Ernst Eisenlohr (1910-1914)

HA.VI. Nr. 327 (Ernst Eisenlohr 1910-35)

16. C.H.B. an Dr. Ernst Eisenlohr, Heidelberg, Hamburg, 5.11.1910

(Schreibmaschinenkopie)

Lieber Ernst!

Es ist mir leider ganz unmöglich, Deine Anfrage zu beantworten. Diese ist wohl überhaupt nur die Folge einer häufigen Verwechslung von Kolonialamt und Kolonialinstitut. Mit dem Betrieb des Kolonialamtes haben wir gar nichts zu tun. Auch wissen darüber evtl. kommandierte Offiziere nicht Bescheid.. Dein Bekannter soll sich einfach schriftlich an das Kolonialamt wenden. Das ist der einzige Weg, den auch ich einschlagen könnte. Meiner Erfahrung nach werden den Offizieren weniger vom Kolonialamt, als von ihren eigenen Truppenkörpern Schwierigkeiten bereitet. Da Paul Sigk aber schon in Südwest war, kennt er ja die fraglichen Stellen des Kolonialamtes besser als ich. Wir sind eben kein Zweig des Kolonialamtes, sondern eine freie Hochschule, der das Kolonialamt seine künftigen Beamten überweist; dementsprechend kann ich Dir leider keine Auskunft geben. Überdies sind zur Zeit, soviel ich weiß, nur sehr wenige Offiziere hierher kommandiert. Bei mir persönlich keiner. (Schluß fehlt). (C.H.B.)

 

17. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Hamburg, 22.2.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Ich will Dir doch auch mitteilen, daß ich nicht zum Rupertenfest komme, nachdem ich erst angenommen hatte. Ich habe in den letzten Tagen furchtbar viel Unruhe gehabt, war in der vorigen Woche vier Nächte im Schlafwagen, habe Sonnabend Prüfung, zur Zeit gerade den Herzog Adolf Friedrich hier in Hamburg mit zu feiern, außerdem ist es Hedwig gar nicht gut gegangen und last not least muß ich bis zum 1. März eine umfangreiche Terminarbeit abliefern, mit der ich durch die vielen äußeren und inneren Hemmungen der letzten Zeit noch sehr im Rückstande bin. Unter diesen Umständen muß ich auf das Wiedersehen mit Dir bei dieser Gelegenheit verzichten und bitte Dich, auch Ackermann und Welde mein Bedauern über meine Behinderung auszusprechen. Es tut mir um so mehr leid, weil die anderen Hamburger Ruperten alle zur Zeit, sei es durch Assessorexamen, sei es durch Wochenbett der Frau am Kommen verhindert sind.

Sollte Hedwig Anfang März wieder frisch sein, so denken wir mal auf ein paar Tage nach Berlin zu kommen und dann werden wir wieder einmal gemütlich beisammen sein.

Mit herzlichen Grüßen vom ganzen Hause (C.H.B.)

 

18. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Hamburg, 12.7.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Aus Deinem Briefe an Hedwig habe ich mit Freuden ersehen, daß es Dir im Grunde doch ganz gut geht, trotz all der kleinen Anlässe zur Kritik, die die neue Umgebung bietet. Zweck dieser Zeilen ist nur, Dich zu fragen, ob Du tatsächlich Deine militärische Übung machst, oder ob Du am 1. August noch in London bist. Da ich ja dann von Brüssel über England nach Esbjerg und nach Fanö fahren will, könnte mich Deine Anwesenheit in London zu einem kurzen Besuch dortselbst bestimmen. Teile mir also bitte mit, sobald Deine Pläne in dieser Hinsicht feststehen.

Du wirst von Hedwig gehört haben, daß wir erst acht Tage später als projektiert nach Fanö gekommen sind, da beide Kinder erkrankten. Nun ist aber die Gesellschaft glücklich dort installiert. Ich habe sie selbst hingebracht und habe auch weiter gute Nachrichten. (C.H.B.)

