Polterabend von Sophie Andreae und Alexander Becker, 29. Juni 1905

Becker, C.H. Nachlass, Geheimes Staatsarchiv Berlin. Rep 92 Becker 8552
Frida und Alexander
Frida und Alexander
Polterabend
Polterabend-Programm

1. Ihr seht in mir den Telephon

Den Höhepunkt der Zivilisation
Ich will dem Spiegel seinen Rang nicht streiten
Dieweil er ja der Ältere von uns Beiden
Doch halte ich mich für viel interessanter …
Der Spiegel ist ja manches mal pikanter
Doch gebt Ihr mir wohl alle darin recht
Daß oftmals, was der Spiegel zeigt, nicht echt.
Es herrscht ja anderseits auch darin Klarheit
Daß auch das Telephon nicht immer hört die reine Wahrheit
Der Spiegel zeigt Euch aber nur die äußere Gestalt
Ich kenne nur den inneren Gehalt.
Und, daß der Schein trügt, das beweist genau
Der Alex hier und seine kleine Frau! …
Ich kenne dich mein liebes Kind schon lange
Und hoffentlich wird Dir gehörig bange
Denn wenn ich reden wollte, könnt ich ihm und Dir
Verderben noch das ganze Festplaisir
Ich glaube, daß in Dein vergangenes Leben
Wohl keinem größrer Einblick ward gegeben
Wie mir, denn Du hast viel durch mich gesprochen
Und manches hast in Deinem Leben Du verbrochen
Nach jenem Ball in Deiner Vaterstadt
Des Morgens bei mir angeklingelt hat
5007 bitte schnell
Ertönte Deine Stimme glockenhell.
Da wohnt die brave Helly Schmidt,
Der teiltest Du dann Deine Sünden mit.
Das war dann ein Gehetschel und Getratsch
Und ein Geschnatter und Geklatsch.
Herrgott, was hab ich da nicht all vernommen:
Es war um graue Haare zu bekommen.
Na, fürchte nicht, daß indiskret ich werde.
Es ist ja nichts vollkommen auf der Erde.
Dein Alex ist ja auch nicht grad ein Engel,
Er ist sogar ein ganz verflixter Bengel.
Und schließlich muß ich auch gestehn
Daß seit den Engel Du gesehn
Und auch seit er in Dich sich hat verliebt,
Es für Euch Beide wieder Hoffnung gibt.
Drum will auch ich Euch meinen Segen geben:
Ich wünsche Euch ein frohes langes Leben.
Euch Beide brauche ich wohl nicht mehr zu verbinden,
Ihr werdet Euch viel lieber ohne mich zusammen finden.
Und vor der Schwiegermutter in der Niederauen
Da brauch’s Euch gar nicht mehr zu grauen.
Wenn die Euch gar zu oft am Telefon will sprechen,
Dann werde ich ganz ruhig die Leitung unterbrechen.
Da klingelt’s … Ich muß fort! Seid’s immer froh mitsamt
Donnerwetter, ja ich komm ja schon! …
Hier Amt! …

2. Der Spiegel

Der Wahrheit Stempel
Der Bosheit Tempel
Der Eitelkeit Siegel …
Ich bin der Spiegel.

Der Spiegel ist, wie die Sprache sagt
Ein Mann – Gott sei es geklagt,
Und Weiber, seien’s auch noch tolle,
Die passen nicht für diese Rolle.
Der Mann sieht die Dinge tel quel, wie sie sind,
Die Weiber, wie Strauße, sie stellen sich blind
Und finden, daß des Spiegels Konterfei
Unvorteilhaft, zu wenig schmeichelhaft sei.
Was wollt Ihr aber, daß ich mache?
Bei mir ist Indiskretion Ehrensache
Und von dem vielen Umgang mit Frauen
Gewöhnt ich mich, nur auf das Ä u ß e r e zu schauen.
Doch keine Angst, vor der Tür da wartet schon
Was Euer Innres aufdeckt – das Telefon.

Zuerst seh ich natürlich die Toilett’,
Und gern bekenn ich: die ist wirklich ganz nett.
Überhaupt, mit Toiletten und Modesachen
Ist bei Dir mit Kritik nicht viel zu machen.
Denn außer Chic hast Du sogar Mut,
Denk nur an den berühmten „Babyhut“!
Bahnbrechend hast Du die Mode kreiert,
Noch von späten Kritikern wirst Du zitiert.
Seit lange Dich der Babyhut schützt,
Aber sprich: Hat er eigentlich genützt?
Der Augenschein gibt mir bedenken,
Das Weitere will ich mir – und Dir schenken.

