommen, die verschiedenen Reichsämter in Berlin: inneres, äußeres, Militär und Marine zu einer einheitlichen Politik der Türkei gegenüber zu veranlassen. Bisher durchkreuzt immer ein Amt von seinem Rechtsstandpunkt aus die besten Pläne des andern. Ehe wir einen starken Willen in die Zentrale bekommen, wird es wohl damit nichts werden.

Nachdem ich von 11-5 (Uhr) im Kultusministerium gewesen war, besuchte ich dann noch Solf, der mich schriftlich um einen gelegentlichen Besuch gebeten hatte. Er wollte sich über Konstantinopel unterhalten, verriet aber eine erschreckende Unkenntnis der Dinge. Er hatte sich die türkischen Minister noch in großen Bärten, Turban und orientalischen Gewändern vorgestellt und war natürlich sehr enttäuscht, glatte Levantiner zu finden. Die Unterhaltung ergab dann schließlich nur, daß ich im Herbst in Berlin einen Vortrag halten soll, und zwar in dem geschlossenen Kreis der Deutschen Gesellschaft von 1914, ein Klub, dem alle Berliner Spitzen angehören. In der Parallelgründung in Bremen fand übrigens mein dortiger Vortrag statt, wovon ich gleich sprechen werde. Weiter wollte mich Solf gern mit Rosen zusammen-bringen, und bat er mich um zeitigere Anmeldung bei meinem nächsten Besuch in Berlin.

Ostermontag verbrachte ich dann bei Troeltsch, den ich in bester Laune und sehr glücklich über seine Berliner Stellung vorfand. Auch der kleine Troeltsch ist ein ganz netter Junge geworden. Troeltsch erzählte viel von politischen Dingen und Persönlichkeiten. Er ist durchaus nicht mehr der alte Radikale, wodurch es ja auch zum Bruch zwischen ihm und Max Weber gekommen ist, und zwar über den Fall Schneegans, den Du ja wohl kennst. Er wußte auch allerlei über die Tirpitz-Affäre, wovon ich aber lieber einmal mündlich mit Dir spreche.

Dann war ich drei Tage in Hamburg. Am 1. Tag ein improvisierte kleiner Orientalisten-kongreß, bestehend aus Littmann, Jacob, Tschudi und mir. Auch von den andern Freunden wurde ich herzlich aufgenommen, namentlich von Schubotzens. Er ist mit einer schweren

Ischias und ziemlichem Nervenknacks schon seit Monaten in Hamburg. Langsam kann er wieder etwas laufen. So reizend die Leute mit mir waren, hatte ich doch das frohe Gefühl, nicht mehr in Hamburg zu sein. Das Wetter war wonnig, an und für sich angenehmer als hier; aber es war doch einer meiner klügsten Entschlüsse meines Lebens nach Bonn zu gehen.

Nach den anstrengenden Tagen in Hamburg gönnte ich mir 24 Stunden Ruhe bei meinem Bruder Landrat und freute mich, einmal etwas in die ländlichen Verhältnisse hereinschauen zu können. Auf dem Lande ist von einem Mangel noch nirgends die Rede, wenn auch ein Landrat von vielen Unzufriedenen, die sich nicht einzurichten vermögen, überlaufen wird.

In Bremen hatte ich ein Auditorium wie noch nie. Es waren zwar nur 100-150 Leute, aber nur Männer aus der führenden Bremer Geschäftswelt, an der Spitze der regierende Bürgermeister und der Präsident des Norddeutschen Lloyd. Im Moment, da ich meinen Vortrag beginnen wollte, kam die Nachricht vom Falle von Kut el Amara. Das gab natürlich Stimmung, und die Sache verlief nach Wunsch. Ich sprach mich auch rücksichtslos aus, da der Vortrag vertraulich war, und man war doch einigermaßen überrascht, daß das von mir entwickelte Bild etwas anders aussieht als das rosa-rote von Jäckh.

Am 1. Mai nahm ich dann hier meine Vorlesungen wieder auf. Die wissenschaftliche Arbeit muß etwas ruhen, da ich jetzt erst die organisatorische Denkschrift für das Kultusministerium machen möchte.