 

19. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Hamburg, 24.7.1912

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Ich finde es reizend, daß wir uns in Harwich treffen werden. Könntest Du Dich nicht einen Vormittag frei machen, dann würde ich nicht 12, sondern 36 Stunden in Harwich bleiben und wir könnten einen gemütlichen Abend zusammen verleben. Das wäre nur möglich, wenn ich am 1. August vormittags in Harwich bin und am 2. abends dort abfahre. Das Schiff von Freitag, den 2., will ich jedenfalls nehmen, damit ich den Sonntag schon bei Hedwig bin. Könntest Du Dich nicht frei machen, so würde ich erst am 2. August morgens in Harwich eintreffen und abends weiterfahren, Dich also nur wenige Stunden sprechen, wie Du es in Deinem Briefe vorschlägst. Definitives telegraphiere ich Dir von Brüssel, wo ich Sonntag eintreffe und nach dem Palace Hotel eine definitive Nachricht von Dir erbitte. Ich freue mich wirklich sehr auf ein paar Stunden Zusammensein mit Dir.

Hedwig meinte neulich, Du könntest doch die projektierten 8 Tage Seaside in Fanö verleben und gleich mit mir nach Esbjerg fahren. Das wäre ein famoser Gedanke; ich fürchte aber, er wird Dir zu abenteuerlich sein.

Den Kindern geht es gut. Walter läßt Dich ganz ex tempore grüßen. Hedwig ist leider immer noch nicht ganz frisch. Sie leidet ziemlich unter der Hitze. Alles Nähere dann mündlich. (C.H.B.)

 

20. C.H.B. an Vizekonsul Dr. Ernst Eisenlohr, London, Hamburg, 8.3.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst,

ich komme voraussichtlich am 1. April, evtl. ein paar Tage später, zum Historiker-Kongreß auf gut eine Woche nach London. Wirst Du dann da sein? Jedenfalls hoffe ich auf manch gemütliches Zusammensein mit Dir, obwohl ich begreiflicherweise sehr besetzt sein werde. Kannst Du mir irgendeinen guten Rat geben betreffs einer angenehmen Unterkunft, wo ich nicht allzu gebunden bin? Der Kongreß scheint ziemlich schlecht organisiert, da man bisher noch nichts darüber gehört hat, aber es werden sehr viele ausländische Gelehrte nach London kommen.

Die Masern sind nun endlich vorbei und es schwebt noch ein gewisses Damoklesschwert über Hedwig, daß sie sie zu guter letzt auch noch bekommt. Die Familie ist wenigstens wieder vereinigt. Hoffentlich hat die Misere jetzt ein Ende, es wäre hohe Zeit. Ich bin über alle Maßen mit der Universitätssache beschäftigt und der kurze Aufenthalt in London, wird meine einzige Erholung in diesen Ferien sein. Länger mag ich von hier nicht fort. Am liebsten würde ich irgendeinen Tages(aufenthalt?) mit Dir machen.. Überleg Dir mal was! (C.H.B.)

 

21. C.H.B. an Vizekonsul Dr. Eisenlohr, London, Hamburg, 23.5.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst,

heute nur in aller Eile einen kurzen Gruß und die Mitteilung, daß hier alles weiter nach Wunsch geht. Hellmuth ist ein entzückender kleiner Bengel, und strammer als seine Geschwister im gleichen Lebensalter. Die Kinder sind in Schwartau mit der Großmutter.

Ich sende Dir anbei Walters Brief zurück. Ich habe inzwischen direkt von ihm gehört.

Mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus Dein getreuer (C.H.B.)

 

22. Ernst Eisenlohr, an C.H.B. London, 13.11.1913

Lieber Carl,

Deine guten Wünsche, für die ich Dir herzlich danke, sind in Erfüllung gegangen. Ich bin mit der Einrichtung und vorläufigen Verwaltung eines Berufskonsulats in Sao Paulo de Loanda, dem einzigen in Angola, beauftragt und fahre am 25. von Antwerpen ab, um kurz vor Weihnachten ans Ziel zu kommen. Der Erlaß kam gestern.

Ich schreibe mehr, sobald ich kann, bis zu meiner Abreise werde ich alle Hände voll mit Vorbereitungen zu tun haben, daneben muß der Fischereibericht noch abgeschlossen werden. Auch Hedwig kann ich erst später für Ihren Brief danken.

Seid alle herzlich gegrüßt, Ernst.