Und unter dem Hute, da lodert’s und brennt’s
Wie Flammen des feurigen Elements;
Rötlich schimmert es durch die Nacht
Als Dich einst der Storch gebracht.
Und noch heut, daß man Dir die Wagnerschwärmerei glaubt
Trägst Du den „Feuerzauber“ gleich auf dem Haupt.
Stolz bist Du auf Deiner Schultern Breite,
Auf die 56 cm Taillenweite …
Von Neuem kann ich es froh bekennen:
Man muß Dich gut gewachsen nennen.
Was sind die Duncan, Saharet, Madeleine,
Wenn wir die Sophie Andreae sehn? …
Wenn sich die anderen quälen und schwitzen,
Da wo die Mütter als Drachenburg sitzen,
Schwebt sie, wenn sie der Alex führt,
Ohne daß sie den Boden berührt,
Weich, biegsam und doch wieder keck,
Kurz, mit so ’nem gewissen „avec“:
Die früheren Größen gehören zur Masse
Seit Sophie tanzt; denn sie tanzt „Klasse“.

Als Du, Jüngling, zuerst in mich geschaut,
Warst Du fröhlich noch ohne Braut,
Aber dafür mit sehr viel mehr Haar,
Was entschieden zu Deinem Vorteil war.
Entweder hast Du sehr viel gedacht,
Und nächtelang über den Büchern gewacht;
Oder Du hast bei Austern, Sekt und Kaviar
Verschlemmt und verloren Dein üppig Haar.
Oder wär’s in des Sommers Hitze
Die schwere 17er Husarenmütze?
Oder kommt’s gar vom Cigarettenqualmen
Schon rauscht es in den letzten Schachtelhalmen
Und verdächtig leuchtig das Meer …
Bald gibt es keine Schachtelhalme mehr.
Und hell erglänzt an ihrem Platze
Das unbegrenzte Meer der Glatze.
Bei Herren und Damen
Mit griechischen Namen
Gehört griechisch Profil,
So will es der Styl.
Zuweilen aber zeigt sich auch,
Daß Namen sind bloß Schall und Rauch.
Denn wie Euer edles Beispiel lehrt:
Ein griechisch Profil ward Euch nicht beschert.

Noch manches voll Bosheit wollt‘ ich hier sagen,
Aber die Zensur der Frau Generalkonsul hat’s unterschlagen.
Sie erschrak über die Wahrheit in meinem Munde
Und wollt mich zerschlagen noch in letzter Stunde.
Ich kam davon mit dem bloßen Schreck,
Sie aber hat ein verstauchtes Handgelenk weg.
Und die Moral von der Geschicht‘:
Man ärgere sich über des Spiegels Wahrheit nicht.
Nein, vielmehr wünsch ich Sophie und Alexandern:
Seid ehrliche Spiegel einer dem andern.

3.

Frau Eckert:
Gott verdeppel Frau Hüter, so a Geschicht is mer wer noch gar net vorgekomme obgleich ich bald 20 Jahr in de erste Häuser von Frankfort herumkomme bin un doch schon manches gehört hab wie es sich denke kenne.

Frau Hüter:
Was is denn los Frau Eckart?

Eckert:
Was los is? Mischucke sein se all mitnanner, die Mädercher von ganz Frankfort … Alle wolle se heirate un all uff ein Dag … all uff de erste Juli … stelle se sich so was vor.

Hüter:
Wo haw se dann des her?

Eckert:
Sie wisse doch, ich komm regelmäßig in die Niedenau … zu Andreaes mer heest’s ins klaane Conservatorium, weil früher nie weniger als uff 5 Instrumente Musik gemacht worn is … da haw ich’s gestern von der Köchin gehört.

Hüter:
Hi, in des Haus komm ich ja auch regelmäßig alle Woch 2 mal mit meim Geflügel … es is doch da, wo die klaa wuschlig Rot mit dem Becker verlobt is?

Eckert:
Ganz recht! Also heern se zu. Partu wolle se all uff de erste Juli heirate. Die beste Worte hat mer’n gewe awer kaans läßt sich davon abbringe. Ei, wann der lang Albert … sie wisse ja, der Baron von Königstein sich net mit seiner ganze Läng derzwische gelegt hätt … so hätt es die Lina, sei Dochter, auch noch durchgedrückt, daß se uff de erste Juli ihr Pistörche geheirat hätt.