Gesundheitlich geht es mir wechselnd, doch laviere ich mich so durch. Frau und Kindern geht es gut. Hedwig pflegt wieder regelmäßig Vormittags. Im Hause läuft alles z.Z. glatt. Von Walter Groß habe ich neulich wieder einmal gehört. Bei seinem 14tägigem Urlaub hat es ihm wenig gefallen, daß sich die Heimat so auf den Krieg eingestellt hat, daß es fast als Normal-zustand erscheint, und doch ist das eine bittere Notwendigkeit gewesen.- Von Fischler nichts Neues. Er ist immer noch in dem Schwarzwaldsanatorium. (C.H.B.)

 

49. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, im Felde. Bonn, 13.6.1916

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Lieber Ernst!

Dein Brief hat mir eine wirklich große Freude gemacht, denn es gibt kaum etwas, das ich mir so sehnlich wünsche als ein Wiedersehen mit Dir. Ich finde es reizend, daß Du auch nach Berlin kommst. Morgen siedle ich über. Meine Adresse ist einfach: Kultusministerium, Unter den Linden 4. Ich wohne erst im Hotel und nehme dann eine Privatwohnung, doch bin ich natürlich den ganzen tag auf dem Ministerium. Laß mich ein paar Tage vorher wissen, wann Du dort bist, und reserviere mir recht viel Zeit. Ich steige zunächst im Hotel Saxonia ab, das auch für Dich sehr gelegen ist, da es in nächster nähe des Potsdamer Platzes liegt, sehr gute Gesellschaft hat und recht billig ist. Ich habe dort jetzt öfter gewohnt. Deine andern Fragen beantwortet Hedwig. Sie freut sich natürlich auch sehr auf Deinen Besuch, nicht minder die Kinder, denen es , von einigen Schnupfen abgesehen, ganz gut geht. Das Wetter ist ja auch zu infam, und man beginnt bei der andauernden Kälte und Nässe sich um die Ernte zu sorgen.

Dein Aufenthalt in einem Genesungsheim steht doch hoffentlich nur im Zusammenhang mit Deinem Kommando und ist nicht ein Zeichen körperlichen Leidens.

Also auf frohes Wiedersehen! (C.H.B.)


Aus dem Wiedersehen wurde nichts! Eisenlohr kam für zwei Jahre in französische Kriegsgefangenschaft, noch 1919 in Auch, Departement Gers.


50. C.H.B. an Oberleutnant Ernst Eisenlohr, Auch. Weimar, 25.2.1919

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Lieber Ernst!

Von Woche zu Woche rechnen wir mit Deiner Heimkehr und man verschiebt immer wieder den Brief, den man Dir schuldet. Nun habe ich durch einen Zufall in meinem übervollen Leben einen Augenblick frei und den will ich benutzen, Dir rasch einen herzlichen Gruß zu schicken, auch auf die Gefahr, d.h. die Hoffnung hin, daß dieser Brief Dich nicht mehr er-reicht. Ich bin seit acht Tagen in Weimar und das wird Dich wundern, denn mit den Univer-sitäten hat meine hiesige Mission wenig zu tun. Aber bei der Neuordnung der Verhältnisse bin ich immer mehr in die allgemein kulturpolitischen Fragen hineingekommen.

Ich arbeite hier als Vertrauensmann und Vertreter meines Chefs in allen möglichen Kommis-sionen, war schon in Berlin und auch hier Hauptkommissar für Verfassungsfragen, soweit unser Ministerium daran beteiligt ist. So habe ich hier den ganzen Entwurf im Staatenhaus mit durchberaten und auch manche Sitzung der Nationalversammlung mitgemacht. Ich sehe die Verhältnisse sehr aus nächster Nähe und auch häufig hinter den Kulissen und werde Dir nach Deiner Rückkehr viel Interessantes erzählen können. Brieflich läßt sich das leider alles nicht machen. Ich kämpfe vor allem dafür, daß neben wirtschaftlichen Sorgen und politischen Kämpfen die kulturpolitische Einstellung, wie überhaupt die Idee nicht zu kurz komme, da ich fest überzeugt bin, daß wir nur durch einen völligen Umbau unserer geistigen und speziell pädagogischen Einstellung die gegenwärtige Krise überwinden können. Ich finde auch all-mählich bei leitenden Stellen Verständnis für meine Pläne. Aber die Kulturpolitik läuft Gefahr, in dem Kampfe zwischen Föderalismus und Unitarismus erdrückt zu werden.