 

23. Ernst Eisenlohr an C.H.B. London, 17.11.1913

Lieber Carl,

vielen herzlichen Dank; aber Du darfst nicht kommen. Einmal sind es 6 Eisenbahnstunden nach Antw(erpen) und 6 zurück. Und dann ist die Abfahrtsstunde der Elisabeth Brock von der Woermannlinie am 25.11. noch nicht bestimmt. Du würdest also ins Ungewisse fahren. Ich denke am 25. Morgens in A(ntwerpen) anzukommen, wenn nötig am 24., obwohl dieser Tag eigentlich hier noch richtig besetzt ist. In Antwerpen habe ich dann zum dortigen Vizekonsul zu gehen, der evtl. mir Sachen vom Auswärtigen Amt zu übermitteln hat.

Möglich ist natürlich alles und Du weißt, wie gern ich Dich noch sehen würde. Wenn ich schon Samstag Abend hier führe? Bestimme Du und telegraphiere. Antwortadresse ist das Schiff, das mehrere Tage dort liegt oder p.a Vizekonsul Bode, Deutsches Generalkonsulat.

Nochmals sehr in Eile und todmüde und mit herzlichem Dank. Ernst

 

24. Ernst Eisenlohr an C.H.B. Auf der Höhe von Casablanca, 2.12.1913

Lieber Carl,

ich fange schon an Dich, wie ich es Dir angekündigt habe, in Anspruch zu nehmen. Kannst Du mir die Singelmann’schen Aufsätze über Angola im Jahrgang 1913 der Kolonialzeitung auf pp. 56, 65, 121, 172, 266, 385, 501, 538, 551, 580, 624, 678, 694, 711, 724 und 761, sowie die Artikel von Paul Rohrbach über den gleichen Gegenstand in der Täglichen Rundschau vom 11. bis 17. April 1913, Abendausgaben, sowie endlich einen Abdruck des Staatsangehörigkeitsgesetzes von diesem Jahr womöglich schon kommentiert, andernfalls in der betr. Nummer des Reichsgesetzblatts besorgen? Ich wäre Dir sehr dankbar dafür.

Die Fahrt bisher war ausruhend und wundervoll, von jetzt ab wird es heiß, aber auch interessant werden. Wir kommen morgen nach Las Palmas auf den Capverdischen Inseln und legen dann noch in Monrovia, Sao Thomé, Cap Lopy und den Hafen von Portugiesisch-Congo an, die ich mich freue, bei dieser Gelegenheit kennen zu lernen. Postverbindung nach Loanda ist vom 1.1.1914 ab am 1. jeden Monats ab Lissabon mit portugiesischem Schnelldampfer und dto. mit der Ostafrikalinie am 15. jeden Monats. Langsamere Linien gehen von Lissabon am 7. und 21.jeden Monats. An Zeitungen werde ich Times, Frankfurter, Economist, Kolonialzeitung und 1 oder 2 Lissabonner Blätter beim Auswärtigen Amt beantragen. Meine Gesellschaft werden – hoffentlich – vorwiegend Engländer sein und portugiesische Offiziere, wenn es mir gelingt, auf einen grünen Zweig mit ihnen zu kommen. Konsul Singelmann plant im Auftrage der Kolonialgesellschaft für die trockene Jahreszeit (Anfang Januar) eine Reise nach Angola. Er ist ein netter Mann, ich reise vielleicht – einstweilen meine ganz private Absicht – mit ihm, um das Land kennen zu lernen und ich werde wohl mit ihm auskommen, falls er mir nicht in meine Competenz hineinpfuscht. Vor Rohrbach hat er mich wegen dessen unvorsichtiger Presseäußerung gewarnt.

Euch allen viel Gutes zum Neuen Jahr und herzliche Grüße, Ernst

 

25. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Loanda, Bonn, 6.12.1913

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst,

Wenn man so ausreist, warten die Zurückbleibenden meistens erst auf ein Lebenszeichen von dem Ausreißer, ehe sie selbst schreiben. Dadurch bleibt der betreffende dann oft Wochen und Monate lang ohne Nachricht. Ich will aber nicht so sein, sondern daran denken, daß man Dir doch jetzt schreiben muß, wenn Du zu Weihnachten oder Neujahr einen Gruß von uns haben willst, und da sind es denn zunächst herzliche Wünsche, die zu Dir eilen, daß Du in Deinem neuen Wirkungskreis volle Befriedigung finden mögest. Schreibe uns doch recht bald einmal, wie es Dir dort klimatisch und amtlich gefällt. Ich denke täglich an Dich und begleite Dich auf der schönen Reise über Lissabon nach Togo und Kamerun. In Kamerun wirst Du von der deutschen Verwaltung wohl keine überwältigende Eindrücke bekommen. Vielleicht triffst dort einige meiner alten Hörer.