Hüter:
Ei, krie die Kronk Offebach! So ebbes is ja noch gar net dagewese.

Eckert:
Ich möchte nur wissen, wa se all an dem erste Juli hawe?

Hüter:
Des will ich Ihne sage: Die von Deneufville über der Manbrück die hätt gesagt, der Dag deht ihr so gut gefalle, weil’s grad mitte im Jahr wär … sie meint des deht Glück bringe. Der lange Becker, der alles vom musikalischen Standpunkt aus betracht, läßt sich auch net davon abbringe, weil er behaupt, der Richard Wagner, hätt an dem Tag die Wacht am Rhein, oder sonst e Stück komponirt. Die Sophie oder – wie er sagt – des Zöfche aus dem Conservatorium, die meent widder mer sollt nix aufschiewe … je eher je lieber, denn wenn die Hundstag anfange, da wollte se schon bei de Eisbärn in Norwege sei.

Eckert:
Die Geschicht kennt mer wahrhaftig in die Kreppelzeitung setze. Schad, daß der alt Stolze net mer lebt!

Hüter:
Überhaupt in der Niedenau da haw ich schon was haamlich gelacht, sollte sie es vor möglich halte, daß die klaa Rot noch net emal en Krammetsvogel von ere junge Gans unnerscheide kann … ja … wenn mer uff dene Viecher Klavier spiele kennt, … so wär das schon mehr ihr Fall.

Eckert:
Des is noch gar nix. Von Gemies versteht se so viel wie die Kuh vom Sonntag, se kimmt mer vor wie der Hampelmann. Vom grünen Gemies kennt se nur Rotkraut und Gelberübe, awer auch die kennt se noch net emal von enanner unnerscheide, wenn’s net von weg der Farb wär. Kürzlich hätt se sich so geschämt, daß sich der lange Becker ins Mittel gelegt hätt. Wisse se was er jetz duht? Er fährt Nachmittags in eme große Wage durch die Sachsehäuser Gemüsfelder de Hasepfad eruff un erunner un zeigt er alles aus der Kutsch eraus, damit se wenigstens eh’ se heirat die Spargel vom Spinat unnerscheide kann.

Hüter:
No, begreift se’s dann jetzt?

Eckert:
Beileibe net! An dere is Hoppe und Malz verlorn! … Er hat ihr ausdrücklich gesagt, daß Spargel nur in dene Häufelcher wachse, daß mer se awer oft net sehe kennt. Jetzt meent des dumme Oos, wo se e Häufele sieht, müßte Spargel drin stecke.

Hüter:
Das gibt e Kundschaft, die misse mer uns warm halte, ich habb auch gehört, sie wollte von Andreaes die alt Köchin mit erüber nemme, sie wisse ja, die ich so gut kenn?

Eckert:
Daß err euch nur net verguckt, des Vergnüge für uns wird net lang anhalte. Der lang Becker is ärger, wie e Dutzend Hausfrauen zusammen, der guckt durch en Doppeldiel durch und durch bis hinne widder, – ich fercht, die wern mer net lang roppe kenne. Wisse se , der is in Gelnhause groß worn. Beim nix un beim Bettche dagege läßt sich halt net ankomme. Die Späß hörn für uns von selbst bald uff.Na hoffe mer das beste!

Hüter:
Awer die Affenkomödie mit dene Brautbesuche, die hätte se seh solle. Zweine Wage mit guillotinirte Bediente sin drei Dag lang in der Stadt erum gefahrn. Karte sin in der Luft erumgefloge wie e Kett Hühner. Awer e Brautpaar wa überhaupt net drinn.

Eckert:
Ei wer denn? (Spricht ihr leise ins Ohr)

Hüter:
Ich soll’s ja eigentlich gar net verrate … Während die Lina in Königstein und die Sophieche in Gelnhause sich hawe die Kur schneide lasse, sin die Schwestern, die Wally und Karola mit der Kutsch in Frankfort erum gesegelt (Spricht ihr wieder leise ins Ohr), einmal meint ich sogar, ich hätt die dick Frau Andreae selbst in der Kutsch gesehen, wie se sich mit aller Gewalt ins Eck gedrückt hätt (lacht furchtbar). Beschwörn will ich’s net, ich kann mich auch geirrt hawe.

Eckert:
No jetzt mache se nor, daß se in ihr Kundschaft komme, denn dem viele Gebabbel kimmt doch nix eraus.