Langsam zieht jetzt überall in den Ämtern ein neuer Geist ein, aber allzu schnell geht es nicht mit der Ausschiffung der bisherigen Hauptbeamten, da sie meist durch ihren Sachverstand nur schwer ersetzbar sind. In Deinem Amt hat sich schon vieles gebessert. Auch bei uns wird nach der Bildung der neuen preußischen Regierung manches besser werden. Ich habe mich voll in den Dienst des Wiederaufbaus gestellt, weil ich es für ein Verbrechen halte, wenn man jetzt im Schmollwinkel steht oder sabotiert2. Mit der Mehrzahl meiner Kollegen stehe ich in bestem Verhältnis. Dieses Bewußtsein erleichtert mir die etwas schwierige Stellung, die ich manchmal einnehmen muß. Mein Chef ist eine idealistisch angelegte Natur und grundanständiger Mensch, der durch reines Wollen das Fehlen spezieller Fachkenntnisse aufwiegt. Ich kann mir nur wünschen, daß wir ihn behalten. Gottlob liegt die Periode Adolf Hoffmann hinter uns, die für alle wirklich mitarbeitenden Leute eine seelisch und materiell schwere Zeit war.

Über die allgemeine Lage werde ich wohl nichts sagen dürfen, doch habe ich den Eindruck, daß sie sich konsolidiert, wenn es auch schwer halten wird, neue Autoritäten zu schaffen und des Mobs restlos Herr zu werden. Wir brauchen nur unbedingt Frieden. Der Zwischenzustand ist eine unnötige Grausamkeit, die unsern Gegnern viel von den Imponderabilien kostet, mit denen sie sonst hätten rechnen können. Namentlich die Zurückhaltung der Gefangenen macht ungeheuer viel böses Blut. Nichts beschäftigt die öffentliche Meinung so sehr als diese Frage.

Aus meiner Familie ist im ganzen Gutes zu berichten, nur Hedwig ist etwas mürbe und wünsche ich ihr sehnlichst eine Ausspannung. Walter ist riesenhaft gewachsen, fast so groß wie ich und auch Hertha und Hellmut sind gut im Stande. In diesen Wochen ist ein Sohn der Frau Zacharias bei uns zu Gast., der sein Kriegsabitur nachmacht und neulich in Berlin mit Käthe Cohn zusammentraf, der es gut zu gehen schien. Meinen Geschwistern geht es auch nach Wunsch, auch in Augsburg. Meine Schwester Blumenstein ist leider wieder in einer Nervenanstalt, da die Revolution ihre alten Depressionen verstärkt wieder aufleben ließ. Sie wurde neulich Großmutter, hat in ihrem Zustand aber leider keine Freude daran. Hedwig und ich Großonkel und Großtante – man wird wirklich alt!

Ich kann Dir gar nicht sagen, welche Sehnsucht ich danach habe, wieder einmal lange mit Dir zu reden. Ich bin zwar auch Berlin nicht ohne Freunde, vor allem ist mir meinständiger Hilfsarbeiter, ein Regierungsrat Wende besonders nahe getreten. Aber es ist doch immer noch etwas anderes, wenn man sein halbes Leben gemeinsam gelebt hat. So, das möge genügen. (C.H.B.)

 

51. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Auch. Weimar, 17.6.1919

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Lieber Ernst!

Ich bin wieder einmal in Weimar und finde hier wieder einmal die Muße, Dir zu schreiben. In Berlin ist es für mich fast unmöglich, und Du wirst es schon richtig verstehen, daß ich so selten von mir hören lasse. Dafür habe ich so viel aufgespeichert für Deine nun hoffentlich baldige Rückkehr, daß wir uns einmal gemeinsam Ferien nehmen müssen, um das alles auszu-tauschen.