Von uns ist eigentlich heute noch nicht viel zu reden. Ich habe meine Reise nach Leyden programmgemäß ausgeführt und in einem der schönen, alten, stimmungsvollen Auditorien der Universität auf Snouck’s Katheder meinen Vortrag gehalten. Es waren nahezu alle holländischen Orientalisten anwesen und ich werde stets gern an diese kleine Vortragsreise zurückdenken.

Bei uns im Hause geht alles weiter gut. Hellmuth nahm jetzt die Woche ein gutes halbes Pfund zu, so daß wir über beruhigt sein dürfen. Weihnachten werden wir nun doch hier in Bonn bleiben und nicht wie projektiert, nach Augsburg gehen. Dafür haben wir die Schwiegereltern zu uns eingeladen, doch ist es noch nicht sicher, ob sie kommen.

Heute ist Herzfeld bei mir eingetroffen. Er wohnt bei uns für ein paar Tage, um mir ausführlich über die Resultate seiner großartigen Ausgrabung in Samara zu sprechen. Da würdest Du auch gewiß gern zuhören.

Ganz Deutschland ist zur Zeit von der Zaberner Affaire erfüllt. Es ist einfach unbegreiflich, wie ungeschickt diese ganze Sache von der Regierung angefaßt worden ist. Im Grunde handelt es sich doch um eine Bagatelle. Immerhin habe ich doch vielleicht etwas besser von der Volksvertretung denken lernen. Im allgemeinen bin ich ja für die aufgeklärte Despotie, da von der Volksvertretung die sachverständigen Vorschläge der Regierung meist nur ins Dilettantische übersetzt werden. In diesem Falle aber sieht man doch, welch großen Nutzen Presse und Parlament zur Schärfung des Gewissens der Regierung haben können.

Ich schicke Dir einliegend einen kleinen Aufsatz aus unserer Zeitung, der Dich vielleicht interessiert. Ich habe meinem Nachrichtenbureau in Berlin den Tip gegeben, mir alle Zeitungsausschnitte über Angola und Umgebung zuzusenden. Du sollst sie dann regelmäßig erhalten. Es freut mich, auf diese Weise etwas für Dich tun zu können.

Dieser Brief ist mit der Maschine geschrieben, weil ich gerade einen Moment frei hatte, Dir einen Gruß zu schicken. Zu einem Brief mit der Feder brauche ich immer einem Moment

ruhiger Sammlung, der leider nicht all zu oft eintritt, und ich wollte Dich nicht auf einen solchen warten lassen.

Also Glückauf in Loanda und alles Gute von Hedwig (C.H.B.)

 

26. C.H.B. an Frau Professor Eisenlohr, Heidelberg, 19.10.1914

(Maschinenkopie)

Hochverehrte gnädige Frau!

Ihr freundliches Schreiben, das ich allerdings erst gestern erhielt, hat gerade die entgegen-gesetzten Empfindungen ausgelöst, als Sie annahmen: Gott sei Dank, wieder ein Lebens-zeichen von Ernst. Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mich so freundlich benachrichtigen, denn mich beschäftigt die völlige Unterbrechung jeglichen Kontaktes mit Ernst doch auch recht lebhaft. Wie glücklich wird er sein, wenn er endlich neue Nachrichten erhält. Selbst die französischen Siegesnachrichten von der Marne, die er sicher bekommen wird, werden bei einem so klugen Kopfe, wie dem Ernst, doch nur die Überzeugung auslösen, daß die Deut-schen doch nicht nur geschlagen sein können, wenn es nötig ist, sie vor den Mauern von Paris zurückzuwerfen. Ernst ist ja so ruhig, daß er die Dinge mit Fassung ertragen wird. Wenn jetzt Portugal wirklich den Krieg erklärt, so wird er wohl sofort zurückkommen, und ihn als Konsul kann man ja wohl nicht davon abhalten, nach Deutschland zurück zu reisen.