4. Was machen wir am Polterabend?

Personen:

H: Fräulein Helly Schmidt – mit natürlicher Anmut

M: Richard Merten – mit angeborener Frechheit

A: Theo Andreae – mit natürlichem Phlegma

B: C.H. Becker – etwas philisterhaft

H.M.A. sitzen zusammen. B., begrüßt alle.

H.
Guten Tag! Das ist ja nett, daß Sie extra aus Heidelberg herkommen, jetzt können wir endlich einmal definitiv über den Polterabend einigen. Nehmen Sie eine Cigarette?

B.
Danke gern. Sehen Sie, der Alex ist ein unglaublicher Frechdachs. Angst davor, daß wir ihm auf dem Polterabend recht mitnehmen hat er gar keine, wohl aber, daß wir’s nicht schön genug machen. Er kann sich’s gar nicht vorstellen, daß so etwas mal ohne seine Mitwirkung von Stapel läuft.

A.
Die Sophie ist übrigens grad so; freilich ist es ja noch nie ohne die Beiden gegangen. Wenn die zwei sich hinstellen, so ist’s von vornherein ein Tingeltangel.

M.
Und was für eins.

B.
Heute morgen sagte mir z.B. der Alex: das machst Du alles ganz unpraktisch. Du bestellst Dir den Ricard und den Theo zur Helly und dann macht Ihr’s zusammen.

H.
Also dem Alex habe ich Ihren Besuch zu verdanken.

B.
Seiner Angst, daß es sonst vielleicht nicht schön genug würde.

A.
Hat er Ihnen nicht gleich ein fertiges Manuskript gegeben, worin er sich über Sophie und sich selbst lustig macht? Das wäre am Ende ein ganz moderner Gedanke. Das Brautpaar gegenein-ander zu hetzen. Da könnten wir unsere Witze sparen.

B.
Ja, die Frau Generalkonsul meinte sogar, eigentlich könnten Sophie und Alex zusammen musizieren, da machte den Gästen doch noch mehr Spaß als alles andere …

M.
Es ist halt ne eitle Frau. Die Frau Generalkonsul. Wie sagte sie noch neulich? Mein ältester Sohn, der „Herr“ Landrat, mein anderer Sohn der Privatdozent, mein dritter Sohn, der singt aber schön.

H.
Aber Richard, wie frech, das sagt man doch nicht!

B.
Bitte, hier wird nicht übel genommen.

M.
Doch, wenn man keine Cigaretten kriegt.

H.
Na, die hättest du dir doch auch selbst nehmen können!. Du bist doch sonst nicht so!

B.
Na bitte zur Sache. Sie sollen schon so etwas schönes vorbereitet haben, sagt mir der Schwiegervater.

H.
Ja, Richard. Morgen um drei sollst Du zur Klinkhammer kommen.

B.
Sie sollen doch nicht etwa die Jungfrau von Orleans aufführen? Das ist doch für ne Hochzeit keine ganz geeignete Sache.

M.
Da wäre der gläserne Pantoffel oder der Kampf mit dem Drachen schon eher am Platze.

H.
Ja, was sollen wir dann sonst? Sie ahnen gar nicht, wie wenig wir schauspielern können.

M.
Helly, ich seh Dich schon mit erhabener Geste:

Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften.
Leb wohl Du grüne Niedenau,
die Sophie geht, sie schwebt schon in den Lüften
und wird jetzt Alexanders Frau.

A.
Au wie mau!

B.
Kullussal, wird die Sophie sagen

A.
Also, die Jungfrau von Orleans und die Klinkhammer sind durch gefallen.

B.
Bitte weiter, andere Vorschläge!

H.
Aber ich bitte Sie, wir haben doch schon alles mit der Klinkhammer ausgemacht, und die Fräulein Fuchs, die spielt doch so schön.

A.
Ja, die ginge sogar am liebsten auf die Bühne.

M.
Aber wir können doch nicht der Frl. Fuchs zu Ehren die Jungfrau von Orleans aufführen.

H.
Aber die Sophie will doch durchaus ein Stück haben und die Mutter Andreae, die gewöhnlich den Nagel auf den Kopf trifft, hat gemeint, man solle den sechsten Sinn von Moser nehmen! Denn etwas passenderes könnte man für den Alex gar nicht finden.

P.
Ach Gott, wenn die Weiber nur nicht immer so verrückte Wünsche hätten. Muß es denn durchaus ein gedrucktes Stück sein.