Um zunächst von den Meinen zu berichten, so geht es ihnen unberufen gut. Die Kinder gedeihen großartig, nur Hertha verlangt eine gewisse orthopädische Behandlung und ist deshalb aus der Schule genommen. Sie sieht aber aus wie das ewige Leben und es ist ja schließlich auch nur eine Maßnahme der Vorsicht. Hellmut als ABC-Schütze ist einfach köstlich. Er ist so völlig anders wie Walter im gleichen Alter, vor allem viel kritischer und dezidierter. Walter fand seinerzeit alle seine Kameraden gleich reizend. Hellmut hat offenbar einen sichereren Geschmack und hat eine wahre Lust an der Frechheit, wovon auch seinerzeit bei Walter nichts zu merken war. Eine gewisse Sorge macht mir eigentlich nur Hedwig, deren ja immer schwache Nervenkraft der Krieg ziemlich aufgebraucht hat. Sie hat nun einmal nicht das Talent zu organisieren, d.h. andere für sich arbeiten zu lassen und reibt sich zu sehr am Menschen, namentlich am Personal. Immerhin ist sie so gesund, daß ich mir viel von einem völligen Ausspannen verspreche. Die Hauptsache wäre die Trennung von den Kindern für mehrere Wochen. Das ist aber bei der Unzuverlässigkeit der Dienstboten, die eine der großartigsten Errungenschaften der Revolution ist, schwer mit dem Begriff des Beruhigtseins über das Wohl der Kinder zu verbinden. Du deutetest ja in einer Deiner letzten Nachrichten an, daß Du Dir auch Deine Gedanken über diese Dinge machst. Du brauchst nicht schwarz zu sehen. Der Zustand ist immerhin noch erträglich. Aber es wird Zeit, daß wir alle aus der ständigen Spannung und Erregung herauskommen. Der Zustand der Mürbheit ist ziemlich allgemein, und wir sind einfach physiologisch außerstande, noch weitere Widerstandskraft aufzubringen. Dabei sind die Ernährungsverhältnisse entschieden besser geworden, wenn auch noch lange nicht normal. Bei allem Leid bringt man aber doch wieder gelegentlich die Kraft zur Freude auf. Ein Ausflug mit den Kindern in die Umgegend, wie ihn neulich Dein Bruder Fritz während meiner Abwesenheit mit den meinigen unternahm, ist solch ein Lichtblick. Auch ist ein wunderbarer Sommer und wir genießen den Garten so sehr, daß sich daraus ebenfalls eine gewisse Nervenstärkung ergibt. Ich schreibe Dir das alles so ausführlich, damit Du einmal einen ungeschminkten Tatbericht bekommst und ich glaube, daß Deine Mutter vielleicht gelegentlich zu grau malt. Die alten Leute können sich nicht mehr in diese neue Zeit gewöhnen. Wir sind gerade noch alt und elastisch genug dazu.

Heute Nacht ist die definitive Antwort der Entente hier in Weimar eingetroffen, ich kenne sie noch nicht. Wenn dieser Brief in Deinen Händen ist, wird ja entschieden sein, ob wir unter-schrieben haben. Ich würde mich gern einmal über das ganze Problem mit Dir ausgesprochen haben, hatte es sogar schon diktiert, lasse es aber nun fort, um diesen Brief nicht zu gefähr-den.

Ich bin hier zur Beratung der Verfassung, namentlich der Grundrechte. In diese hat man alle möglichen Spezialwünsche, namentlich von Volksschullehrern, hineingesetzt, um damit alle künftige Gesetzgebung festzulegen. Dadurch ist ein ziemlich unerquickliches Machwerk entstanden. Überhaupt ist der Parlamentarismus, wie er sich jetzt auslebt, einfach unerträglich. Der Stil ist selten besser wie die Komment-Debatten auf studentischen Konventen. Aber Troeltsch, von dem ich Dir ja schrieb, daß er mein Kollege im Ministerium ist, hat ganz recht, wenn er sagt, all dieser demokratische Unfug muß eben ertragen werden, weil er das einzige Mittel ist gegenüber der Regellosigkeit und dem Chaos. Solange noch der parlamentarische Komment wirklich herrscht, sind Aussprachen und Rechte der Minoritäten gewahrt, alles andere ist reine Willkür.

Vorige Woche war ich in Köln und habe namens der Regierung die neue, erst aus zwei Fakultäten bestehende Universität Köln eingeweiht. Es war politisch und auch menschlich für mich als alten Bonner eine heikle Aufgabe. Aber es ist alles gut abgelaufen. Ich habe wieder einmal ziemlich tief in die rheinischen Verhältnisse hineingeschaut, vor allem mich sehr offen mit dem Oberbürgermeister Adenauer ausgesprochen, der eine hervorragende Persönlichkeit ist. Soweit die rheinische frage eine innerpolitische ist, steht und fällt sie mit der konfessionellen Volksschule. Das Fest selber war trotz des Ernstes der Zeit von rheinischem Glanz und Wärme. Die Eröffnungsfeier im großen Gürzenich-Saal mit prachtvoller Musik, Blumen und sehr guten Reden. Darauf im Rathaus ein Dîner von 40 Personen, dann Oper, die wegen der Polizeistunde in Cöln jetzt schon um 4 oder 5 Uhr anfängt, dann nochmals Abendessen und Zusammensein im kleinsten Kreise beim zweiten Bürgermeister; in der Nacht Rückreise. Du kannst Dir vorstellen, mit welchen Gefühlen man jetzt im Rheinland weilt. Immerhin bin ich jetzt zweimal ohne Schwierigkeiten und ganz unbehelligt dort gewesen, allerdings dienstlich ausgezeichnet vorbereitet und mir standen alle Vergünstigen zu Gebote. Die Gründung der Universität hat natürlich mit wissenschaftlichem Bedürfnis nichts zu tun, aber sie ein Geschenk von Berlin, das jedenfalls seine Wirkung nicht verfehlt.