Bei der Zuspitzung unseres Verhältnisses zu Portugal habe ich jetzt nicht mehr an Ernst geschrieben, da er ja vielleicht schon auf der Rückreise ist. Wenn wir allerdings jetzt entscheidend siegen, wird sich doch vielleicht Portugal noch besinnen, seine Kolonien zu riskieren. Die englische Regierung allerdings scheint alle größeren Gesichtspunkte verloren zu haben, und von einer kindischen Wut erfüllt, es nur auf momentane Schädigung Deutschlands abgesehen zu haben. Die portugiesische Kriegserklärung kostete uns nur unsere dortigen Schiffe. Noch ist zwar viel zu tun, aber man kann jetzt dem Lauf der Dinge doch mit einer gewissen Beruhigung entgegensehen. Wenn es uns nur gelänge, auch England ins Knie zu beugen: Aussicht dafür scheint vorhanden.

Mit nochmaligem bestem Danke und der freundlichen Bitte, mich auch weiter auf dem Laufenden zu halten, bin ich mit verbindlichen Grüßen, denen sich auch meine Frau anschließt,

Ihr Ihnen verehrungsvoll ergebener (C.H.B.)

 

27. C.H.B. an Ernst Eisenlohr, Loanda, Bonn, 31.10.1914

(Maschinenkopie)

Lieber Ernst!

Du hast ewiglange nichts mehr von mir gehört, und ich habe Dir in der letzten Zeit auch mit Absicht nicht geschrieben, da ich nicht glaubte, daß Dich während des Krieges Briefe erreichen würden. Nach dem guten Erfolg von Hedwigs Brief sollst Du aber auch von mir hören. Mögen auch diese Zeilen trotz der sich immer mehr zuspitzenden internationalen Beziehungen in Deine Hände gelangen, um Dir zu bestätigen, wie herzlich wir Dein gedenken. Es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht von Dir sprechen. Eine Zeit lang schien es ja, als ob Portugal uns den Krieg erklären wolle, und da sahen wir Dich schon im Geiste auf der Heimreise. Hoffentlich kannst Du noch lange unbehelligt dort unten bleiben, bis man Dich freiwillig zurückholt.

So interessant es für Dich in Loanda sein muß, so bedauere ich Dich doch darum, daß Du diese gewaltige Zeit nicht in Deutschland miterlebt hast. Ungeahnte Lebenskräfte, Ideale,, eine starke Einmütigkeit des Volkes, das Schwinden aller politischer und religiöser Gegensätze sind Wirklichkeit geworden. Man sieht, wie sekundär alle diese sonst so wichtig erscheinenden Strömungen doch in Wirklichkeit sind, wenn das Lebensinteresse des Ganzen auf dem Spiele steht. Wir leben ja unter militärischer Diktatur, aber alle Welt befindet sich höchst wohl dabei, und die konservativen Elemente verlangen sozialistische Produktions- und Konsumtions-Regelung. Es geht eben auch so. Und trotz der ans Wunderbare grenzenden Kraftanstrengung merkt man im alltäglichen Leben, selbst in unserem doch linksrheinischen Bonn, abgesehen von den zahlreichen Verwundeten und dem Mangel an Autos, nur wenig vom Kriege. Die Universitäten sind wie alle Schulen in normalem Betriebe, und ich habe ziemlich genau soviel Hörer wie sonst, wenn auch die Gesamtzahl der Studierenden auf die Hälfte herabgesunken ist. Die Nahrungsmittel sind kaum teurer geworden: zwar sind vorübergehend von spekulativen Bauern lokal die Kartoffelpreise gesteigert worden, doch ist nichts zu befürchten, da die Ernte glänzend ist, und die Regierung zu Zwangsverkäufen übergehen wird. Die wenigen Autos benutzen jetzt Benzol statt Benzin. Vom 2. November ab tritt der Friedensfahrplan der Eisenbahn wieder in Kraft. Auf dem Rhein drängen sich die Kohlen-schiffe. Die Industrie ist auch nicht allzusehr geschädigt, dank der glänzenden Politik unserer Reichsbank, die sogar mein Schwiegervater als wahrhaft großzügig bezeichnet.