H.
Sie wollen doch nicht etwa selbst eins machen?

M.
Na, etwas was so gut auf ne Hochzeit paßt, wie die Jungfrau von Orleans, das kriegen wir vielleicht auch noch fertig, namentlich jetzt im Schillerjahr

B.
Wir könnten z.B. einige Weisheiten der Völker über die Frau zusammenstellen. Ich hab mal Kolleg über die Frau im Islam gelesen. Schon Seneca spricht vom animal impudenz. Schopenhauer nennt die Weiber Kühe. Von Nietzsche will ich gar nicht reden. Aber z.B. der Talmud.

H.
Talmud habe ich ja noch gar nicht gehört. Kann man das essen? Ich glaub, das ist das was man hier Glunscher nennt.

M.
Ach so.

B.
Im Talmud steht z.B. wenn die Weiber reden, reden sie nur von der Wirtschaft.

M.
Man denke sich die Sophie 5 Minuten von Wirtschaft reden. Ich glaube eher, daß der Alex den ganzen Tag von dere Wirtschaft reden wird.

A.
Das kann freilich ein netter Betrieb werden. Sie haben schon Einladungskarten drucken lassen: Herr und Frau Privatsekretär, Referendar und Leutnant der Reserve Becker beehren sich zu Handkäs mit Musik einzuladen.

B.
So kommen wir nicht weiter. Seid doch einmal nen Moment still, denken wir nach.

*** Pause ***

M.
Wissen Sie, zu geistreich darf’s auch nicht sein, sonst kapieren es die Frankfurter nicht.

H.
Viel Fremdwörter dürfen auch nicht drin vorkommen.

A.
Das wird nix ausmachen, die nachprüfende Schwiegermutter ist ja nicht da. Könnte mer die Sophie mit dem Brendelsche Schnut vergleiche?

B.
Das wär am End was för die Frankforter.

H.
Aber ich bitt Sie, bei all den Andreaes ihre vornehme Verwandtschaft: Was würde dazu die Comtess Esterhazy mit der blauen Jardinière sage!

M.
Ihr habt ja en echte Korvettenkapitän eingelade. Son großes Tier von der Botschaft in London.

B.
Ja, der kommt auch und bringt sei fashionable Tennis spielende Gattin mit.

H.
… und die Lili (Andreae) kommt auch, die prinzipiell nur mit Kronprinzen verkehrt.

A.
… und auch der Onkel Jean zieht sogar des Band von seim portugiesischen Großkreuz an.
Ja, bei einer so vornehmen Gesellschaft …

H.
Sie haben recht: es geht mit dem Brendelschen Schnut ebenso wenig, wie mit der Jungfrau von Orleans.

B.
Wir wollen lieber mal erst uns darüber klar werden: wer kann mitspielen?

M.
Die Helly gewiß nicht, die hat keine Ahnung.

H.
Richard, was fällt Dir ein?

Kleine Zankszene zwischen den beiden

B.
Bitte Herr Merten, spielen Sie nur so wie Sie sin, das is frech genug. Bitte weiter.

A.
Die Rola …

B.
Ich meine, man läßt die Rola als Bub auftreten – das macht Effekt und zieht immer.

H.
… zum B. als Amor.

M.
Dann muß sie aber hochdeutsch reden.

A.
Da lacht sich alles schief und krumm.

H.
Auch ihre Schwägerin, die Frau Landrat.

B.
Die spielt aber nur kokette Rollen: die aber hat se los.

M.
Was sagt denn der dicke Herr Landrat dazu?

B.
Der wacht als Auge des Gesetzes über ihr.

M.
Der Erfolg scheint mir fraglich.

A.
Der Emmo Crevenna könnte auch mitspielen.

B.
Der ist viel zu würdig. So kindisches Zeug macht DER nicht mit.

A.
Dann noch eher der Bär, der ist immer dabei, wenn geknutscht wird. Denn das ist doch immer en hübscher Anblick. Un Ihr Bruder Alfred.

M.
Um Gotteswillen, der ist Familienvater, der muß sein Baby stillen.

A.
Un der Robert Sommerhoff?

M.
Der redet jetzt nur noch englisch. Un wer kein Frankfurter Mädchen nimmt, der wird von vorneherein nicht zugelasse.

B.
Mit dem Lokalpatriotismus wird man auskommen müssen (handschriftlich, z.T unleserlich). Mir graut überhaupt ein bißchen – verzeihen Sie – vor all den Andreaes.