Ich arbeite jetzt viel auf allgemein kulturellem Gebiet und habe ungeheuer viel Allgemeines gelesen. Darin liegt überhaupt der Unterschied zwischen meiner jetzigen und meiner früheren geistigen Arbeit. Als Orientalist mußte ich die Beschäftigung mit allgemein bildenden Dingen immer gleichzeitig als Zeitverlust für die Facharbeit werten. Jetzt habe ich die Möglichkeit und die Pflicht, den allgemein geistigen Strömungen mein Ohr zu leihen, und ich tue das, soweit es meine dienstliche Arbeit irgendwie gestattet. Du wirst deshalb nach Deiner Rückkehr bei mir ungefähr alles finden, was an bedeutenden Literatur-Erzeugnissen allgemeiner Natur erschienen ist. Glücklicherweise auch mancherlei Erhebliches. Schade, daß man solche Dinge nicht schicken kann. Ich lese eben ein Buch des mir befreundeten Bonner Privatdozenten Curtius über die literarischen Wegbereiter des modernen Frankreich, das Dich sicher brennend interessieren würde. Er zeigt die überragende Bedeutung Bergsons für das junge Frankreich und schildert vor allem Romain Rolland, Gide, Peguy, Claudel, Suarès. Was mich am meisten überrascht, daß die geistige Einstellung des jungen Frankreich vor dem Kriege verwandte Züge trägt mit dem Jung-Deutschland, das jetzt im Entstehen ist. Vor allem der leidenschaftliche Kampf gegen den Intellektualismus, Relativismus und Skeptizismus, jene Betonung des Ethischen und Sachlichen, die bei uns noch nicht herrscht, aber von den besten Köpfen als die einzige Rettung empfunden wird.

Ich habe mich in letzter Zeit öfters über diese Dinge ausgesprochen, in der Universität, neulich in der Deutschen Gesellschaft und auch in einer großen Denkschrift für den Verfassungsausschuß, der es hauptsächlich zu danken ist, daß in Zukunft das Reich auf dem Gebiet der Schulen und Hochschulen das Recht zum Erlaß gesetzlicher Normativ-Bestimmungen erhalten hat.3 Manches aus diesem Gedankenkreis findet sich auch in meinen Gedanken zur Hochschulreform, die ich während des Winters in der Deutschen Allgemeinen Zeitung habe erscheinen lassen und die jetzt in Buchform herauskommen. Ich kann es Dir gar nicht sagen, wie ich es entbehre, über all diese Fragen mir Dir nicht in dem ständigen Austausch stehen zu können, der uns beiden doch nun einmal so gewohnt und so notwendig war. Gewiß sind eine ganze Reihe neuer Menschen mit reichen Anregungen in mein Leben getreten. Aber wenn ich denke, was sein könnte, wenn Du jetzt in Berlin wärst, so erfüllt mich doch eine mir sonst ganz fremde Bitterkeit.

Teile mir bitte gleich durch Postkarte mit, ob dieser Brief in Deine Hände gelangt ist. Es wird bei Dir das gleiche Bedürfnis sein wie bei mir, auch immer wieder einen direkten geistigen Konnex zu fühlen, wenn wir ja auch beide darin geschult genug sind, uns ungefähr vorstellen zu können, wie der andere denkt und empfindet. Noch schöner wäre freilich, dieser Brief erreichte Dich nicht mehr, sondern Du kämst selber. Aber ich wage das immer noch nicht zu hoffen. (C.H.B.)


1 Der Brief liegt nicht in der Akte.

2 Hervorhebung vom Herausgeber.

3 Hervorhebung vom Herausgeber.

Ein Gedanke zu „Ernst Eisenlohr (1916-1919)

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