Trotz aller äußeren Alltäglichkeit haben wir alle natürlich nur einen Gedanken, den Krieg. Damit wacht man auf, damit legt man sich schlafen. Die dreimal kommenden Zeitungen genügen einem nicht, man läuft dazwischen noch zweimal zur Stadt, um Extrablätter zu erhaschen. Sehr groß sind die Verluste, die namentlich in unseren Kreisen erheblich sind, da der Prozentsatz der fallenden Offiziere begreiflicherweise größer ist als der der Mannschaften. In unserem nächsten Familienkreise sind wir durch eine gnädige Fügung verschont geblieben, obwohl Bruder Alex, Schwager Fritz, mein Schwager Riedel, der General, mit drei Söhnen im Felde stehen. Aber sonst sind Unzählige gefallen, die man kennt, und viele, die uns nahe stehen. Am meisten erschüttert hat mich der Tod von Paul Mestverdt, dann Berni Weiß, Ewald Lüders, um nur diese Dir bekannten zu nennen. Ernst Welde scheint es glänzend zu gehen; er ist bei einem Brücken-Train und hatte, bis zur letzten Nachricht von ihm, immer Interessantes erlebt und gute Quartiere gehabt. Walter Groß stand bisher in Germersheim, kam gestern hier durch auf dem Weg nach Antwerpen. Fischler ist bei Kriegsbeginn begnadigt worden, hat überall versucht anzukommen, immer vergeblich und schwer demütigend für ihn, soll aber jetzt, wie wir von Frau Groß hören, in Magdeburg beim Gesundheitsamt tätig sein. Leider macht die Demokratisierung des Krieges vor ihm halt: ja, der Krieg ist für ihn besonders hart, da er ihm das Ausland verschließt. Ganz ohne Nachricht ist man natürlich von all den vielen Freunden im Ausland, ich denke nur an Stübel und all die vielen Leute, die ich in Hamburg ausgebildet habe. Wer wird davon noch leben?

Über die kriegerischen Ereignisse bist Du ja durch die Zeitungen orientiert, wenn Du überhaupt Post bekommst. Das große Ereignis der letzten Tage ist das langerwartete Eingreifen der Türkei, das sehr sorgfältig vorbereitet war. Es bedeutet für uns natürlich eine Entlastung und wirkt wie ein Fuß, mit dem der deutsche Recke nach unten austritt, während er seine beiden Arme gegen Osten und Westen nötig hat. Ich habe natürlich mancherlei über den Gegenstand geschrieben und mache den Versuch, Dir separat einiges zu schicken auf die Gefahr hin, daß es konfisziert wird; die deutsche Zensur hat es natürlich passiert. Übrigens ist unsere Zensur streng aber wohltätig. Dadurch, daß man die gegnerischen, teils unwahren, teils halbwahren, in Einzelfällen auch richtigen Siegesnachrichten hier unterdrückt, ist es gelungen, die allgemeine Stimmung hochzuhalten. Der wirklich gebildete und kritische Mensch hat ja doch Gelegenheit genug, unsere eigene Presse mit Hülfe der neutralen oder feindlichen zu korrigieren. Nun wirken diese ständigen Verunglimpfungen und Entstellungen des Tatbestandes, diese häßlichen Vergrößerungen von kleinen Wirklichkeiten auf die Dauer so deprimierend, daß man die Weisheit unserer Zensur dankbar anerkennen muß. Natürlich sickert, namentlich hier an der Grenze, doch mancherlei durch, was nicht in die Zeitungen kommt, und es ist kein Wunder, daß unter Millionen von Kämpfern auch einige Flaumacher sind. Und überhaupt die Flaumacher! Solche Leute sind gemeingefährlich. Man findet sie aber in allen Schichten. Die Gesamtstimmung ist namentlich bei allen Eingeweihten optimistisch. Der Rausch der ersten Wochen, nach dem es sich in Frankreich nur um einen militärischen Spaziergang zu handeln schien, ist verflogen. Man weiß genau, daß es noch harte Arbeit kosten wird; aber an dem endgültigen Erfolg zweifelt eigentlich niemand. Vor allem will man keinen faulen Frieden, sondern man will eine gründliche Abrechnung, selbst wenn es noch viel Blut kosten sollte. Der Haupthaß richtet sich begreiflicherweise gegen England, dessen Kriegsführung den wahren Charakter dieser Nation erschreckend aufgedeckt hat. Auch der kleinste Sieg über englische Truppen oder Schiffe wird mit größerem Jubel begrüßt, als wie ein drei- oder viermal so großer Sieg über andere Mächte. Auch draußen bei den Kämpfenden soll es ebenso sein.