A.
Einzeln lassen sie sich gefalle, wenn se aber wie die Heuschrecken auftreten …

B.
Wie solle mer so verwöhnte und anspruchsvolle Leut zufriddestelle?

H.
Geben se dene nur gut zu essen und zu trinke, so sin se schon zufrieden.

B.
So sind die wirklich so materiell? Dann paßt Alex ja großartig hinein.

M.
Ich muß immer noch an den Andreaesche Familientag denken – da hat die ganze Fremdenlog nach Alkohol gerochen.

H.
Ja, son bischen materiell ist die Sophie ja auch: Wermut, das liebt sie, es ist köstlich. Und erst Aniset…

A.
Das tollste ist, daß die Sophie gar keinen zugesteckt hat. (handschriftl. Zusatz, unleserlich)

B.
Ich glaube, das liegt in der Familie. Ich war in Losann, wie se in Frankfurt sage, mit dem Knopp zusammen. Das hat den Bär und mich den Tag e Kist englische Biscuit gekost. Der Knopp hat nie was übrig gelasse. Schließlich hat der Bär die gut Idee gehabt, immer nur 5 Biscuit liege zu lasse, und wenn wir den Knopp pfeifen hörten, haben wir den Rest versteckt.

M.
Und wie materiell muß erst der Schwiegervater sein, der bei allem, was auf den Tisch kommt, immer AH ruft.

B.
Der Alex paßt großartig in die Familie, der redet nie von etwas anderem, als vom Essen: Wie war noch das berühmte Menü bei dem Junggesellenessen im Falstaff? Rühreier von Kibitzei mit Nachtigallenzungen, Sauerkraut in Pommery gekocht, Seezungen auf Spinat.. Der Frau Generalkonsul haben jedes mal die Haare zu Berge gestanden.

M.
Muß das aber schön ausgesehen haben.

A.
Und das Stück? …

B.
Mein Gott, wie weit sind wir davon abgekommen. Es ist mir immer klar gewesen: An Stoff wird es uns nicht fehlen, wir ersticken ja darin; an Schauspielern auch nicht, aber an der Leitung.

H.
Die große Klinkhammer haben Sie abgelehnt.

M.
Die große Duse und die große Saharet werden auch schwer zu haben sein. Aber wen nannte Alex noch neulich?

A.
Die große Emma.

Alle
Und wie soll das Stück heißen?

B.
Der Privatsekretär des Herrn Merten.

A.
Das geht nicht, denn sonst fühlt sich die ganze Stadt Frankfurt betroffen.

M.
Und am Ende schnappt der alte Merten ein.

B.
Ja, mit dem Einschnappen ist das überhaupt so ne Sache.

H.
Hört mal! Könnten mer nicht die Pfingsttour hereinbringen? Wo der Alex mit der Sophie erst nachts um 1 Uhr von Gelnhausen zurückgekommen ist? Da war se aber bös, die dicke Mama.

A.
Der Alex hat auch uff den schwiegermütterlichen Rüffel noch 3 Tag gezittert wie Espenlaub.

M.
Und dabei ist der Alex doch selbst so ein Zorngickel, der bei allem das Gegenteil behaupten muß.

B.
Hat die arm Emma Bergmann mit dem was auszustehen gehabt.

M.
Das Temperament stammt offenbar von der Frau Generalkonsul.

B.
Ich finde die Sache bedenklich.

H.
Mir lassens lieber ganz.

M.
Irgendwelche gibt’s ja immer, die ihre Verse nicht bei sich behalten können. Wenn z.B. der Papa Andreae mal aufgezogen ist, dann hört er nicht so bald auf..

B.
Ich hab gehört, gestern Nacht sei er plötzlich um zwei Uhr aufgewacht und hätte sei Frau gefragt, ob sie nicht son Dinge … ein Bleistift hat er nämlich gemeint, bei sich hätt, es wärn em grad so e paar gut Vers für en Polterabend eingefalle.

M.
Na wenn’s gar net langt, da muss halt das Brautpaar selbst herhalten.

B.
An MEINEM Polterabend in Augsburg haben die übrigens auch nichts aufgeführt.

M.
Da haben se aber zwei mal 24 Stund das Augsburger Patriziergesicht gemacht, und das ist ihnen schwerer gefallen wie alle Aufführung.

H.
Also, wir lassens bleiben.
Alles Liebe Gut, lassen wir’s bleiben.

M.
Und geben wir uns das Wort, für alles hier Gesprochene: Diskretion Ehrensache.

Alle:
Gewiß, das kleine Ginnheimer Ehrenwort.

Ein Gedanke zu „Polterabend von Sophie Andreae und Alexander Becker, 29. Juni 1905

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