Das britische Weltreich kracht in allen Fugen, und wenn es auch, wie ich glaube, den Krieg überlebt, so werden die Engländer noch Jahrzehnte an den Folgen zu tragen haben. Der eng-lischen Kriegsführung fehlt alle und jegliche Spur der Ritterlichkeit und der Moral. Dein Schwager hat über England und Deutschland ein Pamphlet verfaßt, das die Stimmung wohl richtig wiedergibt, aber mich im Übrigen doch ziemlich entsetzt hat.

Was nach dem Kriege werden soll, ist unausdenkbar. Jetzt fehlt uns ein Bismarck. Gottlob ist die Diskussion darüber in der Presse verboten. Natürlich wird alles von unseren Erfolgen abhängen. Die Neuordnung muß jedenfalls so erfolgen, daß ein neuer Krieg unmöglich ist. Ich würde gern einmal wieder ein paar Stunden gemütlich mit Dir kannegießern, aber brieflich hat das wenig Zweck. Ich bin für das große Ziel Bagdad-Berlin auf der Basis des Staatenbundes und des geschlossenen Wirtschaftsgebietes, dazu die bekannte Mittellinie durch Afrika. In Europa nur strategische Verbesserungen der Grenze. Um Gotteswillen nichts am Mittelmeer. Die Entscheidung wird ja wohl darin liegen, wie weit es uns gelingt, an England heranzukommen.

Nun noch ein paar Worte über uns. Wir sind in Bonn sehr glücklich. Es geht den Kindern gut. Walter entwickelt sich famos und wird ein heller Kopf, an dem ich täglich meine Freude habe. Hertha leistet bisher mehr im Physischen. Sie eine stramme, dralle Dirn, rosig und appetitlich und eine Musterschülerin. Auch der Jüngste macht uns keine Sorgen mehr. Er spricht noch sehr wenig, fängt aber an zu laufen. Bei meiner Mutter hatten wir im Frühjahr schwere Sorgen, doch ist es durch richtige Behandlung abermals zum Stillstand gekommen, und jetzt ist sie wieder schmerzfrei und von fast unbegrenzter Leistungsfähigkeit trotz ihrer bald 76 Jahre. Auch in Augsburg geht es gut. Ich selbst habe mich gesundheitlich im vergangenen Jahre ziemlich geplagt. Die schwere hamburgische Nervenabspannung hat mich während des ganzen ersten Bonner Jahres nicht verlassen und sich auf meinen schwachen Teil, Magen und Darm, geworfen, so daß ich wirklich über Gebühr geplagt war. Im Frühjahr war ich deshalb in einem Sanatorium in Meran, von wo wir Dir ja öfters schrieben. Man hat mich dort auf allgemeine Nervosität behandelt, ohne der Sache auf den Grund zu gehen. Ende des Sommer-semesters wurde mein Zustand so schlimm, daß ich Urlaub nehmen mußte und mich zu Krehl nach Heidelberg in die Klinik legte, um einmal genau feststellen zu lassen, ob sich nicht etwas Ernsteres hinter meinem unerträglichen Blähungs und Aufstoßerscheinungen verberge. Mit allen Chikanen der modernen Wissenschaft wurde ich untersucht und schließlich festgestellt, daß ich ein nervöses Darmleiden habe, das nicht schlimm aber sehr lästig sei und dem man nur auf psychischem Wege beikommen kann. Irgendwo mußte der Cirkulus vitiosus Darmerkrankung – Depressionen – Darmerkrankung unterbrochen werden. Das sollte unter Leitung von Fränkel geschehen. Da kam der Krieg. Es wurde natürlich nichts daraus; aber die große Tatsache des Krieges mit ihrer Ablenkung der Gedanken von dem kleinen Ich hatte im Zusammenhang mit dem nervenberuhigenden Entscheid Krehls eine sehr günstige Wirkung auf meinen Zustand, so daß ich mich jetzt zwar noch nicht wieder ganz gesund, aber doch erheblich besser fühle.

Ich habe diesen Brief in die Maschine diktiert, damit ihn der Zensor schneller lesen kann und Du Aussicht hast, ihn zu erhalten. Bleibe gesund und sei von uns allen aufs herzlichste gegrüßt. Hoffentlich dauert es nicht mehr zu lange, bis wir uns einmal wieder aussprechen können. Möge es uns bis dahin vergönnt gewesen sein, einen günstigen Frieden zu diktieren. (C.H.B.)

 

28. Ernst Eisenlohr an C.H.B. Loanda, 20.12.1914

(Schreibmaschinenmanuskript)

Lieber Carl,

mit Deinem ausführlichen Brief, dem orientierendsten, den ich bisher aus Europa bekommen habe, und mit den Drucksachen hast Du mich sehr erfreut. Besonders Deine Schriften haben mir gefallen, bis auf den Gedanken, die Russen durch einen gestärkten Tartarenstaat vom Schwarzen Meer abhalten zu wollen. Das würde ich für utopisch halten. Dagegen hat mir die Schrift von Dibelius über England, obwohl eine Menge Wissen darin leicht verdaulich gemacht ist, nicht eben imponiert.

Die Gedanken darüber, wie der Krieg voraussichtlich verlaufen wird , und was nachher wer-den soll, beschäftigen natürlich auch mich unablässig. Als Unterlagen habe ich die gleichen Nachrichten wie ihr, nur 1 bis 2 Monate später, mit Ausnahme der Reutertelegramme und der Depeschen des Britischen Ministers in Lissabon, Mentiroso Britanico, wie wir ihn hier nennen. Die Resultate, die man beim Frieden hereinbringen kann, bemessen sich selbstverständ-lich in erster Linie nach der Größe des errungenen kriegerischen Erfolges; und da glaube ich, daß wir mit unserem wohlorganisierten Zusammenhalten, mit unserer Volks- und Heeres-kraft in absehbarer Zeit dazu kommen, die französisch-englische Mauer zu durchbrechen und die Heere zu schlagen. Die Russen werden, wenn keine Revolution ausbricht, mit der zu rechnen unvorsichtig wäre, wohl in einem Zustand Prestige, Geld und Menschen seiner Kolonien zu verlieren. Dagegen können wir uns vorsehen durch Erwerb von Flottenstützpunkten und Kohlenstationen, die zugleich dazu dienen müssen, die Türme eines erdumspannenden Telefunkennetzes zu tragen; dazu brauchen wir Milliarden, um unsere Flotte zu vergrößern und leider auch vielleicht einen Stützpunkt an der belgischen Küste. Daran, daß es möglich wäre, die Engländer aus Ägypten hinauszuwerfen, bevor sie nicht völlig am Boden liegen, glaube ich nicht. Die Querlinie durch Afrika und den Schutz unserer wirtschaftlichen Interessen in Vorderasien halte auch ich für notwendig, letzteres aber in Formen, die die Territorialhoheit der Türken wahren und zugleich den wirtschaftlichen Interessensphären der anderen in Syrien usw. ein Ende setzt. In Europa so wenig Grenzänderungen wie nur irgend möglich; darin bin ich ganz mit Dir einig. Die Regelung dieser Dinge wird eine ungeheure Arbeit machen und sehr viel historisches Verständnis und politische Weisheit erfordern.

Mir geht es nicht besonders; meine Nerven sind durch Arbeit, Sorgen und unglaublich viel Ärger ziemlich heruntergekommen. Zudem wird es jetzt recht heiß. Persönlich – amtlich natürlich alles andere – habe ich keinen heißeren Wunsch, als daß Portugal endlich einmal der neutralen Haltung, die schon lange eher das Gegenteil ist, ein Ende machen und mich von diesem Posten und der sehr drückenden Isolierung erlösen möchten. Neulich gab es wieder einen Zwischenfall an der Südgrenze; und neulich wirklich einen sehr schlimmen. Vielleicht ist ihnen das als Vorwand recht, da sie ein neues, anscheinend ziemlich unselbständiges Ministerium haben.

Ich möchte in dieser Zeit endlich auch einmal Soldat sein dürfen.

Seid alle recht herzlich gegrüßt. Ernst

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